Der alkoholkranke Privatdetektiv Theo Strack aus München hat kein gutes Gefühl, als das alte Ehepaar bei ihm auftaucht.Er soll den mysteriösen Tod ihres Sohnes untersuchen, der unter der Polizei völlig unerklärlichen Umständen ums Leben gekommen ist. Theos Ermittlungen führen bald in die unheimliche Welt der Paranormalität und zu den undurchsichtigen Personen, die sich damit beschäftigen. Dabei deuten alle Spuren auf einen Mann, von dem allerdings niemand weiß, wo er sich aufhält und ob er überhaupt noch lebt. Auf der Suche nach diesem Phantom verstricken sich Theo und seine Mitstreiter immer mehr in eine Scheinwelt aus Trugbildern und unerklärlichen Ereignissen, denen sie am Ende selbst zum Opfer zu fallen drohen. Doch das ist nicht Theos einziges Problem: Auf ihn wird ein Mordanschlag verübt. Ein Profikiller ist hinter ihm her und zieht auf seiner Jagd eine Schneise der Verwüstung durch die Stadt. Aber wer steckt dahinter? Besteht hier ein Zusammenhang mit dem neuen Auftrag? Theo ahnt nicht, dass die Antwort auf diese Fragen in einem lange gehüteten Geheimnis aus seiner Vergangenheit verborgen ist.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Tom Gris
Der Aschenmann
Mystery-Thriller
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Über diesen Roman:
Zwei Äffchen stehen im Gang
Der Mann mit der Kapuze
Theo will einen Anwalt sprechen
Knoblauch und was vom Leben übrig bleibt
Irgendwer ist immer unterwegs
Das Ende des Fadens
Jetzt schalten wir mal einen Gang rauf
Das Rad dreht sich schneller
Prüfungen
Mit Erscheinungen ist das so eine Sache
Vorbereitungen
Man nimmt nie alles mit ins Grab
Überlegungen
Ach, so ist das
Nächtliche Besuche
Ein Haus aus verflossenen Zeiten
Rache
Das Herz der Finsternis
Nach dem Labyrinth
Der Minotaurus
Impressum neobooks
Der alkoholkranke Privatdetektiv Theo Strack aus München hat kein gutes Gefühl, als das alte Ehepaar bei ihm auftaucht: Er soll den mysteriösen Tod ihres Sohnes untersuchen, der unter der Polizei völlig unerklärlichen Umständen ums Leben gekommen ist. Theos Ermittlungen führen bald in die unheimliche Welt der Paranormalität und zu den undurchsichtigen Personen, die sich damit beschäftigen. Dabei deuten alle Spuren auf einen Mann, von dem allerdings niemand weiß, wo er sich aufhält und ob er überhaupt noch lebt. Auf der Suche nach diesem Phantom verstricken sich Theo und seine Mitstreiter immer mehr in eine Scheinwelt aus Trugbildern und unerklärlichen Ereignissen, denen sie am Ende selbst zum Opfer zu fallen drohen. Doch das ist nicht Theos einziges Problem: Auf ihn wird ein Mordanschlag verübt. Ein Profikiller ist hinter ihm her und zieht auf seiner Jagd eine Schneise der Verwüstung durch die Stadt. Wer steckt dahinter? Besteht hier ein Zusammenhang mit dem neuen Auftrag? Theo ahnt nicht, dass die Antwort auf diese Fragen in einem lange gehüteten Geheimnis aus seiner Vergangenheit verborgen ist.
1
Als Theo Strack morgens um Neun seinen Bierbauch aus dem engen Lift in den vierten Stock schiebt, sieht er sie schon stehen im Gang vor seinem Büro: Ein ältliches Ehepaar, kleinwüchsig, verhärmt, mit vergreisten Kindergesichtern und aneinander gedrängt schauen sie Theo aus geröteten Augen an. Theo hat vor Jahren im Zoo so ein südamerikanisches Zwergaffenpärchen gesehen, gegenseitig haben sie sich umklammert und voller Angst die Besucher angestarrt. Genauso sehen die beiden im Gang aus. Hoffentlich wollen die nicht zu mir, denkt Theo. Irgendein Gefühl sagt ihm, dass er lieber nicht wissen will, weswegen die Äffchen hier sind.
Theos Hoffnungen erfüllen sich nicht. „ Sind sie Herr Strack?“ fragt Papa Äffchen mit erstaunlich tiefer, fester Stimme. „Der Detektiv?“ sekundiert Mama Äffchen und schaut Theo dabei mit aufgerissenen Augen an, als ob er der Messias ist und von seiner Antwort ihr Leben abhängt. Wenigstens sie hat eine Piepsstimme, die zu ihrer Erscheinung passt.
„Bin ich“ brummt Theo und fügt widerwillig hinzu: „ Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“. „Stiller. Bernd Stiller. Das ist meine Frau Marga“ sprudelt Papa Äffchen sofort los. „ Es geht um unseren Sohn. Er…“
„Erzählen sie mir das lieber drinnen“ unterbricht ihn Theo und sperrt missmutig sein Büro auf. Der Schreibtisch beim Empfang ist leer. Was denn sonst. Olga, seine Sekretärin aus der Ukraine, ist gestern Nacht mit ihm in Ossis Eckkneipe versumpft. Olga hat Liebeskummer und braucht jemand, bei dem sie sich ausheulen kann. Nüchtern hält das natürlich keiner aus. Olgas Problem dabei ist, dass sie genauso viel saufen möchte wie Theo, aber nur die Hälfte verträgt. Das geht selten gut.
Der einzige Mensch, der einen Alkoholiker versteht, ist selbst Alkoholiker, hat sich Theo bei ihrer Einstellung gedacht. Jetzt denkt er: Ich sollte sie rausschmeißen. Das wir doch eh nix.
Theo reißt sich aus diesen Überlegungen und bugsiert die Äffchen in sein Büro, wo sie auf den vordersten Kanten der Besucherstühle Platz nehmen, so als müssten sie jederzeit bereit sein aufzuspringen, falls jemand sie rausschmeißt.
Theo fläzt sich in seinen ledernen Chefsessel, schaut die Äffchen an, schnauft und sagt dann „also“ als unvermittelt die Tür aufgeht und Olga ihre verkaterte Birne in den Türspalt schiebt. Sie blickt mit gelassener Überraschung in die Runde und sagt dann heiser „guten Morgen zusammen“ und „Kaffee?“. Theo hebt fragend die Augenbrauen in Richtung der Äffchen. Papa Äffchen schüttelt den Kopf. Mama Äffchen piepst „ein Schnaps wäre mir lieber“. Theos Brauen heben sich gefühlte weitere fünf Zentimeter. Papa Äffchen verzieht keine Miene, er ist das offenbar gewohnt. Olgas Augen leuchten auf wie Bremslichter. Theo seufzt und denkt: Der Tag fängt schon gut an. Dann sagt er zu Olga: „Bring den Mendoza und drei Gläser“. Olgas Kopf verschwindet wie der Blitz.
