Blut ist im Schuh - Anna Schneider - E-Book

Blut ist im Schuh E-Book

Anna Schneider

2,1

Beschreibung

Gespenstische Stille liegt über dem Friedhof - Amelies heimlichem Zufluchtsort vor den Bosheiten ihrer Stiefschwester. Sarah hatte sie bestohlen, gedemütigt, verletzt ... Wie weit würde sie noch gehen? Schon spürt Amelie wieder das Stechen im Nacken, wie von eiskalten Augen, die ihr überallhin folgen. Ihr einziger Hoffnungsschimmer ist der Abschlussball mit Ben: Wird er sie wach küssen aus diesem Albtraum? "Ein Jugendthriller vom Feinsten: Hochspannend, berührend und toll geschrieben von der ersten bis zur letzten Zeile". (Nele Neuhaus)

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Impressum

© 2017 Anna Schneider, 82131 Gauting

www.schneideranna.com

[email protected]

Covergestaltung © Traumstoff Buchdesign traumstoff.at

Covermotiv © iravgustin shutterstock.com

Autorenfoto: Susanne Krauss

Satz: Corina Bomann, my-digital-garden.de

Herstellung und Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt

ISBN 978-3-7448-7801-2

„Blut ist im Schuh“ ist die überarbeitete Fassung des erstmals 2013 bei Planet Girl gleichnamig erschienenen Buches.

Unter Verwendung von Zitaten aus Aschenputtel, in: Das Buch der Märchen, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/Main 1995

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung der Autorin. Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies gilt ebenso für das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung und der Einspeicherung und Verarbeitung in 

elektronischen Systemen. 

Die Handlung und die handelnden Personen sowie deren Namen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Es war still in der Straße. Dunkelheit sank langsam über die Stadt. Die Straßenlaternen glimmten auf und tauchten die Fassaden in sanftes Licht. Im ersten Stock des hellblauen Eckhauses ging die Beleuchtung an.

Gespannt wartete er im Schutz des dunklen Hauseingangs direkt gegenüber, wen er gleich sehen würde. Seinen Sonnenschein oder sein Abendrot? Sie waren wie Tag und Nacht, die beiden Schwestern, so verschieden und so einzigartig, jede auf ihre Art. Lange hatte er nach ihnen gesucht ...

Mit der Linken knetete er das Baumwolltuch in seiner Tasche, das er immer bei sich führte. Die Kühle des Stoffes beruhigte ihn. Und das brauchte er auf seinem Posten: Ruhe und Geduld. Er bewegte den Zeigefinger zum Auslöser des Camcorders, den er mit der anderen Hand unverwandt auf das große Fenster gerichtet hielt. Dahinter befand sich vermutlich das Wohnzimmer. Würde sich eine der Schwestern zeigen? Als hätten sie seine Sehnsucht gespürt, bewegte sich etwas in der Wohnung. Er drückte auf Start: Ein Schatten erschien; binnen Sekunden stoppte er die Aufnahme wieder. Es war nur die Mutter. Was für ein Pech. Dann würde er seinen Sonnenschein heute nicht mehr erleben. Der kam nur, wenn die Mutter sich nicht im Wohnzimmer aufhielt. Er vermutete, dass sie sich nicht mochten. Armer, einsamer Sonnenschein. Er seufzte. Gerne würde er bei ihr sein, sich um sie kümmern.

Er kniete sich hin, stellte sich auf eine längere Wartezeit ein, ließ jedoch die beleuchteten Fenster keinen Moment aus den Augen. Wenn er Glück hatte, tauchte Abendrot noch auf. Er drückte das Tuch an seine Wange. Wie es sich anfühlte: glatt, kühl, sanft. Er tröstete sich täglich damit, seit er es in der Umkleidekabine an sich genommen hatte, während sein Sonnenschein im Sportunterricht schwitzte. Er wollte, er musste etwas von ihr besitzen. Ihr Duft hing noch immer schwach in dem Stoff. Tief sog er den Geruch ein: So frisch wie der Frühling, mit einem Hauch von Zitrone. Er ließ sich von seiner Fantasie beflügeln.

Da. Eine Bewegung am Fenster forderte erneut seine Aufmerksamkeit: Abendrot. Sie war da. Von ihr hatte er noch nichts erbeuten können. Sie trug keine Tücher und Schals und wenn, würde sie ihre Schätze nicht aus den Augen lassen. Sie war nicht so vertrauensvoll wie ihre Schwester. Aber er wusste ohnehin, dass sie anders riechen würde. Nach Moschus. Schwer, exotisch. Vielleicht mit einem Hauch Vanille.

