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Theos neuer Klient hinterlegt die Formel für ein neues Medikament. Kurz darauf wird er ermordet. Nun gerät Theo selbst ins Visier der Mächte,die um jeden Preis in den Besitz der Formel kommen wollen. Doch wer steckt dahinter? Wer oder was ist Blitz? Theo arbeitet sich durch ein Labyrinth von Verdächtigen, unerklärlichen Ereignissen und weiteren Morden. Und stößt dabei auf den Mann, den er lange gesucht hat und der eigentlich tot ist. Eigentlich. Doch diesmal wird Theo ihm persönlich begegnen. Im zweiten Teil des "Aschenmanns" begibt sich der trunksüchtige Privatdetektiv Theo Strack erneut in eine düstere Welt aus Crime und Mystery.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Tom Gris
Blitz
Der Aschenmann Teil 2
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Impressum neobooks
Tom Gris
Blitz
Der Aschenmann Teil 2
Cover Stefanie Haaser 2016
Theos neuer Klient hinterlegt die Formel für ein neues Medikament. Kurz darauf wird er ermordet. Nun gerät Theo selbst ins Visier der Mächte, die um jeden Preis in den Besitz der Formel kommen wollen. Doch wer steckt dahinter? Wer oder was ist Blitz? Theo arbeitet sich durch ein Labyrinth von Verdächtigen, unerklärlichen Ereignissen und weiteren Morden. Und stößt dabei auf einen Mann, den er lange gesucht hat und der eigentlich tot ist. Eigentlich. Doch diesmal wird Theo ihm persönlich begegnen.Im zweiten Teil des „Aschenmanns“ begibt sich der trunksüchtige Privatdetektiv Theo Strack erneut in eine düstere Welt aus Crime und Mystery.
Der Kobold schwitzt.Dabei ist es saukalt draußen in dieser windigen Aprilnacht.“Und sie glauben wirklich, ihr Freund kann mir helfen?“, fragt der Kobold jetzt zum dritten Mal.“Sicher“, beruhigt ihn sein Begleiter, schon leicht genervt.“Wenn ihnen einer helfen kann, dann er.“Sie betreten das Haus und steigen in den dritten Stock hinauf.
Dort liegt Theo Strack in einem komatösen Schlaf auf seinem Sofa. Vor zwanzig Minuten hat er sich „Navy CIS“ eingeschaltet.Theo mag die Serie eigentlich nicht, er hält sie für albern und völlig unrealistisch, aber: Nichts bringt ihn schneller zum Einschlafen. Schlägt jede Tablette. Um Längen.
So ist das auch in dieser Nacht. Theo hat gerade einmal 10 Minuten mit wachsendem Desinteresse die verschlungenen Ermittlungen von Special Agent Gibbs verfolgt, als ihm schon die Augen zufallen. Theo träumt. Er träumt, dass er am Strand einer Karibikinsel liegt und von einer dunkelhäutigen Schönheit im knappen Bikini einen exotischen Cocktail serviert bekommt. Er seufzt genießerisch.
Da hört er im Hintergrund ein lästiges Summen, wie von einer zornigen Hornisse, das immer lauter wird und so gar nicht zu der Strandidylle passen will. Theo wedelt im Schlaf mit den Händen, er will die Hornisse vertreiben, aber es nützt nichts. Die Schönheit verblasst vor seinen Augen, und Theo wacht auf. Nur das Summen ist noch da, laut, penetrant, und ebenso lästig. Es ist seine Türklingel. „Verdammt“ flucht Theo, „gerade wär´s interessant geworden. Das hat mir Irgendwer nicht gegönnt.“
Theo stemmt sich verärgert von seiner Couch hoch und schlurft zur Tür, um nachzuschauen, wer ihm seinen schönen Traum vermasselt hat. Als er durch den Spion guckt, entspannt er sich etwas. Er blickt in das von der Linse leicht verzerrte, gerötete Säufergesicht von Ludwig Mieze. Mieze, emeritierter Philosophieprofessor und Alkoholiker, ist Theos alter Freund und liebster Saufkumpan. Mit keinem sonst gelingen tiefsinnigere Gespräche. Theo vergisst den Traum und öffnet erfreut die Tür. „Ludwig, kannst wohl auch nicht schlafen, Alter, was?“ röhrt er und haut Mieze dabei mit der Hand auf die Schulter. Doch Mieze sagt nichts, sondern deutet vielmehr leicht mit dem Kinn nach links unten.
