Billy Plimpton startet durch - Helen Rutter - E-Book

Billy Plimpton startet durch E-Book

Helen Rutter

0,0
13,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Billy Plimpton ist zurück! Billy kann es kaum glauben: nach seinem erfolgreichen Auftritt beim Talentwettbewerb wird der berühmte Komiker Leo Leggett auf ihn aufmerksam und verbreitet ein Video von Billys Stand-Up Nummer im Internet. Billy wird plötzlich zum bekanntesten Jungen des Landes. Als er dann auch noch in seiner Lieblingssendung auftreten darf, schwebt Billy im siebten Himmel. Doch dann kommen Leos wahre Motive zum Vorschein: er stellt Billy vor laufender Kamera bloß. Aber Billy lässt sich nicht unterkriegen und schmiedet einen Plan, um es allen zu beweisen!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Helen Rutter

Billy Plimpton startet durch

Deutsche Erstausgabe

© Atrium Verlag AG, Zürich, 2025

Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel The Funniest Boy In The World bei Scholastic Children’s Books, London.

Text © Helen Rutter, 2023

Aus dem Englischen von Henning Ahrens

Lektorat: Johanna Schwering

Coverillustration: Regina Kehn

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.

 

ISBN978-3-03792-237-8

 

www.atrium-verlag.com

www.instagram.com/atrium_kinderbuch_verlag

Für den siebenundsechzigsten Rob.

Den lustigsten Jungen meiner Welt.

Eins

Was geschah mit dem Komiker, als er vom Tiger gefressen wurde?

Er fühlte sich total komisch.

Wenn ich meine Augen schließe, bin ich sofort wieder dort und sehe die lachenden Gesichter; die Leute jubeln und rufen meinen Namen, Lachtränen laufen über ihre Wangen. Ich kann die Samtvorhänge spüren, höre das Rascheln der Naschtüten und den Applaus. Der Applaus war das Beste. Mir schwirrte der Kopf, mein Gesicht fühlte sich ganz taub an, und meine Hände kribbelten wie irre. All das will ich nochmal erleben. APPLAUS. Ich scheine ihn zu BRAUCHEN. Jeder braucht Luft und Wasser zum Leben – ich brauche auch Lachen.

Mindestens einmal pro Woche träume ich vom vorweihnachtlichen Talentwettbewerb, obwohl er schon Monate zurückliegt. Nach so einem Traum fühle ich mich morgens immer super. Ich stehe pfeifend auf und versuche erst gar nicht, meine kleine Schwester Chloe zu ärgern, indem ich eine Wand aus Cornflakes-Packungen zwischen uns baue oder ihr sage, Ponys seien fiese Biester.

Letzte Nacht habe ich leider nicht vom Talentwettbewerb geträumt. Deshalb stand die Mauer aus Schachteln beim Frühstück unverrückbar an ihrem Platz, obwohl Chloe hinter der Weetabix-Packung stöhnte.

Letzte Nacht hatte ich einen blöden Traum: Das Baby kam wieder darin vor. Dieses Mal war es riesig, hatte einen Schnuller im Mund und jagte mich durch einen stockdunklen Wald.

Das Baby nervt, obwohl es noch gar nicht da ist. Es bringt Mum ständig zum Weinen. Als ich gestern ins Wohnzimmer kam, heulte sie während einer Sendung über Traumhäuser. Ich weiß echt nicht, wieso man heulen muss, wenn sich irgendwelche Leute ein superteures Haus kaufen.

»Entschuldige, Schatz, die Hormone – es ist das Baby«, sagte Mum und betatschte ihren Riesenbauch, als wäre das eine Erklärung für alles. Jedes Mal, wenn sie weint oder schreit oder so heftig lachen muss, dass sie sich fast in die Hose pinkelt, sagt sie das. »Es ist das Baby.«

Und jetzt ist sie schon wieder schräg drauf. Ich helfe ihr, das Zimmer des Babys zu streichen, und sehe, wie Tränen über ihre Wangen rollen, während wir den Wänden den zweiten gelben Anstrich verpassen. Wer weiß, was diesmal der Auslöser ist.

Ich helfe ihr nur, weil sie mir fünf Pfund versprochen hat und weil sie sonst bestimmt geflennt hätte. Anfangs war es lustig; wir hörten laut Musik, und ich durfte meinen Namen auf eine Wand pinseln. Danach malte ich ein Wandbild der ganzen Familie, auf dem ich Mum als riesengroßen Beachball mit winzigem Kopf darstellte. Ich fand das witzig, aber sie war sauer und stellte die Musik aus. Jetzt streichen wir ganz ohne Musik. Es ist total öde, und der Fünfer reißt die Sache auch nicht raus.

Wenn Mum und Dad mir Comedy-Auftritte erlauben würden, könnte ich selbst Geld verdienen. Dann wäre ich längst berühmt. Ich hätte die idiotische gelbe Farbe bezahlen können und einen Maler noch dazu. Sie kapieren nicht, dass ich meine Comedy-Karriere aufbauen müsste, anstatt mein Gesicht mit »Pantofle-Gelb« zu bekleckern.