Gerade als er daran dachte, schob sie den schweren, bordeauxfarbenen Vorhangstoff, der die Außenseiten des Fensters flankierte, ein Stück zur Seite, presste ihre Stirn gegen die Fensterscheibe und spähte auf die Straße. Das tat sie oft, so als würde sie spüren, dass jemand sie ansah. Die Farbe des Stoffes passte zu ihrer blassen Gesichtshaut und schmeichelte ihrem Teint. Er führte den Finger wieder zum Auslöser und sah durch den Sucher direkt in ihre grünen Augen, die sie mit den Händen abschirmte, um die dunkle Straße besser beobachten zu können. Zurückweichen musste er nicht, denn er war perfekt im Schatten des Hauseingangs verborgen. Oft genug hatte er hier gekauert und die Schwestern beobachtet, bis das Licht in der Wohnung erlosch. Vor dieser Tür konnte er sich aufhalten, solange er wollte. In dem Haus wohnten ältere Leute, die am Abend noch einmal ihren Hund ausführten und danach aus Angst vor Einbrechern die Tür feste hinter sich verriegelten, bevor sie gemeinsam vor dem Fernseher einschlummerten.

Er zoomte ihr Gesicht näher heran. Die Bildqualität wurde dadurch schlechter, aber er wollte ihre Züge später groß in seinem Zimmer sehen. Überdimensional mit dem Beamer an die Wand geworfen. Er sehnte die nächtlichen Stunden in seiner Wohnung herbei, wo er sie beide genießen konnte: Der einen Bild und der anderen Duft ...

Kapitel 1

Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, dass ihr Ende herankam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach: »Liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich sein.«

Amelie zog die Schublade auf und nahm drei Messer heraus. Sie legte sie sorgfältig auf die jeweils rechte Seite neben die Teller mit dem roten Rand. Rot. Die Lieblingsfarbe ihrer Stiefmutter. Sie unterdrückte einen Seufzer. Nur rasch die Gläser mit Orangensaft füllen, dann hatte sie alles erledigt und konnte es sich gemütlich machen. Sie schaute auf die Küchenuhr. Fünfzehn Minuten blieben ihr noch.

Der Wasserkessel pfiff und sie goss sich einen Tee auf. Erdbeer-Sahne, ihre Lieblingssorte. Sie sog den feinen, süßlichen Geruch ein, den sie wie immer als tröstlich empfand.

Viel mehr brauchte sie morgens nicht: Ruhe, Wärme und eine Kleinigkeit zu essen. Diese wenigen Minuten, in denen sie sich frei in der Wohnung bewegen konnte, ohne ein anderes Familienmitglied zu treffen, waren ihr die liebsten, seit sie hier wohnte. Sie machte es sich am Tisch bequem, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, setzte die Füße auf den Stuhl gegenüber und zog ihr Nachthemd darüber, damit sie nicht fror. Sie schaute aus dem Balkonfenster, das den Blick auf den Hinterhof freigab. Im Baum saßen zwei Tauben, die sich lauthals stritten. Der blaue Himmel dahinter war mit bauschigen weißen Wolken übersät. Es versprach ein schöner Tag zu werden.

Sie nahm den Beutel aus dem Tee, der nach vier Minuten lange genug gezogen hatte. Dann richtete sie den Blick erneut nach draußen. Sie horchte kurz auf, als die Dusche im Bad nebenan anging.

Zwei Monate lebte sie mit ihrer neuen Familie in dieser Wohnung. Wenn man das hier überhaupt als Familie bezeichnen konnte. Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, als ihr Vater aufgeregt von seiner neuen Liebe erzählt hatte. Damals lag eine leichte Röte auf seinen Wangen, seine Augen strahlten und sie musste lächeln, als sie seine beinahe kindliche Freude sah. Er war so glücklich gewesen. Zum ersten Mal, seit seine Frau – ihre Mutter – mit 41 Jahren an Krebs gestorben war. Amelie schmiegte ihre Wange an die warme Tasse.

In den ersten Monaten hatte er alles getan, um die Lücke zu füllen, die ihr Tod in Amelies Leben gerissen hatte.

Er war dabei immer dünner und schweigsamer geworden, achtete nicht mehr auf sich selbst. Ihr war es vorgekommen, als hätte die Mutter seine unbeschwerte Seite mit ins Grab genommen.

Bis er auf einer Dienstreise die Neue kennenlernte: Heike Conrads. In einem Supermarkt hatte er rasch etwas zum Abendessen einkaufen wollen und war dabei versehentlich mit Heike so hart zusammengestoßen, dass ihr dabei ein Glas Gurken mit lautem Klirren aus dem Einkaufskorb gefallen war. Sie hatte ihn erst wütend angeblafft, aber als sie in sein Gesicht schaute, war sie plötzlich verstummt. Und dann waren sie beide gleichzeitig in lautes Gelächter ausgebrochen. Als Wiedergutmachung für den Ärger lud ihr Vater Heike anschließend zum Essen ein. Nach zwei Stunden in einer Pizzeria hatten sie bereits Adressen ausgetauscht, und er war mit einem Mal heilfroh gewesen, dass sein Projekt noch viele weitere Reisen in Heikes Heimatstadt erfordern würde. Sie sei perfekt, hatte er lebhaft berichtet: Tüchtig, liebenswert und auch sie lebte alleine mit ihrer Tochter. »Das war eine Fügung des Schicksals«, sagte er. Und so hatte es sich zunächst auch angefühlt.

