Bittersüss - Bruno Heter - E-Book

Bittersüss E-Book

Bruno Heter

0,0

Beschreibung

Dritter Band der Pignatelli-Reihe - Umbigwes Buch Elena, Marco und Umbigwe, der ehemalige Schiffskoch und ihr Freund, haben sich in Süditalien ein gemütliches Leben eingerichtet und betreiben das Agriturismo 'Antica Puglia' in Nardò. Als Umbigwe die Nachricht über den gewaltsamen Tod seines Bruders erreicht, hält ihn nichts mehr zurück. Zusammen mit Marco, Java und der Journalistin Selina reist er zu seiner Schwester in den Kongo. Auf der Familienplantage erfährt er, dass sein Bruder Omari von skrupellosen Kinderhändlern erschossen worden ist. Kwame Manu, ein Junge, der vor den Entführern hat fliehen können, erzählt seine Geschichte. Umbigwe und seine Freunde begeben sich auf die Spur der Mörder und geraten dadurch selbst in Lebensgefahr. Eine gefährliche Jagd nach den Kinderhändlern beginnt, um eine Gruppe entführter Kinder befreien zu können. Die mutigen Abenteurer haben dabei nicht nur die Söldner gegen sich, sondern gleich die gesamte Kakaoindustrie, mit Spuren zurück bis zur Schokoladenproduktion in der Schweiz.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 538

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Kapitel 1 – Prolog
Kapitel 2 – Grenze zwischen Ghana und der Elfenbeinküste
Kapitel 3 – Nardò, Italien
Kapitel 4 – Atebubu – Ghana
Kapitel 5 – Nardò, Italien
Kapitel 6 – Douala, Kamerun
Kapitel 7 – Souanké – Kongo
Kapitel 8 – Nardò – Italien
Kapitel 9 – Souanké – Kongo
Kapitel 10 – Souanké – Kongo
Kapitel 11 – Villeneuve – Schweiz
Kapitel 12 – Souanké – Kongo
Kapitel 13 – Abidjan – Elfenbeinküste
Kapitel 14 – Souanké – Kongo
Kapitel 15 – Ghana
Kapitel 16 – Villeneuve – Schweiz
Kapitel 17 – Ghana
Kapitel 18 – Villeneuve – Schweiz
Kapitel 19 – Westafrika
Kapitel 20 – Bern und Zürich – Schweiz
Kapitel 21 – Côte d’Ivoire – Westafrika
Kapitel 22 – Zürich – Schweiz
Kapitel 23 – Nardò – Italien
Kapitel 24 – Côte d’Ivoire – Westafrika
Kapitel 25 – Schweiz
Kapitel 26 – Souanké, Kongo
Kapitel 27 – Côte d’Ivoire
Kapitel 28 – Bern & Zürich – Schweiz
Kapitel 29 – Côte d’Ivoire
Kapitel 30 – Villeneuve & Zürich, Schweiz
Kapitel 31 – Côte d’Ivoire
Kapitel 32 – Côte d’Ivoire & Ghana – Westafrika
Kapitel 33 – Ghana
Kapitel 34 – Genf – Schweiz
Kapitel 35 – Ghana
Kapitel 36 – Nardò – Italien
Kapitel 37 – Kamerun und Westafrika
Kapitel 38 – Villeneuve – Schweiz
Kapitel 39 – Souanké – Kongo
Kapitel 40 – Bern – Schweiz
Kapitel 41 – Nardò – Italien
Kapitel 42 – Epilog

Bittersüss

Kampf gegen Kinderarbeit
Bruno Heter

IL-Verlag, Basel

[email protected]

www.brunoheter.ch

1. Auflage, veröffentlicht 2025.

© 2025 Bruno Heter – alle Rechte vorbehalten.

IL-Verlag, Basel

Druck:

ISBN: 978-3-907237-78-6

[email protected]

www.brunoheter.ch

„Die Ignoranz der Kundschaft nährt

die Arroganz der Großkonzerne.“

Bruno Heter, 2022

Kapitel 1 – Prolog

„Dieses neue Gesetz wird uns bestimmt eine Menge Geld kosten. Können wir das nicht billiger haben?“

„Sie wollen weiterhin Kinder beschäftigen?“ Der groß gewachsene, muskulöse Mann im bunten Hemd fixiert den schwitzenden, leicht übergewichtigen Mann aus der Schweiz.

„Nicht doch!“ Der Schweizer wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Wer spricht denn hier von Kinderarbeit? Die Rede ist von billigeren Arbeitskräften. Wir könnten es auch Entwicklungshilfe nennen.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen, Hauptsache, Sie liefern mir den Stempel auf diesem Papier. Damit versichern Sie uns, keine Kinder auf Ihren Plantagen zu beschäftigen. So will es die UNO. Die haben ihr Büro doch in Ihrem Land, oder etwa nicht? Dann sollte es für Sie kein Problem sein, den Stempel zu bekommen.“ Lächelnd reicht er dem Schweizer ein Dokument.

Während der Geschäftsmann danach greift, wechselt ein kleiner, dicker Umschlag den Besitzer. Der Afrikaner blickt stur geradeaus, den Umschlag lässt er unter seinem Hemd verschwinden. Der Schweizer kontrolliert das Formular.

„Aber sehen Sie doch! Der Stempel ist bereits drauf! Was diskutieren wir hier? Sie müssen meine Plantagen freigeben. Die Arbeit muss umgehend wieder aufgenommen werden können.“ Er gibt das Papier dem Afrikaner zurück.

Dieser greift nach einem Stempel, drückt ihn erst auf ein schwarzes Stempelkissen und danach auf das Papier. „Sieh einer an, Sie haben recht, hier ist der Stempel. Den muss ich wohl übersehen haben. Sir, bitte entschuldigen Sie. Es ist alles in Ordnung mit Ihrer Bewilligung. Die Plantagen entsprechen den neuesten Vorschriften. Sie dürfen die Ernte einfahren und weiterhin Kakao exportieren. Ich danke Ihnen, dass Sie aktiv gegen Kinderarbeit vorgehen!“

Der Schweizer hebt die Hand zum Gruß und verlässt wortlos das Büro. Draußen wartet bereits eine klimatisierte Limousine mit laufendem Motor. Verschwitzt und außer Atem lässt er sich auf den Rücksitz fallen. „Zum Flughafen, schnell!“

„Sehr wohl, Sir.“ Der Fahrer beschleunigt und die Limousine hinterlässt eine Staubwolke auf dem Platz.

Noch während der Fahrt telefoniert der Geschäftsmann mit dem Hauptsitz in Villeneuve. „Ja, Vater. Es ist alles in Ordnung. Die Behörden hier haben vergessen, die Bewilligung in ihre Akten zu legen. Das Papier ist jetzt vor Ort. Die Sperre sollte aufgehoben werden.“ Er lauscht eine Weile. „Aber ja, Vater. Wir erfüllen sämtliche Bestimmungen der UNO. Auf unseren Plantagen werden keine Kinder beschäftigt. Ich bin auf dem Weg zum Flughafen. Wir sehen uns in Genf.“

Das zweite Telefonat führt er leise, damit der Fahrer nicht mithören kann. „Bono? Ja, wir können wieder beginnen. Hast du schon neue Arbeiter? – Ja? Aus Ghana? Hervorragend. – Nein, sprich mit niemandem außer mit mir. Sieh zu, dass die Bengel diesmal nicht wieder fliehen können. Du haftest für sie, hörst du? Ich fliege zurück in die Schweiz. Salut.“

Kapitel 2 – Grenze zwischen Ghana und der Elfenbeinküste

Die Sonne brennt heiß vom Himmel. Schatten spenden bloß die Bäume des Urwaldes, welcher gleich hinter den heruntergekommenen Hütten beginnt. Es scheint, als hätte die Wildnis den Menschen ein kleines Stück Land zur Verfügung gestellt, welches sie für ihre Zwecke nutzen dürfen.

Kwame Manu sitzt in einem klapprigen Bus, zusammen mit schätzungsweise fünfzehn Mädchen und Knaben. Böse Männer, die nicht viel reden, haben sie verschleppt. Sie sitzen mit ihnen im Bus. Kwame Manu weiß, dass das Söldner sind, auch wenn sie keine Uniformen tragen. Das hat ihm sein Vater erzählt. Die Kinder schweigen alle. Die Männer haben ihnen verboten, miteinander zu sprechen.

Seit sie unterwegs sind, hat Kwame Manu mehrmals an seinen Freund Enam gedacht. Er ist auch entführt worden und nie wieder aufgetaucht. Manu hat Angst. Damals, als Enam entführt wurde, hat sich Kwame Manus Vater zur Wehr gesetzt. Die Männer haben ihn vor den Augen der Kinder erschossen. Manu denkt oft an seinen Vater, der Lehrer im Dorf gewesen war.

Der Bus holpert über die löchrige Straße, die Luft ist stickig, mit Dieselrauch vermischt. Sie sind nicht auf der Hauptstraße gefahren, sondern über die unbefestigten Schotterpisten zur Kirchenstadt, nahe der Grenze. Kwame Manu kennt den Namen des Ortes nicht, er weiß nur, dass es dort viele verschiedene Kirchen gibt. Die schmale Straße führt nach dem Ort durch den Dschungel, in einem weiten Bogen nach Niablé, in Côte d’Ivoire, der Elfenbeinküste.

Über diesen Namen hat sich sein Vater immer lustig gemacht. Nur Weiße kamen auf einen solch komischen Namen, hat er ihm erklärt. Der Junge vermisst seinen Vater sehr.

Ein Schlagloch holt ihn aus seinen Gedanken zurück in die traurige Realität. Die Kinder haben Durst, doch niemand gibt ihnen Wasser.

