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Die Geschichte handelt Anfang der 80ger Jahre. Die Hauptperson, Richard Lang, sitzt im Gefängnis und lässt noch einmal sein bisheriges Leben und seine Erlebnisse Revue passieren und erinnert sich dabei an all die verrückten Dinge, die er mit seinen Freunden durchlebt hat. Mit seiner Clique trieb er unzählige Späße und lustigen Unsinn. Bis zu dem Tag, der das Leben von Richie grundlegend veränderte ... Die gesprochenen Sätze sind als kleine Besonderheit in Mannheimer/Vorderpfälzer Dialekt gehalten. Das Buch spielt überwiegend in Mannheim, bis auf die Urlaubsausflüge, die von der Gruppe nach Spanien, Frankreich und Italien unternommen werden. Es findet sogar eine Jagd jener sagenhaften Tierchen statt, die kaum jemand außerhalb der Rhein-Neckar Region kennt. Nämlich die Elwedritsche.
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Seitenzahl: 577
Veröffentlichungsjahr: 2014
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R. J. Simon
Richie am Leben gescheitert
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Erweitertes Impressum
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Impressum neobooks
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
<http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
© 2008 R. J. simon
Satz, Umschlagdesign, Herstellung und Verlag:
Books on Demand GmbH, Norderstedt
Wenn Richie, so, wie jetzt wieder, in seiner Zelle sitzt und grübelt, kommt ihm alles, was er in seinem verkorksten Leben angefangen und getan hat, total falsch vor. Er verhielt sich immer gegen den Strich und ordnete sich nie ein. Keinesfalls ließ er sich den Willen anderer aufzwingen, möglichst von niemandem manipulieren oder gar in vorgegebene Zwänge stecken. Richie war und ist ein Draufgänger, der sich durchzuboxen wusste. Meist geschah das buchstäblich mit den Fäusten. Ob das nun richtig oder falsch war, das kümmerte ihn in den entscheidenden Momenten nicht. Richie hatte sich noch nie gebeugt, in der Schule nicht, beim Militärdienst mit seinen groben Methoden nicht, im Berufsleben nicht und im Privatleben auch nicht. Er war immer derjenige, der Prügel austeilte, und nicht der, der welche einstecken musste. So versuchte er stets, seinen Willen durchzusetzen, was ihm auch fast immer gelang, egal, was es kostete. Bisher hatte er noch vor niemandem kapituliert und er würde es auch weiterhin nicht tun. Nur das Gesetz mit seinen Hütern und ausführenden Organen war bis jetzt stärker als er. Aber Richie musste auch zugeben, dass sie ihn mit Recht hier hineinsteckten. Das, was er getan hatte, war Unrecht, so weit ging seine Einsicht schon. Aber auch hier drinnen würden sie es nicht schaffen, ihn zu beugen, so dass er klein beigab. Sie konnten lange versuchen, ihn gefügig zu machen. Mit dieser jetzt verordneten Einzelhaft bekamen sie ihn auch nicht dahin, wo sie ihn gerne gehabt hätten. Das würde er schon durchstehen und allen zeigen, wie hart er war.
Richie heißt mit richtigem Namen Richard Lang und ist 28 Jahre alt. Er hat schwarze glatte Haare mit Mittelscheitel und ist 1,93 Meter groß. Auf der rechten Kinnseite hat er ein linsengroßes Muttermal. Seine Augen sind dunkelbraun. Er ist von der Erscheinung her ein toller Mann, nach welchem so manche Frau sich auch mal umdrehen würde. Geboren und aufgewachsen ist er in der schönen in der Rheinebene liegenden Stadt Mannheim, der so genannten „Quadratestadt“, weil ihr Zentrum wie die Felder eines Schachbrettes durchnummeriert ist. Somit spricht Richie auch den kurpfälzer Dialekt dieser Region.
Dem Richter missfiel diese Ausdrucksweise bei seiner Verhandlung. Er wollte den Dialekt nicht hören und ermahnte Richie, er solle gefälligst nach der Schrift reden. Richies Kommentar dazu: „S dut ma leid, Herr Richter, isch bin awer kän Studierder, des kann isch nät.“ Das war absolut typisch für ihn! Selbst wenn Richie damit den Richter verärgerte und dadurch Antipathien gegen sich aufbaute, wodurch er bewusst eine höhere Strafe riskierte, er hätte sich dem Drängen des Richters nach sauberem Deutsch nie aufzwängen lassen.
Richie verbüßt hier in der Vollzugsanstalt eine Strafe, weil ihm aus Unüberlegtheit und Unbeherrschtheit die Nerven durchgingen. Dadurch ergab sich ein unverzeihlicher Fehler, den er zwar bereut, was ihm aber im Nachhinein nichts nützt. Dieser Fehler hatte den Verlust eines Menschenlebens zur Folge.
Es tut Richie heute unendlich leid, aber das Geschehene ist nicht rückgängig zu machen. Der Mann wird davon nicht wieder lebendig. Mit dieser Schuld muss Richie nun leben.
Richie ist ansonsten recht gutmütig und gerne zu einem Spaß aufgelegt. Auch lässt er sich gerne Späße gefallen, ohne gleich böse deswegen zu werden, vorausgesetzt, er hat nicht das Gefühl, dabei als Trottel oder Dummkopf dargestellt zu werden. Er kann also durchaus auch über sich selbst lachen. Wenn Richie allerdings sagt, es ist genug, dann sollte auch Schluss sein, sonst kann er schon sehr unangenehm werden. Dasselbe gilt, wenn er schlecht gelaunt ist. Dann kann es schon mal schnell Streit geben, der meist in Prügel ausartet. Das ist sein Überdruckventil.
Richie besitzt eine niedrige Hemmschwelle für Reizbarkeit, die sich oft übergangslos in eine unüberlegte und übertriebene Handlungsweise wandelt. Schon bei geringen Anlässen kann seine aufpeitschende Art unversehens hervortreten, was dann eine überschnelle und unmäßige Reaktion zur Folge hat.
Hinterher, wieder mit klarem Kopf, heißt Richie sein Verhalten dann meist selbst nicht gut, denn in diesen Fällen weiß Richie leider kein anderes Mittel, um sich durchzusetzen oder auszudrücken, als zuzuschlagen. Danach, wenn es dann wieder geschehen ist, weiß Richie ganz klar, dass er hätte anders und beherrschter handeln müssen. Das bekommt er aber irgendwie nie richtig in den Griff – wie vor vier Tagen wieder, als Richie auch die Beherrschung verlor. Mit einem Mitinhaftierten geriet er wegen einer Lappalie in einen heftigen Streit, in den sich Richie so hineinsteigerte, dass er dem anderen schließlich mit der Faust mitten ins Gesicht schlug. Davon platzte dem Kontrahenten die Unterlippe auf, er musste genäht werden und Richie verpasste man diese Einzelhaft. In der hat Richie die Gelegenheit, über seine begangenen Fehler ungestört nachzudenken. Mehr, als darüber und über sein bisheriges Leben zu grübeln, hat er nun nicht zu tun.
Jetzt in seiner Isoliertheit ärgert er sich eigentlich schon wieder über seinen Jähzorn. Er hat niemanden, mit dem er reden könnte; keinen Menschen zum Unterhalten. Nicht einmal mit einem der Wärter, die morgens, mittags und abends kommentarlos das Essen bringen, ist wenigstens ein kurzes Gespräch anzufangen. Die schieben nur das Essen durch die dafür vorgesehene kleine Klappe, schlagen diese wieder zu und verriegeln sie und damit ist Richie wieder in der Stille mit sich allein. Ein wenig beruhigt er sich damit, dass ihn diese Idioten wenigstens nicht in eine Beruhigungszelle gesteckt haben. Dagegen ist die Einzelhaft schon angenehm.
Richie war zwar noch nie selbst in einer solchen Beruhigungszelle, aber man hört so einiges. Diese „Psychozellen“, wie die Inhaftierten sie nennen und was sie wohl auch darstellen sollen, sind angeblich rundherum mit gepolsterten Gummiwänden ausgestattet. Auch der Boden sei weich und gebe nach, heißt es. In diesen Gummizellen gebe es keinerlei Möbel. Nur eine Matratze mit Decke sei darin, sonst nichts. Dort könne man so richtig ausflippen und durchdrehen und seine Wut ablassen. Jegliches Toben und Brüllen habe dort allerdings keinen Sinn, weil es sowieso niemand höre. Angesichts der Polsterung und der fehlenden Einrichtung könne man sich dabei auch nicht verletzen, was einem die Chance nehme, auf die Krankenstation verlegt zu werden. Der größte Hammer dabei sei jedoch, dass man dahin ohne jegliche Klamotten komme. Nackt!
Die wollen einen mit allen möglichen Mitteln klein, brav und gefügig machen, wenn es sein muss, sogar mit Erniedrigungen und entwürdigenden Psychospielchen. Etwas anderes ist das in Richies Augen nicht. „Nä des muss nät sei“, flüstert er jetzt, wo ihm das in den Sinn kommt.
