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Die Geschichte erzählt die sehr träge Entwicklung eines schüchternen jungen Mannes zum Casanova und Frauenflüsterer. Da er niemals ein Draufgänger war, musste er bis dahin eine quälende Durststrecke durchstehen. Sex ist nach dieser Verwandlung sein Lebensinhalt und er betrügt seine Frau unzählige Male. Als Jugendlicher ist für ihn nur die Musik wichtig, in der er seine Sehnsüchte eine Freundin zu haben, auslebt. Ihm bleibt es aber lange Zeit verwehrt ein Mädchen für sich zu gewinnen. Dann lernt er seine erste Frau kennen und heiratet sie bald. Seine zweite Frau und Scheidungsgrund lernt er unter ganz ungünstigen Bedingungen kennen. Nämlich am Tag seiner Hochzeit. Mit ihr ist er fortan glücklich und im Job macht er eine beachtliche Karriere. Sein Leben nimmt einen wundervollen erfolgreichen Verlauf. An einem bestimmten Punkt in seinem Leben kehrt sich seine Schüchternheit ins krasse Gegenteil um und er führt ein regelrechtes Doppelleben. Trotzdem er seine Frau wirklich liebt, kann er es nicht lassen anderen Frauen nachzustellen. Er begattet jede, die er bekommen kann und hat massenhafte Affären. Bis zu der Katastrophe, die zwangsläufig daraus folgen muss.
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Seitenzahl: 686
Veröffentlichungsjahr: 2014
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R. J. Simon
Vom Mauerblümchen zum Loverboy
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
Weitere Romane von R. J. Simon
Impressum neobooks
Es war ein bewegtes, interessantes und angenehmes Leben, das er führen durfte. Diese Fragen, meist in einer depressiven Phase aus Unzufriedenheit geboren, ´war das jetzt schon alles, mehr soll es da nicht geben` stellten sich ihm nie. Er gab sich auch jede erdenkliche Mühe, keine Monotonie aufkommen zu lassen, um kein Dasein im Grau in Grau fristen zu müssen. Dieses Prinzip beherzte er bereits schon vor seiner Geburt.
Er war ein nüchtern denkender, eher introvertiert veranlagter Mann. Er plante sein gesamtes Leben hindurch, jede erdenkliche Kleinigkeit. Stets versuchte er alles im Blick und im Griff zu haben, um auf anstehende Probleme vorbereitet zu sein. Nichts überließ er dem Zufall. Manchmal war sein Leben ein einziger Ablauf sich aneinanderreihender scheinbar chaotischer Umstände. Darüber war er allerdings nicht unglücklich. Er beschwerte sich deswegen nie. Ganz im Gegenteil: Das Durcheinander, das sich um ihn herum aufbaute und ihn sein Leben lang begleitete, brauchte er regelrecht. Oft provozierte er es sogar bewusst und erzeugte mit voller Absicht künstlich wirre Situationen, oder inszenierte welche, wenn sich diese nicht von alleine einstellten. Mit Wort und Tat gelang es ihm immer wieder turbulente, lustige Situationen zu schaffen, die in einem normalen Alltag gewöhnlich nicht so vorkamen. Das war das Salz in seiner Lebenssuppe und seinen Freunden gab er davon sehr gerne reichliche Kostproben ab. So verschaffte er sich Spannung und würzte das Leben, um Einförmigkeit erst gar nicht aufkommen zu lassen. Geordnetes Chaos zu veranstalten, war sein Lebensinhalt und seine Bestimmung.
Bei ihm gab es auch niemals Kurzschlusshandlungen. All seine Entscheidungen waren stets wohl überlegt und durchdacht. Wenn er sich nicht schon im Voraus auf absehbare Geschehen einstellte, um diese generalstabgerecht zu planen, verlor er ebenso bei unverhofften Konfrontationen nie die Fassung. Von Unbeherrschtheit getragene Aktionen und Überreaktionen gab es bei ihm nie. Alles, was er sagte und tat, war nie spontan aus einer Laune heraus, sondern gewöhnlich lange im Voraus gezielt vorbereitet und berechnet.
Seine Intelligenz deutete sich bereits früh an und die Schulzeit bewältigte er ohne Probleme. Trotz diesen guten Voraussetzungen wurde aus ihm zu keiner Zeit ein Strebertyp. Seine Noten waren seinen überdurchschnittlichen, geistigen Möglichkeiten entgegen leider lediglich Durchschnitt. Ihn hemmte die übliche Teenager Trotzhaltung und Ablehnung gegen die Schule in seinen Leistungen, sodass ihm seine Fähigkeiten keine Musterschülernoten einbrachten. Aber er verhielt sich vernünftig und schlau genug, es nicht zu weit zu treiben, um sich mit der Verweigerungshaltung den Weg komplett zu verbauen und am Ende total zu versagen. Es ist immer schade, wenn aus übersteigerter Starrsinnigkeit ein junger Mensch sich die Zukunft selber zerstört. Diese Gefahr bestand bei ihm nie. Im Nachhinein sah es so aus, als ob er bereits als Junge die Vernunft eines Erwachsenen gehabt hätte und ganz genau wusste was, er tat, wo die Grenzen des Zumutbaren waren und er die Folgen komplett richtig berechnete.
Seine Entwicklung vom zurückhaltenden, schüchternen Jungen zu einem offenen, kontaktfreudigen Mann vollzog sich sehr langsam und träge. Er war kein Draufgänger, fand aber seinen ganz eigenen Weg und kehrte seine Schwäche in Stärke um. Für das andere Geschlecht, interessierte er sich natürlich brennend, brauchte aber eine recht lange Anlaufzeit, um den Genuss eines echten Kusses zu erfahren. Bis zu seiner "Entjungferung" musste er dann noch einmal eine Durstsrecke überstehen. Er erduldete sie ohne zu verzweifeln bis er endlich mit seinem „Ersten Mal“ in die neue erotische Welt eintauchte.
Seine zweite Frau lernte er unter höchst ungünstigen Umständen kennen. Nämlich am Tage seiner Hochzeit. Mit ihr betrat er die nächste Stufe auf seiner persönlichen Treppe in den Himmel der Wollust. Sie heiratete er, nach einer sehr kurzen Ehe. Mit ihr führte er fortan ein erfülltes Leben.
Kurz nach seiner zweiten Heirat wechselte er ebenfalls in einen anderen Beruf. In der neuen Stellung ging er auf und konnte seine Fähigkeiten dort voll ausspielen. Sehr erfolgreich im Job erklomm er den nächsten Absatz auf seiner Erfolgstreppe des Lebens. Sowohl beruflich wie auch sexuell.
Seine Entwicklung zum Loverboy nahm danach rasant Fahrt auf. Alles, was er als jugendlicher wegen seiner Schüchternheit versäumte, holte er dann in Rekordzeit auf und wurde zum Frauenflüsterer. Er umwarb die Frauen gezielt und schaffte es mühelos mit ihnen intim zu werden und unzählige Affären zu starten. Wobei all diese erotischen Eskapaden während seiner Ehe statt fanden. Diese deswegen zu unterlassen und darauf zu verzichten war er nicht im Stande. Der Sex wurde zum Mittelpunkt seines Lebens und er richtete seinen Tagesablauf danach aus. Anstand, Moral und Treue lösten sich auf und es blieb nur der pure Egoismus übrig. Ein sexueller Burnout, das wusste er, drohte ihm niemals. Er litt zeitlebens eher an chronischer Untervögelung.
Er spielte sein geheimes Spiel immer weiter, baute sich regelrecht ein Parallelleben auf und trieb es ziemlich bunt. Zwanghaft suchte er unentwegt diesen bestimmten Kick. Unentdeckt von seiner Frau vögelte er jede andere, die er bekommen konnte. Und seine Auswahl nahm beachtliche Ausmaße an. Erklären konnte er sich das nicht. Plötzlich bekam er immer und überall Chancen die er rastlos nutzte. Doch bis er dort angekommen war musste er eine unglaubliche Durststrecke überstehen.
Er ließ sich sogar den Sex bezahlen! Nämlich dann, wenn er es während der Arbeitszeit in seinem Büro mit einer seiner Gespielinnen trieb. Keine Frau war vor ihm sicher und seine Machenschaften steigerten sich bis zu dem Ende, das irgendwann wohl zwangsläufig daraus folgen musste.
Er liegt da, ganz ruhig. Die Atemnot, die Krämpfe und das Herzrasen, die eine furchtbare Todesangst in ihm auslösten, sind vorüber. An deren Stelle breitet sich eine besondere, überirdische Leichtigkeit aus. Eine ungewohnte und nie zuvor gefühlte Schwerelosigkeit ergreift ihn, lässt ihn ruhig werden, trägt ihn davon und die Neugier, wie es nun weiter geht, verdrängt seine vorherigen Ängste.
Vor seinem geistigen Auge und dem inneren Gehör läuft sein Leben ab. Es ist wie ein interaktiver Film beinahe real. Seine Erinnerungen sind deutlich und klar. Er durchlebt Erfahrungen und Gegebenheiten, die er längst vergessen glaubte. Erstaunt stellt er fest, dass die kleinsten Details, die schon Jahrzehnte zurückliegen, genauso frisch und ohne Lücken in seinem Erinnerungsvermögen vorhanden sind, wie die Erlebnisse der letzten Minuten.