Auf einmal erhebt sich einer der Männer und sammelt die Gewehre und Macheten ein, mit denen die Söldner ihnen gedroht haben. Er legt sie in eine Kiste, die zwischen den vorderen Sitzreihen steht. Aus der Kiste nimmt er einige Schulbücher, die er den Kindern verteilt. „Hört mir nun gut zu und macht keinen Ärger. Wir sind eine Schulklasse auf dem Weg nach Niablé, wo wir uns mit einer anderen Schulklasse treffen wollen. Ihr sagt nichts, verstanden?“ Die Kinder nicken. Der Söldner, er scheint der Chef zu sein, mustert sie grimmig. Er hat eine Narbe auf der linken Gesichtshälfte. Kwame Manu vermutet, dass der muskulöse Mann ein guter Kämpfer ist.

Wenig später wird der Bus langsamer, der Fahrer biegt nach rechts in einen Hof ein und hält vor einigen Gebäuden. Wahrscheinlich ist das ein Grenzposten, denkt Manu, denn von seinem Vater weiß er, dass Niablé in Côte d’Ivoire liegt.

Als der Bus steht, steigt der Mann mit der Narbe aus. Sein Rucksack, den er immer bei sich trägt, hängt locker über seiner Schulter. Manu hört, wie er mit einem Grenzbeamten spricht. Im nächsten Augenblick treten einige Soldaten zusammen mit einem Mann im Anzug aus dem Zollgebäude. Es sind weiße Männer, nicht aus Afrika, was Kwame Manu erstaunt. Sie bleiben stehen. Die Soldaten tragen Waffen. Die Diskussion der Männer wird lauter. Das Narbengesicht blickt immer wieder über die Schulter und die Männer im Bus werden nervös. Einer will sich eine Waffe aus der Kiste greifen. Dann stürmen die weißen Soldaten auf den Bus zu. Einige Söldner fliehen.

„Rennt in den Wald, überquert die Grenze. Der Bus wird auf euch warten. Wir finden euch auf der anderen Seite wieder!“, schreit einer der weißen Soldaten. Draußen und im Bus kommt es zu einem Handgemenge. Ein wildes Durcheinander entsteht. Einige Jungs im vorderen Teil des Busses können fliehen. Weil es aber hinten keine Tür gibt, lässt Kwame Manu sich auf den Boden fallen und krabbelt unter die hinterste Sitzbank. Der Junge hat Angst, versteht nicht, was hier geschieht.

Er hört, wie die Männer draußen Befehle erteilen, Schüsse peitschen durch die Luft. Ein Motorrad dröhnt auf und braust davon, zurück, in die Richtung, aus welcher sie gekommen sind. Kwame Manu drückt sich weiter unter die Sitzbank. Sein Vater hat ihm einst geraten, sich immer in der Mitte des Getümmels zu verstecken. Wenn Polizisten nach Räubern suchen, dann tun sie das nie am Tatort. Erst als er keine schreienden Männer mehr hört, kriecht Kwame Manu unter dem rostigen Sitz hervor. Er hustet sich den Staub aus der Lunge, blickt gleichzeitig ängstlich nach allen Seiten. Die Luft scheint rein zu sein.

So rein es eben geht im Dschungel. Es riecht modrig, feucht und nach frischem Blattwerk. Manchmal denkt Kwame Manu daran, in welcher Wildnis er eigentlich wohnt. Sein Vater hat ihm manchmal Bilder von der Wüste gezeigt, oder von hohen Bergen mit Schnee. Das Land, in welchem sehr viel von dem Kakao, den sie hier anbauen, verkauft wird, habe auch viele Berge. Aber die Bewohner seien steif, ohne Rhythmusgefühl. Bei dieser Aussage mussten sie immer lachen und tanzten einige Schritte. Kwame Manu vermisst seinen Vater. Irgendwann mal will er in das Kakaoland mit den weißen Bergen reisen, das hat er sich selbst versprochen, zu Ehren seines Vaters.

Niemand beachtet ihn. Von der Elfenbeinküste her kommt ein Lastwagen angerattert. Aus einem Rohr hinter der Kabine schießt schwarzer Rauch nach oben, wie kleine drohende Gewitterwolken. Diesel, weiß Kwame Manu. Der Wagen stoppt vor dem Schlagbaum. Einige Soldaten kontrollieren die Ladung, die Kabine und den Fahrer. Papiere werden angeschaut, aber Kwame Manu hat den Eindruck, der Mann blättert sie bloß durch, ohne zu verstehen.

Wenige Minuten später drückt ein zweiter Soldat den Schlagbaum hoch, der Lastwagen fährt zitternd los, die Gewitterwolke schießt wie eine Fontäne in die Umgebungsluft. Vor dem Haus, nahe dem Bus, stoppt der Transporter erneut. Der Fahrer steigt aus und schlurft in die kleine Teestube, welche gleich neben dem Zollgebäude steht.

Kwame Manu erkennt seine Chance. Unbemerkt klettert er auf die Ladefläche des Lastwagens und versteckt sich zwischen den Kisten. Gerade als er sich duckt, hört er den Lärm des Motorrades, mit dem das Narbengesicht davongerast war. Vorsichtig reckt Kwame seinen Kopf zwischen den Kisten hervor. Keine fünf Meter von ihm entfernt steht der Furcht einflößende Mann. Seine Narbe führt vom linken Auge quer über die Wange bis zum Hals. Der Mann hat keine Haare, dafür umso mehr Muskeln und gefährlich kleine Augen, fast wie eine Schlange.

Auf dem Motorrad kann Kwame Manu einen Rucksack erkennen, den der Mann immer bei sich getragen hat. Manu vermutet, dass sich darin wichtige Dinge befinden. Als der Mann in die Teestube verschwindet, huscht der Knabe von der Ladefläche, schnappt sich den Rucksack und klettert in sein Versteck zurück. Er hofft, der Fahrer möge bald zurückkommen.

Leider erscheint das Narbengesicht im Türrahmen. Sofort bemerkt er, dass sein Rucksack fehlt. Er schreit jeden an und rennt wild umher. Den Fahrer des offenen Lastwagens, der unterdessen vor die Tür getreten ist, packt er und schüttelt ihn so heftig, dass dieser zu Boden fällt.

„Was hast du für ein Problem, Bruder?“, schreit dieser nun seinerseits.

„Geh mir aus den Augen, verschwinde!“

„Soldatengesindel! Euch gehört nicht die ganze Welt, hörst du?“ Damit stapft der Fahrer zu seinem Lastwagen, steigt ein und startet den Motor. Die Gewitterwolke schießt wütend hoch und erinnert Kwame Manu an einen Drachen, von dem er mal in einem Buch gelesen hat.

Der Lastwagen rattert langsam vom Hof auf die staubige Straße. Kwame Manu riskiert einen Blick durch einen Spalt in der Seitenwand. Nur einen Meter vom Lastwagen entfernt steht das Narbengesicht, wutentbrannt, mit einem modernen Telefon in den Händen. Kwame Manu lächelt, weil der Mann ihn nicht sehen kann. Neben ihm liegt der Rucksack.

***

„Boss! Sie sind weg. Alle!“

Am anderen Ende der Leitung bleibt es still. Erst nach einigen Sekunden flüstert eine ruhige, tiefe Stimme: „Das ist nicht gut, Bono. Das ist gar nicht gut. Wessen Schuld ist das? Deine?“

Bono schluckt leer. Sein Adamsapfel hüpft dabei auf und ab. „Nein, Chef, ich kann nichts dafür. Da waren Weiße, ich glaube Amerikaner oder aus der EU. Sie haben Fragen gestellt, sie wollten uns verhaften. Wir mussten fliehen und die Knaben taten das auch.“

„Du musst liefern, das weißt du. Woher du wieder neue nimmst, ist mir egal. Du lieferst, kapiert? Du hast es Serge versprochen.“

„Ja, Boss. Sie sind zu Fuß und wollen bestimmt heim. Wir finden sie sicher wieder. Aber …“

„Was ist noch?“ Der Mann wirkt hörbar genervt.

„Der Rucksack.“ Wieder schluckt Bono.

„Welcher Rucksack?“

„Der, in dem die Papiere und Pässe der Kinder stecken.“

„Ja? Was ist damit?“

„Nun, er ist weg, Boss.“ Bono hält das Smartphone weit von seinem Ohr weg, in weiser Voraussicht, was nun kommen würde, doch er hört nichts. Vorsichtig hält er das Gerät wieder an sein Ohr.

„… gar nicht gut, hörst du? Wenn du den Rucksack nicht findest, bist du ein toter Mann. Wenn du das nicht sein willst, finde ihn.“ Der Mann am anderen Ende spricht immer noch ausgesprochen ruhig, bloß leicht lauter.

„Ja, Chef. Ich werde ihn finden. Er kann noch nicht weit sein.“ Doch der Gesprächspartner hat schon aufgelegt.

Bono steht einige Sekunden ratlos da, sein Mobiltelefon hält er in der Hand. Er lässt die vergangenen Minuten Revue passieren, bis er sich an den Lastwagen erinnert, der über die Grenze gefahren ist. Innerlich flucht er, dass er nicht früher daran gedacht hat und verstaut sein Handy in einer Cargotasche seiner Hose. Er schwingt sich auf sein Motorrad, das nach einem kraftvollen Tritt sofort anspringt, legt den Gang ein und braust entschlossen in östlicher Richtung davon, zurück nach Ghana.

***

Schon im ersten Ort nach der Abfahrt biegt der Lastwagen von der großen Straße ab. Hinter einer Kirche, bei einem flachen Bau, der wie eine große Halle aussieht, hält der Fahrer vor einem rostigen Tor, das einst grün angestrichen war. Der Mann steigt aus und öffnet das Tor.