Wenn ihr mich fragt, ist »Pantofle« ein idiotischer Name für eine Farbe. Alle Farben, die Mum und Dad in Erwägung gezogen haben, trugen superidiotische Namen wie »Pavian-Atem« oder »Blasser Hund« – wer denkt sich solchen Schwachsinn aus? Ich nehme an, Pavian-Atem ist so durchsichtig wie jeder Atem, allerdings erklärt der Farben-Hersteller, der Ton sei einen Hauch heller als »Mäuse-Atem« – noch so eine bekloppte Farbe. Und wie soll man sich eine Farbe namens »Blasser Hund« vorstellen? Das ist doch hirnrissig. »Blassbrauner Hund«, ja, okay, das würde einleuchten, aber »Blasser Hund« sagt mir rein gar nichts.

Ich fragte Mum, was ein »Pantofle« sei, aber sie wusste es nicht, also googelte ich das Wort. Es ist schlicht ein Pantoffel, und der muss ja nicht unbedingt gelb sein, oder? Die Leute, die sich diese Namen ausdenken, lachen sich bestimmt scheckig darüber, dass sie mit diesem Blödsinn durchkommen. So wie Harry Wilson, der das Wort »Anchovi« fünf Mal in den Hausaufgaben unterbrachte, um zu schauen, ob es den Lehrern auffallen würde. Es fiel ihnen nicht auf. Er bekam einen Smiley-Stempel und zwei grüne Häkchen, und ich begann mich zu fragen, ob sich die Lehrer überhaupt die Mühe machen, unsere Hausaufgaben zu lesen.

Ich habe die dämlichsten Farbennamen aufgelistet und an meine Pinnwand geheftet. Hier die jetzigen Top Drei:

Kohl-Braun. Kohl ist eindeutig nicht braun, ich habe es nachgeprüft. Außer, er gammelt. Aber wer möchte schon vergammelten Kohl an den Wänden haben?

Toter Dorsch. Ich kann nur hoffen, dass bei der Herstellung dieser Farbe keine Fische zu Schaden gekommen sind.

Erikas Erröten. Wer bitte ist Erika, und was zum Teufel hat sie angestellt?

Ein Farbklecks spritzt vom Pinsel und klatscht auf meine Nase. Was für eine Zeitverschwendung. Ich sollte auftreten, anstatt Farbe aufzutragen!

Nach dem Talentwettbewerb und dem Nachrichten-Interview erhielt ich jede Menge Angebote: Auftritte in echten Comedy Clubs, im Fernsehen und so, aber bevor ich zusagen konnte, wollten Mum und Dad »erstmal in Ruhe darüber reden«.

Ich weiß genau, dass es nichts Gutes bedeutet, wenn sie in Ruhe mit mir reden wollen. Es bedeutet, dass sie Nein sagen, nur dass vorher endlos darüber gequatscht wird. So war es, als sie mir einen eigenen Fernseher verweigerten; so war es, als ich nicht mit Alex zur Laserquest durfte, weil es angeblich in einem »unsicheren« Viertel stattgefunden hat; so war es, als ich mit Chloe die traditionelle Ostereier-Suche absolvieren MUSSTE, anstatt vom Osterhasen einfach Geld zu kassieren. Über all das wurde erstmal »in Ruhe geredet«, und immer hieß es am Ende Nein.

So war es auch bei dem Gespräch über meine Auftritte.

»Wir haben darüber gesprochen, Billy, und wir denken, es würde dich zu stark ablenken, immerhin ist es dein erstes Jahr auf der High School. Du darfst keinen Unterricht versäumen, weil du Interviews gibst oder nach einem Auftritt zu spät ins Bett kommst, das wäre unvernünftig.«

»Ein K-K-Komiker zu sein, hat nichts mit Vernunft zu tun. Das besagt doch schon der N-N-Name, Mum … Komiker. Jemand, der Leute zum Lachen bringt, und n-n-nicht jemand, der vernünftig ist.«

»Du bist ein zwölfjähriger Schüler, Billy. Kein Komiker.«

»Ich bin ein zwölfjähriger Schüler-Komiker! Das ist mein Ding, mein Alleinstellungsmerkmal, mein Kennzeichen. Deshalb melden sich Journalisten, deshalb kriege ich Auftrittsangebote! Ich muss die Chance ergreifen und zu einer Marke w-w-werden.«

»Schön, du kannst ja gern während der Sommerferien ›zu einer Marke werden‹. Bis dahin bist du ein ganz normaler Schüler.«

»A-a-aber …«

»Keine Widerrede, Billy. Es wird nicht wieder diskutiert. Wir freuen uns, dass du selbstbewusster geworden bist. Du kannst an der Bannerdale an allen Talentwettbewerben und Theateraufführungen teilnehmen, kein Problem. Aber alles andere muss bis zu den Ferien warten. Es sind ja nur ein paar Monate.«

Meine Eltern waren einfach zu blöd. Sie glaubten ernsthaft, bei einer Aufführung der Theater-AG auf der Bühne herumzuhampeln, wäre das Gleiche wie ein Auftritt als Komiker. Ein schwerer Irrtum. Sehe ich so aus, als würde es mich interessieren, irgendwelche affigen Tanzeinlagen aus irgendwelchen Musicals aufzuführen? Ich wollte mehr als Schultheater. Ich wollte ein echter Komiker auf einer echten Bühne sein.

