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Wenn die ganze Welt zum Feind wird: Der abgründige Dublin-Krimi »Blutiges Urteil« von Declan Hughes jetzt als eBook bei dotbooks. Die Tochter eines vor 15 Jahren ermordeten Beamten bittet Ed Loy um Hilfe. Der Privatdetektiv soll jene drei Verdächtigen untersuchen, an denen die Polizei damals kein Interesse hatte: Bobby Doyle, Ex-IRA, jetzt Immobilienhai mit besten Beziehungen, Jack Cullen, gefürchteter Drogenboss der Dubliner Unterwelt, George Halligan, ein alter Bekannter Ed Loys. Je mehr der Privatdetektiv in den alten Mordfall eintaucht, umso lebendiger und tödlicher werden die Geister der Vergangenheit. Schnell muss Ed feststellen, dass er diesmal niemandem trauen kann: Nicht seinen Freunden bei der Polizei, nicht seinen Freunden in der Dubliner Unterwelt – und vielleicht nicht einmal seinen Instinkten! »Wenn du das nicht liebst, wag es nicht, dich einen Krimi-Fan zu nennen!« Val McDermid Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der fesselnde Dublin-Krimi »Blutiges Urteil« von Declan Hughes. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 463
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Über dieses Buch:
Die Tochter eines vor 15 Jahren ermordeten Beamten bittet Ed Loy um Hilfe. Der Privatdetektiv soll jene drei Verdächtigen untersuchen, an denen die Polizei damals kein Interesse hatte: Bobby Doyle, Ex-IRA, jetzt Immobilienhai mit besten Beziehungen, Jack Cullen, gefürchteter Drogenboss der Dubliner Unterwelt, George Halligan, ein alter Bekannter Ed Loys. Je mehr der Privatdetektiv in den alten Mordfall eintaucht, umso lebendiger und tödlicher werden die Geister der Vergangenheit. Schnell muss Ed feststellen, dass er diesmal niemandem trauen kann: Nicht seinen Freunden bei der Polizei, nicht seinen Freunden in der Dubliner Unterwelt – und vielleicht nicht einmal seinen Instinkten!
Über den Autor:
Declan Hughes, Jahrgang 1963, ist irischer Roman- und Theaterautor sowie Mitbegründer von »Rough Magic Theatre Company«, dem bedeutendsten zeitgenössischen Theater Irlands. Er lebt mit seiner Familie in Dublin.
Bei dotbooks erscheinen folgende Romane von Declan Hughes: »Blutige Lügen«, »Blutiger Hass«, »Blutige Rivalen« und »Blutiges Urteil«
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Aktualisierte eBook-Neuausgabe Februar 2020
Dieses Buch erschien bereits 2009 unter dem Titel »Der Preis des Blutes« bei Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg.
Copyright © der englischen Originalausgabe 2009 Declan Hughes
Die englische Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel »All The Dead Voices« bei John Murray, London.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009 Rowohlt
Copyright © der aktualisierten Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Adobe Stock/David
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)
ISBN 978-3-96148-734-9
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Declan Hughes
Blutiges Urteil
Kriminalroman - Der vierte Fall für Privatdetektiv Ed Loy
Aus dem Englischen von Anja Schünemann
dotbooks.
Tagelang im Freien kampieren zu müssen, ohne zu wissen, wann die Zielperson kommen würde, war kein Spaß – zwei Männer in einem engen, behelfsmäßigen Unterschlupf aus Strohballen und gefällten jungen Bäumen in einem Weißdorndickicht am Hang, hundert Meter oberhalb der Straße. Unbequem an die Holz- und Drahtkonstruktion gelehnt, unter sich die harte Erde, kalt und feucht, während der beißende Novemberwind ihnen Staub und den scharfen Geruch von Kiefernharz in die Augen trieb. Hinzu kam, dass die beiden Freiwilligen einander nicht ausstehen konnten, sodass es auch unter anderen Umständen schwer zu ertragen gewesen wäre, so viel Zeit auf engem Raum zu verbringen. Aber natürlich hatte der Officer Commanding dafür gesorgt, dass die Operation bis ins letzte Detail geplant war und dass die zwei Männer, deren gegenseitige Abneigung legendär war und den Kameraden Stoff für heimliche Witzeleien lieferte, so wenig Zeit wie möglich miteinander verbringen mussten.
In Dublin war zur selben Zeit ein Freiwilliger am Hafen postiert, der beobachten sollte, wie der Wagen mit dem Richter und seiner Frau von der Fähre rollte und den Weg über die M1 nach Norden nahm, in Richtung Belfast. Der Mann verständigte einen weiteren Freiwilligen in Newry, der wiederum den Attentätern das vereinbarte Zeichen gab: Er fuhr die Schnellstraße entlang, hielt in Sichtweite ihres Unterschlupfs auf dem Randstreifen, ließ das Fenster herunter, schloss es wieder und fuhr weiter. Das signalisierte den beiden, dass der Wagen des Richters auf dem knapp hundert Kilometer weiten Weg von Dublin hierher war. Sie wussten, dass der Richter gern schnell fuhr, also machten sie sich darauf gefasst, dass er binnen einer Stunde eintreffen würde, sofern der Verkehr es zuließ.
Die Männer hatten eine Bombe am Straßenrand versteckt – eine sogenannte Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung – etwa so groß wie ein Fünf-Liter-Kanister. Normalerweise hätte man sie in einem Graben oder einem Abwasserkanal versteckt, aber die British Army hatte alle geeigneten Kanäle im Umkreis von Meilen abgesperrt. Also hatten sie stattdessen in einem fast entlaubten Platanenwäldchen eine flache Grube ausgehoben, tief genug, dass das untere Drittel der USBV darin verschwand, und das Ganze mit Mulch, welken Blättern und Reisig getarnt.
Jetzt waren sie bereit. Red, der Mann mit dem karottenroten Haar und den intelligenten, skeptischen braunen Augen, hatte Bedenken gehabt, als er erfuhr, dass die Frau des Richters mit im Wagen saß. Aber der Richter war ein so geeignetes Ziel und dies war eine so seltene Gelegenheit, dass Red alle Skrupel über Bord warf. Das hier war Krieg, da verschoben sich die Grenzen zwischen gewollten und ungewollten Opfern, und welches Opfer könnte legitimer sein als ein Vorsitzender Richter aus dem repressiven System der Sondergerichte, wo er als einzige Säule der britischen Herrschaft die Beweise anhörte, das Urteil sprach und über das Strafmaß entschied? Heute war er ausnahmsweise einmal ohne Eskorte unterwegs – ihm musste klar sein, welches Risiko das für seine Frau bedeutete. Außerdem war sie sowieso schon siebenundsechzig, hatte ihr Leben gelebt und so weiter, also zum Teufel.
Letzteres entsprach ganz der Einstellung von Ice, dem dunkelhaarigen Mann mit den kalten blauen Augen, dem jegliche Sentimentalität fernlag. Er bedauerte höchstens, dass der Richter und seine Frau ihre Tochter in Cheshire besucht hatten, um ihr gerade geborenes drittes Enkelkind zu sehen. »Schade, dass die nicht gleich mitgekommen sind, dann hätten wir die Gelegenheit gehabt, drei Generationen auf einen Schlag auszulöschen. Das wäre ein richtiges Blutbad geworden.«
Manche der jüngeren Freiwilligen hielten so etwas für leere Worte, wie man sie in republikanischen Pubs hörte, wenn das Bier in Strömen floss, aber Red wusste, dass Ices Worte direkt aus seiner hasserfüllten Seele kamen. Red selbst hasste niemanden. Er kämpfte in einem Krieg, und im Krieg starben auf beiden Seiten Menschen, so war das nun mal. Das Töten bereitete Red kein Vergnügen, aber im Krieg hieß es: die oder wir, Punkt Schließlich waren sie auf den Rückhalt der Bevölkerung angewiesen, und die Bevölkerung wollte zwar die Soldaten loswerden, aber die Leute wollten nicht, dass jemand vor den Augen seiner Kinder erschossen wurde, dass Ehefrauen oder Freundinnen bei den Bombenanschlägen mit draufgingen oder ähnlichen Mist. Red hatte mal gesehen, wie Ice in Hochstimmung geriet, nachdem er einen Mann in dessen eigenem Vorgarten umgebracht hatte; wie er es genoss, als die Kinder zur Leiche ihres Daddys stürzten und heulten. Und Ice war in seinem Fluchtauto davongerast, jubelnd und unter Triumphgeschrei wie ein verdammter Wilder. Die Bevölkerung würde nicht mehr lange hinter ihnen stehen, wenn die Leute mal Ice in Aktion sähen.
