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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Schattenlos lag der Gutshof Sophienlust in der heißen Julisonne, als Denise von Schoenecker das Gutshaus verließ, um nach Schoeneich zu fahren, wo man sie gewiss bereits ungeduldig zum Mittagessen erwartete. Wie so häufig war sie wieder einmal aufgehalten worden. Sie würde nun sicherlich Marthas Zorn erregen, die sie heute Morgen ausdrücklich gebeten hatte, ausnahmsweise einmal pünktlich zurückzukommen, weil es einen Eierauflauf gab. Bei dem Gedanken an diese gute Seele musste Denise unvermittelt lächeln. Mit schnellen Schritten überquerte sie den Hof und schloss ihr Auto auf. Im gleichen Augenblick, als sie in den Wagen einsteigen wollte, fuhr eine schwarze Limousine in den Hof. Am Steuer saß ein livrierter Chauffeur, der sich kurz umblickte und dann ausstieg. Gemessenen Schrittes ging er um den Wagen herum und öffnete die hintere Tür. Zuerst stieg eine schlanke schwarz gekleidete Dame aus, danach ein kleiner, auffallend blasser Junge, der ängstlich nach der Hand der Dame fasste. Diese aber schüttelte das Kind unwillig ab und sagte ungeduldig: »Nimm dich zusammen, Rolf. Schließlich bist du schon ein großer Junge.« »Ja, Mama«, erwiderte der Kleine erschrocken. Denise hatte diese Szene mit gemischten Gefühlen beobachtet. Allem Anschein nach wurde sie gebraucht. Sie unterdrückte einen Seufzer, schloss wieder die Tür ihres Wagens und ging auf die Dame zu, die leise mit dem Chauffeur redete. Als sie aber Denise erblickte, hob sie den schwarzen Schleier vor ihrem Gesicht. »Ich wollte mit der Heimleiterin sprechen«, erklärte sie kurz. »Ich bin Frau von Schoenecker«
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Schattenlos lag der Gutshof Sophienlust in der heißen Julisonne, als Denise von Schoenecker das Gutshaus verließ, um nach Schoeneich zu fahren, wo man sie gewiss bereits ungeduldig zum Mittagessen erwartete. Wie so häufig war sie wieder einmal aufgehalten worden. Sie würde nun sicherlich Marthas Zorn erregen, die sie heute Morgen ausdrücklich gebeten hatte, ausnahmsweise einmal pünktlich zurückzukommen, weil es einen Eierauflauf gab.
Bei dem Gedanken an diese gute Seele musste Denise unvermittelt lächeln. Mit schnellen Schritten überquerte sie den Hof und schloss ihr Auto auf. Im gleichen Augenblick, als sie in den Wagen einsteigen wollte, fuhr eine schwarze Limousine in den Hof. Am Steuer saß ein livrierter Chauffeur, der sich kurz umblickte und dann ausstieg. Gemessenen Schrittes ging er um den Wagen herum und öffnete die hintere Tür.
Zuerst stieg eine schlanke schwarz gekleidete Dame aus, danach ein kleiner, auffallend blasser Junge, der ängstlich nach der Hand der Dame fasste. Diese aber schüttelte das Kind unwillig ab und sagte ungeduldig: »Nimm dich zusammen, Rolf. Schließlich bist du schon ein großer Junge.«
»Ja, Mama«, erwiderte der Kleine erschrocken.
Denise hatte diese Szene mit gemischten Gefühlen beobachtet. Allem Anschein nach wurde sie gebraucht. Sie unterdrückte einen Seufzer, schloss wieder die Tür ihres Wagens und ging auf die Dame zu, die leise mit dem Chauffeur redete. Als sie aber Denise erblickte, hob sie den schwarzen Schleier vor ihrem Gesicht. »Ich wollte mit der Heimleiterin sprechen«, erklärte sie kurz.
»Ich bin Frau von Schoenecker«, erwiderte Denise freundlich. »Die Heimleiterin, Frau Rennert, ist im Augenblick beschäftigt.«
»Ah, Sie sind also Frau von Schoenecker!«, rief die Fremde mit sichtlichem Staunen. »Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt. Viel älter und …, ja, und nicht so hübsch.«
Denise lächelte verlegen. »Bitte, worum handelt es sich?«, fragte sie nicht mehr ganz so freundlich, weil ihr die Dame nicht sehr sympathisch war.