Amelies Begeisterung legte sich jedoch schnell, als sie Bekanntschaft mit der Neuen machte. Heike hatte schmale Lippen und einen Zug um den Mund, der ihr von Anfang an unsympathisch war. Als sie sich gegenüberstanden, musterte Heike sie von oben bis unten und blähte die Nasenlöcher. Es war nur eine winzige Geste, kaum wahrnehmbar, aber Amelie ahnte, dass Heikes Urteil über sie nicht positiv ausgefallen war. Doch ein Blick auf ihren Vater, der gelöst und albern mit seiner neuen Liebe umging, ließ sie schweigen. Sie würde sich bemühen, ihrem Vater zuliebe ihre Vorbehalte wegzuschieben. Deshalb ging sie einen Schritt auf Heike zu, reichte ihr höflich die Hand ... die Heike nur für den Bruchteil einer Sekunde berührte.

Schon nach kurzer Zeit bat ihr Vater sie erneut zu einem Gespräch und eröffnete ihr unumwunden, dass er mit Heike zusammenziehen wollte. Er ließ Amelie nicht gerne alleine, sorgte sich um sie, während er die ganze Woche beruflich unterwegs sein musste. Es reichte ihm nicht, dass die Nachbarin, die selbst drei Kinder hatte, im Notfall für sie da war. Oder auch Biene, Amelies beste Freundin, und deren Mutter. Bald stand wieder ein neues Großprojekt an, das ihn für längere Zeit in eine andere Stadt führen würde. Es wäre ihm wohler, wenn sie regelmäßig essen würde und jemanden hätte, mit dem sie reden könnte. »Über Frauensachen, Amelie, du weißt schon«, hatte er gesagt. Und schließlich argumentierte er mit Heikes Tochter Sarah, die in Amelies Alter war. »Du hast dir doch immer Geschwister gewünscht«, sagte er. Was hätte sie daraufhin erwidern können? Und wie glücklich er war, ließ sich nicht übersehen.

Amelies Hände waren vor Aufregung feucht, als das erste Treffen anstand. Sie war immer viel alleine gewesen. Obwohl sie beliebt war, vertraute sie eigentlich nur Biene wirklich. Alle anderen waren einfach nur Schulfreunde oder nicht mehr als gute Bekannte. Tatsächlich hatte sie schon als kleines Kind von einer Schwester geträumt. Doch als die ganz in Schwarz gehüllte Sarah mit griesgrämigem Gesichtsausdruck hinter ihrer Mutter hergetrottet kam, das Kinn hob und vielsagend grinste, war ihr klar, dass sie niemals die Schwester sein würde, die sie sich vorgestellt hatte. Nicht einmal die glänzenden schwarzen Handschuhe, die bis über den Ellenbogen reichten, hatte sie ausgezogen. Es war ein seltsames Gefühl, Sarahs Hand in diesem Stoff zu fühlen, der sich so künstlich anfühlte. Je länger sie hier wohnte, umso undurchschaubarer wurde Sarah für sie. Sie wusste nie, was die Stiefschwester gerade dachte. Sarah war wie ein trüber Tümpel: Man sah die Oberfläche, aber nicht, was sich darunter verbarg.

Amelie trank einen weiteren Schluck Tee, tunkte dann ihr Milchhörnchen hinein und biss das feuchte Ende ab, bevor etwas auf ihr Nachthemd tropfen konnte. Die Tauben hatten sich beruhigt und erholten sich dick aufgeplustert von ihrem Streit.

Zwei Monate. Und ihr Vater war mehr unterwegs, als bei seiner neuen Familie. Die ersten beiden Wochen in den Sommerferien hatte er beim Einrichten geholfen, bis alles an Ort und Stelle stand, die Lampen und Bilder hingen. Danach war es still für Amelie geworden. Heike und Sarah waren ein eingespieltes Team und lebten, als sei Amelie gar nicht da. War Jörg zu Hause, gurrten sie um die Wette und bezogen sie plötzlich mit distanzierter Freundlichkeit ein. Amelie spielte mit – ihrem Vater zuliebe.

Zum Glück hatte sie ein eigenes Zimmer, in das zwar nicht viel mehr passte als ein Bett, ein Schreibtisch und ein Schrank, aber es war ihr Reich, ging wie die Küche nach hinten zum Hof raus und sie konnte sich wunderbar entspannen, wenn sie in die wiegenden Zweige des Baumes schaute und sich hinträumte, wo immer sie wollte.