Natürlich konnte ich sie nicht umstimmen und musste ein paar stinklangweilige Monate lang Däumchen drehen – aber jetzt steht der Sommer, in dem ich als Komiker auftreten werde, kurz bevor. Und ich werde mit einem Knalleffekt starten. In knapp zwei Wochen habe ich meinen ersten richtigen Stand-up-Auftritt.

Alles begann, als ich letzte Woche auf dem Rückweg von Mrs Gibbens, der alten Dame, die ich im Seniorenheim besuche, am King’s Head vorbeikam. Ich hatte dem Pub nie Aufmerksamkeit geschenkt, höchstens mal ein paar auf dem Bürgersteig liegende Flaschen oder herumstehende Raucher umgehen müssen. Nun stand da jemand auf einer Leiter und hängte ein großes Schild auf. Angeblich muss man die Augen offen halten, wenn man es im Leben zu etwas bringen will. Tja, bei der Gelegenheit waren meine Augen zum Glück ganz weit geöffnet!

Comedy Night

 

Jeden ersten Freitag im Monat

Zu Hause schrieb ich sofort eine E-Mail und fragte, ob ich auftreten könnte. Einen Link zu der Aufzeichnung meines Auftritts bei der Talentshow schickte ich gleich mit, und noch am gleichen Abend wurde mir für den nächsten Monat ein »open spot« angeboten. Ich schlug den Begriff nach. Ein »open spot« ist ein kurzer, unbezahlter Auftritt als Komiker.

Offenbar dürfen sich Kinder ab einundzwanzig Uhr nicht mehr in einem Pub aufhalten, deshalb werde ich als Erster auftreten und dann nach Hause gehen. Außerdem muss ich einen Erwachsenen mitbringen, Dad kommt also mit. Mum liegt zu der Zeit längst im Bett. »Es ist das Baby.«

Aber erstmal haben Mum und Dad natürlich Nein gesagt.

»Dieses schmierige Pub wirst du auf keinen Fall betreten, Billy.«

Aber ich war fest entschlossen, endlich meine Karriere zu starten. Dieser Auftritt wäre der ideale Auftakt meines Sommers als Komiker. Außerdem begannen die Ferien in etwa einem Monat, im Unterricht lief sowieso nicht mehr viel. Ich bemühte mich, einen möglichst überzeugenden Brief zu schreiben:

Liebe Mum und lieber Dad,

 

wie ihr wisst, träume ich schon lange davon, ein professioneller Komiker zu sein. Um das zu schaffen, muss man hart arbeiten und sehr diszipliniert sein. Ich habe mich der Herausforderung gestellt, trotz meines Stotterns vor einem Publikum zu stehen. Ohne eure Unterstützung hätte ich das nie geschafft, aber jetzt müsst ihr mir erlauben, meine Flügel auszubreiten und in die Welt der Komiker zu fliegen.

 

Der Auftritt findet Freitagabend statt – am nächsten Tag ist KEINE Schule. Um einundzwanzig Uhr werde ich fertig sein, also nicht zu spät ins Bett kommen. Und du hättest einen Abend im Pub, Dad!

In den Ferien möchte ich mich als Komiker erproben, das wäre also ein super Auftakt und würde mein Selbstbewusstsein weiter stärken, und solltet ihr es nicht erlauben, dann wäre ich zu Hause ein mies gelaunter Stinkstiefel – FÜR IMMER.

 

Also bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte mit einer Kirsche obendrauf, sagt Ja.

 

Ich liebe euch so sehr.

 

Euer wunderbarer, zuckersüßer, inspirierender, erstaunlicher und unfassbar witziger Sohn

 

Billy

Das hat sie zum Glück überzeugt! Ich brenne vor Ungeduld. Das Publikum, das Lachen, der Applaus und ich mittendrin!

Von meinem Pinsel tropft Farbe auf meinen nackten Fuß, und das holt mich in die Realität zurück. Mum legt ihren Pinsel seufzend ab und geht auf Klo – zum fünften Mal in einer Stunde, ich habe mitgezählt. Babys verwandeln Mütter nicht nur in emotionale Wracks, sie scheinen auch dafür zu sorgen, dass sie sich fast in die Hose pinkeln.

Ich schaue in den Spiegel, der an der Wiege lehnt, und male mir ein weiteres Mal meinen ersten Auftritt des Sommers aus. Ich hebe den Pinsel vor meinen Mund.

»Hallo, meine Damen und Herren. G-g-guten Abend alle zusammen. Bitte begrüßen Sie auf der Bühne den einmaligen und einzig wahren, den besten – den einzigen – Schüler-Komiker, den die Welt je gekannt hat … B-B-Billy Plimpton!«

Ich schließe die Augen. Der Raum ist rappelvoll, das Publikum hängt mir an den Lippen; Leute halten sich den Bauch vor Lachen und rufen meinen Namen. Auf dem Weg aus dem Pub beschützen mich Bodyguards vor meinen Fans, die mich vergöttern und ihre Hände nach mir recken.