»Ich bin die Witwe von Julian Gerber«, erwiderte die Besucherin. »Bestimmt haben Sie schon etwas von den Impal-Textilfabriken gehört. Mein Mann hat sie gegründet.« Margret Gerber tupfte sich mit einem winzigen Taschentuch die imaginären Tränen fort. »Mein Mann starb vor einem Vierteljahr ganz plötzlich. Sein Tod war für mich ein entsetzlicher Schock, von dem ich mich bis zum heutigen Tag noch nicht erholt habe. Ich bin mit meinen Nerven völlig herunter und möchte längere Zeit verreisen, um auf andere Gedanken zu kommen. Darum würde ich gern meinen Sohn Rolf in Ihrem Kinderheim unterbringen. Komm her, Rolf«, wandte sie sich an den Jungen, der die Unterhaltung mit ängstlichen Augen verfolgt hatte. »Er ist etwas schwierig«, erklärte sie, wieder Denise zugewandt. »Aber ich glaube, in der Gesellschaft anderer Kinder wird er sich ändern.«
Ihrem ersten Impuls folgend, wollte Denise Frau Gerber eine Absage erteilen. Doch als sie in die traurigen blauen Augen des Jungen blickte, war sie sicher, noch niemals solche Verzweiflung in Kinderaugen gesehen zu haben. Deshalb erwiderte sie: »Gut, Frau Gerber, ich nehme Rolf.« Sie lächelte dem Kind zu. »Es wird dir ganz bestimmt bei uns gefallen«, sagte sie liebevoll. Aber das Kindergesicht blieb nach wie vor ernst.
Denise ahnte, dass der Kleine keine sehr glückliche Zeit hinter sich hatte. Sie blickte wieder die bildschöne Dame an, die einem Gemälde glich. Rotbraunes Haar umrahmte ein ebenmäßiges Gesicht. Die auffallend großen blaugrünen Augen waren von langen Wimpern umrandet, die allerdings nicht echt zu sein schienen.
»Auf die Kosten kommt es mir natürlich nicht an«, bemerkte Margret Gerber kühl. »Die Hauptsache ist für mich, dass der Junge gut aufgehoben ist. Das wird er hier ganz gewiss sein. Man hört ja nur Gutes von Sophienlust«, fügte sie mit einem gönnerhaften Lächeln hinzu.
»Bitte, Frau Gerber, kommen Sie doch mit ins Haus, damit wir alles Weitere besprechen können«, bat Denise höflich. »Komm, Rolf«, wandte sie sich an den Jungen. »Du brauchst keine Angst zu haben.«
»Ich habe auch keine Angst«, entgegnete er, wich aber etwas zurück, als Denise seine Hand umfassen wollte.
»Komm schon«, fuhr Margret Gerber ihn an, »auf der Fahrt hierher habe ich dir doch gesagt, dass du brav sein musst.«
»Ja, Mama«, antwortete das Kind widerstrebend.
»Wie gesagt, er ist ein schwieriges Kind«, seufzte Margret Gerber. »Sollte er nicht folgen, dürfen Sie ruhig nachhelfen.«
»Bei uns wird kein Kind geschlagen, wenn es das ist, was Sie meinen«, erklärte Denise ruhig, obwohl sie sehr erregt war.
Zum ersten Mal schien der Kleine Interesse für Denise zu zeigen. Sinnend blickte er sie an, sodass diese lächelte. Aber auch diesmal blieb seine Miene ernst.
Artig setzte er sich dann im Biedermeiersalon auf einen Stuhl und lauschte mit großen Augen auf die Unterhaltung zwischen seiner Mutter und der hübschen Dame, die ihm gut gefiel. Dass er hierbleiben sollte, stimmte ihn in keiner Weise traurig. Im Gegenteil, er war sogar froh, nicht mehr in das große Haus zurückkehren zu müssen, das ihm seit dem Tod seines Vatis entsetzlich leer vorkam. Außerdem schlug ihn seine Mama bei jeder noch so geringfügigen Ursache. Ja, er war wirklich froh, hierbleiben zu dürfen.
