Bis dass der Tod euch vereint - R.J. Simon - E-Book

Bis dass der Tod euch vereint E-Book

R.J. Simon

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Beschreibung

Eine Liebes- und Lebensgeschichte. Handlungsort ist die Côte D´ Azur. Brigitte entstammt einer einfachen Arbeiterfamilie und lernt als junge Frau ihren 15 Jahre älteren Mann Dominik kennen und lieben. Sie heiraten und weil Dominik sehr vermögend ist, führt Brigitte fortan ein traumhaftes, sorgenfreies Leben. Ihre Ehe verlief harmonisch so dass es auch in dieser Beziehung keinen Grund zum Klagen gab. Nach 20 Jahren glücklicher Ehe lernt Brigitte ihre zweite Liebe, einen wesentlich jüngeren Mann kennen. Mit ihm bricht sie aus dem monotonen Eheleben aus. Damit startet eine geheime und intensive Romanze. Die Sehnsucht den Liebhaber immer öfter spüren zu wollen wird stärker und bald empfinden die beiden den Ehemann als störend. Ihre Überlegungen, ihn los zu werden, reichen bis hin zum Mord. Brigitte wehrt sich zunächst gegen diese Gedankengänge, aber ihre Sehnsucht siegt über den Verstand. Der plötzliche Unfalltod von Dominik wirft ihre Pläne über den Haufen und verändert schlagartig die Situation für Brigitte. Zu ihrem großen Schreck aber nicht zum Besseren, wie sie und ihr Liebhaber es sich wünschten. Ihr Liebster taucht wie besprochen unter und Brigitte steht völlig allein gelassen und ohne jeglichen finanziellen Mittel da. Zunehmend belastet sie ihr Gewissen. Ein Alptraum beginnt für Brigitte.....

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ähnliche


R.J. Simon

Bis dass der Tod euch vereint

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

Weitere Romane von R. J. Simon

Impressum neobooks

1.

Brigitte schlendert die Strandpromenade der wunderschönen Stadt Nizza entlang. Diese liegt an der französischen Riviera und wird oft auch als die Perle der Côte d´Azur bezeichnet. Mit Recht! Hier am türkisfarbenen Meer, wo die helle Sonne vom wolkenlosen tiefblauen Himmel aus die Erde innig küsst, scheint Brigitte die Welt heil zu sein. Die Menschen unten am Kiesstrand lassen sich von den warmen Strahlen der Sonne verwöhnen und zeigen Brigitte ein harmonisches Bild.

Alle sind guter Dinge, ausgelassen und genießen ihr Leben, das in der Urlaubszeit doch am schönsten ist. Jeder vergisst in einer solch aufmunternden und fröhlich stimmenden Umgebung, bei dieser hochsommerlichen Witterung den quälenden Alltagstrott. Die kleineren und großen Sorgen des Lebens, sowie der Stress der Arbeit sind weit entfernt und scheinen vorübergehend nicht zu existieren.

Wir befinden uns im Jahr 1988. Brigitte ist eine sehr attraktive, 41 jährige Frau, die in ihrem Auftreten wesentlich jünger wirkt. Man sieht ihr das reife Alter keineswegs an. Sie hat dichtes, rabenschwarzes gelocktes Haar, das in der grellen Sonne einen schwachen Blauschimmer erhält. Diese Pracht trägt Brigitte in der Mitte gescheitelt, rückenlang, in Wellen über die Schultern fallend. Ihr schönes Gesicht, mit den hohen Wangenknochen und den ebenfalls tiefschwarzen Brauen über den langen Wimpern und den großen Augen, wird von den nach hinten gerollten Haaren in einer besonderen Art eingerahmt. Durch diese jugendliche Frisur wirkt Brigitte unter anderem wohl zusätzlich mit Erfolg ihrem Alter entgegen.

Ein Lächeln von ihr strahlt heller als die Sonne an einem wolkenlosen Himmel. Die blutroten vollen Lippen zeigen bei einem Lachen die ebenmäßigen, wie Südseeperlen anmutenden Zähne, die ihren Mund zu einem sinnlichen Augenmagnet forcieren. Brigittes schlanke Figur, mit den wohlgeformten weiblichen Rundungen an den rechten Stellen, machen sie mit all den anderen Augenweiden ihrer Erscheinung zu einer außerordentlich hübschen und betörenden Frau. Auf der Straße sehen ihr deshalb oft auch Männer nach, die wesentlich jünger sind als sie selbst. Brigitte nimmt diese bewundernden Blicke gewöhnlich als Kompliment hin und freut sich darüber.

Im Moment kann Brigitte das bunte Treiben und die Unbekümmertheit der Menschen vor ihr am Strand allerdings nicht teilen. Sie sieht zu, wie sich die Leute, ihre Körper mit Sonnencremes oder Ölen beschmiert, in der Sonne räkeln, um die begehrte Bräune des Südens zu erlangen und das Leben genießen ohne das jedoch richtig zu registrieren.

Brigitte hat genügend an ihren eigenen Problemen zu tragen, die ihr momentan jegliche Lebensfreude nehmen, ihre Stimmung verfinstern und es ihr unmöglich machen, sich für andere Dinge zu öffnen und sich daran zu erfreuen. Ihre eigene Situation steht für Brigitte im Vordergrund und überfordert sie beinahe, so dass sie ihre Umwelt um sich herum fast nicht wahrnimmt.

Trotz des wunderbaren Wetters und des Klimas, welche die Unternehmungslust und Lebensfreude positiv beeinflussen, ist Brigitte niedergeschlagen, bedrückt und erschöpft. Überall um sie herum scheint die Sonne. Auf der ganzen Welt erstrahlt ihr wärmendes Licht, aber eiskalte stürmische Winde wehen durch Brigittes Gemüt. In ihrem Innern herrscht eine apokalyptische Untergangsstimmung, die alles andere überlagert und den kleinsten Anflug von Freude oder neuem Lebensmut sofort zunichte macht. Ihr fehlt die starke Schulter zum Anlehnen. Brigitte steht ganz alleine da. Sie fühlt sich zunehmend müde und ausgelaugt. Die Anspannungen der letzten Monate machen Brigitte sichtlich zu schaffen. Sie hat zu viel durchgemacht in der nahen Vergangenheit. Zu viel getan und erlebt, viel zu viel, als dass sie es einfach so wegstecken könnte.

Brigitte hat panische Angst davor heim in ihre vertraute Umgebung zu gehen, in das Haus, das ihr eigentlich gehören müsste. Aber nur eigentlich! Denn aus für sie noch unverständlichen Gründen ist es nicht ihr Eigentum geworden, sondern wurde ihr frevelhaft vorenthalten. Ihre letzten Kraftreserven wird Brigitte dafür einsetzen, um zu ihrem Recht zu kommen.

Dort in den Räumen, die viele schöne aber auch leider einige traurige Erinnerungen für sie bergen, wird Brigitte wieder die Stimme hören. Diese furchtbare, unheimliche Stimme ihres verstorbenen Mannes, die irgendwo in ihrem überreizten Gehirn entsteht und sie peinigt. Brigitte beginnt zu zittern, wird nervös und es befällt sie die reine Panik, wenn sie nur daran denkt.

Durch dieses Geflüster, das in dem Haus um sie herum ist und gegen das sich Brigitte nicht zu wehren vermag, wird sie immer wieder an den Mann erinnert, der so vieles für sie getan hatte. Doch ihr Verhalten ihm gegenüber war in den zurückliegenden Monaten nicht gerade das dankbarste und ehrenvollste gewesen. Diese Tatsache ist sicherlich verantwortlich dafür, dass ihr schlechtes Gewissen diese Stimme produziert, die stets Brigitte aus dem Anwesen fliehen lässt. Weil damit die überwiegend positiven Erinnerungen an ihren Mann geweckt werden, die Brigitte ihm nicht dankte, findet ihr Gewissen wohl keine Ruhe. Die Geborgenheit, die Brigitte all die Jahre in ihrem Zuhause empfand, wird durch die Stimme zerstört und jagt sie regelmäßig fort.

Dieser, ihr Ehemann, kam vor drei Wochen durch einen tragischen Autounfall ums Leben. Es war ein Unfall, wenn auch die Umstände mysteriös sind, und die definitive Unfallursache noch immer ungeklärt ist. Die Behörden glauben an ein Unglück! Das ist wichtig. Die Experten vermuten einen plötzlichen Herzanfall als Auslöser. Sicher ist aber bis heute noch nichts. Die Ermittlungen laufen noch.

Faktum ist bis heute lediglich: Das Auto brach mit seinem Fahrer auf gerader Strecke durch die Begrenzungspfosten und stürzte über die Klippen in die Tiefe, wo es völlig ausbrannte. Eine Beteiligung eines weiteren Fahrzeugs wird mit ziemlicher Sicherheit ausgeschlossen. Es gibt keine Bremsspuren oder Zeichen eines Unfalls mit einem weiteren Verkehrsteilnehmer. Der Fahrer war in dem Wrack eingeschlossen gewesen und hatte keine Chance zu entkommen. Die Leiche konnte danach nicht mehr identifiziert werden. Nur anhand des Nummernschilds des Wagens war es möglich gewesen den Halter zu ermitteln, der mit dem Fahrzeug selbst unterwegs war. Der Eigentümer des Unglückswagens war Brigittes Ehemann.

Obwohl die Umstände des Unfallhergangs mit etlichen Fragen behaftet sind und es um einen beträchtlichen Nachlass geht, wurde Brigitte bis jetzt erst zwei Mal von der Polizei aufgesucht und dazu befragt. Das erste Mal am gleichen Abend des Unglücks, an dem die Beamten ihr vorrangig die Todesnachricht überbrachten. Die vorsichtigen und rücksichtsvollen Fragen der Polizisten zielten ausnahmslos darauf ab festzustellen, wer mit dem Auto unterwegs war, um jeden Irrtum auszuschließen. Ansonsten zeigten die Herren bei dieser unseligen Aufgabe viel Rücksicht und Anteilnahme, schonten Brigitte so gut es der Umstand erlaubte, und ließen ihr bald ihre Ruhe.