Dann fährt er den Lastwagen durch die Einfahrt und parkt ihn rückwärts vor der Halle.

Kwame Manu krümelt sich tiefer zwischen die Kisten. Er hat Angst. Die hintere Ladeklappe wird geöffnet, Männer sprechen miteinander.

„Osa, alter Straßenräuber, auch wieder mal im Land?“

„Ja, Bruder, wie du siehst. Hast du etwas für mich?“

„Lass uns erst Tee trinken, kleiner Bruder. Mama hat Gebäck zubereitet. Die Arbeit wartet auf uns, ganz bestimmt, die läuft nicht weg!“

Die Männer umarmen sich, lachen und treten ins Gebäude. Kwame Manu beruhigt sich. Die Männer wirken nicht böse. Dennoch muss er vorsichtig sein. Erst als niemand mehr in Sicht ist, kriecht der Junge aus seinem Versteck und erhebt sich. Sein Bein ist von der unbequemen Haltung taub geworden, viele tausend Nadelstiche piksen ihn, als ob er in einem Ameisenhaufen stehen würde. Er schüttelt sein Bein und spürt das Blut durch die Adern fließen.

Kwame Manu streckt sich, bewegt sich und schaut über das Gelände. Er hat Durst. An der Ecke zur Kirche hin entdeckt er einen tropfenden Wasseranschluss. Voller Freude hüpft er von der Ladefläche und schleicht zur lockenden Quelle. Er dreht am Rad, Wasser strömt aus. Gierig trinkt er.

„Nicht so schnell, mein Junge! Es hat Wasser genug.“

Manu fällt vor Schreck hin, wird vom Wasser überspült und hustet. Vor ihm steht eine alte Frau, die mindestens vier große Säcke Kakaobohnen schwer sein muss. Ihre Tücher verbergen einen gewaltigen Körper, aber ihre Augen sind sanft, der Mund lächelt. Sie stellt das Wasser ab und hilft ihm auf die Beine. „Wer bist du und was machst du hier?“

Kwame Manu murmelt eine Entschuldigung und will wegrennen, aber sie hält ihn am Shirt zurück. „Du siehst nicht wie ein Dieb aus. Hast du Hunger? Kannst du sprechen?“

„Ja, Mam, ich bin Kwame Manu, aus Atebubu.“

„Manu, der zweite Sohn. Ich bin Amma Abena und mir gehört das hier alles. Du bist weit weg von deinem Zuhause, Manu. Komm, es gibt etwas zu essen.“

Die nette Frau führt Manu zum Gebäude, in welchem die Männer verschwunden sind. Der Junge blickt angstvoll zum Lastwagen, was Amma Abena mitbekommt. „Du bist mit Osa gekommen? Er ist mein Sohn. Du musst keine Angst haben.“

Die Halle ist mit vielen Kisten vollgestellt, dahinter befinden sich Tische und Maschinen. Es riecht nach Holz und Harz. Kwame mag diesen Geruch, er erinnert ihn an seinen Großvater, der Spielsachen aus Holz hergestellt hat.

Die Brüder sitzen an einem klapprigen Tisch und trinken Tee. Erstaunt blicken sie in Manus Richtung. Er versteckt sich hinter der Frau, die schützend ihren Arm um ihn legt. „Jungs, seht mal her, wen ich draußen beim Wasserhahn gefunden habe!“ Sie schiebt ihn nach vorn. „Das ist Kwame Manu, und er ist mit dir, Osa, hergefahren. Manu, das sind meine Söhne Osa und Kweku.“

Der Fahrer des Lastwagens steht auf und stellt zwei weitere Stühle bereit. „Soso, mit meinem Lastwagen. Hast dich wohl hintendrauf versteckt, was?“ Da wird ihm alles klar. „Der Söldner hat dich gesucht? Er war deinetwegen so wütend. Komm her, setz dich, erzähle uns deine Geschichte.“

Dankbar nimmt Kwame Manu die Einladung an und greift gierig nach dem verlockend duftenden Gebäck. Amma und Kweku lachen, als der Junge mit vollem Mund zu reden beginnt: „Die Männer sind böse. Sie haben mich entführt und viele andere Kinder auch.“ Während dem Imbiss erzählt Kwame Manu seine ganze Geschichte.

Die Gesichter der Zuhörer werden traurig, das Lachen verstummt. Osa fasst sich als Erster. „Das hört wohl nie auf! Manchmal frage ich mich, was die vielen Gesetze bringen, die wir zum Schutz unserer Kinder haben! Manu, ich muss eine Ladung unserer Schüsseln nach Tamale bringen. Ich kann über Atebubu fahren und dich nach Hause bringen, wenn du willst. Dauert aber ein paar Tage. Die Straßen sind schlecht und mein Lastwagen nicht mehr neu. Aber vorn sitzt du bequemer als hintendrauf. Was meinst du?“

Kwame Manu kann sein Glück nicht fassen. Er strahlt vor Freude und fällt Osa um den Hals.

„Das heißt dann wohl ja“, sagt Amma und lacht.

Kapitel 3 – Nardò, Italien

„Nonna! Du sollst doch nicht arbeiten! Du bist krank, du musst zuerst gesund werden!“ Elena Pignatelli schaut ihre Großmutter Maria streng an. Die zwei Frauen stehen in der großen Küche bei der riesigen Feuerstelle. Maria wollte gerade den Kamin reinigen und die Asche wegbringen. Sie hustet.

„Ich habe mein Leben lang gearbeitet, Kind. Ich kann das schon. Ist ja nur ein kleiner Husten.“ Die zweiundneunzig Jahre alte Frau wirkt beleidigt.

Elena schüttelt den Kopf und nimmt Maria Schaufel und Besen aus der Hand. „Ja, Nonna, du kannst arbeiten. Das wissen wir alle. Aber jetzt hast du schon seit vielen Wochen diesen Husten, und er geht nicht weg. Glaube ja nicht, dass ich nicht längst weiß, was los ist. Ich habe schließlich deinen Abfalleimer geleert.“

Maria schaut ihre Enkelin mit Tränen in den Augen an. „Ich habe Angst, Elena. Aber ich freue mich auch.“

Die beiden Frauen fallen sich in die Arme und weinen. Die Zeit um sie herum scheint stillzustehen. Aus dem nebenan liegenden Soggiorno, dem großzügigen Wohnraum, klingen Babyschreie herüber. Elena löst sich aus der Umarmung, wischt sich die Tränen aus den Augen. „Ich bin gleich zurück. Enzo braucht mich kurz.“ Ihr brauner Lockenkopf verschwindet aus der Küche.

Maria setzt sich an den langen Esstisch aus Kastanienholz, welcher neben der Feuerstelle steht. Sie fühlt sich schwach. Ihre Gedanken sind bei ihrem vor vielen Jahren ermordeten Ehemann Giuseppe Pignatelli, dem einst mächtigen Führer der Apulischen Mafia. Nach seinem gewaltsamen Tod hatte sie die Organisation geleitet und sich weitherum Respekt verschafft. Zusammen mit ihrem Jugendfreund Pietro Romito, der in Palermo die Cosa Nostra führte, kontrollierte Maria den Süden Italiens. Man kannte sie als Maria Lapia di Copertino und ihn als den Duce. Bei ihren Gedanken an die wilde Zeit schmunzelt Maria. Pietro verstarb vor einem Jahr bei einer Schießerei und Maria hatte sich ihren Tod immer ähnlich vorgestellt. Nun aber scheint er andere Pläne mit ihr zu haben. Sie spürt ihren Zerfall und hofft, er möge schnell gehen.

Maria hört ihre Enkelin Elena mit ihrem Urenkel Enzo Pietro sprechen. Dabei verspürt sie eine große Dankbarkeit, dass Elena nach vielen Jahren des Rumtreibens endlich nach Hause gefunden hat. Zusammen mit ihrem Marco, dem Schweizer, der heute mehr Italiener ist als viele andere, die hier geboren wurden. Maria ist glücklich darüber, dass die beiden das Landgut La Pineta als Agriturismo Antica Puglia ausgebaut haben und es erfolgreich betreiben. Die Namen Giuseppe und Gabriele Pignatelli sind im angrenzenden Automobilmuseum verewigt worden, nachdem Elena und Marco die sagenhafte Automobilsammlung gefunden hatten, welche Marias Mann und sein Vater sehr gut versteckt gehalten hatten. Es scheint sich alles zu einem Ganzen zu fügen, denkt Maria. Der Kreis schließt sich, es ist Zeit, heimzukehren.

Elena kommt in die Küche zurück, sie vermutet, dass ihre Nonna Tränen weggewischt hat. Auf dem Arm trägt sie den kleinen Enzo, der wieder zufrieden hin und her wippt und mit den Armen winkende Bewegungen macht. „Wills du zu Nonna? Magst du ihn nehmen?“

Maria nimmt den Kleinen zu sich und legt ihn in ihre Arme. Mit großen, wachen Augen schaut das Baby sie an. Maria lächelt. „Wenn du schon reden könntest, was würdest du fragen? Du hast auch immer so neugierig in die Welt geschaut, Elena. Er kommt sehr nach dir, der kleine Mann.“

„Nur singen kann er noch nicht so gut. Da kommt er mehr nach Marco.“

„Ja, das ist wahr!“ Die beiden Frauen lachen und Enzo lächelt mit.

„Habe ich soeben meinen Namen gehört?“ Marco tritt von draußen durch die Küchentür herein. „Guten Morgen, ihr zwei, ich meine drei. Entschuldige, Elena.“

Diese Bemerkung bringt ihm einen leichten Faustschlag gegen die Schulter ein, gefolgt von einem langen Kuss. Er streicht ihr dabei mit der Hand über den Rücken.