»Rolf ist sechs Jahre alt«, sagte Margret Gerber jetzt. »Er sollte im Herbst eigentlich in die Schule kommen.«
»Wir haben hier eine ausgezeichnete Grundschule. Alle Kinder zwischen sechs und zehn Jahren gehen dorthin.«
»Das ist fein, denn es könnte auch sein, dass ich etwas länger fortbleibe.« Margret Gerber entnahm ihrer Handtasche ein Scheckbuch, zückte einen Tintenkuli und schrieb einen Scheck aus. »Ich denke, das wird zunächst einmal genügen. Bitte, seien Sie doch so nett und lassen Sie für Rolf alles Nötige besorgen. Sicherlich braucht er neue Sachen zum Anziehen.«
»Gut, Frau Gerber, es wird alles erledigt.«
Margret Gerber erhob sich. »Dann verlasse ich Sie jetzt, liebe Frau von Schoenecker«, erklärte sie kühl. »Auf Wiedersehen, Rolf«, verabschiedete sie sich von dem Jungen und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. »Und sei brav. Vergiss nie, wer du bist«, fügte sie hinzu. »Sie müssen wissen, dass mein Mann seinen Sohn zum Universalerben eingesetzt hat.« Sie seufzte schwer auf.
»Unverständlich für mich. Aber leider …« Sie sprach nicht weiter, sondern zuckte nur mit den Schultern.
Denise blieb ihr auf diese Weise die Antwort schuldig, aber sie ahnte, dass Margret Gerber ihren Sohn nicht besonders liebte. Wieder einmal schien Geld der Anlass zu einer Familientragödie zu sein, deren Opfer der unschuldige kleine Junge war.
Denise brachte Margret Gerber noch hinaus. Vertrauensvoll schmiegte sich die Hand des Kindes in ihre Hand, als sie dem abfahrenden Wagen nachblickten. Rolf schien nicht sehr traurig über die Trennung von seiner Mutter zu sein, dachte Denise und lächelte den Jungen wieder zärtlich an. Diesmal fand ihr Lächeln auch Widerhall in seinem Herzen, denn ein Leuchten ging über sein kleines blasses Gesicht.
»Ich will auch brav sein«, versprach er, schon wieder ernst.
»Das weiß ich, Rolf«, erwiderte Denise. »Komm, ich bringe dich jetzt zu den anderen Kindern. Bestimmt bist du auch hungrig?«
»Nein, Frau …«
»Ich bin für alle Kinder hier Tante Isi, Rolf.«
»Tante Isi klingt lieb«, antwortete Rolf. »Muss ich denn essen? Ich …«
Denise schüttelte den Kopf. »Nein Rolf, wenn du keinen Appetit hast, brauchst du jetzt nichts zu essen. In drei Stunden gibt es süße Schokolade und Kirschkuchen mit Schlagsahne. Bis dahin wird dir dann schon der Magen knurren.«
Plötzlich waren fröhliche Stimmen zu vernehmen. Die Kinder waren mit dem Mittagessen fertig und verließen den Speisesaal. Malu, Isabel, Pünktchen, Angelika, Vicky und zwei kleinere Jungen kamen, lebhaft sprechend, Denise und Rolf entgegen. Beim Anblick des fremden Jungen verstummten sie mit einem Schlag.
»Wir haben ein neues Kind«, erklärte Denise ihnen. »Rolf Gerber bleibt für längere Zeit bei uns. Malu, bitte, nimm dich des Jungen an«, wandte sie sich an das große hübsche Mädchen mit den blonden Haaren und den grünlich schimmernden Augen, das seit vielen Jahren in Sophienlust lebte und bereits eine unentbehrliche Hilfe für die Erwachsenen geworden war.
»Gut, Tante Isi.« Malu ging zu Rolf hin. »Ich heiße Malu.«
»Und ich Pünktchen«, mischte sich das sommersprossige blonde Mädchen mit der Stupsnase und den strahlenden blauen Augen ein.
»Und wir sind Angelika und Vicky«, stellten sich die beiden Schwestern vor, die ihre Eltern durch ein Lawinenunglück verloren hatten und ebenfalls seit Langem in Sophienlust weilten.
»Und ich heiße Isabel«, bemerkte das schlanke dunkelhaarige Mädchen mit den ernsten braunen Augen.
Etwas verwirrt von den vielen Kindern, deren Namen er natürlich nicht sogleich behalten konnte, löste sich Rolf von Denises Hand. »Ich heiße Rolf Gerber«, antwortete er ernst und folgte dann, als Denise ihm aufmunternd zunickte, den Kindern.
