Der Mann, der den Weihnachtsmann erschoss - Axel Birkmann - E-Book

Der Mann, der den Weihnachtsmann erschoss E-Book

Axel Birkmann

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Beschreibung

Weihnachten steht vor der Tür und schon im September werden die Supermarktregale mit Weihnachtsplätzchen, Schokoladen-Nikoläusen und Christstollen gefüllt. Dann beginnt die Jahreszeit, die für Alois Kreithmeiers Gefühlswelt seiner Meinung nach die Schrecklichste von allen ist. Die Zeit des Konsumterrors, der Druck passende Geschenke für Heiligabend zu finden, der Run auf die Weihnachtsmärkt und das alles im Glühweinrausch und in Lametta-Dekoration. Der Anstieg von Taschen- und Ladendiebstählen, denn auch die Kleinkriminellen wollen am Fest teilhaben. Für Alois steht dann nur eins fest: Überleben und auf den Frühling warten. Er hatte mit dem ganzen Rummel ums Weihnachtsfest nichts am Hut. Jemand muss wohl ähnlich wie er gedacht haben, denn am Ersten Adventswochenende wird auf offener Straße mitten im Freisinger Weihnachts- und Christkindlmarkt auf dem Domberg der Weihnachtsmann erschossen. Der Täter kann unerkannt fliehen. Nur das als Weihnachtsmann verkleidete Opfer bleibt in seinem Blut auf den kalten Pflastersteinen liegen. Alois Kreithmeier und seine fesche Kollegin Melanie Schütz sollen auf Anweisung der Staatsanwaltschaft den Fall bis zum Heili- gen Abend klären. Da bleibt ihnen nicht viel Zeit. Im vorweihnachtlichen Trubel stürzen sich die beiden Kommissare auf die Tätersuche und entdecken Spuren einer grausamen Tragödie einer alten Geschichte, die weit in die DDR-Vergangenheit hineinreicht und ihr blutiges Ende schließlich am Zweiten Advent in Freising findet. Alois und Melanie strengen sich an, den eiskalten Mörder bis zum Heiligabend dingfest zu machen. Ein fast aussichtsloses Unterfangen. Doch sie versuchen es.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Axel Birkmann

Der Mann, der den Weihnachtsmann erschoss

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Last Christmas

Der Auftrag

Erster Advent

Der Fotograf

Ellermühle

Informationsaustauch

Fliegerclub Moosburg

Peinlichkeiten

Der Vater

Freitag, der 13.

Das Dritte Adventwochenende

Lusan

Leumnitz

Nachbarschaftshilfe

Über den Wolken

Flammen der Vergangenheit

Alte Adler, alte Akten

Broken Wings, gebrochene Flügel

Familienbande

Take Off

Nachwort und Quellenverzeichnis

Impressum neobooks

Last Christmas

Samstagnachmittag des Ersten Adventswochenendes in der Domstadt Freising.

»I'm dreaming of a White Christmas. With every Christmas card I write«, tönte es leise aus den Lautsprechern des Supermarktes in Freising-Lerchenfeld. Alois Kreithmeier schob missmutig den Einkaufswagen durch die Gänge. Er hatte die ersten Dutzend Quadratmeter Verkaufsfläche unbeschadet hinter sich gelassen, sich mühevoll durch Dutzende von in rote Metallfolie gewickelte Weihnachtsmänner, Tonnen von Spekulatiuskeksen und Dominosteinen, Vanillekipferln und Christstollen gequält, nur um ein paar Rollen Toilettenpapier und Waschmittel für schwarze und bunte Wäsche zu kaufen. Und das an seinem freien Tag, an einem Samstag. Es nervte ihn kolossal.

Seit Wochen hatte er zusehen müssen, wie in fast jedem Lebensmittelladen Türme von Weihnachtsartikeln aufgebaut worden waren und aus den Schaufenstern in den Läden und Boutiquen rund um die Freisinger Innenstadt kontinuierlich alles Bunte verschwand, alles bis auf die Farben Rot, Gold und Silber.

Die fünfte Jahreszeit war eingeläutet: Das Weihnachtsgeschäft. Ohne das viele der Einzelhandelsläden nicht überleben konnten. Die Umsätze stiegen von Tag zu Tag in den letzten Wochen im Jahr. Manche Branchen machten an einem langen Samstag im Dezember so viel Umsatz wie sonst in einem ganzen Monat. Und immer früher wurden die Weihnachtsartikel den Kunden präsentiert. Ende August tauchten die ersten Lebkuchen in den einschlägigen Supermarktketten auf. Nach dem Motto, »der frühe Vogel frisst den Wurm«, zielte der Handel darauf, den Konsumenten immer früher das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Alois hasste das. Nicht dass er grundsätzlich etwas gegen Weihnachten und seinen ansonsten doch recht friedlichen Festcharakter hatte, aber der Konsumterror und die fast unvermeidliche Beschallung aller Läden, einschließlich der Getränke- und Drogeriemärkte, mit Weihnachtsliedern, rührten an seinen Nerven.

Zu allem kam noch hinzu, dass jeder bekannte oder unbekannte Gesangsstar genau in dieser Zeit sich noch einen Namen mit dem Einsingen von schnulzigen Weihnachtsliedern machen wollte. Im Radio lief nur noch dieses meist nur aus zwei oder drei Akkorden bestehende Gejaule. Was wäre Weihnachten auch nur ohne Musik, dachte Alois grimmig nach, als er den Einkaufswagen Richtung Haushaltsartikel schob.

Spätestens Ende November wurden die Weihnachtsklassiker herausgeholt und im Radio oder zu Hause rauf und runter gespielt. Für viele gehörten diese Christmas Songs einfach zu Weihnachten. Für andere waren diese Lieder ein Grund, schnellstens den Ort zu wechseln. Aber wo sollte Alois auch hin? Fliehen? Dem Weihnachtstrubel entkommen? Melanie ganz alleine lassen? Seinem Freising den Rücken zukehren, wenigstens für ein paar Tage? Er hatte schon darüber nachgedacht. Einmal über Weihnachten und Neujahr hinweg in die Sonne fliegen. Nachgedacht ja, überlegte er, aber getan hatte er es noch nie.

Im Weihnachtsgeschäft feierten die bösen Buben in Freising wohl selbst friedvoll das Fest, oder sie waren in den Urlaub in den Süden geflogen und kamen Anfang Januar erst wieder zurück, um dann erneut ihrem kriminellen Treiben nachzugehen. Das Einzige was in dieser festlichen Zeit anstieg waren die Laden- und die Taschendiebstähle. Von kriminellen Machenschaften konnte man hier wohl nicht direkt reden. Bei den Ladendiebstählen wurden eher gestresste Hausfrauen, unbeaufsichtigte Schüler und betagte Rentner erwischt. Und die Taschendiebe waren meistens Kleinkriminelle, die auf dem Revier seit Jahren bestens bekannt waren oder Hartz Vier Empfänger, die so ihr Weihnachtsgeld aufbessern wollten. Die schweren Jungs hatten Pause oder waren im Urlaub.

Während der Feiertage und auch danach stieg die Anzahl der Christbaumbrände, eher Fälle für die Feuerwehr von Freising, aber es stieg leider auch die tätliche Gewalt in den Familien. Männern, die ihre Kinder und Frauen schlugen, oder Frauen, die mit einer Bratpfanne das Verhalten ihres Gemahls korrigieren wollten. Und letztendlich überschlug sich nach dem Fest die Scheidungsrate.

Dies hatte ihm ein befreundeter Richter am hiesigen Amtsgericht einmal zugeflüstert.

»Erschreckend«, murmelte Alois leise auf dem Weg zur Kasse. »Es war einfach erschreckend. Das Fest des Friedens sollte Familien zusammenbringen und nicht voneinander entfernen.«

Seit dem letzten Kapitalverbrechen, dem Mord an einem Festzeltbesitzer während des Freisinger Volksfestes, war in und um Freising herum, nichts Aufregendes passiert. Der Herbst war im Sauseschritt an ihnen vorbei gerannt. Und jetzt war schon der Samstag vor dem Ersten Advent. Es würde ein warmes und sonniges Weihnachtsfest werden. Kein Schnee war in Aussicht. Temperaturen immer noch weit über Null Grad.

»Auf das Wetter und die vier Jahreszeiten kann man sich auch nicht mehr verlassen«, grummelte Alois vor sich hin, als er in den blauen Himmel blickte, während er an seinem Wagen den Kofferraum öffnete, um den Einkauf zu verräumen.

»Wie letztes Jahr. Am Heiligabend waren es über 22 Grad. Das war doch kein Winter. Und dann kam der Schnee im Februar und 25 Tage Regen im Mai. Und dieses Jahr? Genauso? Wo soll das alles nur hinführen?«, schimpfte er leise vor sich hin.

Alois warf seinen Einkauf in den Kofferraum, brachte den Einkaufswagen weg und ließ sich missmutig in seinem Golf auf den Fahrersitz fallen, als plötzlich sein Handy klingelte. Es war Melanie Schütz. Kriminalhauptkommissarin Melanie Schütz. Seine Kollegin. Ihr Namen erschien deutlich auf dem Display.

»Ja!«, meldete er sich knapp.

»Du Kreiti, wie seht es denn aus? Lust auf Glühwein und Bratwurst?«

Alois Kreithmeier zögerte noch mit der Antwort. Melanie hatte etwas vor mit ihm, das spürte er. Seit ihre berufliche Beziehung etwas über das Dienstliche hinaus marschiert war, Melanie mittlerweile auch keinen festen Freund mehr hatte, sondern nur noch kurze Liebschaften für den hormonellen Ausgleich, so nannte sie es gelegentlich, versuchte sich seine Kollegin mitunter liebevoll um seinen eigenen ganz persönlichen Freizeitausgleich liebevoll zu kümmern: Einladungen ins Bierzelt, ab und zu mal ins Kino, Thailändisch oder Italienisch essen gehen oder ins Laienspieltheater in den Asamsaal.

Und immer begann ihre Einladung mit einem süßlich gesäuselten „Kreiti“. Dann wusste er, was auf ihn zukam.

