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Alois Kreithmeier, seines Zeichens Kriminalhauptkommissar in Freising, wird an einem Montagmorgen im Spätherbst von einem Feuerwehrmann zu einem Leichenfund gerufen. Dieser ungewöhnliche Tote und die damit verknüpften Ereignisse stürzen den dickfelligen Polizeibeamten und seine reizende Kollegin Melanie Schütz in ein Abenteuer, das sie beinahe das Le ben kostet. Eine angesehene jüdische Freisinger Familie wird bedroht. Ein zusätzlicher Leichenfund auf der Startbahn des Flughafen Münchens bringt noch mehr Ungewissheit in den Fall. Kreithmeier und Schütz ermitteln in einem Umfeld von politischer Engstirnigkeit, wirtschaftlichem Größenwahn und reiner Staatswillkür. Erst ein weiterer Toter und die Mithilfe zweier Beamter des Landeskriminalamtes München bringen die Ermittler auf eine neue Spur.
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Seitenzahl: 597
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Axel Birkmann
Der tote Hund in der Dachrinne
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der tote Hund
Die Kollegin
Sara Löbinger
Tobias Löbinger
Die Staatsanwältin
Die Helden vom Landeskriminalamt
2941945
Marlies Gerbl
Die Spurensicherung
Der Politaktivist
Dieter Burger
Der Umweltlöwe
MC Devil Biker
Schrauber und Nazis
Im dunklen Wald
Das Tor zur Hölle
Schuld und Sühne
Enthüllungen
Villa Löbinger
Blut und Ehre
Alte Römerstraße
Der letzte Akt
Epilog
Nachwort und Quellenverzeichnis
Impressum neobooks
Seine Fußstapfen auf dem angefrorenen Laub klangen als ob er dünne Schokoladentäfelchen zerbrach. Jeder seiner Schritte zerstörte die filigrane Struktur eines angefrorenen Blattes. Knirschend stapfte er durch den Wald. Es war kalt und er hatte den Kragen hochgeschlagen.
Grundsätzlich war er kein Naturfreund und solche Spaziergänge waren nie etwas für ihn gewesen. Er saß lieber bei einer heißen Tasse Kaffee am Küchentisch und las die Tageszeitung. Aber als sich seine Frau vor ein paar Monaten von ihm getrennt hatte, hatte ihm einer seiner Freunde empfohlen, sich einen Hund zuzulegen. Zunächst stand er dem Ganzen widerwillig gegenüber, aber er hatte es schließlich doch getan und sich einen vierbeinigen Freund geholt. Keinen Rassehund, nein, einen Hund aus dem Tierheim, mit treuem Blick und wedelndem Schwanz. Ein Mischling. Er sah aus wie ein kleiner Eisbär. Oder wie ein Gremlin. Weiß, pummelig, mit Fledermausohren, aber stämmige, kräftige Beine und eine laute Stimme. Wenn er denn bellte. Und das tat er oft. Vor allem bei Unbekannten.
Dieses zusätzliche Lebewesen in seiner Wohnung hatte ihn schließlich dazu gebracht, regelmäßig seine Festung zu verlassen und mit seinem Hund an der Seite in die Isarauen zu marschieren, um dem Vierbeiner den nötigen Auslauf zu gewähren. Das war neu für ihn. Eine Umstellung. Mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, dass er jeden Morgen, mindestens eine halbe Stunde vor Dienstantritt, die frische Luft genießen durfte. Gizmo rannte neben ihm her oder voraus, knurrte und bellte andere Spaziergänger an, markierte das Terrain und freute sich, dass sein Herrchen sich Zeit für ihn nahm.
Die beiden marschierten durch den Laubwald in den Isarauen. Der Föhnwind hatte fast alle Blätter von den Bäumen geweht und der Morgenfrost sie angefroren. Während Gizmo an jedem Baum schnupperte und jeden Zweiten mit seinem Urin an pieselte, zog sein Herrchen genüsslich an einer Zigarette, auch wenn der Rauch eher kalt als heiß in seine Lungen strömte. Der leichte Stich des Nikotins und des Teeres brannte in seiner Brust, zeigte ihm aber, dass er noch lebte. Er pustete die verbrauchte Luft hinaus, die wie ein Hauch weißer Zuckerwatte vor seinem Gesicht kurz verweilte und sich dann in der frischen Luft auflöste.
Die morgendlichen Spaziergänge nutzte er um seinen Gedanken nachzugehen. Niemand außer seinem Hund war bei ihm. Niemand sprach. Niemand fragte etwas. Und er brauchte auch nichts sagen und nicht zu antworten. Die Stille wurde nur unterbrochen durch das Knirschen unter seinen Schuhen und durch vereinzeltes Bellen seines kleinen Eisbären, der damit aufzeigen wollte, dass er etwas Interessantes gefunden oder gelesen hatte. Irgendjemand hatte ihm einmal gesagt, dass Hunde mit der Nase sehen und lesen. Und so hatte er sich damit abgefunden, dass Gizmo jeden Morgen erst einmal die Tagesneuigkeiten an Bäumen, Sträuchern und Exkrementen anderer Vierbeiner lesen und deuten musste. Seine eigene Zeitung lag noch jungfräulich zusammen gefaltet auf dem Küchentisch.
