Blutiges Freibier - Axel Birkmann - E-Book

Blutiges Freibier E-Book

Axel Birkmann

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Beschreibung

Jedes Jahr kurz vor der Wiesn, dem weltberühmten Oktoberfest in München, trainieren die Oberbayern ihre Bierkompetenz und Trinkfestigkeit in Freising auf dem Volksfest. Diesmal sind auch die beiden Kommissare Melanie Schütz und Alois Kreithmeier zugegen. Widerwillig zwängt sich Kreithmeier seiner Kollegin zu Liebe in Lederhose, Loiferl, Haferlschuhe und Trachtenjanker. Mit 6.000 Gleichgesinnten trinken und feiern sie zusammen im Bierzelt den Auftritt der bekannten Stimmungsband Dolce Vita. Nach dem Auftritt der Musikgruppe findet eine Bedienung den Festzeltwirt erschlagen im Kühlraum. Noch im Trachtengewand fangen Schütz und Kreithmeier an zu ermitteln und prallen gegen eine Wand des Schweigens. Niemand ist sonderlich traurig über den Tod des Wirtes, nicht seine Mitarbeiter, schon gar nicht seine Gäste und vor allem nicht der Festzeltwirt aus dem letzten Jahr. Jeder der Befragten meint, er hätte den Tod verdient. Nur das bringt die beiden Kommissare keinen Schritt weiter. Erst als sie tiefer in die Materie eindringen, sich mit den Ausschreibungen des diesjährigen Festplatzes, Amigoaffären, Korruption und Bestechung innerhalb der ehrwürdigen Rathausmauern befassen, kommen sie der Aufklärung des brutalen Mordes einen Schritt weiter. Während sie in einer Welt von Biermarken, Hektolitervergütungen, Festzeltwirten und Braue- reikonkurrenz recherchieren, werden etliche Gäste einer renommierten Brauereigaststätte mit Verdacht auf Lebensmittelvergiftung ins Freisinger Krankenhaus eingeliefert. Das Gesundheitsamt steht vor einem Rätsel. Erst als ein Erpresserbrief auftaucht, vermuten die Beamten einen Zusammenhang mit dem Toten vom Volksfest. Sie folgen einer Spur und haben einen Verdächtigen im Visier. Doch da passiert ein weiterer Mord.

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Seitenzahl: 596

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Axel Birkmann

Blutiges Freibier

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Dirndl und Lederhose

Der Tote im Bierlager

Die Villa in Attenkirchen

Lukas Wirth

Olga Bogdanow

Familie Sandholzner

Peter Stöckl

Die Mitarbeiter

Der Bierberg

Der Diebstahl

Gefährliches Bier

Das Testament

Amigoaffären

Das Labyrinth im Wald

Die gute alte Überwachung

Hausdurchsuchung

Lob und Anerkennung, Zweifel und Beweise

Unter der Hand

Verhöre

Ein schönes Wochenende

Schurigs großer Auftritt

??????

Einsatz in der Schanzer Stadt

Lieferantenpoker

Epilog

Nachwort und Quellenverzeichnis

Impressum neobooks

Dirndl und Lederhose

Dolce Vita, dachte er. Dolce Vita!

Warum tat er sich das bloß an? Warum hatte er sich überhaupt darauf eingelassen? Wo er doch Ansammlungen von Menschen in solchen Größenanordnungen hasste. Warum nur?

Alois Kreithmeier stand in seinem Schlafzimmer vor seinem Kleiderschrank und betrachtete sich im Spiegel. Missmutig schaute er an sich herunter. Was er sah, begeisterte ihn nicht im Geringsten. Für ihn war das alles Kasperltheater oder dummer Mummenschanz. Fasching. Fasnet. Karneval. Oder wie auch immer. Er fühlte sich in seiner Haut nicht wohl. Sollten doch die Preußen so etwas anziehen. Die brauchten es, um nicht aufzufallen. Obwohl, wenn sie dann den Mund aufmachten und etwas sagten.

Er blickte in den Spiegel und sah sich genauestens an. Er erblickte sein Spiegelbild, das Spiegelbild eines Mannes in der Blüte seines Lebens. Er hatte ein paar Kilogramm abgenommen, dank der Überredungskünste seiner Kollegin Melanie Schütz. Und das stand ihm gut. Sein Bierbauch war verschwunden. Er musterte diesen Mann im Spiegel, der in kurzer Lederhose, graugrünen Wollwadenwärmern, so genannten Loiferl, schwarzen Haferlschuhen, einem rotweiß karierten Trachtenhemd und einem grauen Janker in seinem Schlafzimmer stand, ziemlich griesgrämig drein schaute, vor allem, weil ihm seine Kollegin, die zudem auch noch aus Thüringen kam, ihn ohne die richtige Verkleidung nicht mit aufs alljährliche Freisinger Volksfest mitnehmen würde. Denn sie würde, so hatte sie ihn mit Engelszungen überredet, oder besser gesagt, weich gekocht, ja sie würde auch in Tracht, in einem feschen Dirndl erscheinen. Und sie beide sollten doch zusammen passen. Ein Paar abgeben. Wenn man sie denn zusammen sehen würde. Wer auch immer das sein sollte.

»Melanie, meine fesche Kollegin, eine Preußin aus Thüringen, in einem Dirndl?«, knurrte Kreithmeier sein Spiegelbild an. Auch wenn er noch so verärgert und mürrisch drein schaute, er fand, er sah gut aus in seinem Gewand. Die paar Kilogramm weniger standen ihm. Und seine Wadeln waren zum herzeigen. Und auf die Freisinger Wiesn passte er in diesem Staat besser als in einem seiner blauen Adler- oder K+L-Ruppert-Anzüge, geschweige denn schwarzer Lederjacke mit Jeans. Aber es ging ihm ganz einfach ums Prinzip.

Da fast jeder mittlerweile, ob deutscher, japanischer, neuseeländischer oder italienischer Preuße sich für das Oktoberfest in irgendeine billige Tracht warf, musste er als gebürtiger Oberpfälzer diesen Verkleidungswahnsinn nicht mitmachen und schon gar nicht unterstützen. Doch er hatte keine echte Chance gegen Melanie. Ihre Drohung, dass sie, falls er nicht in Tracht mit ihr auf die Freisinger Wiesn gehe, ihn nie wieder ein Wort privater Natur mit ihr sprechen ließ, hatte ihn motiviert und schließlich widerwillig überzeugt, in den untersten Fächern seines Kleiderschranks nach den entsprechenden Kleidungsstücken zu suchen.

Und er wurde fündig. Und er war überrascht, wie alles noch passte. Vor allem seine Krachlederne aus echtem Hirsch.

Jetzt war es sowieso rum, Melanie würde bald klingeln, ein Zurück gab es nicht mehr. Und dann würde sie mit ihm Arm in Arm auf die Luitpoldanlage schlendern, zum Gespött aller Leute und mit 6.000 verrückten Fans Dolce Vita im Festzelt anhören: »Bier, Hendl, Brezn und die Krüge hoch. Oans, Zwoa, Gsuffa.«

Wie er das hasste.

Seine Gefühlsregungen wurden mit dem lauten Schellen der Hausglocke gestört. Es klingelte an der Wohnungstür. Melanie, durchzuckte es ihn. War es denn schon so spät?

Ein letzter Blick in den Spiegel, dann drehte er auf dem Absatz um, eilte zur Tür und öffnete. Ihm blieb die Begrüßung im Hals stecken. Vor ihm stand eine bildhübsche Frau mit langen blonden Haaren, die in alter Tradition zu einem Kranz hochgesteckt waren. Die junge Frau selbst steckte in einem hellblauen, klassischen Dirndl, mit weißer Schürze und Bluse und lächelte ihn verlegen an. Sie sah einfach hinreißend aus. Wie sie ihn so ansah und sein Outfit musterte, hatte er fast seine Schmähtiraden von vorhin über Trachten und Verkleidung vergessen. Melanie sah zum Anknabbern aus. Sie beugte sich vor, gab ihm einen zaghaften Kuss auf die Wange und sagte: »Können wir, Kreiti? Es wird sicher voll heute.«

Kreithmeier fand seine Stimme wieder und murmelte nur ein knappes Ja. Dann zog er hinter sich die Türe zu, Melanie hängte sich an ihm ein und sie schlugen zu Fuß den Weg in die Isarauen ein, eigentlich direkt zur Luitpoldanlage, zum Festplatz, auf dem anlässlich des diesjährigen Freisinger Volksfestes das Bierzelt, die Fahrgeschäfte und die diversen Wurf-, Schieß- und Fressbuden aufgebaut waren.

Es war Dienstag, der 11. September 2012. Und wie jedes Jahr am Dienstag während des Volksfestes würde heute im Festzelt die Stimmungsband Dolce Vita auftreten, die seit 1984 immer noch in der gleichen Besetzung die Bierzelte von Freising bis nach Straubing zum Kochen brachte. Sogar in Wernigerode im Harz traten sie auf. Und genau zu diesem Spektakel hatte Melanie ihn überredet, sie zu begleiten.

Mit ihrem Freund Richard Kramer, der emsigen Laborratte, wie Alois ihn immer genannt hatte, war seit kurzem Schluss, und so musste Alois wohl oder übel dran glauben. Dolce Vita.

Sie schlenderten über den Damm Richtung Festplatz. Es war warm, die Sonne schien: Kaiserwetter. Sie waren früh dran, das Konzert würde erst um halb Acht beginnen, aber man sollte früh genug vorher dort sein, denn sonst bekam man keinen Platz. Jedes Jahr feierten fast 6.000 Volksfestbesucher den Auftritt der Showband. Und Melanie wollte sie auf keinen Fall versäumen.

Sie hatte sich bei ihrem Kommissar an seiner rechten Seite untergehakt und genoss die warme Septembersonne auf ihren nackten Schultern. Sie war hart im Nehmen und hatte für den Abend keine Stola mitgenommen. Zur Not konnte Alois ihr ja seinen Trachtenjanker über die Schulter legen. Sie riss sich von ihm los, tänzelte mit ihren flachen Schuhen ein paar Meter vor ihm her, drehte sich im Gehen um und sagte: »Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du umwerfend gut aussiehst? Vor allem für Jemanden, der so ein Geschiss ums Anziehen macht wie du.«

Sie warf ihm eine Kusshand zu.