Ich habe die E-Mail vom Pub mindestens hundert Mal gelesen. Ich kenne sie auswendig. Da steht, der Raum biete hundert Leuten Platz (das sind echt viele Leute!). Ich habe zehn Minuten Zeit, und man wird mir ein Lichtsignal geben, wenn die letzte anbricht. Ich habe mein Programm täglich geübt. Es ist exakt zehn Minuten lang. Es beinhaltet meine aktuellen Lieblingswitze und einige Beobachtungen. Hier meine drei besten Witze:

TOP-DREI-WITZE

Warum kauft Robin Hood Deodorant? Um es unter den Armen zu verteilen.

Was ist gesund und kräftig und spielt den Beleidigten? Ein Schmollkornbrot.

Es klingelt an der Haustür. »Dad, da ist jemand, der für das neue Hallenbad sammelt.« »Gut, gib ihm ein Glas Wasser!«

Ich habe das King’s Head Pub noch nie betreten, deshalb habe ich keine Ahnung, wie es dort aussieht. Kann sein, dass die Bühne in meiner Fantasie viel großartiger ist, das Publikum größer und das Lachen lauter. Aber vielleicht sind tatsächlich Fans da, die mich anhimmeln.

Und vielleicht macht dieser Auftritt mich berühmt.

Zwei

Welchen Job machen hohle Nüsse?

Sie sind Leerer.

Am Montag geht Mr Osho gerade die Anwesenheitsliste durch, als Skyla in die Klasse kommt. Schon wieder zu spät. Letzte Woche hat sie drei Tage gefehlt, davor ist sie mit jedem Tag ein wenig später erschienen. So war es immer. Schon in der Grundschule kam Skyla oft zu spät, trug eine dreckige Uniform oder sah aus, als wäre sie gerade aus dem Bett gekrochen, aber in letzter Zeit ist sie noch unpünktlicher. In der Grundschule habe ich nicht groß darüber nachgedacht. Damals waren wir nicht befreundet, und ich machte mir ständig einen Kopf wegen meines Stotterns. Inzwischen fällt mir auf, dass Skyla sich stark von uns anderen unterscheidet.

Sie ist ein bisschen wie ein wildes Tier, das gezwungen ist, eine Schuluniform zu tragen und sich wie alle Übrigen zu verhalten. Sie ist aber nicht wie alle Übrigen. Ihr Leben ist anders. Echt merkwürdig, dass Erwachsene erwarten, alle Kinder könnten sich gleich verhalten, gleich aussehen und die gleichen Interessen haben, obwohl jeder nach der Schule in ein jeweils anderes Leben zurückkehrt.

Gestern wollte ich Skyla anrufen, um zu hören, was los ist, aber sie ist weder rangegangen, noch hat sie auf meine Textnachrichten geantwortet. Wenn es zu Hause Probleme gibt, verschwindet sie einfach. Sie hat mir nie erzählt, was tatsächlich los ist. Ich weiß nur, dass ihre Mum seit dem Tod von Skylas kleiner Schwester nicht mehr dieselbe ist. Das ist vor vielen Jahren passiert, die Situation bei ihr zu Hause ist also schon lange schwierig. Ich habe sie mal danach gefragt, und sie meinte nur, ich solle »nicht so ein Miesmacher« sein. Und dann schlug sie mich gegen den Arm und rannte im Flur davon. Ich habe sie kein zweites Mal gefragt.

»Immer hereinspaziert, Skyla«, sagt Mr Osho lächelnd. »Geht’s dir besser?«

»Ja, Sir«, murmelt sie, und ich ahne, dass es ihr gar nicht gut geht. Als sie zu ihrem Platz geht, will ich ihren Blick auffangen, aber sie hält den Kopf gesenkt und starrt zu Boden.

»Was ist denn los mit ihr?«, flüstert Alex.

»Keine Ahnung.«

Zuerst haben wir Geschichte. Alle gehen zögernd in den Klassenraum. Der Lehrer ist neu – Mr Johnson –, und er ist ätzend. Meine Freunde, die Stammgäste, haben ihn Brüllaffe getauft, und so wird er jetzt von allen Siebtklässlern genannt. Ich bin froh, Alex, Josh und Matthew in meiner Nähe zu wissen. Wenn der Brüllaffe mal wieder jemanden anpfeift, schneiden wir Grimassen, um einander zum Lachen zu bringen. Hoffentlich bemerkt er es nicht.

Gestern saßen wir noch nicht mal, da wurde Josh schon vom Brüllaffen rausgeworfen, weil er herumgehampelt hatte. Nachdem er wieder hereingerufen worden war, begann er von Neuem zu hampeln, so ist er halt, und der Brüllaffe schickte ihn ein zweites Mal vor die Tür! Total ungerecht. Mir hat er drei Minuspunkte gegeben, weil ich mit den Fingern getrommelt habe. Noch ein Minuspunkt, und ich muss nachsitzen.