Ganz leise, aus weiter Ferne hört er Stimmungsmusik. Eine Tanzkapelle spielt einen Festzeltklassiker. Er fühlt das Stampfen der mitsingenden Leute und erkennt das Lied. Aus einer Erzählung seines Vaters, die er einst unter dem Einfluss erheblicher Mengen Alkohols preis gab, weiß er: Das ist der Zeitpunkt seiner Zeugung!
Nach der Erklärung seines Vaters trug es sich auf einem Volksfest zu, das im Frühjahr statt fand und auf welches üblicher Weise jeder aus dem Ort zu gehen pflegte. Seine Eltern waren selbstverständlich als jungverliebtes Pärchen bei dieser Attraktion dabei gewesen. Sie saßen abends in dem riesigen Festzelt und schwammen gut gelaunt auf der dort herrschenden, fidelen Stimmungswelle mit. Wie das so üblich ist bei solchen Veranstaltungen mit Fastnachtscharakter, wurde viel getrunken, gesungen und geschunkelt. Seine Eltern, damals gerade verlobt, sangen auch die Stimmungslieder leicht alkoholisiert lauthals mit und wiegten sich im Rhythmus der Musik. Die Blaskapelle zog die Feiergemeinde in ihren Bann und riss jeden in dem überfüllten Festzelt mit, sodass es sich in einen einzigen, überschäumenden Stimmungskessel verwandelte.
Seine Eltern küssten sich gelegentlich flüchtig und unauffällig, denn 1961 war das Schmusen in der Öffentlichkeit bei den Alten und den Moralhütern noch verpönt und fast unanständig. Um Zärtlichkeiten auszutauschen war es ratsam, sich in möglichst versteckte Winkel zurückzuziehen und das nicht vor den Augen der Allgemeinheit zu tun. Der Wald und der Stadtpark wurden dafür am Abend von den verliebten Paaren gerne aufgesucht und genutzt. Diese Heimlichkeit erzeugte zwangsmäßig eine gewisse Romantik, die es wiederum schön machte, die junge Liebe zu erleben. Das waren noch die letzten Ausläufer der so genannten guten alten Zeit, in der es jeder tat, aber keiner darüber sprach. Erst die Hippybewegung mit der skandierten offenen Liebe brachte später den Wandel und die sexuelle Revolution.
Aus dieser Not heraus kamen seine Eltern im Laufe des späteren Abends auf die Idee, sich in den umliegenden Wald zurück zu ziehen, um sich ungestört und unbeobachtet gegenseitig Liebesbezeugungen zu geben. Die kurzen, gestohlenen Küsse im Zelt waren nämlich bald längst nicht mehr genug, denn die Frühlingsgefühle wirkten bei ihnen überwältigend. Der Alkohol, die Stimmung und das Küssen heizte sie an und sie wollten beide mehr. Durch einen Seitenausgang traten sie bald hinaus ins Freie und schlenderten Arm in Arm über den Festplatz um das Zelt herum. Die noch frische Abendluft vermochte ihre überhitzten Gemüter jedoch in keiner Weise abzukühlen.
An der abgelegenen, schmalen hinteren Stirnseite des Zeltes blieben sie dann im Finsteren eng umschlungen stehen und küssten sich innig. Hier war es recht dunkel und es bestand kaum die Gefahr, dass jemand vorbei kam und sie störte. So konnten sie ihre heißen Küsse ausgiebig genießen ohne Furcht entdeckt zu werden. Nach ein paar dichten Büschen endete der Festplatz und der düstere, weitläufige Wald begann. Sie waren hier also höchstwahrscheinlich unbeobachtet und konnten in der Dunkelheit das Leuchten in den Augen gegenseitig sehen, genießen und es weiter befeuern.
Sie befanden sich genau in Höhe der Kapelle, deren Musik hinter der dünnen Zeltwand deutlich und laut zu hören war. Die Küsse wurden immer länger, immer heißer und immer fordernder. Ihr gegenseitiges Streicheln und Liebkosen wurde intimer und das Verlangen nach mehr stärker und stärker. Ihre eifrigen Aktivitäten und Anstrengungen diesem „mehr“ nachzukommen steigerten sich stetig. Sie hatten beide das Gefühl, dringend etwas gegen dieses Verlangen tun zu müssen, sonst würde es sie verbrennen, ja umbringen. Die Natur schaltete das rationale Denken weiter ab und sie kamen an einen Punkt, an dem ihnen alles egal war.
Sein Vater besaß die Gabe, für aufkommende Probleme stets einen praktischen Ausweg zu finden. Also löste er sich aus der engen Umarmung seiner Liebsten und kniete nieder. Durch einen instinktiven Impuls begann er am Boden die Befestigung der Zeltplane zu lösen und hob diese ein wenig an. Dahinter zeigte sich ein Hohlraum und es kamen die Pfosten und Trägerbalken der Zeltkonstruktion zum Vorschein. Ein umsichtiger Blick in die dunkle Umgebung zeigte, dass keine Menschenseele in der Nähe war. Sie sahen sich entschlossen gegenseitig in die glühenden Augen und waren sich ohne Worte sofort einig, was sie tun würden.
Nacheinander krochen sie unter der geöffneten Plane hindurch an den Pfosten vorbei in den weitläufigen, dusteren, halbhohen Hohlraum unter der Bühne. Die Blaskappelle spielte ihre Musik genau über ihren Köpfen und das stampfen der Füße im Takt polterte auf den Blanken über ihnen. Durch die unzähligen Spalten in den Brettern drangen vereinzelte Lichtstrahlen der Scheinwerfer, die die Bühne erhellten, in ihr Versteck und schafften so eine romantische Beleuchtung, die man mit Absicht inszeniert, vielleicht nicht so perfekt hätte erzeugen können. Hier waren sie mit absoluter Sicherheit ungestört, unbeobachtet und mit sich alleine.
Im Halbdunkel des musischen Lichtspiels schlugen die beiden ihr Liebeslager im trockenen Gras auf. Es duftete nach Heu, Holz und Wiesenblumen. Die Kapelle spielte gerade den Klassiker Humpa-humpa-humpa-Täterä, als sie sich nebeneinander, der feurige Liebhaber halb über seine Freundin gebeugt, auf den Wiesenboden legten um ausgiebig zu schmusen.
Zu dem darauf folgenden „Auf und nieder, immer wieder“ gab das junge Pärchen dann endgültig dem Drang ihres Fleisches und der Natur nach. Das Ende des Liedes war auch gleichzeitig der Höhepunkt ihres überstürzten Beischlafes. Die über den Abend angestaute Lust ließ letztendlich nicht mehr viel Zeit für Romantik. Zunächst einmal ging es ihnen nur um ihre pure Befriedigung.
Die Menge im Zelt gab zum Ausklingen der Musik tobend Applaus, trampelte im Takt mit den Füßen und forderte lautstark eine Zugabe. Sein Vater und seine Mutter mussten ungehalten Lachen, ohne zu befürchten, dass es jemand hören könnte. Der Trubel im Zelt übertönte alles. Es war, als galt der euphorische Beifall und das Begehren nach mehr ihnen beiden und ihrer Leistung. Die Kapelle, ebenso wie auch der Vater, kamen der Aufforderung nach einer Zugabe gerne nach, fügte der bei seiner Erzählung zum Schluss mit breitem Grinsen an. Alkohol- und Erinnerungstrunken kicherte er: „Das waren doch noch schöne, gute Zeiten“ und dieser Abend soll demnach der Zeitpunkt seiner Zeugung gewesen sein. Dort im Verborgenen unbeobachtet und dennoch umgeben von einer Menschenmenge unter der Bühne, mit der musizierenden Kappelle direkt über ihnen!
Erleichtert und entspannt krochen sie alsbald aus ihrem Schlupfwinkel hervor, sich zuvor vergewissernd, dass keiner sie dabei beobachtete. Glücklicher Weise erwischte sie niemand, denn es wäre jedem klar gewesen, was sie in ihrem Versteck getrieben haben könnten. Da die Beiden noch nicht verheiratet waren, wäre das eine Sünde gewesen, von der die Eltern am Besten erst gar nichts erfuhren. Sein Vater lieferte seine Freundin danach noch rechtzeitig zu Hause ab, dass auch kein Groll bei deren Eltern wegen einer zu späten Heimkehr aufkam. Keiner ahnte dass „Es“ trotzdem schon geschehen war.
Da bewahrheitete sich ein abgewandeltes Sprichwort: Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch. Bald bemerkte seine Mutter, dass ihr unkeusches Treiben unter der Bühne ein Nachspiel in Form eines beginnenden Lebens hatte.
Es folgte nach dieser Erkenntnis direkt die unumgängliche Hochzeit. Alles andere wäre in dieser Zeit noch völlig undenkbar gewesen. Aber sein Vater stand auch ohne Diskussion zu dem gezeugten Kind und heiratete seine Freundin schnellst möglich.
Für die Augen der Öffentlichkeit war er dann allerdings damit ein Siebenmonatskind. Denn bis seine Mutter merkte, dass sie schwanger war und sie alle erforderlichen Vorbereitungen für eine Hochzeit erledigt hatten, vergingen gut zwei Monate. So blieben folglich bis zur Geburt des Kindes lediglich sieben Monate übrig, um dessen Zeugung vor der Gesellschaft in die Ehe zu verlegen. Das war damals allerdings eine gern angewandte Praxis, um die Moral und den schönen Schein der heilen Welt zu wahren.