Wie er dieses Kreiti hasste. Und nun hatte sie wieder etwas mit ihm vor, vor dem er nicht gut fliehen konnte. Denn eine seiner schrecklichsten Eigenschaften war, dass er ihr noch nie ein richtiges »Nein« entgegen werfen hatte können.

»Was meinst du also? Heute Abend? Du hast ja sicher nichts vor. Glühwein und Bratwurst? Ich lade dich natürlich ein. Wir gehen zusammen auf den Weihnachtsmarkt. Der muss richtig schön sein. Er ist das erste Mal rund um den Domplatz vor dem Freisinger Dom. Also, was ist, Kreiti?«

»Muss das denn sein?«, knurrte Alois ins Telefon.

»Ja, das muss sein. Ich hole dich um halb sieben ab. Bis dann.«

Melanie hatte aufgelegt ohne auf Alois’ Antwort zu warten.

»Weihnachtsmarkt?«, stöhnte er laut auf. »Und das mir, als einem der schlimmsten Weihnachtsmuffel. Das kann ja heiter werden.«

Alois startete den Wagen und fuhr los.

Während er wieder zurück in seiner Wohnung war und in seinen Kleiderschrank starrte, klingelte es an der Wohnungstür. Alois zuckte zusammen und sprang behände in den Flur um Melanie hereinzulassen.

»Du bist ja noch gar nicht fertig«, sagte sie und sah ihn von oben bis unten an.

»Ich weiß nicht, was ich anziehen soll?«, antwortete Alois.

»Zieh ganz einfach eine Jeans an, Hemd und Pulli, eine warme Jacke und ein paar Stiefel. Wir sind draußen und wenn die Sonne weg ist, wird es kalt. Mach, ich warte solange im Wohnzimmer.«

Alois sah Melanie an. Sie selbst hatte eine enge Jeans übergezogen, ihre Beine steckten in warmen Lammfellboots aus Australien, oben trug sie einen braunen Pullover über der Hose und hatte einen weißen Schal um den Hals gewickelt. Darüber war sie mit einer schwarzen Wellensteyn Jacke bekleidet und auf dem Kopf saß eine Fellmütze, unter der ihre blonden Haare frech herausfielen. Sie sah ganz einfach süß aus.

»Gut, ich beeile mich«, sagte er und drückte Melanie kurz an sich. Dann verschwand er im Schlafzimmer.

Es dauerte nicht lang, dann stand er ihr gegenüber. Genau so, wie sie es ihm geheißen hatte. Blue Jeans, schwarze Stiefel über der Hose, ein graues Hemd mit schwarzem Pulli und über allem eine dunkelblaue Daunenjacke, die ein bisschen zu eng sein musste, denn er fühlte er sah ein wenig aus wie das Michelin Männchen, die gleichen Ringe um den Bauch, nur nicht in Weiß, sondern in schwarz eben.

Melanie zog die Augenbrauen hoch, gab aber kein Urteil ab, sondern öffnete die Wohnungstür und machte sich auf den Weg. Alois folgte ihr schweigend.

Melanie ließ Alois fahren. So konnte sie doch den einen oder anderen Becher Glühwein oder Feuerzangenbowle genießen.

Alois parkte im Parkhaus am Wörth. Von dort aus machten sie sich zusammen auf den Weg zum Domberg. Sie überquerten die Bahnhofstraße und folgten der oberen Domberggasse. Nach einigen Metern marschierten sie rechterhand einen kleinen steilen Fußweg hinauf, der direkt auf den Domberg führte. Sobald Sie durch den Torbogen auf den Domvorplatz gegangen waren, das Kardinal-Döpfner-Haus befand sich von ihnen gesehen auf der rechten Seite, öffnete sich vor ihren Augen der Weihnachtsmarkt, der unter dem Namen »Adventszauber« an diesem ersten Adventswochenende stattfinden sollte.

Der Freisinger Domberg - im Zentrum Freisings und von weitem sichtbar - diente dieses Jahr erstmalig als stimmungsvolle Kulisse für einen Adventsmarkt der besonderen Art. Die Besucher erwartete am ersten Adventswochenende neben abwechslungsreichem Kulturprogramm und Kunsthandwerk, inspirierenden Workshops und kulinarischen Köstlichkeiten auch eine Bastelstube, Musik, und Essensstände mit Glühwein.

Im Domhof hatten die Veranstalter insgesamt 31 Hütten aufgebaut. Hinzu kamen noch weitere zwölf Aussteller im Renaissance-Innenhof des Kardinal-Döpfner-Hauses. Etwa die Hälfte der Kunsthandwerker stammte aus dem Landkreis. Mit dabei waren Töpfer, Schnitzer, Wollspinner und ein Glasbläser. Unter seiner Anleitung konnten die Besucher sich selbst ein Glasobjekt herstellen. Auf dem Programm stand auch viel Musik. Am heutigen Samstag sollten das Collegium Vocale Frisingae, der Gospel-Chor Freysing Larks, das Vokalensemble Cantabile und die Frisinga Fratzn auf der Bühne stehen.

»Zuerst etwas essen, oder wollen wir sofort mit dem Trinken anfangen?«, fragte Melanie ihren Kollegen, hängte sich bei ihm ein und zog ihn Richtung Glühweinstand.

»Vielleicht doch zuerst etwas essen. Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr zu mir genommen.«

»Du Armer du, hattest du denn keine Zeit?«, foppte sie ihn.

»Nein. Ich habe immerhin einen Haushalt zu führen«, entrüstete sich Alois.

»Einen Einpersonenhaushalt, dass ich nicht lache. Ach entschuldige, hatte ich ja ganz vergessen, einen Einpersonenundeinhundhaushalt. Das ist schon was. Wo ist eigentlich Gizmo?«

»Bei Freunden. Ich brauchte mal etwas Zeit für mich allein.«

»Zeit für dich allein?«, äffte sie ihn nach. »Du bist doch immer allein. Ach sorry, du führst ja einen Haushalt.«

»Richtig. Das macht Arbeit«, sagte Alois voller Inbrunst. »Und unter der Woche komme ich nicht dazu, da muss ich mit dir böse Buben jagen.«

»Erstens darfst du mit mir böse Buben jagen, es zwingt dich doch keiner, und zweitens, wann haben wir denn den letzten bösen Buben gejagt. Die beiden Studenten mit zwei Tüten voll Gras in ihren Rucksäcken könnten wir ja wohl nicht zum engsten Kreis der organisierten Drogenkriminalität von Freising nennen oder?«

»Tja, Melanie, es ist halt im Moment ruhig in Freising. Unsere Spitzbuben sitzen sicher auf den Malediven in der Sonne und machen uns erst im Januar wieder das Leben zur Hölle.«

»Na gut. Du hast mich überzeugt. Also erst mal was essen. Eine Bratwurst? Komm, da vorne gibt es einen halben Meter Bratwurst. Eine weiße oder eine Rote?«, fragte sie ihn und zerrte ihn in die Richtung des Grillstandes.

»Rot oder Weiß?« Alois schüttelte den Kopf.

»Ja, es gibt rote und weiße Bratwürste. Einen halben Meter in einer sehr langen Semmel. Ich lade dich ein. Also Alois, rot oder weiß?«

»Gut, dann nehme ich eine Rote.«

»Zwei Rote!«, rief Melanie zu einem jungem Mann, der hinter einer Theke im Grillhäusl stand und die Bratwürste mit einer metallenen Grillgabel auf einem runden Rost wendete, der über einem glühenden Holzkohlenfeuer an einem Gestell baumelte. Sein Kollege schnitt zwei lange Baguette Semmeln auf und hielt sie ihm hin. Vorsichtig legte der junge Mann am Grill jeweils eine seiner dunkelbraun gebratenen Bratwürste in die Kerbe.

»Senf hat’s rechts im Eimer. Macht 10 Euro zusammen«, sagte er und reichte die Semmeln in eine Serviette eingeschlagen Melanie über den Tresen. Alois nahm ihr sofort eine der Würste ab und beträufelte sie mit Senf. Dann biss er hungrig ins offene Ende.

»Die sind lecker«, sagte er mit vollem Mund und biss nun auch die andere Seite der Wurst gierig ab.

»Langsam, Alois, es nimmt dir keiner was weg. Wir sind doch nicht auf der Flucht.«

»Ich hab Hunger«, entschuldigte er sich und biss ein weiteres Mal hinein. Melanie hatte ihre Wurst nicht einmal zur Hälfte geschafft, da wischte Alois sich schon den Mund mit der Serviette ab und schaute sehnsüchtig auf die verbliebenen Würste auf dem Spindelgrill.

»Hast du etwa noch Hunger?«, fragte sie ihn erstaunt.

»Das war schon mal ein guter Anfang. War lecker.«

»Du Fressnase. Jetzt gibt es erst einmal einen Glühwein, dann sehen wir weiter. Es gibt ja auch noch ein paar andere Stände hier.«

Melanie schritt langsam immer noch den Rest ihrer Wurst genießend zwischen den Buden hindurch Richtung Glühwein und Feuerzangenbowle. Vor einem Glühweinstand blieb sie stehen und deutete Alois mit dem Victoryzeichen an - zwei gespreizte Finger - er solle zwei Becher dieses teuflischen Getränkes holen.

Das Essen bildete eine gute Grundlage für den Alkohol.

Melanie und Alois standen wie ein älteres Ehepaar in ihren Drink vertieft an einem Bistrotisch und wärmten sich die Hände am heißen Becher. Während sie so dastanden und den Besuchern, die langsam an ihnen vorbei schlenderten, zuschauten, machte sich am anderen Ende des Freisinger Adventszaubers jemand ganz anderes auf, um die Besucher an diesem Abend in Verzückung zu bringen und sie gedanklich in ihre Jugend zurückzubringen: der Weihnachtsmann oder auch bekannt als der Heilige Nikolaus.

Es war schon spät und er war noch nicht fertig. Eigentlich hasste er den Job. Aber was sollte er machen. Im Winter war das für ihn fast die einzige Möglichkeit Geld zu verdienen. Und so schlecht bezahlt war es nicht.

