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Archie hat es nicht leicht. Am liebsten würde er einfach den ganzen Tag mit seiner besten Freundin Maus verbringen. Aber Archie hat ein Geheimnis, das er nicht mal Maus erzählen kann. Denn seit sein Vater ausgezogen ist, geht es seiner Mutter überhaupt nicht gut. Sie verlässt kaum noch das Bett, sodass sich Archie um alles kümmern muss. Doch als Archie eines Tages einen Fahrradunfall hat, steht da plötzlich Lucas Bailey, sein absoluter Lieblingsfußballspieler, und schenkt ihm neun Wünsche. Ein Fußballer als Glücksfee? Das kann doch nur ein Traum sein! Oder etwa nicht? Schnell muss Archie feststellen, dass die Sache mit dem Wünschen nicht so einfach ist. Und eigentlich hat er auch nur einen einzigen Wunsch: Seine Mutter soll endlich wieder glücklich werden.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2022
Helen Rutter
Neun Wünsche für Archie
Aus dem Englischen von Silke Jellinghaus
© Atrium Verlag AG, Zürich, 2022
Alle Rechte vorbehalten
Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel The Boy Whose Wishes Came True bei Scholastic Children’s Books, London.
Text © Helen Rutter, 2022
Coverillustration von Regina Kehn
Aus dem Englischen von Silke Jellinghaus
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
ISBN978-3-03792-206-4
www.atrium-verlag.com
www.instagram.com/atrium_kinderbuch_verlag
Für meine Mum
Man muss immer an seine Träume glauben.
– Lucas Bailey, Star-Stürmer der Valley Rovers
Ich habe letzte Nacht geträumt, dass ich von einem Riesenhamster gefressen werde.
– Archie Crumb
Früher wollte meine Mum ständig, dass ich mir etwas wünschte. Bei den üblichen Anlässen – wenn ich am Geburtstag die Kerzen auf meinem Kuchen auspustete, wenn ich eine Wimper fand oder einen Regenbogen sah – und bei einer Million anderer Gelegenheiten, die sie sich ausdachte.
Wenn wir etwas genau gleichzeitig sagten:
»Wünsch dir was!«
Wenn wir eine Feder oder irgendeinen Vogel sahen – und wenn es auch nur eine langweilige, einbeinige Taube war:
»Wünsch dir was, Archie!«
Selbst bei wirklich widerlichen Anlässen:
»Igitt, Mum, da ist eins deiner Haare in meinem Spiegelei!«
»Wünsch dir was, Archie. Schnell!«
»Äh … Ich wünschte, es wäre kein Haar in meinem Spiegelei!«
Wenn wir unter einer Brücke durchgingen, wenn ein Zug vorbeifuhr, wenn ich mir den Ellbogen stieß, wenn der Wind mir Blätter ins Gesicht wehte oder wenn Schnee fiel. Meiner Mum zufolge war all das einen Wunsch wert.
»Was du dir nicht wünschst, kann auch nicht wahr werden, oder?«
Bei so vielen Wünschen weiß man irgendwann gar nicht mehr, was man sich wünschen soll. Am Anfang war es noch einfach. Ich wollte Millionär werden, fliegen können, coole Turnschuhe haben oder eben noch mehr Wünsche. Keiner dieser Wünsche ging in Erfüllung – ich glaube, das tun sie nie. Meine jedenfalls nicht.
Ich heiße Archie Crumb, und ich bin ein ziemlich unbrauchbarer Mensch. Denn ich gehöre zu den Kindern, die nichts können, und ich meine wirklich, GARNICHTS. Alle Menschen haben Schwächen, aber die meisten Leute haben zumindest irgendeine Stärke. Wer schlecht in Mathe ist, ist vielleicht ziemlich gut in Kunst. Und die Kinder, die im Unterricht nicht mitkommen, können zum Beispiel sehr schnell rennen oder sehr hoch springen oder schießen beim Fußball alle Tore.
Sogar Felix Ratton aus meiner Klasse, der kein einziges Wort richtig schreibt, kann einen Rasenmäher auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Davon wussten wir nichts, bis er auf dem Schulfest einen Preis gewann. Der Preis bestand darin, dass er einen Tag lang Lehrer sein durfte (was für mich ehrlich gesagt eher nach einer Strafe als nach einem Preis klingt!). Alle gingen davon aus, dass Felix ein miserabler Lehrer sein würde, aber es wurde der beste Tag überhaupt! Felix erzählte uns, dass er sechs Rasenmäher habe, die er in Müllcontainern gefunden und zu Hause wieder repariert hatte. Offenbar ist er immer auf der Suche nach kaputten Rasenmähern. Und er kann an ihrem Geräusch sogar die Marke erkennen. Bis zu dem Tag, an dem er unser Lehrer wurde, wusste keiner von seiner Rasenmäher-Leidenschaft, und wir waren ziemlich beeindruckt.
Am Tag nach Felix’ Unterricht habe ich versucht, Dads nagelneuen Rasenmäher auseinanderzunehmen und wieder zusammenzubauen, um zu sehen, ob das vielleicht auch mein verborgenes Talent sein könnte. Am Ende saß ich völlig verschwitzt inmitten von Metallteilen und Schrauben und hatte keine Ahnung, was wohin gehörte. Dad und seine neue Frau Julie waren megasauer. Rasenmäher bauen ist also definitiv nicht mein geheimes Talent.