Die Zeiten waren damals nicht einfach für ein junges Paar. Die wenigsten Familien besaßen genügend finanziellen Hintergrund, um ihren Kindern den Start zu erleichtern. Seine Eltern gingen beide einer Arbeit nach, aber große Sprünge konnten sie sich deswegen nicht erlauben. Der Vater verdiente sein Geld als Maschinenführer in einem Motorenwerk, seine Mutter war Arbeiterin in einer Fabrik für Gummierzeugnisse. Die erste Einrichtung ihrer gemeinsamen Wohnung mussten sie komplett auf Raten kaufen.
Überhaupt eine akzeptable Wohnung zu finden war schon alleine eine Hürde, an der das Paar lange scheiterte. Erst als seine Oma zu seiner Mutter damals sagte „frage doch mal bei der alten Reinhardt nach“ fand sie für sich und ihren Mann ein vernünftiges Heim. Die Familie Reinhardt war eine der reichsten in dem Vorort, die einige Mietshäuser besaßen. Und der Tipp der Oma führte zum Erfolg bei der Wohnungssuche.
Neun Monate später tat er alles dagegen, die Umstände dabei normal ablaufen zu lassen. Seine Eltern hatten natürlich in der Zwischenzeit geheiratet, um der Geburt ihres Kindes die moralische Legalität zu geben. Ein uneheliches Kind stellte noch eine echte Sünde in den Augen der überwiegenden Bevölkerung dar. Da stand der Schein von ungetrübter Sittlichkeit für viele weit über der Vernunft.
Den Tumult um die Geburt herum erzählte ihm seine Mutter. Es war an seinem fünfzehnten Geburtstag gewesen. Seine Eltern, die Gäste und er saßen gemütlich am Kaffeetisch beisammen, da sagte seine Mutter zu ihm amüsiert: „Heute vor 15 Jahren hatten wir beide einen schweren Kampf miteinander.“
Dann erzählte sie zur Erinnerung aller Verwandten, die es damals direkt miterlebten und zu seiner Aufklärung, wie das mit ihm und ihr ablief, bis er endlich den ersten Schrei in die Welt machte. Einige zeigten schon zu Beginn der Geschichte ein leichtes Lachen. Seine Oma verlieh ihrer Belustigung durch den Zusatz „ja, ja, da habt ihr zwei ein Theater veranstaltet“ Nachdruck.
Bereits am Morgen zuvor habe seine Mutter beim Aufstehen Kreuzschmerzen verspürt, erzählte sie dann. Sie wusste aber nicht, ob das nun Wehen oder normale Schmerzen waren. Um nicht umsonst alle um sie herum verrückt zu machen, entschloss sie sich dann erst einmal abzuwarten, wie sich das weiter entwickeln würde. Die Schmerzen ließ sich seine Mutter zunächst nicht anmerken, so lange sie es schaffte, diese zu verbergen. Sie war selbst gespannt, ob das nun der Beginn der anstehenden Geburt sein würde.
Seine Mutter war noch sehr jung und unerfahren, denn er war schließlich ihr erstes Kind. Die krampfartigen Schmerzen wurden allerdings ständig schlimmer und die Abstände dazwischen kürzer, sodass seine Mutter schon langsam den begründeten Verdacht bekam, das müssten wohl doch die Wehen sein, die seine Geburt ankündigten. Sie hielt es aber auch dann noch nicht für notwendig, Geburtsalarm auszulösen.
Mittags kam dann der werdende Vater unverhofft früher als sonst von der Arbeit nach Hause. Es war reiner Zufall, dass er an diesem Tag ein paar Stunden eher Feierabend machte als üblich. Sollte das vielleicht eine Art Vorahnung oder übersinnliche Eingebung gewesen sein?
Beim Eintreten in die Wohnstube sah er als erstes seine Frau, die sich gerade vor Schmerz über dem Tisch liegend krümmte. Im ersten Moment befiel ihn sogleich Panik, dass etwas nicht stimmen könnte. Aber seine Angst legte sich schnell und er vermutete richtig, dass die Geburt kurz bevor stand und das die Anzeichen dafür waren. Er wollte sofort tätig werden und in die Klinik gehen. Ihm tat es weh, zusehen zu müssen, welche Qualen seine Frau durchstand, ohne dass er ihr helfen konnte. Dennoch wollte sie weiter abwarten, um nicht unnötig früh in der Klinik zu sein.
„Aber das kannst du doch nicht machen, wir müssen los“, beschwörte er seine Frau.
Die Ausführungen seiner Mutter wurden ständig durch Lachen unterbrochen, wenn sie sich das verzweifelte und hilflose Verhalten des Vaters von damals ins Gedächtnis rief. Er saß nur Kopf schüttelnd, aber mit breitem Grinsen dabei und hörte zu.
Während die Zeit verstrich und seine Frau sich durch die Schmerzwellen quälte, wurde der Vater allmählich immer nervöser und hektischer. Er ging in der kleinen Wohnung in erzwungener Zurückhaltung auf und ab, wie ein Tiger in einem viel zu engen Käfig. Bei jedem Krampf, den seine Frau sich krümmen ließ, rannte er zu ihr, um sie liebevoll in den Arm zu nehmen, sie zu streicheln oder ihre Hand zu halten. Mehr konnte er leider nicht für sie tun. Sie ließ auch darüber hinaus nicht mehr zu. Ihr Verhalten brachte ihn fast zur Verzweiflung. Er wollte unbedingt ins Krankenhaus gehen, aber sie vertröstete ihn immer wieder und sagte nur: „Es geht noch, wir warten noch ein Bisschen.“
Als die Wehen mit einem Abstand von zehn Minuten einsetzten, was er mittlerweile mit zittrigen Fingern kontrollierte, ließ er sich allerdings nicht mehr weiter von ihr hinhalten. Seine Geduld war zu Ende und die Strapazierfähigkeit seiner Nerven hatte das erträgliche Maß weit überschritten, sodass er endgültig auch gegen ihren Widerstand handelte. Sein Vater beharrte entschlossen darauf jetzt aufzubrechen und duldete keine Widerrede mehr. Die Unverantwortlichkeit gegenüber seinem ungeborenen Sohn konnte er nicht länger hin nehmen.
Der Vater nahm die bereits gepackte Tasche in die linke Hand und schnappte mit der anderen seine Frau am Handgelenk, um sie sanft, aber bestimmt mit sich zu ziehen. Die Sache wurde ihm zu unheimlich und zu gefährlich. Er wollte, dass sich endlich ein Arzt seiner Frau annahm und sicherstellte, dass alles in Ordnung kam. Egal, ob das nun Wehen oder andere Schmerzen waren. Es musste dringend etwas unternommen werden, um Klarheit zu schaffen.
Ein Auto besaß das junge Paar zu der Zeit noch nicht. So ging er mit seiner Frau im Schlepptau, mehr schlecht als recht, zu Fuß in die etwa 15 Minuten entfernte Entbindungsklinik. Der Weg dorthin verlängerte sich allerdings erheblich, weil sie gezwungener Maßen des öfters eine Rast einlegen mussten. Immer wenn die Mutter wegen der Krämpfe nicht weiter gehen konnte, stützte sie sich zwischen ihrem Mann und den Hausmauern ab, um zu warten, bis der Schmerz vorüber war und sie ihren Weg fortsetzen konnten.
Die Entbindungsklinik war ein kleiner Familienbetrieb in dem Vorort, in dem sie wohnten. Es handelte sich ursprünglich um ein gewöhnliches Wohnhaus, das von der alteingesessenen Hebammenfamilie zur Geburtsklinik umgebaut worden war. Auf die Mütter warteten schöne, gemütliche Krankenzimmer zur Erholung nach der Geburt.
Der Umgang miteinander war dort verhältnismäßig leger und damit angenehmer, als in einem der großen Stadtkrankenhäuser mit ihrer Anonymität und den geschäftsmäßigen Entbindungen. Das lag vor allem auch daran, dass die werdenden Mütter meist selbst schon in diesem Hause zur Welt gekommen waren und man sich in dem Ort ohnehin kannte. Die jüngeren Mütter unter ihnen wurden also teilweise von der Hebamme entbunden, die schon ihre eigene Geburt mit begleitete. Der Satz „Kindchen, mir ist, als war es erst gestern, als ich dich auf die Welt holte und nun wirst du selbst Mama“, wurde daher oft ausgesprochen. Damit besaß der gesamte Ablauf der Geburt und die Betreuung der Mütter hinterher bis zur Entlassung, etwas Familiäres.
Man kannte sie mit Vornamen, mit ihren Eigenarten, ihrem familiären Hintergrund und mit all ihren Ängsten. Das Verhältnis zwischen der allzeit zur Verfügung stehenden Hebamme, den Schwestern und den Müttern war ähnlich wie bei Freundinnen. Frau fühlte sich dort geborgen, ehrlich und liebevoll umsorgt, somit wohl und absolut behütet.
Die Väter wiederum konnten ihre Frauen und Babys jederzeit besuchen. Wann sie wollten und Zeit hatten, stand die Klinik für sie offen. Wenn ein Mann mitten in der Nacht, nach seiner Schicht etwa, das Bedürfnis hatte, seine Frau zu sehen, konnte er das ohne Einschränkung tun. Die einzige aber sinnvolle und selbstverständliche Bedingung war, dass der Besucher sich leise verhielt, um andere Mütter oder gar die Babys, die das Wichtigste dort waren und absolut an erster Stelle standen, in ihrer Ruhe nicht zu stören.