Wenn Richie diese Alternative bedenkt, sitzt er lieber die zwei Wochen E-Haft ab. Die wird er schon irgendwie hinter sich bekommen. Er hat es sich ja auch schließlich selbst zuzuschreiben, das sieht er ein. Allerdings wurde ihm schon mal mit der Psychohaft gedroht, weil er schon öfter durch seine Aggressivität auffällig war. Aber Richie ist nun mal ein Hitzkopf. In Momenten, in denen er gereizt wird oder sich Diskussionen stellen muss, kommt sein Temperament durch. Richie bekommt oft Streit wegen Kleinigkeiten, steigert sich unangemessen in die Sache hinein und gebärdet sich dann wie ein Wilder, vollkommen außer Kontrolle. Er müsste einfach lernen, sich besser zu beherrschen.
Sollte er bei seinem nächsten Ausraster, der sicherlich nicht zu vermeiden ist, zu einer Beruhigungshaft verdonnert werden, wird ihn das höchstwahrscheinlich auch nicht ändern. Sie werden ihn damit nicht in die Knie zwingen. Das würde jeder unterschreiben, der ihn kennt, und das werden die hier auch noch lernen!
Es ist für Richie schwer so ganz alleine, denn eigentlich ist er gern unter Menschen. Wenn er einsam in einem Zimmer oder – wie jetzt – in seiner Zelle sitzt, hat er das Gefühl, ihm fällt die Decke auf den Kopf und die Wände erdrücken ihn langsam. Richie ist kein Träumer, der mit sich und seinen Gedanken gerne allein ist. Er braucht Leben um sich herum. Klar, wenn Richie einer von jenen Knackis wäre, die gerne alleine mit sich selbst sind, würde ihm die E-Haft jetzt nichts ausmachen. Ja, es gibt wirklich welche, die nur in einer Einzelzelle ihre Strafe abbrummen und darüber froh sind. Richie kann so etwas nicht verstehen. Das sind, seiner Meinung nach, die Ruhigen, die Menschenhasser, die nur mit sich selbst als Partner glücklich sein können. Solche Leute gibt es wirklich! Richie kann es kaum fassen. Er selbst muss unter Menschen sein, muss erzählen und sich unterhalten können. Er ist schon seit jeher unternehmungslustig und muss raus. Früher als Kind hielt es ihn nicht länger als nötig zu Hause, zum Leidwesen seiner Mutter, die oft nicht wusste, wo er überhaupt steckte. Als er älter und selbstständiger wurde, war er meist nur noch zum Schlafen daheim, ansonsten war Richie unterwegs. Jetzt, da Richie so nachdenkt über sich und seine Vergangenheit, erinnert er sich wieder an seine Kindheit. Schon damals im Kindesalter, so stellt er fest, hatte er seinen „dummen Fehler“. Ihm fällt die Geschichte ein, als er aus Wut einen anderen Jungen verprügelte. Das ist seine früheste Erinnerung an seinen Makel, der ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird, als er das erste Mal gewalttätig wurde.
Es trug sich zu, als Richie mit gerade mal sieben Jahren mit seinen Eltern an der Nordsee in den Sommerferien war. Am Strand unten am Wasser, wo der Sand immer schön feucht ist, baute Richie mit viel Mühe eine Sandburg. Er war gerade dabei, die Mauern und Türmchen mit Muscheln zu verkleiden, die er selbst am Strand gesammelt hatte, da geschah es: Auf einmal stand dieser andere Junge neben ihm. Er sah kurz zu, was er tat, und stieß dann mit dem Fuß nacheinander gegen die Sandtürmchen – eindeutig mit Absicht und Richie dabei nach jedem einzelnen Turm herausfordernd ansehend. Die Türme stürzten natürlich sofort in sich zusammen und Richie wie von einer Hornisse gestochen in die Höhe. Er fiel ohne jede Vorwarnung über den Zerstörer her und bedeckte ihn mit Schlägen. Daraufhin räumte der Geschlagene laut schreiend und fluchtartig das Feld.
Unverzüglich war Richies Mutter zur Stelle, stoppte die Verfolgung des anderen Jungen, beschimpfte ihren Sohn wegen seines Verhaltens und zog ihn unsanft am Arm hinter sich her zu der Decke, auf der sie vorher noch gesessen hatte.
Richies Wut auf den fremden Jungen wurde dadurch natürlich gesteigert, weil er selbst nun der böse Bube war und sich ohne zu murren neben seine Eltern setzen musste. Hätte Richie in diesen Minuten den Schreihals zu fassen bekommen, hätte er ihn dafür gleich wieder verprügelt. Nach diesem Vorfall hörte Richie auch das erste Mal von seinem Vater den Satz: „Siehst du, das ist dein Sohn!“
Diesen Ausspruch sollte Richie noch öfter in seinem weiteren Leben hören. Zu dem Zeitpunkt dachte er sich natürlich aufgrund seines Alters noch nichts bei dieser Aussage seines Vaters. Für ihn war es eben eine Bemerkung, die er nebenbei aufschnappte.
So und so ähnlich erging es Richie sein gesamtes Leben hindurch – bis jetzt. Dieses Ereignis war ein Paradebeispiel. Im Alter zwischen 12 und 17, in der Pubertät also, war es am schlimmsten.
Richie wuchs weiter und war mit 13 oder 14 Jahren bereits so groß wie seine Mutter. Der Größe nach kam er genau nach seinem Vater, der knapp 1,80 Meter maß, aber vom Gesicht her sah Richie ihm überhaupt nicht ähnlich. Das wurde umso deutlicher, je älter Richie wurde.
All seine Aggressionen und seine Gewaltbereitschaft setzten sich extrem frei, als er ein Teenager war. In dieser Phase der Entwicklung benahm sich Richie wie ein wildes störrisches Tier, so, als ob irgendetwas in ihm steckte, was er selbst nicht erklären konnte, was jedoch an die Oberfläche wollte. Alles, was seine Mutter oder sein Vater zu ihm sagten, wusste er besser und rief Diskussionen hervor. Oder er lehnte grundsätzlich alles strikt ab und ging auf Konfrontationskurs. Es hatte einfach keine Bedeutung für ihn, was seine Eltern wünschten oder erwarteten. Zu der Zeit war Richie wirklich ein sehr schwieriger Junge, dessen schnelle Reizbarkeit dann meist obendrein diese primitive Handlungsweise des Zuschlagens auslöste. Gegen seine Eltern erhob er allerdings niemals die Hand.
Oft fing Richie mit anderen Jungen aus seiner Schule auf dem Schulweg oder im Schulhof aus heiterem Himmel Krach an. Ein Grund, um Stunk zu machen, ließ sich immer finden. Darin bekam Richie auch immer mehr Übung. Er forderte einen Jungen zum Beispiel heraus, indem er ihm etwas wegnahm und ihn dann damit bis aufs Blut ärgerte. Wenn der andere dann mit dem Mut der Verzweiflung auf ihn losging, hatte Richie sein Ziel erreicht. Eine andere klassische Masche von ihm war, jemanden wie aus Versehen anzurempeln, um dem anderen dann die Schuld dafür zuzusprechen. Der Angerempelte wehrte sich selbstverständlich gegen diese Anschuldigung und schon war ein Anlass für eine Prügelei vorhanden. Auch wenn der Angestoßene über den Hintergrund dieser Aktion Bescheid wusste und gleich zurücksteckte, weil er keinen Streit wollte, kam fast keiner davon. Richie stupste den Auserwählten dann an der Schulter an und provozierte ihn mit Worten bis aufs Blut. Richie warf ihm vor, erst nicht aufzupassen und dann zu feige zu sein, es zuzugeben, und dass er gefälligst vorsichtig sein solle – bis der Ausgesuchte sich dann doch wehrte und zurückstieß. Auf die eine oder andere Art schaffte es Richie immer, einen Streit vom Zaun zu brechen, der in einer schönen Prügelei endete.
Manches Mal genügten auch Worte oder Beleidigungen als Provokation. Darin war Richie dann doch sprachgewandt, ganz im Gegensatz zu normalen Rededuellen. Dabei suchte sich Richie auch niemals vermeintlich Schwächere aus. Richie suchte Gegner, keine Opfer. Er hielt sich immer an gleichgroße und kräftige Jungs. Es ging ihm wohl um das archaische Platzhirschgehabe. Mal sehen, ob ich nicht stärker bin, wie es in der Halbstarken-Phase oft zu beobachten ist. Nur war dieses eben bei Richie extrem ausgebildet. Für Schwächere hatte sein Verhalten sogar einen Vorteil: Wenn Richie dazukam, wenn ein offensichtlich Stärkerer einen Unterlegenen anging, mischte er sich sofort ein und kam diesem zu Hilfe. Ein herrlicher Grund für eine Prügelei – und dabei dann noch als Held zu gelten. Richie war allerdings auch trotz seiner Raufwut kein isolierter Einzelgänger, wie man vermuten könnte. Die meisten mieden ihn zwar wegen seiner Unzurechenbarkeit und aus Angst, eines seiner Opfer zu werden, dennoch hatte er immer ein paar Freunde an seiner Seite. Das waren aber keinesfalls, wie man annehmen könnte, Duckmäuser und Speichellecker, die aus Feigheit alles taten, um ihm zu gefallen. Solche Typen bekamen von ihm gleich eine Lektion in Form einer tracht Prügel. Schleimer konnte Richie nicht ausstehen. solche Angsthasen, die alles taten, auch wenn es noch so erniedrigend war, nur um gut dazustehen, gerieten bei ihm an den Falschen. Nein, seine Freunde besaßen mehr oder weniger dieselbe Einstellung wie Richie selbst: Nur keinen Streit vermeiden! Wenn auch bei Richie diese Eigenart am stärksten ausgeprägt war, wodurch er für die Übrigen zu einer Art Leitbulle wurde.