Ein weiteres Mal kamen dieselben Polizisten eine Woche später, um Brigitte dann lediglich mitzuteilen, dass die Untersuchungen bis dahin keine neuen Aspekte ergeben hätten. Wie so nebenbei fragten die Beamten zum Schluss nur noch, ob Brigitte etwas Erwähnenswertes wüsste, was ihr beim ersten Besuch nicht einfiel. Immerhin hätte es ja möglich sein können, dass Brigitte aus Verzweiflung oder aus Schock über die schreckliche Nachricht wichtige Dinge vergessen oder verdrängt hätte an diesem schicksalhaften Abend, meinten sie. Aber Brigitte konnte ihnen auch damals keine weiteren Angaben machen. Es stand unumstößlich fest, dass ihr Mann mit dem Auto unterwegs war. Mehr wollten die Polizeibeamten bis heute nicht von ihr wissen.

Das wunderte Brigitte schon ein wenig in der Vergangenheit. Sie rechnete insgeheim damit, öfter von der Polizei verhört zu werden und versuchte sich darauf einzustellen, denn davor hatte Brigitte Angst. Es ist ja bekannt, dass die Behörden in solchen Fällen, wenn es um viel Geld geht und das ganze Umfeld des Unglücks sich obendrein derart undurchsichtig gestaltet, ein Gewaltverbrechen mit in Betracht ziehen. Als Tatmotiv wird dann Habgier angenommen, worin sicherlich schon oft ein Mordgrund gefunden wurde. Somit hätte Brigitte auf der Liste der Verdächtigen ganz oben stehen müssen.

Aber es gab keine bohrenden Blicke, versteckt gestellte Fragen und keine Art Kreuzverhör von Seiten der beiden Kommissare, das sie hätte mürbe machen sollen. Bei der Testamentseröffnung, die einige Tage nach dem zweiten Besuch der Polizei war, verstand Brigitte, warum sie entgegen aller Erwartungen so wenig, beziehungsweise überhaupt nicht, zu dem Unfall befragt wurde. Sie glaubte auf der falschen Testamentseröffnung zu sein, als der Notar ihr diese schockierende Überraschung offenbarte, die Brigitte schwindeln ließ. Das gesamte Hab und Gut, in Form von Häusern, Grundstücken, Anlagevermögen sowie das Geld auf den Konten, bekam dem Testament zu Folge ein gewisser D.J.Robbins zugesprochen. Brigitte versuchte bereits an das Aktiendepot heran zu kommen, um wenigstens einen Teil des Vermögens zu erhalten. Sie wusste noch nicht einmal, wie viele Millionen dieses umfasst. Um die Finanzen kümmerte sich ausnahmslos ihr Gatte. Sie besaß keine Chance. Auch ihre monatlichen Bezüge, die sie bisher erhielt sind gesperrt worden. Außer einem ewigen Wohnrecht in dem ehelichen Haus, ihren Kleidern und ihrem Schmuck, hinterließ ihr Ehemann nichts für Brigitte.

Von diesem, angeblich in England lebenden Herrn, erzählte ihr Mann, in all den Jahren die sie mit ihm verbrachte, nie etwas. Brigitte hatte keine Ahnung, wie dieser Herr in Beziehung zu ihrem Mann stand. Diese, für sie unbegreifliche und erschütternde Enthüllung, zog Brigitte das Blut aus dem Kopf und sie grübelte die folgenden Tage ununterbrochen nach, wer dieser Unbekannte sein könnte. Ohne jeglichen Erfolg! Sie hörte diesen Namen nie zuvor. Der Wortlaut des Testaments blieb unfassbar, erniedrigend und beleidigend für Brigitte. Es stellte eine verheerende Grundlage für ihr weiteres Leben dar.

Dass ihr Ehemann das vollständige Vermögen einem Herrn vermachte, der Brigitte vom Namen her völlig unbekannt war, ja sie bis dahin noch nicht einmal wusste, ob ein gewisser D.J.Robbins überhaupt existent war oder ist und seine eigene Frau mit einem lächerlichen Anteil abspeiste, wollte sie nicht wahrhaben. Diese Perversität brachte Brigitte fast um den Verstand, je länger sie darüber nachdachte. Dieses Verhalten entbehrte doch jeglicher Realität und Logik und moralischen Grundlagen. Wie kam ihr Mann nur auf ein so absurdes Vermächtnis?

Was bedeutet schon „ewiges Wohnrecht“? Wovon soll sie denn leben? Mit welchem Geld die laufenden Kosten für das Haus tragen? Brigitte hat bereits damit begonnen ihren Schmuck zu versetzen, um damit Essen und andere Unterhaltskosten zu finanzieren. Denn auf das Geld auf den Konten hatte sie keinen Zugriff mehr. Das Vermögen wurde eingefroren. Brigittes Scheckkarte ist gesperrt und das bisschen Bargeld, das im Haus war, ist längst verbraucht. Sie lebt in einer Luxusvilla und ist arm wie eine Kirchenmaus!

Aber diese gehässige und unbegreifliche Demütigung durch den Letzten Willen ihres Mannes wurde schnell zur gnadenlosen Gewissheit. Brigitte bekam durch ein Schreiben ihres Rechtsanwaltes mitgeteilt, dass Mr. D.J.Robbins, seinerseits über einen Rechtsanwalt, das Erbe angetreten hatte. Mit diesem Brief zerplatzten die letzten geringfügigen Hoffnungen Brigittes, dass Herr D.J.Robbins vielleicht unauffindbar wäre, selbst schon verstorben sei und keine eigenen Erben besaß, oder sogar auf das Erbe verzichten würde, wie Seifenblasen in der Luft: Lautlos und unwiederbringlich.

Denn in einem dieser Fälle, so klärte sie der Notar auf, wäre Brigitte als einzige Angehörige doch noch alleinige Erbin des vollständigen Vermögens geworden. So einfach wird es ihr jedoch nicht gemacht. Brigitte muss sich vorerst mit diesem ungerechten Testament, das einen solch harten Schicksalsschlag bedeutet, abfinden und die letztwillige Verfügung zunächst akzeptieren. Wenn es für sie auch noch so brutal und schwer zu verstehen ist. Im Moment ist das Testament so gültig und in Kraft gesetzt.

Ohne Gegenwehr nimmt Brigitte diese Schmach jedoch nicht hin. Sie beauftragte sofort nach der Testamentseröffnung ihren Rechtsanwalt, guter Bekannter der Familie und persönlicher Freund ihres verstorbenen Mannes damit, alles erlaubte dagegen zu unternehmen. Der versprach auch unverzüglich sämtliche rechtliche Möglichkeiten auszuschöpfen und die erforderlichen Schritte dagegen einzuleiten. Auch ihm war das Vorgehen seines verstorbenen Freundes rätselhaft und unerklärlich.

Über das Entsetzen des Testaments kam Brigitte nach einer langen Frist, die von Verzweiflung geprägt war, einigermaßen hinweg, weil ihr immer noch ein geringfügiger Hoffnungsschimmer bleibt, es abzuwenden. Die Worte ihres Rechtsanwaltes trösteten sie ein wenig, der sagte, es gäbe eine kleine Chance das Testament anzufechten. Damit schöpfte Brigitte wieder einen etwas positiveren Blick in die Zukunft. Bis dann Brigittes Geist begann, ihr die Stimme ihres toten Mannes immer wieder vorzuführen.

Brigitte stürzte vorhin, nach einer solchen geisterhaften verbalen Attacke kopflos in ihr Auto und fuhr einfach los. Ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Nur weg, raus aus dem verrückten Gebäude, in dem die Stimme wieder und wieder mit ihr sprach, war ihr einziger Gedanke. Brigitte fuhr daraufhin wie wild die Küstenstraße entlang, so als ob der Teufel persönlich sie verfolgen würde. Auf dieser Flucht achtete Brigitte nicht auf die schöne Aussicht, die man von der Straße her auf das blaue, in der Sonne schimmernde Meer hat, die sie sonst gerne genoss. Nur weg von dem Haus! Es zählte nur, genügend Abstand zwischen sich und der Stimme in dessen Wände zu bringen.

Als sich Brigitte dann, nach einigen Kilometern, langsam beruhigte, fand sie sich hier in Nizza wieder. Um ihre verwirrten und aufgebrachte Gedanken zu ordnen, parkte sie den Wagen bei der nächsten Gelegenheit und spazierte weiter ziellos umher. Irgendwann setzte Brigitte sich auf eine Bank, ohne auf das Geschehen und die Menschen um sich herum zu achten. Sie war vollkommen in ihre eigenen Gedanken versunken.

Nun sitzt Brigitte immer noch hier in der Sonne auf einer der zahlreichen Bänke auf der Promenade, um wie in Trance in die Ferne zu sehen. Sie scheint dieser Welt vollkommen entrückt zu sein. Was um sie herum geschieht, nimmt Brigitte zurzeit nicht wahr. Es hat ohnehin keine Bedeutung und ist für sie völlig einerlei.

Genauso, wie es auch vor unzähligen Wochen war. Wenn auch aus einem anderen Grund. Damals ging Brigitte mit ihrem noch lebenden Mann Dominik, den sie zu diesem Zeitpunkt noch liebte, die Strandpromenade von San Remo entlang. Gleichfalls gänzlich in Gedanken beschäftigt, erinnerte sich Brigitte an jenem Tag an ihre Jugend, und damit an den Anfang ihrer Liebe zu Dominik.

Seinerzeit träumte Brigitte mit offenen Augen an der Seite Dominiks von ihm, ihrer ersten großen Liebe. Oder von der sinnesraubenden Begegnung mit Dominik, wie man es auch nennen könnte, als sie sich zum ersten Mal trafen. Damals, als sie diese Erinnerungen überkamen, herrschte gleichfalls ein Wetter voller Sonnenschein und frühlingshafter Luft, bei dem der niedergeschlagenste Mensch hätte mindestens Lächeln müssen. Ein Tag eben, der die schlechteste Laune fortzutreiben in der Lage war. Brigittes kleine Welt verlief in geregelte Bahnen, war in Ordnung und sie eine zufriedene Ehefrau.