Nicht selten kam es natürlich vor, dass ein Mann nach der gebührenden Feier der Vaterschaft spät nachts ziemlich besäuselt erschien, um seine Frau zu besuchen, was durch den dementsprechenden Zustand des Vaters selten geräuschlos ablief. Solche Situationen hatte das Personal sehr gut unter Kontrolle. Notfalls, wenn der Mann sich zu starrsinnig gebärdete, wurde die Chefin geholt, um den Vater davon zu überzeugen, dass es besser wäre, nach Hause zu gehen. Das sah der betreffende natürlich anfangs nie ein, aber die Hebamme war in diesen Situationen sehr resolut und setzte mit Geduld und Beharrlichkeit immer ihren Willen durch. Und wenn sanfte Gewalt nötig war, konnte sie den störenden Vater auch ebenso gut couragiert und mit körperlichem Einsatz aus der Klinik begleiten.
Die Hebamme und Inhaberin der Klinik war in Art und Aussehen genau so, wie man sie sich vorstellte. Sie strahlte schon alleine durch ihre Erscheinung eine gewisse Ruhe aus, war äußerst gutmütig und stand zu jeder Tages- und Nachtzeit den jungen Müttern zur Verfügung. Ihr Beruf war tatsächlich ihre Berufung. Aus diesem Grund, weil sie eben immer in der Nähe sein wollte, wenn sie gebraucht wurde, befand sich ihre Wohnung praktischer Weise auch in dem Klinikgebäude. Sie hätte es niemals zugelassen, entfernt und unerreichbar für die werdenden Mütter zu sein und eine Wegstrecke zwischen sich und ihnen stehen zu haben.
Sie war mit Leib und Seele Hebamme. Sie lebte für die Geburten, die Babys und die Mütter und deren anschließenden Pflege nach der Entbindung. Jedem Wunsch der Frauen versuchte sie nachzukommen und zu erfüllen. Die Zufriedenheit der Mütter und ihre glückstrahlenden Augen, wenn sie das erste Mal ihr Baby in den Armen hielten, waren ihr Lohn genug für ihre aufopfernde Arbeit. Für dieses Engagement war sie bekannt, genoss großen Respekt in der kleinen Gemeinde, war dafür hoch angesehen und beliebt.
Nur wer in dieser Klinik das Licht der Welt erblickte, war ein echter Einwohner des Stadtteils, so hieß es scherzhaft. Selbst die ältesten des Vorortes konnten sich an keine Zeit erinnern, in der es die Klinik beziehungsweise die Hebammenfamilie und ihr Wirken nicht gegeben haben sollte. Die Familientradition Geburtshilfe begann ganz früher mit Hausgeburten bis die Klinik entstand und so wurde also auch diese kleine Klinik in der Familie immer weiter vererbt und fortgeführt. Auch seine Eltern kamen dort zur Welt.
Nach etlichen Mühen und Strapazen nun endlich in dieser Klinik angekommen, waren die Abstände der Wehen auf sechs bis sieben Minuten gesunken. Die Hebamme kam sofort herbei und erkannte gleich den Ernst der Lage. Sie strich der werdenden Mutter zur Beruhigung mit den Worten: „Ganz ruhig Kindchen, du machst das toll“, zärtlich über den Kopf.
Ohne weitere Verzögerungen liefen gleichzeitig die Vorbereitungen für die Geburt an, ohne dass jedoch die Mutter von der betriebsamen Hektik in ihrem Umfeld etwas merkte, um sie nicht damit anzustecken. Seine Mutter wurde behutsam, aber mit möglichst wenig Zeitverlust in ein Bett gebracht und in den Kreißsaal gefahren. Eine weitere Helferin war inzwischen schon unterwegs, um den Arzt über die anstehende Geburt zu verständigen.
Doch dann geschah das Unfassbare: Die Wehen setzten aus! Sie hörten einfach auf und waren komplett verschwunden. Die Hebamme und der bald eintreffende Arzt kannten dieses Phänomen selbstverständlich. Was sie aber nicht glauben wollten war, dass die Hochschwangere sich sehr gut fühlte und wirklich nichts mehr auf die beginnende Geburt hinwies. Aber es war so. Seine Mutter spürte tatsächlich gar nichts mehr, machte einen fitten Eindruck und auch der Wehenschreiber zeichnete keine Daten mehr auf. Alle Anzeichen, dass das Kind nun in Welt drängte, waren spurlos verschwunden, als ob es sie nie gab.
Der zukünftige Vater lief unterdessen noch verwirrter als zuvor den Gang in der Klinik auf und ab, in der Erwartung jeden Augenblick Papa zu werden. Hätte ihm irgendwer für die zurückgelegte Strecke Kilometergeld bezahlt, wäre die Summe ausreichend gewesen, um seinem Kind eine respektable Aussteuer anzulegen, behauptete er hinterher immer lachend.
Die Aufregung war allerdings für alle beteiligten schlagartig umsonst gewesen. Es geschah vorerst nichts mehr. Seine Mutter saß fortan vergnügt und entspannt und ein wenig aufgedreht im Bett. Der Arzt schaute ebenso ungläubig auf sie nieder wie die Hebamme. Er war etwas ratlos und wusste nicht so recht, was er mit der Situation anfangen sollte. Also untersuchte er die Mutter gründlich, konnte aber dabei keine Anzeichen diagnostizieren, die auf eine in Kürze bevorstehende Geburt hinweisen würden.
Der Arzt empfahl dann, dass sie einfach alle abwarten sollten, bevor sie irgendwelche weiteren Schritte unternahmen. Da es sich zu diesem Zeitpunkt offiziell um eine Frühgeburt handelte, war es natürlich aus medizinischer Sicht sowieso das Beste, wenn die Geburt noch aufgeschoben würde. Das war vom Wissensstand des Arztes her viel besser, als dass das Baby jetzt schon zur Welt kam. Denn Abwarten konnte unter diesen Umständen nur zum Vorteil des Kindes sein und unmöglich schaden.
Nur seine Mutter und der Vater wussten schließlich, dass die Zeit in Wirklichkeit reif gewesen wäre, um das Kind zur Welt zu bringen. Aus diesem Wissen heraus und der Sorge, es könnte dem Baby etwas geschehen, steigerte sich die Nervosität des Vaters bis in die Nähe eines Kreislaufkollaps. Er saß scheinbar ruhig auf dem Bett seiner Frau, die aus dem Kreissaal heraus auf ein normales Zimmer gebracht worden war. Innerlich jedoch brodelte es in ihm wie in einer Dampfmaschine. Er hätte den Arzt am liebsten über die wahren Umstände aufgeklärt und die kleine Notlüge gebeichtet, um ein Risiko für sein Kind zu vermeiden. Seine Frau hielt ihn jedoch entschieden davon ab.
Also verbrachte das Paar die gesamte Nacht gemeinsam in der Klinik. Noch einmal nach Hause zu gehen, stand vollkommen außer Diskussion. Der Vater saß auf einem Holzstuhl vor dem Bett seiner Frau und hielt ihre Hand fest. Es befand sich zwar noch ein zweites Bett in dem Zimmer, aber er wollte seiner Frau so nahe wie möglich sein. Und Ehebetten gab es in einer Klinik natürlich nicht. Da begnügte er sich dann lieber mit dem unbequemen Stuhl.
Der Mann fand keinen erholsamen Schlaf. Gelegentlich nickte er zwar kurz ein, aber beim geringsten Geräusch oder der minimalsten Bewegung seiner Frau schreckte er sofort aus dem leichten Schlaf hoch. Die werdende Mutter hingegen schlief selig und zufrieden die Nacht hindurch. Sonst geschah nichts. Ihr Kind hatte sich anders entschieden und wollte vorerst nicht mehr den wohligen Bauch der Mutter verlassen.
Am Morgen kam dann der Doktor, um sich nach dem Befinden der werdenden Mutter zu erkundigen. Ihr ging es soweit gut und sie war ausgeruht. Nur der Vater hatte durch die Haltung auf dem Stuhl ein steifes Genick bekommen und der fehlende Schlaf sah man ihm deutlich an. Was jedoch nur eine nebensächliche Tatsache war. Hätte es der Sache gedient, wäre er sofort bereit gewesen, jede Menge Genickschmerzen auf sich zu nehmen, wenn dafür endlich alles zum Ende käme und er wüsste, dass es seinem Kind wirklich gut ging.
Die Mutter fragte den Doktor, ob sie nicht nach Hause gehen könnte, weil ja offensichtlich keine Veränderung der Situation zu erwarten sei. Sie erklärte ihm, dass sie doch keinen weiten Weg hatten und bot ihm an, dass sie sofort wieder kommen könnten, wenn sich die Anzeichen für die Geburt erneut zeigten. Der Arzt war von dieser Idee natürlich nicht begeistert und wollte sie lieber in der Klinik behalten. Er hielt es für besser, sie weiter unter Kontrolle zu haben, um bei Bedarf sofort eingreifen zu können.
Nach längerem Flehen und in Absprache mit der Hebamme gab der Doktor ihrem Drängen aber doch nach. Die Mutter versprach ihm hoch und heilig, sich zu schonen und nichts Unvernünftiges zu tun. So entließ er sie mit der Ermahnung, dieses auch wirklich umzusetzen. Den Vater wies er zudem eindringlich an, er solle darauf achten, dass seine Frau keine unnötigen Anstrengungen unternahm. Dieser Hinweis an den Vater war angesichts dessen gesteigerter Fürsorge eigentlich unnötig gewesen.