Die Dienststelle hatte sich in der Zwischenzeit damit abgefunden, dass er diese Zeit morgens nutzte, seinen Hund Gassi zu führen. Es reichte, wenn er zwischen acht und neun im Büro aufschlug. Vorher war sowieso nichts zu tun. Er zog ein letztes Mal genüsslich an seiner Zigarette und schnippte sie elegant davon, als plötzlich sein Mobiltelefon klingelte. Alois Kreithmeier stutzte. Er blickte auf die Uhr. Es war 7.15 Uhr. Wer wollte um diese Zeit etwas von ihm? Widerwillig zog er das Handy aus der Jackentasche und blickte auf dem Display auf die Telefonnummer. Sie war nicht gespeichert, sonst wäre dort ein Name gestanden. Es war eine Mobilnetznummer. Es half nichts. Er musste drangehen. Polizisten waren halt rund um die Uhr im Dienst. So sah es der Steuerzahler.
»Kreithmeier, Alois, wer will denn etwas von mir am frühen Morgen?«
»Grüß Gott, entschuldigen Sie bitte die Störung, aber wir haben einen Toten.«
»Wie bitte?«
»Wir haben eine Leiche. Und da meinten wir, wir sollten Sie verständigen.«
»Wer ist denn wir? Und wo liegt der Tote? Und von wem haben Sie meine Telefonnummer?«
»Also WIR sind von der Freiwilligen Feuerwehr, Feuerwache 1. Der TOTE liegt in Tuching, und IHRE Telefonnummer haben wir von IHRER Dienststelle. Sie meinten, Sie sollten bei solch ungewöhnlichen Fällen auf jeden Fall informiert werden.«
»Ungewöhnlich?«
»Ja, ungewöhnlich.«
»Erzählen Sie!«
»Es ist besser, Sie kommen raus und sehen Sich das alles höchst persönlich an. Ihre Kollegin ist auch schon auf dem Weg. Wir stehen Feichtmayr Ecke Tuchinger. Wir warten. Nicht schwer zu finden. Ein rotes Auto.«
»Aber.....?«
Der Feuerwehrmann hatte aufgelegt.
Kreithmeier stand wie vom Blitz getroffen mitten im Wald. Was war denn das, fragte er sich. Die Feuerwehr rief ihn an wegen einer Leiche? Wo waren denn die Uniformierten, die Spurensicherung, das ganze Aufgebot? Und seit wann entdeckte die Feuerwehr Leichen und sicherte den Tatort? Und seine Kollegin war schon auf dem Weg dort hin. Eigenartig, eigenartig, ging es ihm durch den Kopf.
Seine Kollegin Melanie Schütz kam aus Gera. Sie war erst seit zwei Jahren in Freising bei der Kriminalpolizei. Er selbst kam aus Regensburg und war wegen der Liebe nach Freising gezogen. Sie war dagegen freiwillig nach Oberbayern gekommen. In Bayern verdiente sie ihrer Meinung nach mehr. Doch Freising war kriminaltechnisch gesehen tot, toter als der Münchner Nordfriedhof. Und jetzt eine Leiche. Und das in Tuching, einem der renommierteren Stadtteile von Freising. Ungewöhnlich. Und von Fremdeinwirkung hatte der Mann am Telefon nichts gesagt. Das war noch zu früh. Aber die Spusi, die Spurensicherung, war sicher unterwegs. Na ja, dann mal los, sagte er zu sich und zu seinem Hund:
»Gizmo, komm! Herrchen muss zum Dienst. Wir müssen umdrehen. Herrchen muss arbeiten. Und du kommst mit.«
Gizmo rannte auf ihn zu, wedelte mit dem Schwanz und schnappte mit einem lauten Bellen nach der Hundeleine, die Kreithmeier provozierend baumeln ließ. In der Rechten die Leine, in der Linken ein Hundeleckerli zur Bestechung, weil sie ihren Spaziergang so kurzfristig abbrechen mussten. Gizmo schnappte nach der Leine, das sollte so viel heißen wie, ich will noch nicht, pack die blöde Leine wieder ein, wir bleiben noch, mein Gassi ist noch nicht zu Ende. Doch das Leckerli in der anderen Hand ließ ihn schwach werden, er ließ sich kaufen und sein Herrchen band die Hundeleine an sein Halsband. Gizmo kaute an einem getrockneten Wildtierzopf und ließ sich bereitwillig zurück zum Parkplatz führen. Jeder Hund hat seinen Preis.
Kurze Zeit später waren sie beide unterwegs zum Stadtteil Tuching. Unterwegs zu einem Toten.
Alois Kreithmeier dachte nach. Wann hatte es das letzte Mal einen Toten, geschweige denn einen Mord in der Domstadt gegeben? Vor Jahren gab es einen Mord an einer Supermarktkassiererin, etwas später ein Familiendrama in Achering. Freising war aus der Sicht der Kriminalpolizei eine ruhige und ordentliche Stadt. Die Kriminalpolizei hatte ihren Dienstsitz in Erding. Eine eigene Mordkommission gab es nicht. Wenn es mal einen Mord gab, dann bekamen sie meistens Hilfe aus der Landeshauptstadt München oder aus Ingolstadt. Er war mit Melanie Schütz in Freising ansässig. Beide gehörten diensttechnisch aber zur Polizeiinspektion in Erding. Bis jetzt hatte es keinen Grund gegeben die Kriminalpolizei in Freising weiter auszubauen.
