Bis alles verschwand | Ein düsterer Psychothriller - Katja Montejano - E-Book
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Bis alles verschwand | Ein düsterer Psychothriller E-Book

Katja Montejano

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Beschreibung

Du kannst dem Tod entkommen. Aber nicht dir selbst …

Polizistin Emma Winter tötet einen Mann, um ein Kind zu retten – und setzt damit eine Kettenreaktion in Gang, die sie ins Herz ihrer dunkelsten Erinnerungen führt. Ihr Ex-Mann verschwindet spurlos. Seine Schwester beschuldigt Emma des Mordes. Und ein skrupelloser Serienkiller hat es auf sie abgesehen – nicht, um sie zu töten, sondern um sie Stück für Stück zu zerstören.

Emma kämpft um die Wahrheit. Um ihren Sohn. Und gegen die größte Bedrohung von allen: den Zerfall ihres eigenen Verstands.

Der fesselnde Thriller über eine scharfsinnige Ermittlerin im Wettlauf gegen ihre persönlichen Abgründe

Erste Leser:innenstimmen
„Ein schockierender Psychothriller mit starker Ermittlerin, psychologischem Tiefgang und einem Finale, das lange nachhallt – absolut lesenswert!“
„Dieser atemberaubend spannende Kriminalroman überzeugt mit vielschichtigen Figuren, düsterer Atmosphäre und einem nervenaufreibenden Fall, der bis zur letzten Seite fesselt.“
„Dieser fesselnde Thriller voller unerwarteter Wendungen, dunkler Geheimnisse und packender Perspektivwechsel hat mich richtig süchtig gemacht. Genial!“
„Ein klug komponierter Ermittlerkrimi, der tief in menschliche Abgründe blickt – spannend, psychologisch dicht und mit einer Heldin, die man nicht vergisst.“

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses E-Book

Polizistin Emma Winter tötet einen Mann, um ein Kind zu retten – und setzt damit eine Kettenreaktion in Gang, die sie ins Herz ihrer dunkelsten Erinnerungen führt. Ihr Ex-Mann verschwindet spurlos. Seine Schwester beschuldigt Emma des Mordes. Und ein skrupelloser Serienkiller hat es auf sie abgesehen – nicht, um sie zu töten, sondern um sie Stück für Stück zu zerstören.

Emma kämpft um die Wahrheit. Um ihren Sohn. Und gegen die größte Bedrohung von allen: den Zerfall ihres eigenen Verstands.

Der fesselnde Thriller über eine scharfsinnige Ermittlerin im Wettlauf gegen ihre persönlichen Abgründe

Impressum

Erstausgabe Dezember 2025

Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-69090-440-7 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-917-9

Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com: © Татьяна Куриленко, © TheEarth, Daria, © Carolina Jaramillo shutterstock.com: © Connor McIlquham, © AlexLB, © Photo_Olivia, © MarinaP Lektorat: Astrid Pfister

E-Book-Version 16.12.2025, 11:23:20.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Prolog

Sein Atem ging stoßweise. Die Luft brannte in seinen Lungen. Zu schnell eingeatmet, zu hektisch wieder ausgestoßen.

Nicht stolpern. Nicht stehen bleiben. Der Schweiß klebte kalt auf seiner Haut, zog Spuren über sein Gesicht, mischte sich mit Dreck. Die Angst kam nicht von außen. Sie war in ihm. Pulsierend. Gottverdammt, das durfte nicht passieren!

Den Wagen hatte er ein Stück weiter auf dem abgelegenen Waldweg stehen lassen. Tür offen, Motor aus.

Warum? Weil er rausmusste. Weil ihn das Ding sonst erstickt hätte. Jetzt stand er da, mitten in der Nacht. Die Dunkelheit drückte auf ihn herab wie eine Faust. Er zog das Handy aus der Tasche. Die Finger glitschig vor Schweiß. Der Bildschirm flackerte. Nicht jetzt. Bitte nicht jetzt. Kontakte. Er scrollte durch die Liste. Die Namen tanzten, verzerrten sich, als würde sein Gehirn gegen ihn arbeiten. Er blinzelte, versuchte zu fokussieren. Wo ist er verflucht noch mal?

Ein Name leuchtete auf. Er drückte zu schnell darauf. Das Klingeln hallte in der Stille wider. Lang gezogen, gnadenlos. Sein Herz pochte mit jedem Ton. Er musste es schaffen. Dann – eine Stimme. Zu ruhig. Zu sachlich. Falsch!

„Hey, es ist spät. Ist alles in Ordnung bei dir?“

Er erstarrte. Die Lippen öffneten sich, aber die Worte verhakten sich in der Kehle. Falsche Nummer. Falsche verdammte Nummer!

„Ja, ja … sorry … alles okay. Ich hab mich verwählt … bin müde.“

Ein Zögern am anderen Ende. Skepsis. „Sicher?“

„Ja. Gute Nacht.“ Er legte auf. Rieb sich mit der Hand über das Gesicht. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Er konnte sich keine Fehler mehr leisten. Nicht heute Nacht. Er scrollte weiter. Der richtige Name. Ein Piepton. Anrufbeantworter. Seine eigene Stimme drang aus ihm hervor, erstickt und gebrochen: „Hey, bitte ruf mich dringend zurück … ich bin am Arsch … es geht um Leben und Tod.“ Die Welt schien den Atem anzuhalten. Kein Geräusch. Kein Wind. Nur die Schwere, die über ihm hing. Und dann – ein Flüstern. Leise. Direkt in seinem Ohr. „Ich werde dich finden.“

Kapitel 1

Die Nacht lag schwer über Zofingen. Die Straßen erstarrt im orangefarbenen Licht der Laternen, das sich in den Pfützen auf dem Asphalt spiegelte – verzerrt, gebrochen, wie eine Wahrheit, die keiner hören wollte. Die Stadt schlief, aber nicht hier. Nicht auf diesem Balkon.

Emma Winter stand hoch über allem, das Herz ein paar Schläge zu schnell, die Hände ruhig. Vor ihr: Ein Mann. Ein Baby. Und fünfzig Meter bis zum verdammten Ende. Der Wind war lau, ihr Nacken war klebrig und feucht, aber nicht wegen der Hitze.

Tobias Müller hielt das Kind mit beiden Händen, die Finger verkrampft um den winzigen Körper, als könnte er ihn mit bloßer Wut festhalten. Die kleinen Arme ruderten ins Leere, hilflos, verzweifelt, als würde das Baby den Abgrund ahnen, der unter ihm gähnte. Sein Schreien durchschnitt die Nacht, schrill und grell, peitschte über den Beton, prallte von den Wänden zurück wie ein Schuss. Für einen Moment vibrierte die Luft, schwer vom Lärm, vom Wahnsinn. Emma stand still. Kein Zucken. Noch nicht. Ihr Blick ruhte auf Tobias. Die Zeit in Untersuchungshaft hatte aus ihm keinen besseren Mann gemacht. Nur einen gefährlicheren. Seine Augen – dunkel, leer – waren keine Fenster mehr. Eher Falltüren in die Hölle.