„Ich werde Enzo bessere Manieren beibringen, als sie sein Vater hat“, scherzt sie und wischt seine Hand weg.

„Ich brauche einen Kaffee. Das Gras ist widerspenstig! Was habt ihr heute für Pläne?“ Er geht zur Kaffeemaschine.

„Ich dachte an eine Spritztour im Ferrari, vielleicht mit Enzo ans Meer oder shoppen. So Frauensachen halt.“ Elenas Bemerkung bringt alle zum Lachen. „Was denkst du denn? Ich werde Enzo füttern, seine Windeln wechseln, das Haus sauber halten, mit Nonna kochen und …“

„Schon gut, Amore, ich hab’s kapiert. Du weißt, ich bin da.“ Marco nippt an seinem Kaffee.

„Ja, und jetzt schwirr ab, Gärtner, das Gras wächst ja schon wieder nach.“

Marco lacht und verlässt den Raum.

Maria hat diesem Dialog lächelnd zugehört. „Du hast einen wundervollen Mann, mein Kind. Trag ihm Sorge.“

„Ich weiß, Nonna. Er ist der Beste. Manchmal kann ich mein Glück selbst nicht fassen. Du kannst mir Enzo wieder geben. Ruh dich aus.“

„Ich werde einige Schritte zwischen den Olivenbäumen tun, das beruhigt mich und gibt mir heilende Kräfte.“

Maria steht auf, nachdem Elena ihr das Baby aus dem Arm genommen hat. Sie legt der jungen Mutter dankbar die Hand auf den Unterarm, dann verlässt sie das Haus. Es ist Frühling geworden. Langsam verwandelt sich die karge Landschaft in eine sanfte, grüne Welt voller Leben. Kleine Pflänzchen schießen aus dem Boden, als wollten sie neugierig erfahren, was es alles zu entdecken gibt. Maria schlendert um das große Gebäude, überquert den schattigen Sitzplatz unter den Pinien. Der Ort, an welchem schon so viele interessante und lebensfrohe Gespräche stattgefunden haben. Hinter dem Haus beginnt der Olivenhain.

Die knorrigen Bäume mit ihrer leicht silbrigen Rinde strahlen Ruhe und Beständigkeit aus. Sie stehen da, trotzen allen Widrigkeiten und lassen den Stress, die Sorgen, welche die Menschen umtreiben, nichtig erscheinen. Maria schreitet zwischen den Bäumen hindurch, bis sie bei ihrem Lieblingsbaum steht, einem sehr alten, dicken Olivenbaum. Sein niedriger Stamm ist im Laufe der Jahre scheinbar aus zwei einzelnen Stämmen zu einem verdrehten, ineinander verknoteten Stamm verwachsen. Das erinnert Maria daran, dass das Leben zu zweit erstaunlich mehr Kraft bringt, es zu meistern und zu genießen. Sie streicht mit der Hand über die scharfkantigen Blätter, die nach dem Winter noch hart und zugeklappt sind. In einigen Wochen werden sie ihre grüne Seite der Sonne zukehren, sich öffnen und das Leben in sich aufsaugen.

Maria setzt sich unter den Baum, lehnt sich an den Stamm und genießt den Ausblick zum Meer hin. So fühlt sich Frieden an.

***

Das Agriturismo Antica Puglia ist nur wenig belegt, ein Pärchen aus Deutschland und eines aus Belgien. Marco und Elena haben nicht viel zu tun, und Umbigwe hat die Gelegenheit genutzt, die ruhige Zeit in seinem eigenen Haus auf Sizilien zu verbringen. Noch weiß er nicht genau, was er daraus machen soll. Die Idee mit einem eigenen Agriturismo hat nicht funktioniert. Momentan beschäftigt der Kongolese sich mit der Idee eines gehobenen Gourmet- und Wellness-Resorts. Der talentierte Koch möchte auch einen Saal für Kultur und Konzerte errichten, vor allem seit er sich in die Sängerin Java verliebt hat.

Java heißt mit richtigem Namen Charlene Duchée, stammt aus der Dominikanischen Republik und ist eine langjährige Freundin von Marco. Umbigwe hat Marco vor wenigen Jahren auf einem Fährschiff kennengelernt. Heute sind sie sehr gute Freunde und er darf Pate des kleinen Enzo Pietro sein.

Der Ausblick vom leicht über Castellamare del Golfo gelegenen Haus ist atemberaubend. Der kleine Ort schmiegt sich an die natürliche Bucht, die stark ansteigende Küste verhindert einen überbordenden Wildwuchs von Ferienhäusern. Umbigwe betrachtet die Baupläne, welche sein Architekt ihm überreicht hat und versucht, sich das fertige Resort vorzustellen. Wellness, genau der richtige Ort dafür. In Gedanken sieht er sich schon mit einer Bande kleiner Kinder durch den Garten rennen, während ihre Mutter auf der Bühne ihre neuesten Songs probt. Umbigwe ist glücklich, obwohl er streng genommen noch keine Frau für seine Kinder hat, bloß eine Vorstellung davon.

Die Melodie seines Mobiltelefons reißt ihn in die Realität zurück und schiebt die Träume ins geistige Wartezimmer. „Pronto!“

„Umbigwe! Ciao, ich bin’s, Java!“

„Welch schöne Überraschung, meine Sonne! Wo bist du gerade?“

„Ich bin in Meran. Wir haben morgen ein Konzert hier. Dann geht es weiter nach Salzburg.“

„Immer auf Achse. Wie läuft es?“

„Prima. Gestern hatten wir volles Haus. Stell dir vor, Verona war ausgebucht! Schon toll, wenn die Menschen das mögen, was ich mache. Du fehlst mir.“

Diese Worte bringen die Gedanken von Wellness zurück in Umbigwes Kopf. „Du mir auch! Und wie! Ich hätte dich gerne bei mir und würde ein Menü für dich kochen.“

„Mmmh, du bringst mich dazu, meine Tour abzubrechen, du Schelm! Nach Salzburg habe ich einige Tage nichts geplant. Wie wär’s, wollen wir zusammen ins Meer rennen?“ So ist sie, die gute Java. Immer lebensfroh, immer voller Energie, für jede verrückte Idee zu haben. „Ich würde sehr gerne vieles von dir vernaschen.“

„Das klingt elektrisierend.“ Umbigwes Jeans wird im Schritt enger.

Sie lacht. „Ich spreche vom Essen, mein Lieber! Ich vernasche dein Essen. Zumindest vorerst.“

Die beiden verabreden sich, dann legt Java auf. Umbigwe hält sein Mobiltelefon einige Sekunden in der Hand, grinst verschmitzt und widmet sich wieder seinen Bauplänen.

***

„Marco! Hast du Nonna gesehen?“ Elena streckt ihren Lockenkopf aus einem Fenster im ersten Stock. Mit einer benzinbetriebenen Motorsense mäht ihr Mann das hohe Gras. Er kann sie unmöglich hören.

Aus dem Augenwinkel sieht Marco seine Frau winken und stellt den Decespugliatore aus. Er hebt den Ohrschutz und macht mit der Hand ein fragendes Zeichen in ihre Richtung.

„Hast du Nonna gesehen? Sie wollte in den Olivenhain. Das ist aber schon mehr als eine Stunde her!“

„Ich werde nachschauen. Sie ist bestimmt eingeschlafen.“ Marco legt sein Arbeitsgerät ab. Er umrundet das große Landhaus, geht in Richtung Marias Lieblingsbaum. Das gelbliche Sonnenlicht erzeugt ein warmes Spiel mit den glitzernden Blättern der Olivenbäume und deren Schatten. Sattes Grün hat sich in den letzten Tagen und Wochen unter den Bäumen breitgemacht. Schon aus Distanz kann Marco Maria am Baum lehnen sehen. Er nähert sich ihr in Ruhe, will ihren Frieden nicht stören.

„Maria? Alles in Ordnung bei dir?“, fragt er mit sanfter Stimme. Sie scheint tief und friedlich zu schlafen. Als er ihre Hand nimmt, fährt ihm der Schrecken in den Körper, wie einem Kind, das hinter seinem Bett eine fette Spinne entdeckt. Marias Hand ist kalt, ohne jedes Gefühl. Sofort begreift Marco, was geschehen ist, sucht nach einem Puls. Als er keinen findet, beschließt er, keine Ambulanz und keinen Rettungsdienst zu rufen. Maria befindet sich auf dem Weg zu ihrem Mann und ihren Freunden.

Marco schließt ihr sanft die Augen und setzt sich neben sie an den Olivenbaum, noch immer ihre Hand haltend.

„Gute Reise, Nonna“, flüstert er. Er bleibt einige Minuten ruhig sitzen und schaut durch den Olivenhain auf die Küste. In der Ferne glitzert das Meer. Der Ort, an welchem er Elena kennengelernt hat. Marco schaut auf, als er Elenas Hand auf seiner Schulter spürt. Er weiß nicht, wie lange er dagesessen hat.