Mit gemischten Gefühlen machte sich der Vater dann mit seiner hochschwangeren Frau auf den Heimweg. Die Tasche mit der Wäsche und den Toiletteartikeln ließen sie vernünftiger Weise gleich in der Klinik. Die mussten sie ja nicht unnötig hin und her tragen, weil klar abzusehen war, dass die Mutter bald zurückkehren würde.
Dann waren sie keine zwei Stunden zu Hause, da zeigte ihr Kind wieder, obwohl noch nicht einmal geboren, dass es kein Verständnis für normale Abläufe aufbrachte. Es setzten tatsächlich die Wehen erneut ein. Den Startschuss legte ein ganz kurzes Ziehen im Rücken wie am Morgen des vorherigen Tages, nur ein wenig heftiger. Die Mutter versuchte aber wieder, wie auch am Vortag sich zu beherrschen und sich vor ihrem Mann nichts davon anmerken zu lassen. Bei dem nächsten heftigeren Krampf bemerkte der dann jedoch, dass es losging, weil sie diesen nicht verheimlichen konnte. Der Schmerz war so stark, dass sie sich deswegen beugte, was ihm natürlich bei seiner ständigen, überempfindlichen Aufmerksamkeit nicht verborgen blieb. Sofort war er auf den Beinen und wollte zurück in die Klinik. Die Mutter dagegen sagte, sie wolle nicht schon wieder unnötig den beschwerlichen Weg in die Klinik zurücklegen und noch abwarten wolle.
Das führte zunächst einmal zu einer längeren und heftigen Diskussion, womit die Mutter ihr Ziel noch zu warten doch erreichte. Sie verhandelte mit ihrem Mann immer weiter und zögerte den Aufbruch in die Klinik mit allerlei Beschwichtigungen immer weiter hinaus. Dazwischen wurde sie in regelmäßigen Abständen von Wehen erfasst. Mit ihrer unvernünftigen Taktik gewann sie trotzdem Minute um Minute. Der werdende und ängstliche Vater verstand das Problem nicht. Was war da los? Warum wehrte seine Frau sich derart dagegen in die Klinik zu gehen?
Der Vater, der arme Kerl, saß so unruhig wie auf heißen Kohlen vor ihr und versuchte sie zu überreden loszugehen. Aber er hatte keine Chance seinen Willen, der auf Vernunft und Vorsicht baute, durchzusetzen. Er konnte sie ja schlecht über die Schulter legen und tragen. Bei jedem Krampf, den er ihr ansah, sprang er auf und rief aus: „Jetzt gehen wir aber!“ Seine Frau bagatellisierte die Sache dann jedes Mal, beruhigte ihn damit, indem sie sagte „gleich“ und erinnerte ihn an den gestrigen, unnötigen Versuch in die Klinik zu gehen. Diesen ersten, zwecklosen Anlauf konnte er nicht wegdiskutieren, den gab es unbestritten. So schlug seine Frau immer mehr Zeit heraus und brachte ihn schier um den Verstand vor Sorge um sie und ihr ungeborenes Kind.
Darauf hatte der ungeborene Sohn gewartet und schlug überraschend konsequent zu. Urplötzlich verringerten sich die Abstände zwischen den Wehen rapide. Ganz anders als beim ersten Schub am Vortag wurden die Zeiträume zwischen den Krämpfen schlagartig kürzer. Im Nu waren sie auf unter fünf Minuten gesunken. Die Häufung der Wehen nahm weiter zu und die Krämpfe verlängerten sich deutlich. Seine Frau befand sich bald nur noch unter diesen krampfartigen Schmerzen und hätte unmöglich einen Schritt gehen können. Der Vater brachte seine Frau mühevoll ins Bett, wobei er sie mehr trug, als dass sie selbst ging. Nun spitzte sich die Lage schnell ernsthaft zu und der Vater drehte angesichts der neuen Situation, vor der er hilflos stand, fast durch. Sein Sprachzentrum schien gelähmt wogegen seine Bewegungen Überaktivität zeigten. Als Nervenbündel stotterte er nur wild mit den Armen rudernd herum und hüpfte dabei von einem auf das andere Bein vor dem Bett umher.
Es war höchste Eile geboten, denn der werdenden Mutter lief mittlerweile auch schon das Fruchtwasser davon. Der Vater bekam die pure Panik, als er das sah. Für ihn war das überhaupt nicht gesund und sah bedrohlich aus. Er befürchtete, dass das Komplikationen ankündigen würde. Vom Verlauf einer Geburt hatte er schließlich nicht die geringste Ahnung.
Nachdem er seine stöhnende Frau ins Bett gelegt hatte, ihr unruhig zappelnd zusah ohne zu wissen, was er denn tun sollte, um ihr zu helfen, verstrich die Zeit weiter. Erst als sie zwischen zwei starken Wehen keuchte: „Hol´ den Arzt“, kehrte sein Verstand zurück. Seine Starre löste sich. Die unkontrollierten Bewegungen wurden koordinierter, er wurde wieder klar im Kopf und hastete hektisch los. Polternd stürmte er die Treppen hinunter auf die Straße hinaus und rannte in seiner Aufregung zuerst einmal ein paar Meter in die falsche Richtung.
Seine Mutter erzählte dann weiter den Teil der Geschichte, den sie selbst auch nur von den Erzählungen der Hebamme kannte. Am Tag nach der Geburt, als die Aufregung sich endlich gelegt hatte und durch die Freude über die Geburt des Kindes abgelöst war, schilderte ihr die Hebamme eindrucksvoll und sehr bildlich das Eintreffen ihres Mannes in der Klinik.
Der Mann, so schilderte die Hebamme, traf aufgeregt und völlig außer Atem in der Klinik ein. Er hüpfte wie das Rumpelstilzchen vor ihr umher, sagte sie lachend und stammelte kurzatmig unverständliches Zeug. Aus den Worten, die er von sich gab, hätte sie niemals schließen können, was er ihr mitteilen wollte. Nur weil sie ihn ja kannte und wusste, dass seine Frau hochschwanger war, erfasste sie sofort, um was es ging. Das zu erraten fiel ihr bei seinem Verhalten nicht schwer. Die Hebamme erfuhr in ihrem Beruf schließlich ständig die Kuriosität werdender Väter.
Weiter ergriff dann seine Oma das Wort. Sie war damals gerade auf dem Weg zu ihrer Tochter gewesen und traf zusammen mit der Hebamme und ihrem Schwiegersohn vor dem Haus ein. Sie lachte zunächst bei der Erinnerung an das Bild, das sich ihr da bot, bevor sie es beschreiben konnte.
Um die Wegzeit zu verkürzen, hatten sich die Hebamme und der Vater ein Fahrrad genommen. Auf dem Gepäckträger war der Notfallkoffer der Hebamme festgeschnallt, sie selbst saß schwankend auf der Querstange und sein Vater trat in die Pedale, als ob er ein Radrennen gewinnen wollte.
„Kinder bekommen ist anstrengender als zu machen“, warf der Vater bei den Darstellungen der Oma lachend ein.
Beim Bremsen vor dem Haus dann schrie die Hebamme erschrocken und laut auf. Denn wegen der beachtlichen Geschwindigkeit, die der Vater inzwischen erreichte, konnte er kaum rechtzeitig anhalten. Er zog alle Bremsen und presste gleichzeitig die Füße auf den Boden, sodass sie dabei fast stürzten. Mit akrobatischem Geschick und etwas Glück fing er jedoch den drohenden Unfall gerade noch ab.
Im ersten Moment erschrak sich die Oma, weil sie dachte, es sei etwas Schlimmes passiert. Doch dann wurde ihr schnell bewusst, was wirklich los war und womit diese Hektik zusammen hing. Gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn und der Hebamme rannte sie nach oben in die Wohnung. Der Vater stürmte ohne auf die beiden Frauen zu warten mit großen Schritten voraus, wobei er zwischen den kurzen Atemstößen immer wieder rief: „Ich komme!“. Bei ihrem Eintreffen im Schlafzimmer bog sich die Mutter auf dem Rücken liegend schon unter Presswehen nach oben. Bereits im Treppenhaus hörten die drei wie die Mutter dabei ihre Schmerzen herausschrie.
Die Hebamme nahm sofort routiniert ihre Arbeit auf. Bei dem Zustand bedurfte es keiner Fragen mehr und es gab keine Zeit zu verschenken. Auch die Oma krempelte ohne zu überlegen oder zu zögern die Ärmel hoch, um die Hebamme zu unterstützen. Zu ihrer Zeit wurden die meisten Kinder noch selbstverständlich zu Hause geboren und so wusste sie einigermaßen Bescheid, worauf es ankam. Die Hebamme brauchte ihr nur gelegentlich kurze Anweisungen zu geben. Ansonsten arbeiteten sie prima Hand in Hand.
Nur der Vater rannte wie ein kopfloser Hahn im Zimmer umher. Er war so gar keine Hilfe, sondern behinderte sie eher. Bis die Hebamme ihn dann aus dem Raum verwies, weil sie einen nervösen Vater neben oder hinter sich nicht gebrauchen konnte. Egal wo er stand, der werdende Vater war einfach nur im Wege und seine Aufregung übertrug sich natürlich auf die Frauen und störte den Ablauf.