Kreithmeier schüttelte verlegen den Kopf und stammelte nur ein kurzes »Nein«.

»Ja, du siehst richtig geil aus, zum Verlieben. Knackige Wadeln, breite Schultern, keinen Bauch, beim Friseur warst du auch noch, frisch rasiert, geil, einfach geil.«

Kreithmeier sagte nichts. Diese Worte aus dem Mund seiner Kollegin zu hören waren wie der Lobgesang der Sirenen. Und das dies gerade von ihr kommen musste, von einer Frau, die ihn immer wieder gefoppt hatte, mit seinem Übergewicht, seinem nervigen Rauchen und seinen üblen Essgewohnheiten. Obwohl eine Frau aus den neuen Bundesländern sicher nicht die nötige Kompetenz aufweisen konnte, einen waschechten Bayern in Lederhose und Trachtengewand richtig zu beurteilen. Aber es tat ihm gut.

Sie hakte sich wieder bei ihm ein und er gab ihr als Dank einen Kuss auf den Kopf. Es fühlte sich gut an, sie in seinen Armen zu haben. Als sie an der Luitpoldhalle vorbeikamen, konnte er einen kurzen Blick auf eines der großen Fenster erhaschen. Er konnte sie beide als Spiegelbild erspähen. Und er musste neidlos anerkennen, sie beide sahen großartig aus. Mister und Misses Bavaria. Ein großer kräftiger Mann in kurzer, knackiger Lederhose und ein blonder Rauschgoldengel im Tegernseer Dirndl. Alois schmunzelte. Seine muffigen Gedanken waren verflogen. Er war stolz auf sich. Und auf das Mädel, das neben ihm unruhig daher hopste. Jeder würde sie für ein Liebes- oder Ehepaar halten, dabei waren sie nur Kollegen. Und sie waren Freunde. Doch außer ein paar Umarmungen, ein paar Küsschen, war niemals etwas passiert. Und das war auch gut so. Uns so sollte es auch bleiben.

Sein letztes tiefgründiges sexuelles Erlebnis war eine Zeit lang her. Eine Wahnsinnsnacht mit einer Wahnsinnsfrau. Nur leider stellte sich später heraus, dass sie eine Mörderin war und ihre Sühne in einem Freitod suchte.

Danach hatte sich Kreithmeier in die Arbeit gestürzt und hatte seinen Mail-Account in einer der angesagten Freundschafts- und Heiratsvermittlungsbörsen geschlossen. Das letzte halbe Jahr war langweilig gewesen. Nach den beiden letzten Morden war nichts passiert. Die Domstadt Freising war wieder in ihren kriminalistischen Dornröschenschlaf versunken und die schlimmen Finger gaben sich in München oder in Augsburg die Hand. Er hatte die Zeit genutzt, seine Wohnung neu einzurichten, und somit etwas mehr Farbe und Gemütlichkeit in seine trutzige Festung gebracht.

Festung nannte Melanie immer seine vier Wände oder seine graue Trutzburg. Weil er sich nach der Trennung von seiner Frau, immer wieder in seine eigenen vier Wände zurück gezogen, und dem Sinn des Lebens hinter her trauerte, aber auch nichts unternommen hatte, um es farbiger, lebhafter und vor allem lebenswerter zu gestalten.

Statt seiner Frau hatte er jetzt einen Hund. Gizmo. Einen Mischling aus dem Tierheim. Weiß, kräftig, treu und anschmiegsam. Wie ein kleiner Eisbär sah er aus. Aber der kleine musste leider heute zu Hause bleiben.

Und Alois hatte sich in einem Fitnessstudio angemeldet. Ein wenig Ausdauersport. Krafttraining. Und er hatte seine Ernährung umgestellt. Statt Brötchen gab es Vollkornbrot, statt Marmelade Geflügelwurst und statt Tiefkühlpizza stand öfter frischer Fisch, Salat mit Hähnchenbrust und Gemüse auf dem Essensplan. Er hatte an Köperfülle abgenommen und an Kondition zugenommen. Sonst hätten die Klamotten niemals gepasst. Hatte er die Lederhose doch mit Sicherheit das letzte Mal vor über zehn Jahren getragen. Zur Kirchweih oder zu einer Trachtenhochzeit. Lang, lang war es her.

Das einzige Übel, von dem er noch nicht lassen konnte, war die Raucherei. Er hatte sie zwar stark eingeschränkt und nur noch auf ein paar Glimmstängel pro Tag reduziert. Aber wenn er nachdenken musste, oder wenn er mit Gizmo gleich am frühen Morgen durch die Isarauen schritt und dabei genüsslich eine qualmte, das hatte er sich noch nicht verkneifen können, bei allen Angriffen und Seitenhieben seiner Kollegin, das blieb. Das gönnte er sich noch. Es gab dann ja noch etwas, was man sich für 2013 vornehmen konnte. Der 31. 12. 2012 wäre das geeignete Datum, exakt an diesem Tag mit dem Rauchen aufzuhören. Doch das dauerte noch ein viertel Jahr. Und das wollte er genießen. Wie um dieses auch noch zu unterstreichen, zog er ein Päckchen Marlboro Light aus der Tasche und zündete sich eine Zigarette an.

Melanie sagte nichts, sie wusste, ein Kommentar von ihr könnte den Abend kippen und ihre und seine gute Laune verjagen. Sie hüstelte nur etwas und sah ihn fragend an.

»Na, ja, eine Letzte«, sagte er. »Im Bierzelt ist ja seit kurzem Rauchen verboten.«

»Das ist auch gut so«, kommentierte Melanie Alois Bemerkung, und biss sich auf die Zähne, um keine Grundsatzdiskussion über die gesundheitsgefährdeten Risiken des Rauchens vom Stapel zu lassen.

»Solange sie das Biertrinken darin nicht verbieten«, schmunzelte er etwas verlegen und blies den Rauch links zur Seite um Melanie damit nicht zu belästigen.

»Danke!«, sagte sie leise. Sie hatte es wohlwollend registriert, dass er ihr neues Dirndl nicht mit Nikotin geschwängerten Rauchschwaden imprägnieren wollte.

Alois sah sie an, dann schnippte er die Zigarette in einem weiten Bogen auf die Straße und lächelte: »Na gut, das war es erst einmal. Stürzen wir uns ins Getümmel. Hast du eigentlich etwas reserviert?«

»Der Rainer wollte das tun. Er kennt einen von den Bedienungen.«

»Und sag jetzt bitte nicht, der schuldet ihm noch was«, rief er laut aus.

»Doch. So ähnlich hat er sich dabei ausgedrückt. Wir treffen ihn pünktlich um 19 Uhr am Eingang vor dem Zelt. Dann wissen wir mehr.«

»Wer kommt eigentlich noch alles?«, wollte Kreithmeier wissen.

»Also der Rainer, sein Kollege, der Schurig, der Dallinger und ein paar Jungs von der Bereitschaft.«

»Kommt auch dein Freund vom Bayerischen Landeskriminalamt, dieser affektierte Dandy, dieser Burger?«

»Nein. Außerdem ist er nicht mein Freund.«

»Stimmt«, sagte Alois, »er hat ja erst zweimal bei dir übernachtet, da spricht man noch nicht von Freundschaft. Eher von einem Date oder einem One-Night-Stand.«

»Du Knallkopf. Zwischen dem Burger und mir war nichts, ist nichts und wird niemals etwas sein«, konterte Melanie angriffslustig.

»In der Not frisst der Teufel Fliegen.«

»Dass ich nicht gleich lache. Auch wenn mit Richard überraschenderweise Schluss ist, heißt das noch lange nicht, dass ich gleich danach mit einem Kollegen ins Bett hupfen muss. Kann es eigentlich sein, mein lieber Kreiti, dass du etwas eifersüchtig bist?«

Alois Kreithmeier schluckte. Er hasste es, wenn sie ihn Kreiti nannte. War er das? Eifersüchtig? Es konnte ihm ja eigentlich egal sein, was seine Kollegin alles in ihrer Freizeit tat oder nicht tat. Oder etwa nicht? Er fühlte sich ertappt. Er sagte nichts und zog Melanie auf den Festplatz.

»Lass uns noch vorher eine Runde Kettenkarussell fahren«, wechselte er das Thema. »Komm Melanie, ich lade dich ein.«

Melanie hatte verstanden. Dieses Thema war ihm peinlich. Auch wenn ihr Kreiti das niemals bestätigt hatte oder jemals bestätigen würde, er war wirklich eifersüchtig. Er mochte sie, und dieses weit über ihre polizeiliche Kollegialität hinaus. Doch für ihn gab es eiserne ungeschriebene Gesetze, an die er sich mit aller Kraft hielt. Job ist Job und Schnaps ist Schnaps. Er würde nie etwas mit einer Kollegin anfangen, also niemals etwas mit ihr. Und das war auch gut so. Obwohl es ihr auch ab und zu leid tat. Alois war ein gut aussehender Mann, wenn er sich entsprechend kleidete und sich pflegte. Doch er war privat wie ein Vorhängeschloss. Man brauchte einen Schlüssel oder einen Dietrich, um ihn zu öffnen. Und diese Dinge hatte sie noch nicht.

Das Kettenkarussell ließ ihre Gedanken in die noch warme September Abendluft treiben. Ihr Rock wehte ihr um die Waden und zeigte einen Teil ihrer nackten Beine. Es fröstelte sie leicht um die Schultern, aber die schnell drehende Bewegung und der frische Fahrwind in ihrem Gesicht brachten sie auf ganz andere Gedanken.

Rainer Zeidler erwartete sie am Eingang des Festzeltes. Wie besprochen.