Lehrer sagen immer, dass jeder irgendwas gut kann, aber was mich angeht, verliere ich langsam die Hoffnung. Ich habe absolut keine besonderen Fähigkeiten und bin in jedem Fach schlecht. Ich kann das Einmaleins nicht, meine Rechtschreibung ist grauenvoll, meine Handschrift ist das reinste Gekrakel, und als ich meiner Mum das letzte Mal ein Bild gemalt habe, dachte sie, es sei eine Teekanne, obwohl es eigentlich ein Schiff sein sollte. (Wieso um alles in der Welt hätte ich eine Teekanne malen sollen?!) Ich kann nicht geradeaus laufen, ohne zu stolpern, geschweige denn einen Ball richtig kicken. Und sogar bei Computerspielen bin ich eine Niete.
Das bin also ich: Archie Crumb, ein ziemlich unbrauchbarer Mensch. Und bisher hat kein Wunsch etwas daran geändert.
Seit einer Weile sagt Mum aber auch nicht mehr dauernd, dass ich mir etwas wünschen soll. Die meiste Zeit liegt sie im Bett und schläft – oder tut jedenfalls so. Früher, als ich klein war, habe ich mich auch manchmal schlafend gestellt. Der Trick dabei ist, ganz langsam zu atmen. Mum atmet immer zu schnell, wenn sie nur so tut, deshalb weiß ich, dass sie nicht wirklich schläft.
Ich bin mir nicht sicher, warum sie das macht. Vielleicht ist sie zu müde, um zu reden. Für mich ist das in Ordnung. Wenn ich von der Schule nach Hause komme und sie wieder im Bett liegt, mache ich mir Ravioli aus der Dose und sortiere meine Fußballsticker-Sammlung. Manchmal nehme ich meine Ravioli auch mit ins Bett, mache es mir mit meinen Aufklebern gemütlich und schreibe Listen, welche Sticker ich schon habe und welche ich noch brauche. Ich liebe die roten, glänzenden Päckchen und kenne alle Zahlen und Fakten zu den einzelnen Spielern.
Auf der Rückseite der Päckchen stehen motivierende Sprüche. So ähnliche Sprüche wie auf den Bildern, die Julie und Dad in ihrem neuen Wohnzimmer aufgehängt haben und auf denen LEBELACHELIEBE steht – nur besser. Ich liebe diese Zitate – vor allem die von Lucas Bailey, meinem absoluten Lieblingsfußballer – und versuche immer, die Ratschläge zu befolgen. Manchmal klappt es aber auch nicht. Ich meine, wie soll man seine Träume verfolgen, wenn man nicht einmal weiß, welche Träume man hat? Ich habe keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen will, und frage mich immer, wieso andere Kinder das schon zu wissen scheinen. Wir sind doch erst elf! Aber irgendwie steht es für alle anderen schon fest: Maus will Anwältin werden, Martha will Hundefriseurin werden, Kiran Schlittschuhläuferin, und die meisten Jungs wollen Fußballspieler werden.
Bei mir besteht nicht die geringste Chance, dass ich jemals Fußballer werde, also bleibe ich lieber bei meinen Aufklebern. Ich besitze einen RIESIGEN Stapel von Stickern, die ich doppelt habe, wahrscheinlich den größten von allen in der Schule. Manche Kinder machen die dümmsten Tauschgeschäfte, zum Beispiel fünfzig doppelte Aufkleber für einen glänzenden, aber ich liebe meine doppelten. Und erst recht meine zweiundfünfzig Lucasse, die ich in einem eigenen Stapel aufbewahre. Lucas Bailey ist einfach klasse. In der letzten Saison hat er fünfunddreißig Tore geschossen und war damit bester Torschütze der Liga. Er ist hier in der Gegend aufgewachsen und früher sogar auf meine Schule gegangen. Überall in den Fluren hängen Bilder von ihm, und am Empfang ist ein großer Schaukasten mit Zeitungsausschnitten und Interviews.
Manchmal spreche ich mit dem Sticker-Lucas. Ich weiß, es klingt bescheuert, und um ehrlich zu sein, finde ich es selbst verrückt – aber ich mache es trotzdem. Wenn Aufkleber kleine Ohren hätten und hören könnten, dann wüsste Sticker-Lucas unfassbar viel über mich. Er wüsste, dass Maus meine beste Freundin ist und dass sie besser Fußball spielt als alle anderen Mädchen der Schule und auch als die meisten Jungs. Wir üben immer in ihrem Garten Elfmeter, und sie hat noch NIE einen verschossen. Sie ist unglaublich gut.
Sticker-Lucas wüsste, dass die B-B-Gang schrecklich ist und über JEDEN gemeine Dinge sagt. Er wüsste, dass ich heute geschummelt und bei Marthas Mathe-Test gespickt habe. Er wüsste auch, dass ich deswegen dann so ein schlechtes Gewissen hatte, dass ich alle Antworten durchgestrichen und null von zwanzig Punkten bekommen habe.
