Verlag: Books on Demand Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Cool Girls can't die - Anna Schneider

Nova liegt reglos auf dem Boden, ihre Augen starren ins Leere. Was ist in dieser Nacht passiert? Die einzigen Zeugen schweigen und Nova selbst kann ihre Geschichte nicht erzählen, weil sie seither bewusstlos ist. Doch Daniel ahnt, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Zusammen mit Novas bester Freundin Jessi macht er sich auf die gefährliche Suche nach der Wahrheit. "Gutes Thema. Gute Geschichte. Gut erzählt." (Monika Feth)

Meinungen über das E-Book Cool Girls can't die - Anna Schneider

E-Book-Leseprobe Cool Girls can't die - Anna Schneider

Impressum

© 2017 Anna Schneider, 82131 Gauting
www.schneideranna.com

kontakt@schneideranna.com

Covergestaltung © Traumstoff Buchdesign traumstoff.at

Covermotiv und Grafik © Le Panda shutterstock.com

Satz: Corina Bomann, my-digital-garden.de

Autorenfoto: Susanne Krauss

Herstellung und Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt
ISBN 978-3-7448-4574-8

„Cool Girls can´t die“ ist die überarbeitete und erweiterte Fassung von „Bald wird es Nacht, Prinzessin“, das 2014 bei Planet Girl erschienen ist.

Unter Verwendung von Zitaten aus Dornröschen, in: Das Buch der Märchen, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/Main 1995

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung der Autorin. Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies gilt ebenso für das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung und der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

»Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich möchte bloß nicht dabei sein, wenn es passiert.«

Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, dass der König sich nicht zu lassen wusste und ein grosses Fest anstellte. ... Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert...

Es sollte die Party des Jahres werden. Tobi ahnte, dass sich diese Ankündigung soeben in völlig absurder Weise erfüllt hatte.

Ganz deutlich spürte er noch das Kribbeln auf seiner Haut. Wenige Sekunden zuvor hatte er seine Lippen gierig auf die von Nova gepresst. Seine Hände waren über ihren zarten Körper geglitten, schnell, immer schneller. Er war verrückt danach gewesen, sie endlich zu berühren, überall.

Sie hatte nicht richtig mitgemacht, was ihn zwar kurz irritierte, aber nicht ausgereicht hatte, ihn zu stoppen. Sie war einfach zu schön, zu wild, zu sexy. Wer wusste schon, wann eine solche Gelegenheit wiederkam. Gewehrt hatte sie sich jedenfalls nicht.

Nun lag Nova mit seltsam verdrehten Gliedern vor ihm auf dem Boden, mit weit aufgerissenen Augen, den Unterkiefer heruntergeklappt, und erinnerte ihn fatal an eine leblose, hölzerne Marionette. Immer noch pochte das Blut dumpf in seinem Unterleib. Verdammt, verdammt, verdammt! Warum rührte sie sich nicht mehr? Verlegen starrte er auf ihren Körper, der in diesem Moment zu vibrieren begann, so als würde er von Krämpfen geschüttelt. Sie blinzelte. Oder bildete er sich das nur ein?

»Tobi, verdammte Scheiße! Was hast du gemacht?«

Felix’ Stimme drang seltsam schrill von weit her an sein Ohr.

»Gar nichts«, wollte er sagen, aber es kam kein Ton über seine Lippen, die immer noch feucht waren und nach ihr schmeckten. Rasch wischte er sich über den Mund, so als könnte er mit dieser Geste die letzten Minuten ungeschehen machen. Verdammt, Nova hatte das doch gewollt, es den ganzen Abend herausgefordert. Derb angemacht hatte sie ihn und seine Kumpels. War doch logisch, dass sie darauf angesprungen waren.

»Wir müssen hier weg«, vernahm er die feste Stimme von Magnus.

Tobi schaute zu ihm rüber. Auch Magnus’ Blick war auf das Mädchen auf dem Boden gerichtet. Magnus war absolut straight, dafür hatte Tobi ihn schon immer bewundert. So auch jetzt.

Genau in dieser Sekunde wurde Tobi eines klar: ALLES hatte sich geändert, als das Mädchen sein Bewusstsein verlor. Das hier veränderte nicht nur diesen Abend, diese blöde Party. Es ging um sein Leben, seine Zukunft. Sie mussten eine Entscheidung treffen. Und zwar schnell, bevor die anderen Partygäste bemerkten, was geschehen war. Voller Panik sah er um sich. Zum Glück waren sie noch immer alleine hier im Garten.