Untereinander verstanden sie sich erstklassig, hatten niemals miteinander Streit und hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Sie alleine hatten das Sagen in ihrer Klasse und in der gesamten Schule – und der Chef von allen war Richie.
Heute ist Richie ruhiger als damals. Er fängt selbst keinen Streit mehr an, aber wehe, wenn ihn jemand reizt und provoziert. Dann gilt auch heute noch sein Motto: Wer zuerst zuschlägt, ist Sieger und hat Recht! Danach reagiert und handelt er dann auch. Ab dem Punkt wird es für die meisten gefährlich, denn Richie war noch nie der Unterlegene. Er ging aus handgreiflichen Auseinandersetzungen bis jetzt immer als Sieger hervor. Seine Gegner verloren – meist auf dem Boden kauernd, jammernd und keuchend – jedes Mal den Zusammenstoß mit ihm. Richie ist unglaublich schnell mit seinen Fäusten. Bevor der andere die Hand kommen sieht, spürt er sie. Dazu kommen Richies unglaublicher Wille, sich durchzusetzen, und dass er selbst sehr viel Schmerz ertragen kann, so dass, falls es einem Gegner gelingen sollte, ihn mit einem Schlag zu treffen, er diesen unbeeindruckt wegsteckt.
Hinterher, wenn sein Adrenalinspiegel wieder herunterfährt und er den Besiegten am Boden liegen sieht, ärgert er sich meist über sich selbst. Er weiß dann, dass es so weit nicht hätte kommen müssen und der Streit das nicht wert war. Besonders, wenn seine Rauferei schlimme Folgen hatte – so, wie jetzt, da er wegen der letzten Gewalttätigkeit in dieser stumpfsinnigen und unnötigen E-Haft sitzt. Hätte er sich doch nur beherrscht! Hätte er doch bloß zu dem Idioten gesagt: „Lass mich in Ruhe und nerve andere!“
Trotz der Reue danach und trotz seines Wissens darum, wie er sich besser verhielt, würde es Richie auch bei seinem nächsten kritischen Zusammenstoß unmöglich sein, seine Aufregung im Zaum zu halten und vernünftig zu reagieren. Seine aufpeitschende Art mit den überempfindlichen Reaktionen ist nun mal ein Charakterzug von ihm, gegen den er machtlos ist. Es ist dann, als ob jemand seinen Verstand ausknipst und erst wieder einschaltet, wenn sein Kontrahent vor ihm im Straßenstaub liegt.
Dieses sein persönliches Problem brachte in Richie in den letzten Tagen, in denen er dazu genügend Zeit und Gelegenheit hatte, darüber nachzudenken, auch schon den Gedanken auf, ob vielleicht seine Eltern bei seiner Erziehung einen Fehler machten, weil er doch als Person das Resultat der Erziehung seiner Eltern war und sein Verhalten eben ein Teil davon. Aber wenn Richie sich damit auseinandersetzte, kam er zu dem Schluss, dass er gar nicht so schlechte Eltern hatte. Er wuchs behütet auf und bekam alles, was er sich wünschte, wenn es im Bereich des Möglichen lag. Sie nahmen ihn stets in Schutz, wenn eine Bedrohung von außen auf ihren Sohn zukam. Er stand nie alleine da und hatte immer Rückhalt von Vater und Mutter.
So schützten ihn Papa und Mama einmal, als er bei einem missglückten Lausbubenstreich ertappt und von dem aufgebrachten Geschädigten im Genick gepackt und nach Hause geschleppt wurde. Da dürfte er so etwa acht Jahre alt gewesen sein. Seine Eltern verteidigten ihn und bekamen mit dem Mann regelrecht Streit, weil dieser wegen eines so unbedeutenden Streiches ihren Sohn derart behandelte und über ihn schimpfte. Der Mann zog bald ohne Erfolg wütend ab und Richie musste sich lediglich eine Rüge anhören, statt eine Ohrfeige zu kassieren, wie es der Herr gerne gesehen hätte.
Es wäre natürlich auch möglich, dass Richie zu sehr verwöhnt wurde. Das kommt aber für ihn bei näherem Betrachten doch nicht in Frage. Wer gibt auch schon gerne vor sich selbst zu, dass er verwöhnt und verzogen ist? Keiner! Richie besaß auch stets Respekt vor seinen Erzeugern, so, wie das sein sollte, und er hat diesen auch heute als erwachsener Sohn noch. Auch in der Pubertät, als er sehr eigenwillig und stur war, hörte er im Endeffekt doch auf das, was seine Eltern sagten, bevor diese sich ernsthaft erzürnten. Richie ließ es letztendlich nicht auf eine echte Konfrontation mit ihnen ankommen. Bevor seine Eltern wirklich böse wurden, gab er dann doch murrend, trotzig und schimpfend nach. Vater und Mutter behielten also trotz allem die Oberhand.
Dass er nun im Gefängnis sitzt, brach seiner Mutter fast das Herz.
So trieb einmal sein Respekt vor seinen Eltern Richie dazu, als es Halbjahreszeugnisse gab, dass er sich nicht nach Hause traute. In Richies Zeugnis gab es damals außer Vieren und Fünfen nur noch eine Sechs. Seine Versetzung war gefährdet. Das war in der fünften Klasse. Kinder haben in dem Alter noch weltfremde Illusionen, bei denen sie nicht an eventuelle verdeckte Gefahren denken oder wie unsinnig gewisse Aktionen sein können. Auf der anderen Seite wollen sie schon erwachsen sein und dementsprechend handeln.
In dieser Beziehung war Richie dann wieder ein vollkommen normales Kind. Auch er hatte in seiner Lage einen derartig dummen und gefährlichen Einfall. Aus Angst und Scham wollte er sich auf keinen Fall daheim mit diesem Zeugnis blicken lassen. Er ersann in seiner kindlichen Unbefangenheit einen Plan, wie er aus dieser Situation herauskommen wollte und alles zum Guten wenden könnte. Ihm fiel sein Traumland beziehungsweise seine Traumstadt ein, in die er schon immer einmal reisen wollte. Aus irgendeinem unbekannten Grund hatte Richie gerade diese Stadt zum Lieblingsziel auserkoren. In seinem jugendlichen Leichtsinn und seiner Unbekümmertheit fasste Richie kurzerhand den Entschluss, nach England auszuwandern, nach London! Dort wollte er sich bessern, aus Rache auf das hiesige Schulsystem Erfolg haben und so viel Geld verdienen, dass er seine Eltern nachholen könnte.
Auf einem willkürlich ausgesuchten Treppenabsatz in der Innenstadt sitzend formte Richie seinen Plan. Per Anhalter wollte er zum nächstgrößeren Flughafen gelangen, wo sein neues besseres Leben starten sollte. Zuerst ging er zum Hauptbahnhof, um seine Schultasche, die ihm sicherlich lästig werden würde oder ihn sogar verraten könnte, in einem der Schließfächer zu deponieren. Die Mark dafür hatte er noch von seinem Essensgeld übrig, das ihm seine Mutter jeden morgen gab. Das war sein letztes Geld, aber das machte ja nichts. Richie hatte schon oft von Menschen gehört, die ohne jeden Pfennig in ein fremdes Land kamen und es dort bald zum Millionär schafften. Aus seinem Schulranzen nahm Richie nur einen dicken schwarzen Filzstift mit und machte sich dann vom Bahnhof aus auf den Weg zur Autobahn. Er wusste von den Ausflügen mit seinen Eltern, wo diese zu finden war. Zu Fuß war die Strecke allerdings wesentlich weiter, als sie sonst mit dem Auto erschien.
Auf seinem Marsch durch die Stadt machte ihm sein schlechtes Gewissen glauben, dass alle Leute nur ihn ansahen. Richie fühlte sich verfolgt und beobachtet. Er meinte, jeder, der ihm begegnete, wusste genau über sein Vorhaben Bescheid. Richie fühlte sich schon etwas unwohl in seiner Haut. Dann endlich, am Rande der Stadt, kam er an ein Schild, das zeigte, dass die Autobahnauffahrt nur noch 500 Meter entfernt war. Hier waren auch nicht mehr so viele Menschen zu Fuß unterwegs und er fühlte sich nicht mehr so unter Beobachtung und dadurch freier. Richie konnte es kaum erwarten, er kam seinem Ziel immer näher. Beim Hinauflaufen auf die Autobahnzufahrt, als er die Motorengeräusche der vorbeifahrenden Fahrzeuge hörte, sah Richie vor seinem geistigen Auge die riesigen Passagierflugzeuge starten und landen, die vielen bunten Lichter des Flughafens und die strahlend leuchtende Stadt London. In einem dieser Flieger würde er bald selbst sitzen!
Auf dem Haltestreifen der Fahrbahn angekommen, nahm Richie den Karton, den er unterwegs gefunden hatte und schon eine geraume Weile mitschleppte, und schrieb auf diesen mit großen dicken Buchstaben gut leserlich mit dem Filzstift: FRANKFURT.