An jedem Anschlag der IRA waren natürlich noch viel mehr Leute beteiligt als die eigentlichen Attentäter, die Freiwilligen, die den Abzug drückten oder die Bombe zündeten. Es gab noch diejenigen, die die Bomben herstellten, die Techniker, die mit Sprengstoff, Nägeln, Bolzen und Schrapnell arbeiteten, mit Zündern und Zeitschaltungen. Dann waren da die Leute, die die Bomben in den geheimen Waffenlagern versteckten, und diejenigen, die sie an den Ort des Anschlags brachten und scharf machten; die Leute, die die Funkfernsteuerung für die Zündung einrichteten, diejenigen, die Autos als Fluchtfahrzeuge stahlen, und schließlich die, die sichere Häuser organisierten, in denen die Attentäter sich versteckt halten konnten, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte.
Die eigentlichen Killer waren allerdings die Männer, die die Bomben zündeten – all die Vorbereitungen hätten zu nichts geführt, wenn diese Männer nicht bereit gewesen wären, den Schalter umzulegen oder den Knopf zu drücken. Aber es war nicht so, als ob sie auf gut Glück in einem Auto vor einem Pub oder in einem Graben am Straßenrand gesessen und darauf gewartet hätten, dass sich zufällig ein geeignetes Ziel bot. Nein, zuerst musste jemand das Opfer ausspionieren – einen Mann der Armee, einen probritischen Paramilitär, einen britischen Soldaten, einen Richter –, um sicherzustellen, dass sich der Anschlag auch lohnte. Dieser Jemand – im jetzigen Fall die Schwester eines Rechtsreferenten, der in der Kammer des Richters arbeitete – musste die Informationen an die IRA weitergeben, Informationen über den Tagesablauf des Richters, seine Gewohnheiten, die Orte, an denen er sich häufig aufhielt. Und Informationen darüber, wann er von diesen Gewohnheiten abwich. Wann er, obwohl er gerade mitten in einem bedeutenden Fall steckte, ganz entgegen dem Protokoll beschloss, seinen neugeborenen Enkelsohn zu besuchen, und – zum Teufel mit dem Protokoll – seine Leibwächter abschüttelte und sich übers Wochenende nach Cheshire absetzte.
So eine Gelegenheit würde sich ihnen wohl kein zweites Mal bieten. Sie mussten sie ergreifen. Und so warteten sie: Red, das Fernglas auf die Straße gerichtet, Ice mit dem Finger am Schalter der Fernzündung. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern.
Im Allgemeinen spielt die irische Fußballliga nicht auf dem höchsten Niveau, und wenn man nicht gerade Fan von einer der Mannschaften auf dem Spielfeld ist – in diesem Fall Shelbourne und Monaghan United –, kann so ein Match, gelinde gesagt, recht langweilig sein. Trotzdem, als der Kerl hinter mir sagte, hier wäre verdammt nochmal endlich ein bisschen Action fällig, hatte er wohl etwas anderes im Sinn als einen vermummten Typen, der plötzlich mit einer Maschinenpistole ins Tolka-Park-Stadion stürmte und anfing, um sich zu ballern.
Im nächsten Moment war alles schon wieder vorbei. Die Spieler hatten sich auf den Boden geworfen, sobald sie begriffen, was vor sich ging, sodass nicht auf Anhieb zu erkennen war, ob einer von ihnen eine Kugel abbekommen hatte. Der Schütze machte sich in Richtung Richmond Road aus dem Staub, verfolgt von den Sicherheitskräften des Stadions. Noch ehe die Zuschauermassen zu den Ausgängen strömten, kletterte ich über die Absperrung und lief quer über das Spielfeld auf Paul Delaney zu, den vielversprechenden jungen Shelbourne-Spieler mit der Nummer neun, dessentwegen ich überhaupt zu dem Spiel gekommen war. Er lag zusammengekrümmt neben dem Torpfosten, die Arme schützend über dem Kopf, und aus seinem zitternden Körper drang ein hoher, markerschütternder Laut. Seine Teamkameraden kamen allmählich wieder auf die Beine und vergewisserten sich, ob sie vollzählig waren; die Spieler von Monaghan taten dasselbe.
»Paul, alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte ich. »Die Schießerei ist vorbei, der Schütze ist weg.«
Paul hob langsam den Kopf und spähte vorsichtig über seine Arme. Sein Gesicht unter dem kurz geschorenen blonden Haar hatte alle Farbe verloren; seine blassblauen Augen waren vor Angst gerötet. Bevor er dazu kam, etwas zu erwidern, war schon Barry Jordan, der Mannschaftskapitän von Shelbourne, bei uns.
»Bist du okay, Paulo?«
»Klar, Jordo.«
»Wer ist das denn? Sie haben hier auf dem Spielfeld nichts verloren, Mister«, sagte Jordan zu mir. Obwohl er zwanzig Jahre jünger war als ich und offensichtlich erschüttert von dem, was eben vorgefallen war, besaß er eine natürliche Autorität, die mir das Gefühl gab, irgendwie im Unrecht zu sein – auch wenn sich das Spielfeld jetzt zusehends mit panischen Fans füllte, die darauf hofften, eine blutige Szene begaffen zu können.
»Schon gut, Jordo, das ist Ed Loy. Er ist ein ... ein Freund von mir«, sagte Delaney, der inzwischen aufgestanden war.
Jordan musterte mich von oben bis unten. Ich bin gut eins neunzig groß und trage einen schwarzen Anzug, darüber einen schwarzen Mantel. Normalerweise wirke ich damit eher unauffällig, aber für ein Fußballspiel war es nicht gerade der passende Aufzug.
»Ich bin ein alter Freund von Pauls Bruder«, erklärte ich. »Er hat mich gebeten, ein Auge auf Paul zu haben.«
Ich hätte den Mund halten sollen. Jordan schaute kurz Paul an, warf einen Blick in Richtung des Parkplatzes, von dem der Mann mit der Maschinenpistole gekommen war, und schaute dann kopfschüttelnd mich an – er schien seine Schlüsse zu ziehen. Er wandte sich Paul zu und setzte mit ausgestrecktem Finger zum Reden an, aber etwas zwischen Wut und Verzweiflung verschlug ihm die Sprache. Schließlich senkte er nickend den Blick, wie um seine Gefühle niederzukämpfen, und lief zurück zur Spielfeldmitte, wo die Shelbourne-Jungs mit eingehakten Armen einen Kreis gebildet hatten.
»Sie sollten zu ihnen gehen, Paul«, sagte ich ohne echte Überzeugung.
»Meinen Sie? Nachdem Sie meinen Bruder erwähnt haben? Jordo weiß jetzt Bescheid oder glaubt es zumindest. Alle kennen die Gerüchte. Wahrscheinlich denken sie, die Schüsse hätten mir gegolten«, sagte Paul mit klagender Stimme, aus der Selbstmitleid und Angst herauszuhören waren.
»Und was denken Sie?«
Paul Delaneys Gesicht hatte inzwischen wieder seine normale Farbe angenommen. Er zuckte die Achseln, offenbar bemüht, sorglos und lässig zu wirken. Was er erreichte, war ein jämmerlich trotziger und verängstigter Ausdruck.
»Niemand hat einen Grund, auf mich zu schießen«, sagte er.
»Gut«, erwiderte ich. »Freut mich zu hören.«
Delaney ging ein paar Schritte auf die Ansammlung roter Trikots zu, dann drehte er sich noch einmal zu mir um.
»Hören Sie, Mr. Loy, ich weiß ja, Sie kennen meinen Bruder, und danke, dass Sie sich um mich sorgen, aber ich brauche keine Hilfe von Ihnen, klar? Und auch von niemandem sonst. Sagen Sie Dessie, es geht mir prächtig. Sagen Sie ihm, er kennt Jack Cullen wahrscheinlich genauso gut wie ich, und wenn irgendjemand die Schuld an all dem trägt, dann der.«
Die Shelbourne-Spieler hatten angefangen zu singen, die Köpfe dicht beieinander. Delaney ging weiter auf sie zu. Dann zögerte er erneut, machte einen Bogen um seine Teamkameraden und rannte auf die Umkleidekabinen zu. Inzwischen waren die Ordner auf das von Flutlicht erhellte Spielfeld gekommen, um die Gaffer zu zerstreuen; über Lautsprecher wurde verkündet, das Spiel werde abgebrochen und die Zuschauer sollten das Stadion ruhig und geordnet verlassen.