Er wüsste, dass die Neun meine Glückszahl ist, weil es seine Trikot-Nummer ist, und dass ich manchmal im Kopf Dinge neunmal wiederhole, damit sie wahr werden, oder neunmal auf den Tisch klopfe, damit es mir Glück bringt. Und er wäre der einzige Mensch auf der Welt, der wüsste, dass Mum diese Woche nur einmal aus dem Bett aufgestanden ist.
Irgendwann wird es ihr wieder besser gehen, das hat sie mir versprochen. Sie sagt, sie braucht bloß Zeit. Ich weiß, dass sie sich Mühe gibt. Letztes Ostern hat sie für uns einen Urlaub in Scarborough gebucht, und wir haben uns wochenlang auf die Spielautomaten und das Meer gefreut. Doch eine Woche vor unserer Abreise blieb sie wieder im Bett. Länger und länger. Ich wusste sofort, dass der Urlaub gestrichen war. Am Tag bevor wir in den Zug steigen sollten, weinte sie und entschuldigte sich tausendmal. Am Ende musste ich sie trösten, obwohl ich selbst schrecklich enttäuscht war.
So ist das manchmal mit meiner Mutter: Sie stiehlt alle Gefühle, sodass für mich keine mehr übrig sind. Zu meinem letzten Geburtstag wollten wir eine richtige Übernachtungsparty mit Popcorn und einem Filmabend machen. Wir hatten das Haus aufgeräumt und alles vorbereitet. Aber an dem Tag, als ich die Einladungen mit in die Schule nehmen wollte, wurde sie unsicher und sagte, sie sei nicht bereit, das ganze Haus voller Leute zu haben. Also gab es für mich anstelle der geplanten Party ein Abendessen bei Maus.
Mum findet immer einen Grund, warum sie zu keiner Schultheater-Aufführung, keinem Sporttag und keinem Elternabend gehen kann. So ist es nun mal, und sie kann ja auch nichts dafür, oder? Sie will ja gar nicht so sein. Aber warum bin ich dann manchmal so wütend auf sie?
Ich darf auch niemandem sagen, dass sie im Bett bleibt. Sie meint, dann würden sich alle Sorgen machen und sich einmischen, und das sei das Letzte, was sie gebrauchen könne. Und vielleicht hat sie recht. Wenn sie an manchen Tagen schon zu müde ist, um mit mir zu sprechen, kann man sich vorstellen, wie schlimm es für sie wäre, wenn hier ständig Lehrer anrufen würden.
Wenn ich mal bei Dad bin, fragt er mich immer: »Wie geht es deiner Mum?«, aber ich weiß, dass das keine echte Frage ist. Es gibt jede Menge unechter Fragen. Wenn sich Erwachsene auf der Straße begegnen und »Hallo, wie geht’s?« sagen, ohne auch nur anzuhalten, um die Antwort zu hören, ist das doch keine richtige Frage. Wozu sollte man sie also stellen? So ist es auch bei Dad. Er will gar keine richtige Antwort, und deshalb sage ich nur: »Wie immer.« Damit ist er zufrieden, und ich muss ihn nicht anlügen. Aber die ganze Wahrheit ist es auch nicht.
Ich HASSE Lügen. Mein Vater ist ein Lügner. Als ich sieben war, hat er mir die größte Lüge aller Zeiten erzählt. Ich hörte, wie er und Mum sich in der Küche anschrien, und als ich nach unten kam, sagte er mir, ich solle mir keine Sorgen machen.
»Alles wird gut, Archie.« Das waren seine Worte.
Tja, wurde es nicht. Meine Eltern schrien sich auch weiterhin monatelang an, bis er eines Tages auszog. Jetzt ist er mit Julie verheiratet, die lange glänzende Haare hat und baumelnde Ohrringe trägt. Sie haben meine Schwester Scadge bekommen, die mein Vater eindeutig viel mehr liebt als mich. Ungefähr zu dieser Zeit begann Mum sich schlecht zu fühlen und musste sich oft ausruhen. Vor einem Jahr verlor sie dann auch noch ihren Job und hat deshalb nun nichts mehr, wofür sie aus dem Bett steigen müsste.
Wie schon gesagt, gar nichts war »gut«. Also glaube ich jetzt nichts mehr, was Dad sagt.
Jedes zweite Wochenende bin ich bei ihm und Julie zu Hause. Der einzige Grund, warum ich mich auf diese Wochenenden freue, ist Scadge, obwohl sie total verwöhnt ist und alles bekommt, was sie will. Aber sie bringt mich wirklich zum Lachen. Sie ist drei und heißt eigentlich Scarlett, aber ich nenne sie Scadge. Julie HASST das.
»Archie, bitte nenn sie nicht so. Das klingt, als wäre sie ein Straßenkind.«
Aber Scadge liebt ihren Spitznamen. Immer, wenn Julie mich dafür schimpft, singt sie: »Scadgy Scadgy Scadgy scoo!«, und macht Furzgeräusche mit ihrer Zunge.
»Entzückend!«, sagt Julie dann säuerlich, und Scadge und ich lachen und singen das Scadge-Lied weiter.