2.

Die Mittagssonne schien warm und hell auf die Küste der Riviera. Brigitte und Dominik schlenderten Hand in Hand, wie ein junges verliebtes Pärchen, die Strandpromenade von San Remo entlang. Obwohl sie beide keine Teenager mehr waren und sich bereits vor über zwanzig Jahren in den heiligen Stand der Ehe begaben, erzeugten sie eher diesen Eindruck, als den eines alten Ehepaares.

Brigitte zählte seit acht Wochen 41 Jahre, und ihr Gatte sogar 56. Auch Dominik sah man sein vorangeschrittenes Alter nicht unbedingt an. Er konnte sich immer noch an einer einigermaßen sportlichen Figur erfreuen, ohne den üblichen Bierbauch vor sich her zu tragen und war flott in seinen Bewegungen. Dominik war ein lustiger Mensch und stets zu einem Ulk aufgelegt, was seine Lachfältchen um die Augen bestätigten. Sein Gesicht war von leicht ovaler Form, braungebrannt und ein munteres Augenpaar registrierte alles um ihn herum. Er erweckte auf den ersten Blick also keinesfalls den Eindruck eines älteren, oder gar senilen Herrn.

Dominiks gewelltes Haar trug er zurückgekämmt und nicht zu lang, wodurch seine Geheimratsecken zwar deutlich hervortraten, aber auch das machte ihn keineswegs älter. Denn er litt nämlich nicht zusätzlich an Haarausfall, wie die meisten Männer seiner Generation. Sein Haupthaar war recht dicht und nur an den Schläfen stark angegraut. In den sonst schwarzen Haaren konnte man nur bei genauem Hinsehen vereinzelt silbrig glänzende Härchen ausmachen. Man sah also, dass Dominik keine zwanzig mehr war, aber sein tatsächliches Alter von 56 Jahren hätte ein Fremder wohl kaum erraten.

Vor gut zwanzig Jahren heiratete Brigitte den strammen und jugendlichen Dominik, zu einem großen Teil aus Liebe, andererseits sicher seines Geldes wegen. Womöglich entstand ihre Liebe zu ihm einst, oder dieses Gefühl welches Brigitte dafür hielt auch deshalb, weil sie wusste, dass ihr Verehrer reich war. Oder stellte diese Tatsache nur ein höchst positives willkommenes Attribut dar, das ihr in Verbindung mit dem sympathischen Mann ein schönes Leben versprach?

Heute kann Brigitte das nicht mehr beurteilen. Sie vermag nicht genau zu sagen, welche Gefühle sie damals für Dominik wirklich empfand. Brigitte war jung gewesen und es ist inzwischen eine so lange Zeit vergangen, die vieles an Erinnerungen schon verblassen und verschwimmen ließ. Sie konnte nur noch mutmaßen, wie ihre Empfindungen für Dominik zu Anfang waren. Ihre Romanze mit Dominik und ihre spätere Hochzeit, ergab sich nach und nach. Er interessierte sich ganz offensichtlich für Brigitte, umwarb sie und überhäufte sie mit Geschenken, bei denen er keinesfalls kleinlich war. Bis er dann schließlich bei ihren Eltern um Brigittes Hand anhielt.

Kennen lernte Brigitte ihren späteren Ehemann 1965 im zarten und tugendhaften Alter von 18 Jahren. Die allererste Begegnung fand in einem Café statt, wo sich Brigitte mit einer Handvoll Freundinnen und Arbeitskollegen nach Geschäftsschluss traf. Dort gedachten die Angestellten gemeinsam den Feierabend in gemütlicher Runde zu genießen. Von Beruf war Brigitte einstmals, in dem Leben vor Dominik, Sekretärin in einem Großraumbüro bei einer der bekannteren Versicherungsgesellschaften in Frankreich.

In dem kleinen, verträumten Café, das ein bekannter Treff für junge Menschen war, spielte üblicher Weise gedämpfte Musik. Somit wurde eine passable Voraussetzung geschaffen, dass sich die jungen Leute ungestört unterhalten und kennenlernen konnten. Mit ihren Kolleginnen und Kollegen saß Brigitte an diesem frühen Abend an einem großen Tisch in einer der Nischen. Allesamt guter Laune, erzählten sie ausgelassen, lachten und scherzten.

Die lustigen Vorgänge tagsüber im Büro standen dabei anfänglich im Vordergrund. Denn dort verging kein Tag, an dem es nichts zu lachen gegeben hätte. So riefen sie sich zum Beispiel mit höchstem Vergnügen das Gesicht eines Kollegen ins Gedächtnis, der sich übermütig bei einem anderen auf den Schreibtisch setzte und dabei genau mitten in dessen Frühstücksbrot. Sie spotteten und ulkten weiter, denn es ereigneten sich noch jede Menge anderer Vorfälle, die zur Erheiterung aller beitrugen.

Auf der kleinen schwarzen glatten Tanzfläche des „Café Heart“ wiegten sich derweil zwei, drei Paare zu der langsamen und zum Schmusen animierenden Musik. Die fühlten sich jedoch nicht gestört durch das Lachen in der Nische. Wahrscheinlich hörten sie es auf der Tanzfläche gar nicht. Denn natürlich versuchte jeder in der kleinen Gesellschaft sich zu beherrschen, um nicht zu laut zu sein, damit die Atmosphäre in dem Café erhalten blieb. Lautes Gelächter verdarb nun mal Kuschelstimmung ganz schnell.

Die Gruppe um Brigitte empfand die Stimmung und die Umgebung in dem Tanzcafé derart gemütlich, dass keiner von ihnen auch nur einen Gedanken daran verschwendete, aufbrechen zu wollen. So vergingen die Stunden, es wurde später und gemütlicher, und die Laune wurde noch ausgelassener.

Nach einiger Zeit, es war bereits Abend geworden, wurde Brigitte auf einen elegant gekleideten Herrn aufmerksam, der einsam zwei Tische weiter saß. Dieser sah oft, wie Brigitte glaubte zu bemerken, zu ihr herüber. Sie schielte nach dieser Vermutung nun ihrerseits einige Male zu ihm, um das zu überprüfen. Tatsächlich war es so, dass dieser Herr auffallend oft an ihren Tisch blickte und dabei genau in die Richtung von Brigitte. Nach dieser Feststellung bemühte sich Brigitte nun, Blicke von sich in dessen Richtung zu vermeiden, denn es war ihr unangenehm, dass der Mann glauben könnte, sie sehe nach ihm.

Brigitte war von Natur aus schüchtern und durch ihre aufsteigende Unsicherheit störte es sie deshalb, dass und wie dieser Mann sie ansah. Sie konnte mit der Situation nichts anfangen, die Zeichen nicht deuten, und das machte sie verschämt und unsicher. Er musterte Brigitte zeitweise ungeniert, aber wohlgemerkt in keiner gaffenden oder unflätigen Art, sondern mit Augen, die Interesse bekundeten. Diese auffallende, bewundernde Beachtung, die er somit Brigitte schenkte, machte sie ein wenig nervös und verlegen.

Andererseits bewies Brigitte die Aufmerksamkeit, die der Herr für sie aufbrachte, dass sie scheinbar attraktiv genug aussah, um den Männern aufzufallen. Diese Bestätigung wiederum gab Brigitte eine gewisse Selbstsicherheit und wirkte ihrer Nervosität entgegen. Denn in ihrem damaligen Alter war sie sich ihrer Wirkung auf Männer noch im Unklaren. Ihr Erscheinungsbild und die damit verbundene Anziehungskraft auf das andere Geschlecht, stufte sie selbst sehr bescheiden ein. Brigittes Selbstvertrauen wurde dadurch wenig aufgebaut.

Bei einem ablenkenden Gespräch mit zweier ihrer Kolleginnen vergaß Brigitte vorübergehend die Anwesenheit des Herren und ihren daraus folgenden, persönlichen Konflikt ganz. Aber als die Band etwas später begann, einen sehr schönen Blues zu spielen, musste Brigitte zwangsläufig wieder auf ihn reagieren. Sie konnte sich ihm, selbst wenn Brigitte es gewollt hätte, nicht entziehen.

Plötzlich stand nämlich genau dieser groß gewachsene Mann an dem Tisch der kleinen Gesellschaft. Sein Auftreten war imposant und galant wie er so dastand und liebenswürdig auf Brigitte herab sah. Mit einer angedeuteten Verbeugung, begleitet von einem einnehmenden Lächeln, fragte er höflich, ob er Brigitte um den nächsten Tanz bitten dürfe.

Damit erfasste Brigitte ihre Schüchternheit wieder mit voller Wucht. Sie wusste nicht wohin mit ihren Blicken und sah deshalb immer wieder verlegen zur Seite oder zu Boden. Brigitte zögerte mit ihrer Antwort, weil sie sich nicht falsch verhalten wollte und ihr nicht einfiel, was sie am besten erwiderte. Hilflos suchte sie zuerst den Blickkontakt zu ihrer Freundin, die ihr aber auch nicht weiterhelfen konnte. In ihrer Verwirrung hatte Brigitte sogar kein Gefühl mehr dafür, ob sie überhaupt die richtige Stimmung und Lust für einen Tanz aufbrachte.

Der Druck, den die anwesenden Arbeitskollegen um sie herum auf sie ausübten, stieg. Denen gefiel diese Situation natürlich. Ihre Stimmung baute zu dem Zeitpunkt gerade auf die verschiedenen Missgeschicke des Tages der Kollegen auf, als sie bemerkten wie unsicher und verlegen Brigitte war. Wobei die Heiterkeit darüber nicht unbedingt nur aus Schadenfreude heraus kam. Abwechselnd redeten sie Brigitte aufmunternd zu, sie solle aufstehen und „ja“ sagen. Eigentlich wollte Brigitte das auch, denn der Mann gefiel ihr gut, der so mutig zu ihr herkam und so Achtung gebietend dastand. Aber ihre Verlegenheit hielt sie vorerst noch davon ab.