Im Heimatkundeunterricht hatten sie gelernt, dass das einer der größten Flughäfen Deutschlands war und hier in der Nähe sein sollte. Die Schule war also doch nicht ganz unnötig, dachte sich Richie.
Mit diesem Schild stellte sich Richie dann an den Fahrbahnrand und hielt es den vorbeifahrenden Autos entgegen. Bald wurde er auch ohne Probleme mitgenommen, was ihm heute so im Nachhinein selbst komisch vorkommt. Er wurde zwar von jedem, der ihn zu sich in den Wagen steigen ließ, gefragt, was er in Frankfurt wolle, aber keiner wurde angesichts seines Alters wirklich skeptisch und hakte ernsthaft nach, was so ein Junge alleine auf der Autobahn zu suchen hatte. Richie musste auf seiner Fahrt nach Frankfurt auch mehrmals umsteigen, weil keiner seiner Fahrer direkt dorthin fuhr. Sie waren aber jedes Mal so nett und sagten ihm, wo er sich nun hinstellen musste, um den Anschluss in Richtung Frankfurt zu haben.
Bei der Planung seines Unternehmens hatte Richie mit mehr Schwierigkeiten gerechnet, als es dann tatsächlich gab. Es ging alles relativ reibungslos und er kam gut vorwärts. Dass ihn einige Fahrer etwas seltsam anschauten, war Richie in dem Moment egal. Er hatte nur sein Ziel im Blick. Denen, die ihn fragten, was er in Frankfurt wolle, erzählte er das Märchen von seinem Freund, der umgezogen sei und den er unbedingt besuchen wolle. Die Geschichte hatte er sich ebenfalls auf dieser Treppe ausgedacht und zurecht gelegt. Richie merkte damals, wie wichtig Planung und Vorbereitung waren. Ob die jeweiligen Chauffeure seine Ausführungen glaubten, er weiß es bis heute nicht. Auf jeden Fall hörten sie auf, zu fragen, und er hatte seine Ruhe. Das war wichtig.
Vielleicht kam Richie auch der Umstand zugute, dass er mit zwölf schon das Aussehen eines 15- bis 16- Jährigen hatte. Wenn die Autofahrer sein wahres Alter gewusst hätten, wären sie sicherlich nicht so einfach zu beruhigen gewesen. Das nächste Problem, das sich Richie bei seiner Planung vorgestellt hatte und über das er während der Fahrt nachdachte, erledigte sich dann von alleine. Er hatte natürlich keine Ahnung, wo der Flughafen in Frankfurt zu finden war und wie er es anstellen sollte, dorthin zu kommen. Danach fragen wollte er nicht, das wäre vielleicht aufgefallen und hätte ihn verraten. Aber der Mann, mit dem Richie die letzte Etappe hinter sich brachte, wollte selbst zum Flughafen. Der Fahrer ließ ihn dann an der Abzweigung zum Flughafen aussteigen, in dem Glauben, dass Richie sich von dort aus jemanden suchen könne, der ihn bis in die Stadt mitnahm. Stattdessen wartete Richie einfach, bis das Auto außer Sichtweite war, und setzte den letzten Teil des Weges in dieselbe Richtung zu Fuß fort. So schaffte er es dann ohne Weiteres tatsächlich, den Flughafen zu erreichen. Die Entfernung war unglaublich groß, aber Richie wurde von seinem Wunsch immer weiter getrieben. Es ist im Nachhinein erstaunlich, welche Kräfte der Wille mobilisieren konnte.
Als er an der ausgedehnten Front der Abfertigungs- und Wartehallen ankam, war es schon früher Abend. Richie stand mutterseelenallein vor dem übergroßen Flughafenkomplex. Für ihn war das eine eigene große Stadt. Es wimmelte von Leuten, die ihre Koffer schleppten, von Taxen, Personal, auch Sicherheitsdienst, sowie an- und abfahrenden Autos. Insgesamt ein undurchschaubares Durcheinander. Bei diesem regen Treiben hatte keiner Zeit, auf den anderen oder einen einsamen Jungen zu achten. Jeder war genügend mit sich selbst, seinem Gepäck und seinen Begleitern beschäftigt und auf der Suche nach seinem Flug.
Nun ergab sich für Richie das Problem, auf die Startbahn und in das richtige Flugzeug zu gelangen. Zuerst musste er also eine Maschine ausfindig machen, die nach London startete. Das war, wie Richie bald feststellte, das kleinere Übel.
Nachdem er sich orientiert und etwas umgesehen hatte, konnte er in einer der großen menschenüberfüllten Wartehallen eine mächtige Anzeigetafel entdecken. Dort las er ab, wann und von welchem Startplatz aus der nächste Flieger nach Großbritannien abhob. Alles war gut beschildert und beschrieben.
Auf der Tafel, vor der Richie stand, konnte er nach kurzem Studieren ersehen, dass in etwa einer Stunde ein Flugzeug nach London abfliegen sollte. Na, also!
Richie suchte die entsprechende Abflughalle auf. Er verlief sich fast in dem gigantischen Durcheinander des Gebäudes auf dem Weg dorthin. Bei seinem Eintreffen wurden gerade die Fluggäste für diesen Flug abgefertigt. Als er das sah, erkannte Richie eine neue schreckliche Schwierigkeit, die sich vor ihm auftat: Wie sollte er durch diese Kontrollen kommen? Ein Flugticket und Ausweispapiere besaß er natürlich nicht und wie er beobachtete, wurde vom Personal alles sehr genau kontrolliert. Richie sah ein, dass es hier kein Durchkommen für ihn gab. Er musste einen anderen Weg finden. Seine Chance, diesen Flug, wollte Richie unter gar keinen Umständen verpassen. Er rannte also so schnell er konnte zurück, durch das Gebäude und raus ins Freie. Dann schnaubte Richie die lange Front entlang, immer weiter, bis er nur noch einen Zaun neben sich hatte. Ohne lange zu zögern, kletterte Richie über diesen Maschendrahtzaun. Am oberen Abschluss des Zaunes, der aus Stacheldraht war, riss er sich die Jacke und den Ärmel auf, was ihn aber nicht eine Sekunde seiner kostbaren Zeit kostete. Auf der anderen Seite des Zaunes im Flughafengelände angekommen, lief Richie auf die Abflugplätze zu, die er hinter dem riesigen Komplex vermutete. Zu seinem Glück waren auch von außen an den Wänden der Gebäude die jeweiligen Abflugplätze groß und deutlich angeschrieben.
Richie entdeckte bald das riesige blaue Rechteck, auf dem mit weißen Buchstaben der gesuchte Flugsteig ausgewiesen war. Darauf steuerte er zielstrebig zu.
Zeitgleich mit dem Entdecken seines Flugzeuges, in das er sich einschmuggeln wollte, hörte Richie die Sirenen der ausrückenden Feuerwehr. Ihm rutschte fast das Herz in die Hose, als er diesen Alarm vernahm, weil er glaubte, entdeckt worden zu sein und dass er jetzt gleich umringt würde von Sicherheitspersonal. Mit lautem Tatütata und Blaulicht fuhren die roten Kastenwagen aber von ihm weg die Piste entlang und Richie erkannte in der Ferne ein Flugzeug, das seltsam seitlich auf dem Bauch lag.
Um sich dieses spektakuläre Ereignis anzusehen, hatte Richie jedoch keine Zeit. Er musste zu seiner Maschine! Außer Atem und mit schlimmem Seitenstechen erreichte er den überdimensionalen silbernen Vogel. Richie suchte zuerst Deckung unter einer der Tragflächen und kauerte hinter einem der großen Radpaare. Vorsichtig peilte er von seinem Sichtschutz aus in alle Richtungen, konnte aber nirgendwo in seiner Nähe einen Menschen entdecken. Alles ruhig, die Luft war rein!
Am Hinterteil des Fliegers war eine mächtige Klappe heruntergelassen, die, so folgerte Richie, in den Laderaum führen würde. Das war es! Dort musste er unbemerkt hineinkommen, denn da drin würde er sicher und unentdeckt die Reise in sein neues Leben antreten können.
Richie atmete noch einmal tief durch. Das Seitenstechen spürte er in der Aufregung schon gar nicht mehr. Der Zeitpunkt war günstig. Es war immer noch keine Menschenseele zu sehen und so spurtete er los.
Die Strecke, die er nun in vollem Spurt zurücklegen wollte, schien kein Ende zu nehmen. Der mächtige Eingang kam überhaupt nicht näher. Aber nach unendlich scheinenden Sekunden und ungezählten gerannten Metern hatte Richie endlich die Laderampe erreicht.
Just in dem Moment, als er polternd die geriffelte Plattform hochlief, kamen aus dem Flughafengebäude die Passagiere für diesen Flug. Er sah noch kurz, wie die Menge aus teilweise staunenden Menschen voller Vorfreude auf die Gangway zukam, dann tauchte Richie in den düsteren Laderaum ein.