„Tobias“, sagte sie. „Lass uns reden.“

Er lachte. Rau, bitter. Ein Geräusch wie Schmirgelpapier auf rostigem Metall.

„Reden? Du willst reden, Bullenschlampe?“

Der Name war egal. Der Ton hingegen war es nicht. „Ja, reden. Ich verstehe deinen Schmerz.“

Er kniff die Augen zusammen. Emma konnte sehen, wie sein Kiefer mahlte.

„Du verstehst gar nichts“, zischte er. „Sie hat mich verarscht! Mich ersetzt! Und jetzt soll ich mich benehmen, als wär das hier ’n gottverdammter Kindergarten?“

„Tobias“, wiederholte sie ruhig.

Er wischte sich über die Stirn, sein Griff um das schreiende Baby wurde fester. Emma sah, wie sich die kleinen Hände verkrampften. Keine Zeit für Spielchen.

„Ich weiß, dass du wütend bist“, sagte sie. Ihre Stimme ruhig, obwohl ihr Puls raste.

Tobias’ Augen zuckten kurz, seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen – kein echtes, nur ein Mittelfinger in Gesichtsgestalt.

„Ach ja? Woher willst du das wissen, du dreckige Bullenhure?“ Seine Stimme war heiser, voller Galle. „Weil du so scheiße klug bist? Weil du mich damals eingebuchtet hast?“

Er schnaubte. Sein Griff um das Baby wurde noch fester. Das Kind kreischte, ruderte mit den winzigen Armen, als wollte es selbst nach Luft schnappen.

„Ich sitz’ drei Jahre in der Hölle und komm raus – für was? Damit diese Nutte sich von irgendeinem anderen Typen nageln lässt? Und dann auch noch von dem seine Missgeburt kriegt? Das Ding gehört nicht in diese Welt!“

Seine Finger zuckten. Ein Moment der Unachtsamkeit – oder der Entscheidung. Emma spürte das Funkgerät unter ihren silbergrauen, schulterlangen Haaren knistern. Der Einsatzleiter wartete. Auf sie. Sie musste ihn loslassen. Aber nicht das Kind.

Tobias, der einer gefürchteten Motorradgang angehörte, hatte damals fast einen Mann totgeprügelt. Emma hatte ihn verhaftet und hinter Gittern gebracht, bis ein gewiefter Anwalt ihn mit einem Federstrich zurück auf die Straße gebracht hatte.

„Tobias“, sagte sie noch einmal. „Lass das Baby los. Es hat nichts damit zu tun.“

Sein Blick zuckte zu ihr. Ein winziger Moment. Dann hob er die Arme – und lachte. Emma sah es kommen, bevor er es tat. Seine Muskeln spannten sich an, der Wahnsinn in seinen Augen flackerte. Ein Bruchteil einer Sekunde – das genügte. Er wollte es tun. Sie zog den Abzug durch. Der Schuss brach die Nacht auf wie eine Glasscheibe. Tobias’ Körper ruckte nach hinten, ein Loch in seiner Brust, genau da, wo sein Herz mal war. Seine Augen weiteten sich, eine Mischung aus Überraschung und … vielleicht sogar Erleichterung.

Das Baby fiel. Emma sprang. Ein Instinkt, eine Bewegung, die nur Sekundenbruchteile dauerte – aber genau die entschied, ob das Kind lebte oder starb. Zwei Hände. Ein Griff. Ein Atemzug später – und sie hatte es. Tobias’ Körper schlug auf dem Asphalt des Balkons auf. Hart. Endgültig. Das Baby schrie weiter, aber das war gut. Schreie bedeuteten Leben. Emma lehnte sich an das Geländer, drückte das Kind an sich. Ihre Uniform war feucht vom Schweiß. Sie hörte Sirenen, eilige Schritte, Stimmen im Funk. Jemand rief ihren Namen. Aber sie sah nur das Kind in ihren Armen. Leben. Ein winziger Sieg in einer Nacht voller Verluste.

Emma trat in die Wohnung, das Adrenalin noch in den Knochen. Die Mutter lag auf dem Küchenboden. Der Hals aufgeschlitzt, das Blut ein dunkler See um ihren Kopf. Kein Zittern mehr. Keine Angst mehr. Nur noch Stille.

Emma betrachtete die Leiche. Kein Zeichen eines Kampfes. Keine Spuren einer Flucht. Es war nicht nur Mord. Es war eine Hinrichtung.

Ihr Funkgerät knackte.

„Winter? Status?“

Sie atmete durch, sah auf das Baby in ihren Armen. „Tatort sichern. Mutter tot. Verdächtiger eliminiert.“ Eine Pause folgte.

„Bestätigt. Winter … alles okay bei Ihnen?“

Sie sah in das Gesicht des Babys. Seine kleinen Finger packten ihre Weste, hielten sich fest, als hätte es begriffen, dass sie die Einzige war, die noch da war. Emma schloss für einen Moment die Augen.

„Ja“, log sie.

Kapitel 2

Schlaf war für Feiglinge. Für Optimisten. Für Leute, die noch glaubten, dass morgen ein besserer Tag werden könnte. Franco „Ciccio“ Zucchero fiel in keine dieser Kategorien. Er lag auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, während die Dunkelheit des Lofts sich um ihn legte wie ein altes, viel zu oft getragenes Jackett – voller Flecken, voller Erinnerungen, die man nicht mehr rauskriegte. Die Klimaanlage schnurrte leise oder besser gesagt: Sie röchelte wie ein sterbender Raucher, der seine letzten Atemzüge zählte. Das Gerät hatte ihn ein Vermögen gekostet und arbeitete trotzdem weniger effizient als die Schweizer Justiz. Die Luft war schwer, schwül und klebte an seiner Haut wie schlechte Entscheidungen. Neben ihm regte sich etwas. Bella, seine treue, winzige Mitbewohnerin mit vier Pfoten und null Verantwortungsbewusstsein. Sie streckte sich genüsslich, rieb ihre Schnauze an seinen Rippen und entließ einen zufriedenen Seufzer – eine Mischung aus Hund, Teppich und der leichten Note von Ich habe vorhin auf deinem Kopfkissen gelegen, deal with it!