Mit der anderen Hand hält sie sich den Mund zu. Sie weint, zieht ihn zu sich hoch. Er hält sie fest, streicht ihr über den Kopf. Elena zittert, es schüttelt sie von ihren Weinkrämpfen. Er küsst sie sanft auf den Kopf. „Sie war eine starke Frau, eine gute Nonna.“

„Die Beste!“, bringt Elena zwischen ihren Schluchzern hervor. Sie löst sich aus der Umarmung und kniet zu Maria hinab. „Buon viaggio, Nonna! Auguri.“ Elena umarmt den Körper und nimmt sich die Zeit, sich in Ruhe und Würde von ihrer Großmutter zu verabschieden. „Danke, dass du nicht gleich Alarm geschlagen hast“, sagt Elena leise. „Sie hätte es genau so gewollt. Friedlich, bei ihrem Olivenbaum.“

„Schon verrückt. Eben noch war sie oben, hielt den Kleinen im Arm.“

„Sie hat sich verabschiedet. Weißt du, es klingt vielleicht verrückt, aber ich habe es gefühlt. Ich habe den Moment gespürt, als sie ging. Erst danach habe ich dich gerufen. Tief im Innern wusste ich, was du vorfinden würdest. Ich hatte bloß nicht die Kraft, als Erste hinzugehen. Bitte verzeih mir.“

„Da gibt es nichts zu verzeihen, Elena. Im Gegenteil, ich danke dir für die Minuten, die ich mit Maria alleine sein konnte.“

„Weißt du noch? Ich habe dir doch gesagt, dass du sie mögen wirst.“

In Marcos Gedanken erscheint die Fahrt im alten Lastwagen, als Elena ihm gebeichtet hat, dass ihre Nonna die Führerin der Apulischen Mafia sei.

„Wie geht es nun weiter?“

„Keine Ahnung. Ich denke, wir müssen den Arzt vom Dorf rufen. Wahrscheinlich braucht es eine amtliche Todesurkunde. Zumindest in der Schweiz wäre das so.“

„Ja, das ist hier nicht anders. Danach werden wir mit dem Pfarrer sprechen und die Beisetzung organisieren müssen. Aber zuerst will ich meine Eltern informieren. Schließlich wohnen sie in Nonnas Haus, seit sie hierher zu uns gezogen ist.“

„Und wir können sie nicht hier sitzen lassen. Wir sollten sie an einen schattigen, kühlen Ort bringen und sie hinlegen. Ich rufe unsere Gärtner.“

„Ich bereite unterdessen eine gemütliche Ecke in der Scheune vor. Im Agriturismo haben wir Gäste, daher sollte sie nicht dort liegen. Wir sollten keine neuen Gäste aufnehmen, stattdessen aus familiären Gründen für einige Wochen schließen. Ich stelle das noch heute auf unsere Webseite.“

„Ich werde Umbigwe und Pietros Witwe Isabella auf Sizilien informieren. Sie sollen herkommen, wenn sie wollen.“ Pietro, der "Duce" und seine Frau Isabella waren Jugendfreunde von Maria.

„Es werden viele Menschen kommen. Auch solche, die wir lieber nicht sehen möchten, Marco. Nonna war eine mächtige Frau hier im Süden. Es werden auch ihre Feinde kommen wollen und wir sollten sie würdig empfangen. Man soll merken, dass wir eine neue Ordnung anstreben möchten.“

„Die Sacra Corona Unita wird ohne deine Familie weitergeführt. Unseren Anteil am Gewinn lassen wir humanitären Projekten zukommen. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Man wird uns in Ruhe lassen.“

„Ach, Marco, mein romantischer Autor. Ihr Schweizer seid so wunderbar harmoniebewusst. Hier unten läuft das alles etwas anders. Ich hoffe bloß, es trifft uns nicht zu hart, wenn die Zeit kommt, aber in Ruhe lassen? Das werden sie uns bestimmt nicht, jetzt nicht mehr, Marco. Maria und Giuseppe sind zu vielen Menschen in die Quere gekommen. Man wird ihr den nötigen Respekt erweisen und sich danach um die fettesten Geschäfte streiten.

Elena und Marco bleiben noch einige Minuten sitzen, dann rufen sie die Gärtner. Elena eilt hinauf zur Scheune und lässt unter Hilfe zweier Gärtner in der Scheune, da wo sie einst die Oldtimer gefunden hat, eine bequeme Liege aufstellen. Sie richtet mit Kerzen und Olivenzweigen eine Art Ruhezimmer ein, am Kopfende stellt sie einen kleinen Nachttisch hin.

Inzwischen bringen zwei weitere Gärtner und Marco den Leichnam herbei. Sie legen Maria sanft auf die Liege, decken sie zu. Am Ende sieht die Szene sehr friedlich aus, ganz wie es sich Maria gewünscht hätte. Als sie krank wurde, war sie einzig dazu bereit, ihr Eigenheim in Copertino zu verlassen und zu Elena und Marco nach Nardò zu ziehen. Sara und Enzo, Elenas Eltern, haben das Landhaus in Copertino bezogen und ihre Wohnung in Lecce verkauft.

Elena setzt sich unter die Pinien und ruft ihre Mutter an. Das Baby konnte sie getrost einige Zeit in Marcos Obhut geben. Schon nach dem dritten Signal nimmt Sara das Gespräch entgegen. „Mamma? Wie geht es bei euch drüben? Habt ihr Zeit?“

„Elena, wie schön. Ja, wir haben Zeit. Was ist los? Maria?“

Elena konnte ihrer Mutter noch nie etwas vorenthalten. Sara kennt ihre Tochter zu gut. „Ja, Mamma. Nonna hat uns verlassen. Friedlich, wie sie es immer gewollt hat. Sie ist unter ihrem Olivenbaum eingeschlafen.“

„Wir machen uns möglichst schnell auf den Weg, dauert einige Minuten. Wir reden später. Danke, dass du uns anrufst. A presto.“

***

Umbigwes Telefon klingelt erneut. Er weiß sofort, wer ihn anruft, denn er hat eine Alphornmelodie als Klingelton für Marco ausgewählt. Umbigwe greift nach dem Gerät. „Marco, mein Freund. Wie geht es deinem Sohn und deiner bezaubernden Frau?“

„Ciao Umbigwe, du alter Charmeur. Java erzählt mir alles! Gut gemacht, du Schlitzohr! Hör mir zu, ich habe traurige Nachrichten.“ Marco erzählt Umbigwe von Marias Tod.

„Könntest du Isabella abholen und mit ihr zu uns rüberkommen?“

„Klar doch, mein Freund. Maria war unser aller Freundin. Wir werden kommen. Dauert vielleicht zwei Tage. Mit Isabella werde ich nicht so schnell fahren können. Sie mag das nicht, wie du weißt.“

„Kein Problem, lieber sicher als schnell. Isabella hat noch den Privatjet des Duce, vielleicht fliegt ihr ja. Ihr könnt bei uns im Agriturismo wohnen, Elena hat schon alles vorbereitet. Die letzten Touristen reisen morgen ab, danach haben wir für einige Wochen geschlossen.“

„Wie geht es Elena?“

„Sie ist erstaunlich gefasst. Ich denke, es hat ihr geholfen, dass Maria die letzten Monate bei uns wohnen wollte. Sie haben viel miteinander gesprochen. Maria hat ihren Urenkel kennenlernen dürfen. Es war eine gute Zeit, friedlich und schön.“

„Weißt du, manchmal finde ich es schade, dass ich so weit weg von meiner Familie wohne. Ich höre so selten von ihnen und habe Angst, dass ich plötzlich schlechte Nachrichten erhalte und ich es dann bereue, nicht dort gewesen zu sein.“

„Sie waren doch alle hier, zur Einweihung des Museums und zu unserer Hochzeit. Das war schön. Du hast zwei wunderbare Familien, mein Freund. Und nun braucht dich deine Familie hier in Italien. Ich freue mich auf dich.“

„Ich informiere auch Java. Sie wollte sowieso herkommen, nach ihrem Konzert in Salzburg.“

„Soso, das wusste ich nicht.“

„Sorry. Soll ich mich zurückziehen?“ Umbigwe meint das nicht so, sagt es jedoch aus Respekt vor seinem Freund.

Marco lacht: „Nein, wie kommst du darauf? Heirate das Mädel. Hätte ich mehr Mumm in den Knochen, hätte ich das vor Jahren getan. Ihr zwei passt so wunderbar zusammen. Ich freue mich für euch. Schließlich sind wir alle Freunde und das ist doch das Einzige, was zählt. Also, bis bald.“

Nachdem Marco das Gespräch beendet hat, gießt sich Umbigwe einen Tee ein. Er setzt sich auf die Veranda und prostet mit der Tasse gen Himmel. „Maria, du mutige, starke Frau! Lebe in Frieden, du hast es verdient!“ Schluck für Schluck genießt er seinen Tee und denkt an die ungewöhnlichste Frau aus Süditalien, die er kennenlernen durfte. Im Stillen vergleicht er sie mit seiner eigenen Großmutter und ist sich sicher, dass die beiden sich im Himmel mögen werden.

Kapitel 4 – Atebubu – Ghana

Die Fahrt hat weniger lange gedauert, als Osa gesagt hat. Der alte Mercedes ist nicht so schlecht, wie der Fahrer ihn beschrieben hat. Nach zwei Tagen treffen sie in Atebubu ein.

„Dort, du musst dort zu dem Haus da hinten fahren. Da wohnt meine Mutter.“ Kwame Manu ist ganz aufgeregt.

Osa parkt den Lastwagen vor dem Haus. Eine kleine Frau, die eine Schürze und ein Kopftuch trägt, tritt aus dem Haus. Sie wirkt müde, traurig und alt. Das ändert sich schlagartig, als sie ihren Jungen sieht.

„Manu! Wie kommst du hierher? Gott im Himmel sei es gedankt! Du lebst!“ Die Mutter schließt ihren Sohn in die Arme und weint vor Glück.

Unterdessen hat Osa den Rucksack ausgeladen und die Beifahrertür geschlossen. Er steht respektvoll im Hintergrund.

„Mami“, Kwame Manu zeigt auf den Fahrer, „das ist Osa. Er hat mich mitgenommen. Er ist ein Freund.“

Die Frau lächelt. „Osa, hein? Dann unterscheiden sich unsere Namen bloß durch einen einzelnen Buchstaben. Ich bin Oda, Manus Mutter. Hast du Zeit für einen Tee?“

„Für die Bekanntschaft mit netten Menschen habe ich immer Zeit.“ Die zwei reichen sich die Hand, dann führt Oda ihn ins Haus.

