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Keine Lüge ist so kalt wie die Wahrheit: Der abgründige Dublin-Krimi »Blutige Rivalen« von Declan Hughes jetzt als eBook bei dotbooks. Als Privatdetektiv ist Ed Loy ungewöhnliche Aufträge gewöhnt, aber dieser führt auch ihn an seine Grenzen: Der einflussreiche Pater Tyrell beauftragt Ed, eine seit zehn Jahren vermisst gemeldete Person zu finden – den ehemaligen Jockey aus dem Pferderennstall der Tyrells. Ist der Geistliche durch das Beichtgeheimnis gebunden … oder verschweigt er aus anderen Gründen mehr über den Fall, als er vorgibt? Schließlich gehört seine Familie zu den mächtigsten und zwielichtigsten Clans der Stadt. Als Ed beginnt, in der Dubliner Unterwelt nach dem Vermissten zu fragen, werden in kurzer Zeit drei Menschen ermordet – und alle scheinen mit der Familie Tyrell in Verbindung zu stehen … »Declan Hughes ist ein Meister des Detektivromans!« Michael Connely Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der fesselnde Dublin-Krimi »Blutige Rivalen« von Declan Hughes. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 516
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Über dieses Buch:
Als Privatdetektiv ist Ed Loy ungewöhnliche Aufträge gewöhnt, aber dieser führt auch ihn an seine Grenzen: Der einflussreiche Pater Tyrell beauftragt Ed, eine seit zehn Jahren vermisst gemeldete Person zu finden – den ehemaligen Jockey aus dem Pferderennstall der Tyrells. Ist der Geistliche durch das Beichtgeheimnis gebunden … oder verschweigt er aus anderen Gründen mehr über den Fall, als er vorgibt? Schließlich gehört seine Familie zu den mächtigsten und zwielichtigsten Clans der Stadt. Als Ed beginnt, in der Dubliner Unterwelt nach dem Vermissten zu fragen, werden in kurzer Zeit drei Menschen ermordet – und alle scheinen mit der Familie Tyrell in Verbindung zu stehen …
Über den Autor:
Declan Hughes, Jahrgang 1963, ist irischer Roman- und Theaterautor sowie Mitbegründer von »Rough Magic Theatre Company«, dem bedeutendsten zeitgenössischen Theater Irlands. Er lebt mit seiner Familie in Dublin.
Bei dotbooks erscheinen folgende Romane von Declan Hughes: »Blutige Lügen«, »Blutiger Hass«, »Blutige Rivalen« und »Blutiges Urteil«
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Aktualisierte eBook-Neuausgabe Februar 2020
Dieses Buch erschien bereits 2008 unter dem Titel »Blutrivalen« im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg
Copyright © der englischen Originalausgabe 2008 Declan Hughes
Die englische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel »The Price of Blood« bei John Murray, London.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2008 Rowohlt Taschenbuch Verlag
Copyright © der aktualisierten Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/SAKhanPhotography
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)
ISBN 978-3-96148-733-2
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Declan Hughes
Blutige Rivalen
Kriminalroman - Der dritte Fall für Privatdetektiv Ed Loy
Aus dem Englischen von Tanja Handels
dotbooks.
Ein Hufeisen mag ja Glück bringen,allerdings ganz sicher nicht dem Pferd,das es verloren hat.
R. E. Shay
Auf das Rennen –und dass wir noch recht lange im Sattel bleiben.
Trinkspruch von Mr. Jorrocks
Drei Wochen vor Weihnachten war Tommy Owens von Father Vincent Tyrrell gebeten worden, für George Costello einzuspringen, der dreißig Jahre lang Küster in der Kirche zur Unbefleckten Empfängnis in Bayview gewesen war, bis er wegen eines inoperablen Magentumors ins Krankenhaus gebracht werden musste. Ein beträchtlicher Teil von Father Tyrrells Gemeinde war über diesen Nachfolger gelinde gesagt empört, denn Tommy war allgemein als Kiffer, Simulant und kleiner Drogendealer verschrien, er gehörte zu den Unverwüstlichen, die immer noch im Hennessy's soffen, und war eindeutig kein frömmelnder Rentner, der in festen Schuhen und Anorak durch die Kirche schlurfte wie der arme George Costello, Gott sei ihm gnädig. Und zugegeben: Als ich Tommy das erste Mal in Talar und Chorhemd am Altar stehen sah, hatte auch ich das Gefühl, in einem Buñuel-Film gelandet zu sein.
Die wenigsten Gemeindemitglieder wussten allerdings, dass Tommy früher einer von Father Tyrrells eifrigsten Ministranten gewesen war, bis zu seinem elften Lebensjahr, als das Sakrament der Firmung den unerwarteten Effekt gehabt hatte, ihn in seinem Glauben nachhaltig zu erschüttern. Ebenso wenig wussten sie, dass er sich, seit seine Mutter einen Monat zuvor ganz plötzlich einem Schlaganfall erlegen war, wieder häufiger in der Kirche herumtrieb, als einziger Heilsuchender unter siebzig in der Zehn-Uhr-Messe. Jetzt stand er bereit, um nach der Halbzwölf-Messe am letzten Adventssonntag den Altar abzuräumen, während ich nach Kräften versuchte, mich mit dem Rest der versammelten Gemeinde über Emmanuels bevorstehende Ankunft zu freuen.
O komm, o komm, Emmanuel,Nach dir sehnt sich dein Israel.In Sünd und Elend weinen wirUnd flehn und flehn hinauf zu dir.
Die Altartücher und Wandbehänge leuchteten violett, der Weihnachtsbaum war bereits geschmückt, vor dem Seitenaltar war die große Krippe aufgebaut, und am Adventskranz brannte die vierte Kerze. Weihnachten bedeutete mir schon lange nichts mehr, Emmanuel hin oder her, aber ich mochte die Adventszeit, weil die aufgebaute Erwartung jedes Mal so groß war, dass man die unvermeidlich bevorstehende Enttäuschung glatt vergaß, wie bei einer Flasche Whiskey oder einer Frau. Wenn allerdings ein Priester am Tag vor Heiligabend nach einem Privatdetektiv verlangt, verschwimmt die Grenze zwischen Erwartung und Enttäuschung doch beträchtlich. In so einem Fall macht man sich am besten einfach auf das Schlimmste gefasst.
Während ich Tommy musterte, wie er, jetzt ohne Messgewand, wieder aus der Sakristei kam, fragte ich mich, ob die ergrauten Gemeindemitglieder, die mit feuchten Wintermänteln und trüben Augen an mir vorbeiströmten und den Geruch von Lavendel, Puder und Staub hinterließen, ihre Meinung über ihn wohl inzwischen geändert hatten. Zumindest hatte er kaum noch etwas mit dem ziegenbärtigen, zottelhaarigen Nichtsnutz gemein, der er noch vor ein paar Monaten gewesen war. Die neue Frisur und das glattrasierte Kinn stammten noch aus der Zeit des Howard-Falls, bei dessen Aufklärung er mir zur Hand ging, nachdem er ihn zu großen Teilen überhaupt erst ausgelöst und mir anschließend konsequenterweise das Leben gerettet hatte. Aber der kunterbunte Acrylpullover, die bequeme Cordhose und die Schuhe mit den weichen Sohlen erinnerten derart an George Costello, dass selbst das dogmatischste unter den alten Mütterchen von Tommys Glauben überzeugt sein musste. Dass er einen kaputten Fuß nachzog – als wir noch Kinder waren, hatte George Halligan ihm den Knöchel zertrampelt, weil Tommy seinem Bruder Leo das Fahrrad geklaut hatte –, tat ein Übriges, das Bild harmloser Frömmigkeit komplett zu machen. Für mich wirkte es vor allem wie ein bizarrer Auswuchs der Trauer, wie die konfusen Verrenkungen wirrer Seelenpein.
Tommy kam durch den Mittelgang auf mich zu, und ich trat aus der Bank heraus. Dann drehte er sich um, und ich folgte ihm zum Altar, wo wir beide noch einmal das Knie beugten, wie es Leuten in unserem Alter eben in Fleisch und Blut übergegangen war. Während der gottlosen Jahre, die ich in L. A. verbrachte, hatten die Leute es immer merkwürdig gefunden, dass ich mich jedes Mal reflexartig bekreuzigen musste, wenn ich an einem Leichenwagen vorbeikam oder von irgendwo Kirchenglocken hörte. Ich kann mir das einfach nicht abgewöhnen. Ich wollte die Stufen zum Altar hinauf Richtung Sakristei gehen, aber Tommy bog nach links ab und trat durch eine Seitentür nach draußen, also folgte ich ihm hinaus in den klaren, kalten Vormittag. Er führte mich einen Pfad entlang über den hinteren Teil des Kirchhofs. Vor einem niedrigen Metalltor zwischen kahlen, raureifglitzernden Maulbeerbäumen und Rosskastanien blieben wir stehen, und Tommy, der es immer noch eisern vermied, mich anzusehen, deutete auf eine viktorianische Backsteinvilla in gut fünfzig Metern Entfernung.