Ich schloss mich dem Pulk an, der sich vor dem Ausgang bildete, und ging beim Warten in Gedanken die Szene noch einmal durch, soweit ich mich daran erinnern konnte. Das Spiel war so öde gewesen, dass meine Aufmerksamkeit nachgelassen und ich geistesabwesend in die Richtung des Parkplatzes gestarrt hatte. Dadurch hatte ich den Schützen sofort bemerkt. Zuerst war mir die Sturmhaube aufgefallen, dann hatte ich gesehen, wie er die Maschinenpistole zog und blindlings das Feuer eröffnete, ohne auf eine bestimmte Person zu zielen. Dieser Mann hatte es nicht darauf abgesehen, jemanden zu töten, er war kein Irrer – er schoss über die Köpfe der Menschen hinweg. Ich sah ihn im Geiste vor mir, die Maschinenpistole – ich glaubte, eine Uzi erkannt zu haben – hoch erhoben, sodass möglichst viele Leute die Waffe sahen, ehe er eine Salve in die Luft feuerte. Es war eine Warnung ... oder eine Geste. Hatte sie Paul Delaney gegolten? Oder hatte das Ganze überhaupt nichts mit Delaney zu tun? Vielleicht war der Schütze ja ein verzweifelter Shelbourne-Fan gewesen, der durch diesen überzogenen Protest darauf hinweisen wollte, wie dringend das Team wieder den Aufstieg an die Spitze der Liga schaffen musste.
Während ich die Richmond Road entlangmarschierte und an der Ballybough nach rechts in Richtung Innenstadt abbog, ließ ich mir die Sache wieder und wieder durch den Kopf gehen. Ich hatte es mal mit Pauls Bruder Dessie zu tun bekommen, als der noch ein Junkie gewesen war und für Podge Halligan gedealt hatte. Trotzdem war ich überzeugt, dass Dessie kein schlechter Mensch war, und wenn er selbst das gelegentlich vergaß, hatte er eine resolute Ehefrau, die seinem Gedächtnis auf die Sprünge half, und zwei Kinder, vor denen er sich so schämte, dass er schnell wieder auf den Pfad der Tugend zurückkehrte. Mit deren und meiner Unterstützung war er von seiner Sucht losgekommen, und ich hatte einen reichen Klienten mit Schuldgefühlen überredet, Dessie eine Beteiligung an einem Irish Pub namens Delaney's zu kaufen, den Dessies Bruder Liam auf einer griechischen Insel betrieb, deren Namen ich mir einfach nicht merken konnte. Die Bar war ein Erfolg; hin und wieder bekam ich Postkarten mit guten Wünschen und Fotos, auf denen sonnengebräunte, sichtlich angetrunkene Iren, die ich nicht kannte, einem strahlenden Dessie zuprosteten.
Als Dessie mich vor ein paar Tagen angerufen hatte, war seine Stimmung weniger strahlend gewesen. Sein Bruder Paul war achtzehn Jahre und stieg gerade auf, wenn nicht in die Erste Liga – er hatte bereits Probetrainings bei Arsenal und Liverpool absolviert, war aber abgelehnt worden –, so doch mindestens zu einer Profikarriere in der English Football League. Und das bedeutete laut Dessie, dass Paul gut und gern fünfzehn Jahre lang Summen zwischen zweihunderttausend und einer halben Million kassieren würde. Dann hätte er fürs Leben ausgesorgt, sofern er das Geld richtig anlegte und nicht alles beim Pferderennen verwettete, sich von irgendwelchen windigen Typen alles abschwatzen ließ oder es in Koks investierte. Und an diesem Punkt kam Jack Cullen ins Spiel. Ende Februar waren zwei Dubliner namens Ollie und Dave ins Hinterzimmer des Delaney's gekommen, beide kräftig und groß wie Türsteher, und Dessie erkannte sofort, dass die Jungs nicht ganz koscher waren. Aber sie benahmen sich friedlich, schienen sogar nervös und sahen sich ständig um. Sie blieben für sich, tranken ihre Pints, aßen ihr Moussaka mit Pommes, verfolgten die Fußballübertragungen im Satellitenfernsehen und machten sich aus dem Staub, sobald jemand sie in ein Gespräch verwickeln wollte. Nach etwa einer Woche wurden sie etwas lockerer, und als Dessie und Liam sahen, dass die beiden nichts im Schilde führten, entspannten sie sich ebenfalls.
Wie sich herausstellte, waren die Jungs auf der Flucht: Sie hatten Lamp Comerford, Jack Cullens Leibwächter, nicht in den Nachtclub Viscount gelassen, weil Lamp zu betrunken und außerdem auf Koks gewesen war. Nach ein paar Stunden kam Lamp zurück und feuerte mit einer Glock 17 aus nächster Nähe auf Ollie und Dave, bis das Magazin leer war. Jeder einzelne Schuss ging daneben, womit bewiesen war, dass die beiden gut daran getan hatten, ihn nicht reinzulassen: Wenn man nicht mehr in der Lage ist, jemanden mit einer Glock 17 aus drei Meter Entfernung zu treffen, sollte man besser nach Hause gehen und seinen Rausch ausschlafen. Erst recht, wenn man der gefürchtete Bodyguard des größten Drogendealers in der North Inner City ist. Jetzt war angeblich ein Kopfgeld auf Ollie und Dave ausgesetzt, und es mangelte nicht an ehrgeizigen jungen Helden, die es gern kassiert hätten. Also flohen die zwei nach Griechenland, denn sie sagten, wenn sie nach Spanien gegangen wären, hätten sie Lamp und Jack auch gleich eine Ansichtskarte schicken können. An die spanischen Küsten setzten sich nämlich scharenweise irische Gangster ab, angeblich ihrer Gesundheit zuliebe.
Das war jedenfalls die Version, die die beiden zuerst erzählten. Aber dann stellte sich heraus, dass es nicht die ganze Wahrheit war und dass Ollie und Dave noch aus einem anderen Grund ins Delaney's gekommen waren. Die Jungs hatten im Tolka-Stadion in der Juniorenliga Fußball gespielt, bei den Shelbourne Young Reds, von den Bambinis bis ins Erwachsenenalter, ein paar Jahre vor Paul Delaney. Natürlich war Paul ein gänzlich anderes Kaliber, aber Ollie und Dave waren stolz auf die Verbindung. Sie waren begeistert von seiner Loyalität, von der Tatsache, dass er den Shels treu blieb, bis er den großen Sprung in ein englisches Team schaffte. Ollie und Dave hatten das Gefühl, dass er sie etwas anging, und sie wollten ihn – wenn schon nicht bei Manchester United – so doch auf jeden Fall im Mittelfeld der Ersten Liga sehen. Sie fanden, er hätte das Zeug dazu. Und später, mit etwas Selbstvertrauen, ein bisschen Glück, wer weiß? Aber die Chancen schwanden, weil Paulo mit Jack Cullen zu tun hatte, wie Ollie und Dave berichteten. Er war im Viscount zusammen mit zweien von Cullens »Geschäftspartnern« gesehen worden, er war sogar bei der Hochzeit von Cullens Tochter in Marbella gewesen. Dessie und Liam argumentierten, dass Cullen schon immer ein großer Fan der Shels gewesen sei und man ihm kaum aus dem Weg gehen könne, wenn man viel Zeit im Stadion verbringe. Er tauchte bei Spielen der Jugendmannschaften ebenso auf wie bei denen der ersten Mannschaft. Wenn man in derselben Straße aufwuchs wie diese Jungs, konnte man ihnen nicht einfach die kalte Schulter zeigen, sonst gab es Krieg. Das mussten Ollie und Dave einsehen, und sie sagten, sie hofften, dass nichts weiter dahintersteckte. Aber Paulo bekam in der Fußballszene allmählich den Ruf des Mannes, an den man sich wandte, wenn es um Drogen ging – eine Art Zwischendealer für Typen, die sich nicht mit schmuddeligen kleinen Junkies abgeben wollten.
Der Mannschaftskapitän Barry Jordan war persönlich ins Viscount gegangen, um sich danach zu erkundigen. Dort hatten sie ihm erzählt, das sei alles nur Gerede, aber Jordo war nicht dumm, und wenn er dahinterkam, würde er vor nichts haltmachen, um Paulo loszuwerden. Über einen solchen Skandal würde man vielleicht wegkommen, wenn man sich schon etabliert hatte, aber wenn man gerade erst versuchte, einen Fuß in die Tür zu bekommen? Das konnte man vergessen. Von einem Newcomer, der solche Scherereien machte, wollte niemand etwas wissen. Er wäre nur noch ein weiterer Name auf der langen Liste der Loser aus der League of Ireland, ein weiterer gescheiterter Hoffnungsträger.