Vor ein paar Jahren hatte ihn ein Freund darauf aufmerksam gemacht. Fast in allen Großstädten gab es zur Weihnachtszeit eigene Agenturen mit mehren Angestellten, die nichts anderes taten, als Familien- und Betriebsfeiern mit ihrer Anwesenheit zu beglücken, und Kindern wie Erwachsenen Tränen in die Augen zu treiben. Und so hatte es dann für ihn in Freising angefangen.

Am Anfang nur ein paar unterbezahlte Aufträge in Kindertagestätten, Schulen und betrieblichen Weihnachtsfeiern. Jetzt nach ein paar Jahren war für ihn daraus ein richtiger Geschäftszweig geworden. Im Winter, wenn seine eigentliche Arbeit wegen schlechtem Wetter meist ausfiel, stiefelte er verkleidet munter darauf los und machte den Auftraggebern eine Freude. Er verlangte pro Stunde 30 Euro und die wurden ohne Zögern jedes Mal bezahlt. An Weihnachten warfen die Menschen nur so mit Geld um sich. Auch die weniger Betuchten. Einige seiner Aufträge kamen sogar aus den Wohnsilos im Lerchenfeld. Auch hier wollten die Eltern ihre Kindern mit einer vorweihnachtlichen Freude überraschen.

Heute hatte er den Auftrag von der Stadt Freising höchstpersönlich bekommen. Vom Bürgermeisteramt. Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher hatte es geschafft, zum ersten Mal einen Weihnachtsmarkt auf dem Domberg zu organisieren. Mit dem ortsansässigen Gewerbeverband und einigen Herren vom Ordnungsamt war ihm das Meisterstück gelungen. Der Bürgermeister wollte den Freisinger Bürgern etwas bieten. Sein städtisches Ordnungsamt war vor ein paar Monaten durch den mysteriösen Tod des zuständigen Leiters unangenehm in die Presse gekommen. Man hatte dessen Leiche im Waldlehrpfad in der Nähe der Plantage gefunden. Allem Anschein war er in einen Bestechungsskandal um die Vergabe von Stellplätzen rund um das Freisinger Volksfest verwickelt gewesen. Und ein abgelehnter Schausteller soll ihn angeblich erschossen haben.

Jetzt waren die Gemüter wieder beruhigt und der Adventszauber, so nannte man den neuen Markt, füllte die Boulevardpresse mit positiven Zeilen. Und um allem noch einen oben drauf zu geben, hatte man ihn gebucht. Ihn den Weihnachtsmann. Für das gesamte Wochenende. Für die Stadt eine kleine Summe Geld aus der Portokasse, für ihn eine stolze Summe Geld, die ihm bis in den Januar hinein helfen würde.

Er zog seine gefütterte Hose hoch und zwirbelte eine weiße Kordel als Gürtel durch die Schlaufen. Dann schlupfte er in ein weißes Hemd und steckte es in die Hose. Schließlich kam der schlimmste Augenblick seiner Maskerade, hautfreundlichen Klebstoff auf Wangen und Kinn vorsichtig verteilen, um den weißen Bart daran halten zu können. Auf seine eigenen schmalen Augenbrauen setzte er dicke weiße aus Watte. Dann zog er die rote Joppe über, setzte seine Mütze auf, schlupfte in seine Wanderstiefel und drehte sich zu guter Letzt um die eigene Achse vor einem großen Spiegel im Schlafzimmer.

Er sah perfekt aus. Niemand würde ihn erkennen. Jetzt fehlten nur noch der Leinensack und der Stock mit der Rute. Er blieb stehen und starrte auf sein Spiegelbild.

»Wer ihm da wohl aus dem Spiegelbild entgegenlächelte?«, sagte er leise zu seinem zweiten Ich.

Er musste sich daran erinnern, wie einmal ein junges Mädchen ihn bei einem seiner Auftritte gefragt hatte, ob er von Coca Cola komme. Kurz hatte er gestutzt, doch dann ihre Frage schlichtweg verneint. Obwohl sein jetziges Erscheinungsbild, das Erscheinungsbild der Gegenwart, in den 1930er-Jahren von Coca Cola aus der Vielfalt der verschiedensten Darstellungen aufgegriffen und in riesigen Kampagnen weltweit vermarktet wurde.

Natürlich kannte er die Wurzel seines verkleideten Ichs. Die hatte es nämlich in der Reformation. Die Protestanten wollten sich nicht mehr vom Heiligen Nikolaus der Katholiken beschenken lassen, der bisher an seinem Namenstag Geschenke für die Kinder hinterlegt hatte. Der Schenktermin wurde kurzerhand auf den heutigen Weihnachtstermin verlegt und zwei andere Figuren als protestantische Ersatzleute für den Nikolaus ins Leben gerufen: das Christkind und der Weihnachtsmann. Und das, was ihm jetzt aus dem Wandspiegel hämisch entgegen lächelte, das war sein zweites Ich, wenigstens für die Weihnachtszeit: der Weihnachtsmann.

Ihm lächelte ein kräftiger Weihnachtsmann zu, mit roter Hose, roter Jacke, einem schneeweißen langen Bart, roter Mütze und festen schneesicheren Stiefeln. So wie er jetzt aussah, so stellte sich jedes Kind und vor allem auch die Erwachsenen, die ihn schließlich bezahlten, den Weihnachtsmann vor.

Heute gab es fast keine andere Vorstellung vom Weihnachtsmann mehr als die von Coca Cola popularisierte. Der einst ehrwürdige Gabenbringer drohte zum Hampelmann zu verkommen. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit grinste der rot-weiße gekleidete Weihnachtsmann, à la Coca Cola, mit Zipfelmütze aus den Supermarktregalen. Und seit der Coca Cola-Weihnachtsmann durch das Fernsehen spukte, wussten viele Kinder nicht mehr, wie er eigentlich aussah, der echte Nikolaus.

Sein anfängliches Nikolauskostüm mit goldgewirktem Gehrock, dem Messgewand, einer Mitra und einem Bischofs-Stab hing schon seit Jahren im Schrank. Denn Nikolaus von Myra, ca. 270 nach Christus im Gebiet der heutigen Türkei nahe Antalya geboren, war ein Bischof der Frühkirche. Und als Sohn reicher Eltern habe er sein ganzes Vermögen an die Armen verschenkt, sagte die Überlieferung. Deswegen auch die Geschenke.

Er schaute gebannt auf sein Spiegelbild. Sein jetziges rotes Kostüm hingegen war die aktuelle Arbeitskleidung des Weihnachtsmannes. Und so wollten sie ihn auch haben. Und so zeigte er sich auch dem Volk. Ein letzter Blick in den Spiegel. Er salutierte seinem Gegenüber, schnappte sich den Leinensack mit Orangen, Nüssen und Äpfeln, klemmte seinen Wanderstock mit Rute unter die Arme und machte sich auf den Weg zum Adventszauber, dem Weihnachtsmarkt auf dem Domberg, auf dem er in den nächsten Stunden alt und jung mit seinen Gaben aus dem Sack beschenken wollte.

Schwer beladen und in sich tief versunken, machte er sich auf den Weg. Er hatte eine kleine Wohnung in der Kochbäckergasse in der Altstadt, brauchte also keinen Wagen nehmen und so stampfte er immer wieder mit einem tiefen »Ho! Ho! Ho!« die Steige zum Domberg hinauf.

Er war so mit sich und seinem albernen »Ho! Ho! Ho!« beschäftigt, was er fast jedem Passanten begeistert entgegen schleuderte, dass er die Gestalt nicht bemerken konnte, die ihm in gehörigem Abstand durch die Altstadt folgte.

Diese Gestalt hatte vor seinem Haus gewartet und war ihm dann gefolgt. Sie war in einen gefütterten Wintermantel mit Kapuze gehüllt und hatte diese tief ins Gesicht gezogen. Das Gesicht war somit nicht zu erkennen. Ihre Hände hatte sie in den Taschen des Mantels versteckt. Fünfzig Meter hinter ihm schlich sie ihm nach. Sie schmunzelte bei jedem seiner Ausrufe.

Die Person, die ihn von ihm unbemerkt verfolgte, hatte kurz zuvor noch im Internet gelesen, dass Weihnachtsmänner, in australischen Kaufhäusern, künftig auf ihren traditionellen Ruf »Ho! Ho! Ho!« verzichten sollten. Die Mitarbeiter einer Weihnachtsmann-Firma seien angewiesen worden, stattdessen künftig »Ha! Ha! Ha!« zu rufen. Der althergebrachte Ruf könnte Kinder erschrecken. Was für einen Blödsinn, dachte sie nur.

Doch davon hatte der rote Mann, der vor der Person keuchend die Stiegen hochlief, noch nichts gehört.

»Wenn schon jemand darüber nachdachte, dass möglicherweise dieser kräftige Mann im roten Mantel mit weißem Bart furchteinflößend wirken könnte, dann glaube ich ganz sicher nicht, dass es die Psyche eines Kindes schädigte, wenn er „Ho! Ho! Ho!“ rief«, sagte der Verfolger leise zu sich. »Wobei dieser Weihnachtsmann bald überhaupt nichts mehr sagen wird«, fügte er zynisch hinzu. »Dann war es aus mit diesem dämlichen „Ho! Ho! Ho!“.«

Der Verfolger lächelte diabolisch.

Die letzten Stufen auf den Domberg hinauf fing er schließlich an zu singen, einen Song der Gruppe Wham: »Last Christmas, I gave you my heart, but the very next day, you gave it away. This year, to save me from tears, I'll give it to someone special.«

Dieser Song war einer der am meisten gehörten Christmas Popsongs der Welt. Und er passte so zu dem heutigen Tag wie kein anderer.

»Last Christmas«, wiederholte der Verfolger den Refrain. »Last Christmas I gave you my heart.«

Wie wahr? Nur es würde umgekehrt sein. Du wirst mir dein Herz geben. Und das würde alles beenden. Die Person schmunzelte erneut bei dem Gedanken an das, was jetzt kommen würde.