»Ich weiß, wo das Pfarrhaus ist, Tommy«, sagte ich. »Schließlich haben wir da mal dreißig Sack Pferdefutter und vier Dutzend Heuballen hinschicken lassen, einfach so aus Jux.«
»Und Father Tyrrell hat gleich gewusst, dass wir's waren«, sagte Tommy. »Am nächsten Tag stand er in der Schule auf der Matte.«
»Er wusste, dass du es warst«, korrigierte ich. »Und ich weiß auch noch, warum. Weil du nämlich dem Lieferanten deinen richtigen Namen gesagt hast.«
»Quatsch«, sagte Tommy. »Ich hab Timmy Owens gesagt, nicht Tommy«
»Eben. Ist mir ein Rätsel, wie er uns da auf die Schliche kommen konnte.«
»Aber dich hab ich nicht verraten, Ed.«
»Brauchtest du auch gar nicht, es wussten ja ohnehin alle, dass wir immer zu zweit unterwegs sind. Mann, hat der uns den Kopf gewaschen.«
»Mit dir war er gar nicht so streng. Wie immer. Du warst ja eigentlich ein braver Junge, hast dich nur immer zu leicht von Halunken wie mir beeinflussen lassen.«
Ich musste lachen. Mein Atem formte Wölkchen in der frostigen Luft, und auch Tommy musste grinsen. Seit der Beerdigung hatten wir nicht mehr so lange am Stück miteinander geredet.
»Wie läuft's denn so als Küster, Tommy?«, fragte ich und befürchtete fast, er könnte etwas in Richtung »Ist mir ein großer Trost« oder »Gottes Wille geschehe« antworten.
Tommy schnitt eine Grimasse und schaute zur Kirche hinüber, die gerade die letzten Tattergreise im Schneckentempo verließen. Dann zuckte er die Achseln und steckte sich eine Zigarette an.
»Nicht so hundertpro mein Ding, was?«, sagte er.
Darüber mussten wir beide lachen: ein verhaltenes Letzte-Schulbank-Lachen in der kühlen Mittagssonne.
»Immerhin bau ich so keinen Scheiß. Und ich komm aus dem Haus. Ich pack das alles nicht, die Kleider, die Bilder, die ganze Hütte erinnert mich total an sie. Als würde sie da spuken. Weißt ja, wie das ist, Ed.«
Ich nickte. Ich war aus L. A. hierhergekommen, um meine eigene Mutter zu begraben, und anschließend geblieben, um herauszufinden, weshalb mein Vater zwanzig Jahre zuvor verschwunden war. Jetzt lebte ich wieder in dem Haus, in dem ich aufgewachsen war. Was man so Leben nennt. An manchen Tagen kam es mir eher vor wie ein langsames Sterben: Die Seelen der Toten hingen wie Rauch in den Räumen, und ich hatte das Gefühl, daran ersticken zu müssen. Wenn ich nicht gerade arbeitete, schlug ich die Zeit in irgendwelchen Pubs tot und wankte erst nach Hause, wenn ich ganz sicher war, dass ich sofort einschlafen würde. Am nächsten Morgen ging ich gleich nach dem Aufstehen aus dem Haus und fing wieder von vorne an. Wenn ich mal keinen Durst hatte, trieb auch ich mich in Kirchen herum. Da war es warm und still, man war immer willkommen oder bekam zumindest das Gefühl vermittelt. Ich wusste also nur zu genau, was Tommy meinte.
»Dass Father Tyrrell ein Arsch ist, wissen wir ja, aber er ist zumindest ehrlich, er erwartet nicht, dass man mit ihm betet und fromm tut und den ganzen Mist. Und Insiderinfos über die Pferdchen hat er sowieso. Ich mach 'nen Haufen Kohle mit den Tipps, die er mir gibt, und demnächst ist ja wieder Leopardstown.«
Ich hatte drei Wettscheine mit Verlierern in der Manteltasche, weitere flogen in meinem Wagen herum, und auch mein Bankkonto hätte »'nen Haufen Kohle« ganz gut vertragen können. Bevor ich Tommy allerdings bitten konnte, mich an diesen wertvollen Tipps teilhaben zu lassen oder mir wenigstens zu erklären, wie ein katholischer Priester »sowieso« an Insiderinformationen über Galopprennen kam, erschien Father Vincent Tyrrell persönlich in der Tür des Pfarrhauses, schwarz gekleidet und in der Hand eine Zigarette, deren Qualm sich ihm wie ein Kranz um den Kopf wand. Tommy hob die Hand, um den Priester zu begrüßen, dann senkte er den Kopf und trat beiseite, als würde er mich bei Hofe präsentieren, und ich glaubte, ein Zucken in seinem Gesicht zu sehen, ein Flackern in seinen Augen, weder Angst noch Abscheu, oder vielleicht nur eine flüchtige Spur davon. Was immer es gewesen sein mochte, es war schon wieder verschwunden, als er mir zuzwinkerte, mich kurz angrinste und wieder zurück zur Kirche humpelte.
Father Vincent Tyrrell musste inzwischen weit über sechzig sein, hielt sich aber immer noch sehr aufrecht. Er war etwa eins siebzig und hatte einen schneeweißen Bürstenschnitt über einem rötlichen Trinkergesicht mit vorstehenden Wangenknochen, die aussahen wie nachträglich eingesetzt. Sie wölbten sich über schmale, dünne Lippen und ein kleines Kinn, die auffallend großen Augen darüber waren tiefblau und vervollständigten den Eindruck von einem lebhaften, verschlagenen Tier. Er begrüßte mich mit einem dünnen Lächeln und führte mich in ein dunkelgetäfeltes Arbeitszimmer. Die Platte des großen Mahagonitischs war an manchen Stellen schon ganz stumpf und zur Hälfte mit Büchern und Unterlagen übersät. Am anderen Ende sah ich drei Platzdeckchen, einen silbernen Kerzenleuchter, Salz- und Pfefferstreuer, einen übervollen Aschenbecher und drei benutzte Frühstücksteller. Auf einem davon waren zwei Zigarettenkippen in einem Stück Schinkenrinde ausgedrückt worden. Es roch nach Gebratenem, nach Zigarettenqualm und nach Aftershave.
»Entschuldigen Sie bitte die Unordnung. Ich habe zwar eine Zugehfrau, aber sonntags ist nun mal nichts mit Zugehen«, sagte Tyrrell. Er stapelte die drei Teller und den Aschenbecher aufeinander und brachte sie hinaus.
Ich blieb stehen und sah mich im Zimmer um. Bücherregale mit Werken der Philosophie, Theologie, Poesie und Kunstgeschichte, an einer Wand ein hölzernes Kruzifix, ein geflochtenes Brigid-Kreuz über der Tür, Drucke von Mantegnas Kreuzigung, Poussins Letztem Abendmahl und Caravaggios Gefangennahme Christi, jenem verschollenen Meisterwerk, das zu so großem Ruhm gelangt ist, seit es in einem selten genutzten Zimmer eines Jesuitenhauses in Dublin entdeckt wurde, wo es jahrelang unerkannt sein Dasein gefristet hatte. Ich betrachtete den Caravaggio: die unerbittlich hereinbrechende Dunkelheit, die Soldaten, die Jesus ergreifen, das gequälte Gesicht des bärtigen Judas, der bereits bezahlt wurde und nun selbst für seinen Verrat bezahlt. Bevor er sich später erhängte, warf er die dreißig Silberlinge weg, die er für den Verrat erhalten hatte, denn die Priester und Ältesten hatten die Münzen nicht zurücknehmen wollen. Sie nannten es Blutgeld.
Tyrrell kam mit einer Flasche und zwei Kristallgläsern auf einem Tablett ins Zimmer zurück.
»Nun, Ed«, sagte er, nachdem er sich gesetzt hatte, »ich würde einmal vermuten, dass Sie kein Sherry-Freund sind. Die meisten Männer, die glauben, keinen Sherry zu mögen, verbinden damit das scheußlich süße Gesöff, das ihnen ihre Großmütter immer aufgedrängt haben. Ein traumatisches Erlebnis, das sie aus gutem Grund nicht noch einmal durchleben wollen. Aber das hier ist kein süßer Sherry, sondern Manzanilla. Ein leicht salziger Fino. Sehr erfrischend.«
Er schenkte die gelbliche Flüssigkeit aus und reichte mir ein Glas.
Ich setzte mich ihm gegenüber und nahm einen Schluck von dem knochentrockenen Getränk, und dieser Schluck führte mich sofort zurück zu der Frau, die ich damals in Los Angeles gekannt hatte. Eine dunkelhaarige Frau mit spanischen Wurzeln, die jeden Manzanilla vom Palo Cortado unterscheiden konnte und das auch mir beibringen wollte, bis sie es eines Tages eben nicht mehr wollte. Was sie mir allerdings erst sagte, als es längst zu spät war. Wir hatten ein Kind, eine Tochter mit blonden Locken und dem falschen Blut, die noch vor ihrem zweiten Geburtstag starb, und darüber kamen meine Spanierin und ich nicht hinweg. Vielleicht wollten wir auch gar nicht darüber hinwegkommen, gaben uns nicht genug Mühe. Sie war inzwischen wieder verheiratet, mit dem Mann, mit dem sie sich auch während unserer Ehe immer weitergetroffen hatte, die beiden hatten ihr eigenes Kind, einen Sohn, und am Abend zuvor hatte sie mich angerufen. Vielleicht, um mir frohe Weihnachten zu wünschen, vielleicht auch, um mir zu erzählen, wie der Kleine sich entwickelte, oder um mich mit ihrem glücklichen Leben und ihrer glücklichen Familie zu quälen, damit, dass sie mir nie ganz gehört hatte und nun erst recht nicht mehr gehören würde. Was auch immer. Ich hatte ihre Nummer auf dem Display gesehen, aber der Anrufbeantworter war nicht eingeschaltet, also wartete ich, bis es zu klingeln aufhörte. Anschließend wartete ich, bis es noch zweimal erneut geklingelt hatte, und danach noch einige Zeit, eine endlose Zeit, bis ich einschlafen konnte. Seit der Scheidung hatte ich keinen Manzanilla mehr getrunken, und dieser eine Schluck brachte alles zurück, den ganzen Sturm aus Erinnern und Begehren, aus Trauer, Reue und Sehnsucht. Das Mindeste, was man von einem guten Drink erwarten kann.