Dessie wäre am liebsten auf der Stelle nach Hause geflogen, um Paul zur Vernunft zu bringen, fand aber, dass er in Anbetracht seiner eigenen Vergangenheit nicht der Richtige dafür war. Deshalb bat er mich, mir seinen Bruder zur Brust zu nehmen. Ich erklärte ihm, es sei nicht mein Job, Jungs, die auf die schiefe Bahn geraten waren, Moral zu predigen. Worauf Dessie erwiderte, umso besser, er könne sich mein Predigerhonorar sowieso nicht leisten, erst recht nicht mein Honorar als Privatdetektiv, und wann ich denn mal runter nach Griechenland käme, um mir die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen, auf Kosten des Hauses?
Hier ging ich nun also die Gardiner Street entlang zum Viscount, rief unterwegs Paul Delaney auf dem Handy an und hinterließ eine Nachricht auf seiner Voicemail. Am vergangenen Abend nach dem Training hatte er sich bereitwillig mit mir im Crowne Plaza getroffen, einem noblen, erst kürzlich eröffneten Konferenzhotel. Als ich ankam, saß er bei einem Glas Wasser, strotzend vor Gesundheit, und machte in jeder Hinsicht den Eindruck, als hätte er noch nie irgendwelche Drogen genommen oder auch nur von etwas gehört, was stärker war als Aspirin. Er sprach von seinen sportlichen Ambitionen, davon, wie wichtig Disziplin, Fitness und gesunde Ernährung für Sportler im Lauf ihrer kurzen Karriere waren und dass die Ernennung des neuen Managers für die irische Nationalmannschaft ein bedeutender Entwicklungsschritt für den Fußball in Irland sei. Er redete wie der Traum eines Presseagenten.
Später auf dem Parkplatz rauchte ich eine Zigarette, und Delaney lächelte mich nachsichtig an, als würde ich eine Line ziehen. Ich musterte seinen roten Mazda MX-5 1.8 I, einen Wagen, den man nie und nimmer von der Spielergage finanzieren konnte, die der Shelbourne FC zahlte.
»Nettes Auto«, bemerkte ich.
»Da bin ich mit Glück drangekommen«, erwiderte Paul Delaney schlagfertig. »Dem Vater meiner Freundin gehört ein Mazda-Autohaus. Und er ist verrückt nach den Shels. Er hat mir den Wagen nicht direkt geschenkt, aber so gut wie – ich darf damit fahren, als ob er mir gehört.«
Er lächelte mich an, die kornblumenblauen Augen geweitet wie in jungenhafter Begeisterung. Mir gingen allmählich die Strategien aus; abgesehen davon wollte ich, dass er ehrlich zu mir war.
»Ich muss Sie mal was fragen, Paul. Dessie und Liam haben mich darum gebeten. Was läuft da eigentlich zwischen Ihnen und Jack Cullen? In letzter Zeit wird eine Menge geredet –«
Delaney grinste schief und hob abwehrend die Hand.
»Ich kenne das Gerede, Mr. Loy, und wissen Sie was? Es steckt nichts dahinter. Ich kann Ihnen auch sagen, woher die Gerüchte kommen: von einem einzigen Vorfall im Nachtclub Viscount. Ich bin da kein Stammgast, ich trinke nicht und ich bin nicht gern mit Leuten zusammen, die es tun. Aber einmal bin ich freitagabends mitgegangen, weil die Jungs drauf bestanden haben. Das war, nachdem wir die Bray Wanderers sechs zu eins geschlagen hatten –«
»Wobei Sie einen Hattrick erzielt haben«, warf ich ein. Delaney wandte den Blick ab, als sei es geschmacklos oder übertriebene Schmeichelei von mir, das zu erwähnen.
»Also, ich war da, und Jack Cullen saß an einem Tisch mit allen seinen ... seinen Leuten. Mit manchen von denen bin ich zur Schule gegangen, oder mit ihren Brüdern. Und jeder weiß ja, dass Jack der Laden gehört, oder wenigstens einem Mittelsmann von ihm. Dann gab Jack uns eine Runde aus, und ich musste natürlich rübergehen, um mich bei ihm zu bedanken, und bin an seinem Tisch hängen geblieben, während er gefühlte drei Tage lang redete – über Shelbourne in den Achtzigern und in den Siebzigern und was sein alter Herr ihm von Shelbourne in den Sechzigern und den Fünfzigern erzählt hat und über Tradition und Lokalpatriotismus und irischen Fußball im Allgemeinen und so weiter. Und dann musste er mich unbedingt mit seinem dicken Benz nach Hause bringen und hat mich an der Straße vor meinem Wohnblock abgesetzt. Am nächsten Tag hat natürlich alle Welt darüber geredet, und irgendein Reporter vom Daily Star hat mich angerufen und gefragt, ob ich – wie hat er es doch gleich formuliert –, ob ich ›Drogenbaron Cullens Mann an der Fußballfront‹ bin. Ich bitte Sie! Was hätten Sie denn an meiner Stelle gemacht? Der Kerl ist ein ziemliches Kaliber, und wenn der mit Ihnen reden will ... Es ist ja nicht so, als ob er da am Tisch Lines gelegt hätte, nichts dergleichen, er hat nicht mal getrunken. Ich meine, ich weiß, wer er ist, wer weiß das nicht, nur, den können Sie nicht einfach ignorieren ... Aber dann zählt jeder zwei und zwei zusammen, und inzwischen denken sogar manche von den Jungs – von meinen eigenen Teamkameraden! –, dass ich mich nach dem Spiel in die Umkleiden der Gegnermannschaft schleiche und denen Koks verkaufe. Das ist doch lächerlich.«
Na schön. Immerhin war Paul nicht ausfallend geworden oder hatte mich gefragt, für wen ich mich eigentlich hielt. Bevor er in seinen roten Mazda stieg und losfuhr, bot er sogar noch an, mir eine Eintrittskarte für das Spiel gegen Monaghan United zu besorgen.
»Ein besonders schönes Match wird das allerdings nicht«, sagte er. »Keins, das man als Fußballkenner genießen kann. Aber wenn Sie trotzdem kommen wollen ...
Ich hatte zugesagt. Doch statt wie erhofft Dessie telefonisch mitteilen zu können, dass alles zum Besten stand, ging ich jetzt an der Gedenktafel am Haus Nummer 94 in der Talbot Street vorbei, wo der IRA-Mann Sean Treacy 1920 im Unabhängigkeitskrieg von britischen Soldaten erschossen worden war, überquerte die Straße und schloss mich der Warteschlange vor dem Viscount an. Vor mir standen sechs oder sieben kichernde, aufgetakelte Mädchen in Hotpants und Trägertops, mit denen der Türsteher pflichtschuldig flirtete. Als sie endlich in einer Wolke von billigem Parfüm, Alkopops und Pheromonen hineingerauscht waren, nahm er mich beiseite.
»Du wärst vielleicht drüben im Celt besser bedient, Kumpel. Das ist ein Pub für richtige Männer, wenn du verstehst, was ich meine. Das Publikum hier ist wohl doch ein bisschen jung für dich, und das Bier ist ehrlich gesagt eine widerliche Brühe.«
Er hatte ein rundes Gesicht, bleiche Haut mit roten Flecken, einen gewaltigen Bierbauch und war gut über eins neunzig, etwa zwei oder drei Zentimeter größer als ich. Seine blassgrauen Augen blinzelten häufig; seine Hände waren schwielige Pranken.
»Charlie Newbanks, wenn ich mich nicht irre? Ist Ray Moran heute Abend hier?«
»Woher weißt du, wie ich heiße, Kumpel?«
»Daue und Ollie lassen schön grüßen.«
Ich gab Newbanks meine Karte. Er warf einen Blick über die Schulter ins Innere des Clubs, dann beugte er sich zu mir vor. Sein Atem roch nach Kartoffelchips.
»Wir wollen hier keinen Ärger, Kumpel. Du hast ja selbst gesehen, heute Abend sind nur Kids hier.«
»Kein Ärger, nur eine Nachricht für Ray. Von Dave und Ollie. Nicht die Spur von Ärger.«
»Ist alles in Ordnung mit den Jungs?«
»Gestern war es das noch«, erwiderte ich.
Newbanks dachte einen Moment lang mit schief gelegtem Kopf nach, dann grinste er, als wollte er sagen, ich habe dich gewarnt, und ließ mich mit einem Kopfnicken ein.