2
Als der Brandy serviert ist und sich alle ordentlich einen hinter die Binde gegossen haben, fängt Theo noch einmal an: „Also, sie haben gesagt, es geht um Ihren Sohn. Was ist mit ihm?“
„Er ist tot“ sagt Papa Äffchen, und Theo bemerkt, dass Mama Äffchen drauf und dran ist, in Tränen auszubrechen. Papa Äffchen sieht das auch, lässt sich aber nicht ablenken. „Seine…er wurde im Englischen Garten gefunden, vor einem Jahr“ fährt Papa Äffchen fort, „in seinem Wagen. Er war…er war ganz…verbrannt, nicht nur verkohlt, wissen sie, sondern vollständig, durch und durch, zu Asche…, haben sie davon gehört?“ Mama Äffchen schluchzt laut auf. Theo schnaubt verächtlich. Und ob er von der Sache gehört hat. Die Zeitungen waren ja wochenlang voll davon gewesen, da hätte man schon auf dem Mars wohnen müssen, um nichts darüber mitzukriegen.
Also es findet so ein Jogger einen Wagen mitten im Englischen Garten, und drinnen sitzt ein Kerl, der von Kopf bis Fuß, von den Haarspitzen bis ins tiefste Innere zu Asche verbrannt ist. Aber der Körper ist nicht deformiert oder entstellt, nein, es sieht so aus, als ob er sich von einer Sekunde auf die andere in Asche verwandelt hätte, in eine naturgetreue Statue aus Asche, und der Aschenmann ist noch warm, aber weder der Sitz noch sonst was im Auto hat auch nur einen Brandfleck. Das führt natürlich zu den tollsten Spekulationen, das alte Märchen von der spontanen menschlichen Selbstentzündung und der ganze Scheiß, aber eine Erklärung für das Phänomen findet man trotzdem nicht. Hinzu kommt, dass an exakt der gleichen Stelle vor zwei Jahren eine unbekannte Leiche gefunden worden war. Der Tote war völlig verbrannt, der Fall bis heute ungeklärt. Aber auch Vermutungen über einen Zusammenhang führen zu nichts. Theo erinnert sich noch daran, dass der Aschenmann ein Journalist aus München gewesen sein soll, aber das war´s dann.
„Die Polizei hat die Ermittlungen gestern eingestellt“ sagt Papa Äffchen bedrückt, „ es gibt momentan keine Spuren, die sie weiterverfolgen können“ „Wer hat die Ermittlungen geleitet?“ fragt Theo. „Kommissar Baer“ antwortet Papa Äffchen leise. Theo war selbst zwanzig Jahre beim LKA, bevor der Suff und andere Kleinigkeiten, an die er sich nur ungern erinnert, einen Stellenwechsel nahe gelegt haben. Er hat oft mit Baer zusammengearbeitet und ihn dabei als einen Menschen kennen gelernt, hinter dessen vermeintlich gemütlicher und biederer Fassade ein äußerst scharfsinniger und gefährlicher Kriminalist verbirgt. Die Gefängnisse sind voll mit Leuten, die den Fehler begangen haben, Baer zu unterschätzen. Theo seufzt. Die Sache gefällt ihm immer weniger.
Er startet einen letzten Versuch, die Geschichte noch abzubiegen. „Und jetzt sind sie wohl hier, weil sie glauben, ich könnte den Tod ihres Sohnes aufklären, obwohl die Polizei das mit ihrem gesamten Apparat nicht geschafft hat? Wieso sollte gerade ich das können?“ fragt Theo, obwohl er sich die Antwort schon vorstellen kann. Erwartungsgemäß sagt Papa Äffchen:“ Der Sparkassenraub vor drei Jahren…“ Theo rollt mit den Augen und gibt dem Äffchen mit einer Geste zu verstehen, dass es nicht weiterzureden braucht. Der Fluch der guten Tat, denkt er. Der Sparkassenraub vor drei Jahren war ein brutaler Banküberfall, bei dem die drei Täter zwar kein Geld erbeutet, dafür aber eine Angestellte und zwei Kunden erschossen haben. Die Polizei ist monatelang im Dunkeln getappt, bis die Witwe eines erschossenen Kunden Theo mit eigenen Ermittlungen beauftragt hat. Dem ist es sehr zum Missfallen der Polizei gelungen, mit einigen äußerst unkonventionellen Methoden, an die er sich nur ungern erinnert, die Täter ausfindig zu machen und der Polizei den entscheidenden Hinweis zur Festnahme zu geben. Kurz vor der Festnahme ist allerdings derjenige Täter, der den Mann von Theos Klientin getötet hat, unter bis heute ungeklärten Umständen erschossen worden. Auch daran erinnert sich Theo nur ungern. Seitdem hat er einen Ruf weg.
Äffchen und Theo schauen sich an. Die Äffchen hoffnungsvoll und flehentlich, Theo unentschlossen. Später wird sich Theo an diesen Moment als denjenigen erinnern, an dem er noch ohne Drama hätte aussteigen können. So sagt er aber: „Dann erzählen sie mir mal von ihrem Sohn“.
3
Sie pfeifen sich alle noch einen ein, und dann fängt Papa Äffchen an zu reden. „Unser Sohn Frank war achtunddreißig Jahre alt, als er starb. Das ist ein Foto von ihm. Er hat Journalismus studiert und die ersten paar Jahre bei kleineren Tageszeitungen in ganz Deutschland gearbeitet. Doch das hat ihm auf Dauer nicht gelangt. Deshalb ist er vor acht Jahren freiberuflicher Journalist geworden. Er hat seine Artikel teilweise bis nach Übersee verkauft. Investigativer Journalismus war sein Fachgebiet. Er war wie besessen, irgendwelche Missstände aufzudecken, und er hat damit oft Erfolg gehabt.“ „Damit macht man sich üblicherweise keine Freunde“ bemerkt Theo.
„Stimmt“ sagt das Äffchen, „er hat oft Drohbriefe bekommen und wurde sogar schon körperlich angegriffen. Aber das gehört dazu, hat er immer gesagt, desto mehr die Leute auf mich losgehen, desto näher bin ich an der Wahrheit. Es hat ihn nie wirklich von seiner Arbeit abgehalten“. Theo schiebt den Kopf vor. „Sie haben das sicher alles schon der Polizei erzählt?“ „Natürlich. Alles. Alles was ich Ihnen jetzt erzähle, weiß die Polizei schon längst.“ Theo lehnt sich zurück. Es ist schon oft vorgekommen, dass er nichts anderes in der Hand hatte als das, an dem die Bullen sich schon die Zähne ausgebissen haben. Das sind die Fälle, bei deren Aufklärung man gelegentlich gezwungen ist, auch zu sehr unkonventionellen Methoden zu greifen, an die man sich später nur ungern erinnert. Doch davon sagt er nichts.