Er sah aus wie ein Wilderer. Eine lange dunkle Lederhose, geschnürte Bergschuhe, ein grünes Leinenhemd und darüber eine Strickjacke mit Fellbesatz, und zu guter Letzt noch ein Filzhut mit Gamsbart auf seinen zu einem Pferdeschwanz zusammen gebundenen Haaren, ließen ihn aussehen wie aus einem bayerischen Heimatstück. Der Jäger von Fall oder der Wildschütz Jännerwein.

Alois schluckte einen Aufschrei und ein Auflachen leise und heimlich hinunter und begrüßte ihn höflich. Neben Rainer stand Josef Schurig, auch ganz in Tracht. Nur nicht so burschikos. Eher elegant. Also ob er in die Kirche gehen wollte. Josef Schurig trug einen dunkelblauen Lodenanzug, dazu schwarze glänzende Haferlschuhe und ein weißes Hemd mit Stickereien.

Kreithmeier musste sofort an eine Fernsehsendung der späten 60 er und Anfang der 70 er Jahre denken: Das Königlich Bayerische Amtsgericht. Besonderes Markenzeichen der Serie war der stets schnupfende Amtsrichter August Stierhammer, der manchmal eigenartige und listige Methoden der Prozessführung an den Tag legte. Die beiden erinnerten ihn daran. Rainer der Wilderer und der Schurig als sein Verteidiger. Und er, der Alois, er würde der Richter sein. Und beide verurteilen. Er erinnerte sich an den letzten Spruch am Ende jeder Folge, immer von Gustl Bayrhammer gesprochen: »Ob Freispruch oder Zuchthaus – und auf die Guillotin' hat unser Herr Rat eh niemanden geschickt.«

»Grüßt euch!«, sagte Rainer Zeidler zu den beiden Kommissaren, als sie plötzlich vor ihm standen. »Sauber seht’s aus. Kernig. Und des Dirndl. Melanie, alle Achtung. Siehst aus wie die Hallertauer Hopfenkönigin.«

»Danke für die Blumen«, gurrte Melanie zurück.

»Und die Dirndlschleife auf der linken Seite, also noch zu haben«, gluckste Rainer.

Melanie lachte und antwortete ihm auf sächsisch hochdeutsch. »Ja meen Gutster. Des mit diesen Schleifen, da ist es wie mit der sprichwörtlichen schwarzen Katze: Schleife links, Glück bringt’s! Gell.«

»Stimmt!«, bestätigte der Zeidler. »Denn wenn die Dirndlträgerin ihre Schürze auf der linken Seite bindet, ist sie ledig und noch zu haben. Anbandeln ist in diesem Fall also erlaubt oder sogar erwünscht! Und was geht heute noch so Melanie?«

»Hör auf zu blödeln«, mischte sich Alois Kreithmeier muffig ein. »Hast du einen Tisch für uns bekommen, Rainer?«

»Was glaubst du denn? Eh klar.«

»Es schuldet dir sicher jemand noch einen Gefallen?«, hakte Alois nach.

Rainer blickte seinen Kollegen leicht verwundert an, dann sagte er nur kurz: »Mir nach.« Und lief voraus ins Zelt.

Melanie, Alois und Schurig folgten ihm.

Das Festzelt war soweit Alois sehen konnte, fast schon voll. Überall saßen Leute, teilweise in Tracht, aber auch nur in Freizeitkleidung, mit Jeans, Lederjacke und Turnschuhen. Er wäre also mit seiner normalen Kleidung nicht aufgefallen.

Das Zelt war riesengroß. Ähnlich einem Bierzelt auf dem Oktoberfest in München. Feste Seitenwände aus Holz mit richtigen Fenstern. Eine Bühne auf der rechten Seite und einen hölzernen Balkon mit Boxen auf der linken Seite. Und der Vordereingang konnte geöffnet werden. Vor dem Zelt standen wie in einem Biergarten, weitere Tisch- und Sitzbankgarnituren, an denen Gäste bei schönem Wetter Platz nehmen konnten. Für die unter Umständen schon recht kühlen Spätsommerabende hatte der Wirt Gasstrahler aufgestellt, die dementsprechend Wärme abgeben sollten. Doch heute Abend war es noch angenehm warm und der eigentliche Rummel würde im Zelt statt finden, wenn in wenigen Minuten die Band Dolce Vita die Festzeltgäste auf die Bänke trieb. Dann würden 6.000 Menschen auf den Bänken stehen und grölen. Und sich immer wieder mit Bierkrügen zuprosten.

Wenn Alois an die Schallwelle dachte, die sich in den nächsten Stunden durch das Zelt wälzen würde, dann wurde ihm ganz anders. Am Liebsten hätte er sofort kehrt gemacht und wäre nach Hause geflohen, die Kleidung ausgezogen und sich zu seinem Hund auf die Coach geschneckelt und lieber irgendeinen Schwachsinn im Fernsehen angesehen, als mit seinen Kollegen die »Krüge hoch« gerufen.

Rainer hatte einen Tisch nicht weit entfernt von der Theke, eine an der Längsseite des Zeltes entlang gehende Absperrung, hinter der gekocht, gebraten, angerichtet und ausgeschenkt wurde. Eine Armada an Bedienungs- und Küchenpersonal sollte dafür sorgen, dass keiner der Gäste verhungern oder verdursten musste.

Bayerische Schmankerl und frisch gezapftes Freisinger Bier.

Polizeiwachtmeister Dallinger und drei seiner Kollegen, die heute nicht zum Dienst auf dem Volksfest eingeteilt waren, saßen schon am Tisch und begrüßten herzlich die beiden Kriminaler und die Herren der Spurensicherung.

Alois mochte den Dallinger nicht so besonders. Er hatte für ihn ein loses Mundwerk und war dafür berühmt, nichts aber auch gar nichts für sich zu behalten und jedem möglichen Gerücht weitere Nahrung zu geben. So hatte er zum Beispiel vor einem halbem Jahr auf dem Polizeirevier verlauten lassen, dass Alois und Melanie ein Paar wären, nur weil er sie einmal engumschlungen gesehen hatte. Das ging bis nach Erding und bis zur Staatsanwältin Lehner nach Landshut, der daraufhin nichts Besseres einfiel, Melanie Vorhaltungen über ihre Beziehung zu ihrem Chef zu machen. Nur es war nichts. Rein gar nichts. Alois machte gute Meine zum bösen Spiel und grüßte die Uniformierten herzlich, die alle vier in Lederhose und Trachtenjanker schon mit einer Maß Bier vor sich am Tisch saßen.

»Habe die Ehre, Kollegen«, grüßte er knapp.

Vielleicht sollte er mal eine Eingabe ins Innenministerium machen, dachte er, als er das vierblättrige Kleeblatt vor sich sitzen sah, dass die Polizisten während der Wiesen in Dirndl und Lederhose Dienst verrichten sollten. Die Lufthansa, fast alle Hotels in München und Umgebung und andere Firmen, statteten längst während dieser Tage ihre Mitarbeiter mit dieser Art Verkleidung aus.

Sie setzen sich. Kurze Zeit später stand eine junge Asiatin vor ihnen und bat um die Bestellung. Als sie wenige Augenblicke später den Neuankömmlingen jeweils eine Maß Bier auf den Tisch gestellt hatte, konnte der Dallinger nicht seine Klappe halten.

»Jetzt samma in einem bayerischen Bierzelt und wen hamms als Bedienung?«, brummte er grantig in sein Bierglas. »A Schlitzauge. Ja wo samma denn. Hammer denn keine Bayern, die im Bierzelt oarbeitn wolln?«

»Ich weiß es nicht«, antworte Melanie. »Aber in den meisten Biergärten in München arbeiten doch auch keine Bayern mehr. Vielleicht gerade noch in der Paulaner Werbung. Aber in Natura. Da wird sächsisch, schwäbisch, platt und berlinerisch gesprochen.«

»Des sogt grod di Richtige.« Dallinger lachte laut auf und prostete Melanie zu.

»Richtig, Dallinger. Prost. Auch wenn du ein waschechter Bayer bist, leg dich niemals beim Trinken mit einer Ostdeutschen an.«

»Da habe ich schon davon gehört.« Dallinger veränderte seine Stimme und sprach nun hochdeutsch mit Melanie. »Sie sollen ja den Burger vom BLKA böse abgefüllt haben.«

»Das ist ja schon ewig her. Vergiss es Dallinger. Vergiss es ganz einfach.«

Ihre letzten Worte gingen in der Lautstärke unter, die jetzt von der Bühne am anderen Ende des Zeltes herkam. Dolce Vita hatte begonnen zu spielen. Es war Dienstag, der 11. September 2013.

Und Alois hörte zu. Er merkte es den fünf Musikern an, dass es ihnen Spaß machte auf der Bühne zu stehen, was sich schnell auf das Publikum im Freisinger Festzelt übertrug. Kurze Zeit später stand alles auf den Bänken. Melanie zog ihn plötzlich am Arm hoch und so musste auch er zum Rhythmus der Musik zuckend auf dem schmalen hölzernen Brett stehen.

Von zünftig bayrischen Schunkelliedern, Schlagern und Evergreens über aktuelle Hits bis hin zu klassischen Rocknummern: Alles war dabei.

Immer wieder schubste Melanie ihren Kollegen mit der Hüfte an und umschlang seinen Hals bei besonders schönen Musiktiteln. Bei dem alten Kiss-Titel »I was made for loving you, baby«, busselte sie ihn regelrecht ab. Bei einem Song, der von einem Bob handelte wiegten sich alle im Bierzelt nach den Richtungsangaben des Sängers. Links zwo drei und Rechts zwo drei. Alois konnte nur staunen über die Ausgelassenheit des Freisinger Publikums. Überwiegend Jugendliche. Vor allem hübsche Mädchen im Dirndl und ausgeschnittenen Dekolletees. Nett anzusehen. Langsam war er froh, dass er mit seiner Kluft dazu gehörte. Und je rockiger die Band aufspielte, desto ausgelassener war die Stimmung an ihrem Tisch.

Bei einem Volksmusikstück versuchte sich Rainer Zeidler mit einem Schuhplattler. Er hieb sich mit der flachen Hand lauthals schreiend und jodelnd auf die Oberschenkel und wäre dabei beinahe von der Bank gestürzt, wenn ihn nicht sein Kollege Schurig noch rechtzeitig gehalten hätte.