Ich trommele mit den Fingern, weil ich den Brüllaffen so furchtbar finde. Das Trommeln beruhigt mich. Gegen das Stottern hilft es allerdings nicht. In Mr Johnsons Unterricht stottere ich richtig SCHLIMM, obwohl die Stammgäste neben mir sitzen. Ein Glück, dass er noch nicht da war, als ich auf die Bannerdale gekommen bin, damals hatte ich keine Freunde und hätte mir wegen Mr Johnson wahrscheinlich in die Hose gemacht.

Der Brüllaffe verteilt als einziger Lehrer Minuspunkte. Alle anderen drohen bloß damit. Jeder Schüler hat eine kleine, rosa Karte mit vier Kästchen für Minuspunkte. Wenn sie voll ist, muss man automatisch nachsitzen. Gegen ein Pfund kann man von Caleb McCraven aus der Neunten gefälschte Karten ohne Einträge kaufen, um dem Nachsitzen zu entgehen.

Leider habe ich zu viel Schiss, um Caleb McCraven darauf anzusprechen. Er hat eine Narbe im Gesicht, und bei einem Streit am Tor hat er mal jemandem den Kopf gegen die Brust gerammt. Also kann ich mir vor den Sommerferien keinen weiteren Minuspunkt mehr leisten. Mum und Dad wären gar nicht erfreut, wenn ich nachsitzen müsste. Vielleicht würden sie mir sogar meinen Auftritt im Pub verbieten, und das wäre die totale Katastrophe.

Ich habe beobachtet, wie der Brüllaffe während der Mittagspause durch die Flure geistert und Minuspunkte wegen schief sitzender Krawatten und nicht zueinander passender Socken verteilt. Ich bemühe mich, im Geschichtsunterricht nicht mehr zu trommeln. Ich setze mich extra auf die Hände, aber vielleicht gibt’s auch dafür Minuspunkte. Nachsitzen zu müssen, weil ich mit den Fingern trommele oder auf den Händen sitze, kommt mir zwar übertrieben vor, aber der Brüllaffe sieht das natürlich anders. Er spricht nicht, sondern bellt: »In meinem Unterricht wird nicht gehampelt, gezappelt, getuschelt, aus dem Fenster gestarrt oder in der Nase gebohrt, niemand lässt die Füße baumeln oder die Knöchel knacken. Und NIEMAND nimmt einen Stift oder sonst etwas zur Hand, sofern ich nicht ausdrücklich dazu aufgefordert habe. Verstanden?«

Der Brüllaffe bellt sogar, wenn er unterrichtet. Aus seinem Mund klingt die Geschichte der Eroberung Englands durch die Normannen wie eine Drohung: Als würde er uns in eine echte Schlacht schicken, wenn wir auch nur daran denken würden, unsere Federmappe ohne Befehl anzufassen. Das ist echt gruselig. Blakemore meint, er war früher beim Militär.

»Das merke ich sofort«, sagt er. »Mein Dad war in der Armee. Er ist genauso … liebt Regeln und brüllt gern rum.«

Heute bellt Mr Johnson etwas über Anne Boleyn, während ich dem Drang widerstehe, das Pantofle-Gelb von meinen Fingern zu pulen. Der Frau ist es echt schlimm ergangen, ihr Mann, Heinrich der VIII., König von England, hat sie köpfen lassen. Da ist es fast unanständig, dass man einer Schar bibbernder Zwölfjähriger ihre Lebensgeschichte ins Gesicht brüllt, finde ich.

»Sie wurde am 19. Mai 1536 im Tower von London enthauptet. Skyla Norkins, hörst du mir zu? In meinem Unterricht schließt du die Augen NICHT.«

Alle schauen zu Skyla, die leichenblass ist. Und bevor Mr Johnson brüllen oder tausend Minuspunkte verteilen kann, erleidet sie einen Zusammenbruch.

Sie klappt auf ihrem Stuhl zusammen, ihr Knopf sackt auf den Tisch. Es sieht aus, als wäre sie erschossen worden. Yasmin, ihre Sitznachbarin, beginnt zu kreischen, hält sie aber fest, bevor sie auf den Fußboden rutschen kann. Ich will aufstehen, um ihr zu helfen, aber Mr Johnson brüllt: »HINSETZEN.« Ich lasse mich wieder auf den Stuhl sinken wie ein verängstigter Welpe in der Hundeschule.

Alle gucken ganz entsetzt. Das ist kein normales Klassenzimmer-Drama. Nicht wie damals, als sich Raya Fletcher im Chemielabor erbrach und alles stank (in der Ecke neben den Bunsenbrennern müffelt es bis heute). Nicht wie damals, als Elijah Campbells Stuhl zusammenkrachte und sein Kopf auf den Fußboden aufschlug. Nicht wie damals, als Arik Weber in Ernährungskunde stolperte und in eine Lasagne fiel, weil Elijah Baker seine Schnürsenkel zusammengebunden hatte. Dieses Mal sind alle total geschockt.