Auch jetzt nutzte sie die Zeit, die ihr blieb, bevor Sarah und die Mutter die Küche einnahmen. Die Wohnung hatte 120 Quadratmeter und besaß zwei Bäder. »Ein Muss für eine Familie mit drei Frauen, Jörg!«, hatte Heike geflötet, als sie nach einer gemeinsamen Wohnung suchten. Und so konnten sie sich gut aus dem Weg gehen. Amelie hatte sich angewöhnt, als erste aus dem warmen Bett zu schlüpfen und in Ruhe zu frühstücken, während die beiden anderen je ein Bad besetzten und erst wieder daraus hervorkamen, wenn sie komplett angezogen und geschminkt waren. Heike, die eher der sportliche Typ war, sah man im Grunde nicht an, was sie dort so lange tat. Aber Sarah, die ihre Augen mit schwarzen Balken umrahmte und deren kupferrotes Haar ihr fast bis zum Po reichte, striegelte dieses so lange, bis es geschmeidig war und glänzte. Amelie hatte aufgrund der eher schlampig wirkenden Kleidung ihrer Stiefschwester beim ersten Treffen geglaubt, Sarah würde keinen großen Wert auf Körperpflege legen. Seit sie mit ihr zusammenlebte, bemerkte sie aber, dass das Bedürfnis nach Reinlichkeit bei ihrer Schwester beinahe pedantische Züge hatte. Sarah roch auch sehr gut. Es war ein erdiger, schwerer Duft, der perfekt zu ihrer mysteriösen Erscheinung passte.

Amelie tunkte erneut ihr Milchhörnchen ein, streute dieses Mal aber noch ein klein wenig Zucker auf die feuchte Seite. Sie brauchte heute etwas Süßes für die Seele. Als sie genüsslich den Belag ableckte, hörte sie die Klospülung und die erste Tür. Die Ruhe war vorbei. Eilig schob sie den letzten Bissen in den Mund und räumte ihren Teller weg. Eine hohe Stimme gellte genervt durch den Flur, dann knallte erneut eine Tür.

Amelie nahm ihre Tasse, drückte den Power-Knopf der Kaffeemaschine und huschte schnell in ihr Zimmer, um sich für die Schule fertigzumachen. Normalerweise sprang auch sie kurz unter die Dusche, aber da sie wegen des wundervollen Spätsommerwetters in dieser Woche statt in der aufgeheizten Sporthalle zu schwitzen, ins Schwimmbad gehen würden, schlüpfte sie einfach in Jeans und T-Shirt. Dann kämmte sie ihre langen blonden Haare durch und band sie zu einem Zopf. Amelie streckte ihrem Spiegelbild die Zunge raus und grinste.

Es hatte einen Vorteil, wenn sie gar nicht erst ins Bad ging: Dann durfte Madame ihre Sachen, die ganz sicher wieder auf dem Boden im Bad herumlagen, selbst wegräumen. Sonst war Amelie es, die Sarahs achtlos auf den Boden geworfene Handtücher zum Trocknen aufhängte. Aber am schlimmsten waren Sarahs rote Haare im Waschbecken – ekelhaft. Sie hatte sie einmal gebeten, die doch bitte wegzuwischen, worauf sie nur einen genervten Pfiff durch die Zähne erntete – und seitdem fand sie eher mehr als weniger Haare im Becken. Sie hasste es, aber was sollte sie machen. Heike hatte die Aufgaben im Haushalt verteilt und ihr den Badezimmerdienst zugewiesen. Wenn die Bäder nicht glänzten, gab es von beiden Damen Stress. Normalerweise. Aber heute war ihr das egal. Schwungvoll warf sie ihre Tasche über die Schulter und ging zur Tür hinaus, nachdem sie ein überfreundliches »Tschüss« in den Flur gerufen hatte.

Kapitel 2

Die Luft stand bewegungslos in den Gassen der kleinen Stadt. Wer konnte, hatte längst den Wagen genommen und war an den nahe gelegenen See am Schlosspark gefahren, um sich dort abzukühlen. Nicht so Sarah, die trotz der Temperaturen ganz in Schwarz gekleidet war und eine enge Korsage trug. Schweiß lief ihr in einem kleinen Rinnsal den Rücken hinab, aber um nichts in der Welt hätte sie eine andere Farbe getragen. Oder sich von ihren langen Handschuhen getrennt, die sie das ganze Jahr über trug. Ihre Coolness und ihr Image gingen Sarah über alles. Schlimm genug, dass sie seit Neuestem mit dieser Streberziege gestraft war, dieser Frau Saubermann, die ihr jeden Tag vor Augen führte, dass an ihr einfach nichts stimmte. Amelie war ordentlich, fleißig, zuvorkommend. Pah! Sarah spuckte in hohem Bogen auf den Bürgersteig.

Sie lief mit großen Schritten in Richtung des Jugendzentrums, an das sich eine kleine Wiese mit altem Baumbestand anschloss. Hier traf sie sich jeden Nachmittag mit ihren Freunden. Sie ignorierte die abschätzigen Blicke der wenigen Menschen, die ihr begegneten. Sollten sie doch glotzen. Wenn es ihr zu arg wurde, legte sie noch einen drauf und streckte frech die Zunge raus oder zeigte den Stinkefinger. Kaum jemand wagte es, sie zur Ordnung zu rufen. Im Gegenteil: Die meisten blickten schnell weg und wechselten die Straßenseite. Sicher hatten sie Angst, Sarah könnte »gewalttätig« werden. Das hatten sie vermutlich aus der Zeitung, diese dämlichen Spießer. Sie glaubten einfach alles, was da über »Gothics« stand – vor allem, wenn es negativ war.