Sebastian schüttelte vehement den Kopf. »Leute, das geht nicht. Wir können sie nicht einfach hier liegen lassen. Atmet sie überhaupt noch? Sie wirkt so ...«

Wieder durchlief eine Welle den Körper des Mädchens, dabei löste sich der Knopf ihrer Jacke und der seidig glänzende BH, den sie darunter trug, wurde sichtbar. Genau wie die Narbe, die quer über ihren Brustkorb verlief. Dann verdrehten sich Novas Augen nach oben, bis nur noch der untere Rand ihrer Pupillen zu sehen war. Es wirkte, als würde sie eine fiese Fratze ziehen.

Tobi wich rasch einen Schritt zurück.

»Seht doch!«, schrie er panisch.

Sebastian deutete mit dem Finger auf das Mädchen, das jetzt wieder völlig starr und unbeweglich war.

»Wir müssen jemanden rufen. Und vor allem dafür sorgen, dass sie nicht an ihrer Zunge erstickt. Das hab ich mal in so ’ner Sendung gesehen.« Sebastian wollte sich hinknien, aber Magnus hielt ihn zurück.

»Fass sie nicht an, du Idiot! Wir machen nichts. Keiner von uns. Niemand hat etwas gesehen und deshalb hauen wir jetzt ab. Verstanden?«

Sebastian schlug seine Hand weg und zeigte ihm wutentbrannt einen Vogel. »Alter, du spinnst doch! Wir müssen ihr helfen. Die Augen ... Das sieht irgendwie alles nicht gut aus!« Er ließ sich neben ihr nieder, wollte etwas tun, aber seine Hände schwebten unentschlossen über ihrem Gesicht, so als gäbe es eine unsichtbare Mauer zwischen ihm und dem Mädchen.

Magnus winkte ab. »Mach doch, was du willst. Dein Problem. Ich verschwinde jedenfalls. So wie ich das sehe, schläft unsere Prinzessin nur. Und das kann sie ruhig ohne mich tun.«

Er machte kehrt, drehte sich aber nach wenigen Schritten noch einmal um. »Damit das klar ist: Von mir erfährt niemand was. Wenn wir alle komplett dichthalten, kann uns keiner was.«

Tobi sah auf Sebastian hinunter, der schaute Magnus hinterher. Dann fixierte er Felix, der zitternd neben ihm stand, aber keine Anstalten machte, etwas zu tun. Magnus war schon fast am Gartentor angekommen. Wenn Tobi sich jetzt beeilte, konnte er ihn noch einholen und sich zu Hause absetzen lassen.

Felix starrte unverwandt zu Boden. Tobi wusste, dass er schon lange ein Auge auf Nova geworfen hatte. Deshalb war Felix vollkommen nervös und fahrig gewesen, seit Nova ihn und seine Kumpels nach draußen geführt hatte. Nun wischte Felix sich über sein schweißnasses Gesicht und rannte ohne ein weiteres Wort hinter Magnus her.

Verdammt, was sollte er nur machen? Sebastian kniete noch immer neben Novas Kopf, hielt ihn jetzt vorsichtig in seinen Händen, wie man eine zerbrechliche Vase berührt. Auch Sebastian hatte offenbar keine Ahnung, was zu tun war.

Tobi konnte noch die Silhouetten von Magnus und Felix erkennen. Er rieb mit der Hand seine Stirn, wobei ihm Novas Duft in die Nase stieg. Sogar seine Hand roch nach ihr! Wieder und wieder wischte er die Handfläche an seinem Oberschenkel ab. Er musste sich jetzt entscheiden. Er sah das Mädchen auf dem Boden an. Dieser Abend war ein Wendepunkt.

»Ich hole Hilfe«, sagte er schließlich.

„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.“ ... In dem Augenblick aber, ..., fiel sie auf das Bett nieder, das da stand und lag in einem tiefen Schlaf.

Tobi stand inmitten der Partygäste, die sich in dem abgedunkelten Raum wie ferngelenkt zur Musik bewegten. Die lachenden Gesichter erschienen ihm aufgesetzt, seltsam fremde Fratzen. Er war zum Haus gerannt, hatte die Balkontür aufgestoßen und hineingebrüllt, dass draußen jemand lag und Hilfe brauchte. Aber entweder hatte er keinen Ton herausgebracht oder – was viel schlimmer war – es hatte tatsächlich niemanden interessiert.