Scadge ist völlig besessen von Einhörnern. Ihr ganzes Zimmer ist mit ihnen vollgestopft und riecht immer nach Brausepulver.
Diese Woche ist wieder so ein Wochenende bei Dad und Julie. Sofort nachdem ich angekommen bin, gehe ich mit Scadge in den perfekten Garten, der aussieht, als wäre jeder Grashalm mit einer Friseurschere geschnitten worden, und bringe ihr bei, wie man kickt. Sie ist der einzige Mensch auf der Welt, den ich im Fußball schlagen kann.
Scadge scheint Spaß zu haben, sie quiekt jedes Mal, wenn sie versucht, den Ball zu treffen. Doch dann wird sie übermütig, fängt an zu kreischen und zu tanzen, fällt über den Ball und macht ihr Kleid schmutzig, und natürlich bekomme ich den Ärger.
»Wie in aller Welt siehst du denn aus, Scarlett Rose! Danke, Archie, vielen Dank!«, sagt Julie schnippisch. »Zieh dich bitte um, Scarlett, und überleg dir ein ruhigeres Spiel.«
Scadge trottet ins Haus, und Dad folgt ihr, sodass nur noch Julie und ich übrig bleiben. Ich starre auf meine Füße. Immer wenn ich bei Dad und Julie bin, komme ich mir in ihrem Haus so groß vor, obwohl ich eigentlich ziemlich klein bin. Dauernd stoße ich was um und verschütte Getränke, und jedes Mal macht Julie ein riesiges Theater, bis alles wieder sauber und ordentlich ist. Bis jetzt habe ich an diesem Wochenende noch nichts kaputt gemacht oder umgeworfen, aber es ist ja immer noch Zeit.
Ich glaube, Julie mag es nicht besonders, wenn ich in ihrem Haus bin. Sie sieht immer sehr unbehaglich aus, und wenn wir allein in einem Raum sind, macht sie dieses seltsame Geräusch, eine Mischung aus Lachen und Seufzen. Jetzt gerade auch wieder.
»Hahmmm.«
Ich bin mir nicht sicher, was das Geräusch bedeutet, und weiß nie, was ich danach tun soll. Soll ich das Geräusch auch machen? Oder etwas sagen? Oder einfach die seltsame Stille aussitzen?
Nachdem ich ein paarmal einfach nur stumm ein- und ausgeatmet habe, sage ich das Erste, was mir in den Sinn kommt.
»Warum riecht euer Sofa so gut?«
Julies Gesicht leuchtet auf.
»Ich benutze eine Mischung aus Weichspüler und Wasser in einer kleinen Sprühflasche, Verhältnis fünfzig-fünfzig. Hier, schau!« Sie holt eine hübsche Glasflasche aus einer Schublade und fragt mich, ob ich »mal sprühen« möchte.
Ich nehme die Flasche. Sie hat die Form einer Wolke und besteht aus durchsichtigem Glas mit blauen Wirbeln darin. Sie sieht so aus, als würde sie teures Parfüm enthalten und nicht bloß Sofaspray. Ich halte sie vorsichtig in den Händen, und nachdem ich das Muster im Glas betrachtet habe, drücke ich den Sprühkopf einmal herunter.
»Der Weichspüler heißt Sommerbrise und ist mein absoluter Lieblingsduft«, sagt Julie. Sie schließt die Augen und atmet tief ein. Dabei sieht sie glücklich und erleichtert aus, wahrscheinlich weil wir jetzt etwas gefunden haben, worüber wir reden können.
Während ich die Sommerbrise erschnuppere, frage ich mich, wie vielen elfjährigen Jungs außer mir Julie schon begegnet ist. Nicht vielen, schätze ich.
Wenn ich das nächste Mal einkaufen gehe, werde ich nach dem Weichspüler Sommerbrise Ausschau halten, damit unser Sofa genauso gut riecht wie das von Julie. Obwohl der wahrscheinlich zu teuer ist. Ich habe versucht, unser Haus zu putzen und so sauber wie möglich zu halten, aber es gelingt mir nicht so richtig. Auf unserem Teppich ist ein riesiger Fleck an der Stelle, wo ich Tomatensuppe verkleckert habe, und es riecht immer ein bisschen eklig, egal was ich mache. Wenn ich zu Hause bin, rieche ich es nicht. Erst wenn ich weg war und wieder reinkomme, fällt es mir auf.
Nachdem ich mich dreimal von Scadge bei ihrem neuen Einhorn-Spiel habe schlagen lassen, ruft Julie uns zum Mittagessen. Auch hier sieht alles viel besser aus als bei mir zu Hause. Die Teller passen zueinander, und das Besteck hat rot gepunktete Griffe. Scadge erzählt aufgeregt, dass sie mich geschlagen hat.
»Das nächste Mal, wenn du kommst, Archibald, schlage ich dich wieder, und dann wieder und dann wieder«, sagt sie und lacht vergnügt.
Ich wünschte, ich hätte ihr nie gesagt, dass manche Leute, die Archie genannt werden, eigentlich Archibald heißen. Seitdem nennt sie mich immer so.
Dad lacht auch. Aber dann räuspert er sich und setzt ein ernstes Gesicht auf, und ich weiß, dass jetzt etwas Schlechtes kommt.