Sarah genoss das Machtgefühl, das sie in diesen Momenten spürte, genauso wie in den Zeiten, in denen sie alle gemeinsam grölend durch die Straßen liefen. Einfach nur so – um die Leute zu nerven. Was ihnen auch meistens gelang. Schon häufiger hatten sie sich nachts heimlich getroffen und waren mit Farbeimern durch das Nobelviertel der Stadt gezogen. Dort hatten sie die fein säuberlich getrimmten Hecken bemalt und bunte Punkte auf die Bonzenkarren getupft. Und nie war einer gekommen und hatte was dagegen unternommen. Angst hatten sie, Angst ohne Ende, diese feinen Herrschaften!

Wenn sie spürte, dass man sie fürchtete, dann fühlte Sarah sich wohl. Deshalb war sie gerne in der Clique. Die Gruppe machte sie stark. Auch wenn manche Tage unglaublich öde und die heimliche Sauferei von billigem Wein aus dem Tetrapack nicht wirklich ihr Ding waren. Aber egal. Leute erschrecken, das konnten sie und das machte Spaß. Sarah grinste breit bei dem Gedanken und sprang mit einem Satz auf den Fußgängerüberweg – vor dem mit quietschenden Bremsen ein Auto hielt. Im Schneckentempo überquerte sie die Straße und winkte ihren Freunden, die bereits im Schatten der großen Kastanie vor dem Jugendzentrum saßen.

»Bisschen spät dran heute, was?«, raunzte Eddie sie an, griff ihre Hand und wollte sie zu sich runterziehen.

»Lass das!«, zischte sie zurück. Eddie war ihr Freund. Aber eigentlich nur, weil der, den sie wirklich wollte, sie nicht beachtete. Sarah war lieber mit einem Kerl zusammen, der sie nervte, als alleine zu bleiben. Und Eddie war der Chef der Clique, über eins neunzig groß, mit einem Kreuz wie ein Kleiderschrank. Er war nicht schön, aber er machte was her. Das reichte für den Moment und auch dafür, Gefühle zu heucheln, wenngleich sie schon immer eine Abneigung gegen Eddies Körpergeruch hatte. An einem so heißen Tag ließ sie sich deshalb lieber gegenüber ins Gras fallen.

»Was ist dir denn über die Leber gelaufen? Beweg deinen süßen Hintern sofort hier rüber«, knurrte Eddie und musterte sie mit zusammengekniffenen Augen.

Da sie kaum antworten konnte: Ich ertrage dich nicht, schon gar nicht, wenn du schwitzt, sagte sie: »Ach, nichts. Mein Schwesterherz nervt nur wieder.«

Alex, die neben ihr im Gras auf dem Rücken gelegen hatte, drehte sich um und schaute sie erwartungsvoll an. »Was gab es denn?«

Sarah überlegte. Eigentlich hatte Amelie nichts getan, sondern war ihr nur aus dem Weg gegangen. Aber sie musste etwas Gutes erfinden. Die anderen fuhren voll auf die schrägen Geschichten über ihre Stiefschwester ab. Sarah spannte ihre langen schwarzen Handschuhe über die Ellenbogen, suchte weiter nach einer Story über das blöde Fräulein Rührmichnichtan.

»Na? Erzähl schon!«, pflichtete nun auch Crissi bei.

»Ach, lasst mich doch in Ruhe! Kümmert euch um euer eigenes Zeug!«, meckerte sie genervt in die Runde, und ließ sich einfach nach hinten fallen.

»Erst schlechte Laune verbreiten und dann einen auf Diva machen!« Eddie warf ein Büschel Gras in ihre Richtung.

Sarah ignorierte ihn weiter. Natürlich würde sie sich wieder mit ihm versöhnen, aber jetzt hatte sie keine Lust. Erst recht, weil er meist recht spendabel war, wenn sie am Nachmittag gezickt hatte. Vermutlich wollte er so ihre Laune aufbessern. Allerdings war das nicht gerade die richtige Masche, um sie langfristig davon abzubringen – was sie ihm natürlich nie im Leben verraten würde.

»Ich finde sie ja gar nicht so übel«, sagte Alex in die Stille hinein.