Das Äffchen fährt fort: „Wir haben ihn ja nicht oft gesehen, er war doch ständig unterwegs. Aber im letzten Jahr war er irgendwie anders, so gehetzt, ruhelos. Wir haben ihn gefragt, was los ist und er hat nur gesagt, er wäre da an etwas dran, etwas ganz großes, etwas, wie er sich ausgedrückt hat, das mit der normalen Lehrbuchwissenschaft nicht mehr erklärt werden kann. Und dass er uns nichts erzählen darf, das wäre zu gefährlich, je weniger wir wissen, desto besser. Das war dann das letzte Mal, dass wir ihn lebend gesehen haben. In seinen Unterlagen hat man nach seinem Tod übrigens nichts zu dieser Sache gefunden. Keine Aufzeichnungen, keine Dateien, gar nichts.“
Mama Äffchen schluchzt bei dem letzten Satz wie auf ein Stichwort kurz los, schnäuzt sich dann geräuschvoll und verlangt noch einen Schnaps. Sie genehmigen sich einen kleinen und dann fragt Theo:“ Und sonst? Privat? Familie? Freunde, Hobbys und so? „Er war meistens allein“ piepst jetzt Mama Äffchen, der Brandy hat ihr Sprachzentrum beflügelt. „Ein paar Freunde von seiner alten Fußballmannschaft, die er getroffen hat, wenn er mal hier war, aber nur selten, wenn man dauernd unterwegs ist wie er, da kann man keine Freundschaften pflegen, das schläft irgendwann alles ein. Gelegentlich mal ein bisschen Bergwandern oder Schwimmen gehen, aber mehr war da nicht“
Jetzt übernimmt wieder Papa Äffchen:“ Er hat eine Freundin gehabt, Beatrix, die kannte er schon seit seinen ersten Berufsjahren, die beiden haben so eine Fernbeziehung geführt, wir haben uns immer gefragt, wie das gehen soll, aber sie waren offenbar glücklich. Ein knappes Jahr vor seinem Tod ist sie gestorben, das hat ihn ziemlich mitgenommen.“ „Gestorben? Eine junge Frau? Wie das denn?“ fragt Theo argwöhnisch. „Einfach so“ kommt die Antwort. „ Sie war mit ihren Eltern in Jesolo, Italien. Dort ist sie als Kind mit ihnen immer zum Baden hingefahren. Der Urlaub sollte so etwas wie eine nostalgische Reise in die Kindheit sein. Bei einem Strandspaziergang ist sie einfach zusammengebrochen. Sie war sofort tot. Die Obduktion hat als Ursache plötzliches Herzversagen ergeben. Keine äußeren Ursachen. So was kommt einfach vor, so traurig es ist.“
Theo runzelt die Stirn, irgendetwas stört ihn hier, aber er kann nicht sagen, was.
„Mehr kann ich ihnen über das kurze Leben unseres Sohnes im Moment nicht erzählen“ sagt Papa Äffchen traurig und fügt leise hinzu: „Meinen sie, sie könnten für uns herausfinden, was unserem Sohn zugestoßen ist? Bitte.“
„Wenn sie meine Stundensätze bezahlen können..“ ist Theos Antwort als letzter Versuch, diesem Auftrag, gegen den sich sein Bauchgefühl sträubt, doch noch zu entgehen. „Wir haben genug gespart“ sagt Papa Äffchen stolz. „Wir sind beide pensionierte Gymnasiallehrer, ich für Mathe und Physik, und meine Frau für Deutsch und Geschichte.“ Theo stellt sich Mama Äffchen im Klassenzimmer vor, wie sie piepsend Hitlers Machtergreifung erklärt. Er muss unwillkürlich grinsen. Papa Äffchen deutet das als Zustimmung und sagt schnell: „Wir wissen gar nicht, wie wir Ihnen danken sollen, Herr Strack.“ Er blinzelt. „Ach ja,“ sagt er dann, und zieht einen Schlüsselbund aus der Tasche, „hier sind noch die Schlüssel für Franks kleine Eigentumswohnung, falls sie sich mal selbst ein Bild machen wollen. Wir haben alles gelassen, wie es war. Die Adresse…“ „Hinterlassen Sie bei Olga, die auch die sonstigen Formalitäten mit Ihnen erledigt.“
Die Äffchen machen, dass sie hinauskommen, als ahnten oder fürchteten sie, Theo könnte sich die Sache noch mal überlegen. Die Tür klappt hinter ihnen zu.
Theo dreht sich mit seinem Stuhl um und schaut zum Fenster hinaus. Draußen ist es ungewöhnlich dunkel geworden, ein Gewitter zieht auf. In der Ferne hört man es schon donnern. Das Wetter passt zu Theos Laune. Auf sein Bauchgefühl hat er sich bisher immer verlassen können, und dieses Gefühl sagt ihm, dass er mit dieser Sache eine Dose voll Würmer aufmacht. Aber das Thema ist sowieso erledigt, als Olga hereinkommt und ihm den von den Äffchen unterschriebenen Vertrag auf den Tisch haut. Jetzt hat er den Fall endgültig am Hals.
4
Eine Stunde später steht Theo wieder am Fenster. Das Gewitter hat sich verzogen. Unten sieht er, wie Erwin, der Hausmeister, irgendeinen Junkie im Kapuzenpulli vom Hof jagt.
Theo beschließt, die Wohnung von Frank Stiller zu besichtigen. Irgendwo muss man ja anfangen. Er lässt sich von Olga Schlüssel und Adresse geben und fährt in den Innenhof hinunter, wo er seinen 1975er Pontiac Grand Am in eine Garage gezwängt hat. Lime-green metallic, weiße Vinylsitze, getunter 7,5 Liter V-8 Motor, das volle Programm. Der Wagen ist so breit, dass Theo in der Garage kaum die Tür aufkriegt. Aber: Wer schön sein will, muss leiden. Als Theo den Motor anlässt, vibrieren im ganzen Haus die Scheiben. Darum leiht er sich für unauffällige Observationen auch immer Olgas uralten Kadett aus.
Theo reiht sich in den Verkehr ein. Als er Gas gibt, hebt sich die Schnauze des Grand Am wie bei einem starken Motorboot, das in See sticht. Theo spielt eine CD ab. Es kommt “I ain´t living long like this“, gecovert von Emmylou Harris. Theo singt den Refrain mit und denkt düster: Kommt mir irgendwie bekannt vor. Nach zwanzig Minuten hat er die Strecke von Giesing bis zu der Adresse in Obersendling geschafft. Keine Top-Gegend, Wohnbebauung und Gewerbe durcheinander, aber auch kein Glasscherbenviertel. Theo findet mit Mühe einen Parkplatz und geht dann zu dem Mehrfamilienhaus, 5 Stockwerke, 70er Jahre, aber noch gut in Schuss. Frank Stiller hat im zweiten Stock gewohnt, das Türschild ist noch dran.