Ein Höhepunkt des Abends war sicherlich das jährlich wechselnde Showprogramm mit umgetexteten Liedern, Parodien und Darstellungen großer und bekannter Künstler und Persönlichkeiten. Die Vielseitigkeit der einzelnen Musiker war kaum zu überbieten und garantierte ein äußerst abwechslungsreiches Repertoire. Es war für Alois auch nicht weiter verwunderlich, dass die Band nun schon seit 24 Jahren in der gleichen Besetzung auftrat.

Ein Garant für den Erfolg von Dolce Vita war nicht zuletzt das Gespür, das richtige Lied zum richtigen Zeitpunkt zu spielen. Ihr Einsatz modernster Ton- und Lichttechnik sorgte für einen angenehmen Sound und eine professionelle, ausgefeilte Lightshow.

Mit der Kombination aus Musik, Show, Unterhaltung und Stimmung wurde Dolce Vita wieder einmal zu einem unvergesslichen Abend auf dem Freisinger Volksfest.

Alle Rekorde gebrochen haben müsste der diesjährige Volksfestabend mit der Showband Dolce Vita. Das Bierzelt war komplett ausgebucht – an die 7.000 Besucher drängten sich an Tischen, auf den Bänken und in den Gängen. Und als der Regen einsetzte, strömten noch mehr unter die schützenden Vordächer. Nicht mehr zu toppen war auch die Stimmung: Vom ersten Song an gab’s kein Halten mehr. Und mitten drin unsere Freisinger Kommissare.

Nach fast drei Stunden Musik, die Krüge hoch, Geschunkel und Getanze war alles vorbei. Um Mitternacht wurde das Licht im Zelt hell aufgedreht. Ordner und Bedienungen geleiteten die letzten Gäste hinaus. Die Küche war schon seit einer halben Stunde geschlossen und die letzten Maß Bier waren längst ausgeschenkt worden. Das Zelt leerte sich zügig. Die ersten Putzkräfte räumten die Tische auf, stellten die Bänke darauf und sammelten den Müll auf dem Boden ein.

Dallinger war mit seinen Kollegen schon vor einer halben Stunde aufgebrochen. Alois, Melanie und die beiden von der Spurensicherung saßen noch. Irgendwie belämmert hockten sie am Tisch. Alois versuchte durch mehrmaliges in die Nase schnauben den Druck in seinen Ohren auszugleichen. Sie waren die letzten Stunden einer regelrechten Dauerbeschallung von weit über 100 Dezibel ausgesetzt worden. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie laut es vorne an der Bühne gewesen sein musste.

Leicht irritiert starrte er in seinen leeren Bierkrug. Er war müde, hatte einen mehr oder weniger leichten Schwips. Es waren doch einige Maß gewesen und er hasste es, jetzt nach Hause laufen zu müssen.

»Nehmen wir uns ein Taxi, Melanie, ich bin zu faul nach Hause zu gehen,« sagte er in seinen Krug.

»Von mir aus«, antwortete sie. »Obwohl ein kleiner Spaziergang in der kühlen Nachtluft uns sicher gut tun würde.«

»Melanie!«, flehte er müde.

»Ist schon gut, Alois, ein Taxi, wenn wir überhaupt eines bekommen.«

Die kleine Asiatin kam an ihren Tisch, schnappte sich die leeren Bierkrüge und sagte höflich: »Wenn ihr dann bitte auch gehen würdet, ich muss noch die Tische abputzen und morgen geht es gleich weiter. Auch ich bin müde.«

»Ja, ja, wir gehen gleich!« Melanie stand auf, brachte mit den Händen ihr Dirndl einigermaßen in Ordnung und sagte zu den Kollegen: »Ihr habt es gehört, die machen jetzt gleich das Licht aus, lasst uns gehen.«

»Ein geiler Abend. Lange nicht mehr so viel Spaß gehabt. Links zwo drei und Rechts zwo drei«, sang Rainer und stand auf. »Komm, Alois, pack ma’s. War doch Ends geil, oder?«

Josef Schurig machte es seinem Kollegen nach und folgte ihm. Alois raffte sich hoch. Er blickte ein letztes Mal ins leere Festzelt. Er konnte es gar nicht fassen, wie hier gerade noch der Bär getobt hat. Tausende junger Leute auf den Bänken, geschunkelt, geschrien, gesungen und getanzt. Und jetzt war alles so ruhig.

Seine Ohren surrten immer noch.

Plötzlich zerriss ein Schrei die Stille.

Aus dem Küchenbereich rannte eine Frau hysterisch schreiend in den Gastbereich. Sie schrie wie am Spieß immer wieder die gleichen Worte ins Zelt hinein. Die zum Aufbruch bereiten letzten Gäste, die die Tische abräumenden Bedienungen und die saubermachenden Hilfskräfte, blieben wie angewurzelt stehen und sahen zu der völlig aufgelösten Frau.

Eine Frau um die Fünfzig, oder drüber, in Dirndl, mit hochrotem Kopf, weit aufgerissenen Augen, verzerrtem Mund, lief schreiend auf sie zu.

Erst jetzt konnte man die undeutlichen Worte verstehen. Sie rief immer wieder: »Ein Toter, ein Toter, im Bierlager liegt ein Toter. Erschlagen. Der Wirt, ein Toter. Er ist tot. Tot. Tot.«

Der Tote im Bierlager

Melanie war die Erste, die sich sofort wieder unter Kontrolle hatte. Sie lief auf die Frau zu und stoppte sie in ihrer Bewegung.

»Warten Sie, kommen Sie zur Ruhe! Was haben Sie da gerade geschrien?«, fragte sie die Frau und hielt sie mit beiden Armen fest.

»Ein Toter, im Bierlager liegt ein Toter. Es ist der Chef. Er ist tot. Erschlagen.«

»Wie heißen Sie?«, fragte Melanie ruhig und hielt sie immer noch fest.

»Resi. Ich bin die Resi.«

»Und weiter?«

»Resi Kasbauer. Warum wollen Sie das wissen?« Die Frau sah Melanie mit roten weit aufgerissenen Augen an. Der Schock des grauslichen Fundes stand ihr im Gesicht geschrieben. Sie zitterte am ganzen Körper.

»Mein Name ist Melanie Schütz. Ich bin von der Polizei. Und das sind meine Kollegen, Kreithmeier, Schurig und Zeidler.«

»Polizei? Polizei?«, rief Sie erstaunt, »Sie wissen es also schon?« Die Frau blickte die vier Personen in Dirndl und kracherter Lederhose skeptisch an.

»Wir waren heute nur in unserer Freizeit hier, deshalb der Aufzug. Keine Angst, wir sind wirklich von der Polizei.«

Melanie kramte aus ihrer Filzhandtasche, die die Form eines kleinen Herzens hatte, ihren Dienstausweis hervor und hielt ihn Frau Kasbauer vor die Nase.

»Sehen Sie, es hat alles seine Richtigkeit. So das hätten wir. Nun zeigen Sie uns bitte, was Sie entdeckt haben.«

Das hysterische Schreien der Frau, und die Aktion Melanies, sie zu stoppen und zu beruhigen, war nicht unentdeckt im Zelt vorüber gegangen. Es war still geworden. Alle hatten mit ihren Tätigkeiten aufgehört und rutschten langsam aber sicher immer näher an die vier Personen heran, die inzwischen an der Küchentheke standen und einfühlsam und mit Bedacht versuchten, die aufgebrachte Frau zu beruhigen. Neugierig wollten sie wissen, was hier vorging. Auch wenn der eine oder andere nicht alles mitbekommen hatte, was die Frau in ihrem Schrecken laut ins Zelt gebrüllt hatte, ein paar der Worte waren hängen geblieben. Vor allem die Worte: „Tot, Toter und erschlagen“. Dass es sich dabei anscheinend auch noch um den Festzeltwirt höchstpersönlich handeln sollte, so weit war deren Vorstellungskraft doch nicht fort geschritten.

Alois hatte sich nun neben Melanie gestellt. Seine Müdigkeit war wie weggeflogen. Sein Kopf brummte zwar etwas, aber er hatte jedes Wort mitbekommen.

»Was haben Sie gefunden, Frau Kasbauer, zeigen Sie es uns. Bitte!« Er sprach leise und sanft zu ihr. Einerseits um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie zu besänftigen, andererseits, damit die um sie herumstehenden Neugierigen nicht mitbekamen, um was es eigentlich ging.

»Sie sind auch von der Polizei?«, stotterte die Kasbauer.

»Ja, das bin ich. Kriminalpolizei Freising.«

»Auch noch an Kriminaler. Dann kommen Sie. Ich zeig es Ihnen.« Sie schritt voran hinter die Theke und lief durch den Küchentrakt raus Richtung Kühl- und Abfallcontainer.

Vor dem Zelt standen mehrere weiße Container mit den Türen Richtung Zelt zeigend. Alle waren mit einem Vorhängeschloss gesichert, bis auf einen. Seine Tür stand einen Spalt offen und es brannte drinnen Licht, denn ein dünner Lichtschein fiel zwischen den beiden schweren Türen durch den Spalt auf den Festplatz.

Frau Kasbauer blieb vor dem Kühllager stehen und deutete nur auf die Tür.

»Da drinnen. Da liegt er. Der Helmut. Man hat ihm den Schädel eingeschlagen. Schrecklich. Melanie wollte sich gerade durch den Spalt zwängen, da hielt sie Alois sanft zurück.

»Warte Melanie, nicht so schnell. Falls Frau Kasbauer Recht hat, dann liegt da drinnen wirklich ein Toter. Und höchstwahrscheinlich sogar noch Opfer eines Kapitalverbrechens. Wir müssen vorsichtig sein.«

»Wir haben doch den Rainer und den Schurig dabei.« Sie drehte sich um und blickte die beiden Männer von der Spurensicherung an.

»Wir sind in Feierbandstimmung hier, haben einiges getrunken und unsere Ausrüstung nicht dabei«, empörte sich Rainer Zeidler.