Sehr nachdenklich fuhr Denise nach Schoeneich zurück. Dort wurde sie von den Ihren bereits sehnsüchtig erwartet.
Alexander von Schoenecker schloss seine Frau liebevoll in die Arme. »Wir haben uns schon Sorgen gemacht«, sagte er lächelnd. »Und Martha ist außer Rand und Band und schimpft wie ein Rohrspatz.«
»Ja, Mutti, Martha hat geschworen nie wieder einen Eierauflauf zu machen. Sie behauptet, dass er zusammengefallen sei.« Andrea, Denises Stieftochter, lächelte verschwörerisch. »Manchmal ist sie schon ein arger Tyrann.«
»Sag das nicht so laut«, meinte Sascha, Denises Stiefsohn. »Sonst läuft Martha uns noch davon. Du weißt doch, wie schwer es heutzutage ist, eine tüchtige Köchin zu bekommen.«
»Na, ich weiß nicht«, mischte sich Dominik verschmitzt lächelnd ein. »Gar so eine gute Köchin ist sie nicht. Wenn ich da an Magda denke, komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass Martha …«
»Pst!« Denise legte den Zeigefinger an die Lippen. »Du sollst nicht immer lästern, Nick.«
»Ist schon gut, Mutti. Aber sag endlich, was dich so lange in Sophienlust aufgehalten hat!«
»Mutti, ich habe Hunger!«, rief jetzt Henrik, das Nesthäkchen des Hauses, und kam in das Zimmer gelaufen.
»Wir essen gleich, mein Schatz.« Denise gab ihrem Jüngeren einen Kuss und blickte dann wieder Dominik an. »Ja, Nick, wir haben ein neues Kind bekommen. Einen kleinen sechsjährigen Jungen.«
»Endlich sind Sie da, gnädige Frau!«, rief Martha von der Tür her. »Leider ist der Eierauflauf restlos verdorben. Aber das ist nicht meine Schuld«, fügte sie mit vorgeschobener Unterlippe hinzu. »Gnädige Frau, Sie haben doch versprochen …«
»Ich weiß, Martha«, lachte Denise. »Leider ist etwas Unvorhergesehenes dazwischengekommen. Aber ich bin überzeugt, dass der Auflauf noch essbar ist.«
»Das schon«, schmollte die Köchin und eilte in die Küche zurück.
Später, als die Familie vollzählig bei dem verspäteten Mittagessen saß, erzählte Denise mehr von dem kleinen Rolf Gerber.
»Ich kenne die Impal-Textilfabriken«, begeisterte sich Andrea. »Sie machen wirklich gute Strumpfhosen. Laufmaschensicher. Herr Gerber soll ein Multimillionär sein.«
»Er war es, mein liebes Schwesterchen«, belehrte Sascha sie. »Du hast doch gehört, dass Herr Gerber gestorben ist.«
»Ach ja.« Andrea stocherte in dem Eierauflauf herum.
Dominik, der stets bei gutem Appetit war und sich nicht daran stieß, dass der Auflauf nicht so war, wie er sein sollte, kratzte den letzten Bissen vom Teller und meinte dann: »Ich bin sicher, dass der kleine Rolf eine lieblose Kindheit hinter sich hat. Es kommt doch so oft vor, dass Kinder sehr reicher Leute nur dem Personal überlassen sind, weil die Mutter keine Zeit für sie hat. Mutti, ich fahre gleich nach dem Essen nach Sophienlust hinüber, um mir den neuen Jungen anzusehen. Mir wird es bestimmt gelingen, ihn fröhlicher zu stimmen«, setzte er mit einem selbstgefälligen Lächeln hinzu.
»Gut, Nick, fahr nur. Ich bin sicher, dass du die richtigen Worte finden wirst, um den Kleinen aufzuheitern. Aber vielleicht ist das inzwischen schon den anderen Kindern gelungen. Andrea, wenn du am Nachmittag Zeit hast, könntest du mich in die Stadt begleiten. Ich muss einige Besorgungen machen. Vati hat ja leider keine Zeit.«
»Ja, Denise, ich muss wieder auf die Felder hinaus. Wir müssen die schönen Tage für die Ernte ausnützen. Der Wetterbericht ist alles andere als gut. Und du weißt ja, wenn es einmal zu regnen beginnt, hört es nicht so schnell wieder auf. Sascha, kommst du mit?«
»Gut, Vati.« Sascha nickte seinem Vater zu. Es machte ihm Freude, sich in den Semesterferien um das Gut zu kümmern und seinem Vater bei der Arbeit zu helfen.