Er blickte sich hektisch um, konnte den Laptop oder iPod, von dem die Musik abgespielt wurde, jedoch nicht finden. Bei diesem Lärm würde niemals jemand von ihm Notiz nehmen. Scheiße!

Er stieß die Tanzenden unsanft zur Seite, ignorierte ihre Beschimpfungen. Irgendwo musste das dämliche Ding doch stehen. Verdammt, warum war es so dunkel und eng hier drinnen? Er fragte verschiedene Leute nach dem Computer, aber keiner wusste Bescheid. »Ist doch cool, die Musik« oder »Keine Ahnung« brüllte man ihm genervt entgegen.

Um eine bessere Sicht zu bekommen, machte er sich schließlich daran, auf das Sofa zu steigen. Verärgert kickte er den Fuß eines Mädchens, das dort saß, weg und sprang mit einem Satz auf die wacklige Sitzfläche. Er hatte einfach keine Zeit!

»Verdammt! Hört denn hier keiner zu? Stellt doch mal die Musik ab, Mensch!«, schrie er gegen den dröhnend lauten Beat an. »Da draußen liegt ein Mädchen! Wir brauchen Hilfe!!!«

Kaum hatte er den Satz beendet, zog ihn jemand am Pulli vom Sofa herunter und herrschte ihn mit einer fiesen Fahne an: »Beweg deinen Arsch hier weg und erzähl das irgendwem, den das interessiert, du Spast! Wir feiern hier nämlich ’ne Party, verstanden?«

»Ach Scheiße, de hat b’stimmt nur einen su viel gesoffn und pennt sein’ Rausch aus«, lallte ein Mädchen. Tobi war wütend, aber sich jetzt mit diesem Kerl anzulegen, brachte nichts. Er murmelte: »Schon gut, schon gut«, wand sich aus dem Klammergriff des Betrunkenen und stand einen Moment unschlüssig inmitten der grölenden, feiernden Masse. Es roch nach Parfum und Schweiß, nach Alkohol und Dope, und Tobi begriff, dass er im Haus nur Zeit vergeudete. Es war besser, sich wieder in Richtung der Türen zu kämpfen und tatsächlich jemanden anzurufen. Hier drin war es einfach zu laut und er wollte nicht, dass man seinen Anruf für einen Partyscherz hielt.

In der Tür drängelte er sich an einem Jungen vorbei, der auch nach draußen strebte.

»Hey, hey! Mal langsam!« 

Wieder einer, der einen halben Kopf größer war.

Aber mit dem schnieken Polohemdchen unter der Jeansjacke wirkte der nicht so, als würde er Probleme machen. Um diese Uhrzeit und bei dem Pegel, den die Partygäste mittlerweile hatten, musste Tobi dennoch auf der Hut sein.

»Sorry, aber ich muss dringend Hilfe rufen!« Tobis Hirn lief auf Hochtouren. »Verdammt, wo sind wir hier überhaupt?« Er war mit Magnus gefahren und hatte natürlich weder auf die Straße noch auf die Hausnummer geachtet. Er wusste nur, dass sie in Sachsenhausen waren.

»Unterster Zwerchweg 28. Wieso? Was ist denn los? Kann ich dir helfen?«

»Ein Mädchen ist umgekippt, sie liegt im Garten«, antwortete Tobi und ließ das Handy wieder sinken.

»Bring mich hin. Ich arbeite in einem Krankenhaus. Vielleicht kann ich was tun.«

Erleichtert schlug Tobi dem Jungen auf die Schulter und rannte in Richtung der dichten Lorbeersträucher, hinter denen man von hier aus weder Sebastian noch Nova sehen konnte. Also hatte man auch nichts von dem, was zuvor dort passiert war, sehen können, stellte Tobi beruhigt fest.

»Hat sie zu viel getrunken? Oder nichts gegessen? Wegen so was kippen Mädchen meistens um«, wollte der Typ im Laufen wissen.

»Keine Ahnung«, erwiderte Tobi. »Ich kenne sie nur flüchtig und wir haben sie erst vor ’ner guten Stunde oder so getroffen.«

Sie gingen um das Gebüsch herum und obwohl Tobi wusste, was ihn erwartete, stockte ihm der Atem: Sebastian lag jetzt mit nacktem Oberkörper eng an Nova gepresst neben ihr auf dem Boden.