Franco verzog das Gesicht. „Du hast echt keine Sorgen, hm, Principessa?“ Bella sah ihn nur an, dieser Blick zwischen Desinteresse und göttlicher Überlegenheit. Natürlich nicht. Ihre einzige Lebenskrise war, wenn ihr Napf nicht pünktlich gefüllt wurde. Ein Luxusleben. Keine Ex-Frauen, keine Steuern, keine moralischen Grauzonen. Nur schlafen, fressen und wieder schlafen. Und doch hatte sie mehr Würde als die meisten seiner Mandanten.

Franco rollte vorsichtig aus dem Bett. Dabei stöhnte er wie einer, der mit dem Teufel Grappa getrunken und beim Kartenspiel verloren hatte. Sein Rücken knackte. Sein Knie knackte. Sein Stolz knackte. Ein Knicklicht im Maßanzug. Franco trottete zur Küche, barfuß über den kalten Betonboden. Das Gefühl mochte er. Eine Erinnerung daran, dass er noch lebte. Noch atmete. Noch Schulden hatte. Sein Blick streifte durch das Loft. Glas. Beton. Minimalismus. Teuer genug, dass die Leute dachten, er hätte Geschmack, aber nicht dekadent genug, um ihn für einen Blender zu halten. Eine Wohnung für einen Mann, der sich eingeredet hatte, dass er mit leeren Wänden besser klarkam als mit vollen. Er zog die Kühlschranktür auf, ließ sich für einen Moment von der kühlen Luft streifen. Ein Hauch von Paradies. Die Eiswürfelschale rutschte ihm entgegen, als hätte sie es eilig. Er nahm sie, ließ zwei Würfel in ein Glas fallen. Das leise Klirren klang fast schon bedeutungsvoll. Dann füllte er es mit Wasser. Der erste Schluck war hart. Der zweite besser.

Bella gähnte demonstrativ. Er nahm einen Zigarillo aus der Schublade, biss auf den Filter, ohne ihn anzuzünden. Der Geschmack von altem Tabak und noch älteren Fehlern. Passte zur Nacht.

Neben ihm saß Bella und starrte ihn an. Franco erwiderte den Blick. „Lass mich raten. Du willst was.“ Sie legte den Kopf schief. Unschuldig. Berechnend. Ihre Ich bin klein, aber du bist mir komplett ausgeliefert-Miene.

Er seufzte. „Klar. Ich kann nicht schlafen, also bedeutet das automatisch, dass du Hunger hast.“

Er griff nach der Schublade, riss eine Packung Hundesnacks auf und warf ihr einen zu. Sie fing ihn im Flug, kaute mit der Selbstzufriedenheit eines Wesens, das genau wusste, dass es gewinnen würde. Immer.

Franco lehnte sich gegen die Theke, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Früher tiefschwarz, jetzt mehr grau als alles andere. Passte zum Rest von ihm – gut erhalten, aber mit ein paar mehr Gebrauchsspuren als in der Verkaufsanzeige stand. Bella kaute mit der Langsamkeit eines Gourmets, der genau wusste, dass er nachbestellen konnte. Ihr Blick war ein stilles Urteil. „Oscarreife Performance, Principessa“, murmelte er und nahm einen Schluck Wasser.

Stille. Nicht die angenehme Art, sondern die Sorte, die sich anfühlte wie eine unbezahlte Rechnung. Die sich in dunkle Ecken setzte, bis sie sich in jedem Atemzug wiederfand. Tagsüber wurde sie übertönt, von Anrufen, Deals, Stimmen, die Wahrheit und Lügen in denselben Atemzügen servierten. Doch jetzt? Jetzt war da nur das müde Summen der Klimaanlage, die gegen die Hitze kämpfte wie ein Anwalt gegen einen Schuldspruch, den alle längst akzeptiert hatten. Franco wusste, dass es nicht die Luft war, die ihn wachhielt. Er war ein Mann, der Paragrafen bog, bevor sie ihn brachen. Der wusste, dass Moral ein dehnbarer Begriff war, solange man den richtigen Preis zahlte. Und genau jetzt trat ihm die Vergangenheit ins Hirn wie ein ungeduldiger Geldeintreiber. Vor seinem geistigen Auge sah er den Gerichtssaal, ein Boxring, in dem Wahrheit und Lüge dieselbe Handschrift trugen. Ein reicher Unternehmer neben Franco schwitzte. Kein Wunder. Der Mandant war schuldig. Bis auf die Knochen. Aber dank Franco war das jetzt nicht mehr sein Problem. Der Richter? Ein Mann mit müden Augen, der lange genug im Geschäft war, um zu wissen, dass Wahrheit nur eine Frage der besseren Argumente war. Franco hatte geliefert. Lückenlose Beweise, die einen anderen Mann ins Visier rückten – einen Namen, den niemand kannte, einen Geist, der nie vor Gericht stehen würde. Ein Opfer der Umstände. Ein Kollateralschaden.

Er ließ die Stille arbeiten. Sah, wie sich Zweifel in den Falten des Richters einnisteten. Dann drehte er den Zigarillo zwischen den Fingern und beugte sich vor.

„Herr Richter, mein Mandant ist unschuldig. Die Spur führt zu einem anderen Schuldigen. Jemandem, der sich längst aus dem Staub gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft jagt den Falschen.“ Kurze Pause. „Und glauben Sie mir – der Richtige wird nie gefunden werden.“ Franco sah es. Das unmerkliche Zucken im linken Augenwinkel. Der Moment, in dem der Richter begriff, dass Gerechtigkeit manchmal einfach nur ein Bluff war. Dann kam das unvermeidliche Seufzen, kurz vor dem Freispruch. Franco hatte gewonnen.

Bella bellte kurz, ein scharfes, ungeduldiges Geräusch, das ihm wieder ins Bewusstsein schlug.

„Sì, sì, va bene“, murmelte Franco, biss mit den Zähnen kurz auf den Filter des Zigarillos und warf ihn dann in den Mülleimer. „Ich weiß. Wir brauchen Luft. Und ich brauch einen verdammten Whisky.“ Aber um zwei Uhr morgens, in Boxershorts, mit einem Chihuahua als einzige Zeugin, war er nicht der berüchtigte Franco Zucchero, der Staranwalt mit besten Verbindungen zur Justiz, Unterwelt und allem dazwischen. Nein, er war einfach nur ein Kerl, der mit sich selbst nicht ins Reine kam.

Bella hob den Kopf, blinzelte ihn an, der Blick einer kleinen Königin, die genau wusste, dass sie am längeren Hebel saß. „Ich komme ja schon, Sklaventreiberin.“

Er drückte sich von der Theke ab, riss sich das feuchte Shirt über den Kopf und trat zum Schrank. Kurz überlegte er – Shorts oder Jeans? Er war sechzig, nicht zwanzig. Shorts also. Locker, aber nicht schlabbrig. Respekt gegenüber sich selbst musste sein. Barfuß durch die Stadt zu laufen war nicht sein Stil. Sein Blick fiel auf die Sandalen. Teures italienisches Leder, handgefertigt, angeblich sommerlich elegant. In Wahrheit sahen sie aus wie die Fußbekleidung eines pensionierten Archäologen. Er zog sie trotzdem an. Würde ja ohnehin niemand auf seine Füße achten – hoffentlich.