Erst als ihre beste Freundin sie in die Seite stieß und sie leise anzischte: „Nun geh` schon und lass den armen Kerl nicht so lange schmoren“ löste sich Brigitte aus ihrer Starre und entschied sich endlich positiv für den Bewerber.

Der stand die ganze lange Bedenkzeit über regungslos und hoffnungsvoll abwartend vor Brigitte und lächelte sie mit schwärmerischem Blick an. Er sah ihr dabei sehr genau und tief in die Augen, sofern sie nicht gerade wegsah. Brigitte konnte diesem Gesichtsausdruck, in dem etwas Geheimes, Bettelndes lag, kaum standhalten.

Ihm dann ebenfalls tief in die Pupillen blickend, erhob sich Brigitte und ging diesen einen Schritt, der als Distanz zwischen ihnen lag, auf ihn zu. Nun, da sie sich entschieden hatte, konnte Brigitte auch tatsächlich seinen Blick voll erwidern und ihre Anspannung löste sich. Die Verlegenheit wich spürbar von ihr. Brigitte wusste nicht mit Bestimmtheit, warum sie eigentlich mit diesem Mann tanzte. Womöglich, weil sie ihn in seinen Bemühungen, die ihr schmeichelten, nicht enttäuschen wollte. Kann sein, dass Brigitte durch das Drängen ihrer Begleiter eher nachgab, um nicht als Feigling oder Spielverderberin zu gelten. Oder einfach, weil er ihr doch gleich von Anfang an sehr gefiel und er sie mit seiner Faszination fesselte? Er war ein eindrucksvoller Mann. Ihre Entscheidung für ihn kam wohl automatisch, wie vom Unterbewusstsein gesteuert, oder wie im Traum.

Er schritt mit ihr zur Tanzfläche, nahm Brigitte in den Arm, ohne ihr jedoch, ganz Kavalier, zu nahe zu treten. Die Beiden hatten gerade so richtig ihren Takt gefunden, da war das Musikstück auch schon zu Ende. Durch Brigittes Unentschlossenheit gingen zu viele Minuten verloren, so dass sie erst gegen Ende des Songs auf der Tanzfläche ankamen und ihnen nicht mehr viel Zeit zum Tanzen übrig blieb.

Er schaute Brigitte wieder so flehend wie vorher an und drückte durch ein leises, knappes und traurig klingendes „Schade“ seine volle Enttäuschung über den vorzeitigen Schluss des gemeinsamen Tanzes aus. In diesem „Schade“ lag merklich das gesamte Elend, das er in diesem Moment empfand.

Damit sprach er aber auch genau das aus, was Brigitte gleichfalls dachte. Bei dem kurzen Vergnügen mit ihm, erwachte nämlich ihre Lust zu tanzen und das Wohlgefallen an dem galanten Mann. Nun wollte auch Brigitte gerne eine weitere Runde mit dem jugendlich wirkenden, im Vergleich zu ihrem Alter allerdings reiferen Herrn, drehen. Ihre Schüchternheit war wie weggewischt, als sie mit einem selbstsicheren Lächeln, das den Rest ihrer Verlegenheit eliminierte fragte, ob nun sie nicht um den nächsten Tanz bitten dürfte.

Die ihn überflutende Freudenwelle spürte Brigitte regelrecht überschwappen, denn die sprang ihr sprichwörtlich entgegen, als ihr Tanzpartner diese Frage hörte. Mit den, aus ihm heraussprudelnden Antworten: „Aber ja, natürlich gerne, mit Vergnügen, jederzeit“, zeigte er überdeutlich sein Entzücken über diese Bitte. Seine Augen verrieten außerdem die überschwängliche Freude, die ihn damit packte. Er legte galant den Arm um Brigitte und genau zum Einsatz des nächsten Liedes standen sie bereit.

Bei diesem zweiten Tanz kamen sie sich dann etwas näher, denn er dauerte, im Gegensatz zu dem vorhergehenden, doch wesentlich länger. Zuerst erfuhren sie gegenseitig ihre Vornamen, die sie bis dahin noch nicht kannten. Jeder erzählte dem anderen kleinere, unbedeutende, persönliche Dinge und winzige Bruchteile aus dem eigenen Leben. Viel Zeit blieb bei einem Tanz nicht. Doch die Sympathie füreinander wuchs mit jedem Schritt.

Auf diesen zweiten Tanz folgte ein dritter, dann ein vierter, ein fünfter, sechster......... Brigitte wüsste heute nicht mehr zu sagen, wie viele es endgültig wurden. Sie hatte verständlicher Weise nicht mitgezählt, aber es waren eine Unmenge. Woran sich Brigitte jedoch noch erinnerte war, dass ihr am nächsten Tag die Füße schmerzten. Das sagte alles über die Anzahl der Tänze aus. Dieses Schmerzgefühl nahm sie aber gerne hin, denn die Füße hätten niemals so sehr brennen können, als dass Brigitte jenen Abend missen oder gar bereuen wollte.

Wenn Brigitte gelegentlich zwischen zwei Tänzen zu dem Tisch mit ihren Kollegen und Kolleginnen kam, um etwas zu trinken und um sich wieder einmal zu zeigen, fragten die einen mit einem verschmitzten Grinsen, ob sie auch noch da wäre. Andere wollten wissen, ob der Flirt Spaß bereite und wie weit sie dabei seien. Diese Fragen waren keinesfalls als böse, oder als Missgunst aufzufassen. In ihnen spiegelte sich vielmehr auf leicht ironische Art das Wohlgefallen ihrer Kolleginnen und Kollegen wieder. Sie alle freuten sich für Brigitte, dass sie sich offensichtlich so gut amüsierte. Der ein oder andere erahnte eine aufkeimende Romanze und gönnte ihr diese. Am meisten gewährte natürlich Brigittes damalige beste Freundin Jasmine ihr dieses Glück.

Früh am nächsten Tag verließen Brigitte und Dominik das Café, nachdem er sie um Erlaubnis gebeten hatte, sie nach Hause bringen zu dürfen. Alles andere wäre ohnehin schier sträflich und gegen alle guten Manieren gewesen. Denn ihre Freunde brachen schon viel früher auf und Brigitte stünde ansonsten ganz alleine da. Sie selbst rechnete schon damit, dass es später als gewöhnlich werden würde. Das hatte Brigitte auch ihren Eltern so gesagt, die das akzeptierten. Die Begründung dafür war eigentlich, dass es mit ihren Kollegen bekannter Maßen immer länger dauerte, bis sie nach Hause kam. Dass sie jedoch dann erst früh am Morgen den Heimweg antrat, hätte Brigitte selbst nicht gedacht und erwartet. Sie tanzte mit Dominik die ganze Nacht hindurch ohne Ermüdungserscheinungen und zu merken, wie die Zeit dahin floss.

`Noch besser, ein Auto hat er also auch`, dachte Brigitte, als Dominik vor dem Café sagte, es stünde um die Ecke. Damals besaßen nicht viele Leute einen eigenen Wagen. Das galt schon als etwas Besonderes.

Brigitte gestattete Dominik, sie in den Arm zu nehmen, als sie losgingen. Er steuerte sie nach der Ecke auf ein wunderbares Automobil zu. Als Brigitte damit glaubte sein Ziel zu erkennen, rief sie mit großer Entzückung aus: „Ist das dein Auto?“

Mit dem Zeigefinger deutete Brigitte auf den Wagen, zu dem sie meinte, dass Dominik sie hindirigierte. Er nickte nur als sei das selbstverständlich, ohne weiteren Kommentar.

„Stark, Spitzenklasse...,“ Brigitte fand keine weitere Vokabel, die ihrer Begeisterung für dieses Auto den gebührlichen Ausdruck verleihen konnte.

Die Bewunderung für Dominik stieg in dieser Sekunde unbändig an, als Brigitte den Sportwagen sah. Oder war es zu diesem Zeitpunkt schon eine gewisse Verliebtheit? Heute vermochte Brigitte nicht mehr zu erklären, was für ein Gefühl sie wirklich für diesen Mann empfand, den sie so leicht und unverhofft durch reinen Zufall kennen lernte und der sich dann sehr bald als ihr ganz großes Glück herausstellte.

Brigitte war bis dahin niemals ein materiell denkendes Mädchen gewesen. Geld oder Prestigeobjekte bedeuteten ihr eigentlich gar nichts. Das ließ die Vermutung aufkommen, dass dann zu Anfang weniger das schneeweiße Sportcabriolet mit seinen roten Ledersitzen, als vielmehr doch der Mann an sich für ihre Liebe ausschlaggebend war. Wenn ein interessanter Mann allerdings ein solch tolles Auto besaß, schadete das natürlich keinesfalls der Sympathie, die man ihm entgegen brachte. Der daraus gerade entstehenden Liebe tat das ebenso wenig Abbruch.

Vor Brigittes Elternhaus verabschiedete sich Dominik von ihr mit den Worten: „Das war ein sehr schöner Abend für mich gewesen und wenn er dir auch gefallen hat, bin ich mehr als froh darüber. Noch glücklicher würde ich mich schätzen, wenn wir uns wiedersehen könnten.“

Da dieser Abend für Brigitte genauso wunderbar gewesen war und sie merkte, dass er etwas Besonderes in ihrem bisherigen Leben darstellte, verabredete sie sich gleich für den nächsten Tag mit Dominik. Sie wollte ihn unbedingt wiedersehen und auch näher kennenlernen. Irgendetwas im Innern von Brigitte zwang sie, ihm zuzusagen. War es Liebe, Neugier, oder die erkannte große Chance?