Er hatte offenbar sein Hemd ausgezogen und ihr ordentlich über die Beine gelegt. Ihre Armeejacke, die sie ganz lässig getragen hatte, war nun bis zum letzten Knopf geschlossen. Und sie lag auch anders. Mit ganz geraden Gliedern, nicht mehr so verdreht wie zuvor. Wie aufgebahrt, schoss es Tobi durch den Kopf.

Irritiert schaute er zur Uhr. Er war länger weg gewesen, als er gedacht hatte. Was hatte Sebastian nur gemacht? Der Polohemd-Typ kniete bereits auf Novas linker Seite und fühlte ihren Puls, den Blick mit gerunzelter Stirn auf seine eigene Uhr gerichtet.

»Unserer Prinzessin ist auf einmal ganz kalt geworden!«, murmelte Sebastian, dessen Augen halb geschlossen waren. Seine Stimme klang viel höher als vorhin.

»Du musst einen Krankenwagen rufen«, forderte der Typ Tobi auf. »Schnell. Und sag, dass ihr Puls ziemlich flach geht.« Dann richtete er sich an Sebastian »Wie lange liegt sie schon hier?«

»Keine Ahnung«, antwortete der und grinste seltsam. »Ich hab nicht auf die Uhr gesehen.«

Hoffentlich fing Sebastian jetzt nicht an zu lachen. Tobi betete, dass der Polohemd-Typ keinen Verdacht schöpfte. Es wäre doch besser gewesen, mit Magnus abzuhauen. Diese Geschichte wurde immer brenzliger.

Seine Hand zitterte stark, immer wieder drückte er die falschen Tasten. Ruhig bleiben, sagte er sich, aber ihm war plötzlich, als würde er ebenfalls ohnmächtig werden. Was war heute nur los? Lief denn einfach alles schief?

Erleichtert ließ er sich schließlich das Handy aus der Hand nehmen, als der Junge mit dem Polohemd neben ihn trat und völlig ruhig den Notruf wählte. Gefasst und präzise gab er Auskunft, so als hätte er das schon öfter gemacht. Während offenbar am anderen Ende noch jemand wartete, hielt er das Mikro zu und raunte: »Wisst ihr wenigstens, wie sie heißt?«

Tobi nickte. »Nova Jacobs.«

Der Typ wiederholte den Namen und bestätigte, dass er auf den Krankenwagen warten würde.

Tobi starrte ihren Retter erstaunt an und atmete auf. Das Schicksal meinte es doch noch gut. Wenn der jetzt das Kommando übernahm, konnte er endlich weg von hier.

Er schaute zu Nova, die noch eine Spur blasser wurde und immer mehr mit dem Untergrund zu verschmelzen schien, so als würde sie langsam versinken. Er wischte sich über die Augen, hielt die Lider geschlossen, aber ihr Bild war wie eingebrannt in diese Dunkelheit. Und ihre Augen schienen ihn dabei klagend anzustarren. Er schüttelte sich.

»Schon gut.« Der Polohemd-Typ legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du hast alles richtig gemacht. Mehr können wir im Moment nicht für sie tun. Der Krankenwagen wird ja auch gleich hier sein. Wisst ihr vielleicht noch irgendetwas? War sie alleine hier? Hat sie was getrunken?«

»Keine Ahnung. Ich meine, wie gesagt, ich kenne sie nur von der Schule. Ich weiß fast nichts von ihr. Wir haben gequatscht, wie man das halt so macht auf einer Party. Keine Ahnung, was in ihrem Glas drin war, und schon gar nicht, was sie davor getrieben hat.«

Tobi sah auf die Uhr und trat unruhig von einem Bein auf das andere. Was würde der Typ denn noch alles fragen?

»Wenn du wegmusst, ich kann bleiben.« Seine Hand drückte fest Tobis Schulter, dann kniete er sich wieder neben Nova und roch an ihrem Mund.

»Riecht nicht so, als ob sie was getrunken hätte. Aber das kriegen die im Krankenhaus sowieso schnell raus.«

Tobis Blick traf den von Sebastian, in den auf einmal wieder Leben kam. Er erhob sich urplötzlich. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt, auf seiner Stirn stand Schweiß, obwohl sich eine Gänsehaut über seinen gesamten Oberkörper zog. Ohne sein Hemd musste ihm verdammt kalt sein. Die Luft war bereits feucht und schwer. Vielleicht war das heute der letzte Sommertag gewesen.