Bella gähnte, streckte sich, schüttelte sich kurz, als würde sie sich von der Hitze selbst befreien, und trabte dann zur Tür. Sie wusste, dass er sie nicht warten lassen würde. Weil er ein harter Hund war und sie sein verdammter Boss. Die Luft draußen war keine Erleichterung, aber zumindest bewegte sie sich. Der Asphalt hatte noch die Glut des Tages gespeichert, dampfte Hitze in die Dunkelheit. Oben summten die Stromleitungen, ein fernes Echo von etwas, das er nicht ganz greifen konnte.

Bella schnüffelte an jedem zweiten Pflasterstein mit der Beharrlichkeit einer Archäologin, die kurz davor war, die vergessene Stadt Atlantis auszugraben. Franco verschränkte die Arme, wischte sich mit der freien Hand über die Stirn.

„Signorina, du bist ein Chihuahua, kein Drogenspürhund. Niemand wird dich für das Markieren einer Parkbank zur Heldin des Jahres ernennen.“

Bella ignorierte ihn. Natürlich. Für sie war er nur der Typ mit den Snacks und der Leine – weiter nichts. Die Straßen lagen totenstill. Keine Autos, keine Stimmen. In der Ferne röchelte eine Klimaanlage, kämpfte gegen die Hitze wie ein Boxer in der zwölften Runde. Plötzlich – Scheinwerfer. Ein Jeep. Langsam, bedächtig, wie eine Raubkatze, die wusste, dass sie am Ende sowieso gewann. Der Wagen hielt vor dem alten Fabrikgebäude, wo sich sein Loft befand und parkte. Die Tür öffnete sich. Emma. Franco erkannte die Bewegung, bevor er ihr Gesicht sah – die Art, wie sie sich über die Haare strich, mechanisch, abwesend. Selbst aus der Entfernung konnte er es sehen. Die Nacht hatte an ihr genagt, hatte sie ausgespuckt wie einen Knochen ohne Fleisch. Franco blieb stehen. Nicht, weil er Angst hatte, sondern weil Emma nie auftauchte, ohne dass sich etwas in seinem Leben verdunkelte. Bella winselte leise, dann rannte sie los. Franco seufzte. „Natürlich.“

Er folgte ihr mit schweren Schritten. Die Hitze lag in der Luft wie eine schlechte Erinnerung, zäh und klebrig. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er sich durch Sirup bewegen. Bella hatte den Jeep längst erreicht, tippelte aufgeregt um Emma herum, während diese sich bückte und ihr flüchtig über den Kopf strich. Franco blieb stehen, ließ den Blick über sie wandern. Sie sah aus wie jemand, der aus einem Albtraum aufgewacht war – nur um festzustellen, dass die Realität noch schlimmer war. Schultern zu tief. Augen zu hohl.

„Mamma mia! Du siehst aus, als hättest du mit einer Horde wilder Tiere gekämpft“, sagte er trocken.

Emma grinste. „Fast. Es war nur ein Monster.“

Franco schwieg und ließ die Stille für ihn arbeiten. Wenn Emma das Wort Mostro in den Mund nahm, bestellte die Nacht noch eine Runde. Ihr Lächeln war dünn wie zu lange gelagerter Prosciutto, mehr Maske als Trost. Er neigte den Kopf, die Augen schmal. Der Anwalt in ihm roch Blut, der Sizilianer Wetterwechsel.

„Also? Was ist passiert?“

Emma holte tief Luft, ließ den Kopf kurz nach hinten fallen, als müsste sie erst sich selbst überzeugen, die Wahrheit auszusprechen. „Ich habe jemanden erschossen.“

Die Worte standen zwischen ihnen wie ein umgekippter Stuhl in einer dunklen Küche. Franco blinzelte nicht mal. „War es notwendig?“

Emma zögerte nicht. „Ja.“

Er nickte. „Dann hast du das Richtige getan.“

Sie schloss die Augen für einen Moment. Vielleicht, um die Szene noch einmal abzuspielen. Vielleicht, um sie zu löschen.

„Mag sein“, murmelte sie. „Ändert aber nichts daran, dass ich es getan habe.“

Franco sah, wie ihre Finger sich unbewusst um den Türrahmen verkrampften, als bräuchte sie Halt. Er seufzte. „Komm hoch zu mir.“

Emma hob eine Augenbraue.

„Ein Drink auf dem Balkon. Vanilleeis mit Erdbeeren. Und du erzählst mir, was los ist.“

Sie schnaubte leise. „Klingt zu perfekt, um wahr zu sein.“

„Ich bin ein Mann der feinen Genüsse“, murmelte er und zog eine zerknitterte Zigarillo-Packung aus der Hosentasche. Mit dem Daumen klopfte er dagegen, bis einer herausrutschte. Er steckte ihn zwischen die Lippen und zündete ihn an, mit der Gelassenheit eines Mannes, der sich über seinen eigenen Niedergang keine Illusionen machte. Tief inhalieren. Langsam ausstoßen.

„Und wenn ich dich schon nicht therapieren kann, kann ich dich wenigstens mit Zucker bestechen.“

Emma verschränkte die Arme, das Kinn trotzig nach vorn gereckt. „Oh, großartig. Lungenkrebs und leere Versprechen. Du weißt wirklich, wie man eine Frau verwöhnt.“

Franco grinste. „Das hier bringt mich nicht um, cara mia.“

„Nein? Und was dann?“

„Wahrscheinlich du. Oder der Feueralarm, der jedes Mal schreit, wenn du wieder versuchst, in der Küche Pasta zu ermorden.“

Er nahm einen letzten Zug, blies den Rauch durch die Nase und ließ den Zigarillo fallen. Mit der Schuhspitze drückte er ihn aus, als wollte er einen Gedanken zertreten, der zu laut geworden war. „Aber wenigstens sterbe ich mit Stil.“

Emma verzog den Mund. „Stil? Du isst Spaghetti mit Ketchup, Franco. Das ist kein Stil, das ist ein Verbrechen gegen Italien.“

Franco sah sie an, als hätte sie ihm gerade die Ehre und die Staatsbürgerschaft geraubt. „Hey, Carissima, das war einmal. Eine Nacht. Der Kühlschrank leer, die Seele hungrig, der Supermarkt zu. Ein Unfall, kein Lebensstil.“

„Aha.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Und hast du wenigstens daraus gelernt?“

„Ja, nie wieder ohne Vorrat an passierten Tomaten. Und, hey …“ Er beugte sich leicht zu ihr, als würde er ein Staatsgeheimnis verraten. „Wenn du ein Herz hast, dann erzähl das bloß nicht meiner Schwester Serena. Die würde mich auf offener Straße exkommunizieren.“

„Zu Recht. In Sizilien nennt man das Gotteslästerung und Nonna Rosa würde persönlich aus dem Grab steigen, um dich mit dem Kochlöffel zu erschlagen.“ Ein müdes Lächeln zuckte über ihre Lippen. Nicht viel, aber genug.