Mr Johnson hingegen ist die Ruhe selbst – vielleicht ist er tatsächlich ein Ex-Militär, wie Blakemore sagt. Er schickt Yasmin die Krankenschwester holen und fordert Sonny auf, seinen Tisch wegzuschieben, um Platz zu machen. Dann legt er Skyla auf dem Fußboden in die stabile Seitenlage und sagt so leise wie nie: »Jeder packt jetzt ganz ruhig seine Sachen zusammen und geht in die Bücherei. Ich erwarte, dass ihr für die nächste Stunde eine Seite über die Gattinnen von König Heinrich dem VIII. schreibt. Ihr dürft gehen.«

Es ist wie Magie. Alle tun, was er sagt, und zehn Minuten später sitzen wir etwas verdattert in der Bücherei.

Ich sehe in Endlosschleife vor mir, wie Skyla über ihrem Tisch zusammenbricht. Dann taucht wie aus dem Nichts ein anderes Bild in meinem Kopf auf. Das Seniorenheim. Der Tag, als Großbutter starb. Ich habe das Gefühl, wieder dort zu sein, an genau jenem Tag. Ich gehe durch den Flur zu ihrem kleinen Zimmer. Mein Herz schlägt so wild, als würde es sich außerhalb meines Körpers befinden, und ich weiß, gleich wird sich mein Leben verändern.

Diese Erinnerung kommt jedes Mal so plötzlich, dass ich mich erschrecke.

Nach Großbutters Tod konnte ich den Flur im Seniorenheim lange nicht betreten. Am schlimmsten war es, als ich Struppi, den Hund, zum ersten Mal zu Mrs Gibbens bringen wollte. Als ich Mrs Gibbens, Tür betrachtete und in dem Wissen zu Großbutters geschlossener Tür sah, dass nun ein anderer Mensch dahinter wohnte. Es verschlug mir kurz den Atem. Struppi saß auf meinen Füßen, als wüsste er, was los war. Ich hatte das Gefühl, gleich käme Mum, um mir mitzuteilen, dass Großbutter ein zweites Mal gestorben sei. Dann würde ich alles nochmal durchleben müssen. Man nennt das »posttraumatische Belastungsstörung«, hat Mum mir erklärt. Es bedeutet, dass sich das Gehirn unaufhörlich an ein schlimmes Erlebnis erinnert.

Genauso fühle ich mich gerade. Ich sehe immer wieder vor mir, wie Skyla zusammenbricht, und höre ihren Kopf auf den Tisch knallen. Was, wenn das jetzt wie damals im Seniorenheim ist? In der einen Minute war Großbutter noch da, in der nächsten gab es sie nicht mehr. Was, wenn es auch Skyla nicht mehr gibt? Was, wenn mit ihr etwas nicht stimmt, ohne dass ich es weiß, weil ich sie so lange nicht mehr gefragt habe, wie es ihr geht? Ich hätte sie fragen sollen, auch auf die Gefahr hin, dass sie mir auf den Arm geschlagen und mir gesagt hätte, ich solle die Klappe halten.

Ich schreibe kein einziges Wort über Anne Boleyn oder die anderen Ehefrauen von Heinrich dem VIII. Ich sitze nur da, starre das weiße Blatt Papier an und atme, wie Mum es mir geraten hat, immer wieder zehn Mal ein und aus, bis es klingelt.

In der Pause renne ich direkt ins Krankenzimmer. Davor sitzt Skyla mit einem Keks und einem Glas Orangensaft. Sie lebt noch, scheint aber nicht ganz bei sich zu sein.

»W-was war denn?«

»Ich bin bloß ohnmächtig geworden. Warum machen alle so ein Trara?«

»Aber w-warum bist du ohnmächtig geworden? Das war ziemlich dramatisch. Mr J-Johnson hat sogar aufgehört zu brüllen.«

»Unmöglich!«

»Doch. Hast du geahnt, wie viel Macht du hast?«

Wir lachen, und weil ich so froh bin, dass es ihr gut geht, vergesse ich fast, sie zu fragen. Trotzdem muss ich es tun. Es ist wichtig.

»W-was ist l-l-los, Skyla?«

»Ich bin nur müde und habe nicht gefrühstückt«, sagt sie.

»Aber warum warst du so l-l-lange nicht in der Schule?«

»Seit wann bist du so ein Kontrollfreak?«

Sie schnaubt. Und ich bin echt frustriert. So tickt Skyla. Sie gibt nichts preis. Sie war immer für mich da. Als ich von Blakemore gemobbt wurde, hat sie es nie mit einem Lachen abgetan oder weggesehen. Ich will für sie da sein, wie sie für mich da war. Aber wenn sie mir nicht sagt, was Sache ist, weiß ich nicht, wie ich das anstellen soll.

Die Schulkrankenschwester kommt aus dem Krankenzimmer. Ich hasse den Geruch darin – es stinkt nach Chemie. Ich war dort, nachdem Matthew aus Versehen auf einen meiner Finger getreten war und wir dachten, er wäre gebrochen. Der Gestank war so übel, dass mein Finger schlagartig nicht mehr schmerzte. Vielleicht stinkt das Zimmer ja so, damit man sich besser fühlt und gleich wieder gehen kann.

»Deine Mum geht nicht ans Telefon, Skyla«, sagt die Schwester. »Auf deinem Formular finde ich keine weitere Nummer. Kann ich jemand anderen anrufen?«

»Nein. Aber ich bin okay. Ich gehe wieder zum Unterricht.«

»Gut, aber iss zuerst deinen Keks und trink den Saft. Ich versuche es weiter bei deiner Mum.«

»Sie wird heute nicht rangehen«, sagt Skyla leise.