»Ich muss weg. Verdammt spät geworden, und wenn der hierbleibt«, Sebastian deutete mit dem Kinn zu ihrem Helfer, »dann sollten wir besser die Düse machen. Ich hab keinen Bock auf Ärger mit meinen Alten.«

Er wies mit dem Kopf in Richtung Gartentor und wedelte mit der Hand, um Tobi anzutreiben.

Der Polohemd-Typ stand auf, gab Sebastian sein Hemd zurück und wollte Nova gerade seine eigene Jacke über die Beine legen, als ein heftiger Schauer ihren Körper durchschüttelte. Wieder fühlte er Novas Puls.

»Scheiße, Herzstillstand«, sagte das Polohemd und begann, Nova zu beatmen. Er streckte ihren Hals nach hinten durch, öffnete ihren Mund, holte tief Luft und beugte sich dann über ihr Gesicht. Tobi konnte nicht zusehen, wollte sich nicht an den letzten Kuss erinnern und schaute stattdessen irritiert auf Novas Knie.

Dort bemerkte er jetzt eine Verletzung, die feucht durch die kaputten Netzstrümpfe glitzerte. Sie hatte auch einen blauen Fleck am Oberschenkel. Hatte sie den zuvor auch schon gehabt? Er konnte sich nicht erinnern.

Als der Fremde mit der Herzmassage begann, sagte er keuchend: »Gebt mir nur noch kurz eure Namen und Adressen, bevor ihr geht. Nur für den Fall, dass jemand Rückfragen hat.«

Tobi rieb seine Hände über die Oberschenkel. »Was denn für Fragen? Was meinst du?«

»Keine Ahnung. Nur für den Fall. Ich heiße Daniel. Daniel Schmidt.«

Tobi strich sich die Haare aus dem Gesicht und suchte Sebastians Blick. Der knöpfte sein Hemd zu und nickte.

»Ich bin Tobias Köster und mein Kumpel heißt Sebastian Bode.«

Im Hintergrund ertönte das Geräusch des Martinshorns. Ohne ein weiteres Wort wandten die beiden sich zum Gehen, als Daniel ihnen etwas nachrief. Tobi zog die Schultern zusammen. Was denn noch, dachte er. Die Sirene wurde lauter, aber er drehte sich noch einmal um.

»Hier. Schnell.« Daniel griff in seine Hosentasche und warf ihm eine Visitenkarte zu. »Ich begleite sie ins Krankenhaus. Kannst mich anrufen, dann sag ich euch, was mit ihr ist.«

Eilig hob Tobi die Karte auf, steckte sie ein und vermied den Blick auf Nova, über deren Gesicht sich der Fremde gerade wieder beugte, um sie zu beatmen. Tobi hoffte so sehr, dass alles gut würde. »Danke, Mann!«

Als sie die Straße erreichten, hielt der Krankenwagen vor dem Haus. Obwohl er die letzten Meter ohne Sirene gefahren war, hatte das Blaulicht die Aufmerksamkeit der Feiernden geweckt. Frederik, in dessen Elternhaus die Party stattfand, rannte panisch zu den Sanitätern, die bereits eine Trage aus dem Wagen holten und nach dem Weg in den Garten fragten.

Sebastian stand wie festgenagelt auf dem Gehweg. Tobi zog ihn am Ärmel weiter. Sie mussten wirklich weg hier. Sebastian aber hielt dagegen und begann laut zu lachen. Erst jetzt bemerkte Tobi, dass sein Freund völlig hinüber war.

»Ey, wie cool ist das denn?« Sebastian zeigte zum Garten hinüber. »Die trampeln alle durch den Garten. Schau mal, da kotzt eine.« Wieder lachte er irre und schüttelte seinen Lockenkopf.

»Schrei hier nicht so rum, Idiot. Wir sollten lieber abhauen! Bevor noch jemand mit uns ausdiskutieren will, was passiert ist.«

Sebastian hielt den Finger auf die Lippen.

»Du checkst es nicht, oder? Unsere Spuren! Die findet jetzt keiner mehr. Wir sind aus dem Schneider, Alter!«

Der lange weiße Flur war menschenleer und wirkte in dem grellen Neonlicht kalt und unpersönlich. Daniel saß auf der Intensivstation und schaute auf seine Hände. Im Krankenwagen hatte er Novas schmale Hand gehalten, fortwährend ihren Puls gefühlt und ihr blasses Gesicht betrachtet, während sie mithilfe einer Intubation beatmet wurde. Die Sanitäter hatten ihn mitfahren lassen, nachdem er ihnen erzählt hatte, dass er sein freiwilliges soziales Jahr im Krankenhaus Sachsenhausen machte; sie lobten ihn für seine Unterstützung, die Nova vermutlich das Leben gerettet hatte.