Theo folgt mit den Augen und sieht in seinem Gesichtsfeld jetzt etwas feuerrotes, wuscheliges, pelzartiges auftauchen. Er schaut noch weiter nach unten und erkennt, dass es sich dabei um einen strubbeligen Haarschopf handelt, der zu einem winzigen Männlein gehört, das in einem zu weiten, schlecht sitzendem Anzug steckt und Mieze gerade bis zur Hüfte reicht. Das Männlein hat die bleiche Haut der Rothaarigen, Sommersprossen und grüne Augen, aus denen es Theo hoffnungsvoll anschaut. Pumuckl, durchfährt es Theo, das ist der Pumuckl, wie er leibt und lebt, nur fünfzig Jahre älter und in einem Anzug. Wie gibt´s denn so was?
Mieze hat Theos Gesichtsausdruck bemerkt und hält es an der Zeit, jetzt etwas zu sagen.„Das ist Professor Strohmann“, stellt er den Kobold vor, „ein alter Freund von mir.“ Der Kobold streckt zur Begrüßung seinen Arm senkrecht nach oben, worauf sein Händchen in Theos Pranke verschwindet wie eine Murmel in der Bettritze. „Professor Strohmann“ fährt Mieze fort, “hat ein Problem“. Theo schaut demonstrativ auf die Uhr. „Das muss aber ein dringendes Problem sein.“ Mieze hebt entschuldigend die Hände. „Ich weiß, es ist spät, Theo, wir wären ja normal in dein Büro gekommen, aber Professor Strohmann hat sich mir erst heute anvertraut, und morgen Vormittag muss er für eine Woche nach London fliegen, und so wie ich das sehe, sollte man die Sache auf keinen Fall länger aufschieben… Es ist wirklich dringend.“
Theo schaut Mieze an. Er wirkt besorgt. Und irgendwie aufgewühlt. Professor Strohmann scheint wirklich ein Problem zu haben. Ein dringendes Problem. Theo tritt zur Seite. “Kommt rein.“
Als sie im Wohnzimmer stehen, fragt Theo: „Ludwig, Mendoza wie immer?“ „Hat der Papst einen komischen Hut auf?“ antwortet Mieze trocken. Theo grinst. „Und sie, Professor Strohmann, auch einen? Cardenal Mendoza, spanischer Brandy?“„Danke,“ sagt der Kobold „aber ich trinke keinen Alkohol.“ Theo ist perplex. Einerseits, weil er irgendwie erwartet hatte, dass der Kobold mit einer nerven zerfetzenden Quietschstimme redet, so wie der Pumuckl in den Kinderfilmen. Aber die Stimme ist ganz normal. Und andererseits, weil der Kobold keinen Alkohol trinken mag. Für Theo als bekennenden Alkoholiker ist so etwas völlig unverständlich. Abstinenzler sind für ihn so exotisch und fremd wie Marsbewohner, selbst für Menschenfresser hätte er mehr Verständnis. Theo schüttelt den Kopf.
„Nehmen sie trotzdem Platz“, sagt er dann, worauf der Kobold seinerseits irritiert guckt. Theo geht darüber hinweg und schenkt Mieze und sich ein. Zum Kobold sagt er: „An nichtalkoholischem habe ich leider nur Leitungswasser im Haus. Wollen sie?“ Der Kobold schüttelt den Kopf. Theo und Mieze trinken. Dann fragt Theo, ob Mieze in letzter Zeit einen neuen Papageienwitz gehört hat. Mieze verneint, Theo sagt „Och, schade.“ Der Kobold wird immer nervöser, was Theo nicht entgeht, aber Abstinenzler halten das schon aus. Jetzt erzählt Theo seinerseits einen Papageienwitz, den Mieze allerdings schon kennt. Der Kobold lacht auch nicht. „Mögen sie keine Papageienwitze?“ fragt Theo scheinheilig. Der Kobold windet sich. Theo beschließt, dass es jetzt genug ist mit Abstinenzler-Ärgern und Zeit, den Kobold zu erlösen. „Also, Professor“, sagt er, jetzt ganz ernst, „was ist ihr Problem?“
Der Kobold ist sichtlich erleichtert, endlich sein Anliegen vorbringen zu können. „Ich war“ fängt er an, „langjähriger Leiter des Instituts für Molekulargenetik an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Aber wie das so ist, wenn sie mit öffentlichen Geldern forschen: Sie werden ständig kontrolliert. Die Verwaltung, Beiräte, Gremien, die Stadt, der Bund, was weiß ich noch. Sie müssen ständig Rechenschaft ablegen, alles begründen, sie sind irgendwann mehr mit Papierkram und Befindlichkeiten beschäftigt als mit der Forschung. Zumal auf einem Gebiet, das von der Öffentlichkeit so kritisch beobachtet wird wie die Gentechnik.“ Theo nickt stumm, ihm ist diese ganze Materie auch schon immer zutiefst suspekt gewesen.