Das Viscount war auf 18. Jahrhundert getrimmt, mit Rüschenvorhängen, verschnörkelten Kronleuchtern, Spiegeln in vergoldeten Rahmen und billigen Drucken von Hogarths Gemäldezyklus Marriage à la Mode an den mit bonbonrosa und zitronengelbem Streifenmuster tapezierten Wänden. Das Ganze war kombiniert mit dem Stil einer Disco-Bar aus den Achtzigern, schwarze Lacktische und -stühle und schwarze Dielen und Discokugeln, die Lichtfunken über die erhitzten Gesichter von knapp bekleideten Mädchen tanzen ließen. Für mich sahen diese Mädchen aus, als wären sie noch nicht alt genug, um so spät noch unterwegs zu sein – nicht mal alt genug, sich zu schminken, geschweige denn Alkohol zu trinken und um die Häuser zu ziehen. Dabei war es erst halb acht, und sie waren alle schon über zwanzig – Newbanks hatte wohl recht gehabt, ich war eben zu alt. Die wenigen anwesenden Jungs sahen aus, als ob sie schwul seien. So sehr sich Dublin auch in den letzten zehn Jahren gemacht hatte – die irischen Männer würden nie ihre Gewohnheit aufgeben, sich einen anzusaufen, bevor sie sich in die Höhle der Löwin wagten; wahrscheinlich würden die Männer also ab zehn Uhr nach und nach eintrudeln.
Der Barkeeper war ein Chinese. Angesichts des Sortiments von knallbunten Alkopops und Leichtbier schien mir Wodka die sicherste Wahl. Ich bestellte einen großen Stoli on the Rocks und fragte nach Ray. Eine üppige Frau mit kurzer, pflaumenfarbener Ponyfrisur stellte sich sehr dicht neben mich. Ich spürte ihre Blicke und nahm den Geruch von Haarspray, Nikotin und billigem Schnaps wahr. Nachdem klar wurde, dass sie nicht von selbst wieder gehen würde, wandte ich mich ihr zu. Sie verdrehte die stark geschminkten Augen, als wäre das nicht mein erster Fehler an diesem Abend.
»Und?«, sagte sie.
»Was, und?«, fragte ich.
»Na, willst du ficken, oder was?«
»Was«, entgegnete ich prompt, ohne eine Miene zu verziehen. Sie war knapp eins achtundsechzig groß, hatte schätzungsweise dreißig bis vierzig Kilo Übergewicht und eine Figur, als wäre sie im Nebenberuf Ringerin. Der Ausdruck ihres dick mit orangefarbener Schminke zugekleisterten Gesichts wechselte von Kränkung über Verärgerung zu Resignation.
»Bist wohl 'ne verdammte Schwuchtel, was? Hier wimmelt's nur so von lausigen Schwuchteln. Wie soll ein Mädchen hier auf seine Kosten kommen, wenn sich die Jungs alle im Farrell's rumtreiben?«
Ich setzte ein Gesicht auf, als wollte ich sagen: Tut mir leid, dass du dein Pulver umsonst verschossen hast. Dann schlug ich ihr vor, doch selbst ins Farrell's zu gehen.
»Nee, Charlie lässt keine Mädels rein, wenn sie besoffen sind. Aber wenn die Jungs endlich hierherkommen, hatte ich verdammt nochmal schon zu viele von denen hier«, fuhr sie fort und hob eine halb leere Flasche mit etwas, das wie Zitronenreiniger aussah. »Das heißt, selbst wenn ich noch Gelegenheit zum Vögeln kriege, hab ich nichts mehr davon, verstehst du? Da kann ich's auch gleich lassen.«
»Nochmal dasselbe?«, fragte ich.
»Hmm. Prost«, sagte sie.
Ich bestellte bei dem chinesischen Barkeeper, aber die Drinks brachte jemand anders. Der Typ im dunkelblauen Anzug war groß und gut gebaut, mit einem langen, schmalen Gesicht, dunklem Haar, das mit Gel zurückgekämmt war, und einem dünnen schwarzen Oberlippenbart.
»Geh dich amüsieren, Bernie«, sagte er.
»In einer Kneipe voller Schwuchteln? Du müsstest hier mal 'ne Quote einführen«, entgegnete Bernie, griff beide Flaschen mit einer Hand, sodass sie klirrend aneinanderschlugen, und rauschte davon.
»Ed Loy«, stellte ich mich vor. »Sind Sie Ray Moran?«
Er nickte und bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen. Ich nahm mein Glas und begleitete ihn zwei Treppen hoch in ein schäbiges kleines Büro. Darin standen ein Schreibtisch mit einem Computer und einem alten Telefon-Faxgerät, außerdem Regale mit Ordnern und Mappen. An den ockergelb gestrichenen Wänden hingen ein Jahresplaner und ein Kalender mit Softporno-Bildern.
Ray Moran setzte sich an den Schreibtisch und schlug die langen Beine übereinander; er trug genau wie ich schwarze Lederhalbschuhe. Als er den Arm hob, um mit einer eleganten Geste anzudeuten, nichts in diesem Raum habe etwas mit ihm zu tun, wurde an seinem Handgelenk eine weißgoldene Patek Philippe sichtbar. In keiner Weise wirkte er wie ein Mann, dessen Lebensunterhalt von einer kitschigen Bar mit Nachtclub an der Talbot Street abhing.
Ich setzte mich auf eine Fensterbank und beobachtete, wie unten auf der Straße ein Doppeldeckerbus vorbeifuhr. Für einen Moment übertönte der Motorenlärm sämtliche Geräusche im Raum. Als ich mich wieder umdrehte, musterte Moran mich mit intelligenten braunen Augen.
»Dave und Ollie?«, fragte er.
»Es geht um Paul Delaney«, erklärte ich. »Die beiden haben Pauls Bruder Dessie von den Gerüchten erzählt, die über Paul kursieren. Und Dessie hat mir davon erzählt.«
»Dann sind Sie also Ed Loy, der Privatdetektiv, der die Machenschaften von F. X. Tyrrell und Dr. John Howard aufgedeckt und Podge Halligan hinter Gitter gebracht hat – und immer noch lebt«, stellte Moran fest.
»Ich bin Ed Loy. Aber hier geht es nicht um einen meiner Fälle.«
»Und was heißt das genau?«
»Das heißt, dass Dessie Delaney mich nicht angeheuert hat. Ich betrachte es eher als Gefallen.«
»Das hier ist also ein Gefallen für Dessie Delaney?«
Ich nickte.
»Und wenn Sie rausfinden, was Paul treibt, rufen Sie Dessie an, erstatten ihm Bericht, und das war's?«
»Ich würde mir den Jungen vielleicht mal zur Brust nehmen«, erwiderte ich.
Ray Moran schüttelte den Kopf.
»Die jungen Leute heutzutage«, sinnierte er. »Man kann allenfalls versuchen, mit ihnen zu reden ...«
»Wie dem auch sei«, unterbrach ich ihn, »das ist jetzt nicht das Thema. Ich weiß nicht, was Sie über mich gehört haben, aber vieles davon ist erfunden und der Rest übertrieben.«
»Ich habe von Ihren Problemen gehört, Mr. Loy. Ich habe gehört, dass es bei Ihnen immer harmlos anfängt – Sie suchen nach irgendwelchen gestohlenen Gartenmöbeln oder locken für eine alte Dame ein Kätzchen vom Baum, und am Ende sind acht Leute tot, der Polizeichef richtet eine neue Abteilung für organisiertes Verbrechen ein, und alle in der Stadt warten mit eingezogenen Köpfen, ob sie vielleicht als Nächste dran sind. George Halligan hätte Sie erledigen sollen, als er die Gelegenheit dazu hatte.«
»Vielen Dank«, erwiderte ich. »Wie nett, dass Dave und Ollie mich nicht zu jemandem geschickt haben, der wirklich feindselig ist. Aber wenn Ihnen – oder demjenigen, den Sie vertreten, wer immer das auch sein mag – etwas daran liegt, Ihre Angelegenheiten diskret und ohne Aufsehen abzuwickeln, dann ist ein Irrer, der mit einer Maschinenpistole genau dann im Tolka Park rumballert, wenn Paul Delaney gerade spielt, wohl die falsche Maßnahme.«
Ray Moran verzog keine Miene, nur seine Oberlippe zitterte leicht.
»Sie haben davon gehört«, sagte er, als wäre das Ganze hinter verschlossenen Türen passiert.