Ich trank noch einen Schluck, hob den Blick wieder und sagte: »Ein guter Sherry, Father Tyrrell. Sehr pikant.«
»Wie geht es Ihnen, Ed? Alles in Ordnung?«
Ob alles in Ordnung war? Im Zusammenhang mit dem Howard-Fall hatte ich eine Menge öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Martha O'Connor, eine befreundete Journalistin, hatte mich mit Material versorgt und ich sie im Gegenzug mit der ganzen Geschichte. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, mich gut dastehen zu lassen, aber ich hätte auf das ganze Aufsehen durchaus verzichten können. In Dublin zu leben, war schon als Privatmann nicht einfach, geschweige denn als Privatdetektiv: Die Leute wollten ihre Geheimnisse bewahrt wissen und sie nicht auf der Titelseite einer Zeitung abgedruckt sehen. Dementsprechend hatte ich seither Probleme, Klienten zu finden. Ich war mit den Zahlungen der Hypothek, die meine Mutter aufgenommen hatte, um den Ruhestand zu finanzieren, den sie dann nicht mehr genießen konnte, im Rückstand, ich ließ mir in jedem Pub, wo das noch ging, Bargeld auf ungedeckte Schecks herausgeben, und die Bank verlor langsam die Geduld und würde mich über kurz oder lang abschießen. Die örtliche Polizei erfreute sich an meiner Not und versorgte auf DI Fiona Reeds Anweisung hin genussvoll handzahme Journalisten mit wild ausgeschmückten Schilderungen meiner Missetaten. Ich trank zu viel, weil ich keinen Grund hatte, es zu lassen, vielleicht auch, weil mich meine Schulden belasteten, oder warum auch immer, jedenfalls trank ich zu viel und verwettete das Geld, das ich nicht hatte, beim Pferderennen, weil ich jeden Tag von neuem ungefähr beim vierten Drink der offensichtlich trügerischen Überzeugung erlag, das Glück würde mir diesmal hold sein. Ich musterte Father Vincent Tyrrell und spürte das plötzliche Verlangen zu beichten, einen Gott, an den ich nicht glaubte, um Gnade zu bitten, mich in den Schoß einer Kirche zu flüchten, von der ich mich schon vor einer Ewigkeit abgewandt hatte. Wie ging es mir also?
»Danke, gut«, antwortete ich. »Alles bestens.«
»Mir war nur zu Ohren gekommen, dass es in letzter Zeit nicht allzu gut läuft bei Ihnen. Mit der Detektivarbeit.«
»Haben Sie das von Tommy? Sie müssten doch langsam gemerkt haben, dass man Tommy immer nur die Hälfte glauben darf.«
»Tommy hat nichts damit zu tun. Ich höre eben dies und das. Außerdem lese ich Zeitung. Dass diese O'Connor ihre Finger da im Spiel hat, macht es natürlich auch nicht leichter für Sie.«
Tyrrell funkelte mich aus wachen Augen an, und in seinem Blick lag die hübsche Mischung aus Mitgefühl und Boshaftigkeit, mit der er seine Gemeinde seit mehr als dreißig Jahren in Atem hielt. Martha O'Connor war bekannt für ihre Enthüllungsgeschichten über sexuellen Missbrauch durch Priester und medizinische Kunstfehler in katholischen Krankenhäusern, und es passte zu Tyrrells eigentümlichem Humor, mich mit gefährlich unfähigen Ärzten und pädophilen Priestern in einen Topf zu werfen. Ich ging jedoch nicht auf diesen Hieb ein, falls es überhaupt einer gewesen war. Vielleicht machte Tyrrell so etwas ja nur aus alter Gewohnheit.
Stattdessen zuckte ich die Achseln und leerte mein Glas.
»Was kann ich denn für Sie tun, Father?«, fragte ich.
Seine Lippen verschwanden fast in seinem feuchten Mund, während er über diese Frage nachdachte, und ich musste leise in mich hineingrinsen. So war es jedes Mal, wenn ich künftige Klienten fragte, was sie von mir wollten, und je mehr die Betreffenden daran gewöhnt waren, jede Situation selbst zu kontrollieren, desto schlimmer wurde es. Denn sosehr sie es auch vor sich selbst zu verbergen versuchten: Was sie zu mir führte, war nicht die eigene Entscheidung, sondern ein Trieb, und noch dazu einer, den Freunde und Familienangehörige, Staatsbeamte, Politiker oder Polizisten nicht befriedigen konnten. Etwa so wie der Trieb, der Männer zu einer Hure führt. Entsprechend empfand ich oft auch nicht viel mehr für meine Arbeit als den verbitterten Stolz einer Hure.
»Es geht um einen jungen Mann«, sagte Tyrrell.
Es dauerte eine Weile, bis er weitersprach.
»Sein Name war ... sein Name ist Patrick Hutton.«
Ein weiteres langes Schweigen, während Tyrrell seinen Sherry austrank und in das leere Glas starrte. Er trug ein schwarzes Hemd ohne Krawatte, dazu ein schwarzes Sakko, die klassische Priestermontur. Gutgeschnittene Kleidung, das Hemd aus Seide. Aber es war ja schon immer offensichtlich gewesen, dass Vincent Tyrrell nicht nur das Geld der Kirche im Rücken hatte, sondern auch selbst welches besaß: Das Kruzifix, das er am Revers trug, war mit winzigen Diamanten besetzt.
»Es tut mir leid, mir ist schon klar, dass Ihnen das nicht wirklich weiterhilft. Aber viel mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen«, sagte er schließlich, und seine blauen Augen funkelten wieder, als würde ihm seine Schweigsamkeit fast Vergnügen bereiten.
»Viel mehr? Aber Sie haben mir doch noch gar nichts gesagt, Father. Sie haben mir einen Namen genannt. Ich bin wirklich nicht übertrieben bescheiden, was meine Fähigkeiten betrifft, aber mit einem bloßen Namen kann selbst ich nicht viel anfangen. Ich kann im Telefonbuch nachschlagen. Aber das kriegen Sie doch wohl auch noch alleine hin.«
Tyrrell zückte einen Umschlag, öffnete ihn, um mir die Geldscheine darin zu zeigen, und legte ihn zwischen uns auf den Tisch.
»Fünftausend. Für den Anfang.«
Ich starrte wie gebannt auf das Geld. Damit konnte ich meine Hypothekenschulden ausgleichen, meine Rechnungen zahlen, mich selbst halbwegs über Wasser und die Bank in Schach halten, zumindest bis ins neue Jahr. Auch ich hatte meine Triebe, und das dünne Lächeln auf Tyrrells Gesicht zeigte mir, dass ihm das durchaus klar war. Ich schüttelte den Kopf und stand auf.
»Das ist reine Zeitverschwendung. Tommy Owens hat Ihnen offenbar den Eindruck vermittelt, ich wäre eine Art Sozialfall ...«
»Ich kann nur wiederholen, Tommy hat mir gar nichts gesagt. Im Übrigen höre ich ihm auch überhaupt nicht zu. Er neigt nämlich trotz seiner Trauer noch stark zum Schwafeln. Und ich kann Ihnen versichern, wenn es mir um einen Akt der Barmherzigkeit ginge, wären Sie ganz sicher nicht der Erste, der mir einfiele. Patrick Hutton. Er war früher Jockey. Seine letzte bekannte ... zumindest mir bekannte ... Adresse steckt mit in dem Umschlag. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«
»Aber Sie wissen mehr.« Langsam wurde mir klar, worauf das hinauslief.
»Ja, ich weiß mehr. Viel mehr sogar. Aber das, was ich weiß, wurde mir im Rahmen einer Beichte anvertraut, Ed. Die damit verbundenen Regeln werden Ihnen wohl noch bekannt sein, nehme ich an?«
Ich nickte Und setzte mich wieder. Das unantastbare Beichtgeheimnis, das Versprechen des Priesters, die ihm unter dem Sakrament der Buße anvertrauten Sünden nicht preiszugeben, weil er selbst nur der Mittler ist, durch den die versöhnliche Gnade Gottes dem Sünder zuteil wird. Nur Gott und keiner außer Ihm darf offenbaren, was Er gehört hat. Und Gott zeigt sich jetzt schon seit längerem nicht mehr sonderlich redselig. Tyrrell klopfte auf den Umschlag mit den Geldscheinen, der zwischen uns auf dem Tisch lag.