„Darum habe ich“ fährt der Kobold fort, „mich vor 5 Jahren entschlossen, eine eigene Firma zu gründen, um ungezwungen arbeiten zu können. Die Firma heißt Stroh Genetics und ist in Oberhaching, sie war von Anfang an erfolgreich. Und dort habe ich etwas entwickelt.“Der Kobold knetet seine Finger, es fällt ihm schwer, weiter zu sprechen. „Es ist“, bringt er schließlich heraus, „ein Mittel, mit dem man eine bestimmte Krebsart besiegen kann. Blutkrebs“ Theo kann ein skeptisches Schnauben nicht unterdrücken, was dem Kobold ein resigniertes Lächeln entlockt. „Ich weiß, Herr Strack, das klingt unglaublich, aber es ist wirklich so. Dazu muss ich noch sagen, dass das Mittel bei bereits geborenen Menschen nicht mehr wirkt. Aber wenn sie es einem Embryo zwischen dem 4. und dem 5. Monat injizieren, können sie damit rechnen, dass dieser Mensch nie an Leukämie erkranken wird.“
Theo ist geplättet. „Wenn das wirklich so ist“, überlegt er laut „wird künftig jede schwangere Frau, alle werdenden Eltern…“ „alles daran setzen, auch ihrem Kind auf jeden Fall diese Impfung angedeihen zu lassen“ beendet der Kobold den Satz. „Wer will sich schon als Elternteil von seinem krebskranken Kind vorwerfen lassen müssen, dass die Krankheit hätte verhindert werden können? Mit einer Impfung? Das mag man sich gar nicht ausmalen.“ „Das heißt damit auch,“ schlussfolgert Theo „dass das Marktpotential ihres Mittels…“ „Gigantisch ist“ sagt der Kobold. „Und damit fängt mein Problem an.“
Theo kann sich jetzt schon denken, worin das Problem bestehen wird, aber er lässt den Kobold weiterreden. „Das Mittel ist eigentlich gar nicht so teuer herzustellen. Ich will mich damit auch nicht groß bereichern, dazu ist das Zeugs für die Menschen zu wichtig. Ich habe vor, nach den letzten Tests die Formel gegen eine mäßige Lizenzgebühr an alle interessierten Pharmafirmen zu verkaufen. Wenn es viele Hersteller gibt, herrscht Konkurrenz und keiner kann einen zu hohen Preis verlangen, den sich viele nicht mehr leisten könnten.“
„Lassen sie mich raten“ unterbricht ihn Theo. „Es gibt aber mindestens ein Unternehmen, dem ihre Pläne nicht passen. Ein Unternehmen, das ihre Formel für sich allein haben will. Um damit unbegrenzt abzukassieren. Und man setzt sie deswegen unter Druck. Sie werden bedroht, stimmt´s?“Der Kobold seufzt wie erleichtert. Mieze hat nicht zu viel versprochen. Dieser Strack ist trotz seiner Sauferei nicht auf den Kopf gefallen. Er ist jetzt froh, hergekommen zu sein. „So ist es“ gibt der Kobold zu. „Genau genommen ist es eine Firma Thruxmore Medicals in Tulsa, Oklahoma. Ich habe zudem den Verdacht, dass einer oder einige meiner Mitarbeiter von Thruxmore gekauft worden sind und gegen mich arbeiten. Ich weiß nicht mehr, wem ich noch trauen kann. Aber darüber unterhalten wir uns, wenn ich wieder da bin. Ich muss morgen nach London auf einen Kongress, der dauert eine Woche. Nächsten Montag komme ich zurück, dann werde ich sie anrufen.“
Der Kobold legt seine Visitenkarte auf den Tisch. Dann sagt er:„Ach, fast hätte ich das Wichtigste vergessen. Weswegen ich in erster Linie gekommen bin. Das hier möchte ich im Moment lieber loswerden und bei ihnen hinterlegen, bis zu meiner Rückkehr. Passen sie gut drauf auf.“ Er zieht eine lederne Tasche aus seiner Aktenmappe. „Was ist da drin?“ fragt Theo. „Eine externe Festplatte“ antwortet der Kobold. „Was da drauf ist, erzähle ich ihnen nächste Woche.“ Der Kobold schaut auf die Uhr. „Vielen Dank für alles, Herr Strack, aber ich muss jetzt gehen. Der Flieger geht morgen früh, und ich brauche noch etwas Schlaf.“ Dann bleib doch gleich da, und schau dir mit mir Navy CIS an, denkt Theo. Mieze und der Kobold verabschieden sich. Theo schaltet den Fernseher wieder ein, aber Navy CIS ist längst vorbei. „Muss ich eben sonst wie einschlafen“ brummt er und verschwindet im Schlafzimmer.