»Ich möchte mit dir fahren, Mutti«, machte sich der jüngste Schoenecker bemerkbar.
»Gut, Henrik, dann lauf zu Marie und bitte sie, dich umzuziehen. Dein Hemd ist nicht mehr besonders sauber.«
»Mach ich, Mutti.« Henrik lief schon aus dem Esszimmer. Auch die anderen erhoben sich.
Dominik ging zu dem Fahrradschuppen und schwang sich auf sein Rad. Er platzte geradezu vor Neugierde. Denn mit einem neuen Kind gab es meist auch aufregende Ereignisse in Sophienlust.
*
Die Kinder hatten dem kleinen Rolf inzwischen alle Sehenswürdigkeiten von Sophienlust gezeigt. Beim Anblick des bunten Papageis Habakuk brach der Junge in ein helles Lachen aus. Es war ein so fröhliches Lachen, dass die Kinder unvermittelt miteinstimmten.
»Du wirst sehen, Rolf, Habakuk lernt deinen Namen sehr schnell«, sagte Malu.
»Wirklich?« Staunend betrachtete Rolf den Papagei, der die Kinder aus seinen klugen Äuglein anblickte und dann sein Gefieder putzte.
»Habakuk, sag Rolf«, befahl Pünktchen energisch.
Doch der Vogel blieb stumm, sehr zum Kummer der Kinder.
»Ich glaube, er leidet unter der entsetzlichen Hitze«, überlegte die kleine Vicky.
»Ach wo, Papageien vertragen viel Hitze. Ja, sie fühlen sich sogar ausgesprochen wohl darin«, belehrte Angelika ihre jüngere Schwester.
»Aber warum spricht er dann nicht?«, wollte Vicky wissen.
Rolfs Gesicht drückte bereits wieder tiefen Ernst aus, als er nachdenklich die schillernden Fischchen in dem großen Aquarium bewunderte.
Pünktchen stand jedoch noch immer vor Habakuks Käfig und sagte dem Papagei hartnäckig Rolfs Namen vor. Endlich bequemte sich Habakuk, Pünktchens Wünsche zu erfüllen.
»Rolf«, krächzte er plötzlich und schlug mit den Flügeln. »Rolf! Rolf!«
Erstaunt drehte sich Rolf um. »Er kann tatsächlich sprechen«, freute er sich, und wieder erhellte ein Lächeln seine Miene. »Kann er noch mehr sagen?«
»Ja, Rolf, er spricht sehr viele Worte«, erwiderte Malu. »Wo mag nur Benny stecken?«, fragte sie beunruhigt.
»Benny liegt unter dem Sonnenschirm auf der Terrasse«, beruhigte Isabel ihre Freundin. »Bei dieser Hitze strengt sich niemand besonders an.«
»Das weiß ich.« Malu lächelte schon wieder.
»Wo nur Nick bleibt«, schmollte jetzt Pünktchen. »Ich finde, er kommt in der letzten Zeit nicht sehr oft nach Sophienlust.«
»Die liebe Schule«, lachte Malu. »Aber in drei Tagen beginnen ja die Sommerferien, dann siehst du deinen Nick jeden Tag«, neckte sie Pünktchen.
Pünktchen schaute versonnen aus dem Fenster. Ja, sie freute sich riesig auf die Ferien. Denn jede Stunde ohne Nick war für sie eine verlorene. Sie konnte es kaum erwarten, endlich erwachsen zu sein, um Nick heiraten zu können. Dass sie ihn heiraten würde, stand für sie fest.
Malu blinzelte Isabel zu, und diese verstand. Sie mussten sich etwas ausdenken, um den kleinen Rolf aufzuheitern. Auf Fragen gab er keine Antworten, sondern presste nur die Lippen fest aufeinander.
»Irgendetwas stimmt nicht mit ihm«, flüsterte Isabel Malu zu. »Bestimmt hat er einen großen Kummer.«
»Oder Heimweh nach seiner Mama?«
»Vielleicht. Weißt du was«, überlegte Isabel, »wir werden ihm die elektrische Eisenbahn zeigen. Bisher hat sich noch jeder Junge dafür begeistert. Rolf, komm mit«, wandte sie sich an den Kleinen, der wieder vor dem Aquarium stand und die Fische mit traurigen Augen betrachtete. »Wir zeigen dir jetzt das Spielzimmer.«
Rolf nickte und folgte den Mädchen wortlos.