Theo schließt die Wohnung auf. Was hofft er hier zu finden? Jeder Quadratzentimeter ist schon von den Bullen abgesucht worden. Gefunden haben sie nix. Vielleicht zu viel Technik und zu wenig Gespür? Theo sieht sich um. Zwei Zimmer, Küche, Bad, nichts Besonderes, modern, zweckmäßig eingerichtet. Einfache, schmucklose Möbel. Kein Computer, keine persönlichen Unterlagen. Alles mitgenommen und asserviert. Insgesamt die unpersönliche Wohnung eines allein stehenden Mannes, der sich dort nicht oft aufhält. An den Wänden Warhol-Drucke, ein paar gerahmte Fotos, Frank Stiller am Strand, im Gebirge, in fremden Städten, allein oder mit Freunden. Ein paar Mal zusammen mit einer jungen Frau, so Ende zwanzig, dunkelhaarig, hübsch. Auf einem Foto sitzt sie in einem Straßenlokal und prostet mit einem Glas Rotwein der Kamera zu. Das muss Beatrix gewesen sein, Franks Freundin, die so früh gestorben ist, ein Jahr vor Franks eigenem Tod. Einfach so. Herzversagen. Tragisch, aber unverdächtig.
Unverdächtig? Theo überlegt. Alle Personen, die auf diesen Bildern zu sehen sind, wurden garantiert von der Polizei identifiziert und unter die Lupe genommen. Abgeklopft, ob sie was mit der Sache zu tun haben könnten oder was wissen. Jemand, der zum Tatzeitpunkt schon ein Jahr tot gewesen ist, den kann man nicht mehr unter die Lupe nehmen. Was macht man dann? Liegt hier ein Schatz verborgen, den die Bullen womöglich deswegen nicht gehoben haben, weil sie gar nicht daran dachten, dass er da sein könnte? Theo nimmt das Bild aus dem Rahmen und steckt es ein. Dann verlässt er die Wohnung.
Theo hat den Wagen zwei Straßen weiter geparkt. Er geht auf ihn zu und fingert in der Hosentasche nach den Schlüsseln, auf den Jugendlichen, der mit dem Rad auf dem Gehsteig in seine Richtung rast, achtet er nicht. Theo dreht sich um, als er hinter sich einen gedämpften Knall hört und gleichzeitig einen Schlag am Kopf spürt. Dann wird alles schwarz.
5
Als Theo am nächsten Tag im Krankenhaus zu sich kommt, mit einem Verband um den Kopf, sieht er drei Gesichter, die sich über sein Bett beugen: Das bestürzte von Olga, das milde lächelnde eines älteren Herren, der wie der verstorbene Volksschauspieler Gustl Bayrhammer ausschaut, und das verkniffene einer ausgezehrten Krankenschwester. “Mein Gott, Chef, ich bin ja so froh, ich habe schon gedacht, ich weiß gar nicht..“ Olga ringt nach Worten. Zu ihrer Erleichterung fällt ihr ein: „ Ich hab ihnen auch was mitgebracht.“ Sie zieht aus ihrer Handtasche eine Flasche Wodka heraus, der sie eine Geschenkschleife um den Hals gebunden hat. „Für sie, Chef, und gute Besserung“ sagt sie, sichtlich froh, die Situation gerettet zu haben. Sie stellt die Flasche auf Theos Nachttisch.
„Alkohol ist wohl kaum das geeignete Mitbringsel für Kranke, junges Fräulein“ keift die ausgezehrte Krankenschwester und macht Anstalten, die Flasche wieder wegzunehmen. Theo platzt der Kragen. „Was ist denn das hier für ein Laden?“ schreit er die Schwester an. „Da liege ich in so einem Scheißkrankenhaus, wo ich nicht weiß, wie ich hingekommen bin, und sie wollen auch noch meine Gewohnheiten ändern und mein Personal anschnauzen?“ Der Mund der Schwester klappt erst auf, dann zu, und sie dreht sich um und rauscht aus dem Zimmer, nicht ohne die Tür hinter sich zuzuknallen. „Olga, was ist hier eigentlich los?“ „Das erklärt ihnen besser der Herr dort“ antwortet Olga und guckt scheu zu dem Volksschauspieler hinüber. „Ich muss dann los, ins Büro, sonst ist ja keiner am Telefon, am Abend komm ich noch mal wieder, Servus Chef“ Olga macht, dass sie wegkommt. Der Volksschauspieler schaut mitleidsvoll.
„ Seit wann machst du Krankenbesuche bei der Konkurrenz?“ brummt Theo misstrauisch. Kriminalhauptkommissar Hans Baer lächelt milde. „ Bei Mordversuch ist das leider mein Job, das müsstest du doch wissen, Theo.“ „Mordversuch? Kann mir endlich mal einer sagen, was hier Sache ist?“ „Hast du gar keine Erinnerung mehr?“ „Nur dass ich gestern in Obersendling in mein Auto steigen wollte.“ „Also, hör zu“ fängt Baer bedächtig an, „ du bist angeschossen worden, gestern in Obersendling. Streifschuss am Kopf. Dir wird nichts bleiben. Du hast aber unwahrscheinliches Glück gehabt. Zwei Millimeter mehr, und du wärst tot.“ Baer sieht, dass Theo etwas sagen will und hebt die Hand.
„Lass mich erst ausreden. Eine Verkäuferin in dem Laden, vor dem du geparkt hast, hat zufällig aus dem Schaufenster geguckt. Sie hat dich auf dein Auto zugehen sehen, als ein Mann mit Kapuzenpulli hinter dich getreten ist und eine Pistole mit Schalldämpfer gezogen hat. Er hat auf dich angelegt und geschossen, aber in dem Moment hat ihn ein Jugendlicher mit dem Fahrrad gestreift. Das hat ihm offenbar die Waffe verrissen, so dass er nicht genau getroffen hat. Der Täter ist dann weggelaufen. Der Jugendliche ist einfach weitergefahren. Und bevor du fragst: Eine genaue Täterbeschreibung gibt es nicht. Ein Mann, etwa eins achtzig groß, kräftig, nur von hinten gesehen, dunkle Hose und Kapuzenpulli. So laufen Hunderte rum. Fahndung in der Umgebung ohne Erfolg. Und von dem Jugendlichen auf dem Rad weiß die Verkäuferin gerade noch, dass er ein rotes Hemd angehabt hat. Wir haben schon Zeugenaufrufe an die Öffentlichkeit raus gegeben. Ob das was bringt, weiß der Geier.“
„Verdammt“ schnauft Theo, er ist ganz blass geworden. Baer fragt: „Fällt dir dazu irgendwas ein, Theo?“ Theo schüttelt den Kopf. Baer lächelt jetzt nicht mehr. „Theo, das war kein x-beliebiger Raubüberfall, das war ein gottverdammter Mordanschlag, so was passiert nicht zufällig. Was hast du denn gestern in Obersendling gewollt?“ „ Berufsgeheimnis“ sagt Theo verschlossen. Er denkt nicht daran, Baer einzuweihen und hofft inständig, dass man das Foto der toten Beatrix nicht bei ihm gefunden hat. „Theo“, Baer wird eindringlich,“ ich weiß dass du bei deinen Ermittlungsmethoden bisweilen, sagen wir mal, den Boden der Strafprozessordnung verlässt. Und solange du es nicht zu toll treibst, will ich das auch gar nicht so genau wissen. Aber hier geht es um ein Kapitalverbrechen, da kann ich mich nicht einfach hinstellen und sagen ach, da stellen wir die Ermittlungen mal ein, damit dem Theo seine Berufsgeheimnisse auch schön geheim bleiben. Theo, bist du in letzter Zeit jemandem auf die Füße getreten?“
Doch Theo schweigt eisern. Nach einer halben Stunde gibt Baer resigniert auf. „Wir haben uns sicher nicht zum letzten Mal gesehen“ sagt er zum Abschied, „ meine Telefonnummer hast du ja noch.“ Dann geht er.