Sarah fuhr hoch. »Was? Du hast sie wohl nicht mehr alle!«

Alex lief rot an. »Na ja, heute Morgen hatte ich auf dem Weg zur Schule einen Platten an meinem Rad und sie hat mir geholfen. Mit Flickzeug und so. Ihre Klamotten sind natürlich grauenhaft, und sie spießert vielleicht rum, aber so schlimm, wie du sie immer schilderst, ist sie gar nicht.«

Sarah ließ theatralisch ihren Unterkiefer runterklappen. Alex und sie waren nie die dicksten Freundinnen gewesen, aber dass sie ihr so offen in den Rücken fiel, war neu. Sie schloss den Mund wieder, kniff die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und äffte Alex nach: »Mit Flickzeug und so. Wie beeindruckend!« Demonstrativ stand sie auf und streckte sich neben dem schwitzenden Eddie aus. »Klar ist sie nett: Weil sie hofft, von dir Informationen zu bekommen!«

Eddie, Crissi und Alex schauten sie verblüfft an.

»Ihr checkt es nicht, oder? Die will genau wissen, was wir hier machen. Und dann ...« Sie setzte sich auf und warf schwungvoll ihre Haare nach hinten. »... dann haben wir alle Ärger am Hals, weil sie ihrem Daddy brühwarm erzählt, dass ihre Stiefschwester mit Alkies rumhängt und mit Schlampen, die jeden an sich ranlassen.«

Die anderen begannen wütend zu protestieren.

»Ist doch wahr, das denkt die von uns!«, fuhr Sarah fort. »Ob das stimmt oder nicht, ist egal, wenn es erst unsere Alten hören. Ihr kennt sie nicht, aber ich sage euch, Blondie hat es faustdick hinter den Ohren!«

Fehlte ihr gerade noch, dass ihre Freunde Amelie gut fanden. Sie spuckte aus und trat mit ihren Doc Martens mitten in den feuchten Fleck auf dem Boden. Sie würde nicht zulassen, dass sie sich hier auch noch so breitmachte, wie in ihrem Zuhause. Niemals.

Als immer noch keiner etwas sagte, fügte sie hinzu: »Alex, du hast ihr doch nichts erzählt, oder? Über unsere Touren und so?«

»Quatsch, wieso sollte ich?«, antwortete Alex, dieses Mal mit einer weitaus weniger rotzigen Stimme.

»Der Weihnachtsmann ist da!«, rief eine hohe Männerstimme. Stefan, Eddies bester Freund, hielt einen Rucksack mit seiner rechten Hand hoch.

»Endlich mal jemand mit guten Neuigkeiten«, sagte Sarah, sprang auf und warf noch einmal einen wütenden Blick in Richtung Alex. »Komm Steff, wir wechseln lieber den Standort, damit wir unsere Ruhe haben.« Mit diesen Worten hakte sie sich bei ihm unter und drehte ihn zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Wenn sie trinken wollten, verzogen sie sich lieber in den Wald nahe dem Schloss. Dort waren sie ungestört und hatten es kühler.

Mit einem Blick über ihre Schulter sah sie, dass Eddie sich erhoben hatte. Sie atmete auf, denn dann würden auch die anderen beiden folgen. Das war Rettung in letzter Sekunde.

Kapitel 3

Die Frau hatte zwei Töchter ins Haus gebracht, die schön und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen.

Sarah atmete tief durch. Ein echter Scheißtag war das heute. Amelie ... überall ging es immer nur um Amelie. Sie konnte den Namen nicht mehr hören. Verärgert kickte sie mit der Schuhspitze einen Stein vom Gehsteig in den nächsten Vorgarten.

Schon beim ersten Treffen hatte sie gedacht, der Schlag würde sie treffen: Amelie war hübsch, hatte eine tolle Figur, war gut in der Schule, beim Sport und einfach nett – die Perfektion in Person. Sarah hatte sofort gewusst, dass ihr ruhiges Leben jetzt in neue Bahnen gelenkt wurde. Mehr noch: Sie hatte Gefahr gewittert.

Sarah wusste zwar, dass sie Heikes Liebling war. Und daran würde sich so schnell nichts ändern. Aber vielleicht würde ihre Mutter irgendwann unangenehme Fragen stellen, wenn sie sich wieder mal über die unfairen Lehrer beschwerte, während Amelie immer von der Schule schwärmte.

Verdammt, warum musste ihre Mutter sich ausgerechnet einen Typen aussuchen, der so eine Prinzessin mitbrachte? Ganz fair war der Vorwurf nicht, denn Jörg war wirklich nett zu ihr. Er hatte sogar spontan mit ihr ganz alleine einen Schnupper-Tauchkurs gebucht, nachdem er gehört hatte, dass sie Meeresbiologin werden wollte. Sie kannte das gar nicht mehr, dass sich jemand wirklich für sie interessierte. Heike war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, erst recht, seit ihr Vater und Julia weg waren. Ihre echte Schwester ...