Der Weihnachtsmann mischte sich indessen mutig unter das illustre Völkchen auf dem Domberg, verteilte hier und da ein paar Hiebe mit der Rute, kramte aus seinem Sack, Äpfel, Nüsse und Orangen und verschenkte die Gaben an Kinder und auch an Erwachsene, wenn sie denn im letzten Jahr brav geblieben waren. Zwischendurch schäkerte er immer mal wieder mit jungen Mädchen, wie es der richtige Nikolaus wohl niemals getan hätte.

Sein Verfolger ließ ihn nicht aus dem Augen. Und hielt immer genügend Abstand zum Vordermann. Erst, als der Weihnachtsmann nach einiger Zeit durch den Torbogen schritt, um sich in einer ruhigen Ecke zwischen Dom und Bibliothek zurückziehen zu können, um in Ruhe eine Zigarette zu rauchen, schritt er aus seiner Tarnung und lief direkt auf ihn zu.

»Na mein lieber Weihnachtsmann«, sagte der Schatten zu dem Mann in Rot. »Erkennst du mich? Kannst du dich an mich erinnern?«

Der Weihnachtsmann nahm einen kräftigen Zug von seiner Zigarette und schaute die Person fragend an.

»Dann will ich dir helfen, lieber Weihnachtsmann«, sprach die Person und nahm die Kapuze vom Kopf.

Ein helles Gesicht kam zum Vorschein, dass durch die vielen Lampen und Kerzen vom Adventsmarkt umso mehr erstrahlt wurde. Der Weihnachtsmann erschrak. Das konnte doch nicht sein.

Er kannte diese Person. Schon ein paar Jahre. Sie hier? Vor allem, was wollte diese Person von ihm? Ja, er kannte sie wirklich. Er hatte ihr doch nichts getan. Die Person kam näher und holte ihre Hände aus den Taschen ihres Mantels. In der rechten Hand hielt sie eine kleine Pistole in der Hand und richtete sie auf seine rechte Brusthälfte. Dem Weihnachtsmann hatte es die Sprache vollkommen verschlagen. Er sah die Waffe auf sich gerichtet, dabei fiel ihm die Zigarette aus dem Mund. Er hätte noch um Hilfe rufen können. Doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Seine Stimme stumm.

Die Person drückte den Lauf der Waffe fest auf seine Brust. Sie beugte sich vor und flüsterte dem Mann etwas ins Ohr. Der Weihnachtsmann wollte partout nicht glauben, was er da hörte. Das war doch alles so lange her. Doch diese Person meinte es Ernst. Der Lauf der Waffe war auf sein Herz gerichtet und sie würde von der Schusswaffe Gebrauch machen, das war sicher. Er wollte erneut schreien, doch es klappte nicht.

Außerdem wäre sein Schreien im Lärm des Marktes untergegangen. Zumal auf einer kleinen Bühne nur ein paar wenige Meter entfernt von ihnen, eine Gruppe Musiker angefangen hatte, Weihnachtslieder zu spielen. Wie unter einer Vorsehung spielten sie den bekannten Popsong von George Michael: Last Christmas. Als der Schlagzeuger den Takt vorgab und der Sänger mit weicher Stimme den swingenden Song begann, drückte die Person dem Weihnachtsmann die Pistole noch fester auf die Brust und drückte ab. Der Knall ging im allgemeinen Lärm völlig unter.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Getroffene den Schützen an und auf den Fleck auf seiner Brust, der sich auf seinem weißen Hemd ausbreitete und es rot werden ließ. Dann brachen sich seine Augen und er fiel nach hinten gegen die Wand der Bibliothek. Er rutschte hinab und fiel vornüber. Er blieb auf den kalten Pflastersteinen liegen.

Der Schütze steckte die Pistole zurück in die Tasche, warf einen letzten Blick auf den Toten, dann drehte er auf dem Absatz um und mischte sich wieder unter die Besucher. Der ganze Vorgang hatte nur ein paar Sekunden gebraucht. Niemand hatte etwas mitbekommen. Der Mörder war genauso schnell wie er gekommen war gleich wieder untergetaucht.

Der Weihnachtsmann lag auf den Pflastersteinen des Domberges, ein feines Rinnsal aus warmem Blut hatte sich gebildet und floss langsam vom Toten weg.

Es dauerte eine ganze Weile, bis eine Besucherin den Leichnam fand. Aufgeregt rannte sie zurück und rief laut nach einem Arzt.

»So helft doch«, schrie sie die Besucher an. »Der Weihnachtsmann liegt da hinten auf dem Boden, er blutet, er braucht dringend Hilfe. Ist denn hier kein Arzt?«

Alois stand mit Melanie an einem der Stände. Sie hatten mittlerweile ihren dritten Glühwein in der Hand und von dem Vorfall in der Seitengasse am Dom nichts mitbekommen. Erst als die Frau an ihnen vorbei stürmte und Alois gerade noch seinen Becher aus der Schusslinie bringen konnte, als sie an ihnen vorbei rannte, schauten sich die beiden Kommissare neugierig an. Melanie hatte sich als Erste wieder im Griff. Sie stellte ihren Becher ab und rannte der Frau hinterher.

»Was ist denn passiert?«, rief sie laut und hielt die Frau am Arm fest. »Und vor allem wo?«

Die Frau stockte in ihren Bewegungen, drehte sich um und sah die Kommissarin verängstigt an.

»Da hinten am Dom. Da liegt er. Er muss gestürzt sein, denn er blutet. Er muss sich verletzt haben. Kommen Sie. Bitte schnell!«

»Wer liegt da?«

»Der Weihnachtsmann!«

»Der Weihnachtsmann?«, fragte Melanie ungläubig.

»Ja der Weihnachtsmann! Sind Sie denn Ärztin?«

»Nein!«, antwortete Melanie. »Ich bin von der Polizei. Zeigen Sie mir bitte, wo Sie ihn gefunden haben. Alois, trink aus«, rief sie ihrem Kollegen im Vorbeilaufen zu.

»Bitte komm, wir werden gebraucht.«

Alois gehorchte.

Sie rannten jetzt beide zusammen durch den Torbogen hindurch und standen Sekunden später vor der Leiche des Weihnachtsmannes. Ein kurzer Druck mit zwei Fingern an der Halsschlagader und Melanie Schütz wusste, dass hier jede Hilfe zu spät kam.

»Der Mann ist tot«, flüsterte sie Alois ins Ohr. »Und der ist ganz sicher nicht gestürzt, bei dem vielen Blut hier. Es ist wohl besser, wir rufen unsere Freunde von der KTU, Rainer Zeidler und Josef Schurig. Und ein paar Kollegen von der Bereitschaft. Auch wenn ich noch nichts Konkretes weiß, aber eines ist glasklar, der Weihnachtsmann ist auf jeden Fall keines natürlichen Todes gestorben.«

»Bist du dir da sicher?«, fragte Alois Kreithmeier.

»So ziemlich. Schau mal.« Melanie hatte vorsichtig die Jacke des Toten geöffnet. »Dieser rote Fleck. Das ist alles Blut. Er ist entweder erstochen oder erschossen worden.«

»Dass er nicht erwürgt worden ist, das sehe ich auch.«

Melanie gab auf seine schnoddrigen Aussagen keine Antwort, sondern bat die Frau, die den Toten entdeckt hatte, etwas abseits auf die Kollegen zu warten. Sie bräuchten ihre persönlichen Daten.

»Was mich nur wundert«, sagte sie wieder an ihren Kollegen gerichtet, »warum das Blut auf der rechten Seite der Brust heraussickert.«

»Das wird uns wohl Frau Dr. Nagel erklären müssen«, antwortete Alois. »Ich weiß es nicht. Und ich verstehe es sowieso nicht.«

»Was verstehst du nicht, Alois?«

»Wie kann man denn den Weihnachtsmann ermorden? Der hat doch niemandem etwas getan.«

»Aber dieser hier hatte wohl einen Feind, und der hat ihm sein Lichtlein ausgeknipst«, platzte es aus Melanie heraus, während sie gebannt auf die Leiche starrte.

»Das kann man wohl sagen. Dieser Weihnachtsmann stand jemandem im Weg.«

Der Auftrag

Immer noch Samstagabend.

Nach nur wenigen Minuten sperrten uniformierte Polizeibeamte den Tatort mit Kunststoffbändern ab und hielten Schaulustige davon ab, den schmalen Gang zwischen Dom und Bibliothek zu betreten. Ein Band wurde quer über den Durchgang am Torbogen gespannt. Dahinter drängten sich die Neugierigen.

Mit ihren Handys ließen sie ein Blitzlichtgewitter in der Dunkelheit aufleuchten. Jeder der ein solches Gerät mit eingebautem Fotoapparat hatte, wollte ein Bild des toten Mannes in der roten Kostümierung erhaschen. So etwas gab es nicht allzu oft zu sehen. Auch die ersten Teleobjektive einiger Fotografen im Auftrag der örtlichen Presse waren auf den vermeintlichen Tatort gerichtet und Reporter mit kleinen digitalen Aufnahmegeräten befragten die umstehenden Besucher des Adventsmarktes.

Obwohl es Samstagabend war und die KTU ihren freien Tag hatte, dauerte es nicht allzu lang und Rainer Zeidler und Josef Schurig hatten den Domberg erklommen und fingen mit ihrer Arbeit der Spurensuche an. Kurze Zeit später trudelte mit finsterem Gesicht Gerichtsmedizinerin Frau Dr. Nagel ein, die man wohl auch an ihrem freien Samstagabend gestört haben musste.

Obwohl Melanie und Alois den Leichenfund höchst unauffällig begutachtet hatten, war die Tatsache, dass der Weihnachtsmann angeblich erschossen worden war, wie ein Lauffeuer über den Platz gerast und einige der ansonsten doch so friedlich gestimmten Weihnachtsmarktbesucher drängten sich in die Gasse um einen Blick auf den toten Weihnachtsmann erhaschen zu können.