»Ich war dabei. Aber inzwischen dürfte ohnehin alle Welt davon erfahren haben. Ich würde sagen, sie bringen es noch in den Neun-Uhr-Nachrichten, meinen Sie nicht?«
»Ich denke nicht, dass irgendjemandem klar ist, worum es dabei ging«, entgegnete Moran, dessen Gesicht zusehends Farbe annahm. »Wie Sie eben sagten, es war irgendein Irrer. Was hat das schon zu bedeuten?«
»Tja, was schon?«, entgegnete ich. »Man könnte allerdings auch sagen, so was passiert, wenn es Unklarheiten in der Rangordnung gibt.«
»Was meinen Sie damit?«
»Was weiß ich? Ollie und Dave halten Lamp Comerford davon ab, in Jack Cullens Club einen peinlichen Auftritt hinzulegen, Comerford kommt zurück und schießt wild um sich, und Ollie und Dave müssen daraufhin untertauchen ... Ich meine, was hat Lamp Comerford gegen Cullen in der Hand? Der Laden hier sollte doch eigentlich legal sein, nicht wahr?«
»Er ist legal –«
»Natürlich ist er das. Wie sonst könnte hier das Geld aus Jack Cullens sämtlichen Drogengeschäften gewaschen werden? Also, das Viscount mag nicht gerade die Art von Bar sein, in die Bono oder Liam Neeson mit ihren Kumpels gehen, wenn sie in Dublin sind, aber es ist auch nichts Anrüchiges daran, und Jacks alte IRA-Kumpel scheinen inzwischen genug Einfluss zu haben, um ihm kleinere Scherereien mit der Polizei vom Hals zu halten. Wenn Jack hier hin und wieder auf einen Drink mit Freunden reinschaut, ist das eine Sache, aber wenn Lamp auf den Laden seines Chefs ballert, ist das eine gänzlich andere. Sie haben es geschafft, dass die Presse nicht darüber berichtet hat – Glückwunsch. Trotzdem, für die Truppenmoral ist so was doch wohl nicht gut? Und die Polizei kann auch nicht ewig wegschauen, oder?«
Wieder verzog Moran keine Miene, wieder ging die einzige Bewegung von seinem Oberlippenbart aus, der ein Eigenleben zu haben schien.
»Was wollen Sie, Mr. Loy?«
»Informationen über Paul Delaney. Am liebsten würde ich natürlich erfahren, dass er sauber ist, aber seien wir ehrlich: Dealt er für Jack oder für jemanden aus Jacks Umfeld, laufen da irgendwelche ... krummen Dinger zwischen den beiden? Ich weiß, so was übersehen Sie geflissentlich, wie es sich für einen Mann mit einem Buchhaltungsbüro an der Pembroke Road gehört, aber ich bin sicher, wenn Sie wollten, könnten Sie es rausfinden. Sehen Sie, ich habe den Eindruck, das, was da vor sich geht, macht Ihnen ein bisschen Sorgen. Und offensichtlich wissen Sie mehr darüber als ich –«
»Oh, das bezweifle ich stark, Mr. Loy. Sie mit Ihren Beziehungen zur Polizei –«
»Dort redet momentan niemand mit mir. Hören Sie, ich bin hier nicht auf einem Kreuzzug, ich interessiere mich nicht für Jack Cullen und seine Gang und seine Drogengeschäfte und was immer Sie und er da treiben. Das alles gefällt mir nicht, aber es ist nicht mein Job, etwas dagegen zu unternehmen, selbst wenn Paul Delaney mit drinsteckt. Ich will es nur wissen.«
»Damit Sie Delaney die Leviten lesen können. Und nachdem er Ihre Standpauke ignoriert hat, erzählen Sie es seinen Brüdern, und dann haben wir die hier auf dem Hals. Hat Dessie nicht mal für Podge Halligan gearbeitet? Und davor für Larry Knight? Dessie sollte vorsichtig sein, in die Heimat zurückzukehren.«
Ich trank mein Wodkaglas leer.
»Sehen Sie zu, was Sie rauskriegen können«, sagte ich. »Denn vielleicht war das heute Abend nicht irgendein Irrer, vielleicht war es eine Warnung. Nicht an Paul Delaney, aber da er unter dem Schutz von Jack Cullen steht, vielleicht eine Warnung an Jack Cullen selbst. Wie gut kennen Sie Lamp Comerford?«
Mir gingen die Ansatzpunkte aus. Also stand ich auf, reichte Ray Moran meine Karte und öffnete die Tür.
»Wir könnten diese Sache ganz schnell abhaken«, sagte ich noch. »Und dann können Sie ungestört weiter Ihren ... Geschäften nachgehen.«
Moran strich sich mit meiner Karte über den Oberlippenbart und lächelte.
Draußen in der Schlange vor dem Viscount stand eine Gruppe Jungs an. Ich fragte mich, ob Bernie sich freuen würde, sie zu sehen – falls sie dazu überhaupt noch in der Lage war. Ich hätte besser den beiden Jungs in Trainingsanzügen etwas mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, die im Eingang des Spar-Supermarkts auf der anderen Straßenseite standen, einer mit einer Baseballkappe in Burberry-Karo, der andere mit einer schneeweißen. So bemerkte ich sie erst, als es fast zu spät war.
Ich hatte gerade den Beresford Place erreicht, als sie mich anrempelten und in die Seitenstraße neben dem Abbey Theatre stießen. Mehrere Kartons dämpften meinen Sturz – in der Beresford Lane kampieren immer ein paar Obdachlose. Während ich noch da lag, sah ich im Schein der nächsten Straßenlaterne eine Messerklinge aufblitzen. Als der mit der weißen Kappe sich auf mich stürzte, das Messer in der Hand, war ich bereits wieder auf den Beinen und warf ihm einen der Pappkartons an den Kopf. Er taumelte, fuchtelte mit der Klinge vor sich herum und versuchte, sich wieder zu fangen, aber er war aus dem Gleichgewicht gebracht; es war eine Sache von Sekunden, ihn am Arm zu packen, ihm das Messer zu entwinden und es in die Gasse hineinzuwerfen. Dann boxte ich ihn aus nächster Nähe in den Bauch, wobei ich ihn zugleich als Deckung vor Karokappe benutzte. Als ich fühlte, wie Weißkappe in sich zusammensank, ließ ich ihn vornüber stürzen und rammte ihm ein Knie ins Gesicht. Das gab ihm den Rest, womit ich allerdings zugleich meine Deckung vor Karokappe verlor. Der hielt sich offenbar für einen Kickboxer, und nicht zu Unrecht: Er landete einen fürchterlichen Tritt seitlich gegen meinen Kopf. Es war mein Glück, dass er nur Turnschuhe trug; wären es feste Schuhe gewesen, dann hätte er mich mit diesem Tritt wohl erledigt. Ich ging zu Boden, aber während er das Standbein wechselte, um seinen Schwung abzufangen, trat ich, so fest ich konnte, nach oben zwischen seine Beine. Ich trug neue Halbschuhe, deren Leder noch steif und nicht gedehnt war. Karokappe krümmte sich und brach auf dem Asphalt zusammen. Das einzige Lebenszeichen von ihm war ein hoher Klagelaut, der wie ein inbrünstiges Gebet klang. Ich versuchte einen Namen aus Karokappe rauszubekommen, aber er brachte vor Schmerz keine verständlichen Worte hervor. Ich selbst fühlte mich auch nicht mehr ganz standfest und sah zu, dass ich wegkam.
Ich überquerte den Fluss auf der Butt Bridge, ging die Tara Street entlang, folgte dann ein Stück der Pearse und bog nach links in die Westland Row ein. Die linke Hälfte meines Kopfes schmerzte, das Ohr klingelte gespenstisch. Ich hatte Blut am Hemd und stellte fest, dass es von einem klaffenden Schnitt in meiner Hand stammte; die Wunde musste ich mir zugezogen haben, als ich Weißkappe das Messer abnahm. Immer wieder stolperte ich, und als ich die Fenian Street erreicht hatte, wurde mir heiß, mir brach der Schweiß aus und ich wurde kurzatmig. Ich dachte daran, ins Alexander Hotel zu gehen, um mich zu übergeben, unterdrückte den Drang jedoch und taumelte weiter durch die Denzille Lane zur Holles Street.
Mein Haus stand gegenüber dem National Maternity Hospital; von meinem Apartment in der zweiten Etage aus konnte man auch einen Teil des Merrion Square sehen. Aber als ich mich die Treppe hinaufgeschleppt hatte, interessierte mich die Aussicht nicht mehr besonders. Ich goss mir einen Jameson ein, gab Wasser dazu und stürzte den Drink hinunter. Sekunden später, als sei es die ganz natürliche Folge – die es wohl auch war –, fand ich mich auf den Knien im Bad wieder, wo mir der Whiskey und alles, was ich vorher zu mir genommen hatte, wieder hochkamen. Als es vorbei war, schöpfte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und stellte mit einer gewissen Befriedigung fest, dass mein übriger Kopf jetzt genauso stark pochte wie mein Ohr. Ich war nicht mehr in der Lage, aufrecht zu stehen, also stolperte ich vornübergebeugt zu meinem Bett, ließ mich darauf fallen und versank sofort in einen traumlosen Schlaf.