Außer ein paar Schlägereien, vor allem während der Volksfeste in der Luitpoldanlage, ein paar Drogendelikten, Prostitution auf einigen Autobahnparkplätzen, war Freising ein unbescholtenes Blatt, ganz im Gegensatz zu München oder Augsburg. In Augsburg war vor wenigen Wochen ein Polizist bei einer wilden Verfolgungsjagd getötet worden. Kreithmeier schüttelte es. Bis heute keine Spur von den Tätern. Da war Freising kriminelle Diaspora. Und das war gut so. Seine Arbeit war mitunter langweilig, aber nicht gefährlich. Langeweile gegen Gefahr. Für ihn gewann immer die Langeweile. Und heute ein Toter. Und dann alles so geheimnisvoll. Feuerwehr, noch keine Polizei vor Ort. Seltsam. Seltsam.
Als er von der Tuchinger in die Feichtmayr fuhr, sah er schon das rote Feuerwehrauto mitten auf der Straße stehen. Seine ausziehbare Leiter ragte wie eine filigrane Brücke über die Straße und endete auf dem Dach einer der Villen, die hier in diesem Teil Freisings häufiger anzutreffen waren. Um den Wagen standen einige Leute herum: Feuerwehrmänner in ihrer Uniform und Zivilisten, wahrscheinlich Anwohner, dachte er, aber kein Polizist, niemand in weißem Overall, und auch seine hübsche Kollegin Melanie Schütz konnte er noch nicht entdecken. Er parkte den Wagen etwas abseits, zündete sich eine Zigarette an und stieg aus. Gizmo wedelte mit dem Schwanz.
Er wollte mit, war neugierig, wo es denn hinging, doch Kreithmeier streichelte ihn am Genick und sagte nur: »Gizmo, du bleibst da, das ist nichts für dich, zu viele Menschen, und ich kann mich nicht um dich kümmern. Außerdem knurrst und bellst du nur wieder alle an. Das mag nicht jeder. Bleib schön hier. Herrchen ist bald wieder da. Mein Klient ist ja schon tot. Sei schön brav!«
Ein letztes Mal streichelte er seinen Hund, gab ihm ein weiteres Leckerli und Gizmo gab sich kauend in sein Schicksal.
Gemächlich schlenderte Kreithmeier auf die Gruppe von Menschen vor dem Haus zu. Der Feuerwehrwagen wirkte deplatziert in dieser Gegend. Ein rotes Monstrum mitten zwischen hübschen Stadtvillen und entlaubten Bäumen. Die Feuerwehr rückte normalerweise bei Feuer, Hochwasser und Katzen auf Bäumen aus. Warum war sie jetzt hier? Wer hatte die Leiche entdeckt und wer hatte die Feuerwehr alarmiert? Es würde sich schon alles aufklären.
»Wer ist hier denn der Chef?«, fragte Kreithmeier einen der Männer in Uniform.
»Und wer will das wissen?«
»Alois Kreithmeier, Kriminalpolizeiinspektion Erding, Dienststelle Freising.« Er hielt dem Behelmten seinen Dienstausweis vor die Nase.
»Also wer ist hier der Chef?«, wiederholte er seine Frage mit etwas mehr Nachdruck.
»Zugführer Adldinger, Joseph Adldinger. Dort steht er, neben der Leiter.«
»Aha! Geht doch.« Kreithmeier steckte seinen Ausweis wieder in die Tasche und schritt auf den vermeintlichen Zugführer zu.
»Sie sind der Mann von der Kripo?«, fragte dieser ohne sich vorzustellen.
»Ja, und Sie sind der Einsatzleiter hier?«
»Ja, Joseph Adldinger, Feuerwache 1.«
»Schön. Kreithmeier, Alois, Kriminalpolizeiinspektion Erding, Dienststelle Freising«, wiederholte er sein Verslein.
»Und wo ist jetzt die Leiche?«, fragte er kühl.
»In der Dachrinne!« Der Zugführer drehte sich um die eigene Achse und deutete mit dem ausgestreckten Arm auf das Dach der Villa, auf dem die Leiter angelegt war.
»Dort oben? Wo dort?«
»In der Dachrinne.«
»In der Dachrinne?«
»Ja. Wenn Sie die sehen wollen, müssen Sie die Leiter hochklettern. Wir haben nichts angefasst. Es ist alles so, wie es aufgefunden wurde.«
Alois Kreithmeier blickte ungläubig an der Aluminiumleiter in die Höhe auf den Dachfirst. Ein Toter in einer Dachrinne. War das überhaupt möglich? Würde die Dachrinne, falls ein Mensch dort überhaupt hinein passte, unter dem Gewicht nicht aus der Verankerung reißen und mitsamt dem Toten zu Boden krachen?