Heute weiß Richie, wie gefährlich sein damaliges Unternehmen war und wie leicht er normalerweise hätte entdeckt werden können. In seiner kindlichen Naivität jedoch hielt er seinen Erfolg, in das Flugzeug zu kommen, nicht nur für Glück, sondern auch für Können. Er duckte sich schwer schnaufend hinter eine Kiste und hielt sich für genial, das geschafft zu haben. Richie empfand das alles wie ein reales Räuber-und-Gendarm-Spiel.
Richie glaubt heute zu wissen, dass das ungehinderte Erreichen des Laderaumes nicht sein Verdienst war, sondern dass er das dem Feuerwehreinsatz wegen des Zwischenfalls auf der Piste zu verdanken hatte. Alle Augen und Bemühungen waren auf das verunglückte Flugzeug gerichtet, so dass niemand auf einen Jungen achtete, der sich in das Heck eines Flugzeugs schlich.
Von den angestellten im Tower, von dem aus man das gesamte Areal hinter den Abfertigungshallen überblicken konnte, wäre Richie unter normalen Umständen wahrscheinlich auch sofort gesichtet worden. Dort saß eigentlich auch spezielles Wachpersonal, dessen Aufgabe die Überwachung des Flughafengeländes war. Das Aufsehen wegen des Unfalls zog aber wohl kurzfristig und im genau richtigen Moment alle Aufmerksamkeit auf sich und so war es Richie möglich geworden, vorerst unbemerkt in den Laderaum zu gelangen.
Richie ging schnell und auf leisen Sohlen durch den Frachtraum in die hinterste Ecke. Dort drückte er sich zwischen zwei mannshohe Holzkisten, um sich zu verstecken. Die Ladung bestand aus Kisten, großen Gitterboxen mit den Koffern darin sowie Paletten. Die Fracht war von zwei Männern des Bodenpersonals mit einem Stapler eingeladen worden. Die waren zu seinem Glück schon weg, weil sie wohl ihre Arbeit beendet hatten, und sie würden bestimmt nicht wiederkommen, hoffte Richie. Im Schutze der zwei Kisten freute sich Richie still über seinen bisherigen Erfolg. Nun würde er schon bald in England sein! Es dürfte ab jetzt nichts mehr schief gehen.
Dennoch hatte Richie irgendwie Angst davor, doch noch erwischt zu werden und dass sein Vorhaben scheitern könnte. Das Gefühl kam ganz tief aus seinem Innern und er konnte es sich nicht erklären. Warum überkam ihn jetzt noch Angst, wo er so weit gekommen war? In der Stille, die in dem Laderaum herrschte, meinte Richie, sein Herz so laut wie Big Ben bei Nacht schlagen zu hören. Es war schaurig und nervenzerrend, im Halbdunkel zu sitzen und darauf zu warten, dass sich die Klappe endlich schloss. Wenn die Ladeluke verschlossen war, würde es nicht mehr lange dauern, bis die Reise losging. Und wenn sie erst unterwegs waren, konnte ihn niemand mehr entdecken und es gab ebenso kein Zurück mehr. Dann hatte er es endgültig geschafft, da war sich Richie sicher.
Auf einmal vernahm Richie schwere Schritte, die unaufhaltsam und gleichmäßig die große Rampe heraufkamen. Mit einem Auge spickte Richie um die Ecke seiner Kiste, um zu sehen, wer oder was das war. Er erkannte einen uniformierten Mann, wahrscheinlich den Piloten oder dessen Co-Piloten. Der Ankömmling trug eine dunkelblaue Jacke mit Streifen und Sternen, wie Richie sie von Bildern von Piloten kannte. Der Offizier kam in den Laderaum und wackelte an den Kisten, Boxen, Kartons und Paletten, um zu prüfen, ob sie alle richtig gesichert waren. Also noch einmal Gefahr, erwischt zu werden! Richie kroch weiter rückwärts in den Spalt, den die Holzkisten bildeten. In diesem hinteren Winkel war es stockdunkel. Beim Zurückkrabbeln stieß Richie gegen einen dort liegenden Holzkeil, der normalerweise gebraucht wird, um runde Gegenstände gegen Wegrollen zu sichern. Dieser Sicherungskeil lag unbenutzt herum und wurde Richie zum Verhängnis.
Das polternde Geräusch entging dem Mann natürlich nicht. Er war ja darauf konzentriert, Mängel bei der Frachtsicherung festzustellen. Um nachzusehen, was das für ein Poltern war, kam er unverzüglich näher. Richie wusste sofort, dass das für ihn das Aus bedeutete, und mit diesem Gedanken verspürte er Wut gegen sich selbst. Der Mann trat vor den Spalt und leuchtete mit einer Lampe hinein – direkt in Richies Gesicht.
Als er den Jungen sah, verschlug es ihm offensichtlich erst einmal die Sprache. Nach einem Moment der Verblüffung und ratlosen Blicken fragte er Richie, was er da zu suchen hätte, woher er käme und wie er überhaupt da hinein gekommen sei. Viel zu viele Fragen auf einmal! Richie antwortete zuerst gar nicht. Er hatte Angst vor dem, was jetzt passieren würde, und war zudem trotzig. Dieser Mann hatte seinen Plan zerstört.
Der Pilot kam aus dem Staunen nicht heraus und meinte dann: „Das ist ja ein dicker Hund!“
Blödmann, isch bin doch kän Hund, protestierte Riche still.
Weiterhin fragte er, weil Richie immer noch keinen Ton sagte, was er sich bei dieser Dummheit gedacht hätte. Dann erklärte er Richie, wie gefährlich das sei, was er da versuchen wollte, weniger wegen des entdeckt Werdens, sondern wegen der eventuellen Folgen. Dass er gefunden wurde, sei Richies Glück gewesen. Der Mann eröffnete Richie, dass das Flugzeug in einer Höhe von 10 000 Metern fliegen würde. Dann erklärte er ihm, dass dort eine Temperatur von bis zu minus 60 grad Celsius herrsche. Es gebe nirgends auf der Welt einen Platz, der so kalt sei. Da das Flugzeug keinen klimatisierten Frachtraum besitze, würde diese mörderische Kälte langsam bis in sein Versteck vordringen, schilderte der Uniformierte weiter. Das schlimmste aber sei, klärte er Richie auf, dass es dort oben kaum Sauerstoff gebe, um zu atmen.
Richie wurde nach diesen Erklärungen langsam klar, dass er seine Reise unter solchen Bedingungen nicht lebend überstanden hätte. Er war alt und intelligent genug, die Fakten zusammenzuzählen und richtig zu interpretieren, um auf dieses Ergebnis zu kommen. Diese Tatsachen kannte er bis dahin leider nicht.
So langsam dämmerte dem Retter dann auch unter gleichzeitigem Aufhellen seines immer noch erstaunten Blicks eine Ahnung, weshalb ein Junge im Laderaum seines Flugzeugs sein könnte. „Sag mal“, fragte er Richie plötzlich, „heute gab es doch in der Schule Zeugnisse, oder?“
Schlaues Kerlchen, dachte Richie ironisch, nickte aber dann, um die Frage zu beantworten. Der Schock, was geschehen wäre, wenn, entlockte ihm wenigstens ein Kopfnicken.
„Deines war wohl besonders schlecht?“, bohrte der Mann weiter. „So schlecht, dass du abhauen wolltest?“
Wieder ein zögerliches Kopfnicken von Richie.
„Pass auf“, sagte der Retter väterlich. „Ich hoffe, dass dir das eine Lehre war. Ich will dir nicht auch noch zusätzlich Schwierigkeiten bereiten, wenn du mir versprichst, sofort nach Hause zu gehen. Es wird schon nicht so schlimm werden.“
Richie nickte wieder und versprach es ihm somit. Die anfängliche Wut über den Mann, der ihn entdeckte und seinen Traum zerstörte, verflog mehr und mehr, je besser Richie verstand.
Der Uniformierte nahm ihn an der Hand und führte ihn durch das Flughafengebäude hinaus vor den Flughafen. Mit seinem Begleiter gab es keinerlei Probleme, durch die Kontrollen und Türen zu kommen. Der Ausreißer lief mit gesenktem Kopf neben seinem Retter her. Vor dem Gebäude fand Richie dann auch seine Sprache wieder. Bei einem kurzen Gespräch mit dem groß gewachsenen Mann, das einen freundschaftlichen Charakter hatte, erfuhr Richie dann, dass sein Helfer tatsächlich selbst der Pilot der Maschine war. Der Pilot machte keine Hektik, obwohl er eigentlich schon längst wieder in seinem Cockpit hätte sitzen müssen. Richie verabschiedete sich dann von ihm mit einem herzlichen Händedruck und einem kleinlauten „Danke“.
Der Mann rief Richie noch nach: „Komm gut heim, Kleiner! Und viel Glück! Alles, alles Gute!“
Um eine lebenswichtige Erfahrung reicher, machte Richie sich sodann auf die gleiche Weise, auf die er nach Frankfurt gekommen war, auf den Heimweg nach Mannheim. Eine andere Möglichkeit blieb ihm auch nicht. Nur kurz erwog er, seine Eltern anzurufen, damit sie ihn abholten. Das war aber eine ganz indiskutable Idee. Das Ausreißen und Auswandern erledigte sich für Richie mit diesem gefährlichen Abenteuer von alleine. Solche Hirngespinste hatte er von nun an gründlich satt.