Gierig starrten sie alle in die Richtung, in welcher der arme Mann in seinem Blut liegen musste. Nur mit äußerster Mühe gelang es den beiden Kommissaren den Tatort einstweilen frei zu halten, bis die uniformierten Kollegen ihnen tatkräftig zur Seite standen und die Gaffer vom Tatort fern hielten.

Alois hatte sich einige Namen von angeblichen Zeugen notiert. Es könnte jeder der Marktbesucher der potentielle Täter gewesen sein, aber den Adventsmarkt komplett abzusperren und von jeder anwesenden Person die Personalien aufzunehmen, das war dann wohl doch ein hoffnungsloses Unterfangen. Der mutmaßliche Mörder konnte schon seit langem fort sein oder aber mit unschuldiger Miene mitten unter den glotzenden Leuten stehen und zuschauen, wie sich die Beamten am Tatort abmühten.

Als Zeidler und Schurig den Domplatz betraten, schossen ihre Blicke, hauptsächlich auf die beiden Kriminalkommissare gerichtet, ein wahres Feuerwerk an Giftpfeilen los. Auch sie hatten ihren freien Tag unterbrechen müssen, nur weil ihre lieben Kollegen wieder mal eine Leiche gefunden hatten.

»Sorry!«, versuchte Alois sie zu beschwichtigen, als die beiden Beamten von der Spurensicherung ein paar Meter von der Leiche entfernt anfingen, sich in ihre weißen Kunststoffoveralls zu zwängen.

»Es tut mir leid, dass wir euch holen mussten, aber jemand hat wohl den Weihnachtsmann erschossen,« klärte er sie auf.

»Das sehen wir. Zwar hoffentlich nicht gerade den Weihnachtmann, sondern nur jemanden, der sein Kostüm trägt«, knurrte Rainer bissig zurück.

»Ihr wisst schon wie ich es meine«, sagte Alois. »Es wäre toll, wenn ihr euch beeilen könntet. Frau Dr. Nagel ist auch schon da. Ich möchte die Leiche so schnell wie möglich von hier abtransportieren lassen. Es sind sicher schon jede Menge Bilder und Videos gemacht worden. Die können wir dann alle morgen im Internet bestaunen. Und die Geier von der Presse kreisen auch schon über der Fundstelle.«

»Wir werden uns die größte Mühe geben«, entgegnete ihm Rainer, »aber nur, wenn du uns versprichst, deinen nächsten Leichenfund unter der Woche zu machen, und zwar maximal zwischen 8 Uhr morgens und 17 Uhr abends. Und vor allem nicht an einem öffentlichen Platz. Also, Alois bitte vermeide mit Melanie in der nächsten Zeit solche Orte. Keine öffentlichen Plätze und schon gar nicht in Begleitung von Frau Melanie Schütz. Bitte!«

Alois antwortete nicht auf den Blödsinn, den sein Kollege Zeidler gerade verzapfte. Er ließ die beiden allein und schritt hinüber zu Melanie.

»Und, mein Schatz, schon etwas gefunden?«

»Nenn mich bitte nicht mein Schatz Alois, schon gar nicht vor anderen Leuten. Nein, ich habe bis jetzt nichts entdecken können. Der Tote ist knapp unter 60 Jahre alt. Etwas kräftig um die Hüfte. Alles Weitere wird uns die Gerichtsmedizin nach der Obduktion sagen können. Einen Ausweis und eine Geldbörse hatte er nicht dabei. Auch kein Handy. Das ist eher ungewöhnlich. Aber einen Schlüsselbund.«

»Also bis jetzt keinen Namen, keine Adresse?«

»Nein, nichts dergleichen. Wir müssten erst einmal herausfinden, zu welcher Weihnachtsmann-Agentur er gehörte und wer ihm den Auftrag gegeben hat. Umsonst ist der sicher hier nicht umhergestiefelt.«

Während Melanie und Alois den Kollegen von der Spurensicherung gebannt bei der Arbeit zusahen, kam ein uniformierter Beamter aufgeregt auf sie zu.

»Herr Kreithmeier, entschuldigen Sie bitte, aber da ist jemand, der Sie dringend sprechen möchte.«

Alois drehte sich um und sah den Beamten an. »Und wer?«

Der Beamte sagte nichts, aber verdrehte die Augen und winkte mit der gespreizten rechten Hand, was so viel heißen sollte, es könnte Ärger geben. Alois folgte den Blicken des Beamten und sah einen Mann energisch durch die Absperrung kommen.

Mit einem weiten Lodenmantel, der ihm elegant um die Waden flatterte, steuerte er direkt auf ihn und seine Kollegin zu. Erst, als er nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, erkannte Kreithmeier den Mann. Es war Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher höchstpersönlich, der mit energischem Schritt auf sie zukam.

»Herr Kreithmeier, Herr Kreithmeier«, sagte dieser etwas nach Luft ringend. »Ich muss schon sagen, wo Sie sind, da wird es nie langweilig.«

Der uniformierte Beamte entfernte sich schnell. Er wollte nicht zwischen die Fronten geraten.

»Und Ihre bezaubernde Kollegin, Frau Schütz, darf natürlich auch nicht fehlen«, fügte Eschenbacher hinzu. »Haben Sie etwas Persönliches gegen mich, dass Sie fast alles sabotieren wollen, in dem ich meine Hände drin habe.«

Melanie und Alois hatte es die Sprache verschlagen. Als Alois Luft holte und etwas sagen wollte, fuhr ihm der Oberbürgermeister über den Mund: »Sagen Sie nichts, sagen Sie lieber nichts. Das letzte Mal war es diese Geschichte auf dem Volksfest, dann mein Mitarbeiter vom Ordnungsamt und nun ein Toter auf meinem neuen Adventsmarkt. Das ist ein bisschen zu viel des Guten. Sehen Sie das nicht auch so, meine Dame, mein Herr?«

Diesmal holte Melanie Luft und wollte etwas entgegen, aber Tobias Eschenbacher kam ihr zuvor.

»Sie beide besuchen das Festzelt, es gibt einen Mord. Sie beide besuchen den Adventsmarkt und wieder gibt es einen Toten. Diesmal soll es der Weihnachtsmann sein. Stimmt das?«

Alois wollte antworten, doch er wurde erneut unterbrochen.

»Es stimmt also, ich sehe es an Ihren Blicken«, sagte Eschenbacher. »Und genau diesen Weihnachtsmann habe ich persönlich engagiert. Er sollte dem Adventsmarkt ein nostalgisches Auftreten verleihen. Sehen Sie, Sie sabotieren mich. Schon wieder. Und wollen Sie beide nun meinen Markt schließen? Meinen Neuanfang erneut zunichte machen. Soll es denn bald heißen, der neue Oberbürgermeister regiert nicht in Freising in der Domstadt, sondern in Freising in der Mordstadt. Bisher konnten wir uns brüsten, dass Freising eine der niedrigsten Kriminalitätsquoten von ganz Bayern hat. Doch das ist jetzt vorbei. Ich bin knapp ein halbes Jahr im Amt und schon passieren drei grausige Morde. Ein gefundenes Fressen für die Opposition und für die Presse. Tobias Eschenbacher, der Oberbürgermeister der Mordstadt Freising.«

»Jetzt halten Sie mal bitte die Luft an, Herr Bürgermeister. Jetzt ist es gut«, versuchte Alois den Politiker zu beruhigen. »Wir sind nicht dafür verantwortlich, dass es in der letzten Zeit einschließlich heute drei Morde gab. Und wenn schon Statistik, dann doch bitte die, dass jeder Mord aufgeklärt worden ist. Wir haben keine ungeklärten Fälle wie zum Beispiel die Kollegen in München oder in Augsburg. Und wir schließen den Markt nicht. Das ist versprochen. Aber lassen Sie uns bitte unsere Arbeit machen. Und noch einmal zum Todesfall Wirth. Hätte ihr feiner Herr Stöckl, vom Ordnungsamt, nicht die Hand aufgehalten, dann wäre das alles nicht passiert.«

Diesmal holte Eschenbacher tief Luft und wollte etwas sagen, doch Melanie fiel ihm ins Wort.

»Und wenn schon Schuld, dann ist es meine Schuld«, sagte sie. »Ich habe schließlich meinen Kollegen überredet, mit mir den Weihnachtsmarkt zu besuchen. Und dass ausgerechnet heute Abend, ein durchgeknallter Täter den Weihnachtsmann erschießt, das konnten wir beileibe nicht erahnen. Und dass Sie ihn kennen, das wussten wir auch nicht. Das heißt ja, Sie können uns sagen, wie er heißt und wo er wohnt?«

Eschenbacher holte erneut Luft und wollte darauf etwas antworten, als sich eine stämmige weibliche Gestalt in einem Kunstpelzmantel an ihm vorbei schob und sich vor die beiden Kommissare stellte. Frau Staatsanwältin Lehner.

»Entschuldigen Sie bitte, Herr Oberbürgermeister«, säuselte sie sanft den Politiker an, während sie zu den beiden Polizeibeamten in scharfer Stimme sagte: »Sie werden den Markt nicht schließen, da muss ich darauf bestehen. Und ich erwarte umgehend einen Bericht. Es kann ja wohl nicht angehen, dass in unserer heiligen Domstadt jemand ungesühnt den Weihnachtsmann ermordet. Ich möchte gar nicht an die Schlagzeilen am Montag in der örtlichen Presse denken.«

»Natürlich Frau Lehner«, sagten Alois und Melanie fast zugleich.

»Und der Fall muss bis Heiligabend abgeschlossen sein. Ich möchte nicht ins Neue Jahr mit einem offenen Fall hinüber rutschen. Kann ich mich da auf Sie beide verlassen? Tun Sie was Sie tun müssen. Aber der Fall ist spätestens am 24.12. gelöst. Und geben Sie Gas. Ich muss Ihnen ja wohl nicht extra sagen, dass die ersten 24 Stunden bei einem Mordfall entscheidend sein können.«

Alois und Melanie nickten ehrfürchtig. Eschenbacher hatte dem Ganzen belustigt zugeschaut. Und so wie sie gekommen war, so dampfte die Lehner wieder ab. Ein kurzes »einen schönen Abend noch Herr Eschenbacher« und schon war sie verschwunden, zwei Kommissare mit hochrotem Kopf allein hinter sich zurück lassend.