6
Theo bleibt noch einen weiteren Tag in der Klinik, dann hält er es nicht mehr aus. Er muss einen Wisch unterschreiben, wonach er das Krankenhaus auf eigene Gefahr vorzeitig verlässt. Dann geben sie ihm noch eine Packung Schmerztabletten mit dem Hinweis, diese keinesfalls zusammen mit Alkohol einzunehmen. „ Wann soll ich die dann jemals schlucken?" fragt Theo, lässt die Packung liegen und begibt sich direkt zu seinem Büro.
Dort geht er zuerst in den Innenhof, weil er nachschauen will, ob die Bullen auch seinen Grand Am schön zurückgebracht haben. Dabei läuft ihm der Neger Erwin über den Weg. Erwin, der Hausmeister, ist kein Schwarzer, wird aber wegen seinem schwarzen Kraushaar von allen nur liebevoll Neger genannt. Erwin plappert sofort los: „ Mensch Theo, bist schon wieder da, Mann, wir haben´s natürlich alle gehört, was…“ „Mach mal halblang, es geht schon wieder „ unterbricht Theo den Redefluss . Ihm ist etwas eingefallen. Kann vielleicht nur Zufall sein, aber Fragen kostet nix. „Hör mal, Neger,“ sagt er „ du hast doch vor zwei Tagen hier unten so einen Typ mit Kapuzenpulli verjagt, was war denn da?“ „Ganz komische Sache“ antwortet der Neger. „ Hab den Kerl nie vorher gesehen. Hat sich da hinten bei den Mülltonnen rumgedrückt und immer zur Hoftür geguckt. Ich frag´ ihn, was er da will, und da wird er ganz aggressiv und beschimpft mich auf spanisch und zeigt mir den Stinkefinger.“ „Spanisch?“ fragt Theo. „Ja, kenn ich doch von Malle“ sagt der Neger „ und überhaupt hat der irgendwie so ausgeschaut…so, wie man sich halt einen Südamerikaner vorstellt. Du weißt schon, dieser Farbton der Haut, die Nase, die Augen- so wie eben die Südamerikaner im Fernsehen immer ausschauen. Ja und dann sage ich, wenn er nicht geht, hol´ ich die Polizei, und wie er Polizei hört, ist er ab wie der Blitz.“
Das kann jetzt natürlich auch noch alles Zufall sein, denkt Theo, aber es wird immer unwahrscheinlicher. „Kannst du mir den näher beschreiben?“ „Na ja, groß, so eins achtzig, kräftig, vielleicht Ende zwanzig, hatte so `ne auffällige Narbe unterm linken Auge. Und er hat ziemlich nach Knoblauch gestunken.“ Theo bedankt sich und fährt hinauf in sein Büro.
Olga fällt ihm um den Hals. „Chef, ich hab´s gewusst, dass sie früher kommen, wie geht´s ihnen? Einen Brandy zur Begrüßung?.“ Statt einer Antwort macht Theo mit den Fingern ein Zeichen, dass er einen doppelten will, und geht in sein Zimmer. Olga kommt mit den Gläsern nach, sie hat sich ungefragt selbst einen mit eingeschenkt, dann liest sie Theo die Anrufe der letzten Tage vor. Nichts Bewegendes. Theo greift in seine Jackentasche, das Foto von Beatrix ist noch da. Er trinkt aus und sagt: „Olga, ruf mal bei den Stillers an, ob die verstorbene Freundin ihres Sohnes noch Angehörige hat.“ Olga räumt ab und geht. In der Zwischenzeit, denkt Theo, kann ich ja mal schau´n, ob jemand meinen südamerikanischen Freund kennt.
In diesem Geschäft sind Kontakte alles. Und nach zwanzig Jahren LKA und fünfzehn Jahren als Privatschnüffler kriegt man Kontakte, aber schon so was von, denkt Theo. Zum Thema Südamerika fällt ihm sofort Ernesto Colon ein. Dem gehört das „Santiago de Chile“ in Haidhausen, Anlaufpunkt und Kontaktbörse für alle Südamerikaner in der Stadt. Steht mittlerweile schon in den Reiseführern. Theo hat Ernesto einmal aus einer üblen Patsche geholfen und kann sich seither der höchsten Wertschätzung des Chilenen erfreuen. Er ruft ihn an. „Ernesto, hier ist Theo…“weiter kommt er nicht, weil er erst einmal eine überschwängliche Begrüßung über sich ergehen lassen muss. Als Ernesto endlich fragt, was er denn für Theo tun kann, sagt der: „Sag mal, ist dir in letzter Zeit ein neues Gesicht in eurer Gemeinde aufgefallen? Junger Mann, so Ende zwanzig, groß, kräftig, Narbe unter dem linken Auge, vielleicht im Kapuzenpulli und mit Knoblauchfahne?“ Ernesto überlegt, dann sagt er: „ In meinem Lokal sicher nicht. Aber ich höre mich um und gebe dir dann Bescheid.“ Theo bedankt sich und legt auf.