»Apropos nächstes Mal, Archie …« Er sieht mich nicht an, während er eine aus seinem Mund baumelnde Nudel schlürft. »Ich fürchte, wir müssen das übernächste Wochenende verschieben.«
Ich weiß, was »verschieben« bedeutet – es bedeutet absagen. Papa »verschiebt« unsere Wochenenden ständig.
»Julies Freundin hat uns für das Wochenende ihren Wohnwagen in Wales angeboten, da konnten wir nicht Nein sagen.«
Julie macht wieder dieses eigenartige Geräusch, »Hahmmm«, und dann sitzen wir alle da und schweigen uns an. Sogar Scadge ist ausnahmsweise still. Man hört nur das Klirren des Bestecks.
Als ich es nicht mehr aushalte, frage ich mit einer Stimme, die lauter und weit weniger lässig klingt, als ich möchte: »Kann ich mitkommen?«
»Ja!«, schreit Scadge begeistert und lässt den Löffel auf ihren Teller fallen. »Ich will, dass Archibald auch mitkommt! Dann kann ich mein Spiel mitnehmen und ihn wieder und wieder und wieder schlagen.«
Dad blinzelt, dann wuschelt er ihr durchs Haar.
»Das geht nicht, Schätzchen«, sagt er. Damit hat er zwar ihr geantwortet, aber ich weiß, dass er in Wirklichkeit mit mir redet. »Wir würden uns alle freuen, wenn Archie mitkäme, aber der Wohnwagen ist wirklich winzig, und er ist doch schon ein großer Junge. Ich bin mir sicher, dass er nicht ein ganzes Wochenende lang mit uns eingesperrt sein möchte!«
Die Wahrheit ist, dass ich sehr gerne ein Wochenende lang mit ihnen eingesperrt wäre, doch als ich das sagen will, rutscht meine Gabel vom Teller und landet auf den glänzenden weißen Fliesen. Julie holt tief Luft und macht kleine zwitschernde Geräusche, während sie um uns herumflattert und sauber macht.
»Siehst du, Scarlett, Archie in einem Wohnwagen, das würde einfach nicht funktionieren!« Dad gluckst und zerzaust auch mein Haar, als hätte sich die Sache damit erledigt.
»Soll ich stattdessen nächstes Wochenende kommen?«, frage ich.
Dad wirft Julie einen Blick zu.
»Tja, also, nächstes Wochenende hat Scarlett Geburtstag …«, sagt er langsam.
»Biiitte!«, fleht Scadge.
»Äh …«
»Bitte, bitte, bitte!«
Papa schaut wieder zu Julie, die mit den Schultern zuckt und leicht nickt.
»Natürlich solltest du kommen. Was für eine gute Idee!«, sagt Dad übertrieben fröhlich, aber ich kann spüren, dass er die Idee überhaupt nicht gut findet. Und Julie offensichtlich auch nicht.
»Hahmmm.«
Plötzlich will ich einfach nur weg aus diesem Haus mit seinen glänzenden Oberflächen und dem süßen Geruch. Ich kann es kaum erwarten, dass es vier Uhr wird und ich zum Abendessen zu Maus rüberfahren kann.
Es ist kein schönes Gefühl, im Haus meines Vaters nicht willkommen zu sein. Vielleicht bilde ich mir das ja alles nur ein, und sie wollen mir dieses Gefühl gar nicht geben. Scadge liebt mich, das weiß ich, und wir haben irre viel Spaß zusammen. Aber wenn ich sehe, wie sich Dad und Julie anschauen – wenn ich die Panik in ihren Augen erkenne bei dem Gedanken, sich zwei Wochenenden hintereinander mit mir abgeben zu müssen –, dann weiß ich, dass sich dieses Haus für mich nie wie ein Zuhause anfühlen wird.
Das Problem ist, dass sich mein richtiges Zuhause auch nicht mehr wie ein Zuhause anfühlt. In einem richtigen Zuhause riecht es nicht gammelig, und es liegt auch nicht ständig jemand im Bett, der so tut, als würde er schlafen, oder? Es kommt mir so vor, als hätte ich gerade keinen Ort, an dem ich wirklich zu Hause bin.
Auch wenn man am Boden liegt, kann man noch zu den Sternen aufschauen.
– Lucas Bailey
Die einzigen Sterne, die ich sehe, sind die Leuchtsterne an meiner Zimmerdecke, die schon lange nicht mehr funktionieren. Also schaue ich jetzt nur noch auf Plastik.
– Archie Crumb
Den Rest des Nachmittags über verstecke ich mich in meinem Zimmer. Wenn ich »mein Zimmer« sage, meine ich das Gästezimmer, in dem ich schlafe, wenn ich hier bin.
Es ist weiß gestrichen, und in der Ecke steht ein Heimtrainer. Außerdem gibt es einen riesigen Gymnastikball, auf dem ich manchmal herumhüpfe, mehrere große Spiegel an der Wand und ein riesiges rosa Glitzerbild in einem silbernen Rahmen, auf dem steht:
Sei das Mädchen,
das beschlossen hat, alles zu geben!