Für Dominik war es, wie er Brigitte einige Zeit darauf gestand, ganz klar Liebe auf den ersten Blick, wie der Volksmund eine solche Begegnung so schön nannte. Dominik offenbarte Brigitte bei diesem Geständnis, dass er in dem Augenblick, als er sie das erste Mal in dem Café sah, zu sich selbst sprach: „Das ist die Frau. deine Frau! Die, oder keine andere!“

Anschließend enthüllte er Brigitte weiter, dass er jedes Opfer gebracht und keinen Versuch ausgelassen hätte, ihr näher zu kommen. Als das für ihn feststand, kämpfte Dominik zunächst lange mit sich selbst, wie er seine Auserwählte ansprechen sollte. Er konnte ihr doch nicht banal gegenüber treten und Brigitte so plump und unglaubwürdig erklären, dass er sich gerade eben in sie verliebte.

Dominik behauptete, dass es ihm bis dahin nie Probleme bereitet habe, eine Frau anzusprechen. Aber bei all den bisherigen Mädchen war es etwas ganz Anderes gewesen. Bei Brigitte sollte es, im Gegensatz zu seinen vorangegangenen Bekanntschaften, eine wirkliche, aufrichtige Beziehung werden. Das stand für Dominik sogleich eisern fest. Mit ihr meinte Dominik es vom ersten Blickkontakt an ernst. Da wollte er keinen groben Fehler begehen, mit dem er sie erschreckte oder kränkte und dadurch vielleicht für immer verärgerte. Dominik stand dadurch von der ersten Sekunde an unter dem Druck, Brigitte angemessen anzusprechen, so dass sie ihm eine Chance gab, mit ihr in Kontakt zu kommen.

Es wollten sich seinerzeit selbstverständlich einige Männer mit Brigitte verabreden und mit ihr gehen. Die wenigsten erhielten aber eine wirkliche Gelegenheit dazu. Brigitte war bildhübsch anzusehen. Sie hatte eine charmante Ausstrahlung, eine absolut tolle Figur und war aber auch keines dieser Dummerchen, das man gerne mit gutem Aussehen in Verbindung brachte. Natürlich versuchten hauptsächlich Männer aus ihrem Bekanntenkreis ihr näher zu bekommen, oder welche aus dem Unternehmen, mit denen Brigitte zwangsläufig bei der Arbeit zusammen traf. Die entsprachen auch alle eher ihrem Alter.

Bis zu dieser durchtanzten Nacht mit Dominik, besaß aber keiner der Bewerber eine echte Chance bei Brigitte zu landen. Sie traf sich durchaus mit Freundinnen zum Ausgehen und verabredete sich dabei auch mit jungen Männern, aber zu mehr als einem flüchtigen Flirt ließ es Brigitte bei keinem kommen. Dominik war ihr erster richtiger Freund gewesen und nicht nur ein guter Bekannter oder einer der zahlreichen glühenden Verehrer ohne Aussicht auf Erfolg.

Dieser reifere Mann, der sie mit einem teueren Sportwagen am Morgen nach dem Tanzen nach Hause gefahren hatte, faszinierte Brigitte. Keine ihrer Freundinnen oder Bekannten war jemals von ihrem Freund in einem solchen Traumauto chauffiert worden. Dominik verkörperte obendrein, im Vergleich mit Brigittes bisherigen männlichen Begleitern, eine echte Persönlichkeit. Er stellte buchstäblich das dar, was man einen gestandenen Mann nannte und war kein Jüngling.

Dominik besaß von Anfang an gegenüber den anderen jungen Männern gute Erfolgsaussichten, Brigitte näher kennen zu lernen, als nur zu einem Tanz oder einem einmaligen Kaffee am Nachmittag. Das merkte er selbstverständlich auch und diesen Vorteil nutzte er für sich. Dominik baute auf diese Grundlage auf und bediente sich dieses Vorsprungs ungeniert, damit seine Zuneigung zu Brigitte möglichst auf Gegenliebe stieß.

Am Anfang ihrer Freundschaft war es wohl dann doch mehr Angeberei, mit einem solch tollen Mann aufkreuzen zu können, denn Liebe gewesen. Alle Frauen um sie herum, das fühlte Brigitte genau, beneideten sie um ihren attraktiven Gönner. Sie war jung, unerfahren und dieses Gefühl der Überlegenheit gegenüber anderen Mädchen tat ihr gut, weil das ihre Schüchternheit kaschierte.

Nur aus diesem Grund war Brigitte mit einem erneuten Rendezvous einverstanden? Das konnte sie sich dann wiederum doch kaum vorstellen. Brigitte weiß es heute wirklich nicht mehr. Irgendwie fühlte sie sich zu Dominik auch hingezogen. Ob das echte Liebe war? Warum zerbricht Brigitte sich eigentlich jetzt noch den Kopf darüber? Egal was es ursprünglich war, es ist sehr lange her!

Am nächsten Morgen nach der durchtanzten Nacht, bekam Brigitte ernsthafte Schwierigkeiten beim Aufstehen. Es wurde für ihre Verhältnisse doch viel zu spät, da sie normaler Weise eher Vernunft walten lies und die Disziplin über das Vergnügen stellte. Der Wecker klingelte und klingelte, als es Zeit zum Erwachen war. Bis Brigitte endlich richtig wach wurde, um dieses Klingeln zu registrieren, ging der Klöppel schon bedeutend langsamer. Und sie schlief dann um ein Haar wieder ein, während sie mit sich selbst kämpfte aus dem Bett zu steigen. Wenn Brigittes Mutter nicht in das Zimmer gekommen wäre, die Läden geöffnet und die Decke zurückgeschlagen hätte, läge sie wahrscheinlich noch heute in den Federn, so müde war sie gewesen.

Brigitte kam fast unpünktlich ins Büro. Aber ohne Frühstück, keiner vertrödelten Toilette und mit einigem Abhetzen, gelang es ihr gerade noch rechtzeitig am Arbeitsplatz zu erscheinen. Den ganzen Tag über kämpfte Brigitte mit den Folgen, die der fehlende Schlaf der vergangenen Nacht nach sich zog. Nichts, aber auch gar nichts lief ihr von der Hand. Alles und jeder schien sich gegen Brigitte verschworen zu haben. Sie machte eine Reihe von Leichtsinnsfehlern, die ihr gewöhnlich nie passiert wären, obwohl sie doch wegen der neuen Bekanntschaft zu Dominik auf Wolken schwebte und dadurch hätte motiviert sein müssen. Und in der Mittagspause übermannte sie der notwendige Schlaf.

Außerdem nervten Brigitte die zahlreichen Kommentare der Kolleginnen und Kollegen, den vorherigen Abend betreffend. Fast jeder einzelne der kleinen Gruppe fragte sie im Laufe des Tages grinsend, wie spät es denn geworden sei. Einige sprachen sie direkt mit Hinsicht auf ihre Müdigkeit an, ob das Tanzen so anstrengend gewesen wäre. Oder ob sonst etwas anders dafür die Ursache war, machten diejenigen eine bestimmte Andeutung. Alles Fragen und Anspielungen, über die Brigitte ausgeschlafen gelacht hätte. Aber in ihrer Müdigkeit regte sie sich darüber auf und reagierte teilweise sogar gereizt.

Dann, als endlich die Uhr halb fünf zeigte, freute sich Brigitte wesentlich mehr als an anderen Tagen, dass dieser Arbeitstag ein Ende fand. Das lag allerdings nicht an den Bemerkungen der Kollegen, oder daran, dass es Brigitte nun möglich wurde ihren verlorenen Schlaf nachzuholen. Je näher der Feierabend rückte, desto munterer wurde sie. Brigitte dachte dabei, wie überhaupt den ganzen Tag über, nur an Dominik. Sie wollte schnellstens nach Hause kommen, sich ausgehfertig machen, um in das Tanzcafé zu gelangen, wo sie sich mit Dominik beim Abschied verabredet hatte.

Mit dem üblichen „Tschüss, bis Morgen“, verabschiedete sich Brigitte knapp von ihren Kolleginnen und Kollegen. Sie wollte keine unnötige Zeit vergeuden und sich ohne Umschweife auf den Weg machen. Sie lief flink die Treppe des Bürogebäudes hinunter, durch die pompöse Glastüre hinaus auf die Straße und wandte sich nach links, in Richtung ihres Elternhauses. Just in dem Moment, als Brigitte den Gehweg betrat, hupte irgendwo ein Auto zwei Mal. Ganz entgegengesetzt ihrer normalen Verhaltensweise, drehte Brigitte den Kopf und erkannte nach wenigem Suchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen weißen Sportwagen. Das war eindeutig das Auto, mit dem sie am frühen Morgen schon einmal gefahren worden war, stellte Brigitte mit großer Herzensfreude fest.

Die Müdigkeit, sowie der dadurch erhöhte Stress des Arbeitstages waren mit dem Hupzeichen endgültig, schlagartig verflogen. Brigitte lachte, überquerte leichtfüßig die Straße und lief hoch beglückt zu ihrem Chauffeur. Der strahlte gleichfalls über das ganze Gesicht, als er seine Herzdame auf sich zukommen sah.

Auf dem Beifahrersitz Platz nehmend, hauchte Brigitte ein „Guten Tag“, und himmelte Dominik dabei an. Auf die Frage, warum er hier stünde, die Verabredung sei doch erst am Abend im „Heart“, antwortete Dominik, dass er zur Stunde nichts anderes und schon gar nichts Besseres zu tun gehabt hätte. Er erinnerte sich, wo Brigitte arbeitete und wann ihre Arbeitszeit endete. So nötigte Dominik sein eigenes Gewissen, er müsse sie abholen, um sie nach Hause zu fahren. Das sei doch besser, als gelaufen. Und da war er!

Am Vorabend des Glückstages in Brigittes Leben, erzählten sie sich eine ganze Menge. Sie redeten über nichts ausführlich, oder vertieften bestimmte Themen besonders, wie das nun mal so ist, wenn man sich gerade kennenlernt. Eine neue Bekanntschaft ist an sich schon allgemein interessant und aufregend. Man konzentriert sich voll auf sie und es gibt dadurch so viel Gesprächsstoff, dass es immer nur für kurze Kommentare und Erläuterungen reicht. Man möchte am liebsten alles in einem Atemzug erzählen und von seinem Gegenüber gleichzeitig alles erfahren.