Die Wohnung ist klein, besteht nur aus zwei Räumen. Die Küche und der Wohnraum befinden sich vorn, geschlafen wird in einem Raum dahinter, der durch einen Vorhang vom Rest der Wohnung getrennt ist. Dennoch wirkt alles sehr sauber und organisiert. Mama Oda scheint eine ordentliche Frau zu sein, denkt sich Osa.

Sie blickt immer wieder zu ihm, mustert ihn mit ihren wachen, dunklen Augen. „Erzähle, Manu, wie hast du Osa kennengelernt?“

Als habe er bloß auf sein Stichwort gewartet, sprudelt der Junge los, berichtet wirr durcheinander. Von der Entführung, der Flucht, aber auch von der Begegnung mit Osas Familie und der Fahrt hierher. „Einmal hat Osa mich sogar fahren lassen. Stell dir vor, Mami, ich werde mal Lastwagenfahrer und Lehrer sein!“ Er strahlt seine Mutter an.

Osa lacht. „Du hättest ihn sehen sollen, Oda. Er hatte ein breites Grinsen aufgesetzt und fühlte sich wie ein König.“

„War das nicht gefährlich?“, rügt die Mutter den Fahrer. „Stell dir vor, wenn etwas passiert wäre.“

„Was soll schon groß passieren? Die Straßen sind breit und es hat keinen Verkehr hier. Kwame Manu kann das gut.“

Osa wendet sich an Manu: „Wie aber kommst du auf Lehrer? Gehst du denn auf eine Schule?“

Die Mutter antwortet schneller als der Junge, sie steht auf und geht neuen Tee holen. „Mein Mann war Lehrer. Er führte die Gesamtschule hier im Dorf, und er war ein guter Lehrer. Er hat sich für die Rechte von Kindern eingesetzt. Deshalb musste er sterben.“ Sie hält einen Moment inne, dann klopft sie mit der Kelle auf den Wassertopf. „Umsonst! Mein Mann ist umsonst gestorben. Es hat sich nichts geändert. Sieh dir an, Osa, in was für einem Land wir leben! Man hat mir meinen Mann genommen und mein Kind entführt. Und wozu? Damit sie in Europa billige Schokolade essen können.“ Die Frau ist wütend.

Osa lässt sich einen zweiten Tee eingießen. Er kann jetzt noch nicht weg. „Magst du mir erzählen, was du weißt?“

„Warum nicht? Du scheinst ein intelligenter und vertrauenswürdiger Mann zu sein. Sie handeln mit Kindern. Kinder sind die billigsten Arbeitskräfte auf den Plantagen. Sie holen sich die Kinder auf dem Schulweg oder wenn sie draußen spielen. Sie bevorzugen Knaben im Alter von Manu. Sie bringen die Kinder über die Grenze in die Elfenbeinküste und umgekehrt.“

Osa trinkt von seinem Tee. „Aber das neue Gesetz? Es heißt, die Plantagen müssen jetzt ein Dokument haben, dass sie keine Kinder beschäftigen. Sonst droht ihnen die Schließung.“

Oda schnaubt. „Papiere! Gerade du als Fahrer müsstest wissen, wie einfach man Papiere fälschen kann. Ich traue keinen Papieren. Ich traue bloß dem, was ich mit eigenen Augen sehe. Was ist das für ein Rucksack, Manu?“

„Den habe ich dem bösen Mann vom Motorrad geklaut. Er wurde ziemlich wütend, aber er hat mich nicht gefunden.“

„Aber mich hat er in den Dreck geschubst! Schon gut, Kwame Manu! Was ist drin?“

„Papierkram. Ich verstehe es nicht.“ Manu zuckt mit den Schultern. Er scheint das Interesse am Rucksack verloren zu haben.

Oda hat ihn sich genommen und öffnet ihn, dann zieht sie einen Stapel Papiere und ein Ringheft heraus. Sie legt alles auf den Tisch, blättert es durch. Dann und wann reicht sie Osa ein Blatt.

„Weißt du, was das ist?“

„Ja. Das ist eine detaillierte Auflistung mit allen Namen und Orten der entführten Kinder. Zudem ist hier im Heft aufgeführt, wohin die Männer sie gebracht und welchen Preis sie erzielt haben.“ Traurig legt er den Ordner auf den Tisch zurück.

Mutter und Fahrer schauen sich an. Sie glauben kaum, an welch wertvolle Beweisstücke sie gelangt sind.

„Wenn wir das den richtigen Leuten zeigen, sind die Gauner geliefert. Das sind die Beweise, die mein Mann immer gesucht hat.“ Oda lächelt zaghaft.

„Für diese Papiere werden die Männer alle töten, die sie gesehen haben. Wir sind in großer Gefahr.“

***

Bono sitzt in einem einfachen Büro, ein kahler, rechteckiger Bau mit Flachdach, im Innern bloß zwei Räume. Sein Chef hat ihn herbestellt. Nicht der große Boss, der sitzt irgendwo in einem noblen Bürogebäude in der Hauptstadt oder in der Elfenbeinküste. Bono weiß nicht einmal, wer ganz oben sitzt, es ist ihm auch egal, solange er seinen Lohn bekommt. Sein direkter Vorgesetzter ist hier. Kein Telefongespräch dieses Mal. Bono hat Angst.

„Erzähle noch einmal, Bono.“ Der Boss sitzt, Bono steht.

„Die weißen Männer, wahrscheinlich von der UNO, waren schnell da. Wir haben sie nicht kommen sehen. Ich weiß nicht, woher sie wussten, welchen Bus sie untersuchen müssen. Wir mussten improvisieren und vor allem verschwinden.“

„Und den Rucksack haben sie gefunden?“

Bono beeilt sich zu sagen, dass er den Rucksack mitgenommen habe. „Der verdammte Junge hat ihn dann von meinem Motorrad geklaut.“

Jetzt wird der Boss zum ersten Mal laut, er steht auf und macht einige Schritte auf Bono zu. „Warum wohl nehmen wir Rucksäcke anstelle von Taschen, hm? Damit sie am Rücken bleiben, du Idiot! Wenn jemand einen unserer Rucksäcke kriegt, dann nur mit deinem verdammten Rücken dran, kapiert?“

„Ja, Boss.“ Bono senkt sein Haupt. Er steht da wie ein Junge, der beim Kaugummiklauen erwischt wurde.

„Wenn diese Papiere in die falschen Hände kommen, fliegen wir alle auf. Das habe ich dir schon am Telefon gesagt. Also, was planst du? Wo ist dieser Junge?“

„Wir haben den Lastwagen im ersten Kaff nach der Grenze verloren. Wir nehmen an, er hat dort angehalten. Es gibt nur eine Straße, um weiterzufahren. Mit den Motorrädern hätten wir ihn eingeholt. Meine Männer suchen den Ort ab.“

„Gut. Du kannst hoffen, dass der Junge ein einfacher Bauer ist, der die Papiere nicht lesen kann.“

„Die meisten Menschen hier sind dumme Bauern, ich nehme an, der Junge auch.“

„Wie heißt er? Wo habt ihr ihn eingesammelt?“

„Kwame Manu aus Atebubu. Der fehlt. Alle anderen haben wir inzwischen wieder gefunden und eingesammelt.“

„Atebubu. Der letzte, den ihr von dort gebracht habt, hat uns gutes Geld gebracht. Scheint ein gesunder Ort zu sein, da oben.“ Der Boss reibt sich sein Kinn. „Geht dahin. Ich spüre im Urin, dass der Kleine es zurück zu seiner Mutter schafft. Ihr solltet da auf ihn warten, wenn der Bengel ankommt. Nehmt den Jeep und zwei Motorräder. Und keine weiteren Fehler mehr, hast du kapiert?“

Bono verabschiedet sich unterwürfig, verlässt das Büro. Draußen ruft er seine Männer an und gibt harsche Befehle weiter. Der ewige Kreislauf der männlichen Befehlsgewalt. Von oben gerügt werden und nach unten austeilen.

Der Söldner steigt in den Jeep und braust davon, so schnell es die Straßen erlauben. Dass dabei einige Frauen verängstigt zur Seite springen und ihr Wasser, welches sie auf dem Haupt tragen, verschütten, interessiert ihn nicht. Er will bloß eines, diesen Jungen finden.

Bono nimmt die Schnellstraße nach Nordosten. Diese Straße ist teilweise asphaltiert und Bono kommt gut voran. Nach Kumasi zweigt er auf die Provinzstraße via Ejura ab. Die Straße wird schmal, der Jeep wankt hin und her, einige große Schlaglöcher zwingen Bono, langsamer zu fahren. Nach vielen Stunden anstrengender Fahrt erreicht er den äußeren Rand von Atebubu. Er durchquert den Vorort und sieht schon bald danach seine Männer am Straßenrand stehen. Bono ist total verschwitzt.

Er stoppt bei seinen Männern, der Jeep ragt noch halb auf die Straße. Ein vollkommen überladener Lastwagen hupt und schlenkert um den Geländewagen herum. Bono steigt aus.