Theo schläft tatsächlich bald ein, aber er schläft nicht lang. Kurz vor drei Uhr morgens klingelt sein Handy auf dem Nachttisch. Theo fummelt schlaftrunken an dem Gerät herum, bis es ihm endlich gelingt, den Anruf anzunehmen. „Ja?“ „Herr Strack, sind sie das?“ Aus der Stimme klingt die blanke Angst. „Ja, wer spricht denn da?“ „Strohmann, hier spricht Strohmann. Strack, sie müssen sofort herkommen. Ich hab sie gesehen, sie…“ „Wo sind sie denn?“ unterbricht Theo das panische Gestammel. „Im Hotel. Hotel Bayerischer Hof, zweiter Stock, Zimmer 214. Sie müssen sofort…“ Dann ist die Leitung tot. Was ist denn das jetzt wieder, denkt Theo grantig. Strohmann in Panik, und dann im Hotel? Strohmann wohnt laut Visitenkarte in Grünwald, ein direkter Vorort. Wieso geht jemand, der in Grünwald wohnt, zum Übernachten in ein Münchner Hotel, nur wenige Kilometer entfernt? Egal, gut angehört hat sich der Kobold jedenfalls nicht. Oiso, Theo, pack ma´s.
Theo kleidet sich hastig an und läuft dann die paar Meter zu dem Haus, wo sein Büro ist und auch sein Auto steht. Er lässt den 75er Buick Electra an, bugsiert das Riesenschiff vorsichtig aus dem Innenhof und gibt Vollgas. Da um diese Tageszeit mitten unter der Woche in der Stadt kaum Verkehr herrscht, hält Theo es für vertretbar, rote Ampeln grundsätzlich zu ignorieren. So kann er schon 10 Minuten später den Wagen vor dem Hotel abstellen. Theo betritt die Lobby, nickt dem Nachtportier, den er von früher kennt, kurz zu und geht schnurstracks zum nächsten Aufzug hinüber. Theo hat Glück, der Aufzug kommt gerade von oben herunter, er muss nicht warten.
Die Türen gehen auf, heraus rauscht, ohne Theo eines Blickes zu würdigen, eine junge Japanerin, bildhübsch, lange, pechschwarze Haare, auffallend rot geschminkter Mund, langer, dunkler Mantel. Sie hat einen Cellokasten auf den Rücken geschnallt. Aber Theo ist im Moment nicht in der Stimmung, hübschen Mädchen hinterher zu schauen. Er betritt den Lift und drückt auf 2.Stock. Oben angekommen, orientiert er sich kurz und biegt dann in den Gang ab, auf dem das Zimmer des Kobolds liegt.
Irgendwas stimmt da nicht, das sieht er sofort. Vor dem Zimmer des Kobolds stehen zwei Menschen, eine junge Frau in Hoteluniform, offenbar Zimmerservice, und ein älterer Mann im dunklen Anzug, offenbar Management. Die junge Frau hat ein vom Heulen verquollenes Gesicht, sie schluchzt immer noch leise und presst sich ein nasses Taschentuch auf die Nase. Der Mann ist auffallend blass, schwitzt stark und versucht die Frau zu beruhigen, was ihm aber offensichtlich nicht gelingt, weil er mindestens genauso aufgeregt ist wie sie. Als der Mann Theo näher kommen sieht, huscht ein Ausdruck der Erleichterung über sein Gesicht.