Alois Kreithmeier sah die beiden an, dann bemerkte er erst, dass ihnen ein paar Mitarbeiter des Festzeltbetriebes gefolgt waren. Sie standen zwar in ausreichend Abstand aber neugierig vor dem Zelt und beobachteten ganz genau, was da vor sich ging.

»Hat jemand von Ihnen Einmalhandschuhe dabei?«, fragte Kreithmeier in die Gruppe.

»Ja, habe ich«, meldete sich ein Farbiger.

»Dann holen Sie die bitte.«

»Sofort!« Und schon rannte der Mann davon und kam nach wenigen Sekunden mit einem kleinen Karton mit Plastikwegwerfhandschuhen zurück.

»Da! Schenke ich Ihnen«, sagte er stolz.

»Danke!«

»Was ist denn passiert?«, wollte er wissen.

»Das wissen wir nicht. Wie heißen Sie?«, fragte Alois.

»Shamal, Abdul Shamal!«, antwortete der Afrikaner und schaute den Kommissar selbstbewusst an.

»Und was machen Sie hier so?«, wollte Kreithmeier wissen.

»I bin die Hendlstation. I grill die Hendl«, sagte er in breitem Bayrisch.

Alois schüttelte den Kopf. Ein Afrikaner, der Bayrisch sprach. Ja wo samma denn, dachte er nur.

»Und die anderen, was machen die so?« Alois sah vor sich eine bunte Truppe von Migranten aus Asien, Afrika und Südamerika.

»Putzen, Abräumen und Geschirr spülen.«

Der Afrikaner zeigte mit beiden Armen selbstbewusst auf seine Kollegen.

»Gut, dann bleiben Sie bitte dort, wo Sie gerade stehen und lassen Sie niemanden in die Küche. Und jemand soll die Leute im Zelt beruhigen. Es wird sowieso nicht lange dauern, da haben sich die ersten Gerüchte verselbstständigt. So und jetzt lassen Sie uns bitte unsere Arbeit machen.«

»Freili, Herr Kommissar. Des moch ma.«

Alois ließ die Truppe stehen und reichte den Karton mit den Handschuhen weiter. Nachdem jeder der Beamten die weichen Überzieher angezogen hatte, öffnete der Kommissar vorsichtig die Containertür. Mit einem leichten Quietschen machte sie den Blick frei ins Innere. Der Kühlraum war etwa sechs Meter lang, zwei Meter fünfzig breit und genauso hoch. Im Innenraum waren mehrere silberne Bierfässer gestapelt. Im hinteren Teil bis an die Decke hoch. Zum Eingang hin wie eine Pyramide abnehmend.

Vor den Fässern lag ein Mensch. Er rührte sich nicht mehr. Sein Oberkörper war in ein blauweiß kariertes Hemd gekleidet. Seine Beine steckten in einer Lederhose. Und eine Jacke hatte der Mann an. Einen grauen Wolljanker. Er lag mit dem Gesicht am Boden. Seine grauen Haare waren am Hinterkopf mit Blut verschmiert. So weit Kreithmeier auf den ersten Blick erkennen konnte, hatte man dem Mann den Schädel ein geschlagen. Die Tatwaffe, ein dicker hölzerner Hammer lag direkt daneben. Ein Hammer mit dem man in Bierfässer den Zapfhahn einschlägt. Hier hatte jemand das Werkzeug voraussichtlich dazu benutzt, dem Festwirt den Schädel einzuschlagen. Am Holz klebten Blut und Haare.

Kreithmeier bückte sich über den Toten und fühlte am Hals nach dem Puls. Nichts. Der Mann war wirklich tot.

»Melanie, ruf bitte in der Haydstraße an. Wir brauchen Verstärkung. Und jemand soll die Ausrüstung für die Spurensicherung mitbringen. Der Mann ist tot. Das ist einmal klar. Und erschlagen ist er auch. Die Tatwaffe liegt ja noch daneben. Wahrscheinlich von hinten. Und rufe bitte auch Frau Dr. Nagel an. Wir brauchen Sie. Einen Notarzt benötigen wir definitiv nicht mehr. Aber einen Leichenwagen. Der Tote muss in die Pathologie ins Krankenhaus. Mehr kann ich im Moment nicht sagen. It’s Your turn, Rainer.«

Alois ließ den beiden von der Spusi den Vortritt und schlich aus dem Container.

»Sie kennen den Toten?«, wandte er sich an Frau Kasbauer.

»Ja!«, zitterte sie. »Das ist der Helmut. Der Helmut Wirth. Unser Wirt.«

Alois schaute sie etwas verwirrt an. »Der Wirt? Der Festzeltwirt?«

»Ja«, sagte sie, »unser Helmut. Unser Wirt.«

»Hat er denn auch einen Nachnamen?«

»Ja, natürlich. Wirth«, antwortete die Kasbauer schluchzend

»Ich weiß ja jetzt, dass es ihr Wirt ist. Ich möchte aber seinen Nachnamen haben«, betonte Kreithmeier.

»Den sagte ich Ihnen doch schon: Wirth.«

Alois schüttelte den Kopf, er kam bei der Frau nicht weiter.

»Ich brauche seinen vollständigen Namen. Bitte.«

»Wirth. Helmut Wirth. So heißt er. Und er ist auch unser Wirt.«

Jetzt funkte es allmählich bei Alois.

»Er heißt Wirt mit Nachnamen? Das ist aber ein Zufall.«

»Wirth mit th. Ja. Er hat einen Landgasthof. Der heißt: zu Gast beim Wirth. Helmut liebte diese Wortspielchen, die man mit seinem Namen machen konnte.«

Alois fingerte ein kleines Notizbuch aus seinem Janker. Er sah das schwarze Ding nachdenklich an. Wieso hatte er eigentlich immer so ein Notizbuch dabei, fragte er sich. War das schon eine Manie, immer bereit zu sein, für den Fall der Fälle? Immer bereit Notizen machen zu können. Er kam sich fast vor wie Colombo, der zückte auch immer sofort Bleistift und Blöckchen.

»Also Helmut Wirth mit th heißt unser Festzeltwirt.« Alois schrieb alles auf.

»Und Sie Frau Kasbauer, Resi, das steht doch für Theresa, oder?«

»Ja, aber alle nennen mich Resi.«

»Na gut, dann Resi. Was machen Sie denn hier so?«, fragte er.

»Ich bin hier sozusagen die gute Fee«, lachte sie verlegen.

Alois wollte gerade etwas sagen, da bemerkte er Unruhe in der Gruppe, die immer noch im Küchenbereich unschlüssig herum stand und die Beamten bei ihrer Arbeit beobachteten. Der Grund dafür waren mehrere Uniformierte, die hinter Polizeihauptwachtmeister Dallinger mit stechendem Schritt durchs Bierzelt schritten.

Bevor Resi Kasbauer antworten konnte, hatte sich Kreithmeier kurz von ihr abgewandt und schritt den Kollegen entgegen.

»Dallinger, und auch noch in Uniform. Das ging aber schnell. Du bist doch gar nicht im Dienst.«

»Das lasse ich mir doch nicht entgehen, einen Toten im Bierzelt. Das haben wir noch nie gehabt.«

Zwei seiner Kollegen preschten hervor und stellten mehrere Leichtmetallkoffer vor den Kühlcontainer, Rainer Zeidler und Kollege Schurig direkt vor die Füße.

»Hier ist eure Alchimistenausrüstung«, blökte Dallinger. »Und was sollen wir derweil tun?«

»Ihr riegelt vorerst das Zelt ab«, klärte ihn Kreithmeier auf. »Lasst niemanden hinein und niemanden heraus. Und vor allem die Presse. Obwohl es mitten in der Nacht ist, werden die Geier bald einfliegen. Solange wir nichts Genaues wissen, kein Wort zu den Medien. Und diesmal Dallinger, pass auf deine Männer auf. Sie verplappern sich gerne. Kein Wort. Und dann soll jemand mal die Personalien dieser reizenden Gesellschaft an Personen mit Migrationshintergrund aufnehmen.«

Alois Kreithmeier deutete auf die Gruppe internationaler Mitarbeiter, die sich immer noch neugierig an der Zeltwand herum drucksten.

»Und fragt sie, ob sie was gesehen haben. Die meisten sprechen Deutsch. Ansonsten holt euch einen Dolmetscher.«

»Für Vietnamesisch, Kisuaheli und Arabisch?«, fragte Dallinger den Kommissar sichtlich erstaunt.

»Wenn es denn sein muss. Ja! Und überprüft die Arbeitspapiere, Gesundheitszeugnis und so weiter.«

»Geht klar, Herr Kommissar«, salutierte Dallinger mit der Hand an der Hosennaht. »Wer ist eigentlich der Tote, sag?«

»Höchstwahrscheinlich der Wirt.«

»Der Wirth? Der Helmut?«

»Kennst du ihn denn?« Kreithmeier zog die Augenbrauen hoch.

»Ja, natürlich, der hat doch in der Hallertau so einen netten Landgasthof. Da waren wir schon des Öfteren am Sonntag zum Schweinsbraten. Zum Gast beim Wirth heißt er. Gute bayrische Küche. Davon gibt es nicht mehr so viel. Vernünftige Preise und einen wunderbaren Biergarten mit Kinderspielplatz.«

»Und wer bringt so einen rechtschaffenen Mann um?«, fragte Kreithmeier mechanisch.

»Der Helmut hatte auch Neider. Immer, wenn du ein gutes Geld machst, hast du auch Neider.«

»Da haben wir beide ja richtig Glück.«

»Wie kommst denn darauf?«, fragte Dallinger.

»Wegen dem guten Geld. Das haben wir ja wohl nicht.«

»Da hast auch wieder Recht«, lachte Dallinger kurz auf. »Also machen wir uns an die Arbeit.« Er drehte sich um, steckte Daumen und Zeigefinger in den Mund und pfiff kräftig. Alle seine Mannen standen sofort um ihn herum und hörten andächtig seinen Worten zu. Dallinger teilte ein und gab Anweisungen.