»Ist sie bei der Arbeit?«

»Nein, aber sie … hat zu tun.«

Ich weiß, dass Skyla nichts weiter sagen wird. Die Krankenschwester seufzt und kehrt in ihr Zimmer zurück.

Skyla trinkt einen Schluck Saft, dann schüttelt sie den Kopf, holt Luft und lächelt mich an. »Die Zeichnungen für deinen Auftritt sind fertig.« Sie lächelt so künstlich wie ein Smiley, aber vielleicht braucht sie das, und ich rede gern über meinen Auftritt.

Skyla hat an Karikaturen gearbeitet, die während meines Auftritts hinter mir auf einem Bildschirm laufen sollen. Es sind Cartoon-Versionen von mir, passend zu einigen Witzen. Das wird echt cool.

»Super, w-wann kann ich sie mal sehen?«

»Frag Mr Osho, ob wir den Projektor benutzen dürfen. Wenn ja, zeige ich sie dir gleich morgen.«

»Fantastisch. Das wird TOLL. Dann muss ich mir nur noch die Reihenfolge der Projektionen überlegen und brauche jemanden, der sich um die Technik kümmert. K-kannst du das machen?«

»Ist nicht dein Ernst, Billy, oder? Ich bin Künstlerin, nicht dein Roadie. Außerdem habe ich Schiss vor Technik. Ich würde sicher auf den falschen Knopf drücken, und zack wäre alles zappenduster. Kann das nicht einer von den Stammgästen übernehmen? Immerhin sind sie nicht nur die lausigsten Jazz-Musiker aller Zeiten, sondern auch Technikfreaks, oder?«

»Ja, stimmt. Nur hoffe ich, nach dem Auftritt jede Menge andere Angebote zu erhalten, und die Stammgäste werden alle den ganzen Sommer über weg sein. Ich brauche einen Nerd, der hierbleibt.«

»Stell dir vor, du kannst den ganzen Sommer verreisen, was für ein Leben! Diese stinkreichen Technik-Schnösel. Du brauchst also jemanden, der einerseits nicht stinkreich und andererseits blöd genug ist, sich zu deinem Handlanger machen zu lassen.«

Noch während sie spricht, biegt Blakemore um die Ecke und winkt uns.

»Was läuft, Loser?«, ruft er grinsend.

Nach dem Talentwettbewerb hat Blakemore aufgehört, mich zu mobben. Er begann sogar, mir nachzulaufen, als wollte er, dass wir Kumpel werden oder so. Er nennt uns immer noch Loser, aber eher im Scherz. Ich würde nicht sagen, dass wir Freunde geworden sind, aber es ist definitiv tausend Mal besser, als von ihm gefesselt und in den Bauch geboxt zu werden. Und als Mr Osho meinte, Blakemore brauche keine Mathe-Nachhilfe mehr, wirkte er fast etwas traurig, fand ich.

Als er jetzt auf uns zukommt, schauen Skyla und ich uns an.

»Ich glaube, da ist dein Helfer«, sagt Skyla augenzwinkernd.

Drei

Was bestellt der Hase im Restaurant?

Jägerschnitzel.

Jeden Montag ist Mrs Gibbens-und-Struppi-Tag. Mrs Gibbens hatte ihren Hund verloren und war kreuzunglücklich darüber, aber nachdem ich ihn aufgespürt hatte, erlaubte mir Struppis neue Familie, ihn regelmäßig zu Mrs Gibbens ins Seniorenheim auszuführen. Ich glaube, sie ist froh, dass Struppi wieder ein Teil ihres Lebens ist. Im Seniorenheim hat sie kaum Freunde oder Freundinnen. Großbutter fehlt ihr bestimmt sehr. Sie sagt, der Besuch von mir und Struppi sei das Highlight ihrer Woche.

Nach der Schule hole ich Struppi bei den Thompsons ab und gehe mit ihm zum Seniorenheim The Oaks. Die Pfleger erlauben mir, ihn ins Zimmer von Mrs Gibbens mitzunehmen, obwohl Hunde eigentlich verboten sind im Heim. Nach Großbutters Tod – als ich nicht durch den Flur gehen mochte – saßen wir immer im Foyer, aber nach einer Weile wagte ich mich jede Woche etwas weiter in den Flur. So ähnlich wie vor dem Talentwettbewerb, als ich Angst hatte, auf die Bühne zu gehen. Am Ende schaffte ich es bis zur Tür von Mrs Gibbens, und Struppi stürmte hinein und beschnüffelte ihre Sachen. Er pinkelte sogar ein paar Tropfen auf ihre Handtasche, aber sie kicherte nur.

Inzwischen fürchte ich mich nicht mehr vor dem Flur. Aber ich denke dort immer noch jedes Mal an Großbutter. Letzte Woche fiel mir ein, wie ich an meinem Geburtstag bei ihr gewesen war, nachdem sie mir das Schlagzeug geschenkt hatte. Ich war den ganzen Weg gerannt und total außer Puste. Ich erinnerte mich an ihr Gesicht, als ich in ihr Zimmer stürmte und sie umarmte. Wenn ich daran zurückdenke, muss ich lächeln. Ich habe gemerkt, dass man jemanden vermissen und sich gleichzeitig freuen kann.