„Endlich“, krächzt er, „die Polizei.“ Polizei? denkt Theo. Hier stimmt wirklich etwas nicht. Wenn ich jetzt sage, dass ich kein Bulle bin, schmeißt er mich raus und ich erfahre erst aus der Zeitung, was mit dem Kobold los ist. Also: Frechheit siegt. „Kommissar Strack“ nuschelt Theo und hält dem Mann für eine halbe Sekunde seinen Mitgliedsausweis vom Fischereiverein „Isarlust“ unter die Nase. „Machen sie bitte die Tür auf.“ „Natürlich. Sofort.“ Mit zitternden Fingern schiebt der Hotelmensch die Schlüsselkarte in den Türschlitz. „Treten sie zurück, ich gehe allein rein“, sagt Theo im besten Behördentonfall. Er schlüpft ins Zimmer und macht die Tür hinter sich zu.
Theo riecht es, bevor er es sieht. Blut. Überall Blut. Am Boden, auf den Wänden, auf den Möbeln, an der Decke, einfach überall. Es sieht aus wie in einem Schlachthaus. In der größten Blutlache am Boden liegt der Kobold. Das heißt sein Körper, der Kopf fehlt. Der liegt daneben auf dem Bett, wie hingeschleudert, die toten Augen schauen Theo fassungslos an. Theo beugt sich hinunter, der Kopf ist mit einem einzigen, sauberen Schnitt vom Körper getrennt worden, die Ränder ganz glatt, überhaupt nicht ausgefranst. Da muss eine ungeheure Kraft dahinter gesteckt haben, denkt Theo. Wie bei einer Guillotine. Aber eine Guillotine steht hier nicht. Egal. Theo hat genug gesehen, er muss machen, dass er wegkommt. Aber es ist schon zu spät. Vor der Tür entsteht ein Tumult.
„Kollege? Was für ein Kollege?“ hört Theo eine Stimme schreien, die er nur allzu gut kennt.Mir bleibt auch nichts erspart, denkt er und wappnet sich innerlich für die nun unvermeidbar bevorstehende Begegnung mit der Staatsmacht. Als Kriminalhauptkommissar Hans Baer wie eine Furie ins Zimmer stürmt, hat Theo schon sein unschuldigstes Ministrantenlächeln aufgesetzt.
Baer steht da wie angenagelt. Sein Blick wandert zwischen dem Tatort und Theo hin und her. „Servus Hans“, sagt Theo und grinst, als wäre es das Normalste von der Welt, sich genau zu dieser Zeit an genau diesem Ort aufzuhalten. Baer fängt sich schnell. Zu schnell, findet Theo unbehaglich. Das verheißt nichts Gutes. „Der liebe Theo“, sagt Baer mit zuckersüßer, vor falscher Freundlichkeit triefender Stimme. „Wieso wundert es mich eigentlich nicht, dich an jedem Ort, an dem sich irgendeine Sauerei ereignet hat, anzutreffen? An jedem Ort, wo du eigentlich nichts verloren hast? Warum wundert mich das nicht?“ Theo weiß, wann er besser den Mund hält und antwortet lieber nichts. „Weißt du noch“, fährt Baer maliziös fort, „ wann ich dich das das letzte Mal getroffen habe? Das war kurz nachdem du mitsamt dem Haus von diesem Professor Lindholz in die Luft geflogen bist. Wo du auch nur zufällig anwesend warst. Und weißt du noch, was ich damals zu dir gesagt habe?“
Baer wird jetzt immer lauter, der Ausbruch des Vulkans kann nicht mehr weit sein. Theo ergibt sich in sein Schicksal. Hat eh keinen Sinn mehr. „Ich habe gesagt“, schreit Baer „Theo, hab ich gesagt, Theo, ich bin allmählich zu alt für deine Faxen, ich hoffe, dich in der nächsten Zeit nicht mehr zu sehen, und was ist? Was ist?“Baer tritt zur Seite. Erst jetzt erkennt Theo, dass sich hinter dem massigen Baer die zierliche Gestalt von Oberkommissarin Valerie Bierbichler verbirgt. Die liebe Valerie, seine tapfere Kampfgefährtin im Fall Strelic. Valerie lächelt verkniffen und winkt Theo vorsichtig zu. Dann schaut sie auf Baer und zieht resigniert die Mundwinkel nach unten. Soll heißen: Da musst du jetzt durch, Theo.