Franco drehte sich um, Bella sprang an ihm hoch, als wollte sie sichergehen, dass er das hier auch wirklich durchzog. „Ja, ja“, murmelte er. „Bevor uns die Hitze alle umbringt.“

***

Die Tür der Wohnung fiel leise ins Schloss.

Auf dem geräumigen Sofa des Lofts stolzierte Bella auf ihr Kissen zu, drehte sich zwei Mal wie eine Diva, die ihre perfekte Schlafposition suchte, und landete mit demonstrativer Hingabe auf dem Thron ihrer Wahl. Ein Profi im Nichtstun. Emma folgte ihr. Der Platz war für beide eine Art Zufluchtsort. Groß genug, dass man sich als Nachbarn und fast gleichaltrige, gute Freunde aus dem Weg gehen konnte, aber nicht groß genug, um sich ignorieren zu können.

Franco verschwand in der Küche. Er wusste, was jetzt kam – das Schweigen, das schwere Atmen, das Gefühl, dass in ihrem Kopf ein Film lief, den sie nicht abschalten konnte. Also gab er ihr Zeit.

Er holte zwei Schüsseln aus dem Geschirrschrank, packte Vanilleeis hinein, schnitt Erdbeeren darüber. Anschließend griff er nach der offenen Oreo-Packung auf dem Küchentresen und legte sie dazu, Routine, kein Ritual.

Sein Blick streifte die Flasche Whisky auf dem Regal, der gute, torfige, den er eigentlich für besondere Anlässe aufhob. Er nahm ihn trotzdem, zwei Gläser gleich dazu. Das kleine Geheimnis des Trosts. Mit der süßen und rauchigen Fracht in der Hand trat er auf den Balkon.

„Eis, Zucker und Alkohol“, sagte er und stellte ihre Schüssel vor sie hin. „Alles, was eine kaputte Seele zusammenflickt.“

Emma nahm die Schale dankend entgegen und drehte den Löffel einmal zwischen den Fingern, bevor sie sich eine Portion in den Mund schob. Franco setzte sich, schaufelte sich selbst eine Ladung auf die Zunge. Manchmal war Kälte das Einzige, das noch half – sei es im Becher oder im Leben.

Die Minuten verstrichen. Irgendwo in der Ferne röhrte ein Motorrad durch die leeren Straßen. Schließlich stellte Emma ihre Schüssel ab.

„Es war ein Baby.“

Franco hielt in der Bewegung inne. Er hob eine Augenbraue. „Was war ein Baby?“

Emma drehte den Löffel in der Hand, starrte in die Nacht.

„Der Mann, den ich erschossen habe. Er hielt ein Baby über die Brüstung eines Balkons.“

Franco ließ den Löffel sinken. „Verdammt.“

„Ja.“ Emma verschränkte die Arme und ihre Miene blieb reglos. Steinern. „Ich wusste, wer er war“, sagte sie. „Ich hatte ihn schon mal verhaftet. Aber er kam mit einem Anwalt wieder raus.“

Franco schnaubte. „Ein Mann nach meinem Geschmack.“

Emma würdigte den Spruch keiner Reaktion. „Dieses Mal stand er da“, fuhr sie fort, „und drohte, ein Baby fallen zu lassen.“

Franco schwieg. Er kannte diesen Tonfall. Kein Zittern, keine Rechtfertigung. Nur das kalte, schlichte Protokoll einer Entscheidung.

„Also hast du ihn erschossen.“

„Ja.“

Franco nahm noch einen Löffel Eis. Ließ die Kälte auf der Zunge schmelzen. Spürte, wie sie nutzlos verpuffte.

„Gute Entscheidung.“

Emma schnaubte. „Erledigt ist es trotzdem nicht.“

„Es gibt eine Untersuchung?“

„Natürlich.“ Sie lachte trocken. „Papierkram. Bürokratische Seelenfolter. Und irgendeine Psychologin wird mir Fragen stellen, die sie selbst nicht beantworten wollen würde.“

Franco grinste schief. „Wenn sie schlau ist, fragt sie dich nur, ob du noch was von dem verfluchten Eis willst.“

Emma lachte kurz, rostig, als wäre ihr Lachen lange nicht benutzt worden. Dann wurde sie wieder ernst.

„Und wenn sie nicht schlau ist?“

Franco zuckte mit den Schultern. „Dann stellt sie dir dieselben bescheuerten Fragen, die ich in jedem zweiten Strafprozess höre: Wie haben Sie sich dabei gefühlt? Glauben Sie, dass Sie richtig gehandelt haben? Würden Sie es wieder tun?“

Emma verzog den Mund. „Und was sagst du deinen Mandanten, wenn sie so etwas gefragt werden?“

Franco nahm einen Löffel Eis und sprach mit vollem Mund. „Kommt drauf an. Wenn sie zahlen, sage ich: Die Klappe halten war schon immer die beste Verteidigungsstrategie. Und wenn sie erst anrufen, wenn’s brennt, kriegen sie eine Standpauke gratis dazu: Das nächste Mal ruft ihr mich vorher an, ihr Idioten.“

Emma schüttelte den Kopf. „Und doch hast du dir einen Partner für deine große Anwaltskanzlei gesucht, der die ganze Scheiße in Zürich ausbaden darf, während du dich in Zofingen verkriechst.“

Franco grinste. „Verkriechen? No, cara mia. Ich arbeite im Homeoffice Zofingen – die exklusive Dependance meiner Kanzlei. Ich muss ab und zu nach Zürich, aber glaub mir, ich zähle dort jede Minute runter wie ein Strafgefangener.“ Er nahm einen Löffel Eis und zeigte damit auf sie. „Diese Großstadt ist ein Freiluftgefängnis mit überteuertem Kaffee. Ein Haufen Anzugträger mit Zahn-Bleaching, die sich für Könige halten, weil sie gelernt haben, wie man dynamisch in einem Fahrstuhl steht.“ Er lehnte sich zurück. „Ich hab meine Pflicht getan – Kanzlei aufgebaut, einen guten Partner reingeholt, der sich dort wohlfühlt. Und dann? Na ja, raus aus dem Scheinwerferlicht, rüber in den Kanton Aargau.“

Emma grinste schief. „Und jetzt sitzt du in Zofingen, meilenweit weg vom ganzen Trubel, mit einem Chihuahua als Assistentin und einem Gefrierschrank voller Eiscreme.“

Franco nahm noch einen Löffel. „Verdammt richtig. Und ich berechne mir selbst keine Überstunden.“

„Wie auch immer“, sagte sie. „Es gibt da noch etwas.“

Franco seufzte. „Natürlich gibt’s noch etwas. Ist es schlimmer als ein Baby in Lebensgefahr?“

Emma drehte den Löffel zwischen den Fingern, als wäre er ein Münzwurf über ihr Schicksal.