»Na, sehen Sie. Auch ich kenne die Regeln. Und selbst wenn es gelegentlich, und unglücklicherweise ist dies so ein Fall, sehr gute Gründe gäbe, sie zu brechen, bleiben diese Regeln dennoch bestehen. Eines fernen Tages ist das vielleicht einmal anders, die Gebete der Freidenker werden erhört werden, die Kirche wird sich im Sinne Papst Johannes' XXIII. verändern und alle möglichen Neuerungen einführen. Frauen und Homosexuelle werden miteinander vor dem Altar tanzen, Jugendliche werden sich im Mittelgang vereinigen, und übergewichtige Kinder nehmen ihre erste heilige Kommunion in Form riesiger Pizzahostien mit Käse und Tomate zu sich. Vielleicht wird auch die Kirche eines Tages zu einer weiteren Maschinerie verkommen, mit dem einzigen Zweck, für unser Vergnügen zu sorgen, wie alles andere auf diesem unserem armseligen Planeten. Aber diesen Tag werde ich wohl Gott sei Dank nicht mehr erleben.«
Tyrrells Hand schoss unvermittelt vor und griff nach meiner.
»Ich sterbe, Ed. Man sagt mir, ich müsse mich einer Chemotherapie unterziehen und einer Bestrahlung, aber ich will keine derartigen Behandlungen. Ich will nicht geheilt werden. Meine Zeit ist gekommen, ich will sterben. Aber vorher muss ich noch ein paar Angelegenheiten in Ordnung bringen, allen voran die um Patrick Hutton.«
Seine Hand war wie eine Klaue, die Knochen schimmerten elfenbeinern durch die Haut, die aussah wie fleckiges Pergament. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also blieb ich einfach sitzen und starrte auf seine Hand, bis er mich wieder losließ. Er goss zwei weitere Sherrys ein und reichte mir einen davon, dann hob er sein Glas, als wollte er einen Toast aussprechen, worauf auch immer: auf den Krebstod, auf das Ordnen seiner Angelegenheiten, vielleicht auch auf Patrick Hutton und die Geheimnisse, die nur Tyrrell und Gott kannten.
»Übernehmen Sie den Fall?«
»Patrick Hutton war Jockey«, sagte ich. »Und Tommy sagt, Sie versorgen ihn mit todsicheren Tipps. Er sagt, Sie haben Insiderinformationen. Woher?«
»Ich habe keine Insidertipps«, sagte Tyrrell. »Das denken die Leute nur.«
Ich wartete auf weitere Erklärungen. Das schien ihn zu erstaunen.
»Vermutlich liegt es an Ihrer langen Abwesenheit, Ed, dass Sie, was Ihre Kenntnisse über die lokalen Begebenheiten betrifft, ein paar Lücken haben. Ich bin der Bruder von F. X. Tyrrell. Wir reden nicht miteinander, schon seit Jahren nicht mehr. Aber das wissen die Leute nicht, oder sie wollen es nicht glauben.«
Francis Xavier Tyrrell hatte das Siegerpferd trainiert, auf das ich am Tag zuvor nicht gesetzt hatte, wie auch die meisten der anderen Siegerpferde, auf die ich in den Tagen davor nicht gesetzt hatte. Er war schon lange im Geschäft, und man brauchte nicht viel über Pferderennen zu wissen, um seinen Namen zu kennen. Seit Jahrzehnten war er eine landesweite Berühmtheit, nachdem er in den Sechzigern seine ersten Triumphe beim Gold Cup in Cheltenham gefeiert hatte.
»Dann liegt es Ihnen wohl im Blut«, sagte ich.
»Francis hat das eigentliche Händchen fürs Geschäft, ich habe immer gesagt, der heilige Martin wacht über ihn ... die Pferde liebten ihn, mich würdigten sie keines Blickes, und ich konnte es nicht ertragen, unterlegen zu sein. Stolz ist mein hartnäckigstes Laster. Dafür werde ich wohl eines Tages aufs Rad gespannt.«
Die Vorstellung brachte Tyrrell zum Lächeln, und mir stand plötzlich wieder glasklar vor Augen, wie er uns in der Schule einen Vortrag über die sieben Todsünden und die jeweils angemessene Strafe gehalten hatte: Für Geiz wurde man in siedendem Öl gesotten, Völlerei zog Zwangsfütterung mit Ratten und Schlangen nach sich, und für Stolz wurde man eben aufs Rad gespannt. Father Vincent Tyrrell war damals ein jugendlicher Eiferer, kaltes Feuer brannte in seinen blauen Augen, und er trommelte mit den Fingern einen schaurigen Rhythmus an die Tafel, während er uns diese Höllenqualen genauestens schilderte. Wir waren damals neun.
Tyrrell war ein Fanatiker, ein Tyrann und ein Snob, und der vernunftbegabte Teil meines Wesens verabscheute das alles. Aber ein anderer Teil von mir bestand darauf, ihn zu mögen: Der Teil, den ich nicht kontrollieren konnte, der Teil, der schon morgens Whiskey trank und nachts mit der falschen Frau nach Hause ging, schätzte ihn für seine unbeirrbare Faszination für die sogenannten vier letzten Dinge, Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Schließlich verschrieb ich mich selbst mehr und mehr diesen Themen – mit dem einzigen Unterschied, dass ich nicht an den Himmel glaubte.
Er hob sein Glas, wir tranken beide aus, dann stand ich auf und nickte ihm zu.
»Wie wollen Sie sicher sein, dass ich nicht einfach Ihr Geld nehme und Ihnen hinterher erzähle, ich könne ihn nicht finden?«, fragte ich.
Tyrrells Miene verdüsterte sich für einen Moment, und seine Muskeln zuckten wie bei einem leichten Schlaganfall. Dann brachte er das Zittern mit einem entschlossenen Willensakt unter Kontrolle und richtete seinen kalten, durchdringenden Blick auf mich.
»Dass Sie eine solche Bodenhaftung haben, Edward Loy, das wage ich doch zu bezweifeln. Das würden Sie niemals tun, Sie würden doch nicht Ihre einzige Berufung verraten, daran hindert Sie allein schon die Angst. Die ganz profane Angst, Ihren Ruf zu ruinieren. Und die spirituelle Angst, nach einer so untypischen Handlung am Ende vielleicht ganz zu verschwinden.«
Die Glocken läuteten zur nächsten Messe. Vincent Tyrrell verzog die schmalen Lippen zu einem Lächeln, und ich merkte, dass ich dem Blick dieser stechenden Augen nicht standhalten konnte. Ich nickte zum Zeichen meiner Einwilligung und hielt den Kopf gesenkt. An der Tür des Pfarrhauses segnete er mich, obwohl ich ihn nicht darum gebeten hatte. Und ganz gegen meinen Willen war ich froh darüber.
Ich hätte Tommy gern noch ein paar Fragen zu Vincent Tyrrell gestellt, aber er war mit den Vorbereitungen für die nächste Messe beschäftigt. Der Priester, der sie halten sollte, war gerade von einem Missionarsposten in Afrika zurückgekehrt und brauchte Tommys Betreuung. Ich hatte keine Zeit zu warten, bis die Messe vorbei war, ich war ohnehin schon spät dran für meinen nächsten Termin. Normalerweise arbeitete ich nur ungern an zwei Fällen gleichzeitig, aber andererseits war ich auch nur sehr ungern pleite und daher nicht in der Position, etwas abzulehnen. Der Parkplatz füllte sich zusehends, als ich zu meinem renngrünen Volvo 122S, Baujahr 65, zurückging, der früher meinem Vater gehört und den Tommy mir in seiner Funktion als Automechaniker wieder hergerichtet hatte. Ich bin wahrlich kein Autofreak, aber als ich einen dicklichen Mann mit zwei Jungs in identischen Anoraks vor dem Wagen stehen sah, verspürte ich doch ein absurdes Gefühl von Stolz. Wie absurd das tatsächlich war, wurde mir klar, als ich näher kam und die drei sich umdrehten, mich ansahen und den Blick dann gleich wieder abwandten. Nicht der Wagen hatte ihre Aufmerksamkeit gefesselt, sondern der Schaden, der ihm zugefügt worden war. Die Scheibenwischer waren abgerissen und lagen als Kreuz auf der Motorhaube, darunter hatte jemand R.I.P. in den Lack geritzt. Der Mann murmelte etwas von Kirchenparkplätzen, auf denen man sich auch schon nicht mehr sicher fühlen könne, und ich stimmte ihm zu und sagte, zu meiner Zeit hätten wir hier nur Cider gesoffen und die leeren Flaschen anschließend vor den Reifen der parkenden Autos zerschmissen, worauf er rasch das Weite suchte und seine kichernden Söhne in die Kirche scheuchte. Ich warf die Scheibenwischer auf den Rücksitz, stieg in den Wagen und ließ den Motor an. Wenigstens regnete es nicht.
Auf dem Weg nach Süden, wo Dublin an Wicklow grenzte, rief ich George Halligan auf dem Handy an.
»Was zum Geier willst du denn?«
Sein nikotin- und teergesättigtes Krächzen war rau wie Sandpapier. Es klang nach einer angriffslustigen Wildkatze mit Lungenemphysem, die gerade zum Sprung auf ihr Opfer ansetzt.