„Männer, schön, dass ihr hier seid. Wir müssen diesen Jungen finden, und wenn wir das ganze Kaff niederbrennen müssen. Findet zuerst seine Mutter, wenn sie nicht redet, lasst euch etwas einfallen.“

„Wir sind schon lange hier, Bono, und wir waren nicht untätig. Der Lastwagen, von dem du gesprochen hast, ist hier im Ort. Er steht auf der unbebauten Fläche in der Nähe des Zentrums.“

Obwohl Bono müde ist, lacht er. Es ist kein glückliches Lachen, eher ein verheißungsvoll hämisches. „Dann lasst uns diesen Bengel holen. Und findet den Rucksack! Los geht’s!“

Die Männer schwärmen aus. Zwei Motorräder fahren in die Stadt hinein. Der Rest der Männer geht zu Fuß. Bono setzt sich wieder auf den schweißnassen Sitz in seinem Jeep und fährt ebenfalls zum Zentrum. Er weiß, dass dies seine letzte Chance ist, die Fehler an der Grenze wiedergutzumachen.

Als Bono die Straße, an welcher Kwame Manu wohnt, erreicht, überkommt ihn ein schlechtes Gefühl. Die Straße wirkt ungewohnt leer. Alle Fensterläden sind geschlossen, niemand befindet sich draußen, nicht einmal ein Hund, der nach Futter sucht.

***

„Oda! Söldner!“ Eine Nachbarin, die einen großen Korb voller Wäsche auf dem Haupt trägt, reckt ihren Kopf ins Wohnzimmer. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie verschwindet ebenso schnell, wie sie gekommen ist.

Die Mutter handelt schnell. Sie packt den Rucksack in einen Mülleimer, die Papiere legt sie in eine Tasche. „Osa, verschwinde, hau ab! Danke, dass du meinem Kind geholfen hast, aber nun musst du dich selbst retten. Wir werden uns wiedersehen, das verspreche ich dir!“

Sie fasst den Fahrer an beiden Händen. Er nickt, blinzelt Manu zu und verschwindet aus der hinteren Haustür. Manu hat Angst, aber er sieht seine Mutter handeln und will sie nicht enttäuschen. „Mami, wo soll ich hin?“

„Erinnerst du dich, wo dein Onkel wohnt?“

„Drüben im Kongo? Das ist sehr weit weg!“

„Ich weiß, mein Junge, ich weiß. Sobald die Söldner gegangen sind, werde ich ihn anrufen und sagen, dass du kommst. Du bist ein großer Junge, du hast es bis hierher geschafft. Du findest einen Weg. Ich habe dir Geld eingepackt. Fahre mit dem Bus oder nimm an der Küste ein Schiff. Gib diese Papiere deinem Onkel. Es ist wichtig. Ich liebe dich! Und nun geh!“

„Aber was wird aus dir?“

„Wenn sie dich hier nicht finden, werden sie mir nichts tun.“

„Aber der Rucksack?“

„Den werfe ich gleich auf den Müll draußen. Der Müllmann wird ihn holen, bevor die Söldner ihn finden. Geh, mein Kind, geh!“

Kwame Manu weint. Er umarmt seine Mutter, sie drückt ihn fest an sich. Dann nimmt er die Tasche und huscht aus der hinteren Tür hinaus. „Gutes Kind! Gott beschütze dich!“, sagt die Mutter mehr zu sich selbst. Sie räumt das Teegedeck weg und packt noch etwas mehr Müll in den Sack, den sie anschließend sorgsam zuknüpft und draußen in den großen Container stopft, der schon zur Abfuhr bereitsteht.

Als sie wieder ins Haus geht, bemerkt sie, dass die Menschen in ihrer Straße alle in ihre Häuser verschwunden sind. Sie schließen Fenster und Türen, als ob sie vor etwas fliehen müssten. Die Straße sieht verlassen aus. Um die untere Ecke biegt ein Jeep. Oda verschwindet in ihrem Haus und schließt die Tür.

Kwame Manu ist unterdessen drei Straßen weiter. Er hat sich eine Arbeitermütze aufgesetzt, welche er von einer Wäscheleine gestohlen hat. Er hofft, auf diese Weise wie ein Arbeiter auszusehen, der mit seiner Tasche zur Arbeit geht. Die meisten Menschen des Quartieres kennt er gut, Fremde fallen sofort auf. Auf einmal sieht er ein Motorrad herannahen und versteckt sich blitzschnell hinter einem verlotterten Anhänger, der am Straßenrand steht. Der Mann auf dem Motorrad hat ihn nicht gesehen, er braust vorbei.

Manu hat ihn als einen der Männer im Bus wiedererkannt. Sie sind hinter ihm her, realisiert er. „Denke immer unlogisch, wenn du fliehen musst, das hält deine Verfolger auf.“ Das hat ihm sein Vater einst geraten, als er ihm die Geschichte einer Familie, die aus Syrien hat fliehen müssen, vorgelesen hat. Kongo liegt im Osten. Ich werde nach Süden gehen, zur Küste! Manu läuft schnell zum Busbahnhof. Er hat Glück, denn gerade als er eintrifft, fährt ein Bus Richtung Süden an. Manu rennt vor den Bus, sodass er stoppen muss. Der Fahrer fuchtelt mit den Händen herum. Er ist wahrscheinlich wütend, denkt sich Manu. Er hämmert gegen die Tür, welche tatsächlich geöffnet wird.

„Was fällt dir ein, so vor meinen Bus zu rennen wie ein dämliches Schaf? Fast hätte ich dich überfahren!“ Der Fahrer schaut ihn wütend an.

„Sir, ich muss mitfahren! Ich habe Geld! Bitte entschuldigen Sie, ich war spät dran.“

„Lausebengel! Steig schon ein. Ich bin schon einen halben Tag zu spät dran, soll nicht noch mehr werden! Wo willst du denn hin?“

„Fahren Sie zur Küste?“ Manu hat keine großen Hoffnungen. Hinter ihm schließt sich die Tür, der Bus knattert los, eine gewaltige Wolke schwarzen Rußes hinter sich lassend.

„Nein“, lacht der Fahrer, „ich fahre bloß in die Hauptstadt. Aber da findest du Busse zur Küste. Nun setz dich schon hin, sonst fällst du noch um und ich muss schon wieder anhalten.“

„Danke, Sir!“

„Vergiss den Sir, nenn mich Charly.“ Der Fahrer, ein mindestens einhundert Kilo schwerer Koloss von einem Mann mit Armen, dicker als Manus Beine, winkt ihn nach hinten und blickt, obwohl es praktisch keinen Verkehr hat, konzentriert auf die Straße. Einige Straßen weiter stoppt ein Motorrad vor dem Bus, der schon wieder eine Notbremsung einleiten muss. Der Fahrer flucht, dass selbst sein gelber Bus beinahe rot wird. Der Mann vom Motorrad hämmert an die Tür.

„Nein, der Herr, Sie können hier nicht einsteigen! Was willst du? Schieb dein Motorrad weg, oder ich fahre es platt!“

„Ich muss deine Fahrgäste überprüfen! Lass mich rein.“

„So weit kommt es noch! Ich zerreiße dich halbe Portion in der Luft, wenn du versuchst, hier hereinzukommen! Meine Fahrgäste haben alle bezahlt, die kontrolliert niemand außer mir! Und nun schwirr ab und nimm deinen Schrott mit! Gesindel!“

Der Söldner betrachtet den Fahrer, schätzt seine Chancen ein und verschwindet tatsächlich. Charly setzt sein Gefährt, immer noch laut fluchend, ruckartig in Gang, schlägt auf den Schalthebel wie ein Schmied auf ein Hufeisen und lächelt erst, als er den Söldner in der schwarzen Wolke verschwinden sieht. „Kannst wieder unter deinem Sitz hervorkriechen, Junge. Hast wohl Ärger, wie? Bei mir passiert dir nichts.“

***

„Du hattest recht, Boss. Wir haben den Lastwagen tatsächlich in Atebubu gefunden und kontrolliert. Der Fahrer wusste von nichts, kannte den Jungen nicht. Die Ladung war sauber. Der Bengel war nicht da. – Ja, die Mutter haben wir auch angetroffen. – Nein, sie weiß nichts von ihrem Sohn. Sie hat uns bespuckt und verflucht, geschrien und geheult. – Ja, sie lebt noch. – Nein, der Junge war auch nicht da. Was sollen wir nun tun? – Wie war das? Souanké? Das liegt im Kongo, Boss. – Ich denke nicht, dass der Junge … – Ja, Boss, verstanden. Wir machen uns auf den Weg.“

Wütend wirft Bono sein Mobiltelefon auf den Beifahrersitz. „Scheiße!“ Dann tritt er vor die gelangweilt dreinschauenden Söldner, die sich außerhalb der Stadt versammelt haben.

„Männer, wir müssen in den Kongo fahren, nach Souanké! Der Boss sagt, es könnte sein, dass sich der Junge dorthin durchschlagen will. Ich weiß auch nicht, wie das gehen soll, aber wir haben den Befehl, dort eine Kakaoplantage zu untersuchen, die einem Onkel des Jungen gehört oder so. Meine Quellen haben keine genauen Informationen liefern können. Also packt eure Waffen und eure Zahnbürsten ein, wir werden so schnell nicht wieder zurückkommen.“

Kapitel 5 – Nardò, Italien

Isabella hat tatsächlich drauf bestanden, den Jet zu nehmen. Marco steht am späten Nachmittag mit der alten Limousine, welche einst Maria gehörte, am Flughafen von Taranto, um sie und Umbigwe abzuholen. Der Kongolese strahlt von weitem, breitet seine mächtigen Arme aus und drückt Marco an sich.