Das »Ping« ihres Smartphones riss sie aus ihren Grübeleien. Sie zog es heraus. Klar: Eddie war sauer, dass sie so früh abgehauen war. Aber sie hatte heute einfach keine Lust auf den Kerl. Er würde sich schon wieder beruhigen. Sie schaltete das Gerät ab, steckte es wieder in die Hosentasche und schlenderte weiter. Ihr Kopf pochte. Mit zwei Fingern massierte sie die rechte Schläfe. Sie hatte in letzter Zeit häufiger Kopfschmerzen. Vielleicht hätte sie weniger von dem billigen Fusel trinken sollen. Der machte melancholisch – und das war nun das Allerletzte, was ihr jetzt noch fehlte, dass die trübsinnigen Gedanken über sie schwappten wie eine Welle und sie in die Tiefe zogen.

Sie nahm ein Kaugummi aus der Tasche und schob es sich in den Mund. Der Zimtgeruch war ihrer Mutter zuwider. Was gut war – sie musste nicht unbedingt spitzkriegen, dass sie tagsüber trank. Heike war echt cool, aber ihre Lässigkeit hatte Grenzen.

Sarah schloss die Haustür auf und ging, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach oben. Sie schnaufte, als sie das Schloss öffnete. Verdammt, sie sollte wirklich mehr Sport machen. Verdutzt hielt sie inne. Hatte sie das gerade wirklich gedacht? War sie jetzt völlig durchgeknallt? Sie schüttelte den Kopf. »Sport ist Mord und damit basta«, murmelte sie, »und außerdem nur was für magersüchtige Streberinnen.«

Sie passierte Amelies Zimmer, dessen Tür wie immer verschlossen war. Wieder einmal wusste sie nicht, ob ihre Stiefschwester in der Wohnung war oder nicht. Das nervte. Blondie war immer ruhig, hörte Musik nur mit Kopfhörern, um niemanden zu stören. Sarah öffnete die Tür ihres Zimmers, das direkt neben Amelies lag, nur um sie dann mit einem lauten Krachen wieder zuzuknallen. Dann rief sie in den Flur: »Jemand zu Hause?«

»Ich bin hier, Schatz, in der Küche! Ich mache gerade das Abendessen!«

Sarah ging rasch in die Küche und schnupperte. Aber da war kein feiner Duft. Stattdessen: Salat! Sie verdrehte die Augen. Wer sollte davon satt werden? Seit Amelie eingezogen war, gab es ständig Salat. Kein Wunder: Ihre Mutter war schlank, Sarahs ältere Schwester war schlank gewesen und Amelie ... war superschlank. Früher hatte es viel häufiger Sarahs Lieblingsessen gegeben: Reibekuchen, Apfelstrudel, Germknödel. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte es jeden Tag Süßspeisen geben können.

»Was machst du denn für ein Gesicht, Schatz? Hattest du keinen guten Tag?«

Sarah antwortete nicht. Der Singsang ihrer Mutter brachte ihre Laune auf den Tiefpunkt. Würde sie ihr jetzt noch mit kummervoller Miene über den Kopf streicheln, dann wäre es mit Sarahs Beherrschung vorbei.

Heike unterbrach ihre Arbeit und schaute sie erwartungsvoll an. »Ist sie da?«, flüsterte Sarah. Ihre Mutter runzelte verständnislos die Stirn. »Amelie«, zischte Sarah genervt. Manchmal stand Heike wirklich auf der Leitung. Sarah wusste, dass sie in der Hinsicht mehr nach ihrem Vater schlug. Der hatte immer sofort gewusst, was sie meinte.

»Sie ist in ihrem Zimmer. Was ist denn los? Habt ihr euch gestritten?«

Sie schaute noch einmal kurz in den Flur, bevor sie leise die Küchentür schloss.

»Streiten? Mit der kann man sich doch gar nicht streiten! Die kriegt ja nicht mal die Zähne auseinander, wenn man was sagt. Zieht bloß den Kopf ein, wie eine Schildkröte. Aber alle lassen sich von der einwickeln! Möchte bloß mal wissen, wieso!«

»Ach, das bildest du dir doch nur ein.«

»Tu ich gar nicht!« Sarah bemühte sich um eine ruhigere Tonlage. Sie wollte nicht, dass Amelie etwas von dem Gespräch mitbekam. »Und überhaupt: Du hast dich auch schon total verändert, Mama. Salat. Wann gab es bei uns denn früher Salat?«

Heike warf den Kopf in den Nacken und begann lauthals zu lachen. Sarah blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. Wer hatte hier am helllichten Tag getrunken? Sie oder ihre Mutter?

»Sarah, das mache ich nicht wegen Amelie, sondern wegen Jörg! Ich habe einen guten Fang mit ihm gemacht – das musst du zugeben – und ich möchte, dass das noch eine Weile so bleibt. Also sollte ich zusehen ...«, Heike strich über ihre Hüften und wiegte sie hin und her, »... dass ich die Figur halte. Deshalb Salat.«

Nun musste auch Sarah wider Willen lächeln. Sie unterschätzte ihre Mutter manchmal. Vielleicht hatten sie doch mehr gemein, als sie dachte.