7
Theo hat das Gespräch gerade beendet, als Olga hereinkommt. „Also, die Stillers haben gesagt, die Eltern von Beatrix, Franz und Christine Waldau, wohnen in Germering, Adresse und Telefonnummer hab ich aufgeschrieben. Und dann gibt es da noch eine ältere Schwester, Ruth, aber wo die lebt, haben sie nicht gewusst.“ Theo nimmt die Notiz entgegen und beschließt, erst mal in Ossis Eckkneipe eine Currywurst zu essen. Es ist eh Mittag. Olga nimmt er nicht mit, sonst artet das nur wieder aus. Ossi, der eigentlich Uwe heißt, aber von allen nur Ossi gerufen wird, weil er nach der Wende aus Sachsen hier eingewandert ist und die Kneipe übernommen hat, reißt die Augen auf. „ Mensch, ich seh´ Gespenster!“ schreit er durchs Lokal. Theo wiederauferstanden!“
Die ganzen anderen Alkis, die wie üblich schon mittags um Ossis Tresen herumhängen, umringen Theo wie ein Haufen Fliegen den Kuhfladen. Er kommt nicht zum Bestellen, bevor er nicht erzählt hat: Ja, angeschossen, keine Ahnung warum, nur Streifschuss, unbekannter Täter mit Kapuzenpulli, möglicherweise, aber nur so eine Überlegung von ihm, Südamerikaner. „Südamerikaner?“ unterbricht Ossi, und plötzlich wird es ganz still. „Mensch, so einen hab ich vor vier Tagen hier gesehen! Groß, kräftig, Kapuzenpulli. Ist bestimmt eine Stunde hier die Straße immer auf und ab gegangen und hat sich dauernd umgesehen. Dann ist er vor meiner Kneipe stehen geblieben und hat so durch die Scheibe gelinst, du weißt schon, so mit vorgehaltener Hand. Ich hab mir gedacht, der hat sich vielleicht verlaufen und bin zu ihm raus. Da hab ich sein Gesicht gesehen, so wie wenn du zum Fernsehen sagst, jetzt zeigt mir mal ´nen kolumbianischen Drogengangster, genauso würde der dann aussehen. Hatte ´ne Narbe untern Auge und fürchterlich nach Knoblauch gestunken. Aber wie ich ihn angesprochen hab, ist er wie der Teufel davon“
Soviel zum Thema Zufall, denkt Theo. Er hat keinen Appetit mehr auf Currywurst. „Ich muss noch mal ins Büro“ sagt er und geht.
„Schon wieder da, Chef?“ fragt Olga, aber Theo hat keine Lust auf Konversation. Er verschanzt sich in seinem Büro und rekapituliert: Ein Südamerikaner mit Narbe und Kapuzenpulli wird erst in seiner Straße, einen Tag später direkt in seinem Hinterhof gesehen, wobei er sich verdächtig verhält. Am selben Tag verübt jemand mit Kapuzenpulli einen Mordanschlag auf ihn. Die zehntausend-Taler Preisfrage lautet: Hat der Attentäter eine Narbe und riecht nach Knoblauch? Verzettel´ dich jetzt nicht, denkt Theo. Mach mal was anderes- denk an die Eheleute Waldau. Eine Stunde lang ruft Theo ständig dort an, aber keiner hebt ab. Schöner Tag heute, denkt Theo, vielleicht wursteln sie im Garten und hören das Telefon nicht. Theo hält das Rumsitzen nicht mehr aus. „Ich fahr nach Germering!“ ruft er Olga im Vorbeigehen zu.
Germering ist ein Städtchen westlich von München, in dem sich der Mittelstand, dem es in München zu teuer ist, gern ansiedelt. Genauso ein Idyll ist die Straße, wo die Waldaus wohnen.
Hübsche Einfamilienhäuser, nicht zu groß, nicht zu klein, in hübschen Gärtchen. Häuser, die in den Siebzigern, frühen Achtzigern von hoffnungsvollen Paaren gebaut wurden, um darin Ihre Kinder großzuziehen. Jetzt sind die Kinder ausgezogen, und die Eltern sitzen allein mit ihren Erinnerungen in den halbleeren Buden. Ich hab keine Kinder, denkt Theo. Ich werde im Alter auch allein sein, aber wenigstens nicht jeden Tag vergeblich auf einen Besuch meiner Kinder warten. Theos Ziel tut wenig, um seine trübseligen Gedanken zu vertreiben. Das Haus der Waldaus wirkt unbewohnt, Rollläden heruntergelassen, Rasen nicht gemäht, aus dem Postkasten quellen die Werbeprospekte. Theo steigt aus und läutet trotzdem. Natürlich vergebens, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
„Sie sind wohl nicht von hier“ ruft der Nachbar, ein grimmiger Tattergreis, über den Zaun. „Wieso?“ fragt Theo. “Weil sie dann wüssten, dass hier keiner mehr wohnt.“ Der Alte, sichtlich erfreut, jemanden gefunden zu haben, der die Geschichte noch nicht kennt, macht eine theatralische Kunstpause. „Doppelselbstmord“ raunt er dann und winkt Theo näher zu sich. „Vor zwei Wochen. Die Putzfrau hat sie gefunden.“ Theo ist platt, damit hat er nicht gerechnet. Sollte seine vermeintlich heiße Spur schon wieder kalt geworden sein? „Auf der Familie liegt ein Fluch“ gibt der Alte jetzt verschwörerisch zum Besten „ vor zwei Jahren hat es die jüngste Tochter erwischt, jetzt die Eltern, und die ältere Schwester kommt bestimmt auch noch dran.“ Hoffentlich erst, nachdem ich mit ihr gesprochen habe, denkt Theo und sagt: “Wissen sie denn, wo die ältere Tochter wohnt?“ „Ach, irgendwo in München“ sagt der Alte unwirsch, weil er sich über die Unterbrechung ärgert. Doch Theo hat jetzt genug von diesen Geschichten. Er verabschiedet sich kurz und geht dann zu seinem Wagen. “Halt, wo wollen sie denn hin?“ ruft ihm der Alte nach. “Wer sind sie überhaupt? Was…“ Das weitere Gezeter des Nachbarn geht im Donnergrollen von Theos Grand Am unter.
Als Theo zurück nach Giesing kommt, ist es schon dunkel. Auf den Straßen vor den Cafes und Lokalen füllen sich die Plätze, es ist ein warmer Sommerabend. Theo hat dafür heute kein Auge. Er ist fix und fertig. Vielleicht hätte ich doch noch im Krankenhaus bleiben sollen, denkt er. Der Kopf tut ihm weh. Er parkt den Grand Am und trottet zwei Häuser weiter in seine Wohnung, wo eine Flasche Cardenal Mendoza auf ihn wartet. Morgen ist auch noch ein Tag.
In dieser Nacht schläft er schlecht. Was wird er von Ruth Waldau erfahren, wenn sie überhaupt mit ihm redet? Was ist mit dem Südamerikaner? Soll er doch Baer einweihen? Erst in den frühen Morgenstunden fällt er in einen traumlosen Schlaf.