Das Mädchen tat ihm irgendwie leid, denn offenbar war niemand daran interessiert gewesen, sie im Rettungswagen zu begleiten. Was hatte Nova so ganz alleine auf der Party gemacht? Sie war höchstens 16 Jahre alt und wohl kaum ohne eine Freundin dorthin gegangen. Oder ohne einen Freund. Doch auch als die feiernde Meute endlich bemerkt hatte, was los war, kam niemand, der sich für sie verantwortlich fühlte. Und die Jungs, die sie gefunden hatten, konnten gar nicht schnell genug abhauen.

Nicht nur diese seltsamen Umstände hatten ihn dazu gebracht, bei ihr zu bleiben. Das Mädchen berührte ihn auf eine seltsame Weise und er hatte das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Sie erinnerte ihn an seine kleine Schwester und sogleich erschwerte ihm ein Kloß im Hals das Schlucken.

Daniel lehnte sich zurück, bis er am Hinterkopf die Wand fühlte. Nova befand sich jetzt in dem Zimmer auf der anderen Seite des Ganges. Obwohl die Tür geschlossen war, wurde er das Bild nicht los, wie sie dort inmitten der piepsenden technischen Geräte lag, die fortwährend ihren Blutdruck und Herzschlag überprüften, während eine Spritzpumpe sie mit Medikamenten versorgte und sie beatmet wurde. In diesem riesigen Bett hatte sie kleiner gewirkt, ihre Gesichtsfarbe und ihre Lippen waren fast genauso bleich wie die Krankenhausbettwäsche. Selbst ihre schwarzen Haare schienen ihren Glanz verloren zu haben.

Sie war ins Koma gefallen – mehr hatte man ihm nicht sagen können, und er wollte nicht aufdringlich erscheinen. Was war nur dort draußen im Garten geschehen?

Daniel sah auf die Uhr, dann starrte er die gegenüberliegende weiße Wand an, die ein paar graue Schlieren aufwies. Vermutlich stammten sie von den Krankenbetten, mit denen man die Patienten von einer Station zur nächsten transportierte.

Es war schon spät, aber er wollte dennoch bleiben, falls jemand Fragen zu der Party hatte. Immerhin kannte er Novas Begleiter. Nach Hause zu gehen machte ohnehin keinen Sinn mehr, denn seine Schicht begann bereits in drei Stunden. Er würde sich sicher irgendwo im Besucherbereich ausruhen können, wenn er nicht mehr gebraucht wurde.

Energische Schritte auf dem Gang ließen ihn aufhorchen. Eine blonde, schlanke, tadellos frisierte und geschminkte Frau kam auf High Heels durch die Schleuse in die Station gerauscht, in ihrem Schlepptau das perfekte männliche Gegenstück. Trotz der blauen Schutzkittel, die das Paar vor dem Betreten der Station anlegen musste, wirkten sie edel und einflussreich. Rasch erhob Daniel sich, aber die Stationsschwester eilte den Ankömmlingen bereits entgegen. Sie verbreiteten Unruhe und machten für die fortgeschrittene Uhrzeit viel zu viel Lärm in dieser Abteilung, in der nur die wirklich kranken Menschen lagen, die Erholung und Ruhe bitter nötig hatten.

»Wieso ist sie nicht in die Uniklinik gebracht worden? Nova hat einen Ausweis dabei, da steht ganz klar ...«, herrschte die Blonde die Schwester an.

»Es tut uns leid, Frau Jacobs, sie hatte nichts bei sich. Aber ich versichere Ihnen, dass sie bei uns gut aufgehoben ist. In ihrem Zustand war es wichtig, direkt ins nächstgelegene Krankenhaus zu fahren. Wir fordern jedoch gerne die Unterlagen ...«

»Zustand? Welcher Zustand?«, unterbrach die Frau mit barscher Stimme die Schwester. »Was ist es denn dieses Mal? Wo war sie überhaupt?«

Daniel klappte verblüfft der Unterkiefer herunter. Die Art der Frau war ihm auf Anhieb unsympathisch, aber diese Bemerkung war dermaßen kalt, keine Spur von Sorge klang da mit. Arme Nova. Sie hatte offensichtlich nicht nur in dem Krankenzimmer zu kämpfen.