Der Zugführer kam mit einem Feuerwehrhelm auf ihn zu, drückte ihm den Helm in die Hand und sagte: »Safety First. Wenn Sie ihn bitte aufsetzen wollen, Herr Kommissar. Dann können wir.«
Der Kommissar blickte verdutzt auf den Helm in seiner Hand, dann wieder auf sein Gegenüber.
»Was soll ich damit und was können wir?«
»Den Helm natürlich aufsetzen und dann klettern wir beide die Leiter aufs Dach hinauf. Dort oben ist der Tote.«
Alois Kreithmeier drehte den Helm in seiner Hand. Musste das sein? Sollte er nicht lieber auf die Schütz warten? Die war jünger und scheute sich vor nichts. Sollte doch lieber sie dort hinauf klettern.
Der Feuerwehrmann nahm ihm den Helm wieder aus der Hand. Ohne zu fragen setzte er ihn ihm auf den Kopf, verschloss den Lederriemen und schob den Mann Richtung Leiter.
»Da geht es hinauf. Gehen Sie voran, Herr Hauptkommissar, ich folge Ihnen.«
Widerwillig kletterte Kreithmeier die Stufen zum Feuerwehrwagen hinauf um von einer Plattform aus, die ersten Sprossen der Leiter zu erklimmen. Sein Blick schweifte Hilfe suchend über die Anwesenden, in der Hoffnung doch noch jemanden zu entdecken, der ihn aus der prekären Lage befreien konnte. Doch kein Polizist, keine Spusi, und schon gar keine Melanie Schütz konnte er entdecken, nur unbekannte Gesichter, die ihm neugierig nachschauten, wie er die Sprossen immer höher stieg. Die Menschen nickten ihm aufmunternd zu. Und die ersten Smartphone wurden gezückt, um Bilder oder Videoaufnahmen zu machen.
Das Dach des Hauses war nicht mehr als zehn Meter über dem Boden, doch die lange Drehleiter, auf der er mühsam Zentimeter um Zentimeter in die Höhe stieg, sah aus seiner Perspektive fast so aus, als ob sie direkt in den Himmel führte. Er musste sich zusammenreißen. Alle starrten jetzt auf ihn und den Feuerwehrmann hinter sich, der ihn Gott sei Dank nicht drängte, sondern ganz einfach nur bedächtig und umsichtig hinter ihm her kletterte. Die Leiter berührte nicht das Dach, sondern führte fast parallel an der steilen Neigung des Daches entlang. Nach vielen unzähligen Sprossen hielt sich Kreithmeier an der Leiter fest und blickte auf die rot lackierten Ziegel des Hauses. Unterhalb davon konnte er die Dachrinne entdecken. Aber keine Leiche, keinen Toten. Mit beiden Händen sich am Geländer fest haltend, drehte er sich um und fragte den Zugführer hinter sich:
»Wo ist die Leiche?«
»Dort in der Dachrinne. Warten Sie, ich bewege die Leiter näher heran, dann können Sie besser sehen.«
Bevor Kreithmeier noch etwas erwidern konnte, drückte der Feuerwehrmann auf eine Fernbedienung in seiner Hand und die Leiter drehte sich näher ans Haus und an die Dachrinne. Kreithmeier hielt sich krampfhaft mit beiden Händen fest, als die Leiter herum schwenkte und sich zusätzlich noch ein bisschen tiefer senkte. Das war nicht seine Welt. Er blickte nach unten und sah unter sich die weit aufgesperrten Mäuler der Schaulustigen, die nur darauf warteten, dass er sich hier oben blamierte oder seinen Halt verlor und in die Tiefe stürzte.
»Wo?«, fragte er zitternd ein zweites Mal.
»Hier genau unter uns. Dort liegt der Tote.«
Alois Kreithmeier konzentrierte sich. Er vergewisserte sich, dass er mit beiden Füße fest auf einer der Sprossen stand, seine beiden Hände das Geländer fest umklammerten, und erst dann beugte er sich hinunter, um den Toten besser erkennen zu können.
Ihm stockte der Atem, als er erkannte, um was für einen Toten es tatsächlich ging. Hätte er jetzt eine Hand frei gehabt, hätte er dem Feuerwehrmann gerne eine Ohrfeige gegeben, als Strafe, ihn für so Etwas vom sicheren Boden über eine wackelige ewig lange Leiter in die Höhe zu jagen. In der Dachrinne lag ein Toter, das war richtig. Doch in der Dachrinne lag kein Mensch, sondern ein kleiner toter Hund, ein toter Dackel. Und deswegen hatte man ihn, Kriminalhauptkommissar Alois Kreithmeier, von seinem morgendlichen Spaziergang geholt und mit einem muffigen Feuerwehrhelm eine turmhohe Leiter hochgejagt. Doch leider konnte er nicht. Eine Ohrfeige austeilen. Jedes seiner Gliedmaßen war fest mit der Leiter verbunden. So musste er sich seinen Gefühlsausbruch aufheben, bis er wieder unten war. Aber dann.