Bis endlich der Arzt eintraf, den die Hebamme, noch bevor sie zum Vater auf das Fahrrad stieg, verständigen ließ, brachte sie mit der Oma den Jungen mit vereinten Kräften auf die Welt. Wegen ihrer unzähligen Geburten war die Hebamme perfekt und erfahren, sodass eine unkomplizierte Geburt kein Problem für sie darstellte. Es war eine Bilderbuchgeburt und deswegen gab es keine Komplikationen, mit denen die Hebamme hätte fertig werden müssen. Der Junge kam nach den ganzen Unruhen, die er veranstaltet hatte, kräftig und gesund zur Welt.
Dem Doktor blieben nur die abschließenden Untersuchungen und Nachbehandlungen zu machen. Auch nach seiner medizinischen Sicht kam er zu dem Schluss, dass alles bestens war. Er gratulierte den jungen Eltern und wünschte ihnen und ihrem Sohn alles Gute. Bei der Hebamme bedankte er sich für die hervorragende Arbeit und dann machte er sich auf den Weg zurück.
Die Mutter hielt während dessen mit Tränen in den Augen ihren Sohn im Arm. Der Vater kniete ebenso gerührt vor dem Bett auf dem Boden und drückte die Hand seiner Frau. Die Anspannung war endlich von ihm abgefallen und er war unsagbar erleichtert und glücklich. Keiner konnte sagen, wen er in diesem Moment mehr anhimmelte. Seine Frau, die solche Qualen so tapfer ertragen hatte, oder seinen kleinen, frisch geborenen Sohn, der so verletzlich und zart in der Obhut seiner Mutter den Stress seiner Geburt verarbeitete.
Dieses Bild, das die Hebamme schon so oft gesehen hatte, beeindruckte und rührte sie immer wieder aufs Neue. Das war das größte Geschenk für ihre Arbeit, das sie sich überhaupt vorstellen konnte. Solch eine Harmonie hatte etwas ganz wunderbares für sie. Mehr Zufriedenheit, Glück und Liebe zwischen einem Pärchen als in diesen Minuten nach der Geburt, gab es wohl nie mehr in deren Leben. Genau daran sollten sich dann alle wieder erinnern, wenn sie sich wegen irgendwelchen Kleinigkeiten in den Haaren lagen. Das würde sicherlich helfen, die Streitereien zwischen Paaren, die meist die bösen Worte, die dann fallen, nicht wert sind, sehr einzuschränken, sagte sie immer.
Diese gütige Frau, die nur für andere gelebt und sich für die Babys aufopferte, lebte leider selbst schon lange nicht mehr, als ihm der Tag seiner Geburt geschildert wurde. Aber seine Mutter und sein Vater ebenso wie hunderte andere Paare, denen sie ihre Kinder zur Welt brachte, würden sie niemals vergessen können. An diesem Geburtstag, nachdem die ganze Geschichte erzählt war, stießen sie alle zusammen zur Ehre und zum Gedenken auf die Hebamme an. Allen voran die Oma, die ihre Kinder auch mit der Hilfe dieser besonderen und gutherzigen Frau geboren hatte.
Der nächste große und bedeutende Schritt in seinem Leben war dann die Taufe. Wie es zu erwarten war und in den bisherigen, kurzen Lebenslauf passte, verhielt er sich auch dabei nicht wie gewöhnliche Babys. Der Gottesdienst in der Kirche lief bis zur Taufe normal ab. Beim verabredeten Zeichen schritten dann die Eltern mit den Paten und dem zu taufenden Kind vor zum Altar.
Bis dahin gab es keine Auffälligkeiten. Sogar das Baby verhielt sich erstaunlich still während der Andacht. Es herrschte eine angemessene, feierliche Stimmung in dem Gotteshaus. Doch als das Baby mit seinen noch unkontrollierten Augen den Herr Pfarrer erblickte, war die Ruhe gleich zu Ende. Es begann herzerbärmlich zu schreien, dass es in den Kirchenwänden hallte. Als ob es genau wüsste, dass jetzt etwas ganz unangenehmes folgen würde und dieser Mensch mit dem seltsamen Gewand ihm Wasser über den Kopf gießen wollte.
Darüber empörte sich natürlich niemand, denn es war ja bekannt, dass die meisten Babys bei der Taufe weinten, weil sie diese Prozedur als unbehaglich empfanden. Im Gegenteil zeigten einige Kirchenbesucher ein verständnisvolles, gut gemeintes Lächeln.
Und da trat wieder sein Gebaren gegen die Normalität hervor. In seinem chaotischen Charakter tat er genau das Gegenteil von dem, was gewöhnliche Täuflinge tun. Im Kontrast zu anderen Babys schrie und klagte er, als nichts passierte und zeigte ein breites Grinsen und quiekte, als der Pfarrer begann, das heilige Wasser über seinen kleinen Kopf laufen zu lassen.
Jedes Mal, wenn der Pfarrer andächtig sprach und kein Weihwasser über sein Köpfchen floss, schrie er jämmerlich. Sobald sein Kopf jedoch mit dem geweihten Wasser benetzt wurde, lachte er vergnügt. So nahm der Pfarrer, als er dieses Verhalten erkannte, wesentlich mehr Wasser in Anspruch als gewöhnlich. Denn er ließ fast ununterbrochen einige Tropfen davon über die Stirn des Säuglings laufen, um ihn zu beruhigen. Und damit gelang es wunderbar, dass der Säugling still lachte und der Pfarrer seine Worte ungestört predigen konnte.
Er beendete seine Taufe und die damit verbundene Predigt mit diesem kleinen Trick meisterhaft und ohne weiteres Babyweinen. Und während alle Beteiligten, die nahe genug dabei waren, ihr Lachen unterdrückten, wurde der Junge auf den Namen Heiko Arbel getauft. Eine solche Taufzeremonie erlebte der Pfarrer bis dahin noch nie, gab er hinterher amüsiert zu.
Seine Patentante, die eine jüngere Schwester seiner Mutter war, erzählte ihm diese Geschichte einige Male. Mit ihr verstand Heiko sich sehr gut. Sie war auch gerade mal sechzehn Jahre älter als er selbst, wodurch schon eine gewisse Verbundenheit entstand.
Vorerst war seinem Drang, Unordnung und Verwirrung in seiner Umgebung zu stiften, genüge getan. Zumindest besaß Heiko keine dementsprechenden Erinnerungen an seine Säuglings- und frühe Kinderzeit, die etwas anderes sagten. Das konnte aber auch daran liegen, dass er diese Phase genau genommen verschlafen hatte. Seine Mutter erzählte immer, dass, wenn es ihm langweilig wurde, oder er im Kindesalter auf etwas für ihn wichtiges wartete, er sich einfach zum schlafen legte, weil dann die Zeit schneller verging.
Dieses Verhalten war natürlich auch vollkommen anders als bei anderen, gewöhnlichen Kindern. Wenn sein Vater und seine Mutter mit ihm irgendwo zu Besuch waren, mussten sie nie befürchten, dass Heiko quengeln würde, wenn es ihm zu lang ging. Er legte sich einfach auf die Couch oder auch gerne unter den Tisch, wenn da ein flauschiger Teppich lag, und verschlief die Zeit, bis es endlich nach Hause ging.
Natürlich funktionierte das ebenso an Weihnachten. Wenn ein Durchschnittskind seine Eltern nervte, weil die Bescherung noch so lange auf sich warten ließ, legte Heiko sich in sein Bett und verschlief die quälende Wartezeit bis zum Abend.
Davon abgesehen war Heiko ein Baby, wie jedes andere auch. Er schrie die Nacht hindurch, um am Tage dann friedlich zu schlafen, hatte seine kleinen Hände immer genau da, wo sie nicht sein sollten und tapste mit den ersten, unsicheren Schritten oft in gefährliche Situationen. Heiko weinte wie jedes andere Kind beim Zahnen und machte die üblichen Qualen bei den Kinderkrankheiten durch. Weitere, extrem abnormale Eigenarten waren ihm über sich nicht erzählt worden. Als Kleinkind schien er noch ein einigermaßen typisches Verhalten gezeigt zu haben.
Heiko wuchs in einer gut funktionierenden und harmonischen Familie auf, war wohl behütet und hatte eine glückliche Kindheit. Er entwickelte sich, wurde älter, kam in den Kindergarten und anschließend in die Schule. Also bis dahin ein ganz normaler Lebensverlauf. Erst ab der Kindergartenphase und vor allem aus der Schulzeit waren in ihm konkrete Erinnerungen vorhanden, die seine Ungewöhnlichkeit ausmachten und unterstrichen.
So war ein Erlebnis recht deutlich in seinem Kopf, weil ihm das damals große Angst bereitete. Vielleicht war es auch gerade deswegen noch so gegenwärtig. Im Nachhinein reihte es sich allerdings als eher lustige Begebenheit in seine Kindergeschichte mit ein.
Mit seiner Mutter war er damals an einem sonnigen Tag unterwegs zum nahe gelegenen Kinderspielplatz. Auf dem Weg dorthin gab es eine Straßenbaustelle, wo ein großer Erdaushub gemacht wurde. Neben dem Loch im Boden lagerten Betonröhren, die dort in der Grube verlegt werden sollten. Heiko fiel natürlich nichts Besseres ein, als durch eine dieser Röhren hindurch zu krabbeln. Sie boten sich ja regelrecht als Tunnel zum durchkriechen und als Abenteuerspielplatz an.