»Ich freu mich auch, dich zu hören, George. Und, mal wieder unterwegs? Kleiner Spaziergang?«
»Kleiner Spaziergang? Für welche Sorte Schwuchtel hältst du mich eigentlich? Ich bin im Führring in Gowran Park, wenn du's genau wissen willst.«
»Wie bist du denn da reingekommen, George? Wissen die nicht, wer du bist?«
»Ich schau mir an, was Jack of Hearts so zu bieten hat. Hübsches Tierchen, muss man sagen. Anschließend geh ich rüber und sehe zu, wie er sich bei dem kleinen Maidenrennen hier schlägt. Außerdem hab ich Fish on Friday im letzten Rennen am Start. Und, Ed Loy, was treibst du heute so? Das Arbeitsamt hat ja sonntags zu. Bleibt nur der Pub, nehm ich an, falls du noch einen findest, bei dem du anschreiben lassen kannst. Aber im Notfall kannst du dich ja immer noch mit 'nem Akkordeon vor die Kirche stellen. Falls dir nicht irgendein Rumäne zuvorkommt.«
»Hör mal, George. Du wolltest mir doch Bescheid sagen, wenn Leo rauskommt.«
Schweigen am anderen Ende, bis auf das dumpfe Rasseln von George Halligans Atemzügen. Als er schließlich wieder etwas sagte, klang seine Stimme so sanft und vorsichtig, wie das bei ihm ging.
»Gottverdammte Scheiße. Freitag. Hab ich ehrlich gesagt selbst ganz vergessen. Warum fragst du? Hat er was angestellt? Ganz egal, was es ist ...«
»Ach, er hat nur meinen Wagen recht fantasievoll demoliert.«
»Schick mir die Rechnung, Ed.«
»Darum geht es nicht, George.«
»Ist mir schon klar. Aber ich hätte ihn eigentlich im Mountjoy abholen lassen sollen. Ich hab auch nichts von ihm gehört, wahrscheinlich schmollt er schon das ganze Wochenende ... Pass auf, Ed, ich hab hier zu viel Volk um mich rum, aber ich sorge dafür, dass sich wer ... um die Sache kümmert, und dann ruf ich dich wieder an. In Ordnung, mein Freund?«
Georges angeborener Dubliner Akzent hatte unvermittelt die Segel gesetzt und war zur Fahrt über den Atlantik aufgebrochen. Ich sah ihn förmlich vor mir: ein zum Bauunternehmer und »Geschäftsmann« mutierter Gangsterboss, der sich im Führring auf der Pferderennbahn unter die ganzen Barbour-Jacken und Kaschmirmäntel mischt. Ich ließ die Szene vor meinem geistigen Auge ablaufen, suchte nach Fehlern darin. Nichts zu machen. George passte da ganz wunderbar rein, zwischen all die anderen Emporkömmlinge. Ich bezweifelte allerdings, dass dort jemand außer ihm noch einen Bruder hatte, der gerade aus dem Mountjoy-Gefängnis entlassen worden war.
»Ich bin nicht dein Freund, George, und das wird sich auch niemals ändern. Nimm dir Leo zur Brust und ruf ihm mal in Erinnerung, was das Gute daran ist, dass Podge im Knast sitzt. Für die Familie Halligan und für den Rest der Welt.«
Podge Halligan war ein Mörder und ein Vergewaltiger, ein völlig durchgeknallter, unberechenbarer Albtraum von einem Mann. Aber erst als er anfing, heimlich Geschäfte mit konkurrierenden Drogendealern zu machen und so Georges Bemühungen, das Familienunternehmen auf rechtlich einwandfreie Füße zu stellen, zu torpedieren und ebendieses Unternehmen dann zu allem Überfluss auch noch zu bestehlen, bevor es nur ansatzweise sauber war – erst da hatte George etwas gegen ihn unternommen. Ich war damals mit dem Fall beschäftigt gewesen, der Podge schließlich hinter Gitter gebracht hatte, und George hatte mich dabei unterstützt. Zu dem Zeitpunkt hatte Leo zwar aus dem Gefängnis verlauten lassen, Podge solle sich zum Wohle der Familie stellen, aber seither war immer wieder dieselbe Parole aus dem Mountjoy nach draußen gedrungen: Podge Halligans Schicksal sei ganz allein meine Schuld, und ich würde dafür bezahlen, sobald Leo wieder draußen war.
»Da finden wir sicher 'ne ganz unkonventionelle Lösung. Hasta la vista, Baby.«
»Vergiss nicht, George: Redlichkeit lässt sich nicht erkaufen«, sagte ich.
George Halligan sprach leiser, und sein Akzent traf mich wie ein Peitschenhieb, der das Salz für die Wunde gleich mitlieferte: »Kann ja sein. Aber wenn du zu abgebrannt bist, um noch Profit draus zu schlagen, nützt dir das einen Scheißdreck, oder, Ed?«
Er beendete das Gespräch, bevor ich etwas darauf erwidern konnte. Aber ich hatte gerade wirklich größere Probleme, als George Halligan das letzte Wort zu lassen. Leo Halligan hatte gesessen, weil er einen neunzehnjährigen Drogendealer mit einem Schuss in den Kopf quasi hingerichtet hatte, und man vermutete, dass er für mindestens drei, wenn nicht sogar zehn weitere Morde verantwortlich war – im Zusammenhang mit Drogen oder weil die Opfer einfach den fatalen Fehler begangen hatten, ihm in die Quere zu kommen oder ihm sonst wie auf die Nerven zu gehen. Er war so schlau wie George, nur ohne dessen Bedürfnis nach einer bürgerlichen Fassade, und so skrupellos wie sein jüngerer Bruder Podge, aber ohne übergeschnappt zu sein. Der mit Abstand gefährlichste der drei Halligan-Brüder, da waren sich alle einig. Und jetzt war er hinter mir her, pünktlich zum Fest der Liebe. Na, dann fröhliche Weihnachten.
Ich hatte die Nil absichtlich gemieden, aber auf den alten Straßen floss der Verkehr genauso zäh. Um mir die Zeit zu vertreiben, schaltete ich das Radio ein. Vom Polizeireporter der Nachrichtensendung erfuhr ich, dass die männliche Leiche, die am Morgen notdürftig verscharrt in der Nähe von Roundwood gefunden worden war, derzeit in der Gerichtsmedizin obduziert werde, aber bereits »erste Anzeichen darauf hinweisen, dass es sich um einen Unterweltsmord handelt«. Der vierzigste dieses Jahr, wenn meine Rechnung stimmte. Einer Eingebung folgend rief ich Detective Inspector Dave Donnelly zu Hause an. Seine Frau Carmel nahm ab.
»Hallo, Ed. Wann sehen wir dich denn endlich mal wieder? Komm doch morgen Abend vorbei, wir machen eine Heiligabend-Party.«
»Da muss die Post wohl meine Einladung verschlampt haben.«
»Was sollten wir eine Einladung an dich verschwenden? Die letzten drei Male hast du uns auch versetzt. Und das, wo doch Dave der einzige Polizist in ganz Dublin ist, der überhaupt noch mit dir redet.«
Dave hatte lange auf dem Polizeirevier in Seafield gearbeitet, bis der Howard-Fall kam, das Hauptquartier auf Daves Arbeit aufmerksam wurde und ihn ins National Bureau of Criminal Investigation versetzte. Dort konnte man jemanden wie ihn für Mordfälle und organisiertes Verbrechen gut brauchen, und er wiederum konnte mich dafür gut brauchen und tat daher sein Möglichstes, um mich vor Zusammenstößen mit Superintendent Fiona Reed und ihren Spießgesellen zu bewahren.
»Ist Dave da?«, fragte ich. »Ich ... ich habe einen todsicheren Pferdetipp für ihn.«
»Ach ja? Und seine Handynummer hast du wohl verloren?«
»Er ist also nicht da?«
»Was soll der Mist, Ed? Du sagst, du hast einen Pferdetipp für ihn?«
»Genau.«
»Das kannst du deiner Großmutter erzählen.«
»Also gut, du hast mich durchschaut. Ich rufe nur an, um zu sehen, ob die Luft rein ist. Ich könnte in fünf Minuten bei dir sein.«
»Oh, Ed«, schnurrte Carmel mit rauchiger Stimme. »Weißt du auch, was wir dann machen könnten?«
»Sag's mir.«
»Du könntest auf Sadie aufpassen, die hat die Windpocken, anschließend holst du die Jungs vom Fußballtraining ab, kochst das Abendessen und jagst zwei Ladungen Wäsche durch die Maschine, und ich springe so lange zu Dundrum rüber, mache die letzten Weihnachtseinkäufe und gönne mir hinterher ein ausgedehntes spätes Mittagessen bei Harvey Nick's.«
»Das könnten wir wirklich alles machen?«
»Und Dave würde nie davon erfahren. Es wäre unser kleines Geheimnis.«
»Ich glaube, das kann ich ihm nicht antun, Carmel.«
»Ihr Kerle seid doch alle gleich. Immer nur das Maul aufreißen und nichts dahinter.«
»Ich bin übrigens gerade in Wicklow, Carmel. Ganz in der Nähe von Roundwood.«
»Er ist im Augenblick gerade gut auf dich zu sprechen, Ed. Mach ihn nicht gleich wieder sauer.«
»Ich frag ja nur.«
»Heiligabend, Ed. Das ist morgen. Und bring eine Freundin mit, sonst suche ich dir eine.«
Südlich von Bray überquerte ich die N11 und fuhr nach Westen, auf die Berge zu, die sich schneebedeckt in der Ferne erhoben, und hielt dann quer auf eine alte Straße zu, auf deren einen Seite sich die städtische Wohnsiedlung Michael Davitt Gardens erstreckte. Auf der anderen Straßenseite stand eine Anzahl älterer Reihenhäuschen mit Asbestziegeln auf den Dächern.