„Kommt drauf an“, sagte sie.

Franco lehnte sich zurück. „Leg los.“

Emma sah ihn an. Lang. Abschätzend. Ihre Finger suchten den Schalenrand, fanden Halt. „Ich habe Demenz.“

Die Worte fielen schwer. Wie Steine in einen tiefen Brunnen. Franco rührte sich nicht. Blinzelte nur einmal. „Seit wann?“, fragte er schließlich.

„Die Diagnose war vor sechs Monaten. Rasant fortschreitend seit einem Monat.“

„Scheiße.“

„Ja.“

Franco legte den Löffel beiseite. Seine Kehle fühlte sich trocken an, als hätte er eben Wüstensand geschluckt.

„Deshalb kündige ich nächste Woche“, sagte Emma. „Ich kann mir keine Fehler leisten in meinem Job.“

Franco nickte. Merda! Er wusste nicht, was er sagen sollte. Worte heilten keine Gehirnzellen. Und Gefühle? Die waren für ihn wie Steuererklärungen – lästig, kompliziert und wenn möglich, delegierte er sie an jemand anderen.

Emma nahm einen weiteren Bissen Eis. Keine große Sache. Als hätte sie gerade gesagt, sie wechsele den Friseur oder probiere eine neue Diät aus.

Franco kratzte sich am Kinn. „Weißt du, normalerweise bin ich der Typ, der auf schlechte Nachrichten mit einem cleveren Spruch reagiert, aber das hier …“

Emma hob eine Augenbraue. „Ist eine Nummer zu groß für dein Repertoire?“

Er zuckte mit den Schultern. „Sagen wir mal so: Wenn ich das jetzt mit Humor nehme, klinge ich wie ein Arschloch. Und wenn ich verständnisvoll bin, wirkt es unauthentisch. Also sitze ich hier und versuche, nicht wie ein verfluchter Fisch zu glotzen.“

Emma schob sich noch einen Löffel Eis in den Mund. „Keine Sorge. Du glotzt eh immer wie ein Fisch.“

Franco grinste. „Gott sei Dank, dass ich mir wenigstens in der Kategorie treu bleibe.“ Er atmete tief durch und fuhr fort: „Okay. Was brauchst du?“

Emma hielt inne. „Nichts.“

„Bullshit.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe es dir gesagt. Das war’s. Du bist mein bester Freund.“

Franco zog eine Braue hoch. „Dein einziger Freund.“

Emma verzog den Mund. „Danke. Na ja, bei dir sieht es mit Freundschaften doch nicht viel besser aus. Ich meine mit richtigen Freunden, oder?“

Franco hob die Hände, die volle Bandbreite seiner sizilianischen Wurzeln in der Gestik. „Cara, meine Freundesliste ist exklusiv. Streng selektiert. Ein erlesener Kreis aus dir, Bella und meinem Weinhändler.“

Emma verschränkte die Arme vor der Brust. „Oh, wow. Ein Chihuahua und ein Typ, der dir überteuerte Flaschen andreht. Du bist ja richtig gut vernetzt.“

Franco zuckte mit den Schultern. „Hey, mein Weinhändler versteht mich. Er redet nicht viel, aber wenn ich sage, ich brauche was Starkes, dann kommt er nicht mit ’nem Händedruck, sondern mit einer Flasche Barolo.“ Er griff zur Oreo-Packung

und schob sie zu ihr rüber. „Hier. Zucker hilft beim Verdrängen. Oder willst du warten, bis ich dir Wein einschenke und eine Tragödie daraus mache?“

„Also ist das dein Plan? Mich mit Zucker ruhigstellen?“, fragte sie trocken.

„Wenn du den Verstand verlierst, dann wenigstens mit Geschmack“, erwiderte er.

Emma griff nach einem Keks, drehte ihn zwischen den Fingern. „Sogar du kannst das nicht schönreden.“

Franco zog eine Augenbraue hoch. „Warte nur. Ich könnte ein Seminar über beschissene Situationen mit einem positiven Spin halten.“ Seine Stimme wurde leiser, aber fester. „Und falls dein Kopf irgendwann nicht mehr mitspielt – ich bin da. Egal, was kommt.“

Emma sah ihn lange an, als würde sie seine Worte abwägen. Schließlich meinte sie trocken: „Vielleicht solltest du deine Zielgruppe überdenken.“

„Stimmt. Aber du isst immerhin meinen Keks.“

Sie bissen gleichzeitig in ihre Kekse hinein. Krümel fielen auf den Tisch. Bella spitzte die Ohren. Innerhalb einer Sekunde war sie auf den Beinen – ein winziger, pelziger Staubsauger mit eingebautem Krümel-Radar. Sie fegte über den Boden, ihre kleine Zunge blitzte hervor, während sie mit der Effizienz einer fünfzehnköpfigen Putzkolonne jedes noch so winzige Keksstück eliminierte.

„Heilige Scheiße, Bella“, murmelte Emma. „Hast du in einem früheren Leben als Tischkehrmaschine gearbeitet?“

Franco schnaubte. „Keine Ahnung, aber in diesem Leben hat sie die Überlebensstrategie eines Mafia-Bosses. Nichts wird verschwendet.“

Kaum hatte Bella den letzten Krümel verputzt, hüpfte sie mit einer geschmeidigen Bewegung auf Emmas Schoß, rollte sich dort zusammen und sah sie erwartungsvoll an.

Emma seufzte. „Vergiss es, du hast alles aufgefressen.“ Bella blinzelte. Streckte vorsichtig eine winzige Pfote auf Emmas Arm. „Oh nein, das funktioniert nicht bei mir“, murmelte Emma und strich ihr über das Fell.

Franco grinste. „Doch, es funktioniert immer.“

Emma verdrehte die Augen, während Bella sich noch tiefer in ihren Schoß kuschelte – bereit für eine ausgiebige Streicheleinheit oder, noch besser, für weitere Keksreste. Die Stille zog sich wie Kaugummi, zäh und unausweichlich. Franco sah zum Himmel, wo die Sterne sich nicht die geringste Mühe gaben, Antworten zu liefern. Egal. Heute musste er keine finden.