»Was soll das? Wollen Sie mich verarschen? Ein verspäteter Aprilscherz, oder versteckte Kamera? Sie jagen mich wegen einem toten Dackel hier rauf, verlangen nach Spurensicherung und Mordkommission? Sie sind nicht ganz sauber?«
»Ich bitte Sie. Wie kommt denn ein Dackel aufs Dach? Schließlich tot in eine Dachrinne, und dann das alles bei einem vereitelten Einbruch in die besagte Villa hier?«
»Ein Einbruch? Davon hat mir niemand etwas erzählt. Und dafür bin ich auch nicht zuständig. Also was soll das alles hier?«
»Wollen wir das hier oben auf der Leiter besprechen oder können wir wieder hinunter?«
»Natürlich will ich wieder hinunter. Wem gehört der Hund?«
»Den Besitzern der Villa, einem Bauunternehmer. Die Tochter des Hauses hat den toten Hund entdeckt. Nur zu dem Zeitpunkt wusste sie noch nicht, dass er tot war. Sie dachte er hätte sich auf dem Dach verlaufen und säße in der Dachrinne fest. Deshalb der Anruf an die Feuerwehr. Wir konnten nur noch seinen Tod feststellen. Haben ihn aber nicht berührt. Spurensicherung ist Ihre Aufgabe. Aber eines ist sicher: Er ist keines natürlichen Todes gestorben. Das ist gewiss.«
»Und dann haben Sie gedacht, das ist ein Fall für die Mordkommission, weil wir so wenig in Freising zu tun haben. Sie Vollidiot. Das hat ein Nachspiel«, wetterte Kreithmeier von oben auf den Feuerwehrmann herunter.
»Ich bitte Sie, das ist doch nahe liegend.«
»Schwachsinn. Wir sind nicht für ungewöhnliche Todesfälle bei Vierbeinern zuständig. Da hätte es gereicht, wenn Sie einen Tierarzt geholt hätten. Auf geht’s. Klettern wir wieder herunter.«
Kreithmeier blickte nach unten, dabei passte er vorsichtig auf, dass er seine Füße fest auf den Leitersprossen absetzen konnte. Sein Blick schweifte von oben über die Köpfe der Schaulustigen. Dabei entdeckte er keine Autolänge vom Feuerwehreinsatzfahrzeug entfernt, eine Person auf das Haus zu kommen, deren Gang er nur zu gut kannte. Hüfte und blonde Mähne schwingend stakste seine Partnerin auf die Gruppe zu. Mit einer kecken Bewegung wehte sie sich das lange Haar aus dem Gesicht und winkte ihm zu, während sie wie ein Mannequin auf dem Laufsteg in knappem Rock und hohen Absätzen lächelnd in seine Richtung stolzierte.
Das hatte ihm noch gefehlt. Melanie Schütz hier. Und er auf der Leiter mit diesem schrecklichen Helm auf dem Kopf. Er sah beileibe nicht aus wie der Held, der unter Einsatz seines Lebens ein junges Mädchen aus den tobenden Flammen rettet. Nein, er sah ganz einfach bescheuert aus, und das wusste auch sie. Auf der letzten Stufe angekommen, nestelte er sich den Schutzhelm vom Kopf , drückte ihn ohne hinzuschauen irgendjemanden in die Hand, kletterte vom Feuerwehrwagen und stand seiner Kollegin sprachlos schwer schnaufend gegenüber.
Sie sah ganz einfach glänzend aus. Kurzer knapper Rock, hoch gepuschter Busen, ein strahlendes Lächeln und ihre langen blonden Haare. Obwohl es früh am Morgen war, hatte sie keine Schlafffalten, einen gesunden Teint und eine positive Ausstrahlung als ob sie gerade von einer Castingshow, »Deutschland sucht die Toppolizistin“, gekommen war. Neid, Neid, Neid.
Plötzlich war nicht mehr er der Held, der sich auf die Leiter geschwungen und sich der Gefahr der Höhe gestellt hatte, nein, sie stand jetzt im Mittelpunkt. Nicht der verknöcherte frustrierte sitzen gelassene Mittvierziger mit Anzug vom K+L Ruppert und Schuhen vom Deichmann, grauen Haaren und Mundfalten, nein eine junge dynamische weltoffene Polizistin, zwar aus den neuen Bundesländern, was vermeintlich zu hören war, wenn sie den Mund aufmachte, verschlang die Aufmerksamkeit der Anwesenden. Wie er das hasste.
Und dann die Schuhe. Highheels mit zehn Zentimetern oder noch mehr. Wie konnte sie in solchen Schuhen einem flüchtigen Täter hinter rennen? Gott sei Dank waren sie beide nie in diese Situation gekommen, sie mit ihren Schuhen und er mit seiner Kondition, die nur für ganze 100 Meter ausreichend war. Wenn überhaupt?
»Alles im Griff?«, unterbrach Melanie Schütz seine Gedanken. Alois Kreithmeier brachte nur ein unverständliches »Schau ma amoi« heraus. Einer seiner Lieblingssprüche, den er vom Franz Beckenbauer abgeschaut hatte.
»Der Tote ist ein Hund, ein Dackel, richtig?«, fragte sie laut.
»Ja, richtig!«, murmelte er.