Seine Mutter rief noch, er solle das sein lassen, und versuchte es zu verbieten, aber weil er etwas voraus gelaufen war, konnte sie ihn nicht mehr halten. Mit lautem Lachen, das in der Röhre herrlich hallte, was ihn zusätzlich anspornte, kroch Heiko in eine der Betonkanäle. Seine Mutter lief gleich zum anderen Ende, um ihn dort in Empfang zu nehmen.
Heiko strahlte und lachte, als er seine Mutter an seinem Ziel sah und versuchte sein Tempo zu erhöhen. Seine kleinen Hände platschten auf den Beton, die Beinchen schrammten mit den Knien und sein Rücken oben die Röhre entlang. Die Mutter dachte noch: „Die Hosen sind durchgescheuert, bis er da durch ist.“ Aber das war für sie nichts Ungewöhnliches mehr. Zerrissene Hosen und Pullover oder auch aufgeschlagene Knie und Schrammen am Körper waren bei ihrem Sohn keine Seltenheit. Er gewöhnte sie während seines Heranwachsens an diese Begleiterscheinungen.
Kurz vor dem Ende der Röhre stockte Heiko abrupt und sah seine Mutter dann mit großen Augen an. „Na komm weiter, komm zu Mami“, versuchte sie ihn zu locken. Aber Heiko bewegte sich keinen Millimeter mehr. Und als er zu weinen begann und fast in Panik schrie, wurde ihr mit Schrecken klar, dass er fest steckte. Sie musste handeln! Sofort beugte sie sich so weit es ging in die Röhre und versuchte ihn frei zu ziehen.
Heiko war fast ganz durch die Röhre gekommen und steckte knapp vor dem Ausgang fest. Aber er klemmte noch zu weit drinnen, als dass seine Mutter ihn richtig zu fassen bekommen hätte. Sie konnte ihn gerade so mit den Fingerspitzen unter den Armen berühren. Das reichte aber nicht, um ihn heraus zu ziehen. Heiko weinte vor Angst und vielleicht auch vor Schmerzen, das konnte seine Mutter nicht genau feststellen. Jedenfalls schluchzte er jämmerlich und das tat ihr weh.
„Bleibe ganz ruhig, nicht mehr weinen. Mami holt Hilfe mein Liebling“, versuchte sie ihr Kind zu beruhigen. Es gelang und er wimmerte nur noch ein wenig. Seine Mutter lächelte ihm noch einmal ermutigend zu, bevor sie aus seinem Blickfeld verschwand, obwohl sie wusste, dass es in der Situation schlecht war, ihn zu verlassen, aber sie musste schließlich Hilfe holen. Heiko wartete tapfer ab, ohne zu weinen und ohne Angst zu zeigen, obwohl seine Mutter verschwand, was geschehen würde. Anscheinend erfasste er die Lage richtig und verstand ihr Handeln.
Seine Mutter, völlig aufgelöst, lief auf die Strasse, um Hilfe für ihren festsitzenden Sohn zu finden, immer im Hinterkopf, dass er alleine in der Betonröhre steckte. Ein paar Häuser weiter stand ein Mann in seinem Garten und goss die Gemüsebeete. Auf ihn rannte sie zielstrebig los und rief ihm schon von weitem entgegen, dass sie Hilfe brauchte. „Mein Sohn klemmt in einer der Röhren dort, können sie bitte Hilfe rufen?“
Der Mann erkannte sofort die Tragödie, warf seine Gieskanne weg und lief ihr hilfsbereit entgegen. „Ich habe kein Telefon, aber die Grünwalds haben eines. Ich laufe zu ihnen und verständige die Feuerwehr!“
Das war doch schon ein Lichtblick, der sie erleichterte. Sogleich lief sie wieder zu den Röhren hin, um ihrem Sohn wieder beizustehen und ihn zu beruhigen. Ob sie sich bei dem gefälligen Mann überhaupt bedankte, wusste sie nicht mehr. Ihre Gedanken galten einzig ihrem Sohn. Trotz verweintem Gesicht lachte Heiko, als er seine Mutter wieder zu sehen bekam. Sie sprach beruhigend auf ihn ein und versuchte ihn so gut es ging zu streicheln, damit seine Angst sich legte. Heiko schien mittlerweile ruhiger zu sein als sie selbst, was andererseits auch ihr etwas die Anspannung nahm. Nun musste nur endlich die herbeigerufene Feuerwehr kommen. In solchen Situationen ist, wie man weiß, jede vergehende Sekunde eine endlose Qual.
Als erstes traf der Mann ein, den die Mutter um Hilfe gebeten hatte und bestätigte, dass die Feuerwehr auf dem Weg sei. Auch er versuchte dann erst einmal, Heiko aus der Röhre zu ziehen. Aber auch bei ihm gab es keinen Erfolg. Der Mann wollte natürlich auch nicht zu fest an ihm zerren, um ihm nicht weh zu tun. Der Junge saß unverändert fest.
Dann hörten sie mit Erleichterung die anrückende Feuerwehr. Das Martinshorn kündigte schon von weitem die Hilfe an, die Heiko benötigte. Die Sirenen kamen sehr schnell näher und wurden naturgemäß stetig lauter. Als die Einsatzwagen auf die Straße einbogen, in der sich die Betonröhren befanden, war der Lärm schier nicht zu ertragen. Obwohl das Gedröhn bedeutete, dass nun endlich die dringend benötigte Hilfe eintraf, schmerzte es beinahe in den Ohren.
Um das Betonrohr versammelten sich inzwischen weitere Passanten und an den Fenstern saßen durch den Alarm aufgeschreckt auch einige Leute, um zu sehen, was denn dort vor sich ging. Einer der hinzu gestoßenen Männern versuchte ebenfalls, den Jungen aus seiner misslichen Lage zu befreien, was ihm aber ebenso wenig gelang. Aber die Rettung näherte sich bereits im Eiltempo.
Der hilfsbereite Mann, der den Notruf abgesetzt hatte, winkte den Rettungskräften entgegen, um auf sich aufmerksam zu machen, was selbstverständlich nicht nötig gewesen wäre. Seine Mutter schaute erleichtert zu, wie die Wagen nun langsamer und ohne Martinshorn auf sie zu rollten. Wenige Meter von ihnen entfernt blieben sie stehen und aus dem Wagen sprangen sofort eifrig und dienstbeflissen zwei Feuerwehrleute auf die Straße.
Der Einsatzleiter kam direkt auf Heikos Mutter zu und fragte, um was es ging. Sie erklärte ihm: „Mein Sohn steckt hier in dem......“ und weiter kam sie nicht. Beim Umdrehen, um auf das entsprechende Rohr zu zeigen, sah sie, wie ihr Söhnchen aus eben diesem gekrochen kam. Er richtete sich auf und zeigte mit leuchtenden Augen und breitem Grinsen auf die großen, roten Autos und sagte: „uuuiii Feuerwehr!“
Unter Lachen sagte der Feuerwehrmann nur, „steckte“, und kniete sich zu Heiko hinunter. „Na kleiner Mann, tut dir was weh?“
„Nein“, war die knappe Antwort, ohne den Blick von dem imposanten, feuerroten LKW zu nehmen.
„Unsere Autos gefallen dir, was?“
„Ja“, kam sofort die Antwort mit begeistertem Blick im freudigen Gesicht. Der Schreck war da bereits vergessen.
„Willst du auch mal Feuerwehrmann werden, wenn du groß bist“, fragte der Einsatzleiter den kleinen Heiko. Bei dieser typischen Kinderbefragung musste seine Mutter schon im Voraus lachen, weil sie genau wusste, was nun kommen und wie Heiko den Mann verblüffen würde. Auch ihre Anspannung verflog sofort und sie freute sich, dass Heiko nichts weiter geschehen war und so konnte sie gelöst lachen.
Heiko sah dem Kommandanten dann direkt ins Gesicht und antwortete mit sichtlicher Begeisterung wortgewandt: „Ich werde mal Paläontologe.“
Hilfe suchend blickte der verdutzte Feuerwehrmann die Mutter an, weil ihm dieser Beruf rein gar nichts sagte. Den hätte er, wie die meisten Menschen nicht einmal auf Anhieb fehlerfrei aussprechen können. Die Mutter erklärte dem Feuerwehrmann, dass das ein Dinosaurierforscher sei. Ihr Sohn schwärmte von diesem Beruf, seit er einen Bericht über Ausgrabungen dieser Urechsen gesehen hatte. Dabei muss er diese Berufsbezeichnung aufgeschnappt haben und versetzt seit dem jeden damit in Erstaunen, der ihn nach seinem Berufswunsch fragte. Bis jetzt war noch niemand unter den Fragenden, der gewusst hätte, um wen oder was es dabei ging. Auch seiner Mutter hatte Heiko das erst erklären müssen. Im Vorschulalter! Und nachdem sie im Duden nachgeschlagen hatte, ob das stimmte, was ihr Sohn da in seinem kleinen Kopf verfestigte, war sie wieder einmal mehr beeindruckt von ihm. Das geschah des Öfteren, dass Heiko auf wundersame Weise ungewöhnliches Wissen an den Tag legte.
„Toll“, sagte der Feuerwehrmann dann nur noch kurz, strich Heiko lieb über den Kopf und verabschiedete sich von seiner Mutter und dem Mann, der sie verständigte. Den Einsatz musste Heikos Mutter nicht bezahlen, denn zum Glück gab es Zeugen, die bestätigten, dass der Junge wirklich fest steckte und es sich nicht um blinden Alarm oder gar mutwillige Irreführung handelte.