Das Piepen einer SMS durchbrach die Stille wie ein ungebetener Gast, der nicht wusste, wann es Zeit war zu verschwinden. Emma blieb reglos, nur ein flüchtiges Flimmern über ihrer linken Augenbraue, ein Hauch von Spannung in den Schultern. Franco entging es nicht. Ihm entging so etwas nie. Sekundenbruchteile von Emotion, die sich durch ihre sonst so undurchdringliche Miene fraßen. Sie griff nach dem Handy, las die Nachricht, dann schüttelte sie den Kopf und legte das Telefon mit einer resignierten Bewegung auf den Tisch. Franco ließ sich tiefer in die Polster seines Stuhls sinken, wie ein Mann, der sich innerlich darauf vorbereitete, gleich eine besonders miserable Restaurantkritik zu schreiben.

„Was ist los?“

Emma massierte sich die Schläfen. „Sandra, meine Ex-Schwägerin, ist durchgeknallt.“

Franco zog eine Augenbraue hoch. „Sensationell. Und als Nächstes schockierst du mich mit der Enthüllung, dass der Papst katholisch ist?“

Emma verzog den Mund zu einer schmalen Linie. „Jetzt noch mehr als sonst, meinte ich.“

Franco nahm einen Schluck aus seinem Glas, ließ den Whisky auf der Zunge liegen, als müsste er erst überlegen, ob er sich besser volllaufen lassen sollte, bevor er weiterredete. „Wovon genau reden wir hier? Normales Sandra-Wahnsinns-Level oder hat sie angefangen, mit Tauben über Regierungsverschwörungen zu diskutieren?“

Emma rieb sich über die Stirn. „Maximal-Level. Die spinnt total.“

Franco stöhnte leise. „Diese Frau ist wie ein verdammter Virus. Man glaubt, man ist sie los, dann mutiert sie und kommt doppelt so aggressiv zurück. Was will sie dieses Mal? Einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde für die längste Hasskampagne gegen eine Ex-Schwägerin?“

Emma atmete tief durch, als müsste sie sich sammeln.

„Scheinbar ist Levi verschwunden.“

Franco hielt inne. Dann stellte er sein Glas mit übertriebener Ruhe ab, wie jemand, der weiß, dass ihm gleich ein Haufen Scheiße serviert wird, den er nicht bestellt hat. „Verschwunden wie Ich brauch mal ’ne Pause von diesem ganzen Mist oder verschwunden wie Jemand hat ihn einbetoniert und als Fundament für einen neuen Parkplatz benutzt?“

Emma sah ihn nur an. Kein Wort. Kein Blinzeln. Franco seufzte leise. Er wusste, dass ihm der Whisky gleich so schmecken würde, als hätte jemand einen rostigen Nagel darin versenkt. Wir reden von deinem Ex-Mann Levi, oder?“

Emma nickte.

„Der Typ, der Betrug zur Kunstform erhoben hat?“

„Genau der.“ Emma verzog das Gesicht, als hätte sie gerade in eine vergammelte Zitrone gebissen. „Gibt es noch einen anderen Levi, der mein Leben in eine nie endende Höllenspirale verwandelt hat?“

Franco schnalzte mit der Zunge. „Wenn ja, solltest du dringend über einen Exorzismus oder zumindest über besseren Männergeschmack nachdenken.“

Emma beugte sich vor, ihr Blick scharf wie eine frisch geschliffene Klinge. „Oh wow, danke für die Analyse, Dr. Freud. Ich wusste nicht, dass du jetzt unaufgefordert Beziehungsratschläge gibst. Soll ich dir im Gegenzug erklären, warum du allein mit einem Chihuahua lebst?“

Franco zuckte mit den Schultern. „Hey, ich stelle nur Tatsachen fest. Deine Männerhistorie klingt wie ein True-Crime-Podcast. Betrüger, Narzissten, Soziopathen – fehlt nur noch ein Serienmörder, und du hast das Bingo voll.“ Er beugte sich vor, nahm einen Schluck Whisky und fügte trocken hinzu: „Weißt du, in meiner Heimat Sizilien würden die Nonnen für dich beten – und die Mafia würde dir anbieten, dein nächstes Date vorher durch den Fleischwolf zu drehen.“

Emma griff nach Francos Whiskyglas, nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. „Schmeckt nach geplatzten Träumen und schlechten Entscheidungen.“

Franco grinste. „Passend. Genauso schmecken deine Ex-Männer auch, nur mit weniger Jahrgangsreife.“

Emma stellte das Glas mit einem dumpfen Klacken auf den Tisch, rieb sich die Schläfen und seufzte.

„Verdammt. Ich hasse es, wenn du recht hast. In Sachen Männer hatte ich wirklich immer ein Talent für die totalen Katastrophen.“

Franco hob sein Glas. „Willkommen im Club. Drei Ex-Frauen, ein Hund. Noch eine Scheidung, und der Sommelier im Il Gattopardo serviert mir automatisch die Reserveflasche.“

Emma schnaubte ein Lachen. „Also bist du keinen Deut besser?“

Franco zuckte grinsend mit den Schultern. „Ich sag mal so: Wenn wir ein Beziehungscoaching starten würden, wäre der Slogan Lass es lieber.“

Emma griff nach einem weiteren Keks, brach ein Stück ab und steckte es sich mit demonstrativem Genuss in den Mund. Mit einem kurzen Nicken deutete sie auf sein Glas. „Trink. Auf unsere miserable Erfolgsquote.“ Franco hob sein Glas und prostete ihr zu.

„Auf uns! Die Ruinen menschlicher Romantik.“

Emma atmete aus, drehte den restlichen Keks zwischen den Fingern und nahm einen bedächtigen Bissen. Franco kannte die Geschichte mit Levi. Jeder kannte sie. Emma und Levi Winter – einst das perfekte Vorzeigepaar. Dann kam die Scheidung. Ein Blutbad vor Gericht, das selbst den abgehärtetsten Familienrichter Albträume beschert hätte. Aber das war nicht mal das Schlimmste gewesen.

„Erinnerst du dich noch daran, als ich ihn angezeigt habe?“

Franco rieb sich mit zwei Fingern übers Kinn. „Vergessen? Ich hab mir damals Popcorn gemacht.“

Levi Winter war kein gewöhnlicher Ex-Mann. Er war ein Blender. Einer von denen, die in maßgeschneiderten Anzügen durch die Welt spazierten, als hätten sie die Finanzmärkte mit der Muttermilch aufgesogen. Ein Betrüger mit schnellen Autos, teurem Parfum und dem unschlagbaren Talent, Leuten ihr Erspartes und ihre Vorsorgegelder so elegant abzunehmen, dass sie dachten, es wäre eine Investition in ihre Zukunft. Emma hatte ihn damals zur Strecke gebracht. Während alle anderen ihn noch als Genie feierten, hatte sie das sinkende Schiff erkannt und die verdammte Notbremse gezogen. Natürlich hatte Levi ihr das niemals verziehen.