Tobias Eschenbacher hatte sich als Erster wieder unter Kontrolle: »Eine kolossale Frau, beachtlich, dass ich sie früher niemals kennenlernen durfte. Kolossal!«, schwärmte er.

»Sie ist unsere Chefin. Ihr Sitz ist in Landshut. Solange wir immer noch Erding unterstellt sind, wird sich das auch nicht ändern«, klärte Melanie ihn höflich auf.

»Erding, so, so, Erding, kolossal, beeindruckend.«

Der Bürgermeister hatte gar nicht richtig zugehört. Er sah dem Pelzmantel hinterher, wie er sich herrisch seinen Weg durch die Schaulustigen bahnte. Dann drehte er sich wieder den beiden Kommissaren zu.

»Sie haben es ja gehört« sagte er feierlich. »Klären Sie den Fall auf! Auch von mir haben Sie nun den offiziellen Auftrag, alles Menschenmögliche zu tun, um diesen heiklen Fall zu lösen. Und falls Sie in der Lage sein sollten, Ihre Kompetenzen überschreiten zu müssen, kommen Sie zu mir, ich werde Ihnen sicher helfen können. Das müssen Sie mir glauben. Und nun ans Werk, ich will Sie nicht länger aufhalten. Und? Heiligabend! Das ist doch ein Wort, oder?«

»Haben wir nicht etwas vergessen, Herr Oberbürgermeister?«, fragte Melanie.

»Vergessen?« Eschenbacher sah sie überrascht an.

»Na, den Namen und die Anschrift Ihres Mitarbeiters.«

»Wie bitte?«

»Herr Eschenbacher, Sie haben gerade eben gesagt, Sie hätten ihn höchstpersönlich engagiert.«

»Ach ja richtig, den Weihnachtsmann. Warten Sie bitte!«

Er kramte in seiner Manteltasche und zückte ein Smartphone. »Einen Moment bitte!«

Er durchforstete seine Kontakte.

»Sascha Krüger!«, rief er plötzlich. »Der Mann heißt Sascha Krüger. Wohnt angeblich in der Kochbäckergasse 19. Seine Telefonnummer ist die 778865. Freisinger Vorwahl. Mehr habe ich auch nicht. Im Moment. Arbeitet alleine. Soviel ich weiß also nicht über eine Agentur. Er ist eine Empfehlung von einem Stadtrat. Die Auftragsbestätigung habe ich im Rathaus. Das wird doch fürs Erste reichen? Weihnachtsmann neben Freisinger Dom erschossen. Was für eine Schlagzeile? So, wenn dann nichts mehr ist, dann verschwinde ich wieder. Auch meine Familie wartet auf mich und ich hatte leider noch keine Zeit eine Bratwurst zu essen oder einen Glühwein zu trinken. Wenn Sie mich dann bitte entschuldigen würden?«

Tobias Eschenbacher ließ die beiden Kommissare verdutzt stehen und schritt zurück zur Absperrung. Alois und Melanie sahen ihm nach. Dann war er im Torbogen verschwunden wie zuvor Staatsanwältin Lehner.

»Und was war das jetzt?«, fragte Alois seine Kollegin.

Melanie schüttelte den Kopf.

»Wem unterstehen wir eigentlich«, fragte sie, »dem Staatsanwalt oder dem Bürgermeister? Ist auch egal. Alois, wir haben bis Heiligabend Zeit. Du hast es gehört. Heute ist der 7. Das heißt wir haben gerade noch 11 Arbeitstage. Das könnte knapp werden. Ich denke wir müssen etwas Druck ausüben. Spurensicherung und Gerichtsmedizin. Hilfe vom BLKA? Nein, darauf können wir sicher verzichten. Und wir können nicht bis Montag warten. Wir brauchen heute noch Ergebnisse. Komm, schauen wir mal, wie weit die Dame und die Herren bereits sind.«

Rainer Zeidler puhlte gerade die Kugel aus dem Mauerwerk und Josef Schurig fotografierte den Tatort. Und Frau Dr. Nagel untersuchte den Leichnam.

»Kann man denn schon etwas sagen, Frau Doktor?«, fragte Kreithmeier die Ärztin höflich. »Und bitte sagen Sie nicht wieder nach der Obduktion. Wir hatten gerade ein nicht ganz so erfreuliches Gespräch mit dem Oberbürgermeister und der Staatsanwaltschaft. Und sie haben uns Zeit bis Heiligabend gegeben, den Fall zu lösen. Und da brauchen wir natürlich recht schnell erste verwertbare Hinweise auf einen mutmaßlichen Täter.«

Frau Dr. Nagel erhob sich und sah dem Kommissar direkt in die Augen. »Ich kann es mir denken. Trotzdem ist der Fall nicht ganz so einfach. Eines kann ich Ihnen aber mit absoluter Sicherheit sagen, der Mann ist erschossen worden und zwar etwa vor maximal einer Stunde. Und das aus nächster Nähe. Der Schuss war aufgesetzt. Kleines Kaliber. Die Kugel hat ihr Kollege Zeidler entdeckt. Doch alles andere später. Aber ich mache Ihnen beiden einen Vorschlag. Da Sie mir meinen Samstagabend sowieso schon verdorben haben, werde ich für Sie, und nur für Sie, eine Nachtschicht einlegen. Lassen Sie den Toten abtransportieren, ich bin hier fertig. Und es ist sicher gut für den Markt, wenn Sie die Sperrung aufheben. Es ist schon genug Unruhe hier. Kommen Sie heute Nacht gegen Mitternacht in die Pathologie ins Klinikum. Ich werde dann mit der ersten Untersuchung fertig sein. Ist das okay für Sie?«

Melanie und Alois nickten.

»Mitternacht in den Katakomben. Wir kommen«, sagte Alois und sah in das finster dreinblickende Gesicht von Frau Nagel. Sie wusste, er hasste die Pathologie.

Um 23 Uhr trafen sich Melanie Schütz und Alois Kreithmeier mit ihren Kollegen Rainer Zeidler und Josef Schurig, im Keller der Polizeiinspektion in der Haydstraße in Freising in den Räumen der Spurensicherung. Rainer Zeidler gab einen ersten Bericht ab.

»Der Mann ist mit einer tschechischen Pistole erschossen worden. Das ist die Kugel, die wir im Mauerwerk am Dom gefunden haben. Kaliber 6,35 mm Browning.«

»Woher wisst ihr dass es ein Pistole war?«, fragte Melanie.

Rainer nahm eine kleine Plastiktüte vom Tisch und hielt sie vor Melanies Nase.

»Wir haben auch eine Hülse, eine Patronenhülse gefunden. Nicht weit vom Tatort entfernt. So etwas passiert bei Revolvern nicht. Also folglich eine Automatik. Kleines Kaliber. Und sie gehört zu einer recht seltenen Waffe, die hauptsächlich im Ostblock verkauft wurde: eine CZ Modell Z. Sie war auch eine Zeitlang die Dienstwaffe der Kriminalpolizei in der ehemaligen DDR.«

Melanie horchte auf, als sie das Wort DDR hörte.

»DDR sagst du? Was macht so eine Waffe in Freising?«, fragte sie.

»So weit sind wir noch nicht«, antwortete Zeidler. »Immerhin bin ich ganz schön stolz darauf, dass wir die Mordwaffe herausgefunden haben.«

»Und wie habt ihr das so schnell hinbekommen?«, hakte Melanie nach.

»Nun, das war nicht so einfach«, meldete sich Schurig zu Wort. »Wir hatten ja nur die Kugel und die Hülse, also das Kaliber, ein paar Kerben in der Patrone, die Einstanzungen in der Hülse und sonst eigentlich nichts. 6,35 mm ist nicht gerade ein weitläufiges Pistolenkaliber.«

»Hätte es nicht denn auch ein Revolver sein können, und die Hülse wurde nur zur Tarnung auf den Boden geworfen?«, fragte Melanie Josef Schurig.

»Das haben wir schon öfter gehabt, dass der Täter die Hülse aus der Trommel nimmt und neben die Leiche wirft, um den Eindruck einer Automatik als Tatwaffe zu hinterlassen«, fügte Alois hinzu.

»Nein, die Browning 6,35 mm wurde fast ausschließlich nur für den Pistolenmarkt entwickelt. Die Patrone wurde zwar universell konstruiert und verfügt über eine Halbrand-Hülse, was die Verwendung in Pistolen sowie Revolvern ermöglicht. Doch als Halbrand-Revolverpatrone konnte sie sich nicht durchsetzen. Die Einführung der Patrone 6,35 mm Browning führte weltweit dazu, dass nahezu alle Waffenhersteller ebenfalls diese kleinen Taschenpistolen konstruierten beziehungsweise einige mehr oder minder der Entwicklung von Browning nachempfanden. Die Nachfrage nach diesen kleinen Waffen war entsprechend groß. So auch in der Tschechoslowakei, einem der führenden Waffenherstellungsländer Europas. Die CZ, die ?eská zbrojovka, zu deutsch Tschechische Waffenfabrik, ist ein solcher tschechischer Industriebetrieb. Er entstand nach dem Ersten Weltkrieg als Hersteller von Feuerwaffen und ist vorwiegend für Selbstladepistolen, Werkzeugmaschinen, Motorräder und Motorroller der Marke CZ bekannt geworden. Hauptabnehmer neben der Bundesrepublik Deutschland war die ehemalige DDR: vor allem Waffen und Motorräder.«

»Stimmt, ich hatte auch mal eine CZ. Ein schnelles Motorrad. Schneller wie unsere Schwalbe oder eine MZ aus Zschopau«, sagte Melanie.

»Darf ich weiter machen«, fragte Schurig bissig.

»Oh ja, natürlich, Entschuldigung, die Vergangenheit. Übrigens so eine CZ Pistole hatte ich auch mal. In der GST.«

»GST?«, wiederholte Alois die letzten drei Buchstaben langsam.