Als Richie es dann endlich bis in seine Heimatstadt geschafft hatte, er dabei wiederum mit verschiedenen Fahrern unterwegs war, war es schon mitten in der Nacht. Er beeilte sich, zum Bahnhof zu kommen, um seine Schultasche zu holen, damit es nicht noch unnötig später wurde. Die Bahnhofsgegend war in der Nacht schon etwas angsteinflößend. Mit seiner Tasche auf dem Rücken lief er dann, so schnell er noch konnte, heim. Das würde Theater geben!
Kurz vor dem Elternhaus plagte ihn dann doch für eine Sekunde wieder das schlechte Gewissen. Was sollte er bloß auf die nervenden Fragen seiner Eltern antworten? Denn dass sie wissen wollten, wo er war, würde ohne Zweifel nicht ausbleiben, sonst wären sie ja nicht normal gewesen. Er entschied sich für: Augen zu und durch! Die Ohrfeige, die er sich sicherlich mindestens einhandeln würde, war ihm egal. Richie war ja nicht wehleidig. Aber diese bohrenden Fragen und diese Blicke! Er verstand und wusste schließlich, dass seine Eltern sich sehr um ihn sorgten. Da musste er durch, er hatte es sich ja selbst zuzuschreiben.
Richie nahm sich vor, zu behaupten, er hätte sich seit dem Schulschluss die ganze Zeit in den Straßen der Stadt herumgetrieben. Er legte sich alles so gut es ging zurecht. Die Wahrheit, dass er in Frankfurt auf dem Flughafen war, ja, sogar im Frachtraum eines Flugzeugs, legten ihm seine Eltern wahrscheinlich als Lüge aus, weil es zu unglaublich gewesen wäre. Oder beide hätte auf der Stelle der Schlag getroffen, falls sie es doch glaubten. Also fand Richie die Notlüge, dass er sich die halbe Nacht auf der Straße herumgetrieben hätte, die beste Lösung. Ob seine Eltern ihm ernsthaft böse waren, wusste Richie nicht genau zu sagen. Wahrscheinlich waren sie erst einmal froh, dass sie ihren Sohn wieder unversehrt zurückhatten. Mütter und Väter dachten in solchen Situationen ja immer an das Schlimmste. Was aber anschließend folgen würde, wenn die erste Freude über das Wiedersehen abgeklungen war, konnte Richie im Voraus nicht einschätzen. Derart benahm er sich noch nie daneben.
Dann stand Richie unbeholfen vor der Wohnungstür, den Schlüssel in der Hand – und er zögerte doch. Ihm schoss in Sekundenbruchteilen alles erneut durch den Kopf. Was würde ihn hinter dieser Tür erwarten?
Endlich gab sich Richie einen Ruck, denn er konnte ja nicht ewig so stehen bleiben und überlegen. Er schob sachte den Schlüssel ins Schloss und öffnete vorsichtig die Wohnungstür. Als ob seine Eltern in den Startlöchern gestanden hätten und auf dieses schließende Geräusch warteten, stürmten sie den Gang entlang auf Richie zu. Für einen Moment befürchtete er, dass sie ihn umrennen würden. Seine Mutter rannte vorneweg mit den Worten, die wohl jede Mutter in solchen Situationen von sich geben würde: „Mein Junge, wo warsch du? Was hosch du gemacht? Was soll denn des?“
Sein Vater kam hinterher und war wahrscheinlich ebenso froh wie die Mutter, dass sich sein Junge wieder eingefunden hatte, konnte das allerdings besser überspielen. Er reagierte nüchterner und mit strengeren Worten. Ob er, Richie, noch zu retten sei, so spät heim zu kommen und ihnen einen derartigen Schrecken einzujagen. Sie würden sich ja schließlich Sorgen um ihn machen, weil sie schon dachten, es sei etwas mit ihm geschehen, schimpfte der Vater laut. So redeten beide aufgeregt durcheinander auf den reumütigen Sohn ein.
Richie antwortete auch hier nicht gleich, sondern ließ zunächst die abwechselnd strengen, fürsorglichen und anklagenden Worte mit gesenktem Kopf auf sich einprasseln.
Die erste Aufregung legte sich schnell und sie gingen zu dritt ins Wohnzimmer, nachdem Richie stumm an ihnen vorbei vorauslief, um dort das Desaster zu klären. Im Wohnzimmer bekannte Richie dann kleinlaut Farbe. Er legte Mutter und Vater das miserable Zeugnis auf den Tisch mit den Worten: „Deswege hab isch misch nät häm getraut.“ Das genügte zuerst einmal und sie wurden betroffen ruhig.
Die Eltern sahen sich verständnislos an, nahmen vorerst ohne Kommentar das Heft und blätterten es bis zum aktuellen Stand auf. Die Mutter hielt es in der Hand und sie studierten gemeinsam die Noten. Danach blickten sie zuerst wieder sich und schließlich ihren Sohn an. Dann legten die beiden erneut abwechselnd los: „Des is zwar kä subber Zeignis, awer deswege brauchsch doch kä Angscht vor uns zu hawe. Was lernsch du a nät? Vun jetzt ab lerne ma öfter zusamme, damit du die Versetzung schaffsch. Was soll das dann? Des is doch kän Bäbruch! Des biege ma schun wieder hi. Sag mol, wo warsch du jetzt eigentlich die ganz Zeit?“
So löcherten und nervten sie Richie, wie vorausgeahnt, mit den wohl typischen Fragen, wie sie in solchen Situationen gestellt wurden. Ein regelrechtes Verhör, gepaart mit Vorwürfen und einer Moralpredigt.
Von seinem Ausflug nach Frankfurt und seinen Erlebnissen auf dem Flughafen erwähnte Richie, wie geplant, keine Silbe. Stattdessen blieb er bei der Version, in der Stadt ziellos hin und her geirrt zu sein. Er gaukelte vor, nicht gewusst zu haben, was er tun sollte, und zeigte sich betroffen. Diese Story schluckten seine Eltern wie Honig, ohne weitere Fragen zu stellen. Warum hätten sie auch auf die Idee kommen sollen, dass es ganz anders gewesen sein könnte? Das war doch der Klassiker. Zum Glück hakten sie nicht nach, denn wenn sie wirklich gebohrt hätten, bestand die Gefahr, dass Richie sich verplappert hätte. Er war nach der Anstrengung dieser Tour hundemüde und dementsprechend unkonzentriert und hätte sich dadurch leicht verraten können. Dann wäre die Sache erst richtig heiß geworden.
Das Thema wurde mit den Ausreden Richies gütlich abgeschlossen. Zu Richies Erstaunen erfolgte zum Schluss kein Hausarrest, Fernsehverbot, Taschengeldentzug oder was so manche Eltern noch alles als erzieherische Maßnahmen in petto hatten. Mit irgend so etwas rechnete Richie stark. Er bekam nur die Auflage, mit der Mutter fleißig zu lernen, um sich zu verbessern und die drohende Ehrenrunde abzuwenden. Das war für ihn okay. Richie wollte natürlich auch nicht sitzen bleiben und das Schuljahr wiederholen müssen. In diesem Fall siegte ausnahmsweise sein Verstand über seine Sturheit, denn wäre es umgekehrt gewesen, hätte er es im Nachhinein sicherlich, wie immer, bereut. So nahm sich Richie tapfer zusammen, lernte strebsam mit seiner Mutter, machte immer brav seine Hausaufgaben und konnte sich so in allen Fächern um eine oder zwei Noten nach oben verbessern. Der Versetzung ins nächste Schuljahr stand am Ende nichts mehr im Wege.
Seinen Eltern ist Richie heute noch dafür dankbar, dass sie ihn mit Strenge an die Hand nahmen und zum Lernen zwangen. Ohne sie hätte sich Richie schon damals seinen Lebenslauf verdorben.
Beim austeilen der Versetzungszeugnisse am Schuljahresende ließ sein Klassenlehrer dann glatt den überflüssigen Satz los: „Siehst du, Richie, es geht doch, wenn man nur will!“
Laller, war Richies gedanklicher Kommentar dazu.
Jetzt schweifen Richies Gedanken in jene Zeit ab, als er die Schule erfolgreich abgeschlossen hatte. Nun ging es für ihn, wie für alle anderen, darum, eine Lehrstelle zu finden, um einen Beruf zu erlernen.
Seine Leidenschaft waren damals schon Autos und Motorräder. Die Wände seines Zimmers waren nicht, so, wie bei anderen Jugendlichen, mit Stars und Popgruppen, sondern mit Rennmaschinen, Tourenwagen und Luxussportwagen beklebt. Folglich lag es nahe, dass er den Beruf des Autoschlossers ergreifen würde.
Auf dem Arbeitsamt, wo Richie zu einer Berufsberatung und zur Vermittlung einer Lehrstelle vorstellig wurde, bekam er dann auch prompt Streit mit dem Berater. Wenn jemand eine andere Meinung als Richie vertrat, konnte das ja leicht geschehen, wenn derjenige versuchte, ihm seine persönliche Betrachtungsweise aufzuzwingen.