Ich hielt vor einem Haus, dessen Gartenzaun von einem knapp meterhohen Spalier und einem zwei Meter hohen Holztor verstärkt wurde, und stieg aus dem Wagen. Gegenüber ging der Bürgersteig in eine größere Rasenfläche über, die an einer dreieinhalb Meter hohen Betonmauer entlang verlief und schließlich in die Sozialsiedlung hineinführte. Mein Klient, Joe Leonard, störte sich an dem Müll, der illegal dort abgeladen wurde, direkt vor seiner Haustür. Ein Problem, das immer mehr um sich griff, seit die meisten Stadtviertel ihre Müllentsorgungsdienste privatisiert hatten. Ich überquerte die Straße, um mir die Sache aus der Nähe anzusehen. Auf dem Rasen häuften sich Glas- und Plastikflaschen, Pizzaschachteln und Frittentüten, Müllsäcke mit Haushaltsabfällen, kaputte Fahrräder und Mofas, defekte Stereoanlagen und Staubsauger. Was würden mich die anderen Privatdetektive um diesen Job beneiden!
Ich drehte wieder um, ging die Einfahrt entlang, vorbei an einem schwarzen Saab 93, und klingelte an dem Haus mit der Nummer 4. An der Tür hing ein Weihnachtskranz in Lila- und Rottönen, an den Fensterscheiben klebten Papierengel. Ein kleines Mädchen von etwa sechs oder sieben Jahren machte mir auf. Ihre strahlend weißen, neuen Zähne wirkten viel zu groß für den Amorbogen ihrer Lippen, sie hatte dunkles, zu Zöpfen geflochtenes Haar und glänzende braune Augen. Als sie mich sah, runzelte sie enttäuscht die Stirn. Ich schnitt im Gegenzug ein Schielgesicht, und sie verdrehte die Augen und kicherte.
»Du bist nicht meine Oma!«, stellte sie fest.
»Ich kann's versuchen«, sagte ich.
»Kannst du nicht. Du bist doch keine alte Dame.«
»Hm. Ich wusste, da war was.«
»Aber wer bist du dann?«, fragte sie.
»Ich heiße Edward Loy«, sagte ich. »Und du?«
»Sara«, antwortete sie und sprach den Namen ganz unenglisch mit zwei langen »a« aus. Als ich sie gerade fragen wollte, wo denn ihr Vater sei, stand er plötzlich selbst hinter ihr. Joe Leonard hatte schon am Telefon gereizt geklungen, und dieser Eindruck verstärkte sich, als ich ihn vor mir sah. Er hatte einen rötlichen Ausschlag vom Rasieren im Gesicht und dünnes Haar, dem er mit Gel etwas Volumen zu geben versuchte, und er trug eine dieser rechteckigen Yves-St.-Laurent-Brillen, die bei gestressten jungen Männern so beliebt sind, dazu ein Rugbyshirt mit hochgestelltem Kragen, Slipper und Jeans mit leichtem Schlag, wodurch seine kurzen Beine noch kürzer wirkten.
»Sara, ich habe dir schon hundert Mal gesagt, du sollst die Tür nicht aufmachen. Geh jetzt bitte wieder ins Wohnzimmer.«
Die Kleine klimperte ihren Vater mit übertrieben liebem Zeichentrickfilm-Augenaufschlag an, aber er winkte nur ungeduldig ab, worauf sie sich zu mir umdrehte, in gespieltem Entsetzen die Mundwinkel nach unten zog, »Schluck!« sagte und durch eine Tür verschwand, hinter der ich die Küche vermutete. In der Diele wäre Platz genug für zwei Menschen gewesen, aber ich stand immer noch draußen. Saras Vater bedachte mich mit einem dünnen Lächeln.
»Mr. Loy. Ich bin Joe Leonard. Vielleicht sollten wir als Erstes hinübergehen und den ... äh ... Ort des Geschehens besichtigen.«
»Habe ich gerade gemacht.«
»Ich schlage mich ja schon länger mit dem Stadtrat herum, und ich kann Ihnen sagen, das ist, als rede man mit einer ...«
»Joe.«
Eine zierliche Frau mit kurzem, schwarzem Haar und zarten, fast koboldhaften Gesichtszügen war in die Diele getreten.
»Annalise, das ist Mr. Loy, der ... äh ...«
»Der Privatdetektiv. Und warum steht er draußen vor der Tür, Joe?«
Joe Leonard wandte sich von seiner Frau ab und schaute mit grimmig geschürzten Lippen an mir vorbei, als wäre ich irgendein Handwerker, der Dachdecker vielleicht, und er hätte insgeheim gehofft, alles klären zu können, ohne dass ich sein Haus betrat.
»Aber natürlich, Mr. Loy, kommen Sie doch herein«, sagte er und ging voraus in Richtung Küche. Ich schloss die Haustür hinter mir und sah seine Frau an, die die Augenbrauen hochzog und ihrerseits eine Zeichentrickgrimasse schnitt, fast wie ihre Tochter. Nur wirkte die ihre ironischer, fast schon zynisch, als fände sie die Launen ihres Mannes und vielleicht auch das ganze Leben lachhaft und banal.
Die Küche war ein länglicher, schmaler, heller Raum mit Velux-Dachfenstern, einem Tisch und Stühlen aus Kiefernholz gleich neben der Tür und einem hellen Holzboden. Durch eine Glastür sah man in ein nicht allzu großes Wohnzimmer hinüber, wo Sara und ein kleiner Junge Bananen futterten und Zeichentrickfilme im Fernsehen anschauten. Ein grüner Christbaum mit weißen Lämpchen und die Weihnachtskarten in den Bücherregalen über dem Fernseher erinnerten daran, dass das Fest vor der Tür stand.
Wir setzten uns an den Küchentisch, und Annalise Leonard schenkte mir eine Tasse schwarzen Kaffee ein. Ihr Mann ging währenddessen ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher aus. Protestgeheul folgte ihm bis zur Tür, die er sogleich hinter sich schloss. Die Kinder drückten ihre quengelnden Gesichter an die Glasscheibe, und Leonards Frau musterte ihn fast mitleidig, als wäre er mit Blödheit geschlagen wie mit einer chronischen Krankheit.
»Sie haben doch schon den ganzen Morgen ferngesehen«, sagte Leonard.
»Tja, wenn du aufgestanden wärst ...«
»Ich hatte gestern meinen freien Abend. Du durftest auch ausschlafen, als du neulich deinen freien Abend hattest.«
»Ich habe mich hinterher aber nicht beklagt, wie du mit den Kindern umgehst.«
»Ich habe sie ja auch nicht einfach vor den Fernseher gesetzt.«
»Du hast sie schließlich nicht den ganzen Tag nonstop um dich.«
»Und ich bin auch nicht bis vier Uhr nachmittags im Bett geblieben.«
»Hat dich etwa jemand zum Aufstehen gezwungen?«
»Gerade hast du noch gesagt, ich hätte aufstehen sollen.«
Eine Pause entstand, dann drehten sie sich beide zu mir um, etwas peinlich berührt, aber auch irgendwie erwartungsvoll, als hätte ich eine Eheberatung zum Sonderpreis im Angebot. Ich setzte eine freundlich-unverbindliche Miene auf, die ihnen signalisieren sollte, dass ich durch eine periodisch auftretende Taubheit kein Wort von ihrem Gespräch mitbekommen hatte und es ohnehin in einer mir völlig unbekannten Sprache geführt worden war, und schaute demonstrativ auf die Uhr. Annalise bedachte ihren Mann mit einem gequälten Lächeln, dann ging sie ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher wieder ein, setzte die Kinder aufs Sofa und machte auf dem Rückweg kurz beim Kühlschrank halt. Als sie sich wieder zu uns an den Tisch setzte, hatte sie ein Glas Weißwein in der Hand. Das ließ Leonard erneut aufschrecken, und weil er drauf und dran schien, den Streit fortzusetzen, beschloss ich, möglichst schnell zu reden anzufangen, bevor die zweite Runde eingeläutet wurde.
»Sie sagten, Sie hätten versucht, den örtlichen Gemeinderat dazu zu bewegen, sich um das Problem zu kümmern«, sagte ich.
»Die räumen den Müll ja auch halbwegs regelmäßig weg.« Annalise klang, als wäre sie der Ansicht, ihr Mann mache aus einer Mücke einen Elefanten.
»In der Wohnsiedlung wird der Müll einmal die Woche abgeholt. Das Rasenstück zwischen uns und der Wohnsiedlung machen sie alle drei Monate sauber«, sagte Leonard. »Und dann nehmen sie auch nur die großen Teile mit, der ganze kleinere Abfall bleibt liegen. Aber wenn man versucht, da anzurufen, ist es, als würde man mit einer Wand reden. Kein Mensch ruft zurück, Briefe werden nicht beantwortet. Diese ganze Behörde ist ein einziger Witz.«
»Ich habe mit dieser grünen Gemeinderätin geredet, Monica Burke. Ihr Sohn geht in Saras Klasse. Sie hat gesagt, sie wird es bei der nächsten Sitzung mal zur Sprache bringen«, sagte Annalise.
»Monica mit den rosa Jeans und den buschigen Augenbrauen? Und dem Schnurrbart? Na, die kann sicher eine Menge ausrichten.«
»Sie hat doch gar keinen Schnurrbart.« Annalise versuchte vergeblich, ein Kichern zu unterdrücken.