»Und jetzt? Was machen wir? Die Spusi ist auf dem Weg. Es klang wie eine männliche Leiche, nicht wie ein Zamperl?«
Kreithmeier hasste es, wenn Melanie mit ihrer sächsischen Aussprache bairische Worte in den Mund nahm. Obwohl sie ihm immer treu versicherte, ihr Dialekt sei nicht sächsisch, denn sie stamme aus Thüringen. Sächsisch wäre noch viel schlimmer. Münchnerisch sei auch nicht bairisch konterte sie immer, wenn er sie darauf ansprach und er den Unterschied zwischen den beiden Dialekten nicht verstehen wollte.
»Ein Rauhaardackel, um es genau zu sagen. Und vermeiden Sie bitte diese bairischen Ausdrücke. Es klingt dämlich aus Ihrem Mund«, flüsterte er ihr zu. Sie lachte nur und zeigte dabei ihre weißen Zähne. Sie nahm ihn nicht Ernst. Sie zog ihn auf, wie und wann sie nur konnte. Er ging nicht darauf ein und sagte laut, dass es alle hören konnten:
»Der tote Hund liegt in der Dachrinne in etwa zehn Meter Höhe. Ein Dackel klettert normalerweise nicht auf ein Dach. Er ist ja keine Katze. Also muss der oder die Täter den Leichnam dort oben abgelegt haben. Wie sollte er sonst dort hinauf kommen?«
»Und was haben wir damit zu tun?«, fragte Melanie ihren Kollegen mit einem Lächeln auf den Lippen. Ihr Lächeln war schwer einzuschätzen. Lachte sie ihn aus oder war sie nur ganz einfach nett, weil es ihre Art war, immer nett zu sein. Bei dem berühmten Spiel, böser Cop, guter Cop, würde sie immer den Netten spielen und er Alois Kreithmeier den bösen, von allen gehassten und gefürchteten, Cop.
»Ich wollte nur wissen, was wir damit zu tun haben?«, wiederholte sie ihre Frage und brachte Kreithmeier aus seinen Gedanken wieder zu ihr.
»Das weiß ich doch nicht. Das ist doch alles ein Missverständnis. Mich rufen sie beim Gassi gehen mit Gizmo an und sagen mir nur am Telefon, dass sie eine Leiche gefunden haben. Mehr nicht. Alles ganz geheimnisvoll. Und jetzt liegt ein toter Köter auf einem Dach einer Villa. Fertig. Ich fahre jetzt. Sollen sich doch andere Deppen darum kümmern. Ich habe mich heute schon genug zum Deppen gemacht. Einmal reicht mir.«
»Jetzt warte halt mal!«
Melanie Schütz duzte ihn, seit sie sich kannten. Es war in den neuen Bundesländern üblich gewesen, sich zu duzen. Er siezte sie. Doch das kümmerte sie nicht im Geringsten.
»Alois jetzt warte halt mal. Das ist doch noch nicht alles, oder? Einer der Feuerwehrleute hat mir erzählt, in die Villa wäre eingebrochen worden. Das wäre dann schon unser Zuständigkeitsrevier, oder sollen wir die Kollegen aus Erding holen?«
Erding, Erding, bei dem Wort zuckte er zusammen. Es war schon ein Affront, dass ihre Polizeiinspektion in dem unbedeutenden Städtchen Erding ansässig war und nicht in der Kreis- und Domstadt Freising. Zwischen Erding und Freising gab es immer Konkurrenz, ob um die Nähe zum Flughafen - der Freisinger Flughafen im Erdinger Moos - um Einkaufen und Shopping oder um die Polizeiarbeit. Freising, die weitaus größere und bedeutendere Stadt war polizeitechnisch und disziplinarisch den Erdingern unterstellt. Ein Witz, dachte Kreithmeier, die Erdinger brauchte er hier nicht. Und schon gar nicht bei diesem Fall, der eigentlich gar kein Fall war. Vor allem brauchte er nicht den Spott der Kollegen. Ein toter Hund in der Dachrinne und schon war die Freisinger Kriminalpolizei am Einsatzort. Das wäre ein gefundenes Fressen für den Kantinentratsch. Und dabei konnten Polizisten so etwas von gefühllos und taktlos sein.
»Nein, wir brauchen keine Erdinger hier, das ist gewiss.«
»Sag ich doch. Lass die Spusi mal ihren Dienst machen, sie sind sowieso schon auf dem Weg hierher, und wir befragen die Hausbewohner und die Nachbarn. Wenn wir schon mal da sind. Ach, wo ist denn dein Hund, Alois?«
»Im Auto!«, antwortete Alois kurz.
»Aha. Willst du ihn denn nicht holen, den Armen, so ganz allein im stickigen Wagen?«
»Nein. Der würde nur jeden hier anbellen und anknurren. Das brauche ich jetzt nicht. Der muss warten.«
»Na gut. Mit was fangen wir an? Es wäre sicher gut, die Schaulustigen zu besänftigen und nach Hause zuschicken. Wir brauchen vor allem keine Presse hier. Noch nicht. Und deine Kletterpartie werden wir sicher ab heute Nachmittag schon im Internet finden.«
»Meinen Sie?«
Alois fuhr es eiskalt den Rücken herunter, als er darüber nachdachte, dass er ab sofort der neue Comedystar am Himmel der bayerischen Polizei sein würde, bei seinem Akt, Feuerwehrhelm bewehrt einen toten Hund von einer kilometerlangen Leiter aus zu begutachten.