Das Bild sorgt dafür, dass ich mich schlechter fühle als je zuvor.
Ich liege auf dem Bett, betrachte die glitzernden Worte und frage mich, ob Dad und Julie jemals darüber nachgedacht haben, dass es vielleicht nicht das beste Bild für die Schlafzimmerwand eines elfjährigen Jungen ist. Vor Ewigkeiten haben sie mir versprochen, neues Bettzeug und ein paar Poster für mich zu kaufen, damit sich der Raum mehr wie mein Zimmer anfühlt, aber dazu ist es nie gekommen. Noch so eine Lüge also. Ehrlich gesagt könnten sie nicht eindeutiger zeigen, dass dies definitiv NICHT mein Zimmer ist. Manchmal nennt Julie es sogar versehentlich den »Fitnessraum« und muss sich dann schnell korrigieren.
»Schatz, könntest du den Staubsauger von oben aus dem Fitnessraum mitbringen … ich meine, aus Archies Zimmer?«
Nachdem ich zehn Minuten dort gelegen habe, kann ich das blöde Bild nicht mehr sehen. Ich stehe auf und nehme es von der Wand. Als es vom Haken gleitet, ist es schwerer, als ich erwartet habe, und rutscht mir entgegen. Meine Finger verlieren den Halt, und bevor ich es auffangen kann, fällt es auf den Boden.
O nein, ich mag gar nicht hinschauen. Ich knie mich auf den dicken Teppich und hoffe inständig, dass das Bild nicht kaputtgegangen ist. Doch als ich langsam unter den Rahmen schaue, sehe ich einen langen Riss, der sich von oben bis unten durchzieht. Ich werde auf keinen Fall zu Julie und Dad gehen und ihnen sagen, was ich angestellt habe. Stattdessen lehne ich das Bild umgedreht an die Wand und klemme den Gymnastikball davor, in der Hoffnung, dass Julie ein paar Tage lang nicht trainieren wird. Wenigstens muss ich das blöde Ding jetzt nicht mehr sehen!
Ich mache mich eine Stunde früher auf den Weg zu Maus – sie wird nichts dagegen haben, und Dad und Julie bemerken es nicht einmal. Wahrscheinlich sind sie später einfach froh, dass ich schon weg bin.
Ich esse jeden Sonntagabend bei Maus. Danach schauen wir das Samstagsspiel in der Wiederholung, und Maus und ich brüllen den Bildschirm an. Ich LIEBE es. Früher habe ich mir die Spiele mit Dad angesehen, aber Julie mag Fußball nicht, also war es damit auch vorbei.
Das Haus von Maus ist das genaue Gegenteil von Dads und Julies Haus. Es ist total vollgestopft, aber mit schönen Sachen, nicht nur mit leeren Verpackungen und anderem Müll wie unseres. In den Regalen stehen lauter Fotos, Schneekugeln und Dinge, die Maus in der Schule gebastelt hat. Ihr Kühlschrank ist mit Magneten und Bildern bedeckt, und sie haben so viele Haustiere, dass überall Meerschweinchenhäuschen und Hundebetten herumstehen.
Mein Lieblingshaustier von Maus ist Flump, die kleine weiße Albino-Rennmaus. Jedes Mal, wenn ich vorbeikomme, setze ich Flump auf mein Knie, und dann wühlt sie in meiner Tasche oder huscht meinen Ärmel hinauf. Ich wünschte, meine Mum würde mir auch erlauben, ein Haustier zu haben. Ich möchte nur eine kleine Rennmaus wie Flump, aber Mum sagt: »Nagetiere stinken das Haus voll und übertragen lauter Krankheiten.« Ich frage mich allerdings, ob sie es überhaupt bemerken würde. Ich könnte mir einfach eine Rennmaus kaufen und sie in meinem Zimmer halten. Mum war schon seit Monaten nicht mehr in meinem Zimmer.
Insgesamt leben dreiundzwanzig Tiere bei Maus und ihrer Familie. Maus sagt, sie seien alle ihre Pelzbrüder und Pelzschwestern. Doch nicht nur deshalb fühlt sich ihr Haus so lebendig an. Dauernd läuft das Radio, und ihre Eltern unterhalten sich oder singen mit oder pfeifen. Maus’ Mum Zoe macht Yoga und meditiert, und als ich heute Abend ankomme, höre ich komische Geräusche aus dem Wohnzimmer.
»Was macht deine Mum da?«, flüstere ich Maus zu und lausche den seltsamen Tönen, die durch die Tür dringen.
»Singen«, sagt Maus.
»Warum?«, frage ich.
»Sie denkt über Sachen nach und schickt dann mit dem Gesang ›positive Botschaften‹ ins Universum. Sie sagt, wenn man Gutes aussendet, bekommt man auch Gutes zurück.«
»Und wie ist das mit schlechten Sachen?«, frage ich.
Sie zuckt mit den Schultern. »Genau gleich, denke ich.«
Ich weiß nicht, warum, aber ihre Worte lassen mir einen Schauer über den Rücken laufen.
Bedeutet das etwa, dass ich schlechte Gedanken ins Universum hinausgeschickt habe und deshalb schlechte Dinge zurückbekomme? Wenn ich dem Universum gute Dinge geschickt hätte, wäre ich dann vielleicht von Dad zu dem Ausflug mit dem Wohnwagen eingeladen worden?