»Sie hat ihren Sohn Carson genannt. Carson Burke. Ich bitte dich. Ein Sechsjähriger, der heißt wie eine Anwaltskanzlei.«
Annalise lachte und schnitt ihrem Mann eine Grimasse. Er antwortete mit einem Zwischending aus Grinsen und Grimasse, und man spürte es förmlich zwischen ihnen knistern. Offenbar lebte ihre Ehe von Spannungen, von der widerborstigen Energie des Konflikts. Ich witterte Probleme, Verbitterung. Manchmal beneidete ich Ehepaare. Heute nicht.
»Was genau erwarten Sie denn nun von mir?«, fragte ich. »Ich meine, wenn das Leute aus der Siedlung sind, die ihre Mülltüten, leere Flaschen von der Party oder ein kaputtes Fahrrad da abladen, lässt sich wahrscheinlich gar nicht viel dagegen tun, selbst wenn man sie erwischen würde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Polizei dafür sonderlich interessiert. Und was soll der Gemeinderat tun, außer ihnen ein paar Bußgelder aufbrummen? Leute, die ihren Müll auf die Straße werfen, regen sich meistens auch nicht über Bußgeldbescheide auf. Sie bezahlen sie einfach nicht.«
Annalise bedachte ihren Mann mit einem »Hab ich doch gleich gesagt«-Blick und leerte ihr Weinglas. Aber Joe Leonard gab nicht so leicht auf.
»Wissen Sie, das ist mir im Augenblick ehrlich gesagt reichlich egal. Ich will nur ... ich meine, eine der Konsequenzen unseres ach so tollen Immobilienbooms ist doch, dass man Leute wie uns zwingt, in unmittelbarer Nähe von ... Leuten wie denen zu leben ...«
»Sonst nennst du sie doch immer Scheißpack«, ließ sich Annalise Leonard vom Kühlschrank her vernehmen, wo sie ihr Glas auffüllte. »Prolls, Pöbel oder Abschaum.«
Ich hatte keine Lust auf Wein, mir tat der Kopf noch von dem Sherry weh, den ich bei Vincent Tyrrell getrunken hatte. Aber es wäre trotzdem nett gewesen, wenn sie mir wenigstens ein Glas angeboten hätte. Vielleicht war sie einfach schon so sehr daran gewöhnt, allein zu trinken, dass ihr das gar nicht in den Sinn kam.
»Es bringt ja auch nichts, so zu tun, als hätte ich große nachbarschaftliche Gefühle«, fuhr Leonard fort. »Erst recht nicht, seit sie uns den Wagen aufgebrochen und den Ersatzreifen gestohlen, Saras Fahrrad geklaut und völlig demoliert in den Garten geworfen, die Wäsche von der Leine gerissen und auf den Bürgersteig mitten in die Hundescheiße geworfen und direkt vor unserem Haus ein Auto angezündet haben. Aber darum geht es gar nicht. In der Siedlung da drüben leben fünf-, sechstausend Menschen, und wenn Sie da durchlaufen, sehen Sie, dass auf jedes Haus mit Müll im Vorgarten eines mit frischgestrichenem Zaun und Blumenrabatten kommt. Was wird denn aus diesen Leuten, wenn die anderen sie immer weiter mit runterziehen?«
»Die ehrbaren Armen«, warf ich ein, was mir ein betont begeistertes, zustimmendes Lächeln von Annalise einbrachte.
Leonard zuckte ungerührt die Achseln. »Schon klar, das soll mir jetzt den Wind aus den Segeln nehmen. Aber ich habe mit so was keine Probleme. Wer seinen eigenen Dreck nicht wegräumen kann ... Wenn jemand auf die Straße scheißt, sind wir uns doch auch alle einig, dass mit dem etwas nicht stimmt. Aber die Leute aus Michael Davitt Gardens laden ihren Müll direkt vor unserer Nase ab, und wir sollen das einfach so hinnehmen. Das ist doch nicht fair.«
»Was wollen Sie denn tun? Sie zwangsräumen lassen? Das sind Sozialmieter. Wo sollen die denn hin? In irgendwelche Notunterkünfte, wo sie sich wieder genauso verhalten? Oder gleich auf die Straße?«
»Es muss einfach irgendwelche Sanktionen geben. Bei unsereinem gibt es da eine gesellschaftliche Sperre: Wenn wir so etwas machen, hält man uns für Schweine. Das würden wir sogar selbst von uns denken. Bei denen ist das offenbar anders. Aber wir müssen trotzdem alle miteinander auskommen. Ich wünschte wirklich, das wäre anders. Mir wäre es sehr viel lieber, wir lebten in einer bürgerlichen Enklave, wie früher, als wir noch Kinder waren. Aber das ist nun mal nicht so.«
Joe Leonards Frau schien zum ersten Mal einer Meinung mit ihrem Mann zu sein: keine Spur mehr von Spott und Belustigung auf ihrem weingeröteten Gesicht. Die meisten städtischen Sozialsiedlungen waren in gebührendem Abstand zu den bürgerlichen Vierteln erbaut worden, in einer Zeit, als sich Lehrer oder Krankenschwestern noch ein Reihenhäuschen auf einem Privatgrundstück leisten und ihre halbwüchsigen Kinder sich kein schlimmeres Schicksal ausmalen konnten, als selbst mal in einem Reihenhaus zu »enden«. Diese Zeiten waren vorbei. Heute lebten junge Paare mit gutem Einkommen Tür an Tür mit Leuten, vor denen sie früher bis ans andere Ende der Stadt geflüchtet waren, und bekamen einen Crashkurs in der Sozialpolitik, die diese Leute einmal in triste Wohnsiedlungen verbannt hatte, wo sie unzufrieden und isoliert waren, wo Drogenmissbrauch und Kriminalität grassierten. Bei aller Süddubliner Dreistigkeit versuchte Leonard immerhin noch, etwas dagegen zu unternehmen. Die meisten Liberalen, die über seine Ansichten entsetzt gewesen wären, leisteten sich den Luxus, mit dem Problem einfach nicht konfrontiert zu sein: Sie lebten sicher und geborgen in genau den Enklaven, aus denen Joe Leonard und seine Frau stammten, in die sie sich zurücksehnten. Das verlorene Reihenhausparadies. Wer konnte schon sagen, ob Leonard nicht sehr viel liberaler würde, wenn es ihm je gelang, dorthin zurückzukehren?
»Also, was wollen Sie? Fotos? Videoaufnahmen? Ich kann eine kleine Kamera installieren, die die Vorgänge auf der anderen Straßenseite aufzeichnet.«
»Was ist, wenn sie die finden? Dann sind wir dran«, sagte Annalise, und alle Ironie war aus ihrer Stimme verschwunden.
»Sie werden sie nicht finden«, sagte ich. »Sie ist nicht größer als eine Rolle Münzen und kabellos, ich kann sie also problemlos im Spalier verstecken. Wir schließen den Empfänger an Ihren Videorekorder an, dann können Sie alles aufnehmen, was draußen vorgeht. Die Kassetten müssten Sie selber wechseln, es sei denn, Sie wollen, dass ich bei Ihnen im Wohnzimmer campiere. Aber ich werde sie mit Ihnen durchsehen, dann können wir die Vorfälle isolieren, bei denen man ein Gesicht oder ein Nummernschild oder sonst etwas erkennt, und sie auf DVD brennen.«
Leonard nickte mit großen Augen. »Und das wären dann Beweise, so wie Überwachungsbänder«, sagte er.
»So ungefähr«, sagte ich. »Vielleicht erkennt der Gemeinderat ja das eine oder andere Gesicht, weil es sich um Sozialmieter handelt. Und falls es Jugendliche sind, versuchen wir es bei den umliegenden Schulen.«
»Und dann?«, fragte Annalise. Sie klang wieder skeptischer. Der Wein, der sie kurzzeitig aufgeheitert hatte, schien sie jetzt in eine düstere Stimmung zu versetzen, sie kniff die geröteten Augen zusammen, als blendete sie das Licht. »Anhand der Gesichter und der Nummernschilder erstellen wir eine Namensliste, die geben wir dann an die Polizei und den Gemeinderat weiter. Und dann? Dann lehnen wir uns zurück und warten, bis gar nichts passiert. Die kriegen doch allenfalls ein paar auf die Finger. Und fünf Minuten später schmeißen die Butlers, oder wie auch immer sie heißen, schon wieder ihre Ciderflaschen aus dem Fenster. Wahlweise auch in unsere Fensterscheiben. Und wir sitzen hier fest, weil wir uns keinen beschissenen Umzug leisten können. Wenn Mummy nicht wäre, könnten wir uns ja nicht mal dieses Haus hier leisten.«
Sie musste die Bemerkung nicht einmal direkt an Leonard richten, sie traf ihn trotzdem wie eine Ohrfeige. Er blinzelte heftig und verzog das Gesicht vor Schmerz über diesen Vorwurf. Als er wieder sprach, klang er vorsichtig, fest und bemüht neutral – ein Ton, den man bei Angehörigen von Alkoholikern häufig hört, aus dem man kaum eine Wertung herauslesen kann, wie groß der Selbsthass des jeweiligen Säufers auch immer sein mag.