8
Nachdem sich Theo am nächsten Morgen wie immer an Olgas miserablen Kaffee den Mund verbrannt hat, macht er sich daran, den letzten Überlebenden der Familie Waldau ausfindig zu machen. Als er den Namen „Ruth Waldau“ in die Suchmaske eingibt, findet er für München zu seiner Überraschung nur einen Eintrag. Soviel Glück macht misstrauisch. Er liest: Ruth Waldau, Rechtsanwältin. Das wird nicht so einfach. Er googelt die Kanzlei. Fachanwältin für Handels-und Gesellschaftsrecht, Bogenhausen, allerfeinste Adresse. Auf der Homepage Kanzleiräume wie eine Filmkulisse, teuer und edel, bevölkert von Angestellten, die selber wie Filmstars aussehen. Ein Bild von Ruth Waldau, eine absolute Hammerfrau, so um die vierzig, dunkelhaarig, bildhübsch, lächelt mit kühler Intelligenz in die Kamera. Theo, das wird ganz schwierig. Aber: Nicht nur die Leber wächst mit ihren Aufgaben.
Theo schaut auf die Uhr. Halb elf. Da müsste Madame schon anwesend sein. Er ruft an. Ja, die Frau Rechtsanwältin ist im Haus. Nein, er kann der Sekretärin jetzt nicht sagen, worum es geht, das ist rein privat und streng vertraulich. Sie möge lediglich ausrichten, dass es etwas mit Beatrix Waldau zu tun hat. Gefühlt endlos hängt er in der Warteschleife. Dann ein Klicken. „Ich verbinde sie jetzt.“ Nun gilt es, Theo. „Waldau.“ Angenehm tiefe Stimme. Nicht unhöflich, aber sehr distanziert, kühl und- wachsam. „Guten Tag, Frau Waldau. Mein Name ist Theo Strack. Sind sie die Schwester von Beatrix Waldau, gestorben im Sommer vor zwei Jahren in Jesolo, Freundin des Journalisten Frank Stiller?“ Unbeeindruckt die Antwort: „Wieso wollen sie das wissen?“ Schon mehr distanziert und deutlich wachsamer. Keinen Fehler machen, Theo. „Ich bin Privatdetektiv.“ Jetzt bloß keine Pause. „Die Eltern von Frank Stiller haben mich beauftragt, die äußerst mysteriösen Umstände des Todes ihres Sohnes zu untersuchen. Sie haben sicher davon gehört?“ Kurzes Zögern. „Ja schon, aber was hat das mit mir zu tun?“
Spürt er da einen Funken Interesse? Jetzt alles auf eine Karte. „Frau Waldau, ich weiß, dass das alles jetzt etwas plötzlich kommt, ich habe vom Tod ihrer Eltern gehört, mein herzliches Beileid, aber es ist so: Ich vermute, ich glaube, dass ihre Schwester möglicherweise von den Hintergründen oder Umständen, unter denen Frank Stiller später gestorben ist, noch zu ihren Lebzeiten etwas gewusst oder geahnt haben könnte. Möglicherweise könnte ihr Frank etwas erzählt haben. Und möglicherweise hat ihre Schwester mit Ihnen oder ihren Eltern irgendwann darüber gesprochen oder Andeutungen gemacht, ohne dass ihnen damals aufgefallen wäre, worum es sich handelt, weil der Zusammenhang nicht erkennbar war. Oder es könnten sich im Nachlass ihrer Schwester Informationen befinden, die bis jetzt nur deswegen niemandem aufgefallen sind, weil sie eben nicht unter diesem Blickwinkel betrachtet worden sind. Nach so etwas suche ich. Und die einzige, mit der ich noch darüber sprechen kann, sind sie.“ Längere Pause. Wenn sie jetzt auflegt, denkt Theo, dann kann ich diese Spur vergessen. Endlich sagt sie: „Ich rufe sie in einer halben Stunde zurück.“ Und die Leitung ist tot.
9
Während Theo wartet, kommt Olga herein. Herr Colon bittet um Rückruf. Das ging aber fix, denkt Theo. Er wählt Colons Nummer. „Theo, mein Freund“ sagt der Chilene herzlich. „was für ein glücklicher Zufall. Ich habe heute jemand getroffen, der einen Mann gesehen hat, auf den deine Beschreibung passt.“ „Ja wie?“ freut sich Theo. „Ich habe gerade meine Lieferung argentinisches Rindfleisch bekommen. Der Fahrer des Händlers und sein Bruder sind beide Argentinier. Ich habe den Fahrer nach dem Mann gefragt und er hat gesagt, ja, so jemanden hätten er und sein Bruder vor etwa einer Woche gesehen. Der Fleischhändler sitzt im Euro-Industriepark. Der Fahrer und sein Bruder fahren immer mit dem Bus zur Arbeit. Vor circa einer Woche nach Feierabend haben sie am Bushäuschen gewartet, als direkt aus dem Industriepark dieser Mann herausgekommen ist. Wie er gehört hat, dass sie sich auf spanisch unterhalten, hat er sie angesprochen und nach einer Trambahnverbindung gefragt. Wohin, wissen sie nicht mehr, sie konnten ihm jedenfalls nicht helfen. Sie haben ihn dann noch gefragt, wo er herkommt, er wollte aber nicht viel reden und hat nur gesagt Kolumbien. Er wäre Student und müsste jetzt wieder nach Hause. Dann ist er wieder in den Industriepark hineingegangen. Das hat sie gewundert, weil dort normalerweise niemand wohnt.“
Theo mag es gar nicht glauben. „Und die Beschreibung?“ „Ganz so wie du es gesagt hast“ antwortet Ernesto. „Statur, Kapuzenpulli, Narbe, Knoblauch.“ Seitdem aber nicht mehr gesehen. “ Theo bedankt sich fröhlich und verspricht, seine Weihnachtsfeier mit Olga heuer im „Santiago de Chile“ abzuhalten. „Da muss ich aber vorher meine Spirituosenbestände aufstocken“ lacht Ernesto und legt auf.
Euro-Industriepark, denkt Theo, eines der größten Gewerbegebiete der Stadt, Großhandelsketten, Abholgroßmärkte, das volle Programm. Wahrscheinlich illegale Arbeitskräfte. Keine ideale Gegend für einen Schnüffler, aber, wie sich gezeigt hat, die Welt ist klein.
Während Theo noch überlegt, läutet das Telefon. Olga sagt: „Kanzlei Waldau für Sie. Ich stelle durch“ Es klickt. „Hallo Herr Strack? Kanzlei Waldau. Ich verbinde mit Frau Rechtsanwältin.“ Es klickt. “Frau Waldau, sind sie dran?“ Kurze Pause. „Na schön, Herr Strack.“ Leichte Resignation in der Stimme. “Wir haben sie überprüft. Wenn sie wollen, können sie mich nächsten Mittwoch um zehn Uhr vormittags besuchen.“ „Passt“ sagt Theo. „Gut. Kommen sie mit dem Auto, Herr Strack?“ „Ich denke schon, warum?“ „Weil ich ihnen dann einen Platz in der Tiefgarage reservieren lasse.“ Als Theo noch sagen will, dass er in üblichen Münchner Tiefgaragen für sein Auto zwei Stellplätze braucht, hat Ruth Waldau schon aufgelegt.