Baer hat nunmehr den Höhepunkt seines Wutausbruchs erreicht. „Schneider, Eckert“ schreit er. Zwei Uniformierte schieben sich ins Bild. „Legt diesem Tatverdächtigen“, - er zeigt auf Theo- „Handschellen an und bringt ihn ins Präsidium. Dort sperrt ihr ihn in eine Zelle, bis ich wiederkomme. Und jetzt weg mit ihm.“ Theo lässt sich wortlos abführen. Er kennt Baer gut genug. Der regt sich schon wieder ab. Im Vorbeigehen zwinkert er Valerie zu. Sie zwinkert zurück.
Theo muss lange warten, bis er aus der Zelle geholt und in Baers Büro gebracht wird. Baer sitzt hinter seinem Schreibtisch, hat sein Gesicht in den Händen vergraben und reibt sich die Augen. Dann lässt er die Hände sinken und schaut Theo an. Er sieht fürchterlich mitgenommen aus. „Setz dich, Theo“ sagt er müde. „Theo, ich hab mir die halbe Nacht und den ganzen Tag um die Ohren gehaut. Ich werde alt, ich steck das nicht mehr so weg wie früher. Ich sollte nach Haus, schlafen, damit ich die Bilder von diesem Tatort aus dem Kopf kriege. Und das wird nicht leicht werden. So was hab selbst ich noch nicht gesehen.“ Ich auch nicht, denkt Theo, sagt aber nichts.
„Kurzum, Theo“, redet Baer weiter „ich hab jetzt keinen Nerv mehr für irgendwelchen Scheiß. Sag mir einfach, warum du in diesem Hotelzimmer warst. Aber flott.“ Theo sieht keinen Grund, warum er Baer irgendwas verschweigen sollte. So erzählt er alles der Reihe nach bis zu dem Moment, wo er Baer begegnet ist. Nur die hinterlegte Festplatte erwähnt er nicht. Warum, kann er nicht sagen, es ist einfach so eine momentane Eingabe. Was er damit auslöst, wird er erst viel später merken.
„Also gut“, sagt Baer „die Sache mit der Amtsanmaßung wollen wir mal vergessen. So wie ich das sehe, ist mit Strohmanns Tod auch dein Auftrag beendet. Oder etwa nicht?“ Lauernder Unterton. Vorsicht, Theo. „Klar doch“ sagt Theo ungerührt und denkt: Für´s erste. Baer scheint zufrieden. „Dann gehst du jetzt raus und gibst das, was du mir gerade erzählt hast, zu Protokoll. Dann kannst du heimgehen. Aber eins sag´ ich dir: Versuch ja nicht, diesen Mord selber aufzuklären. Lass dich nicht erwischen. Das ist Sache der Polizei. Du willst nicht wissen, was dir blüht, wenn du dich nicht dran hältst. Kapiert?“ Theo nickt beflissen. „Servus Hans“. Dann geht er. Draußen ruft er noch kurz in seinem Büro an und sagt seiner Sekretärin Olga, dass er erst morgen wieder kommt. Eine Stunde später schläft er in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa ein. Ohne Navy CIS.
Am nächsten Tag erzählt Theo der darüber sichtlich erschrockenen Olga die letzten Ereignisse. Dann geht er in sein Büro, schenkt sich einen doppelten Mendoza ein und öffnet das Lederfutteral, das der Kobold bei ihm hinterlegt hat. Es enthält, wie angekündigt, eine externe Festplatte, ein schwarzes, flaches Plastikdings, das wie ein Buch ausschaut. Theo betrachtet das Ding von allen Seiten, nichts Auffälliges zu finden, er legt es vor sich auf den Schreibtisch und starrt es an. Was ist da drauf, dass der Kobold die Festplatte nicht bei sich behalten, sondern hinterlegen wollte? Offenbar ist jemand hinter der Festplatte her. Offenbar hat dieser jemand gestern die Festplatte bei dem Kobold gesucht, aber nicht gefunden. Dies bedeutet, dass dieser jemand nicht weiß, dass Theo die Platte hat.