»Ja in der GST. 1Die Gesellschaft für Sport und Technik war eine Organisation in der DDR. Sie sollte offiziell vor allem der gemeinschaftlichen Freizeitgestaltung technisch und sportlich interessierter Jugendlicher dienen, die dazu erforderlichen technischen Mittel, wie Motorräder, Flugzeuge und Funkgeräte, zur Verfügung stellen und technische Sportarten und dazugehörige Sportförderung und Wettkämpfe, wie Motor- und Schießsportarten pflegen und veranstalten. Sie trug damit auch zur Militarisierung der Gesellschaft der DDR bei, indem sie unter anderem die gesetzlich vorgeschriebene vormilitärische Ausbildung zusammen mit der Nationalen Volksarmee an Schulen, Universitäten und in den Betrieben durchführte«, klärte Melanie ihre Kollegen auf.

»Und da hast du mitgemacht?«

»Warum denn nicht. Da haben fast alle mitgemacht. Ich habe dort meine erste paramilitärische Ausbildung erhalten. Ich durfte schießen, Motorrad fahren und einige sportliche Wettkämpfe bestreiten. Uns Heranwachsenden sollte durch die GST die Möglichkeit gegeben werden, unsere Freizeit sinnvoll zu gestalten. Ältere, erfahrene Mitglieder sollten uns Unerfahrene unter ihre Obhut nehmen und unterstützen. Und zunehmend rückte der Wehrsport in den Vordergrund.«

»Und das schon mit vierzehn?«, fragte Rainer Zeidler erstaunt.

Melanie lächelte ihn liebevoll an. »Du bist süß Rainer. Nein ich war schon über 16. Ich bin doch schon etwas älter, auch wenn ich nicht so aussehe. Danke Rainer. Aber du hast Recht, eingetreten bin ich mit 14. Das war das Mindesteintrittsalter. Scharf geschossen habe ich aber etwas später.«

»Kann ich vielleicht doch erst einmal weitermachen?«, meldete sich Schurig zaghaft wieder zu Wort.

»Ach Josef, sorry, klar doch, mach bitte weiter. Also eine CZ Kaliber 6,35. Da warst du stehen geblieben.«

»Nun gut. Die Kugel haben wir sichergestellt und mit Daten des BKA verglichen. Und dann sind wir auf die CZ Modell Z gekommen. Eine kleine handliche Selbstladepistole, die in jede Manteltasche passt und nur aus nächster Entfernung zielsicher und tödlich ist. Wie in unserem Fall durch einen aufgesetzten Brustschuss.«

»Ich habe noch ein, zwei Fragen, Josef«, unterbrach Alois seinen Kollegen. »Erstens, der Ermordete muss den Täter doch erkannt haben? Wie kommt es sonst zu diesem aufgesetzten Schuss? Zweitens, der Täter oder die Täterin kommen aus dem Ostblock oder sogar aus der ehemaligen DDR, wegen der Pistole. Sehe ich das richtig?«

»Das ist etwas weit hergeholt. Kennen ja, das kann sein. Die Pistole ist aber kein Garant für die Herkunft des Schützen. Nach dem Fall der Mauer tauchten Waffen aus ehemaligen Armee- oder Polizeibeständen überall in Europa auf. Wir wissen zwar den Hersteller der Waffe. Aber eine Historie haben wir nicht. Die Waffe ist vorher nie aufgetaucht. Nur die Charakteristika der Kugel, die Schlieren und Schleifen, lassen einen Hinweis auf eine mögliche Waffe ableiten. Eine CZ. Hundertprozentig sicher sind wir da nicht. Ohne die Waffe können wir alles nur erst mal ahnen.«

»Danke Josef. Habt ihr etwas über den Toten herausfinden können?«

»Ja. Der Tote ist Sascha Krüger. So heißt sein angeblicher Name laut Aussage des Oberbürgermeisters. Klingt Bayerisch, aber auch nicht. Sascha ist nicht gerade ein bayerischer Name. Vorstrafen gibt es keine. Gemeldet ist er hier in Freising in der Kochbäckergasse 19. Da sollten wir uns einmal umschauen. Keine Einträge im Internet. Verwandtschaft wissen wir nicht. Es gibt einen Wagen auf seinen Namen. Einen Seat Ibiza. Keine Punkte in Flensburg und keine Eintragungen in der Schufa. Mehr haben wir bis jetzt noch nicht über ihn heraus gefunden.«

»Das ist nicht viel. Vielleicht hat unsere liebe Frau Doktor mehr herausbekommen können. Es wird langsam Zeit. Sie hat uns gegen Mitternacht in die Pathologie bestellt. Ich möchte dass du mitkommst, Rainer. Wir sollten langsam gehen. Und morgen früh treffen wir uns um 10 Uhr in der Kochbäckergasse. Josef, du weißt wo das ist?«

»Ja, das weiß ich.«

»Gut dann bis morgen. Du kommst dann morgen zu uns dazu. Und wir anderen fahren jetzt rüber ins Klinikum. Rainer? Melanie?«

Frau Dr. Nagel erwartete die Polizeibeamten bereits. Sie trug einen hellgrünen Kittel und dünne Plastikhandschuhe an den Händen. Vor ihr auf einer Stahlbahre lag der Leichnam des Mannes unter einem weißen Leinentuch. Auf einem Beistelltisch hatte sie fein säuberlich die Kleidung des Toten ausgebreitet: eine rote Hose, ein weißes Hemd mit hellroten Fleck, eine rote Jacke, eine Zipfelmütze in der gleichen Farbe, Unterwäsche, Strümpfe, Wanderschuhe und ein Schlüsselbund. Und neben allem lag ein weißer Bart. Unter dem Tisch befanden sich der Leinensack und die Rute, die an einem Wanderstock befestigt war.

Es sah für die Ankommenden recht seltsam und skurril aus, wie der Weihnachtsmann, auch wenn es in diesem Fall ja nur ein Schauspieler war, nackt und seiner Kleidung beraubt auf einer Edelstahlwanne lag, ganz ohne den besinnlichen Charme dieses heiligen Mannes.

Melanie, Rainer und Alois standen beklommen vor dem Leichnam. Frau Dr. Nagel gab ihnen etwas Zeit, anzukommen, bevor sie dienstbeflissen mit ihrem medizinischen Bericht begann.

»Es ist auf jeden Fall ein sehr besonderer Fall. Nicht nur, dass jemanden diesen als Weihnachtsmann verkleideten Mann aus nächster Nähe erschossen hat, nein, der Täter muss den Mann auch sehr gut gekannt haben, denn der Tote hat eine Eigenschaft, die es maximal nur 5000 Mal in Deutschland gibt. Wenn überhaupt so viel. Aber das sollen Sie möglichst selbst herausfinden«

»Sie machen es aber spannend heute«, knurrte Alois.

»Ja, das mache ich.« Sie zog das Leintuch vom Gesicht des Toten bis hinab zu seinem Bauchnabel.

»Was fällt Ihnen auf?«, fragte sie die drei Beamten.

Die Angesprochenen starrten auf den Leichnam. Der bei Obduktionen oftmals angewandte Y-Schnitt war klar zu erkennen. Der Y-Schnitt verlief schräg von den beiden Schlüsselbeinen zum Brustbein hin und in gerader Form weiter zum Schambein.

»Nun was fällt Ihnen denn auf?«, wiederholte sie ihre Frage.

Die Drei starrten immer noch auf den toten Körper.

Frau Nagel schüttelte verständnislos den Kopf.

»Eine Obduktion kann auf verschiedene Weise erfolgen«, klärte sie die Beamten auf. »So gibt es eine äußere und eine innere Besichtigung. Zu Beginn der Autopsie wird von mir die Leiche der verstorbenen Person genau inspiziert. Dabei halte ich Gewicht, Größe, Hautkolorit und Ernährungszustand fest. Ebenfalls vermerke ich Farbe und Lokalisation der Totenflecke sowie die Aus-prägung der Totenstarre. Das Gleiche gilt für Veränderungen der Haut wie Pigmentflecken, Wunden, Narben und Tätowierungen. Zu diesem Opfer ist zu sagen, er ist etwa 57 bis 62 Jahre alt. Gut genährt, keine Tätowierungen oder anderweitige Hautveränderungen. Mitteleuropäer. Gewicht 100 Kilogramm. Nur zwei Narben, eine auf der Brust und eine auf dem Rücken. Der Eintritt der tödlichen Kugel vorne und der Austritt hinten. Kleines Kaliber....«

»....6,35 mm!«, unterbrach sie Rainer Zeidler.

»Richtig. Das sage ich doch, also Kaliber 6,35 mm. Schuss aus nächster Nähe, deshalb die Schmauchspuren an seiner Jacke und an seinem Hemd. Der Tod ist etwa gegen 20 Uhr eingetreten. Die Zähne sind des Toten sind soweit gepflegt und gesund. Natürlich ist eine genaue äußere Beschreibung bei einer gerichtsmedizinischen Obduktion besonders wichtig. So liegt bei mir das Augenmerk auf eventuellen Verletzungen wie Stichwunden, Schusswunden oder Würgemalen. Eine große Rolle spielen zudem Bekleidung und Schmuckstücke des Toten. Durch diese äußere Besichtigung lassen sich zudem Hinweise auf äußere Einwirkungen finden. Wie schon gesagt, Tod durch einen Herzschuss. Muss sofort tot gewesen sein.«

Frau Nagel beobachtete eingehend ihre Gäste. Es war spät und sie waren dem Anschein nach müde. Immer wieder huschte ein leichtes Gähnen über eines ihrer Gesichter. Trotzdem widmeten sie dem Vortrag der Ärztin ungeteilte Aufmerksamkeit. Und keiner stellte wie sonst bei anderen Untersuchungen eine dumme Frage. Sie lauschten andächtig und hingen an ihren Lippen.