Ich wurde bei Tagesanbruch wach und duschte erst mal heiß. Dann drehte ich das heiße Wasser ab und hielt meinen Kopf unter den eisigen Wasserstrahl, bis es sich anfühlte, als säße die Kälte wie ein Klumpen in meinem Schädel. Anschließend blieb ich auf dem Rand der Badewanne sitzen, ein Handtuch über dem Kopf, bis etwas, das sich vage so anfühlte wie Blut, wieder warme Bahnen durch das taube Fleisch zu ziehen begann.
Die linke Seite meines Kopfes fühlte sich an wie ein Transplantat, das nicht richtig angewachsen war und wahrscheinlich ohnehin nicht passte. Und mein Ohr sah aus und fühlte sich an wie verbrüht. Aber es führte nun mal zu nichts, sich dem Schmerz hinzugeben, und heute Morgen hatte ich auch einfach keine Zeit dazu. Ich war hungrig, außerdem wartete Arbeit auf mich. Ich spülte zwei Nurofen Plus mit Orangensaft runter, zog mich an, setzte Wasser auf und ging raus zur Grand Canal Street, um Zeitungen und ein paar Eier zu kaufen.
Es war ein stürmischer Morgen, vom grauen Himmel prasselten Graupelschauer auf den durchweichten Schotterboden, und der Wind, der in Böen vom Fluss heraufschlug, packte mich an der Kehle und brannte mir in den Augen. Nachdem ich erneut die Treppe zu meiner Wohnung bewältigt hatte, hämmerte mein Kopf schon wieder, also schluckte ich mit meiner ersten Tasse Kaffee noch zwei Nurofen. Dann dünstete ich rote Zwiebel in Olivenöl an, schlug drei Eier darüber und aß sie mit ein paar Scheiben Räucherlachs – mein Lieblingsfrühstück an Tagen, an denen ich ein bisschen in Selbstmitleid schwelge.
Die Zeitungen waren voll von Schlagzeilen wie KUGELHAGEL IM STADION – das erste Mal, dass Tolka Park derart in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt wurde –, dazu hitzige Spekulationen darüber, ob ein ANSCHLAG WIE AN US-HIGHSCHOOLS vorherzusehen gewesen wäre; mehr als ein Reporter schien geradezu enttäuscht, dass es nicht zu einem solchen AMOKLAUF gekommen war. Bisher gab es keine Anhaltspunkte und auch nicht die üblichen Mutmaßungen darüber, wer aus dem organisierten Verbrechen oder welche Unterweltsfehde hinter der Schießerei stecken könnte oder ob es sich um einen VERBITTERTEN EINZELTÄTER handelte, der SEINE RACHE INSZENIERTE.
Ich schaltete das Radio ein, um zu hören, ob RTE etwas zu bieten hatte, stellte jedoch fest, dass die Kriminalreporter heute Morgen Wichtigeres zu berichten hatten: In der Beresford Lane waren die Leichen zweier junger Männer gefunden worden, brutal verprügelt, mit Stichwunden und durchgeschnittener Kehle. Ich saß da wie erstarrt und lauschte den Details: Die Polizei hatte den Tatort abgesperrt, die jungen Männer, in Sportkleidung und mit Baseballkappen, waren »polizeilich bekannt«, der Gerichtsmediziner wurde im Laufe des Vormittags erwartet, die Mordwaffe war noch nicht gefunden worden.
Die Mordwaffe! Ein Messer mit meinen Fingerabdrücken darauf und mit einer frischen Blutprobe von mir. Plötzlich schmerzte die Schnittwunde an meiner Hand, wie um mich zu ermahnen, dass ich sie nicht wichtig genug genommen hatte, und ein heißes Rinnsal Blut lief mir über die Handfläche. Die Polizei hatte meine Fingerabdrücke, und mein Blut und meine DNA auch, wenn ihr Kühlschrank groß genug war, und nach allem, was ich wusste, kannten sie auch mein Lieblings-Fastfood und meine Lieblingsbiersorte. Aber sie hatten keinen Grund, mich mit den Opfern in Verbindung zu bringen – es sei denn, das Messer wurde gefunden. Falls der Mörder tatsächlich dasselbe Messer benutzt hatte.
Ich trank noch eine Tasse Kaffee, dachte darüber nach, wer mir wohl die Morde an den zwei Baseballkappen in die Schuhe schieben wollte, und fragte mich, ob ihr Auftrag gewesen war, mich umzubringen oder mich nur einzuschüchtern, und ob ihr Mörder die Mordwaffe am Tatort zurückgelassen oder sie mitgenommen hatte, um sie später gegen mich zu verwenden. Doch ich kam nur zu einem einzigen Schluss: dass noch viel, viel mehr auf mich zukam und dass ich im Augenblick nichts weiter tun konnte, als es auf mich zukommen zu lassen.
Mein nächster Klient würde erst in einer Stunde kommen, also ging ich wieder nach unten, zog meinen Mantel fest um mich und trat in den Wind hinaus. Ich dachte daran, durch den Merrion Square zu spazieren, zwischen den prächtigen georgianischen Häusern hindurch, die den Park umrahmten, aber dies war kein Morgen für frühe Narzissen und Krokusse oder die ersten frischen Triebe an den Bäumen – der Frühling kam, aber nicht auf eine Weise, die man genießen konnte. Ich ging durch die Holles Street, vorbei an ein paar jungen Müttern mit verhärmten Gesichtern, die rauchend im Eingang des National Maternity Hospital standen, dann weiter nach links, die Sandwith Street entlang und durch eine feuchtkalte Unterführung unter den Bahnschienen durch. Über die Lombard Street gelangte ich zum City Quay, wo ich den Verkehrslärm hinter mir ließ und auf die Sean-O'Casey-Fußgängerbrücke trat, um die Liffey zu überqueren. Auf halbem Weg blieb ich stehen und schaute an den Docks entlang in Richtung Meer. Mein Kopf war inzwischen nass und kalt vom Schneeregen; meine Nase und meine Lippen waren so taub, dass ich sie kaum noch spürte. Immerhin hatte der Schmerz in meinem linken Ohr endlich nachgelassen.
Ich sah die neueste Veränderung in der Skyline der Hafengegend, die funkelnden, asymmetrischen Türme aus Glas und Stahl, die einander gegenüber zu beiden Seiten des Flusses an den Kais standen, zweihundert Meter hoch, dazwischen die Fußgängerbrücke, die beleuchtete Independence Bridge, die als Hängekonstruktion hundert Meter über dem Fluss herführte. Es war ein außergewöhnlicher Anblick, der alles andere in der Umgebung winzig erscheinen ließ; es hieß, man könne die Brücke noch aus Meilen Entfernung sehen, sei es vom Meer, aus der Luft oder vom Land aus. Dies sollte die neue Eintrittspforte in die Stadt sein. Jahrelange Proteste und Einsprüche gegen die Planung waren vorausgegangen, aber schließlich hatte sich die Docklands Development Authority durchgesetzt.
Die Türme und die Brücke würden vom Taoiseach, dem irischen Premierminister, am Ostermontag eröffnet werden, dem Jahrestag des Aufstands von 1916, der den ersten Schritt hin zur unabhängigen Republik markierte. Wenigstens war das die offizielle Version. In den Zeitungen und Pubs hingegen war man sich ganz und gar nicht einig und debattierte heftig darüber, was 1916 bedeutete und was Unabhängigkeit bedeutete und was Irland bedeutete, ganz zu schweigen davon, was architektonische Schönheit bedeutete – es konnte einem schwindelig werden von all den Diskussionen. Tatsache war: Die Türme und die Brücke waren jetzt Bestandteil der Skyline, sie würden für lange Zeit die Eintrittspforte nach Dublin sein, und wir alle würden uns an sie gewöhnen müssen, was auch immer wir von ihnen hielten. So etwas war nie einfach.