Aber dass Dominik sich bei dieser Flut aus Informationen der verschiedensten Dinge, die Brigitte ihm erzählte,noch an solche Details, wie ihren Arbeitgeber und ihren Feierabend erinnerte, betörte sie gleich wieder. Sie hielt das, wie alles, was Dominik sagte oder tat, für zu schön und romantisch, um wahr zu sein. Brigitte schwebte vollkommen auf Wolke sieben.

Dominik fuhr sie dann nach kurzer, unverfänglicher Begrüßung heim. Die Fahrt empfand Brigitte in ihrer Freude über das unverhoffte Wiedersehen als viel zu kurz. Sie hätte keinerlei Einwände dagegen gehabt, wenn Dominik dazu sinnlose Umwege gefahren wäre. Brigitte genoss die wenigen Minuten neben Dominik nämlich sehr. Für einen ganz kleinen Augenblick, als ihr langes Haar so schön im Fahrtwind wehte, fühlte sich Brigitte wie eine richtige erwachsene Dame an der Seite ihres Traumprinzen.

Vor ihrem Elternhaus angekommen, parkte Dominik den Wagen am Gehwegrand und lief schnell um das Auto herum, um Brigitte beim Aussteigen die Tür zu öffnen und ihr seine Hand zu reichen. Er zeigte insofern, welch ein vollendeter Kavalier er war. Dominik verabschiedete sich danach jedoch nicht von Brigitte, ohne ihr vorher eindringlich zu sagen, wie sehr er sich auf den bevorstehenden Abend mit ihr freute.

Genau mit diesem Ablauf setzte sich ihre anfängliche Beziehung auch an den folgenden Tagen fort. Dominik stand täglich mit dem Wagen vor dem Bürogebäude bereit wenn Brigitte Feierabend hatte, um sie gut behütet nach Hause zu chauffieren. Zum Abschied verabredeten sie sich jedes Mal für den Abend, oder auch schon für den späten Nachmittag miteinander. Sie verbrachten dann ihre gemeinsame Zeit damit, ins Kino zu gehen, einem Zoobesuch, oder in einem gemütlichen Restaurant und mit tanzen. Wobei selbstverständlich grundsätzlich Dominik die Eintrittsgelder und alle weiteren Rechnungen übernahm.

Gab es einmal keinen festen Plan für den Ablauf des Abends, nahmen die beiden sich also nichts Bestimmtes vor. Fiel ihnen kurzfristig dann auch später keine besondere Idee ein, flanierten Brigitte und Dominik einfach nur in der Gegend umher, bummelten durch die Stadt und auch durch den Park. Oder sie fuhren mit dem Sportcabriolet aufs Geratewohl los. Irgendwo hin, die Küste entlang, oder ins Hinterland, ohne festes Ziel. Dabei entdeckten sie oft durch Zufall ideale, lauschige Plätzchen oder außergewöhnlich gemütliche Bistros mit ungehinderter Sicht aufs Meer, wo sie sich ungestört an ihrer Zweisamkeit ergötzen konnten.

Im Grunde war es aber gleichgültig und spielte keine vorrangige Rolle, was sie zusammen besuchten oder gemeinsam veranstalteten. Es zählte einzig und allein, dass jeder die Nähe des anderen spürte. Brigitte fand es phantastisch, wie sich ihr Freund um sie kümmerte und scheinbar ausschließlich für sie alle Zeit opferte. Dominik verwöhnte sie nicht nur indem er so vieles mit ihr unternahm und stets für Brigitte da war. Es überwältigte sie außerdem wie galant er sich ihr gegenüber verhielt, sie mit Komplimenten überhäufte und wie Dominik versuchte, ihr jeden Tag etwas Neues zu zeigen und zu bieten, um Abwechslung in ihre Rendezvous zu bringen. Er vermied es dabei absolut, Langeweile und Eintönigkeit aufkommen zu lassen.

Amors Pfeile hatten wieder mit gewohnter Sicherheit einen Volltreffer gelandet. Für beide war das die glücklichste und prickelnste Zeit in ihrem bisherigen Leben. Brigitte wusste zwischen den Verabredungen nicht, wie sie die ohnehin schon wenigen Stunden ohne Dominik überstehen sollte. Ihre Gedanken waren immer nur bei ihm und umgekehrt dürfte es ihm geradeso ergangen sein. Der Tag konnte noch so mies und verregnet sein, wenn sich Brigitte und Dominik dann endlich gegenüberstanden, ging für sie beide die Sonne auf. Die Hetze der davor liegenden Stunden, vorangegangener Ärger und die Unannehmlichkeiten des Alltags, lösten sich sofort in glücklichen Gesichtern auf.

Brigitte war sehr stolz auf ihren Dominik. Sie beantwortete auch die neugierigen Fragen ihrer Kolleginnen im Betreff auf ihn gerne, mit Stolz und mit einer gewissen Genugtuung. Die übrigen Frauen im Büro erspähten natürlich auch, dass und mit welchem Wagen Brigitte täglich abgeholt wurde, die Veränderung, die mit ihr vorging und was dahinter steckte. Jeden Tag musste Brigitte genauestens berichten, was sie gemeinsam erlebten, wohin sie mit Dominik ging, wie lange sie sich wo aufhielten und was sich sonst noch alles in Verbindung mit ihm ereignete. Bei indiskreten Fragen allerdings lächelte Brigitte nur geheimnisvoll und schwieg. Sollten die Neider doch denken, was sie wollten. Nur ihre beste Freundin Jasmine wusste wirklich über alles Bescheid und kannte sämtliche Einzelheiten.

Bereits nach ein paar Tagen schenkte ihr Dominik ein echt goldenes Armkettchen. Einfach so, ohne bestimmten Grund. In dessen dafür vorgesehenen, größeren und flachen Glied, stand Dominiks Name eingraviert. Es sollte Brigitte ständig an ihn erinnern und war mit Sicherheit nicht billig gewesen. Dieses zeigte sie ebenfalls mit Würde im Geschäft den Kolleginnen vor. Brigitte demonstrierte damit auch, dass alles, was sie erzählte, der Wahrheit entsprach und keine Aufschneiderei war, wie vielleicht manche dachten. Die aufkeimende Eifersucht ihrer Kolleginnen, von denen keine etwas Ähnliches je von ihrem Freund oder Mann geschenkt bekommen hatte, erreichte damit sicherlich einen vorläufigen Höchststand.

Nach ungefähr zwei Wochen allerdings, so kann sich Brigitte erinnern, begann ihr Dominik durch sein doch unerklärliches, verschwenderisches Verhalten, was das Geld und die Freizeit betraf, leicht suspekt zu werden. Auch die wiederholten Bemerkungen einiger ihrer Kolleginnen trugen schleichend dazu bei, dass ihre Verehrung gegenüber Dominik getrübt und er ihr trotz seiner Freundlichkeit und seinem dargestellten Edelmut unheimlich wurde. Die ganzen Umstände waren wirklich äußerst ungewöhnlich. Auf diese Denkanstöße hin stellte Brigitte in ruhigen Minuten eigene Überlegungen an, die sie aber auch zu keinem Ergebnis brachten. Selbst Brigittes Eltern begannen langsam, vorsichtig gewisse Sorgen zu äußern.

Die Grundlage für deren Angst resultierte vorrangig aus der Ungewissheit, von was Dominik überhaupt lebe, womit er sein Geld verdiente, um sich auf solch großem Fuße bewegen zu können. Und dann brachte er noch obendrein jede Menge Zeit für Brigitte auf, ohne auf irgendwelche anderen Umstände Rücksicht nehmen zu müssen. Dominik brauchte anscheinend nie zur Arbeit gehen. Seltsamer Weise kannte sogar Brigitte nicht die Lösung auf diese Fragen, denn das war bisher nie ein Thema bei ihren Gesprächen gewesen.

In den Medien hörte man schon viel von Mädchenhändlern und allerlei anderen Verbrechern und zwielichtigen Gestalten, vor denen sich eine junge, hübsche Frau in Acht nehmen sollte. In ihren Zweisamkeiten, so fiel es Brigitte daraufhin auf, redeten die Beiden bis dahin fast ausschließlich von ihr. So dass Dominik nahezu alles über Brigitte bis ins Detail wusste, sie aber dagegen lediglich seine Hobbys kannte, welches Auto er fuhr oder was ihm beim Essen schmeckte und was weniger. Viel mehr Kenntnisse besaß Brigitte nicht über Dominik. Sie wusste keine Einzelheiten über sein Berufsleben und die Person Dominik. Er war für sie nur ein sympathischer, gut aussehender Mann mit offensichtlich viel Geld und ebenso viel Freizeit, der einen weißen Sportwagen fuhr.

Dieser Aspekt rückte Brigitte aber erst auf die Bemerkungen ihrer Kolleginnen und Freundinnen hin richtig in ihr Bewusstsein, das durch die berühmte rosarote Brille doch eindeutig getrübt war. Ihr fiel dann, beim Aufmerksam werden auf diese Tatsache und näheren Betrachten des Problems auf, dass Dominik bei ihren Gesprächen stets geschickt von sich selbst ablenkte. Das blieb bis dahin von Brigitte unbemerkt, oder sie verdrängte diesen Umstand, weil die Stunden mit ihm einfach zu schön und harmonisch für sie waren.

Als Brigitte ihn bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit daraufhin nachdrücklich fragte und ihm offen ihre Sorgen darlegte, gab Dominik ihr nach kurzem Zögern ausführlich Aufschluss über seinen Lebensinhalt und darüber, wie er im Geschäftsleben stand. Ihm leuchteten ihre Ängste ein und er spürte schon, dass Brigitte sich ihm gegenüber immer vorsichtigerer verhielt. Dominik wollte keine missverständlichen Spekulationen aufkommen lassen. Er hielt sich mit seinem eigenen Lebenslauf aus dem Grunde zurück, weil er damit nicht angeben wollte, erfuhr Brigitte dann. Es sollte bei niemandem der Eindruck entstehen, er hielte sich für eine besser gestellte Persönlichkeit als andere Menschen um ihn herum, die es in ihrem Leben eben nicht so glücklich getroffen hatten wie er.