Heike setzte sich auf den Stuhl direkt gegenüber von Sarah und nahm ihre Hände. »Und jetzt weg vom Salat und hin zu Amelie. Wo drückt der Schuh? Raus mit der Sprache!«

»Sie ist eben so verdammt ... perfekt!« Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel. »Ich ... ich habe das Gefühl, keiner interessiert sich mehr für mich. Meine Freunde fragen dauernd nach ihr.« Das war zwar gelogen, aber verdammt, sie konnte schlecht sagen, dass sie sich einfach mies fühlte mit ihrem Speck auf den Knochen und den mäßigen Noten – und jetzt stand noch zu befürchten, dass sie auf der Beliebtheitsskala einen Platz hinter Amelie rutschte.

»Alle wollen wissen, was Amelie macht, wie sie hier nach dem Umzug zurechtkommt, wie ihr die Schule gefällt. Mich nimmt gar keiner mehr wahr! Dabei hat sich für mich auch alles verändert. Alles!« Wütend wischte sie die Träne mit dem Handrücken weg.

Ihre Mutter rutschte um den Tisch herum, setzte sich zu ihr auf die Bank und nahm ihre Hände.

»Für uns alle ist das neu. Und dich kennen deine Freunde doch schon lange, kein Wunder, dass sie sich dann für Amelie ...«

»Blablabla«, fuhr Sarah ihre Mutter wütend an. Mann, das gab es doch gar nicht! Mit der konnte man jetzt scheinbar auch nicht mehr reden. Amelie hatte sie auch schon angesteckt mit ihrer sanften, einschmeichelnden Art. Sie zog ihre Hände aus der Umklammerung und verschränkte die Arme wütend vor der Brust.

»Sarah, sei doch nicht immer so stur! Du hörst nur, was du hören willst.« Heike strubbelte Sarah durch die Haare. »Wir haben uns versprochen, dass wir zusammenhalten – nach allem, was passiert ist. Und das bleibt auch so.« Sie hob Sarahs Gesicht an und sah ihr fest in die Augen. »Durch dick und dünn, erinnerst du dich?«

Sarah nickte. Das hatten sie sich versprochen. Vor zwei Jahren, nach dem Auszug ihres Vater und ihrer Schwester Julia. Aber sie war froh zu hören, dass auch ihre Mutter noch daran dachte. Sie wusste nun, dass sie nichts zu befürchten hatte, im Gegenteil. Sarah lächelte.

»Na also! So gefällst du mir schon besser!«

»Ja, ist schon gut, Mama!«, antwortete Sarah.

Sie gehörten zusammen, ihre Mutter und sie. Amelie gehörte nicht dazu. Und dabei würde es bleiben. So einfach war das.

Kapitel 4

Da ging eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. (...) Da nahmen ihm die Schwestern seine schönen Kleider, gaben ihm einen grauen alten Kittel anzuziehen, und dann lachten sie es aus ...

Amelie fühlte sich wunderbar. Die Lehrer hatten den Sportunterricht erneut ins Schwimmbad verlegt und so konnte sie sich bei den Wettkämpfen noch einmal richtig verausgaben. Obendrein hatte sie heute die anderen fünf Mädchen, die gegen sie angetreten waren, mit großem Abstand hinter sich gelassen. Sie fühlte sich glücklich und lebendig. Vielleicht sollte sie einem Schwimmverein beitreten. Dieses idyllisch gelegene Freibad am Waldrand war eine Wucht. Sie hievte sich auf den Beckenrand, stützte sich nach hinten mit den Armen ab, schloss ihre Augen und genoss die spätsommerlichen Sonnenstrahlen.

Auf dem großen Gelände tummelten sich Hunderte von Jugendlichen und Rentnern. Sie liebte das Stimmengewirr und die Wärme auf ihrem Körper. Ein Luftzug direkt neben ihrem Kopf ließ sie aufschrecken: Ein Ball. Ein Junge, der vielleicht zehn Jahre alt war, zog sich am Beckenrand hoch, um ihn wiederzuholen und spritzte sie dabei nass. Er schaute rasch weg und murmelte »’tschuldigung.«

»Schon gut«, sagte sie freundlich, erntete aber erneut eine Tropfensalve, als er mit einer Arschbombe zurück ins Wasser sprang.

Es waren die letzten beiden Stunden gewesen, sie musste nicht zurück in die Schule und konnte sich Zeit lassen. Sie überlegte, ob sie nach Hause gehen oder ob sie das Essen ausfallen lassen und bleiben sollte. Mit Sarah und ihrer Mutter bei Tisch zu sitzen, war nie besonders unterhaltsam. Andererseits verspürte sie Hunger, wie immer nach dem Sport. Sie seufzte und versuchte, die letzten Minuten zu genießen, bevor sie in ihr neues Zuhause musste, als sich plötzlich die Sonne verdunkelte. Wahrscheinlich wieder die Jungs mit dem Ball. Scheinbar machte es ihnen Spaß, sie zu ärgern. Sie öffnete ein Auge.

»Störe ich?«, fragte eine tiefe, warme Stimme.