Alois sah ihm kopfschüttelnd zu, dann wandte er sich wieder Frau Kasbauer zu.

»Entschuldigung. Können wir uns irgendwo hinsetzen, wo wir beide nicht gestört werden«, fragte er sie höflich.

»Gehen wir in eine der Boxen. Da sind wir unter uns.«

»Gut, dann gehen Sie mal voraus, ich folge Ihnen«, und zu Melanie gewandt sagte er, »der Dallinger kümmert sich um die Leute hier im Zelt und um die Pressegeier. Bleibst du bitte hier und wartest auf Frau Dr. Nagel. Sie müsste auch bald erscheinen. Und dann befrage mal diesen Schwarzen. Der steht dort in der Gruppe. Der Große da.«

Kreithmeier zeigte mit dem Arm auf den Hendlbrater. Der Anvisierte bemerkte es und winkte der Kommissarin zu. Dabei öffnete er seinen Mund zu einem Lachen. Eine breite Reihe weißer Zähne blitzten im Lampenlicht. Weiß wie aus einer Zahnpasta Werbung. Nur dass es keine Werbung mit einem Schwarzen gibt.

»Und warum?«, wollte Melanie wissen.

»Weil ich glaube, dass der mehr weiß, als es zunächst den Anschein hat. Er spricht bestes Bayrisch.«

»Dann brauche ich wohl einen Dolmetscher«, lachte sie.

»Du wirst es verstehen. Ich bin sicher, der kann auch Hochdeutsch. Und ist der Tote tatsächlich der Festzeltwirt?«

»Ja, er ist es. Zu allem Überfluss heißt er auch noch mit Nachnamen Wirth. Wirt mit th. Was für ein Zufall.«

»Ich weiß. Die Kasbauer hat es mir erzählt«, sagte er. »Ich habe etwas länger gebraucht, es zu verstehen. Ob Zufall oder nicht. Sein Schädel ist auf jeden Fall nicht aus reinem Zufall gespalten worden. Das hat jemand mit Absicht gemacht.«

»Und unsere Aufgabe wird sein, das herauszufinden. Auf jeden Fall hat der Täter die Mordwaffe am Tatort zurück gelassen.«

»Du sprichst von einem Täter? Wie kommst du darauf? Könnte es nicht auch eine Täterin gewesen sein?«

»Ich glaube eher nicht«, sagte Melanie. »Der Hammer wiegt 1,5 Kilogramm und der Täter muss mindestens gleich groß gewesen sein. Rainer meint, der Wirth ist im Stehen erschlagen worden. Das zeigt ihm die Aufschlagstelle der Mordwaffe. Näheres werden wir erst wissen, wenn die Gerichtsmedizinerin ihre Arbeit getan hat. Ich denke, es war ein Mann. Und er muss ziemlich sauer auf den Toten gewesen sein, dass er mit aller Kraft so auf ihn eingeschlagen hat.«

»Wo hat er denn die Tatwaffe her?«, wollte Alois von ihr wissen.

»Im Biercontainer lag sie wohl nicht herum. Der Täter hat sie von der Schenke mitgenommen. Da liegen mehrere zum Anzapfen der Fässer. Das ist wohl noch Tradition in Bayern. Jedes Fass wird einzeln angezapft. Große Biertanks sind wohl uncool.«

»Doch, doch, diese Stahltanks gibt es. Auch auf der Wiesn. Auf der Wiesn schenken sie nur noch das Augustiner Bier aus Holzfässern aus. Und nicht aus den Edelstahlbomben wie hier. Ein hölzernes Oktoberfest-Anstichfass wiegt in etwa so viel wie ein ausgewachsener Hirsch. Deswegen nennt man es sich auch einen Hirschen. Jedes Fass wiegt über 300 Kilogramm und fasst 200 Liter Bier. Aber leider ist auch hier die Bierschenke mit einem Biersilo auf Rädern verbunden.«

»Und diese Edelstahlfässer. Für was sind dann die hier?«, fragte Melanie.

»Fürs Weißbier, als Reserve und für die Schenken vor dem Zelt und für die Holzhütten.«

»Und was wollte der Wirth dann hier?«, wollte sie weiter wissen.

»Das ist es, was wir herausfinden müssen. Und vor allem, wer mochte ihn nicht. Also ich kümmere mich um die Frau, die den Toten gefunden hat. Du kümmerst dich um die Spusi und dass der Dallinger mit seinen Jungs keinen Scheiß baut.«

Kreithmeier drehte auf dem Absatz um und geleitete Frau Kasbauer aus dem Küchenbereich zurück ins Festzelt in eine der Boxen, wo er ungestört seine Befragung fortsetzen konnte. Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie eindringlich an. Eine Frau, die den Zenit ihres Lebens längst überschritten hatte. Ihre Tätigkeit in der Gastronomie hatte Spuren hinterlassen. Er schätzte sie zwischen 55 und sechzig ein. Ihr Gesicht war blass und hatte wenig Falten, das lag eher an ihrem Übergewicht, als an schlechter Luft und dem Ausschluss von Sonnenlicht. Ihre füllige Körpermasse hatte sie in ein Dirndl gezwängt und ihr Busen war für seinen Geschmack zu stark eingepresst, denn er versuchte bei jeder Bewegung oder jedem Atemzug gefährlich aus dem oberen Teil herauszuspringen.

Für Kreithmeier war sie das bildhafte Beispiel einer typischen Bierzeltbedienung, wie es nur noch wenige gab. Sie zogen mit den Bierzelten von Volksfest zu Volksfest, arbeiteten am Tag mehr als 12 Stunden und verdienten in einer der Woche so viel Geld, wie er in 6 Wochen. Dafür schleppten sie stundenlang schwere Bierkrüge und teures bayerisches Fastfood an die Biertische. Ein Berufszweig, der am aussterben war. Jetzt rückten jungen Frauen aus den neuen Bundesländern nach. Studenten und Studentinnen. Und hier in Freising, wie er selbst am Abend beobachten konnte, Gastarbeiter aus dem Rest der Welt: Südamerika, Asien und Afrika.

Wie sollte ein Urbayer bei einem farbigen Immigranten aus der Elfenbeinküste oder Somalia eine Maß Bier bestellen, dazu ein Hendl vom Grill mit Riesenbrezn. Eigentlich undenkbar. Das wäre ja genauso, als wenn er selbst in einem afrikanischen Traditionsrestaurant in einem Sari bedienen und den Gästen die einheimischen Getränke und Gerichte empfehlen müsste.

»Was wollen’s denn alles von mir wissen?«, wurde Kreithmeier aus seinen Gedanken gerissen. Er zuckte zusammen, dann sah er auf seinen Notizblock, auf dem noch nicht viel eingetragen war und schaute sein Gegenüber wieder forschend an.

»Sie sind also Frau Theresa Kasbauer?«

»Des wissens doch schon. Mich könnens aber gerne auch Resi nennen. So nennen mich alle hier.«

»Gut Frau Kasbauer. Jetzt erzählen Sie mir mal bissel was über sich. Sie haben den Toten gefunden. Wie war das denn? Und langsam bitte, ich möchte mir ein paar Notizen machen.«

Frau Kasbauer atmete tief ein. Ihr Brustkorb hob sich an und die obersten Knöpfe ihres Dirndls spannten sich unter der Bewegung. Doch sie hielten. Sie atmete aus und sagte langsam und deutlich und letztendlich auf hochdeutsch: »Ich mache immer am Ende meinen Rundgang. Wenn die Bierschänke und die Küche geschlossen sind, dann gehe ich alles noch einmal ab.«

»Warum?«, fragte der Kommissar.

»Weil ich mich auf die Mitarbeiter nicht verlassen kann. Wir arbeiten seit einiger Zeit mehr mit Aushilfen als wie mit Festangestellten. 400 Hundert Euro Kräfte. Mei, i sag Ihnen, die meisten können nicht mal richtig deutsch. Und wenn Feierabend ist, dann rennen sie alle sofort nach Hause. Und lassen alles stehen und liegen.«

»Und Ihr Chef, der Herr Wirth?«

»Der macht meistens die Buchhaltung, eine Kurzinventur, die Bestellung für den nächsten Tag und seine Lieblingsbeschäftigung, er zählt das Geld. Dann ordert er den Geldtransporter«, sie lachte auf, »es wäre a bisserl viel Geld, um damit einsam im Dunkeln durch die Luitpoldanlage zu laufen.«

»Von wie viel Geld reden wir denn?«

»Schon weit über zweihunderttausend Euro. An Tagen wie heute sogar bis zu dreihunderttausend.«

Kreithmeier pfiff durch die Zähne. Eine stolze Summe für einen Abend.

»Das Geld ist aber alles noch da, oder?«

»Das Geld ist im Safe im Büro und wartet auf die Protectas«, antwortete sie beflissen.

»Gut weiter. Sie haben also Ihren Rundgang gemacht und dann?«

»Ich habe gesehen, wie die Tür zum Bierlager offen stand. Und es brannte Licht. Das war mir verdächtig. Dann habe ich reingeschaut. Und da lag er.«

»Wieso verdächtig?«, hakte Kreithmeier nach und spitzte die Ohren.

»Weil seit Samstag, seit Eröffnung des Volksfestes, Fässer abhanden gekommen sind.«

»Ihr habt’s doch einen Biercontainer von der Brauerei?«

»Das stimmt«, sagte sie, »aber s’ Weißbier haben wir in den Edelstahlfässern.«

»Richtig, ihr schenkt ja beides aus. Auf der Wiesn in Minga gibt’s nur a Helles. Nur Oktoberfestbier.«

»Außer im Weinzelt, da schenken sie auch Weißbier aus, aber nur bis um 21 Uhr, dann wollen’s ihren Nymphenburg Sekt und ihren Wein verkaufen«, klärte Resi den Kommissar auf.