„Bruder! Schön dich zu sehen! Selbst wenn der Anlass ein trauriger ist. Mein Beileid für Maria. Wie geht es euch?“

„Es geht. Elena trauert sehr um ihre Nonna. Zum Glück sind Sara und Enzo gekommen, da können wir die Betreuung von Klein-Enzo getrost abgeben. Elenas Vater ist immer noch stolz, dass der Knirps nach ihm benannt wurde, obwohl es ja streng genommen mehr um das Auto ging als um den Großvater, da Elena die Autos von Ferrari liebt.“

Die Freunde lachen, inzwischen hat auch Isabella sie erreicht. Sie nimmt Marco in die Arme. „Mein schöner Schweizer! Ach, wäre ich doch bloß sechzig Jahre jünger!“

„Isabella, du machst mich verlegen. Schön, dass du kommst.“

„Ich sehe, du holst uns mit einem passenden Wagen ab, immer standesgemäß.“

Umbigwe lacht, seine Stimme überschlägt sich in hohen Tönen. „Diese Rostlaube? Kommt schon, mit euren Millionen könnt ihr doch eine hübsche neue Limousine kaufen.“ Er kehrt die Handflächen nach oben und zeigt auf den Mercedes Ponton.

„Neue Autos werden hier unten gestohlen, schon vergessen? Und nun bringt mir euer Gepäck. Wir müssen so schnell wie möglich zurückfahren, damit Umbigwe in die Küche gehen kann.“

„Okay, den habe ich verdient! Aber wenn ihr denkt, ich sei nur als Koch gekommen, habt ihr euch geschnitten. Ich koche nicht für euch. Ich koche nur für meine großartige Lehrerin Maria!“

„Und vielleicht noch für deine Java, ich weiß. Das wird genügen.“ Marco lässt den protestierenden Freund einsteigen, verstaut das Gepäck im Kofferraum und nimmt hinter dem Lenkrad Platz. Langsam fährt er den Wagen vom Rollfeld und verlässt wenig später den Flugplatz in Richtung Süden.

Als sie einige Zeit später auf dem Landgut eintreffen, steht da bereits ein grün-weißer Bulli mit Zürcher Kennzeichen.

„Kathrin ist auch hier?“, wundert sich Umbigwe.

„Sie hat mir nichts geschrieben. Aber gut möglich, ja. Vielleicht hat sie auch Selina mitgebracht.“

Kathrin Zürcher ist Marcos Verlegerin aus Zürich, Selina Zaugg ist eine Journalistin und gute Freundin von Marco und Elena. Wie Marco vermutet hat, sind die beiden Frauen gemeinsam hergefahren. Marco parkt die Limousine neben dem Camper, lässt Isabella aussteigen und begleitet sie ins Agriturismo.

„Marco! Da bist du ja! Elena hat uns gesagt, dass du Isabella und Umbigwe am Flughafen abholst. Schön, dich zu sehen.“ Selina eilt auf Marco zu und umarmt ihn.

„Schön, dass ihr es einrichten konntet, so kurzfristig. Ihr müsst durchgefahren sein.“

„Na ja, das Auto hat nie stillgestanden, außer für den Fahrerinnenwechsel oder zum Tanken. Eine von uns konnte jeweils dösen. Wir kennen den Weg beide auswendig.“

***

Bei herrlichstem Frühlingswetter, warm, wolkenloser Himmel, strömen unzählige Menschen in die Kirche von Copertino. Dort liegt, wunderschön aufgebahrt, Maria Pignatelli Di Copertino. Alle sind gekommen, um ihr die letzte Ehre zu gewähren. Der Aufbahrungsort ist schlicht geschmückt worden. Anstatt der Rosen zieren Olivenzweige und Pinienzapfen den Aufbahrungstisch. Als Farbtupfer hat man Bougainville verwendet, die violetten Blumen harmonieren mit dem silbrigen Glanz der Olivenblätter.

Marco ist sich die katholische Art eines Gottesdienstes nicht gewohnt. Das letzte Mal war er an der Beerdigung des Duce in Palermo mit dabei gewesen. Er wundert sich immer wieder, wenn die Menschen wie auf Befehl alle das Gleiche sagen; als hätten sie geübt und auswendig gelernt. Fasziniert und doch irgendwie berührt, folgt er dem Geschehen und weiß gleichzeitig, Maria hätte es genau so gewollt. Sie mag eine harte Kämpferin gewesen sein, aber tief im Innern hatte sie an Traditionen festgehalten, vor allem, wenn es um ihre Familie und den Glauben ging.

Nach dem zelebrierten Teil in der Kirche wird der Sarg geschlossen. Sechs Männer heben ihn auf und tragen ihn durch den Mittelgang nach draußen. In strenger Reihenfolge schließen sich die Gäste dem Trauerzug an. Still und langsam wandert die Schar zum Friedhof, wo ein Helfer bereits die große Gruft des Giuseppe Pignatelli geöffnet hat, damit man Maria zu ihrem Ehemann legen kann. Die Grabstätte wirkt wie eine kleine Kapelle, das größte Gebäude auf dem verwinkelten und weitläufigen Friedhof.

Marco verfolgt die Szene und macht sich seine eigenen Gedanken dazu. Italienische Friedhöfe liegen stets an einem herrlichen Ort, oftmals mit einer unbezahlbaren Aussicht. Sie strahlen eine eigene Ruhe, einen ewigen Frieden aus. Die vielen Familiengräber, Gruften in verschiedener Größe und Bauweise, vermitteln den Charme eines italienischen Dörfchens, das sich um einen Hügel schmiegt. Plötzlich ergibt die Bezeichnung Ewiger Friede für Marco Sinn.

Während die Gäste draußen warten, verabschiedet sich die Familie von Maria. Elena hat die ganze Zeit hindurch geweint und auch ihre Mutter hat Tränen in den Augen. Elenas Vater hingegen steht adrett da, zu emotionslos. Er hat mit seiner Familie vor vielen Jahren gebrochen und erst durch Elena zurückgefunden und sich mit seiner Mutter ausgesprochen. Aber die Zeit war zu kurz, um wieder echte Familiengefühle zu entwickeln.

Elena schließt die schwere Holztür der Gruft. „Ciao nonna, ti amo sempre.“ Marco nimmt sie in den Arm und begleitet sie nach draußen. Vor dem Friedhof warten viele Menschen, um der Trauerfamilie ihr Mitleid auszudrücken. Unter ihnen kann Elena auch einige Männer anderer Mafia-Organisationen, die sie lieber nicht begrüßen würde, erkennen.

Die Führung der apulischen Organisation Corona Sacra Unità hat ihr Cousin übernommen. Er ist es auch, der mit diesen Männern spricht. Obwohl sie Konkurrenten sind, bleibt die Stimmung friedlich, man ehrt auch hier die starke und einflussreiche Maria, die von allen respektiert worden war. Elena fragt sich kurz, wie es nun weitergehen wird. Doch dann ist sie einfach froh darüber, mit der Organisation direkt nichts mehr zu tun zu haben und sich fortan um ihre eigene Familie, um Marco und ihren gemeinsamen Sohn kümmern zu können.

Die Schar der geladenen Gäste fährt anschließend nach Nardò, wo man im Agriturismo das große Mahl zu Ehren Marias abhalten wird. Umbigwe ist bereits etwas früher zurückgefahren, um Salvatore Pini, dem neuen Koch des Agriturismos, zu helfen. Die beiden verstehen sich ausgezeichnet und sind inzwischen gute Freunde geworden. Salvatore ist etwas älter als Umbigwe, hat nur noch einen Haarkranz um den Kopf und einen leichten Bauchansatz, der von fehlender sportlicher Betätigung zeugt. Aber er hat ein ähnlich großes Herz, wie Maria es hatte und ist ein gesprächiger, geselliger Mann, der von den Gästen geliebt wird.

Die beiden zaubern ein Buffet aus Antipasti zusammen. Draußen, auf dem mächtigen Steintisch unter den Pinien, stehen unzählige Töpfchen, Schälchen und Platten mit eingelegtem Paprika, Dörrtomaten, schwarzen und grünen Oliven, roten Zwiebeln, Artischocken, grillierten Zucchini, verschiedenen Käsesorten und Wurstwaren. Daneben stehen Körbe mit fünf unterschiedlichen Brotarten, Focaccia und frischem, weichem Pizzateig. Selbstverständlich fehlen auch die Meeresfrüchte und der Wein nicht.

Die Gäste bedienen sich, scharen sich um die runden Stehtische und plaudern. Langsam wird die Stimmung lockerer, die Unterhaltungen lauter. Man erzählt sich Episoden aus dem Leben mit Maria, erinnert sich an ihre Art und ihre Fröhlichkeit. Marco ist von dieser Szene tief berührt, steht etwas abseits und hält seinen Sohn im Arm. Elena kommt mit zwei Gläsern Wein auf ihn zu. Sie lächelt wieder.

„Das hätte Nonna gefallen! Es ist richtig schön, mit so vielen Menschen hier zu sein.“ Sie stellt die zwei Weingläser auf ein Mäuerchen. „Schläft er? Dann legen wir ihn in deinen Cadillac.“ Elena spricht den eigenartig geformten Kinderwagen an, den Marco von seiner Schwester Natalie als Geschenk erhalten hat.

„Hey, das ist ein echtes Schmuckstück aus Lenzburg. Ein stilvolles Schweizer Sammlerstück aus der industriellen Blütezeit der Sechziger.“

„Na dann hoffen wir, dass es klein Enzo nicht vollmacht.“ Elena lacht, während sie ihr Baby in den metallic-grünen Kinderwagen legt. „Wir zwei sind schon schräg. Sogar der Kinderwagen ist ein Oldtimer.“

Marco hält ihr ein Weinglas hin, sie nimmt es, dann prosten sie sich zu und küssen sich. „Ich möchte nichts davon missen. Ich liebe dich, du quirliges, schräges Energiebündel.“

„Das will ich auch hoffen. Ich tu dir gut, du ruhiger, besonnener Schweizer. Obwohl, du taust langsam auf hier unten. Lass uns zu den Gästen gehen. Meine Mutter kümmert sich um Enzo.“