Er, Dominik, war als Einzelunternehmer selbständig und konnte sich somit den Tag einteilen, wie es ihm in den Kram passte. Mit einem Lächeln begann er endlich von sich zu erzählen. Für Brigitte erweckte es den Eindruck, als habe er schon lange auf diese Fragen gewartet. Dominik erklärte Brigitte alles was ihn betraf, ohne auszuweichen. Es gab keine Tabus und er stand offen Rede und Antwort. Das war ein abendfüllendes Programm und ihr eigentlich geplantes Vorhaben an diesem Abend wurde verschoben. Aber die Klärung ihrer Bedenken erachtete Brigitte als wichtiger. Das ging für sie in Ordnung, nachdem sie lange grübelte, wie sie es anstellen sollte ihn deswegen zu befragen und Dominik schließlich so weit hatte, dass er Brigitte aufklärte.

Dominik wuchs zunächst bei seinem Vater auf, der damals seit knapp zwei Jahren verstorben war. Ihm verdankte er auch den Grundstock zu seinem Wohlstand. Dominiks Eltern lebten, seit er sich erinnern konnte, getrennt. Seine Mutter, zu der er niemals ein inniges Verhältnis gehabt hatte, war bereits seit mehreren Jahren verstorben.

Sein Vater hinterließ ihm nach seinem Tod ein beachtliches Vermögen in Form von Grundstücken, einen ansehnlichen Betrag an Geld und ein bescheidenes Haus. Mit diesen Mitteln als Grundlage habe Dominik dann begonnen, weitere Grundstücke und Häuser dazu zu kaufen, um sich ein Immobiliengeschäft aufzubauen. Die Grundstücke bebaute Dominik zum Teil mit Miethäusern, andere ließ er unberührt liegen, um sie später zu nutzen oder wieder gewinnbringend zu verkaufen. In Hinsicht auf die Auswahl der Grundstücke und wie er diese jeweils wirtschaftlich weiter einsetzte, zeigte Dominik ein glückliches Händchen. All seine Investitionen rentierten sich im höchsten Maße.

Der Anfang gestaltete sich sehr schwer. Die Banken vergaben ihre Kredite nur zögerlich an Dominik. Aber er benötigte das fremde Kapital, um die richtigen Grundstücke kaufen zu können und um sie dann auch zu bebauen. Dominik resignierte nach den ersten Absagen nicht, sie erweckten eher den Kampfgeist in ihm, denn für ihn gab es keine Zweifel am Gelingen seiner Pläne. Er verhandelte immer wieder mit den Banken, bis er diese von seinen Geschäftsplänen überzeugte, und sie ihm das Geld zur Verfügung stellten, welches er benötigte. Der große Erfolg, der sich langsam aber stetig einstellte, zeigte ihm und den Bankiers, dass er den richtigen Weg beschritt. Bald drehten sich die Bedingungen sogar insofern ins Gegenteil, dass die Banken bei ihm anstanden, um Kredite zu platzieren.

Dominik besaß zu Anfang kaum Erfahrung auf dem Immobiliensektor. Er verließ sich einzig und allein auf sein gutes Gefühl, das ihn nicht trog. Seine Erfolge erreichte Dominik dadurch, dass er seinen Verstand benutzte und ihm die Fähigkeit anhaftete, Zusammenhänge zu erkennen und logisch bis zu Ende zu denken. Durch gutes Planen, geschicktes Taktieren, rechtzeitiges Handeln und ausdauernden Einsatz, gehörte er bald zu den bedeutendsten Bauherren und Immobilienmaklern in der Gegend. Das zugehörige Fachwissen über Bausubstanzen und Grundstücksrechte eignete er sich durch fleißiges Bücher Lesen und dementsprechende Seminare an. Sicherlich gehörte zu seinem enormen Erfolg auch eine große Portion Glück dazu, wenn Dominik auch versuchte, Zufälle und unvorhersehbare Gegebenheiten gründlich auszuschalten, indem er möglichst immer alle nur denkbaren Umstände bei seinen Geschäften mit einplante.

Ein weiterer Geschäftszweig der Branche, nach dem Einkaufen und späteren Weiterverkaufen, war das Vermitteln von Wohnungen, Häusern und Grundstücken. Dabei verdiente Dominik bei jedem Geschäft das zu zustande kam eine so genannte Courtage, die sich aus dem Kaufpreis beziehungsweise dem Mietzins errechnete. In solchen Fällen, wenn er bei einem Verkauf nur als Vermittler zwischen zwei Parteien fungierte, kassierte er gewöhnlich von jeder Seite eine festgelegte Provision. Ein recht einträgliches Geschäft ohne den gewaltigen Kapitalaufwand, der zum Kauf und Bebauen eines Grundstücks, nötig war.

Fürwahr zeigte sich Dominik als sehr geschäftstüchtig, vorausschauend und dadurch erfolgreich. Also basierte sein Lebensstil und Vermögen nicht auf illegitimen Taten, wie aus dem Umfeld von Brigitte befürchtet, sondern in Dominiks gutem Gefühl für ein lohnendes Geschäft und seiner Beredungskunst. Dominik war ein ausgezeichneter Geschäftsmann und seine Kunden genossen eine vorzügliche Beratung. Er besaß ein so unglaublich exzellentes Verkaufsgeschick, dass er in Verbindung mit seiner sympathischen Ausstrahlung, wohl Abraham Lincoln einen Sklaven hätte verkaufen können.

Das Einkommen von Dominik ergab sich also daraus, so günstig wie nur möglich Immobilien einzukaufen und bei deren weiteren Veräußerung Höchstpreise zu erzielen. Oder auch einfach einen Verkäufer mit dem passenden Käufer zusammenzubringen und für seinen Einsatz eine Provision zu kassieren. Das wichtigste Instrument war, immer vor allen Anderen bedeutende Informationen zu erhalten und damit als Erster an dem entsprechenden Geschäft zu sein. Das galt besonders bei Geländen, die nicht viel Wert waren aber zum Beispiel durch eine anstehende Umwandlung in Bauland dann eine astronomische Summe einbrachten.

Diese Grundstücke musste man natürlich in seinen Besitz bekommen, bevor diese Umwandlung publik wurde und die damit verbundene Wertsteigerung für jeden absehbar. Dabei die richtige Auswahl zu treffen, war eine von Dominiks unschlagbaren Fähigkeiten. Er irrte sich nie und erwarb immer die steigerungsfähigsten Grundstücke. Die Differenz der Ausgaben und der Einnahmen bestimmten also dabei Dominiks Gewinn, der auf Grund seines untrüglichen Gefühls und Geschick, immer beachtlich war.

Der letzte Punkt, den Dominik bei seinem Erfolg als wichtig erachtete war, bei sämtlichen Geschäftsabschlüssen die Seriosität nicht aus dem Auge zu verlieren. Dominik achtete penibel darauf, keine anrüchigen Geschäfte zu tätigen, oder in solche verwickelt zu werden. Wenn er spürte, dass er eine Transaktion nur mit zweifelhaften oder gar unlauteren Mitteln tätigen konnte, verzichtete er lieber auf den Deal. Er wollte ein sauberer Geschäftsmann sein und bleiben.

Mehr und mehr, je bekannter Dominik wurde, bekam er automatisch Häuser, Grundstücke und Villen von Verkäufern angeboten, die deren Besitzer über ihn zu veräußern gedachten. Seine diskrete, seriöse und korrekte Arbeitsweise sprach sich selbstverständlich in den entsprechenden Kreisen herum und sorgte immer wieder für neue Aufträge. Dadurch erhielt Dominik, ohne umständliche Mühen, regelmäßig neue Verkaufsangebote und Kaufnachfragen. Die Mund-zu-Mund-Propaganda, durch die sich sein guter Ruf als Makler aufbaute, wurde für ihn zu dem wichtigsten und besten Hilfsmittel und Werkzeug.

Die Geschäfte von Dominik zeichneten sich also hauptsächlich durch ständige Verhandlungen und Gespräche aus. Ununterbrochen suchte er nach relativ billigen Häusern und Grundstücken, was mit vielen Terminen vor Ort verbunden war. Ständig musste Dominik hart am Ball und stets auf der Hut sein, um als Erster den Fuß in der Tür eines Geschäfts zu haben. Die Konkurrenz schlief schließlich nicht.

Die Verhandlungen mit den Verkäufern oder den Käufern und die Besichtigung der Objekte, oder auch die Vertragsabschlüsse, legte Dominik, seit er Brigitte kannte, weitgehend so, dass er dazwischen genügend Zeit für sie zur Verfügung hatte. Bei den meisten Terminen mit seinen Kunden kam es auf eine Stunde früher oder später nicht an. Die Geschäftsleute unter ihnen bevorzugten zudem sowieso den Vormittag oder den frühen Mittag gegenüber dem Abend. So verschaffte sich Dominik auch den Freiraum, Brigitte täglich von der Arbeit abholen zu können.

`So einfach ist das alles´, dachte sich Brigitte auf die ausführlichen Erklärungen von Dominik. ´Keine krummen Touren´, wie ihre Bekannten, die Eltern und zuletzt auch sie selbst insgeheim befürchteten. Brigitte schämte sich fast ein wenig für ihre zuvor gehegten Unterstellungen, als Dominik ihr dann sein wirkliches Betätigungsfeld eröffnete und näher brachte, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdiente. Er war ein ehrlicher Geschäftsmann, dessen Unternehmen sich wirtschaftlich sehr rentierte, weil Dominik immer das richtige Gespür bewies und fleißig für seinen Erfolg arbeitete.