„Seit der Gerichtsverhandlung und den fünf Jahren hinter Gittern hasst er mich“, sagte Emma leise. „Genau wie mein Sohn Kevin. Für ihn war ich nicht die Mutter, die die Wahrheit ans Licht gebracht hat. Ich war die Frau, die seinen Vater ans Messer geliefert und sein Leben ruiniert hat.“

Franco lehnte den Kopf gegen die Stuhllehne und starrte an die Decke.

„Tja, das verzeiht ein Junge seinem alten Herrn eher als der Mutter, weil Levi ihn mit Geschichten gefüttert hat, in denen du die Böse bist.“

Emma nickte. „Seitdem – kein Wort. Keine Gespräche. Nur Sandras ewige Hasstiraden.“

Franco hob eine Augenbraue. „Und jetzt ist Levi auf einmal vom Erdboden verschluckt. Hast du’s überprüft?“

Emma nickte. „Zwei Tage. Kein Anruf. Keine Spur. Und natürlich gibt mir Sandra die Schuld.“

Franco verzog das Gesicht, als hätte er in eine überreife Zitrone gebissen. „Natürlich tut sie das. Du warst schuld, als Levi verurteilt wurde. Du warst schuld, als er seine Firma in den Sand gesetzt hat. Und jetzt bist du schuld, weil er sich verpisst hat. Die Frau braucht dringend ein neues Hobby.“

Emma legte den Keks weg und sah ihn nicht an, aber Franco spürte, dass etwas Schweres in der Luft lag.

„Und weil ich ihn nicht geliebt habe“, sagte sie leise.

Franco musterte sie. Vielleicht hätte sie Levi damals retten können. Vielleicht hätte sie ihn vor sich selbst beschützen müssen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem Liebe nicht mehr reicht und Levi hatte diesen Punkt mit Vollgas überschritten. Jetzt war er verschwunden. Franco lehnte sich zurück und deutete mit dem Kinn auf ihr Handy.

„Lies mir Sandras Nachricht vor.“

Emma hob das Telefon, scrollte mit dem Daumen und begann zu lesen: „Wo ist mein Bruder? Was zur Hölle hast du mit ihm gemacht? Du wirst für deine Sünden bezahlen. Ich habe ihn immer gewarnt, dass du aus Geheimnissen gebaut bist. Die Vergangenheit lässt sich nicht vergraben, sie fault unter der Erde und kriecht irgendwann nach oben. Ich werde nicht ruhen, bis alles ans Licht kommt. Die Zeit der Abrechnung rückt näher. Sag mir sofort, wo er ist – oder du wirst begreifen, was wahrer Schmerz bedeutet.“

Franco blinzelte einmal, dann schüttelte er den Kopf und griff nach seinem Whiskyglas. „Drama liegt bei denen wirklich in der Familie.“

Emma ließ das Handy mit einem dumpfen Klacken auf den Tisch fallen und rieb sich die Schläfen.

Er musterte sie. „Und?“

„Und was?“

„Weißt du, wo Levi ist?“

Emma schüttelte den Kopf. „Nein, keine Ahnung.“

Er runzelte die Stirn. „Kevin meldet sich auch nicht, sagst du?“

„Richtig.“

„Und dein Ex wohnt seit seiner Pleite und der Knastgeschichte bei Kevin?“

„Ja.“

Franco ließ sich zurücksinken, verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Interessant.“

Emma verdrehte die Augen. „Ich kann da nicht einfach hinfahren, nach allem, was vorgefallen ist. Wenn er mich sieht, zeigt er mich an.“

Franco hob eine Augenbraue. „Wirklich? Nach dem ganzen Theater, das du für diesen Mistkerl durchgestanden hast, ruft er bei der erstbesten Gelegenheit die Bullen?“

Emma seufzte. „Er hat mich auf allen Kanälen blockiert. Telefon, E-Mail, Social Media. Ich existiere für ihn nicht mehr.“

Franco zog eine Braue hoch. „Dann versteh ich aber nicht, warum er sich nicht mal bei Sandra meldet. Er hat doch immer auf ihre durchgeknallten Nachrichten reagiert.“

Emma rieb sich wieder über die Stirn. Sie sah müde aus. „Das ist ja das Problem, Franco. Ich weiß nicht, was los ist. Ich weiß nur, dass Levi verschwunden ist. Und dass es sich intuitiv nicht richtig anfühlt. Etwas stimmt bei dieser Sache nicht …“

Franco schwieg einen Moment lang, dann griff er nach den Oreo-Keksen auf dem Tisch. „Und was tun wir jetzt? Warten, bis Sandra mit einer Mistgabel vor deiner Tür steht?“

Emma lehnte sich zurück. „Ich werde morgen herausfinden, wer Sandras Vermisstenanzeige bearbeitet.“

Franco biss in einen Keks, kaute und zog eine Augenbraue hoch. „Und wenn er wirklich weg ist, weil er wieder irgendeine Scheiße gebaut hat?“

Emma zuckte mit den Schultern. „Dann ist er eben weg.“

Franco stützte sich im Stuhl nach hinten und musterte sie über den Rand seines Whiskyglases. „Tja, cara mia, das klingt nicht wie jemand, der es dabei belässt. Das klingt wie jemand, der schon überlegt, wo sie zuerst nachgraben muss.“

Emma sagte nichts. Er reichte ihr einen Keks. „Hier. Zucker hilft beim Nachdenken.“

Sie griff danach und betrachtete das kleine schwarze Ding in ihrer Hand, als würde es gleich anfangen zu sprechen. Dann nahm sie einen Bissen.

„Weißt du“, murmelte Franco, „das Schöne an Oreos ist: Egal, wie schwarz der Keks ist – innen bleibt er immer weiß und unschuldig.“

Emma schnaubte. „Versuchst du gerade, mein Leben mit Industriebäckerei-Gebäck zu vergleichen?“

Franco zuckte mit den Schultern. „Warum nicht? Du kannst die Kekse auseinanderdrehen, erst die süße Füllung essen und dann über dein Leben nachdenken. Oder du stopfst sie einfach im Ganzen rein und ignorierst die Probleme. Beides ist eine Strategie.“

Emma lachte. Zum ersten Mal an diesem Abend. Bella hüpfte auf den Boden, spürte ihre Chance und futterte die gefallenen Keksreste mit einer Geschwindigkeit weg, die selbst einen Staubsauger erröten ließ. Franco beugte sich hinunter und kraulte ihr den Kopf. „Sorry, piccola