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Am nächsten Morgen sagt Olga: “Herr Hummel wäre jetzt da.“ Ach du lieber Gott, den hat Theo total vergessen. Das wird wieder was werden, denkt er sich, ich will gar nicht wissen, was er diesmal verhunzt hat.
Albert Hummel ist sozusagen Theos Lehrling. Hummel wollte eigentlich Polizist werden, hat aber den Fitnesstest nicht bestanden. Außerdem ist er dem Flaschengeist zugetan, ein Umstand, der ihn mit Theo zusammengebracht hat. Theo weiß, dass sich Privatdetektive nur im Fernsehen kilometerlange Verfolgungsjagden zu Fuß liefern und ganze Fußballmannschaften zum Karateduell herausfordern. Daher hat er sich in einem weinseligen Moment entschlossen, Hummel als Bruder im Geiste eine Chance zu geben und ihn als Privatdetektiv auszubilden.
Hummel erweist sich als willig, aber schwach. Tollpatschig wäre der richtige Ausdruck. Erst neulich hat er sich bei der Observation einer untreuen Ehefrau mit seiner Kamera so ungeschickt verhalten, dass er als vermeintlicher Voyeur verhaftet und nur auf Theos Intervention wieder freigelassen worden ist. Die Ehefrau war natürlich weg.
Jetzt steht also Albert Hummel, der mit seiner schmächtigen Figur wie ein Schulbub ausschaut, vor Theo und schaut irgendwie schuldbewusst drein. „Setz dich, Hummel, und erzähl mir, wie du mit deinen Fällen weitergekommen bist.“ Theo gibt Hummel kleinere Aufträge, an denen er sich erproben soll. Hummel berichtet. Es ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Da kommt Theo eine Erleuchtung. Er weiß, wofür er Hummel als nächstes einsetzen wird.
Stell dir vor, der Euro-Industriepark ist ein Wald, denkt Theo. In dem Wald ist ein Keiler, das ist der Südamerikaner mit dem Kapuzenpulli. Ich bin der Jäger, der den Keiler erlegen will. Was macht der Jäger, damit er seine Beute vor die Flinte kriegt? Sucht er stundenlang im Unterholz? Nein, er lässt den Keiler aufscheuchen. Dann braucht er nur zu warten, bis der Keiler zu ihm herauskommt. Das Prinzip der Treibjagd. Funktioniert todsicher. “Hummel, ich habe einen neuen Auftrag für dich.“
Theo erzählt, was geschehen ist, beschreibt den Südamerikaner und sagt: „Hummel, das ist der Mann den wir suchen. Er hat wahrscheinlich auf mich geschossen und ist sehr gefährlich. Versuch keinesfalls ihn selbst zu finden oder gar zu stellen. Wenn du durch Zufall auf ihn triffst, merk dir nur wo das war und hau so schnell ab, wie du kannst. Kapiert? Spiel ja nicht den Helden.“ Hummel schluckt und nickt eifrig. „Du sollst ein Gerücht streuen“, fährt Theo fort, „ geh in den Euro-Industriepark und gib dich als freiberuflicher Journalist aus. Sag, du wärst da an einer Story dran über einen Mordanschlag auf den Privatdetektiv Strack. Sag, dass du gehört hast, Strack sei überzeugt, der Täter würde hier im Industriepark sich aufhalten oder arbeiten. Strack wäre jetzt noch anderweitig beschäftigt, werde aber in wenigen Tagen herkommen und dann hier nach dem Mann suchen. Es soll sich um einen Südamerikaner handeln, aber genau wüsstest du das nicht. Nur das Strack hierher kommen wird. Frag, ob jemand dazu was weiß, das wäre wichtig für deine Story, und dass du dir Infos dazu ordentlich was kosten lässt. Wende dich an Sicherheitskräfte, Hausmeister, Gebäudeverwalter, Leute die überall hinkommen und immer über alles informiert sind. Noch Fragen?“ Hummel schüttelt den Kopf, so einen Auftrag hat er noch nie gehabt.
„Gut, dann geh jetzt raus zu Olga, sie wird dir Phantasievisitenkarten ausdrucken und ein Prepaidhandy geben, das du nur für diesen Auftrag benutzt. Anschließend mach dich auf die Socken, jeden Tag Bericht an mich.“ „ Jawoll, Chef!“ sagt Hummel markig. Er fühlt sich geehrt. „Und Hummel“ ruft Theo ihm noch nach, „Ja?“ „Sei vorsichtig.“
Als Hummel gegangen ist, muss Theo noch zwei Vorkehrungen treffen. Denn was macht der Keiler, nachdem die Treiber ihn aufgescheucht haben? Variante eins: Er versucht zwischendurch zu entkommen. Variante 2: Er geht auf den Jäger los. Auf beide Möglichkeiten muss man vorbereitet sein.
Variante eins: Dass der Täter jetzt entkommt, muss Theo in Kauf nehmen. Denn um ihn aufzuhalten, müsste Baer und sein Polizeiapparat eingeweiht werden. Das will Theo im Moment aber nicht, weil er noch nicht weiß, inwieweit der Anschlag mit dem Stiller-Auftrag zusammenhängt. Und bei dem will er Baer nicht dabeihaben. So legt er alle Erkenntnisse und Verdachtsmomente gegen den Südamerikaner schriftlich nieder und verschließt das Schreiben in einem Umschlag. Den hinterlegt er bei Olga mit der Weisung, den Umschlag sofort an Baer zu übergeben, falls ihm etwas zustoßen sollte.
Fehlt noch Variante 2. Wenn der Keiler angreift, darf der Jäger nicht danebenschießen. Habe ich nicht vor, denkt Theo, holt seine neun Millimeter Glock aus der Schublade und steckt sie ein.
11
Der erste Tag von Hummels Undercover-Aktion verläuft erfolglos. Niemand will etwas gehört, gesehen oder gewusst haben. Und wenn, dann sagt er es nicht. Aber schon tags darauf ruft Hummel aufgeregt an: „Chef, ich glaub wir haben was. Gerade hab ich mit drei Männern von einem Sicherheitsdienst geredet, die sind auch sonntags da. Zuerst haben alle gesagt, so einen Mann haben sie nie gesehen. Aber nachdem ich gegangen bin, ist mir einer von denen nachgelaufen. Er war ganz nervös und hat sich dauernd umgedreht, ob ihn auch keiner sieht. Er meinte, er wüsste da was und ich soll ihn morgen Abend im Weißen Bräuhaus treffen.“ „Gut“, antwortet Theo, „geh hin, aber sei vorsichtig. Und morgen unter Tags noch weiterhin im Industriepark umschauen.“ „Geht klar, Chef“ sagt Hummel eifrig. Das Jagdfieber hat ihn gepackt.
Am Montag Abends um zehn läutet Theos Handy. Es ist Hummel.