»Ihre Tochter war auf einer Party in Sachsenhausen. Sie ist ohnmächtig geworden und ein paar Jungs haben gleich den Krankenwagen benachrichtigt.«

»Ein paar Jungs. Wie immer!« Genervt blickte die Frau an die Decke und schob die Hand ihres Mannes weg, als handelte es sich dabei um ein lästiges Insekt.

Der Mann hatte noch keinen Ton gesagt, seit das Paar den Flur betreten hatte, und machte auch jetzt einen völlig gleichgültigen Eindruck.

Daniel verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, bemüht, kein Geräusch zu verursachen. Hatten die denn nichts Besseres zu tun, als die Schwester anzugiften? Immerhin lag ihre Tochter im Koma.

Der Mann sah nun auf die Uhr und rieb seine Hände. Endlich kam Bewegung in ihn. »Wenn Sie keine Unterlagen von unserer Tochter gefunden haben, sollten wir zunächst die Formalitäten erledigen.«

»Gerne«, antwortete die Schwester. »Wollen Sie in der Zwischenzeit vielleicht zu Nova?«, wandte sie sich an die Frau. »Sie ist nicht bei Bewusstsein, aber sicher würde es ihr guttun, Ihre Stimme zu hören, berührt zu werden.«

Die Frau schnaubte unwirsch und schaute auf die Uhr. Sie wirkte nicht wie jemand, der bereit war, unnötige Zärtlichkeiten zu verteilen und Daniel wunderte sich, dass sie tatsächlich in Novas Zimmer ging. Bei ihrem Getue hätte es ihn nicht überrascht, wenn sie einfach auf dem Absatz umgedreht wäre.

Nach wenigen Sekunden hörte Daniel einen kurzen Aufschrei aus dem Zimmer. Er sprang auf und rannte hinein.

Novas Mutter zitterte und zeigte mit dem Finger auf den Brustansatz ihrer Tochter. Dorthin, wo die Elektroden befestigt waren, die ihre Werte weiterleiteten. »Schauen Sie sich das an!«, stieß sie hervor, ohne sich umzudrehen. »Sie ist doch noch viel zu jung! Was hat sie sich dabei gedacht?«

»Diese Geräte dienen der Überwachung«, antwortete Daniel ruhig.

Der Kopf der Blonden fuhr herum und sie starrte ihn wütend an. »Das weiß ich auch! Ich meine DAS!«

Sie zog die Decke ein Stück herunter, sodass Novas Brüste fast völlig entblößt waren. Nun sah auch Daniel, was sie meinte: eine Tätowierung. Auf jeder Seite rankten zwei verschnörkelte Wörter, die der BH offensichtlich zuvor verdeckt hatte: Cool Girls can’t die.

Die Frau stand neben Novas Bett, ihre Hände waren zu Fäusten geballt und Daniel sah, dass sie bebten. Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel und tropfte auf den Boden. Scheinbar konnte sie sich nur mit Mühe beherrschen und murmelte so leise, dass man es in der Geräuschkulisse kaum verstand: »Was denn noch? Was tust du uns als Nächstes an? Warum musst du uns so quälen, das alles ist doch schon schlimm genug.«

Und an Daniel gewandt sagte sie: »Ich ... kann nicht. Ich halte das einfach nicht länger aus.«

Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer, rasch verhallte das Stakkato ihrer Schritte auf dem Gang.

Daniel ging um das Bett herum, vermied es, auf den feuchten Fleck auf dem Boden zu treten, als seien die Tränen eine gefährliche Substanz. Dann zog er Novas Decke wieder hoch. Einem Impuls folgend strich er ihr den dichten Pony aus der Stirn.

»Ich finde heraus, was heute passiert ist. Irgendetwas muss gewesen sein ... Wach auf, Nova. Erzähl mir, was los war.«

Als sich nichts in ihrem Gesicht rührte, nickte er ihr zu und trat leise zur Tür. Sie war schon genug gestört worden. Sie brauchte jetzt ihre Ruhe. Morgen würde er wiederkommen.