Ich selbst hatte zu lange in Amerika gelebt, um dem Alten allzu sehr nachzutrauern und dem Neuen allzu ablehnend gegenüberzustehen. Meiner Erfahrung nach profitierten sowieso diejenigen, die am vehementesten gegen Neubauten protestierten, selbst am meisten davon. Wie auch immer – während der Merrion Square ein strahlendes Zeugnis von Dublins glorreicher Vergangenheit darstellte, hatten die Docklands es bitter nötig, dass ihnen etwas auf die Sprünge geholfen wurde. Und abends boten die funkelnden Lichter, die am Himmel erstrahlten, einen wirklich denkwürdigen Anblick. Ich hätte nie gedacht, dass ich im deprimierenden, heruntergekommenen Dublin einmal etwas so Monumentales und Festliches sehen würde – vielleicht war das allein schon Grund genug, dafür zu sein.
Nach einer Weile kehrte ich um und ging denselben Weg zurück, den ich gekommen war. Ich hatte mich immer noch nicht ganz daran gewöhnt, hier in der Innenstadt zu wohnen. Als ich nach all den Jahren in Los Angeles wieder hergekommen war, um meine Mutter zu beerdigen, hatte ich angenommen, ich würde bald wieder in die USA zurückkehren. Aber dann jagte ein Fall den nächsten, und unversehens wohnte ich wieder in dem Haus, in dem ich aufgewachsen war. Das war aus allen möglichen Gründen unbefriedigend, vor allem, weil mir dort die Geister meiner Vergangenheit keine Ruhe ließen. Ich hatte das schon bei anderen gesehen, ein Zustand zwischen Leben und Tod, in dem jede Möglichkeit zur Veränderung gegen das abgewogen wird, was früher war, und schnell verworfen wird, weil Veränderung das Andenken an die Vergangenheit beleidigen würde. Und wenn ich in den Spiegel schaute oder – nachdem ich mir das abgewöhnt hatte – zufällig mein Gesicht im Rückspiegel des Autos sah, erkannte ich bei mir die gleichen toten Augen, die mir sagten, dass für mich der Zug abgefahren war, dass es nichts Neues mehr unter der Sonne gab, nur noch den nächsten Job, die nächste untreue Frau, das nächste geleerte Glas.
Also zog ich aus. Ich vermietete das Haus an Maria und Anita Kravchenko, zwei Ukrainerinnen, die ich kennengelernt hatte, nachdem sie damals bei dem Howard-Fall Schwierigkeiten mit Brock Taylors Jungen Sean Moon bekommen hatten. Sie hatten eine harte Zeit durchgemacht, aber Taylor und Moon würden ihnen nicht so bald wieder das Leben schwer machen – besser gesagt, nie wieder. Maria und Anita waren zähe, optimistische, gut aussehende Frauen.
Mein Freund bei der Polizei, Detective Inspector Dave Donnelly, hatte mitgeholfen, ihnen eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu verschaffen, und jetzt arbeitete Anita in einem Restaurant in der Nähe und Maria hatte einen Job in einem Kinderhort. Ein paar Freundinnen von ihnen, die als Kindermädchen arbeiteten, wohnten mit im Haus. Die Miete, die sie zahlten, war mehr als ausreichend, um die kleinere Hypothek abzuzahlen, die meine Mutter vor ihrem Tod aufgenommen hatte, und daneben die größere Hypothek für mein neues Apartment. Eigentlich hatte ich ihnen sogar einen Teil erlassen wollen, aber Maria und Anita bestanden darauf, nach dem Mietspiegel zu bezahlen. Außerdem brachten sie mir gelegentlich Paska und Kolach, traditionelles ukrainisches Weihnachts- und Osterbrot, das unabhängig von den Feiertagen immer gut schmeckte, und dazu starkes ukrainisches Bier, das noch besser schmeckte, allerdings etwa bei der Hälfte der dritten Flasche jede Jahreszeit in tiefsten, tristen Winter verwandelte. Vielleicht war ich nicht mehr so trinkfest wie früher. Vielleicht wollte ich es aber auch gar nicht mehr sein.
Zu einer hageren jungen Mutter, die rauchend auf den Stufen vor dem Maternity Hospital stand, hatte sich eine ebenso hagere Frau gesellt, die ihre Mutter zu sein schien. Sie hatte schwarz gefärbtes Haar und rauchte ebenfalls. In einem Zwillingsbuggy saßen zwei Babys, und mehrere Kleinkinder drängelten sich um die beiden Frauen oder tobten auf der Treppe und in der Eingangshalle der Klinik herum. Die Frauen beachteten die Kinder nicht, sondern zogen an ihren Zigaretten und unterhielten sich leise, wie Arbeiter, die sich verstohlen an einem Kohlenbecken wärmten. Nachdem ich einen Winter lang von meinem Fenster aus zugesehen hatte, wie Wöchnerinnen im beißenden Wind, in Regen und Frost standen, um eine Zigarette zu rauchen, war ich überzeugter denn je von der Verrücktheit meiner eigenen Sucht. Allerdings hatte mir auch das nicht die nötige Entschlusskraft verliehen, um davon loszukommen. Jetzt stand ich selbst auf den Stufen vor meinem Haus und blies blauen Rauch aus, ein flüchtiger Gruß an hagere Mütter mit verhärmten Gesichtern und rauchende Verrückte in aller Welt.
Von der Eingangstür meines Apartments führt ein Flur geradeaus zu der kleinen Küche. Links liegt das Bad, rechts die beiden großen Räume mit hohen Decken, die ich als Wohn- und Arbeitszimmer nutze. Mein Büro liegt nach vorn hinaus, hat weder eine Glastür mit meinem Namen noch ein Rollpult, der Whiskey ist irisch und steht offen sichtbar da, nicht in einem Aktenschrank versteckt. Früher bin ich ohne Büro ausgekommen, aber das hat dazu beigetragen, dass ich die Probleme anderer Leute zu meinen eigenen machte in einer Zeit, als ich ohnehin genug am Hals hatte. Ich hoffte, ein Büro würde mir eine Art neutralen Raum bieten, unpersönliche Wände, zwischen denen die dunklen Geheimnisse und düsteren Leidenschaften meiner Fälle ihre Macht verloren oder wenigstens sicher eingeschlossen waren. Man wird ja noch hoffen dürfen.
Das Büro hat drei große Schiebefenster, außerdem ein Sofa und zwei Sessel für den Fall, dass eine ganze Familie mich anheuern will, was schon mehrmals vorgekommen war – mit erfolgreichem, aber nie mit glücklichem Ausgang. Dann gibt es noch den Schreibtisch aus heller Eiche und einen Kapitänsstuhl aus dunkelfleckigem Holz, auf dem ich jetzt saß, mit dem Rücken zu den Fenstern. Mir gegenüber, vor dem Schreibtisch, stand ein Sessel von Lloyd Loom mit Ledersitz und geflochtener Lehne, in dem besonders Frauen gern saßen; gerade jetzt, um elf Uhr vormittags, saß eine darin.
Anne Fogarty war um die vierzig, sah aber aus wie fünfunddreißig – oder vielleicht war sie tatsächlich fünfunddreißig und ihre Erscheinung entsprach ihrem Alter. Schwer zu sagen heutzutage, wo die Einundzwanzigjährigen schon so aufgetakelt und mit Make-up zugekleistert sind, dass sie aussehen wie aufgeschreckte und überarbeitete fünfundfünfzigjährige Millionärsgattinnen. Wie alt sie auch immer sein mochte, ich fand sie attraktiv mit ihrer blauen Jeans und dem eng anliegenden lila Wickeltop, das gerade genug Haut frei ließ, dass ich mich zusammenreißen musste, ihr nirgendwo anders hin als in die funkelnden braunen Augen zu schauen – auch ein attraktiver Anblick. Ihre vollen Lippen waren rot geschminkt, an den leicht vorstehenden Zähnen war eine Metallspange befestigt. In ihrem gewellten, honigblond getönten Haar waren vage die dunkelbraunen Ansätze zu erkennen; widerspenstige Strähnen umspielten ihren leicht sommersprossigen Hals und streiften die Kette, an der ein funkelndes silbernes Kruzifix hing. Sie trug mehrere Silberringe mit Steinen, jedoch keinen am Ringfinger. Hier wies die Haut einen hellen Streifen auf, breit genug für einen Ehering. Während ich darauf schaute, bemerkte ich, wie sie ihrerseits meinen Ringfinger ansah. Dann wanderte ihr Blick zu meinem Ohr, und ein mitleidig-entsetzter Ausdruck huschte über ihr Gesicht.
Sie legte mir eine blassgrüne Aktenmappe auf den Schreibtisch, nahm die Tasse mit schwarzem Kaffee, die ich ihr angeboten hatte, dann lehnte sie sich zurück und erklärte mir, weshalb sie gekommen war.