Das Spielzimmer war ein großer heller Raum mit hohen Fenstern, die auf den Park von Sophienlust hinausgingen. Die Wände waren mit Tapeten tapeziert, die reizende Märchenfiguren zeigten. Außerdem gab es dort Stofftiere, Puppen, Spielautos und ein Schaukelpferd. Die neueste Errungenschaft war eine elektrische Eisenbahn, die auf einem großen Tisch aufgebaut war.
Rolf stand interessiert vor der Eisenbahn. Plötzlich füllten sich seine Augen mit brennenden Tränen. »Mein lieber Vati hatte auch eine elektrische Eisenbahn«, bekannte er traurig. »Wenn er am Abend nach Hause kam, holte er mich zu sich in das Eisenbahnzimmer. Aber Mama hat die Eisenbahn verkauft, als er gestorben ist«, fügte er hinzu und begann zu schluchzen.
»Rolf, bitte nicht weinen«, bat Malu, aber das Kind schien untröstlich zu sein. Da erschien Nick wie ein rettender Engel im Spielzimmer.
»Gut, dass du da bist«, flüsterte Pünktchen ihm erleichtert zu. »Rolf ist so schwierig. Er hat nur einmal gelacht, als er Habakuk gesehen hat.«
»Ich werde ihn schon aufmuntern«, lächelte Nick und sagte: »Rolf, ich bin Nick. Schau mal, wie schnell der Zug fahren kann.«
Rolf nahm seine Hände vom Gesicht und sah den fremden Jungen erstaunt an. Er fühlte sich sofort zu ihm hingezogen und vergaß für ein Weilchen seinen großen Kummer.
»Komm nur näher heran, Rolf«, forderte Nick das Kind freundlich auf. »Du darfst sie auch mal fahren. Schau, jetzt schaltest du diesen Hebel und … Na, siehst du, jetzt lachst du sogar.«
Tatsächlich strahlte der Junge übers ganze Gesicht. »Kann der Zug noch schneller fahren?«, fragte er aufgeregt.
»Vielleicht. Aber dann besteht die Gefahr, dass er entgleist. Du, Pünktchen, gibst du mir bitte die andere Lokomotive und zwei Güterwagen? Sie liegen in der Schachtel im Schrank.«
Pünktchen nickte eifrig.
Als Frau Rennert nach den Kindern suchte, um sie zum Nachmittagskakao zu rufen, fand sie sie im Spielzimmer. Nach dem Telefongespräch mit Denise hatte sie geglaubt, dass der neue kleine Junge sehr traurig sein würde. Aber was sie jetzt sah, beruhigte sie sehr. Rolfs Augen blitzten vor Begeisterung, und seine Wangen waren leicht gerötet.
*
Margret Gerber lehnte mit geschlossenen Augen im Fond der Limousine. Die Hitze war für sie unerträglich. Am liebsten hätte sie sich den Hut mit dem schwarzen Schleier vom Kopf gerissen und ihn aus dem Autofenster geworfen. Manchmal war es wirklich keine reine Freude, so im Blickfang der Öffentlichkeit zu stehen. Was für einen Sinn hatte es denn, in diesem scheußlichen Schwarz herumzulaufen? Davon wurde Julian auch nicht wieder lebendig. Außerdem hatte sie sein Tod nicht so schwer getroffen, wie die meisten Leute vermuteten.
In den letzten Jahren hatten Julian und sie sich immer mehr auseinandergelebt.
Schuld daran war dieses verfluchte kleine Kuckucksei gewesen, das Julian ihr ins Haus gebracht hatte. Julian hatte durchaus einen leiblichen Erben haben wollen. Was für ein Unsinn! Dass sie ihm seinen verrückten Plan nicht hatte ausreden können, würde sie sich niemals verzeihen.
Margret erinnerte sich genau an den Tag, an dem sie davon erfahren hatte. Ihr Mann war strahlend heimgekommen und hatte einfach erklärt, dass sein Sohn nun bald geboren würde. Margret war aus allen Wolken gefallen und hatte an seinem Verstand gezweifelt.