»Hallo? Jemand zu Hause?« Melanie stupfte Alois mit dem Zeigefinger auf die Stirn, nachdem dieser nichts gesagt hatte und Gedanken verloren an ihr vorbei gestarrt hatte.
»Ja, ja. Wo fangen wir an?«
»Das wollte ich gerade wissen. Aber egal. Sprechen wir mit den Hausbewohnern. Komm Alois. Gehen wir runter von der Straße.«
»Was ist denn jetzt? Brauchen Sie uns noch?«, fragte einer der Feuerwehrmänner Melanie. Alois murmelte etwas. Es war immer das Gleiche. Waren sie beide im Einsatz, wurde die Schütz immer zuerst angesprochen, obwohl er der Dienstälteste war. Das passierte entweder, weil sie eine hübsche, sexy aussehende Frau war, oder weil sie eine natürliche Dominanz, eine Führungskompetenz ausstrahlte, oder weil sie ganz einfach besser gekleidet war. Bevor Alois Kreithmeier noch etwas verständlicher sagen konnte, hatte schon die Schütz das Wort ergriffen und dem Feuerwehrmann Anweisungen gegeben.
»Die Leiter bliebt noch da, sagen Sie das Ihrem Zugführer. Wenn Ihr uns schon holen müsst, dann müsst Ihr auch warten, bis wir unsere Arbeit getan haben, und die Spurensicherung muss aufs Dach. Das ist doch klar, oder?«
»Und....?«
»Und das mit Ihrer Leiter. Ihr habt ja sicher nicht nur ein Feuerwehrauto in Eurer Garage.«
»Nein, natürlich....«
»Dann ist ja gut.....«
»Und die Kosten für den Einsatz...?«
»Vorerst der Steuerzahler, bis wir mehr wissen. Klar? Wegtreten!«
Der Feuerwehrmann salutierte vor der Kommissarin und marschierte zu seinem Zugführer um die Anweisungen weiter zu geben. Alois schüttelte seinen Kopf. Wie konnte ein Mann in Uniform von einer Frau in Highheels und Minirock nur Anweisungen annehmen? Mann und Frau, zwei Welten prallen aufeinander.
»Welches sind die Familienmitglieder des Hauses?«
Alois zögerte noch mit der Antwort, doch dann zeigte er mit dem Zeigefinger auf drei Personen: eine Frau Anfang Vierzig, ein Junge von vielleicht zwölf und ein Mädchen mit acht Jahren, die hilflos am Gartentor der Villa standen und immer wieder auf das Feuerwehrauto, die Leiter und das Dach blickten.
»Gut gehen wir!«, befahl Melanie und stakste auf die drei zu.
»Melanie Schütz, Kriminalpolizei, und das ist mein Kollege Alois Kreithmeier. Können wir ins Haus gehen? Wir würden uns gerne mit Ihnen unterhalten.«
»Ja, bitte. Kommen Sie. Ich gehe voran, folgen Sie mir bitte!«, sprach die Frau, nahm ihre beiden Kinder an die Hand und schritt vor den beiden Kommissaren ins Haus.
»Gehen wir ins Wohnzimmer!«
Melanie Schütz und Alois Kreithmeier folgten der Dame des Hauses. Wenn schon die Villa von außen recht beeindruckend aussah, war sie im Inneren luxuriös und hochwertig eingerichtet. Kreithmeier staunte. Hatte er doch bis jetzt noch nie, innerhalb seiner kriminalistischen Laufbahn, in einer solchen Villa zu tun gehabt. Das war eher etwas für seine Kollegen in München oder in Starnberg. Er hatte auch nicht gewusst, dass ein solcher Luxustempel in Freising stehen würde. Auch Melanie Schütz war überrascht, das konnte er an ihrer Körpersprache und Mimik erkennen. In ihrer Heimat hatte sie so etwas nie von innen betreten dürfen. Da gab es nur Plattenbauten und herunter gekommene Stadthäuser, die jetzt nach über zwanzig Jahren Wende mit dem Solidaritätszuschlag saniert sein müssten. Solche Herrschaftshäuser waren eher selten.
Das Wohnzimmer war hell und freundlich. Moderne Sitzmöbel, ein riesiger Fernseher, ein langer Esstisch und eine offene Küche, in der es an nichts fehlen durfte, bestimmten das Interieur.
»Nehmen Sie bitte Platz. Kann ich die Kinder nach oben schicken, sie sollten doch noch in die Schule gehen, oder möchten Sie sie auch sprechen?«
Melanie Schütz und Alois Kreithmeier sahen sich gegenseitig fragend an.
»Nein, nein, schicken Sie sie in die Schule! Das ist schon gut so. Wir könnten, wenn es sein muss, heute Nachmittag noch mal wieder kommen, wenn es Ihnen Recht ist«, sagte Kreithmeier.