Der Berufsvermittler erzählte ihm, dass er sein äußeres Erscheinungsbild verändern solle, um einen seriösen Beruf mit Zukunft und Aufstiegschancen ergreifen zu können. Solche Reden wollte Richie nun aber überhaupt nicht hören. Für sein damaliges Alter und seine Einstellung war das reinstes Opa-Geschwätz. Richie war angezogen wie alle Jungs in dieser Zeit: Jeanshose, T-Shirt, Jeansjacke, hochhackige Stiefel und er hatte lange, wirre Haare. Er wollte kein Snob sein, sondern cool und easy. Die Hippiebewegung aus den USA war gerade am Ausklingen, so dass schon mit Richies Einstellung und der des Beraters Welten aufeinander prallten.
Weiter meinte der Typ, der Beruf des Autoschlossers sei nicht gut bezahlt, unheimlich schmutzig, besäße kaum Aufstiegschancen und mit 40 Jahren wäre das Kreuz kaputt, was keine guten Voraussetzungen für die Zukunft und ein erfolgreiches Leben seien.
In Richies Ohren alles dummes Zeug. Richie sagte zu ihm, dass ihn das alles nicht interessiere, weil er Autoschlosser und nichts anderes werden wolle, was ihm aber der Berater unbedingt auszureden versuchte. So entstand eine Grundsatzdiskussion, bei der Richie nicht einen Millimeter nachgab. Was bildete der Typ sich eigentlich ein? Das Gespräch ging dann eine ganze Weile hin und her. Der Mann vom Arbeitsamt argumentierte immer wieder mit den Aspekten, die gegen diesen Beruf sprachen, Richie dagegen beharrte auf seinem Berufswunsch.
In diesem Alter fehlt einem Jugendlichen natürlich der nötige Weitblick, aber die Wünsche und vorhandenen Fähigkeiten sollten doch bei der Berufswahl nicht außer Acht gelassen werden. So gab es dann auch für Richie keine Alternative. Er wurde im Verlauf dieser unsinnigen Debatte immer gereizter. Für Richie war der Schreibtischtäter vor ihm ein Paradebeispiel eines Bürohengstes, der vom Leben keine Ahnung hatte und die Jugend ohnehin nicht verstand. Der kannte nur sein Büro und irgendwelche Untersuchungen und Statistiken. Als der Spinner dann erneut mit seinen Argumenten von vorne begann, weil ihm wohl auch nichts Besseres einfiel, brannte bei Richie die Sicherung durch. Sie drehten sich im Kreis! Er machte dem nervenden Kerl in unmissverständlichem Ton klar, dass er Bewerbungsunterlagen und ein paar Adressen von Werkstätten haben wollte, die diesen Beruf ausbildeten. Zudem könne dem Berater doch der Schmutz und die Bezahlung ganz egal sein. Das sei einzig und allein seine Angelegenheit, brauste Richie mit erhobener Stimme auf, und für ihn sei das alles in Ordnung. Basta! Der Knaller hatte es jedoch immer noch nicht verstanden und fing etwas pikiert wieder damit an, Richie solle sich das doch noch einmal besser überlegen. Daraufhin war es bei Richie ganz aus. Er meinte zu ihm in gefährlicher Tonlage, dass er selbst auch den Beruf verfehlt hätte. Dann stand Richie ohne eine weitere Bemerkung auf und verließ das Büro, die Tür kräftig ins Schloss werfend. Noch auf der Treppe in dem Amt schimpfte Richie laut über die Borniertheit dieses Beraters, in der stillen Hoffung, dass dieser – oder noch besser: dessen Chef – es hören würde.
Richie fand dann seine Lehrstelle auch ohne diesen deplatzierten Bürokraten, der nur in seinem Sessel saß und keine Ahnung vom praktischen Arbeiten hatte. Seine Ausbildung begann Richie bald in einer kleinen Autowerkstatt. Genau genommen war es eine Tankstelle mit angebauter Halle, in der Autos und Motorräder repariert wurden. Dass dieser Beruf schmutzig war, das wusste Richie auch schon vorher. Es störte ihn aber nicht im Geringsten. Wozu gab es denn Wasser und Waschmittel? Die schlechte Bezahlung, wie Richie im Vergleich zu Freunden aus anderen Berufszweigen feststellte, war das einzige Manko. Die Arbeit und der Beruf machten ihm aber trotzdem so viel Spaß, dass das ein adäquater Ausgleich für das fehlende Geld war. Was hätte ihm ein Beruf mit Topbezahlung genützt, wenn er sich dafür im Alltag zu Tode langweilte oder sich immer nur ärgerte?
Wegen seines unverbesserlichen Fehlers, sich nie richtig in der Gewalt zu haben und sich nichts gefallen zu lassen, bekam Richie natürlich auch während seiner Ausbildung öfter Differenzen mit seinem Meister und dem Gesellen. Früher war die Ausbildung ohnehin härter als heute. Obwohl seine erst 13 Jahre zurücklag, hatte sich da schon sehr viel geändert. Damals traf der Satz „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ voll zu. Lehrlinge hatten erst mal grundsätzlich nichts zu melden. Genau das Richtige für den Charakter von Richie! Die Lehrlinge hießen noch „Stifte“ und wehe, man hätte gemault, wenn ein Geselle sagte, man solle ihm Frühstück oder etwas zu trinken holen. Ein satter Tritt in den Hintern wäre das Ergebnis gewesen und es gab niemanden, bei dem man sich hätte beschweren können.
Richie handelte sich einmal einen blauen Fleck ein, weil ihm ein Geselle einen Schraubenschlüssel ans Bein warf. Richies Fehler lag nur darin, dass er der Meinung war, dessen ölverschmiertes Werkzeug nicht reinigen zu müssen. Also ging Richie zum Meister, der auch der Chef war, und beschwerte sich über seinen Gesellen, den Bluterguss vorzeigend. Der Meister sah es sich flüchtig an und meinte dazu lediglich, dass das aussehe, als ob er die Treppe der Montagegrube heruntergefallen wäre. Richie solle sich nicht so anstellen und seine Arbeit weiter tun. Damit war der Fall abgeschlossen und die Beschwerde abgeschmettert.
Im ersten Lehrjahr musste Richie, wie das so üblich ist, meistens die Dreckarbeiten verrichten. Sämtliche Arbeiten, die anfielen und die die Gesellen nicht gerne erledigten, blieben an ihm hängen. Also machte Richie größtenteils Ölwechsel, Arbeiten an der Auspuffanlage, Abschmierarbeiten und fegte abends natürlich brav die gesamte Werkstatt. Auch das Gesetz, dass ein Azubi keine produktive Arbeit leisten dürfe, gab es nach seiner Ansicht nicht – oder es beachtete niemand. Das wurde alles erst später ab Ende der 70er Jahre propagiert und eingehalten, um die Lehrlinge besser zu schützen.
Im zweiten Ausbildungsjahr bekam Richie schon seinen eigenen Werkzeugkasten und reparierte selbstständig Fahrzeuge, natürlich unter der Aufsicht des Gesellen und des Meisters. Aber gängige Arbeiten, die er nach deren Meinung fehlerfrei erledigen konnte, wurden kaum noch überwacht. Das war im Grunde genommen ein großes Lob für Richie, denn seine Ausbilder zeigten dadurch, dass sie wussten, was er schon zu leisten imstande war und wie hoch sie seine fachlichen Fähigkeiten ansahen. Obwohl er ja noch Lehrling war, wurden an ihn ab dem Zeitpunkt fast die gleichen Maßstäbe angelegt, wie an einen Gesellen, mit allen Risiken und Konsequenzen und vor allem mit der Einhaltung der festgelegten Vorgabezeiten. Er durfte nicht mit einer Art „Lehrlingsbonus“ trödeln. Wenn er mit einer Arbeit zu langsam war, gab es sofort Ärger. Und selbstverständlich wurden diese Arbeiten, die Richie durchführte, auch beim Kunden abgerechnet, als wenn sie von einem Gesellen erledigt worden wären.
Dass ein Stift keine Überstunden machen durfte, wurde ebenso von niemandem kontrolliert, beziehungsweise kein Lehrling ging ernsthaft dagegen an. Richies Arbeitszeit begann um 7 Uhr und wäre regulär um 15.30 Uhr zu Ende gewesen. Irrtum! Hatte er ein Auto oder ein Motorrad in Arbeit und die Fertigstellung dauerte voraussichtlich nicht mehr lange, musste Richie auf alle Fälle das Fahrzeug abholbereit machen. Die Begründung des Meisters dafür war ganz einfach: „Hättest du den Tag über nicht getrödelt, wärst du jetzt fertig! Der Kunde wartet auf sein Auto.“ Dabei spielte es keine Rolle, ob das bis 16.00 Uhr oder sogar bis 16.30 Uhr dauerte, es ging dabei schließlich um bares Geld. Und manches Mal wurde Richies Einsatz ja auch extra belohnt, oft durch ein großzügiges Trinkgeld vom Eigentümer des Fahrzeugs, um das es ging, oder – was allerdings selten war – sogar durch den Chef selbst.
Meistens kam Richie erst zwischen 16.30 Uhr und 17.00 Uhr nach Hause, obwohl er mit dem Mofa nur fünf Minuten für den Weg brauchte.