Frau Nagel fuhr fort: »Im Rahmen meiner inneren Besichtigung werden die Schädelhöhle, die Bauchorgane sowie die Brust- und Halsorgane der Leiche untersucht. Der Paragraph 89 der Strafprozessordnung sieht sogar vor, dass alle drei Körperhöhlen und die Organe bei einer gerichtsmedizinischen Obduktion freigelegt werden müssen. Nach dem Freilegen beurteile ich dann die Organe nach ihrer Farbe, Form, Größe, Kohärenz und Konsistenz. Liegen Veränderungen vor, die von der Norm abweichen, müssen diese in meinem Obduktionsbericht vermerkt werden. Von wichtigen Organen entnehme ich kleine Proben für weitergehende mikroskopische oder mikrobiologische Untersuchungen. Für rechtsmedizinische Gutachten erfolgen auch Blut- und Urinentnahmen der Leiche für toxikologische Untersuchungen. Ich kann Ihnen letztendlich nur sagen, der Mann war clean, keine Drogen, kein Alkohol. Aber er war ein Raucher. Kein Starker, eher ein Schwacher. Ansonsten kern gesund. Und er hatte vor kurzem noch Geschlechtsverkehr. Ich habe Samenspuren in seiner Unterwäsche gefunden. Wenn wir davon ausgehen, dass er sie täglich, höchsten aber zweitäglich, wechselt, dann hatte er in den letzten 24 Stunden noch Verkehr.«

»Aha!«, sagte Alois. »Eine verschmähte Liebe.«

»Oder ein eifersüchtiger Ehemann«, fügte Zeidler hinzu.

»Da machen Sie es sich zu einfach. Da Sie, im Moment alle ziemlich neben der Kappe stehen, will ich Ihnen ein wenig helfen. Deshalb nochmal meine Frage an Sie, wie ist er gestorben?«

»Ein Schuss ins Herz. Er war sofort tot«, antwortete Melanie brav wie einer Lehrerin in der Schule.«

»Eine Eins und setzen!«, spielte die Pathologin das Spiel mit.

»Und wo ist der Einschuss?« Sie sprach sehr langsam und ließ die Frage im Raum stehen. Die drei Beamten blickten auf den entblößten Leichnam und antworteten fast synchron: »Rechts!«

»Richtig! Und wo ist das Herz normalerweise?«

»Links!«, kam es erneut aus den drei Mündern geschossen.

Melanie hatte es als Erste verstanden: »Aber dann«, stotterte sie, »dann ist ja bei diesem Mann das Herz ......« Sie wagte ihre Vermutung nicht auszusprechen.

»Ja, das stimmt. Der Tote hat das Herz auf der rechten Seite. Ein äußerst seltenes Phänomen.«

Rainer und Alois starrten die Ärztin betroffen an.

»Ja, da staunen sie. Das Herz ist hier rechts. Man spricht dabei auch von Dextrokardie, das heißt übersetzt Rechtsherzigkeit, abgeleitet vom griechischen dexios, das bedeutet rechts und kardia steht für Herz. In der Kardiologie wird dieses Phänomen so bezeichnet, bei dem sich das Herz ständig oder zeitweilig in der überwiegend rechten statt in der linken Brusthöhle befindet. Eine Dextrokardie kann zum Beispiel angeboren sein und als Folge eines sogenannten Situs inversus auftreten, bei dem im Brustkorb oder auch im ganzen Körper sämtliche Organe spiegelverkehrt angelegt sind. Bei unserem Toten ist es nur das Herz, das auf der anderen Seite ist. Sonst ist alles in Ordnung bei ihm.«

Melanie dachte laut nach und sagte wie in Trance: »Das bedeutet ja, dass der Mörder sein Opfer sehr gut gekannt haben muss. Denn sonst hätte er ja auf die linke Seite des Brustkorbes gezielt. Er wusste ganz genau, dass der Mann unter dieser Anomalität litt. Und hat ihn so gezielt töten können.«

»Sie haben völlig Recht, Frau Schütz. Der Täter kannte das Opfer sehr genau. Denn ich denke, nicht jeder geht mit so einer Eigenschaft öffentlich hausieren.«

»Ist denn dieses Dextrodingsbums.....«, stotterte Alois.

»... Dextrokardie«, korrigierte ihn Frau Nagel.

»Ist denn diese Dextrokardie gefährlich, lebensbedrohend, Frau Nagel?«

»Nein, das ist sie nicht. Das Herz arbeitet auch auf der anderen Seite ordentlich. Es gibt auch Menschen, bei denen alle inneren Organe spiegelverkehrt sind. Die Lebenserwartung dieser Menschen ist genauso hoch wie bei normalen mit dem Herz auf der linken Seite. Ich wollte eigentlich nur mit dieser Tatsache hinweisen, dass der Täter das Opfer außerordentlich gut gekannt haben muss. Und dass das Opfer sicherlich schon in seiner Kindheit bei Ärzten mit seinem anormalen Phänomen bekannt gewesen sein muss. Warum dieser Mann ermordet worden ist, das kann ich mit meiner Obduktion leider nicht herausfinden, aber noch mal für alle, der Täter wusste von seiner Anomalität.«

»Vielen Dank Frau Dr. Nagel, ich weiß im Moment noch nicht, wie uns das alles helfen kann, aber ich freue mich und bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie sich heute Nacht noch die Zeit genommen haben, den Leichnam zu obduzieren«, sagte Kreithmeier und klopfte der Ärztin sanft auf die Schulter.

»Den schriftlichen Bericht bekommen Sie aber erst am Montag. Seine Sachen lasse ich zu Ihnen in die KTU bringen, Herr Zeidler. Außer seiner Kleidung, diesem Leinensack mit den Geschenken und dem Stock haben wir nichts gefunden«, sagte die Ärztin und entwand sich vorsichtig aus Kreithmeiers Berührungen. »Morgen muss ich mich wirklich um meine Familie kümmern. Wir wollen aufs Tollwood nach München.«

»Das kann ich verstehen, vom Adventszauber haben Sie erst einmal die Nase voll.«

Frau Nagel sagte nichts darauf. Sie deckte den Leichnam mit dem Leinentuch zu und verabschiedete ihre Gäste.

»Sie haben doch noch den Schlüsselbund?«, fragte Rainer Zeidler.

»Ach ja.« Frau Nagel beugte sich über den Tisch und nahm die Schlüssel in die Hand. »Die brauchen Sie wohl. Sieht so aus als ob es Wohnungsschlüssel und Schlüssel für einen Wagen sind. Seat steht auf einem. Hier bitte nehmen Sie. Den Rest lasse ich wie gesagt am Montag zu Ihnen bringen. Ich bin erst einmal fertig damit. Gibt es eigentlich Verwandte?«

»Bis jetzt haben wir nichts herausgefunden«, gab Zeidler zur Antwort. »Wir haben im Moment nur seinen Namen: Sascha Krüger. Seine Adresse. Sonst nichts. Keinen Ausweis, kein Mobiltelefon und kein Portemonnaie. Und er trägt keinen Ring. Wahrscheinlich unverheiratet oder geschieden. Sein Alter und sein Gewicht haben wir von Ihnen. Mehr haben auch wir nicht.«

»Dann gehen wir mal, gute Nacht«, verabschiedete sich Kreithmeier von der Ärztin und schob seine Kollegen aus der Pathologie. So lange war er noch nie in diesen ungemütlichen Räumen gewesen. Er war erleichtert als sie er im Flur hinter sich lassen konnte.

Die drei Beamten fuhren mit dem Aufzug zurück ins Erdgeschoss.

»Der Weihnachtsmann hatte anscheinend das Herz auf dem rechten Fleck«, ulkte Rainer, während sie in der Dunkelheit Richtung Parkplatz liefen.

»Und hat es ihm etwas genützt?«, fragte Alois den Kollegen.

»Nein. Denn er muss es wohl überall herum erzählt haben. Und das hat der Mörder ausgenutzt.«

»Oder der Mörder hat es als Einziger gewusst, weil er ihm sehr nah gestanden haben muss«, konterte Melanie. »Auf jeden Fall war das alles exakt geplant, ein kaltblütiger Mord. Kein Mord im Affekt. Der Täter hat präzise und genau zugeschlagen. Er muss entweder auf den Krüger gewartet oder ihn schon auf dem Weg zum Domberg abgepasst und verfolgt haben.«

»Ja, und dann hat er nur gewartet, bis der Krüger sich abseits vom Geschehen zurück gezogen hat um eine Zigarette zu rauchen. Das war der richtige Moment und schon hat er ihn erschossen«, sagte Alois.

»Aber warum dieser Mord?«, fragte Melanie ihre beiden Kollegen. »Was meint ihr denn? Bis jetzt haben wir nur eine Leiche, eine Mutmaßung auf eine mögliche Tatwaffe, keinen Täter und vor allem kein Motiv.«

»Rache? Eine ganz persönliche intensive Rache«, sagte Rainer nachdenklich.

»Wenn Rache, dann muss es schon etwas ganz Besonderes sein«, überlegte Alois. »dass man einen Menschen so tötet. Der Mörder beobachtete ihn, passte ihn ab, verfolgte und tötete ihn dann in diesem lächerlichen Kostüm. Das ginge sicher auch einfacher. Warum dieser ganze Aufwand und warum auf einem öffentlichen Platz? Wenn er gewusst hat wo er wohnt, hätte er ihn doch jederzeit auch zu Hause töten können. Warum dieser ganze Aufwand?«

»Keine Ahnung. Alois, wir haben ganz einfach wieder mal nichts. Und wer kommt auf die Idee und bringt schon den Weihnachtsmann um? Ich hoffe nur, wir lernen morgen in der Wohnung des Toten, etwas mehr über ihn kennen. Sonst wird es knapp bis Heiligabend.«

»Dein Wort in Gottes Ohr. Noch jemand Lust auf etwas zu Trinken?« Alois schloss den Wagen auf und blickte dabei seine beiden Kollegen fragend an.

»Und wo?«, fragte Rainer.

»Im Nachtcafe?«

»Na gut, ich komme mit. Und du Melanie?«

Melanie zögerte noch etwas, hatte sie doch vor einiger Zeit einschlägige Erfahrungen in diesem Etablissement sammeln können.

»Was ist jetzt?«, hakte Rainer nach.

»Na gut«, sagte sie schließlich, »aber nur einen Drink.«