Heikos Wissensdurst war auch in dieser Zeit schon sehr konkret ausgeprägt. Sein ausgefallener Berufswunsch kam nicht nur daher, weil ihm vielleicht der besondere Name gefiel, oder weil er bemerkt hatte, wie er damit die Leute in Erstaunen versetzen konnte, sondern weil er einfach gerne den Dingen auf den Grund ging. Und da war der Beruf eines Forschers noch dazu in Verbindung mit Dinosauriern die geniale Lösung.
Seine Neugier und Lernbereitschaft begann schon als Kleinkind. Später versäumte er möglichst keine Beiträge aus der Tier- und Pflanzenwelt oder auch wissenschaftliche Sendungen im Fernsehen. Somit prägte sich seine Allgemeinbildung schon im Kindesalter immer mehr und besser als bei Gleichaltrigen aus. Dementsprechend bewegte er sich später bei den Themen Flora und Fauna ebenso sicher, wie bei Gesprächen über das Universum oder auch die Psychologie der Menschheit. Seinen Eltern machte er mit seinem Verhalten und den oftmals erstaunlichen Aussagen für ein Kind, die eben auf sein weit fortgeschrittenes Wissen beruhten, gelegentlich fast schon Angst. Sie taumelten in ihren verzweifelten Versuchen ihn zu begreifen zwischen „unser Sohn ist ein Genie“ und „unser Sohn ist uns unheimlich“.
Mit seinen Ausführungen und Schlussfolgerungen, die weit über den Verstand seines jeweiligen Alters hinausgingen, verblüffte er seine Eltern unzählige Male. Das war vornehmlich für seine Mutter nicht einfach zu verstehen und zu deuten. Der Vater erlebte diese Situationen freilich seltener life mit, weil er tagsüber bei der Arbeit war und diese Begebenheiten nur abends von seiner Frau geschildert bekam.
Einmal schockte und verblüffte Heiko seine Mutter mit einer raffiniert eingefädelten Pointe. Damals war er gerade in der 2. Klasse. In einem Alter in dem andere Kinder überwiegend nachplappern was sie aufschnappen, machte sich Heiko bereits übergreifende Gedanken und wendete diese frech an. Es war ein herrlicher Tag und seine Mutter musste ihn zu den Schularbeiten zwingen. "Musste Opa auch immer lernen und Schularbeiten machen?"
"Ja natürlich!"
"Siehst du: Und heute ist er tot!"
Das saß und seine Mutter konnte nichts mehr antworten. Heiko grinste sie still an, sagte aber nichts mehr weiter. Ihm war klar, dass ihm dieser kleine Seitenhieb nicht davor bewahrte seine Schulaufgaben zu erledigen. Aber er hatte zumindest für einen kurzen Augenblick seinen Spaß.
Natürlich besaß er als Junge und als junger Mann diverse Hobbys, die ihm ebenfalls ein breit gefächertes Wissen vermittelten. Auch diese zogen sich durch absolut unterschiedliche Bereiche, die selten etwas miteinander gemein hatten. Selbstverständlich führte er diese Steckenpferde nacheinander im Laufe der Zeit aus. Mehrere gleichzeitig auszuüben wäre schon aus dem Grunde schier unmöglich gewesen, weil, wenn er sich für etwas interessierte, er alle Aufmerksamkeit und Freizeit dafür einsetzte. Wenn Heiko also ein Gebiet fesselte, erforschte er dieses ausführlich und von Grund auf. Dazu verschlang er unzählige und jede zu bekommende Lektüre und für die praktischen Abschnitte des Hobbys opferte er gerne den Rest seiner freien Zeit. Seine autodidaktischen Fähigkeiten, die Heiko zudem eigen waren, brachten ihn dabei schnell weiter und er erklärte sich Zusammenhänge selbstständig absolut korrekt und schlussfolgerte logisch gültige Grundsätze.
So zeigte sich dann auch in der Schule, dass sein Allgemeinbildungsniveau über dem seiner Mitschüler lag. Sein Charakter war glücklicher Weise so ausgeprägt, dass Heiko sich weder für etwas Besseres hielt, noch seine geistigen Vorteile übertrieben nach außen kehrte. Heiko hielt sich lieber zurück, beobachtete die anderen Menschen und freute sich über seinen Wissensvorsprung insgeheim, weil er die Antworten kannte, über die andere oft rätselten. Wenn es eine Situation gab, bei der er sich deutlich überlegen sah, so genoss er dieses Gefühl im Stillen ohne sein Wissen angeberisch hervor zu kehren und sich als Besserwisser zu outen.
Heiko stellte schon in jungen Jahren verschiedene Tier- beziehungsweise Insektenbeobachtungen und Versuche an. Klar, jedes Tier, das Heiko sah, beobachtete er genauestens. Ob das auf der Straße die Hunde und Katzen waren, der auffallende Flug der Schwalben am Himmel oder die Artenvielfalt der Insekten. Es interessierte Heiko einfach alles, was mit Pflanzen und Tieren zu tun hatte. Um seine Neugier auf diesem Gebiet dann zu stillen, ließ er sich einiges einfallen.
Selbstverständlich gab es bei Heiko auch die Chemiekasten- und Mikroskopphase, beides Dinge, die zum befriedigen seiner Neugierde genau die richtigen Instrumente darstellten. Seine Eltern und auch die Patentante wussten das genau und beschenkten ihn mit solchen Geräten und Utensilien, mit denen er neue Dinge erfahren konnte. Heiko nahm in seinem Forschungsdrang auch gerne mal die Schmerzen in Kauf, die ein Nadelstich mit sich brachte, wenn er sich selbst ein paar Tropfen Blut abzapfte, um es unter dem Mikroskop zu betrachten. Die dünnen Häutchen zwischen den Zwiebelschichten und selbst gezüchtete Pantoffeltierchen gingen dem natürlich längst voraus.
Mit 10 Jahren kannte Heiko unser Sonnensystem auswendig. Alle Planeten konnte er in der richtigen Reihenfolge, in der sie um die Sonne kreisen, mit ihrer Größe und der Entfernung aufzählen. Ihm imponierte ein Vergleich, den er zufällig irgendwo las, nach dem das Verhältnis von Sonne zur Erde, wie das zwischen einem Wasserball und einer Erbse war. Das weckte sein Interesse und er beschäftigte sich damit wie bei allem sehr intensiv. Heikos wichtigstes Utensil bildete in der Zeit sein Teleskop, das er sich aufs sehnlichste wünschte und das ihm dann auch als Geburtstagsgeschenk eine große Freude bereitete. Mit unglaublicher Ausdauer beobachtete Heiko fortan den Nachthimmel, bis seine Mutter ihn ins Bett schickte, weil die Zeit dafür längst überschritten war.
Heiko fing auch Kaulquappen und beobachtete an ihnen die allmähliche Verwandlung zum Frosch. Dabei ging er allerdings nicht, wie die meisten Jungs mit einem gewöhnlichen Glas an die Sache heran. Heiko organisierte sich statt dessen eine Kiste mit Sand, in die er ein kleines Wasserbecken mit Steinen eingrub, damit die Kaulquappen schwimmen und nach der Umwandlung als Frosch an Land klettern konnten. Die winzigen, kleinen schwarzen Frösche setzte er danach wieder gesund an den Tümpeln im Wald aus, wo er die Kaulquappen her holte.
Dort an diesen Altrheinarmen, wo er einen großen Teil seiner Kindheit verbrachte, las Heiko ebenso auch Krebse, Molche, Stichlinge und sonstiges Getier für seine Beobachtungen auf. Er war kein Lauser. Alles was Heiko auf diesem Gebiet anstellte, diente der Sättigung seines Wissenshungers und er quälte kein einziges Tier. Heiko blies niemals Kröten bis zum Platzen auf, wie das andere Jungs traditionell gerne taten.
Auch mit Pflanzen stellte er seine Untersuchungen an. Heiko brachte alle möglichen Samen mit nach Hause, um sie keimen zu lassen und deren Wachstum zu beobachten. Besonders Spaß machte ihm da die Zaunwinde, eigentlich ein Unkraut. Deren getrocknete Samenkapseln sammelte Heiko, öffnete sie und fummelte sich die Samen heraus, um sie einzutopfen. Diese Rankenpflanze legte ein erstaunlich schnelles Wachstum an den Tag. Wenn die Saat aufging und sich aus der Erde der junge Trieb erhob, schaffte sie es täglich, ein neues Blatt zu bilden. Heiko freute sich über diese Geschwindigkeit und noch mehr darüber, als es ihm gelang, einige davon in der Wohnung zur Blüte zu pflegen.
Seine Mutter überraschte auf diesem Gebiet bald nichts mehr. Denn zu ihrem Leidwesen schleppte Heiko ständig irgendwelches Krabbelzeug an. Wenn sie ihren Ekel über eines der Kriechtiere äußerte, erklärte der Sohn ihr meistens mit schlauem Wissen erstaunliche Eigenarten der Forschungsobjekte, um diese zu verniedlichen. Heiko verblüffte seine Mutter dann schon einmal mit Unterweisungen, dass der Panzer eines Insektes sich doch nur aus harmlosem Chitin, einem erstaunlichem Baustoff zusammensetzte, oder andere wirbellose Krabbler überwiegend nur aus Protein und Eiweiß bestanden.