Wenn mich eine Erinnerung zum Lächeln bringt, drücke ich Großbutters kleine Flasche mit Muscheln vor dem Zubettgehen ganz fest und erzähle leise die Erinnerung. Es ist schon irgendwie schräg, mit Muscheln zu sprechen, aber ich habe dabei immer das Gefühl, mit ihr zu reden. Manchmal bilde ich mir ein, ihr Lachen oder eine Erwiderung zu hören. Ich werde die Flasche zu meinem Auftritt mitnehmen. Ich glaube, Großbutter würde gern in meiner Tasche mitgenommen werden.

Mrs Gibbens und ich haben inzwischen eine Routine entwickelt. Sie hält am Fenster Ausschau nach uns, stets geschminkt und mit einem ziemlich ulkigen Hut auf dem Kopf, der ein bisschen an einen Clown erinnert. Wenn sie uns entdeckt und winkt, lasse ich Struppi von der Leine. Er flitzt allein weiter, wartet, bis sich die automatische Tür öffnet, und rennt dann durch den Flur zu ihrem Zimmer. Er kennt den Weg genau. Als ich heute durch den Flur gehe, fällt mir ein, wie ich Großbutter mal warme Schokoladen-Brownies mitgebracht habe.

Als ich ins Zimmer komme, haben die beiden es sich schon auf dem Sofa gemütlich gemacht, und Mrs Gibbens füttert Struppi mit Käsehäppchen. Ich setze meine Schultasche ab und gehe in die Küche, um Saft zu holen und Teewasser aufzusetzen. Das ist meine Aufgabe, denn Mrs Gibbens kann nicht mehr gut laufen.

»Mr und Mrs Thompson g-geben ihm nie L-Leckerlis, wissen Sie«, sage ich, als sie Struppi eine Wurst hinhält. »Sie meinen, er hat einen empfindlichen M-Magen.«

»Unsinn«, sagt Mrs Gibbens und lässt Struppi ihr Gesicht ablecken. Wenn ich das sehe, wird mir immer etwas übel. »Du liebst Käsewürstchen, nicht wahr, mein Liebling?«

»Sie geben ihm so viele, dass er selbst bald ein Käsewürstchen s-s-s-s-sein wird.«

»Er ist mein Baby, er hat es verdient, verwöhnt zu werden.« Dann sieht sie zu mir auf. »Und du auch, Billy, denn du bringst mir mein Baby. Schau mal in den Schrank über dem Herd.«

Ich weiß genau, was ich dort finde werde – eine Schoko-Orange, an der eine Pfundnote klebt. Sie schenkt mir jede Woche eine Packung. Irgendwann habe ich erzählt, dass ich diese Schokoladenkugel mit Orangengeschmack für mein Leben gern esse, und seither liegt jeden Montag eine im Schrank. Mrs Gibbens sollte aber wissen, dass ich auch ohne Geschenk jede Woche kommen würde.

»Wie gesagt, Mrs Gibbens, ich kann unmöglich so viele Schoko-Orangen essen. Ich habe noch vier zu Hause!«

»Dann bewahrst du sie eben für Notzeiten auf oder gibst deiner süßen kleinen Schwester eine ab. Wie heißt sie noch gleich?«

»Chloe, und sie ist nicht süß, sondern eine Nervensäge«, sage ich, reiche Mrs Gibbens eine Tasse Tee und setze mich dann auf Struppis andere Seite.

Chloe hatte so lange damit genervt, Struppi kennenlernen zu wollen, bis Mum uns mal zusammen hier abgesetzt hat. Mrs Gibbens lächelte sie an und wiederholte unaufhörlich, wie süß sie doch sei. Chloe ist kein weiteres Mal mitgekommen, ich nehme also an, sie fand es doch nicht so toll.

Ich weiß noch, wie viel Angst ich bei der ersten Begegnung mit Mrs Gibbens hatte. Damals kam sie mir vor wie ein geschminktes Skelett. Aber jetzt, wo ich sie besser kenne, wirkt sie anders auf mich. Gar nicht mehr Furchteinflößend.

Letzte Woche durfte ich ihre Hüte aufsetzen. Wir standen zusammen vor dem Spiegel und posierten mit allen möglichen krassen Hüten. Ich trug einen gelben mit irgendwelchen welligen, antennenähnlichen Dingern oben darauf und Mrs Gibbens einen mit allen möglichen Blumen, und dann balancierten wir noch einen lila Hut mit Federn auf Struppis Kopf, nahmen ihn auf die Arme und machten ein Selfie. Als ich Mrs Gibbens das Foto zeigte, kriegten wir uns vor Lachen nicht mehr ein. Struppis Zunge hing aus dem Maul, weil er Mrs Gibbens abschlecken wollte, und meine Augen waren zu, als wäre ich total genervt. Dieses Foto lasse ich ausdrucken und rahmen und schenke es ihr zum Geburtstag.