»Ich weiß nicht, was ich mit der Namensliste tun werde. Vielleicht schicke ich sie an die Zeitung. Vielleicht nagele ich sie an die Kirchentür. Keine Ahnung. Aber ich kann unmöglich gar nichts tun.«
Seine zierliche Ehefrau verdrehte die Augen, leerte wiederum ihr Glas und sah mich dann mit einem vielsagenden Lächeln an, das den Versuch machte, mich in ihre Verachtung für ihren Mann einzubeziehen, und mich gleichzeitig mit schmollenden, feuchten Lippen noch um etwas anderes bat, wie das bei unglücklichen Ehefrauen, die zu viel tranken, häufig vorkam. Es ging nicht um Sex, nicht einmal um die Aussicht darauf, sondern nur um eine Art sexueller Bestätigung: die Gewissheit, dass ich bereit wäre, wenn sie gewollt hätte, obwohl wir beide genau wussten, dass sie im Grunde nur einen weiteren Drink wollte. Aber ich hatte keine Lust, ihr diese oder sonst eine Bestätigung zu liefern. Es gefiel mir nicht, wie sie Leonard vor mir demütigte, und es gefiel mir auch nicht, dass sie sich über seine Versuche, ihre Lage zu verbessern, lustig machte. Mir gefiel nicht einmal, dass sie so viel trank, und in der Hinsicht war ich wirklich nicht der beste Richter. Anfangs hatte ich Joe Leonard für einen arroganten Rugbytypen gehalten, der aus reichem Haus stammte, vorübergehend ein bisschen klamm war und sich bis heute nicht erklären konnte, warum seine erfolgreiche Sportlerlaufbahn aus Schulzeiten nicht zu Höherem geführt hatte. Inzwischen schien er mir eher einer von den ewigen Verlierern zu sein, einer von den Jungs, die den Siegertypen von der Seitenlinie aus zujubelten, einer aus dem Gefolge, der an den großen Traum glaubte, selbst aber auf keinen grünen Zweig kam. Er tat mir leid, aber seine Entschlossenheit gefiel mir.
Ich nickte Leonard zu und hielt ihm die Hand hin, und er schlug ein. Sein besorgter Blick verschwand allerdings nicht, und als ich zurück in die Diele ging, kam er mir nach und machte die Küchentür hinter sich zu.
»Ich mache mir Sorgen wegen des Geldes«, sagte er leise zu mir.
»Geht uns doch allen so«, sagte ich.
»Nein, ich meine, ich weiß ja nicht, wie lange das hier dauern wird, und ... na ja, es ist kurz vor Weihnachten, und da ...«
Er brach ab und sah mich an, die müden grauen Augen groß hinter den Brillengläsern, den Kopf erschöpft und beschämt gesenkt. Natürlich hätte ich mir einreden können, dass Leonard genau das war, wofür ich ihn anfangs gehalten hatte. Ich hätte ihm das Geld einfach abknöpfen können. Die Sorte Mann, die er gern gewesen wäre, hätte das vermutlich getan – man schaffte es schließlich nicht bis ganz nach oben, wenn man ständig auf Versager Rücksicht nahm. Aber so einer war er eben nicht, und ich genauso wenig. Und obwohl ich den Fall eigentlich nur des Geldes wegen angenommen hatte, setzte Father Vincent Tyrrells Vorschuss mich immerhin in die Position, nicht zu lange mit meinem Gewissen ringen zu müssen.
»Geben Sie mir fünfhundert, Sie müssen die Kamera ja selbst bedienen. Sollte sich herausstellen, dass ich mich Vollzeit um den Fall kümmern muss, überlegen wir uns etwas anderes.«
Leonard nickte und blinzelte heftig. Er machte eine hilflose Handbewegung in Richtung Küche, als wollte er sagen: »Sie wissen ja, wie das ist.« Und ich zuckte die Achseln und nickte, als wären die meisten meiner Bekannten mit Frauen verheiratet, die schon vormittags betrunken waren. Dabei waren die meisten meiner Bekannten selbst schon vormittags betrunken – was immerhin den Vorteil hatte, dass sie sich keine Gedanken mehr um ihre Frauen zu machen brauchten, die in den meisten Fällen ohnehin schon längst das Weite gesucht hatten.
Ich ging zurück zum Wagen, öffnete den Kofferraum und holte eine ölverschmierte Werkzeugtasche heraus, die früher meinem Vater gehört hatte. Neben verschiedenen kleineren Werkzeugen hatte ich eine drahtlose Mini-Videokamera darin, außerdem ein halbes Dutzend Neun-Volt-Alkalibatterien, einen ebenfalls kabellosen Empfänger, einen Gleichstromadapter für den Empfänger und ein Verbindungskabel für den Videorecorder. Ich nahm noch eine Packung Videokassetten aus dem Kofferraum, schloss ihn dann wieder und kehrte zum Haus der Familie Leonard zurück.
Das Spalier war gut acht Zentimeter tief, ein Kreuzgitterwerk mit dreieckigen Zwischenräumen von der Größe eines Zwei-Euro-Stücks. Da die Kamera nur ungefähr den Durchmesser einer Ein-Euro-Münze hatte, war es kein Problem, sie mit der kräftigen Unterstützung des robusten wilden Weins in einem der Spalierzwischenräume zu befestigen und anschließend eine Batterie hineinzuschieben. Als ich ins Haus zurückkam, saß Annalise Leonard am Küchentisch und hielt die Hand an die Stirn, um die Augen zu schützen. Der kleine Junge krabbelte auf dem Küchenboden unter den ausgestreckten Beinen seines Vaters herum und sang dabei etwas von einem »Super Robot Monkey Team«, wenn ich ihn richtig verstand. Sara saß am Tisch und alberte mit ihrer Mutter herum, wobei sie selbst beide Parts übernahm – das Witzeerzählen und das Lachen. Ich ging ins Wohnzimmer, stellte den Empfänger und seinen Adapter auf, schloss beides nach einigem Herumprobieren – ich musste erst einen Verteilerstecker finden, um die beiden Kabel miteinander zu verbinden, bevor es funktionierte – an den Videorecorder an, schaltete den Apparat ein, suchte einen leeren Kanal, riss die Plastikverpackung einer Videokassette auf, schob sie hinein und überprüfte den Bildausschnitt. Dann ging ich wieder nach draußen und verschob die Kamera so, dass sie einen möglichst großen Teil der Müllkippe einfing, kehrte ins Haus zurück und erklärte Leonard, was er zu tun hatte.
»Soll ich sie jetzt gleich einschalten?«, fragte er.
»Laden die ihren Müll etwa am helllichten Tag ab? Am besten warten Sie, bis es dunkel ist«, sagte ich. »Die Batterien halten acht Stunden. Ich schalte die Kamera gleich aus, wenn ich gehe. Sobald es dunkel ist, schalten Sie sie wieder ein und notieren sich die Uhrzeit. Es sind 240-Minuten-Kassetten, das heißt also ...«
»Ich stelle mir den Wecker auf vier Stunden später, wenn ich schlafen gehe«, sagte er eifrig.
»Vielleicht sollten Sie gleich auf dem Sofa schlafen«, sagte ich.
So oder so, dachte ich im Stillen.
Mit dem grimmigen Lächeln eines Mannes, der zu einer gefährlichen Reise aufbricht, brachte er mich zur Tür und überreichte mir einen Scheck.
»Vielen Dank, Mr. Loy«, sagte er.
»Ich danke Ihnen«, sagte ich. »Übrigens, Ihre Frau erwähnte die Butlers ... sind das die Leute, die Sie in Verdacht haben?«
»Ich halte es zumindest für sehr wahrscheinlich. Das sind etwa vier oder fünf Zweige derselben Familie, die alle drüben in der Siedlung wohnen«, sagte Leonard. »Sie sind hier in der Gegend verschrien, führen ständig irgendwas im Schilde.«
Er sah sich ein paarmal ängstlich um und schob mir dann einen Zettel zu, als stünden wir vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen und der Zettel wäre ein Briefchen Koks.
»Das sind zwei Autonummern, die wahrscheinlich mit der Sache zu tun haben. Beides weiße Ford Transits. Der zweite gehört Vinnie Butler.«
Als ich zu meinem Wagen zurückging, hielt ein blauer BMW vor dem Haus, und eine zierliche, gepflegte Dame Mitte sechzig mit kurzem braunem Haar und Pelzmantel stieg aus. Sie schaute mit kritisch gespitztem Mund zu der Sozialsiedlung hinüber, schloss auch mich in ihren missbilligenden Rundblick ein und stöckelte dann die Einfahrt zum Haus der Leonards hinauf. Als ihr geöffnet wurde, würdigte sie die Kinder, die ihrer Oma entgegenrannten und fröhlich um sie herumtollten, keines Blickes, sondern umarmte stattdessen Annalise und hielt den Kopf ihrer Tochter sanft an die Schulter gedrückt wie ein verwundetes Vögelchen.
Die Wege und Grünflächen in Michael Davitt Gardens waren mit kaputten Fahrrädern und zertrümmerten Stereoanlagen gepflastert: ein sicheres Zeichen dafür, dass bald Weihnachten war. In den winzigen Vorgärten einiger Häuser standen riesige, aufblasbare Weihnachtsmänner und Rentiere, andere hatten blinkende Lichter auf dem Dach und Lametta und Sprühschnee an den Fenstern, und wieder andere waren vernagelt, die Stromzähler mit Vorhängeschlössern gesichert. Die Gehwege waren voll mit Hundekot und Glasscherben, Pizza- und Fast-Food-Schachteln zierten Törchen und Gartenmauern, von den Telefonleitungen hingen alte Turnschuhe und mit Kies gefüllte, an Schnüren befestigte Plastikflaschen. Bis auf ein paar mürrische Hunde regte sich nichts auf der Straße.