»Es heißt ja auch Weinzelt. Aber zurück zu eurem Bierlager. Wie können denn solche Fässer verschwinden? Die wiegen doch was. Die klemme ich mir doch nicht unter den Arm. Und zu Hause fange ich gar nichts damit an. Ich brauche eine richtige Zapfanlage. Das sind ja keine Partyfässchen. Wie viel Fässer fehlen denn laut ihren Aufzeichnungen?«

Frau Kasbauer dachte nach. »Wie mir der Helmut erzählt hat, zwei oder drei. Bis jetzt.«

Alois Kreithmeier machte sich Notizen.

»Aber wegen einem Fass Bier schlägt doch niemand jemandem einen Schädel ein«, dachte er laut.

»Was haben’s bittschön gerade gesagt?« Resi Kasbauer blickte den Kommissar fragend an.

»Die Tür zum Lager stand offen. Da waren wir. Und?«

Sie stutzte etwas, dann fuhr sie fort. »Ich bin halt rein, und da lag er. In seinem Blut. Der Hammer daneben. Den Rest kennen Sie. Ich habe einen Schreck bekommen und um Hilfe geschrien.«.

»Sie wussten sofort, dass das der Helmut war.«

»Ja, natürlich!«

»Aber wieso? Er lag doch mit dem Gesicht auf dem Boden.«

»Seine Lederhose und seinen Janker. Den erkannte ich sofort. Den gibt es nur einmal auf dem Festplatz.«

»Aha. Soso. Und was meinen Sie, wer könnte das getan haben, der Bierdieb?«

»Ich weiß es nicht. Der Helmut war kein angenehmer Zeitgenosse. Ich kam mit ihm ganz gut zurecht.«

»Sie wollen damit behaupten, der Herr Wirth hätte Feinde.«

»Ja! Es mochte ihn eben nicht jeder.«

»Aber Sie schon?«

»Mögen ist zu viel gesagt«, sagte die Kasbauer langsam und dacht nach. »Man arrangiert sich halt. Man passt sich an.«

»Wie lange kennen Sie ihn schon, oder besser kannten Sie ihn?«

Resi Kasbauer fing an zu überlegen. Und um dieses noch zu unterstützen, rechnete sie mit ihren Fingern nach. »Ich denke mal über zwanzig Jahre.«

»Zwanzig Jahre? Eine verdammt lange Zeit.«

Kreithmeier drehte sich beiläufig um und blickte Richtung Küche und Bierschenke. Dort war mittlerweile alles in helles Licht getaucht. Die Spurensicherung machte ihren Dienst. Frau Dr. Nagel war beim Toten und Polizeiwachtmeister Dallinger und seine Uniformierten nahmen die persönlichen Daten der Anwesenden auf. Er sah Dallinger im Gespräch mit einem kräftigen Afrikaner mit kurzen schwarz gekräuselten Haaren. Er unterhielt sich mit Abdul Shamal, dem Wortführer der Mitarbeiter, dem Hendlbrater. Den sollte er auch noch sprechen, dachte Alois. Dann drehte er sich wieder zur Kasbauer um und wiederholte seine letzten Worte: »Zwanzig Jahre! Ein halbes Leben. Gibt es eine Frau Wirth?«

»Es gab mal eine Frau Wirth. Die ist aber vor ein paar Jahren gestorben. Krebs so viel ich weiß. Jetzt hat er eine Freundin. Eine Olga. Eine Russin. Aus Kiew.«

»Kiew ist aber in der Ukraine«, korrigierte Kreithmeier die Frau.

»Jo mei, was weiß i denn. Die Olga aus Kiew. Und sie spricht russisch und sehr gut deutsch. Eine echte Madame. Lässt sich gern bedienen. Und Helmut machte immer alles für sie. Olga hier und Olga da. Und sie ist halb so alt wie der Helmut. Eine hübsche Frau. Aber ein Luder.«

»Wo wohnt sie?«

»In seinem Haus in Attenkirchen. Der hat sich dort eine Villa gebaut, Herr Kommissar, so etwas haben Sie noch nicht gesehen.«

»Mit so einem Bierzelt verdient man ja kein schlechtes Geld.«

»Und mit seinem Gasthof mit Biergarten auch nicht. Obwohl das Zelt in Freising, das hat er erst seit diesem Jahr.«

»Ach was. Und wieso?« Kreithmeier hob die Augenbrauen.

»Na, ja, vorher hatte die Familie Sandholzner das Zelt. Seit über 10 Jahren. Dieses Jahr das erste Mal der Helmut.«

»Und warum das?«

»Da fragen Sie mich zu viel Herr Kommissar. Jedes Jahr muss man sich in Freising wie auf der Wiesn in München neu bewerben. Und dieses Jahr hat die Ausschreibung eben der Wirth gewonnen. So ist das halt.«

Kreithmeier schrieb etwas in seinen Notizblock.

»Sie sagten, er wäre nicht so angenehm gewesen. Was meinen Sie damit Frau Kasbauer?«

»Wie ein Geschäftsmann halt. Knochentrocken, immer nur aufs Geld aus. Sparen, sparen, sparen und Beziehungen. Was glauben Sie, warum er jetzt sein Zelt auf dem Volksfest stehen hat?«

Kreithmeier schaute sie herausfordernd an.

»Und warum?«

»Beziehungen, Beziehungen, Beziehungen! Amigos, wie wir in Bayern so sagen.«

»Amigos«, wiederholte Kreithmeier und schrieb das Wort in seinen Notizblock. »Wer könnte ihn so gehasst haben, dass er ihm den Schädel einschlagen könnte?«

»Das wird wohl Ihre Aufgabe sein, Herr Kommissar, das herauszufinden. Brauchen Sie mich noch? Ich bin müde und morgen Mittag geht es wieder los.«

»Sie wollen doch nicht sofort wieder an die Tagesordnung übergehen«, rief der Kommissar entsetzt.

»Mit wollen hat das nichts zu tun. Morgen ist Mittwoch. Das heißt Freisinger Landwirtetag. Das Zelt ist ausgebucht. Wollen Sie es schließen? Das können Sie nicht tun. Dann gäbe es einen Aufstand. Bis morgen früh müssen Sie mit Ihren Leuten verschwunden sein. Das Fest geht weiter, ob mit dem Helmut oder ohne ihn. The Show must go on«, sagte sie daraufhin in gebrochenem Englisch.

Alois musste über diesen Spruch schmunzeln. Der passte definit nicht zur Resi. Er fuhr fort: »Aber wer führt denn dann die Geschäfte?«

»Sein Sohn, wer denn sonst?«

»Helmut Wirth hat einen Sohn?«

»Ja, habe ich das nicht erzählt, Herr Kommissar?«

»Nein, das haben Sie nicht. Wo finde ich ihn?«

»Der wird schon zu Hause sein. Lukas, so heißt er, hat Dienst vom frühen Morgen an. Am Abend löst ihn sein Vater ab. Er wohnt in der Villa in Attenkirchen. Die Olga auch.«

»Ich bräuchte Sie auf jeden Fall noch einmal auf dem Revier. Ich lasse von unserem Gespräch ein Protokoll anfertigen. Sie müssten dann Ihre Aussage unterschreiben.«

»Morgen früh.«

»Da habe ich es noch nicht fertig. Nachmittags.«

Sie lachte auf. »Das könnens vergessen, da arbeite ich. Da ist Hochbetrieb. Im Zelt. Am besten kommen Sie. Ich unterschreibe dann hier im Zelt. Sie werden es schon richten. Da verlasse ich mich ganz auf Sie.«

»Gut, Frau Kasbauer, ich werde kommen. Eine letzte Frage noch. Kennen Sie diesen Afrikaner dort?« Er zeigte mit dem Finger auf Abdul Shamal, der beim Dallinger noch verlegen im Zelt stand.

»Kennen ist gelinde gesagt, zu viel des Guten. Seit einiger Zeit sparte der Helmut auch am Personal Kosten ein. Einerseits weil es die guten alten Bierzeltbedienungen nicht mehr gibt .....«

»So wie Sie selbst eine sind«, unterbrach Kreithmeier ihren Redefluss.

»Ja. Und der Helmut setzte immer mehr auf Billigkräfte. Die meisten bedienen auf Festgeld, nicht auf Provision. Denen ist der Service scheißegal. Die arbeiten sich nicht zu Tode. Aber sie sind billig. Und so hat er lieber mehr billige Kräfte eingestellt, als wie uns Selbstständige.«

»Sie kaufen immer noch das Bier quasi vom Wirt ab und verkaufen es mit Zuschlag an die Festzeltgäste.«

»Richtig, je mehr ich verkaufe, desto mehr verdiene ich. Obwohl mir der Helmut eine feste Provision für meine Nebentätigkeiten bezahlt hat.«

»Die da wären?«

»Einsatzplan und Kontrolle der Bedienungen. Ausbildung und Organisation im Zeltinneren.«

»Viel Verantwortung, Frau Kasbauer, sehr viel Verantwortung. Alle Achtung.«

Resi Kasbauer nickte ehrfürchtig.

»Eine Frage noch«, fuhr Kreithmeier fort. »Wenn euer Zelt dieses Jahr das erste Mal in Freising steht, wo war es dann sonst noch?«

»In Moosburg, Mainburg, Neustadt an der Donau, Regensburg, Landshut, und alles Richtung Deggendorf und Passau.«

»Also rund um die Uhr im Einsatz?«

»Im Sommer ja. Kann man wohl sagen.«

»Dann ist die Domstadt Freising ja sozusagen ein Heimspiel für euch?«

»Es hat ja auch lange gedauert, bis wir endlich eine Zusage für das Volksfest bekommen haben«, knurrte sie.

»Na gut, ich habe vorerst keine weiteren Fragen an Sie. Ich komme morgen Nachmittag. Bis dahin bräuchte ich eine Personalliste mit allen Mitarbeitern, die heute Dienst hatten. Und zum Thema unangenehmer Zeitgenosse. Vielleicht fällt Ihnen da noch etwas ein. Ich denke, ich werde mit meiner Kollegin nach Attenkirchen fahren und den Sohn und die Freundin vom tragischen Tod des Helmut Wirth verständigen.«

Alois Kreithmeier stand auf, gab der Resi Kasbauer zum Abschied die Hand und schlenderte zurück ins Parkett. Er hielt direkt auf den großen Afrikaner zu, der immer noch im Zelt stand und dem emsigen Treiben der Freisinger Polizei zuschaute.