Maus nimmt mich mit in die Küche und macht uns eine Saftschorle. Ich lausche Zoes Gesang und beobachte, wie sich der Saft mit dem Wasser vermischt. Dabei spüre ich, wie ich im »Archieland« versinke. So haben Mum und Dad es früher immer genannt, wenn ich tief in Gedanken versunken dasaß und nichts anderes mehr mitbekam.
Ich rufe Archie. Erde an Archieland.
Hattest du eine gute Zeit im Archieland? Und hast du uns eine Postkarte geschickt?
Momentan bin ich oft und lange im Archieland. Letzte Woche war ich nach dem Schwimmunterricht dort. Alle anderen haben sich umgezogen, sind nach draußen gegangen und in den Minibus eingestiegen, aber ich habe es nicht einmal bemerkt. Ich habe einfach ganz langsam meine Badehose aufgeschnürt und sie dann wieder zugebunden, immer und immer wieder. Nach zwanzig Minuten kam Mrs Mather in die Umkleidekabine gestürmt, aber ich saß immer noch in meiner Badehose da und knotete die Kordel auf und zu.
»Was in aller Welt treibst du da?«, fragte Mrs Mather.
»Ich ziehe mich an?«
»Archie, der Unterricht ist schon lange vorbei. Der Minibus wartet – alle sitzen schon drin.«
Ich zuckte mit den Schultern, und sie seufzte. »Komm schon, du Trantüte.«
Weil keine Zeit mehr war, musste ich in mein Handtuch eingewickelt in den Minibus steigen.
Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die B-B-Gang.
»Nackter Archie Crumb,
Mummy zieht dich an.
Sonst brauchst du viel zu lang,
Dass man den Hintern sehen kann!«
Diesen Song sangen sie ununterbrochen für den Rest der Woche.
Meine Ausflüge ins Archieland können einigen Leuten wirklich auf die Nerven gehen, wie zum Beispiel Mrs Mather, aber manche finden sie auch interessant. Zoe will zum Beispiel immer wissen, was ich denke, wenn ich »mich ausklinke«.
»Ist das ein Fantasieland mit Tieren und so?«, fragte sie mich einmal, als wir beim Abendessen saßen. Ich hatte zehn Minuten lang eine Spaghetti in der Luft gedreht, und die anderen hatten mir alle kichernd zugesehen.
»Nicht wirklich. Ich denke nicht an etwas Spezielles. Es ist wie ein leerer Raum.«
»Buddhistische Mönche können so einen Zustand tiefer Meditation erreichen, aber die meisten Menschen können das nicht. Das ist wirklich außergewöhnlich, Archie. Du musst nur lernen, es zu kontrollieren, damit du nicht in Schwierigkeiten gerätst, denn anders als ein Mönch musst du zur Schule gehen.«
Ich mag Zoe. Sie trägt lange Kleider und hat meistens Gartenhandschuhe an. Sie kennt mich schon mein ganzes Leben und hat immer den besten Saft im Kühlschrank. Das Zeug mit den Stückchen drin, das schmeckt, als ob man im Urlaub wäre.
Mum und Zoe waren befreundet, als Maus und ich noch klein waren, aber seit es Mum schlecht geht, schreibt sie den Leuten Nachrichten, dass sie sie in Ruhe lassen sollen. Das weiß ich, weil ich eine davon gesehen habe, als ich einmal ihr Handy ans Ladekabel gehängt habe. Es kam ein ziemlich schlimmes Schimpfwort darin vor. Nach einer Weile hat sich tatsächlich niemand mehr bei Mum gemeldet. Ich schätze, man lässt sich nicht gern mehrmals von jemandem per SMS beschimpfen. Zoe versucht es trotzdem ab und zu. Sie gibt mir Zettel mit Nachrichten mit oder ruft an, aber Mum geht schon lange nicht mehr ans Telefon.
Als ich aus Archieland zurückkomme, ist Maus’ Vater in der Küche und kocht etwas, das köstlich duftet. Das Radio läuft, und er pfeift dazu. Bei mir zu Hause ist es immer so still. Wir haben nicht mal ein Radio, das man einschalten könnte. Manchmal lasse ich den Fernseher im Hintergrund laufen, wenn ich mir abends was zu essen mache, um ein bisschen Leben in die Bude zu bringen. Aber irgendwie wirkt das Haus dadurch noch leerer. Einmal habe ich versucht, vor mich hin zu singen, während ich mir einen Toast schmierte, aber meine Stimme ist schrecklich, deswegen habe ich schnell wieder aufgehört.
Zoe kommt herein und wuschelt Maus und mir durch die Haare. Maus’ Dad zieht eine Schnute, als würde er sich ausgeschlossen fühlen, und senkt seinen kahlen Kopf, also tut sie so, als würde sie auch sein nicht vorhandenes Haar verwuscheln, und alle kichern. Zum Abendessen gibt es Shepherd’s Pie, der total lecker schmeckt. Dann sehen Maus und ich uns das Spiel an – und die Valley Rovers gewinnen deutlich mit 3:0! Danach ist es Zeit für mich, nach Hause zu gehen. Zoe packt mir die Reste des Abendessens in eine Auflaufform.