Damals wurde ein Stift noch so richtig ausgebeutet. Andererseits lernte Richie so auch von Anfang an, richtig, effizient und verantwortungsvoll zu arbeiten, und er war nachträglich nicht mehr erzürnt deswegen. Er legte eine erstklassige Gesellenprüfung ab. Hätte er versucht, gegen die allgemein übliche Behandlung als Stift etwas zu unternehmen, wäre das im Endeffekt sein eigener Schaden und nicht der des Ausbildungsbetriebes gewesen. Richie versuchte oft, sich zu wehren, bevor er seine Ausbildung jedoch vorzeitig hätte abbrechen müssen, hielt er sich dann doch lieber zurück und biss sich durch diese Zeit.
Im Vergleich dazu sind die Ausbildungen heute ein Zuckerschlecken. Weil sie immer irgendwelche Vorschriften zu beachten haben, kommen die Azubis heute doch gar nicht mehr richtig zum Lernen, wie man arbeitet, weil sie schon beinahe vor der Arbeit beschützt werden. Ob das besser ist? Richies und alle vorangegangenen Generationen hatten die Ausbildung auch gut überstanden und waren gute Handwerker gewesen.
So, wie Richies Charaktereigenschaften waren und auch heute noch sind, kann man sich gut vorstellen, dass er ständig gegen den Strom schwamm, was ihm aber, wie schon festgestellt, nichts half. Wegen seiner kleinen und großen Streits mit dem Meister und den Gesellen, befürchtete Richie, als es auf das Ausbildungsende zuging, dass er nach seiner Gesellenprüfung ohne Anstellung dastehen würde. Er rechnete nicht damit, dass er einen Arbeitsvertrag bei der Werkstatt bekommen würde. In dieser Beziehung täuschte er sich aber. Richie war zwar eigensinnig und der Umgang mit ihm zeitweise schwierig, aber er war ein guter Arbeiter. Das war für den Chef wichtig! So wurde er dann auch als Geselle in diese Werkstatt übernommen.
Doch schon nach zwei Tagen bekam Richie Zwist mit einem seiner Kollegen. Ein paar der Arbeiter sahen in ihm immer noch den Stift und behandelten ihn dementsprechend. Sie meinten, weiterhin das Recht zu haben, Richie zum Essen Holen zu schicken und ihm Arbeiten auferlegen zu können, die sie selbst nicht gerne machten. Einer seiner Kollegen war dabei am rabiatesten und übertrieb es einfach. Dem drohte Richie eben nach zwei Tagen prompt Prügel an. Richie baute sich vor ihm auf und legte ihm dar, wenn sich sein Verhalten ihm gegenüber nicht bessern würde, er sich ein paar einfing – auch wenn der andere älter und natürlich länger in der Firma war. Das war Richie total egal. Nur wer anderen Respekt entgegenbringt, hat diesen auch selbst verdient, war Richies gesunde Einstellung dazu, da spielte das Alter keine Rolle.
Dieses Mal hatte sich Richie aber verhältnismäßig gut im Griff und warnte erst, anstatt ohne Vorwarnung zuzuschlagen. Die entstandene Auseinandersetzung der beiden wurde naturgemäß laut, so dass diese auch dem Chef nicht verborgen blieb. Der kam sofort aus dem Büro und fragte, was da los sei.
Mit viel Durcheinandergerede und gegenseitigen Schuldzuweisungen wurde er aufgeklärt, um was es ging. Richie begann in seiner explosiven Art dann fast einen noch schlimmeren Fehler, als zu prügeln. In der Aufregung und seiner Unbeherrschtheit sagte er zu seinem Chef, er solle seine Papiere fertig machen, weil er auf der Stelle kündige. Der Chef kannte Richie aber zum Glück nun schon weit über drei Jahre und wusste um dessen Hitzkopf. Und einen guten Arbeiter, der Richie zweifellos war, wollte er nicht verlieren. Den anderen Gesellen schickte er an seine Arbeit und auf Richie wirkte er beruhigend ein. Er bagatellisierte die Angelegenheit und fragte, als sich Richie wieder abgekühlt hatte, ob er das ernst gemeint hätte mit der Kündigung. Natürlich ließe er ihn gehen, wenn das sein Wunsch wäre, aber er würde sich freuen, wenn er bei ihm bliebe, erklärte er Richie in aller Ruhe. Obgleich Richie nicht unkompliziert war, besaß er für seinen Chef einen großen Wert. Richie feierte nie krank und war immer für die Arbeit da. Ebenso erledigte er seine Aufgaben schnell und gewissenhaft, weil sein Beruf letztendlich sein Hobby war. Bei Richie kam die Bezeichnung „Beruf“ wirklich von „Berufung“. Der Chef konnte immer auf Richie zählen, wenn es mal eng wurde und er jemanden brauchte, der eine Extraschicht einlegte, um ein Problem zu lösen. Auf Richie war grundsätzlich in jeder Beziehung Verlass, was man nicht von all seinen Kollegen behaupten konnte.
Die Arbeitslage war in jener Zeit hervorragend für Arbeitnehmer, also musste der Chef die Drohung schon ernst nehmen. Damals gab es mehr Arbeit als Arbeiter, was bedeutete, dass Richie wahrscheinlich schon am nächsten Tag wieder eine Anstellung gehabt hätte. Und wegen des bekannten Eigensinns von Richie, dem in diesem Moment egal gewesen wäre, was mit ihm anschließend geschah, nahm der Werkstattleiter seine Aussage nicht als leere Drohung auf. Weil er aber Richie nicht als Mitarbeiter verlieren und vor allem für Frieden in seinem Unternehmen sorgen wollte, redete er gleich darauf mit dem anderen Kollegen ein paar klare Takte, um künftig solchen Ärger erst gar nicht wieder entstehen zu lassen. Reden konnte der Chef, das war sein Element, in dem er immer siegte.
Die Kollegen änderten ab diesem Tag ihr Verhalten Richie gegenüber und akzeptierten ihn als gleichwertigen Mitarbeiter. Das Stift-Image war endlich abgelegt. Niemand war Richie böse wegen seines Schrittes, die Sache rabiat geradezurücken. Im Gegenteil, sie bekamen dadurch eher Respekt vor ihm, weil es doch zeigte, dass er für das Einstand, was er sagte, und sich auch durchsetzte. Richie hatte schließlich keinen Verrat geübt oder einen anderen denunziert, was unter Kollegen wohl das übelste Vergehen ist. Er hatte sich nur gewehrt und offen gezeigt, dass er sich nichts gefallen lassen würde. Alle, die es bis dahin noch nicht gemerkt hatten, stellten bald fest, dass Richie ein guter, ehrlicher und kollegialer Mitarbeiter war. Es zweifelte keiner mehr daran, dass Richie nie jemanden linken oder verraten würde. Richie zeigte nun auch, was als Lehrling nicht in der Form möglich war, dass er nämlich stets zur Verfügung stand, einem Kollegen zu helfen, wenn der mit seiner Arbeit alleine nicht zurechtkam. Richie kannte sich in so manchen Dingen besser aus, als die Altgesellen und konnte ihnen damit oft wertvolle Tipps geben. Kurz: Richie war alsbald sehr beliebt und voll integriert in die Truppe. Auch mit dem Kollegen, mit dem zu Anfang seiner Gesellenzeit Probleme bestanden, verstand er sich später hervorragend.
Mit 18 Jahren, noch in der Ausbildung, machte Richie bereits den Führerschein für Auto und Motorrad. Dafür sparte er schon seit seinem ersten Lehrlingsgeld. Den Lappen, wie der damalige graue Führerschein gerne genannt wurde, hatte er schon in der Tasche, als er die Gesellenprüfung absolvierte, weil sich die beiden Prüfungen fast überschnitten. Sein nächstes großes Ziel war, sich endlich ein eigenes Motorrad kaufen zu können. Er konnte es kaum erwarten, das Geld endlich zusammengespart zu haben. Mit fast 19 war es dann so weit. Der Zeitablauf passte gut zusammen, denn seine Prüfungen legte er im Winter ab und da wäre es unsinnig gewesen, sich ein Motorrad zu kaufen und anzumelden. Aber zu beginn des Sommers war er am Ziel. Richie hatte genug Geld zur Seite gelegt und kaufte sich eine 1000-cm³-Rakete. Na ja, was damals halt eine Rakete war… Im Vergleich zu dem, was die Asphaltsplater von heute an PS und Beschleunigung so hergeben, war das nicht so sensationell. Für diesen Feuerstuhl aber gab Richie seinen letzten Pfennig. Er war sein ganzer Stolz. Richie sparte nach dessen Anschaffung auch noch weiter, um sich diverse Extras für sein geliebtes Moped zu kaufen. Bald gehörte sein „Hocker“, wie er sein Motorrad auch gerne nannte, zu den heißesten in der Stadt.
Richie fand dann auch über seinen alten Schulfreund Knopf Anschluss an eine Motorradgruppe – keine Rocker, wenn sie auch oft fälschlicherweise dafür gehalten wurden, sondern einfach eine Clique aus Leuten, deren Hobby das Motorradfahren war. Auf der Straße verhielten sie sich auch nicht wie rücksichtslose Verkehrsrowdys. Natürlich gaben sie ihren Pferdchen auch gelegentlich freien Lauf und hielten sich nicht immer an die Geschwindigkeitsvorgaben, wenn die Straße übersichtlich und frei war. Aber dies immer ohne Risiko für sich und andere Verkehrsteilnehmer.