»Alois!«, rief eine Stimme hinter ihm, als er zielstrebig auf den Farbigen zusteuerte.

Kreithmeier blieb abrupt stehen und drehte sich um. Seine Kollegin Melanie Schütz steuerte auf ihn zu. Immer noch im Dirndl lief sie mit wehender Schürze auf ihn zu.

»Frau Dr. Nagel war da. Sie hat die Leiche untersucht.«

»Und was sagt sie?«

»Du weißt ja, das Übliche, immer alles erst nach der Obduktion. Aber ich habe ihr trotzdem ein paar Dinge aus der Nase ziehen können. Trotz alledem nichts Neues, nicht was wir auch ohne sie schon vermutet haben. Der Tod muss gegen 23.30 eingetreten sein, plus minus eine halbe Stunde. Der Tote war noch warm und Leichenstarre hatte noch nicht eingesetzt. Er ist mit dem Holzhammer erschlagen worden. War wahrscheinlich sofort tot. Die Schädeldecke am Hinterkopf ist eingeschlagen. Das viele Blut stammt aus dieser Wunde. Sonst hat er keine Verletzungen, es sei denn durch seinen Sturz nach dem Schlag. Der Täter ist eher Mann wie Frau. Rechtshänder. Keine Fußspuren, keine Fingerabdrücke.«

»Warum eher ein Mann?«, wollte Kreithmeier es genau wissen.

»Weil der Schlag erstens von oben kam, zweitens sehr kräftig war und drittens ihrer Meinung nach geplant war.«

»Ihr meint also ein Holzhammer ist für eine Frau eine zu profane Tatwaffe. Frauen neigen eher zu Gift, einer Haarnadel oder zu einer Pistole?«

»Ich habe auf einem Seminar gehört, dass Frauen ihre Opfer überwiegend planvoll, heimtückisch und im häuslichen Milieu töten, Männer hingegen attackieren meistens unmittelbar, häufig im Affektsturm, oder wenn ein Streit eskaliert.«

»Du und deine Seminare. Warum gehe ich eigentlich nicht auf so etwas?« Kreithmeier sah seien Kollegin fragend an.

»Weil du dich immer drückst und mich schickst, wenn etwas ansteht.«

»Also gut, der Täter könnte ein kräftiger Mann sein, oder eine kräftige Frau mit über 1,80 Meter Körpergröße.«

»Richtig«, bestätigte ihn Melanie. »Eine Frau, die die Tat aussehen lässt, als ob es ein Mann gewesen wäre. Könnte doch sein.«

»Warten wir auf Frau Doktor Nagels Bericht.«

»Ach noch etwas, bevor ich es vergesse. Ich hatte vorhin ein sehr unterhaltsames Gespräch mit unserem neuen Bürgermeister.«

»Und?« Alois spitzte die Ohren.

»Er war entsetzt über den grausamen Tod unseres Festwirtes. Und er bat mich doch alles daran zusetzen, dass wir heute Nacht noch fertig werden. Morgen soll das Volksfest wie geplant weiter gehen. Trotz des unglücklichen Todesfalles, sei es das beste Fest aller Zeiten, Zahlen, wie man sie nur vereinzelt in den 80er-Jahren mal erreicht habe Das Volksfest 2012 knacke eine Bestmarke nach der anderen. Unser lieber Bürgermeister Tobias Eschenbacher hat sogar von einem Marathon der Highlight-Zahlen gesprochen: Mit knapp 123 Hektoliter war der Freitag der beste Start seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1978. Der Samstag mit 119 und der Sonntag mit 75 Hektoliter Bierumsatz wären das beste erste Wochenende seit zehn Jahren. Der Montag mit 78 Hektoliter war der beste Montag seit fünf Jahren. Und der heutige Abend, als fast 7.000 Menschen Dolce Vita feierten, brach mit über 132 Hektoliter den bisherigen Rekord aus dem Jahr 1982.«

»Wo der Herr Bürgermeister nur diese Zahlen her hat? Und woher weiß er nur so schnell vom Tode des Wirtes?«, sinnierte Kreithmeier.

»Das geht schon rum. Die ersten Pressefutzis kamen direkt nach dem Dallinger.«

»Ob der Dallinger sich damit ein zweites Einkommen sichert?«

»Die hören bestimmt den Polizeifunk, da könnte ich wetten«, sagte Melanie.

»Dann wollen wir dem Eschenbacher sein erstes Fest zu seinem Amtsantritt nicht vergällen.«

»Das wäre schön. Und er sagte nur, so solle es auch bleiben. Bei den guten Zahlen.«

»Der Wirt ist tot, lang lebe der Wirt.«

Die Villa in Attenkirchen

Alois Kreithmeier und Melanie Schütz orderten einen Wagen der Fahrbereitschaft aus der Haydstraße, weil ihr Alkoholkonsum im Festzelt ein eigenes Fahren nicht rechtfertigen konnte und ihre beiden Fahrzeuge vor Kreithmeiers Wohnhaus parkten. Eine kurze Verabschiedung bei der Spurensicherung, mit dem ausdrücklichem Hinweis, die Untersuchungen bis zum Morgengrauen abgeschlossen zu haben, damit der Festzeltbetrieb ungestört am nächsten Tag weiter gehen konnte, und schon ging es los. Der augenscheinliche Wunsch des Oberbürgermeisters sollte auf jeden Fall berücksichtigt werden.

Die kleine Gemeinde Attenkirchen liegt an der Bundesstraße B 301 im Hallertauer Hügelland ungefähr dreizehn Kilometer nördlich der Kreisstadt Freising und einige Kilometer nördlich des Ampertals: das südliche Tor zur Hallertau, Deutschlands größtem Hopfenanbaugebiet. Obwohl der Hopfen schon geerntet war, und nur noch die hohen Holz-Draht-Gerüste der Hopfengärten die Landschaft zu prägten, war von den imposanten Gestellen nichts zu sehen. Es war Nacht und dicke Wolken am Himmel ließen das Mondlicht nicht durchscheinen. Nur der Scheinwerferkegel des Polizeiwagens beleuchtete die Straße und gab freie Sicht nach vorn.

Nach knapp einer Viertelstunde hielt der Wagen vor einem Tor in einer Seitenstraße in einem Neubaugebiet in Attenkirchen.

»So wir sind da, das ist die Villa der Familie Wirth. Ein imposantes Anwesen. Soll ich mit reinkommen?«, fragte der Uniformierte die beiden Kommissare dienstbeflissen.

»Nein danke, bitte warten Sie hier draußen auf uns. Wir wollen die Familie nicht gleich in der Nacht mit einer Polizeiuniform schockieren«, antwortete Kreithmeier höflich.

»Und mit Ihrem Aufzug sollte das wohl nicht passieren?« Der Polizist lächelte.

Alois sah Melanie erstaunt an und sie ihn. Sie hatten immer noch ihre Kleidung vom Volksfest an. Er steckte noch in der kurzen Lederhose und mit einem Janker darüber und sie in ihrem hellblauen Dirndl. Sie hatten beide noch keine Zeit gehabt sich umzuziehen.

»Mist!«, rief Kreithmeier. »Ich weiß auch nicht, was jetzt besser ankommt, zwei in Tracht mit Bierfahne oder ein uniformierter Beamter. Egal. Was soll’s. Sie bleiben hier. Wir kriegen das schon hin. Komm Melanie. Es wird nicht einfach, dem Sohn und der jungen Frau das Ableben vom Helmut Wirth zu berichten. Ein Scheißjob. Verdammt noch mal!«

Der Kommissar zwängte sich aus dem Streifenwagen und öffnete Melanie galant die Autotür.

»Sie schlafen schon. Das Haus ist dunkel«, sagte sie und zeigte mit der rechten Hand in Richtung Wohngebäude.

Das Wohnhaus war wirklich unbeleuchtet und verbarg sich hinter einer hohen Steinmauer mit einem schmiedeeisernen Tor. Alles war dunkel. Nicht einmal eine Notbeleuchtung erhellte den Fußweg zum Haupteingang.

Kreithmeier schritt auf das Tor zu und drückte auf die Klingel. Im Haus erklang eine tiefe Glocke. Es dauerte eine Weile, dann kam Leben in die Bude. Licht wurde eingeschaltet und eine Männerstimme hallte blechern aus der Sprechanlage.

»Was ist denn los? Wissen Sie denn wie spät es ist?«

»Herr Wirth, Herr Lukas Wirth?«, fragte Kreithmeier in die Sprechmuschel.

»Ja natürlich, wer denn sonst. Wer will das wissen?«

»Hier ist die Polizei, bitte öffnen Sie.«

»Bin ich zu schnell gefahren? Hat das nicht bis Morgen Zeit?«, lachte die Stimme hysterisch und der Mann tat keine Anstalten die Türe zu öffnen.

»Bitte öffnen Sie.« Kreithmeier hielt seinen Ausweis vor die runde Linse der Kamera über der Klingel. Sie müssten ihn im Hause sehen und erkennen können, dachte er.

»Bitte öffnen Sie, wir möchten mit Ihnen persönlich sprechen«, sagte er.

»Kommen Sie morgen wieder. Sie werden ja wohl keinen Hausdurchsuchungsbeschluss in der Tasche haben, oder?«, hallte es aus dem Lautsprecher.

»Wer ist denn da am Tor?«, war jetzt im Hintergrund plötzlich eine weibliche Stimme zu hören, die mit leicht osteuropäischem Akzent sprach. »Sag mir bitte Lukas, wer klingelt da bei uns in der Nacht?«

»Die Polizei, ich bin anscheinend zu schnell gefahren.«

»Blödsinn, die kommen nicht zu dir, die schicken dir einen Anhörungsbogen. Geh weg, lass mich mal.« Und zu den beiden Kommissaren über die Fernsprechanlage gerichtet: «Was wollen Sie von uns? Mitten in der Nacht. Ist etwas passiert?«