»Das erspart deiner Mum das Kochen«, sagt sie. Nach einem kurzen Zögern fährt sie fort. »Grüß sie von mir, ja? Sag ihr, sie kann mich jederzeit anrufen, ich würde mich gerne mal wieder mit ihr unterhalten!«
Ich nehme die Auflaufform entgegen und nicke, obwohl ich weiß, dass meine Mum nicht ans Telefon gehen wird.
Als ich in die kalte Luft hinaustrete, ruft Maus mir hinterher: »Vergiss nicht den Mathe-Test morgen!«
Mist, den hatte ich tatsächlich völlig vergessen!
Nachdem sie die Tür geschlossen hat, sehe ich ihre Mum und ihren Dad durch die Milchglasscheibe hindurch reden und lachen. Sonntagabends möchte ich nie nach Hause. Ich fühle mich so schön warm und satt und will nicht zurück in unser stilles Haus. Besonders nicht heute Abend. Mum ging es gestern sehr schlecht, als ich gegangen bin. Ihr Gesicht war rot und fleckig, und sie hat nicht geantwortet, als ich mich verabschiedet habe. Ich frage mich, ob sich nach Hause gehen für mich immer so anfühlen wird.
Dann denke ich über das nach, was Maus gesagt hat, über diese Sache, dass man positive Botschaften ins Universum schicken soll. Gutes aussenden, um Gutes zurückzubekommen. Wie schickt man überhaupt etwas an das Universum?
Ich versuche, positiv zu denken, aber es ist wirklich schwer. Das Einzige, was mir in den Sinn kommt, ist der Weichspüler Sommerbrise. Aber was soll’s, das ist immerhin besser als nichts. Ich stehe in der eisigen Luft, halte mich an dem warmen Pie fest, schließe die Augen und denke fest an den Weichspüler. Ich kann ihn beinahe riechen und stelle mir vor, wie meine Gedanken in den Himmel hinaufschweben.
Wenn ich Sommerbrise bekomme, wird es zu Hause bald sauber und angenehm riechen. Und dann schiebe ich den Shepherd’s Pie in den Ofen und schalte den Fernseher ein, und dann wird es nicht so einsam sein.
Mehr positive Gedanken bringe ich heute nicht zustande. Ich schicke sie ins Universum und schwinge mich auf mein Fahrrad. Dann fahre ich den Kopfsteinpflasterweg hinunter und versuche gleichzeitig, den Pie auf meinem Lenker zu balancieren und den größten Steinen auszuweichen, als mein Vorderrad in einem versteckten Schlagloch hängen bleibt.
Plötzlich läuft alles in Zeitlupe ab. Der Pie fliegt durch die Luft, und ich folge ihm über den Lenker. Ich sehe gerade noch, wie die Auflaufform auf dem Asphalt zerbricht, und habe eine Millisekunde Zeit, ein schlechtes Gewissen zu bekommen und mich zu fragen, wie ich das Zoe beibringen soll, bevor ich kopfüber auf dem Boden aufschlage und alles schwarz wird.
Gestern ist schon Vergangenheit, und was morgen ist, kann niemand sagen. Doch heute hast du die Möglichkeit, etwas zu bewirken.
– Lucas Bailey
Ich weiß ja nicht einmal, welcher Tag heute ist?!
– Archie Crumb
Als ich wieder zu mir komme, fühlt sich mein Gesicht warm an. Ich versuche, die Augen zu öffnen, aber irgendwie geht es nicht. Panik überflutet mich, und es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass mein Gesicht mit Pie beschmiert ist.
Ich setze mich auf und wische mir das Gesicht ab. Dann bemerke ich, dass sich jemand über mich beugt. Zuerst sehe ich nur verschwommen, aber dann fokussieren sich meine Augen auf rot-weiße Streifen. Die Person scheint eine Art Sporttrikot zu tragen. Ich blinzle heftig, und dann erkenne ich es deutlich: das Trikot der Valley Rovers. Mein Blick gleitet daran hinunter und fällt auf zwei dunkle, muskulöse Beine, die in den unverkennbar unterschiedlichen Stollenschuhen stecken. Das kann nicht sein, denke ich, blinzle noch einmal heftig und reibe mir den schmerzenden Kopf. Mein Blick wandert hinauf zu einem lächelnden Gesicht, und ich erblicke den Menschen, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich ihn jemals im echten Leben sehen würde.
Lucas Bailey.
Da steht er, in voller Montur, und streckt mir seine Hand hin. Es ist tatsächlich der echte LUCASBAILEY! Das kann nicht wahr sein! Das kann doch AUFKEINENFALL wahr sein!!
»Das sieht lecker aus«, sagt der echte Lucas Bailey grinsend, deutet auf den zermatschten Pie und ergreift meine Hand, um mich hochzuziehen.
»Bedien dich«, sage ich, immer noch komplett verwirrt. »Aber von einem Teller schmeckt es besser!«
Er lacht. »Das war ein heftiger Sturz, Kumpel. Geht’s dir gut?«