Videoblog vom 8. Februar 2013

(Großaufnahme von Novas Gesicht, am Schreibtisch sitzend, der Blick direkt in die Kamera gerichtet)

Ich wünschte manchmal, ich wäre einfach weg. Ich will mich auflösen. In tausend Teile zerfallen. Zisch und weg bin ich. So wie die Hexen und Zauberer in alten Schwarz-Weiß-Filmen. Dann kann ich durch die Luft fliegen, in winzigen Teilen durch die Wolken wirbeln, lande auf Blumen und Menschen ... Dann wäre ich ÜBERALL. Und nirgends. Weg und doch da.

Aber dann gibt es diese Momente, da will ich groß sein, riesig, überdimensional, unübersehbar. Jeder soll mich wahrnehmen, mich beachten, mich kennenlernen. Meine Sehnsucht spüren nach Berührungen, nach Gerüchen, nach Geschmack.

Vorhin war ich im Café. Ich hab mir einfach alle Dinge bestellt, die ich besonders gerne mag. Acht Teller und drei Gläser standen vor mir, es war kaum Platz genug da, um sie auf das winzige runde Tischchen zu stellen, einige Teller kippten fast über die Tischkante. Leute, das war ein total genialer Augenblick! Ich hab ein Foto geschossen und gleich auf Facebook gepostet.

Nach dem vierten Stück Kuchen war mir natürlich total schlecht und ich musste rennen, um noch schnell zu dem winzigen Klo zu kommen und mich zu übergeben.

Den Toiletteninhalt habe ich auch fotografiert. Aber nicht gepostet. Ich wollte, habe es dann aber doch gelassen. Weil sowieso keiner versteht, wie ich das sehe. Dass auch das zu mir gehört. Es ist ein Teil von mir. Keiner, auf den ich stolz bin. Ich bin ja schließlich nicht bescheuert. Aber er gehört eben bei mir dazu. Zu meinem Leben.

Was hättet ihr gesagt? Überlegt doch mal! Total durchgeknallt, widerlich. Stimmt doch, oder? Das bin ich aber nicht, verdammt.

Ihr versteht es nur einfach nicht. Meine Seele schreit. Und keiner hört mich. NIEMAND. Meine Verzweiflung, meine Angst, die wollt ihr nicht sehen. DAS bleibt alles tief in mir verborgen. Nur da drinnen, in meiner Seele, da ist es mittlerweile so laut, dass ich manchmal glaube, es nicht mehr lange zu ertragen.

»Nimm die Pfoten von meiner Freundin, du Schwein!«, blaffte die kleine Blondine, die gerade Novas Zimmer betreten hatte.

Daniel zog erschreckt seine Hand zurück, mit der er gedankenverloren Novas Wange gestreichelt hatte, bemerkte, wie er rot wurde, und ärgerte sich darüber. Sicher würde sie jetzt denken, dass er tatsächlich irgendwas im Schilde führte. Dabei wollte er Nova nur das Gefühl geben, dass sie nicht alleine war. Ihre Eltern waren den ganzen Vormittag nicht aufgetaucht, das hatte ihm die Schwester, die sich seit der Frühschicht um sie kümmerte, kopfschüttelnd erzählt.

Da er ohnehin mit seiner kurzen Mittagspause nicht viel anzufangen wusste, hatte er rasch ein Brot verdrückt und war dann mit der Erlaubnis der Schwester hierhergekommen, um Nova Gesellschaft zu leisten und mit ihr zu sprechen.

»Betatschen gehört wohl kaum zur normalen Krankenhausbetreuung«, setzte die Blonde nach und schaute ihn herausfordernd an. Das Mädchen war rappeldürr, hatte einen fransigen halblangen Haarschnitt, der weitgehend von einem alten verbeulten Herrenhut aus grauem Cord verdeckt war. Zu ihrem geringelten Kleid trug sie eine abgenutzte Lederjacke und Chucks. Eine wilde Kombination, die ihr allerdings ziemlich gut stand.

»Du gehörst aber auch nicht zur Familie, oder?«, konterte er, wenn auch einen Moment zu spät.

Statt einer Antwort pustete sie ein paar Ponysträhnen vor ihren Augen weg und blickte betroffen auf Nova. Daniel sah, wie sie die Zähne fest zusammenbiss und nur mühsam die Tränen zurückhalten konnte.

»Kann sie mich hören?«, flüsterte sie.

»Man sagt, dass Komapatienten einiges mitbekommen. Musik, Stimmen, Berührungen.« Daniel starrte fasziniert auf das Gesicht der Blonden, auf dem in wenigen Sekunden die Stimmungen genauso schnell wechselten, wie Wolkenbilder im Nordseewind.