´Nur kaufwilligen Menschen die entsprechenden Häuser und Grundstücke anbieten, die sie suchten und bereit waren für die Arbeit des Maklers dessen Provision zu zahlen. Oder eben den siebten Sinn wie Dominik zu haben, im Voraus abzuschätzen welche Gelände bald sehr wertvoll werden würden´. Aber ganz so einfach wie in der Theorie gestaltete sich dieses Geschäft nicht, wie Brigitte später leibhaftig miterlebte. Es steckte schon eine gehörige Menge Arbeitseinsatz und Stress, bedingt durch den Erfolgsdruck, dahinter.

Einige weitere Wochen danach war es an der Zeit, dass Brigitte ihren Freund den Eltern vorstellte. Sie begannen schon allmählich dezent zu drängen, den spendablen Verehrer kennenzulernen. Bis dahin mussten sie sich ihr Bild von Dominik aus den Erzählungen ihrer Tochter malen. Lediglich die Geschenke, die er Brigitte machte, waren für sie sichtbar und stimmten sie, bis zur Erklärung über den Beruf von Dominik durch Brigitte, etwas nachdenklich.

Gleich von Beginn an begeisterte Dominik ihre Eltern, zur Erleichterung von Brigitte, als sie ihn kennen lernten. Sie war darüber sehr glücklich, denn sie brachte ja noch nie einen Mann mit nach Hause, und wusste somit nicht, wie ihre Eltern reagieren würden. In den ersten Sekunden, als sie sich alle gegenüber standen, war Brigitte unheimlich gespannt, wie das ausgehen würde.

Dominik gewann sofort das Vertrauen und die Sympathien von ihren Eltern. Das las Brigitte eindeutig in ihren freundlichen Gesichtern, mit denen sie ihn empfingen. Dominik überzeugte alleine durch sein Auftreten und seine guten Manieren. Mit ihrem Vater verstand sich Dominik auf Anhieb glänzend, sodass die Bedenken einer Ablehnung durch ihn unbegründet waren. Brigitte befürchtete, dass ihr Vater vielleicht zu kritisch mit Dominik ins Gericht ginge, um festzustellen, ob er auch der Richtige für seine liebe und einzige Tochter sei.

Bei seinem Antrittsbesuch ließ es sich Dominik nicht nehmen, Brigittes Mutter mit einem Blumenstrauß zu erfreuen, wie sie einen solchen höchstens zu ihren Geburts- oder Hochzeitstagen überreicht bekam. Den Vater bedachte Dominik mit einer Flasche Cognac der Spitzenklasse.

Diese netten Gesten waren aber nicht der Ausschlag für die Zuneigung, die ihre Eltern für Dominik entwickelten. Die waren in ihrer Meinungsbildung unbestechlich und nur an dem Charakter der Person Dominik interessiert, der ihnen von Grund auf gefiel.

Das Band der Zusammengehörigkeit, welches Brigitte und Dominik um sich knüpften, schlang sich enger und enger. Seit dem Besuch bei den Eltern, dann auch mit deren gutem Segen und ihrem Einverständnis. Auf die positive Reaktion der Eltern hin und deshalb, weil sich Brigitte und Dominik gefühlsmäßig immer näher zueinander bewegten, ging er den nächsten Schritt ein. Er erachtete binnen Kurzem die Zeit für reif, Brigitte sein Heim vorzuführen, das sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte. Dominik lud sein Mädchen zum Abendessen in sein, wie er es selbst genannt hatte, bescheidenes Häuschen ein.

Es dauerte somit verhältnismäßig lange, bis er Brigitte mit in sein Domizil nahm und es ihr offenbarte. Darauf konnte sie sich keinen konkreten Reim machen, denn es fiel Brigitte schon auf, dass Dominik sie absichtlich von seinem Wohnsitz fernhielt. Als mögliche Erklärung dafür kam ihr nur in den Sinn, dass in seinen vier Wänden das übliche Junggesellenchaos tobte und er sie vor diesem Anblick bewahren wollte. Doch dann war es endlich soweit und Brigitte war mächtig gespannt wie Dominik wohl lebte.

Der Walmdachbungalow, zu dem sie fuhren, befand sich außerhalb von Nizza. Brigitte war ungehalten vor Begeisterung, als sie das Gebäude von außen sah. Er untertrieb einmal mehr mit seiner Beschreibung. Ohne es von innen zu kennen, war für Brigitte klar, dass dieser Bungalow sicherlich eine echte Konkurrenz zu jedem Haus eines führenden Angestellten in irgendeinem Großkonzern darstellte, wie zum Beispiel dem ihres obersten Chefs bei der Versicherung.

Beim Betreten der Räumlichkeiten drückte sich das Erstaunen Brigittes durch ein spontanes, lautes und lang gezogenes „Heee“ aus. Mehr fiel ihr zu dem, was sich da ihren Augen bot, nicht ein. So etwas hatte Brigitte zuvor noch nie persönlich gesehen. Die ersten Eindrücke überwältigten sie total. Dominiks „Häuschen“, präsentierte sich alles andere als bescheiden. Das war keines der üblichen Reihenhäuser, wie Brigitte es sich nach seinen herunterspielenden Worten ungefähr ausmalte.

Umgeben von einer parkähnlichen Anlage aus Laubbäumen und Tannen, drang in das Innere des Bungalows im höchsten Falle Vogelgezwitscher als Umweltgeräusch ein. Es war unglaublich still und gemütlich und die Räume weitläufig. Von dem Stadtlärm, wie Brigitte ihn gewohnt war, konnte sie gar nichts hören.

Der Fußboden war überall, wo man sich üblicher Weise bewegte, mit dicken, weichen Teppichen ausgelegt, die teuer aussahen, wie auch alles Übrige in dem Haus edel wirkten. Die geschmackvolle Ausstattung der Räume, die sich groß und hell zeigten, waren sicherlich mit einem erheblichen finanziellen Aufwand eingerichtet worden. Weit und breit kein Durcheinander, wie man es bei einem Junggesellenhaushalt erwartete. Es war ringsumher sauber und aufgeräumt, keine Unordnung oder auch nur ein Putzstreifen an den Fenstern. Die Möbel, Schränke und Sitzgelegenheiten waren erstklassig ausgewählt und zusammen mit den Tapeten und Bodenbelägen exquisit aufeinander abgestimmt.

Das kombinierte, prunkvoll eingerichtete Wohn- und Esszimmer wurde von einer einzigen durchgehenden Fensterfront begrenzt. Diese ließ sich, in der Mitte geteilt, zur Seite schieben, wodurch man an warmen Tagen quasi im Freien sitzen konnte. Anschließend an die Glasfront begann ein, mit rustikalen Platten gefliester Streifen, der als Terrasse diente, wo man vorzüglich die Sommerabende ausklingen lassen konnte.

Danach erstreckte sich ein schöner, gleichmäßig grüner Rasen, wie aus einem Gartenlehrbuch. Dieser wiederum war mit dichten Hecken und Sträuchern umsäumt, die keinen Schluss darüber zuließen, was sich dahinter verbarg. Brigitte erfragte es, und mit einer weit ausholenden Bewegung erklärte Dominik: „Wald, Wald, Wald“

Ein annähernd vergleichbares Haus hatte Brigitte noch nie gesehen. Im Kino vielleicht, in einem Hollywoodfilm sah sie schon solche Anwesen. Aber persönlich unmittelbar in so einem Traumhaus zu stehen, blieb ihr bis dahin vergönnt. Brigitte war nur die kleine Mietwohnung ihrer Eltern gewohnt, wie solche auch ihre Verwandten und Bekannten bewohnten. Brigitte staunte nur noch angesichts der Großzügigkeit der Räume, der Weite des Grundstücks und der inneren Ausstattung. Alleine der, sich an die Küche anschließende Vorratsraum, hatte die Ausmaße ihres Jugendzimmers zu Hause.

Brigitte wunderte sich über nichts mehr. So erstaunte es sie keinesfalls, als Dominik ihr mit einem gewissen Maß an Stolz erklärte, die Rasenfläche vor ihr sei ein echter Englischer Rasen. Wenn sie mit dieser Bezeichnung auch sehr wenig anfangen konnte. Dominik gestand ihr, dass er für diesen Rasen sowie natürlich auch für den Rest des Gartens extra einen Gärtner beschäftigte.

Welch ein ungeheures Glück Brigitte zuteil wurde, als sie Dominik kennen lernte, verdeutlichte ihr endgültig an jenem Nachmittag dieses Anwesen. Zeitweise befürchtete sie, das alles nur zu träumen. Das Haus mit allem Drum und Dran, hätte in ihrer Phantasie nicht schöner sein können. Aber es war absolute Wirklichkeit, es gehörte Dominik und sie befand sich hellwach mittendrin mit der Aussicht, hier irgendwann leben zu dürfen.

Als Brigitte so auf dieser Terrasse stand und in den Garten schaute, das noble Wohnzimmer im Rücken, realisierte sie zum ersten Mal bewusst, welch ein Glückstreffer Dominik materiell gesehen war. Mit all seinen überragenden menschlichen Wesenszügen, die er trotz seines Erfolges nicht verloren hatte, wurde er zum echten Hauptgewinn.

Brigittes Liebe zu Dominik, zu dem Mann, der sich das, was sie da vor sich hatte leisten konnte, sich all seine Reichtümer sogar mit den eigenen Händen aufbaute, stieg unaufhörlich. Sie betete ihn an, vergötterte ihn und hielt Dominik für den tollsten Mann auf Gottes Erdboden. Oder schlummerte in Brigitte nur die Hoffnung Dominiks Frau zu werden, gesellschaftlich aufzusteigen und sich somit einen solchen Luxus und Lebenswandel leisten zu können?

Ein Verwirrspiel der Gefühle setzte ein, bei dem Brigitte die Kontrolle und den Bezug zur Realität verlor. Es schien einfach wie im Märchen: Armes Mädchen trifft Prinz. Aber dieses Märchen war ihre Geschichte und Brigitte spielte die Hauptrolle.