»Danke! Bleiben Sie ruhig. David, Hannah, ihr habt es gehört, zieht euch an und geht in die Schule. Ich werde den beiden Kommissaren Rede und Antwort stehen. Wenn Sie euch noch brauchen, werden wir das schon arrangieren. Also gebt euer Mama noch einen Kuss und dann ab mit euch.«
Die beiden Kinder verabschiedeten sich mit einem Kuss bei ihrer Mutter und höflich bei den Polizisten.
»Zwei sehr gut erzogene Kinder. Bravo!«, sagte Melanie.
»Haben Sie auch Kinder?«, fragte die Mutter.
»Nein. Leider nicht«, antwortete Melanie. Alois schwieg, er fühlte sich nicht angesprochen. »Oder besser nicht«, fuhr sie fort, »Die Arbeit. Sie verstehen. Da bleibt nicht viel Zeit, und schon gar nicht für Kinder. Job und Familie. Aber lassen wir das. Wenn Sie uns kurz Ihren Namen sagen und dann möchten wir Ihnen ein paar Fragen stellen.«
»Sara Löbinger. 41 Jahre alt. Wir wohnen seit etwa sieben Jahren hier in diesem Haus.«
»Was heißt wir?«, fragte Alois.
»Das heißt mein Mann Tobias, mein Sohn David und meine Tochter Hannah. Und unser Dackel Joschi. Der jetzt leider tot auf dem Dach liegt.«
»Wo ist im Moment Ihr Mann?«
»Mein Mann ist auf einer Dienstreise. Er muss in Salzburg sein. Ich habe ihn noch nicht angerufen. Das sollte ich vielleicht noch tun?«
»Später. Sicher!«, beschwichtigte sie Alois Kreithmeier, »Erzählen Sie uns doch bitte, was passiert ist.«
»Gut!«, sagte Frau Löbinger, »es war so gegen halb sieben oder auch etwas früher. Sie müssen wissen, Joschi schläft immer im Zimmer meiner Tochter, er hat dort ein Körbchen, manchmal schläft er auch in ihrem Bett, was ich natürlich nicht so gern sehe, also heute früh, wachte meine Tochter Hannah auf und suchte ihren Joschi. Doch der war nicht im Zimmer. Das ist nicht unbedingt ungewöhnlich. Der läuft auch mal des Nachts durchs Haus. Er ist ein Jagdhund. Dackel sind doch Jagdhunde, oder?«
»Ja, morgens um sechs, die Tochter wacht auf und dann? Bitte Frau Löbinger!« Kommissar Kreithmeier wirkte ungeduldig.
»Konzentrieren Sie sich bitte«, beruhigte Melanie Schütz die Frau, »nur das Wichtigste, bitte!«
»Joschi war nicht im Zimmer und auch nicht im Haus. Hannah meinte, er sei in der Nacht aus dem Zimmer gerannt. Sie dachte, er müsse vielleicht Gassi. Das macht er oft ganz alleine. Wir haben in der Haustüre eine Art Katzenklappe in seiner Größe. Durch die kann er sich hindurch zwängen, pieselt dann in der Nacht in den Garten und kommt wieder zurück.«
»Nur heute Nacht nicht?«
»Nein, er war nicht im Haus. Während Hannah und ich Joschi suchten, entdeckte mein Sohn David ein Loch in einem der Fenster zur Terrasse hin. Hier bitte schauen Sie. Und die Tür stand offen.«
Kreithmeier stand auf und ließ sich das Loch im Glas der Terrassentür zeigen.
»Saubere Arbeit«, pfiff er durch die Zähne, »mit einem Glasschneider hat man ein Loch hineingeschnitten, um dann die Türe am Griff von innen zu öffnen. Wie von Profihand sieht es aus. Was haben die Täter mitgenommen? Was ist gestohlen worden?«
Kreithmeier sah sich im Raum um. Es gab zwar ein paar moderne nicht ganz billige Möbel, aber für normale Diebe nichts zum Mitnehmen. An der Wand hingen ein paar übergroße moderne Bilder. Farbkleckse. Bunte Farbkleckse. Aber alle Bilder hingen noch an ihrem Platz. Es gab keine Silberleuchter oder andere wertvolle Miniaturen im Raum, die Diebe an einen Hehler verkaufen hätten können.
»Das weiß ich nicht. Hier im Erdgeschoss sieht es so aus als ob alles an seinem Platz ist. Das Silberbesteck ist in der Küche. Alles noch da. Die Stereoanlage, der Fernseher, alles da. Und Schmuck und Bargeld haben wir nicht im Erdgeschoss. Mein Schmuck liegt in einer Schublade im Schlafzimmer. Alles vollzählig.«
»Eigenartig«, sagte Melanie Schütz und blickte Frau Löbinger streng an, als ob sie ihr die Geschichte nicht abnehmen wolle.
»Und Ihr Dackel? Wer hat den gefunden?«
»Meine Tochter.«
»Und wie? Der tote Dackel kann nicht von unten gesehen werden.«
»Aus dem Dachfenster. Ich weiß nicht wieso. Nun Hannah hatte mal eine Katze, die war immer aufs Dach geklettert und von dort nicht ohne fremde Hilfe heruntergekommen. Unbewusst hat sie daran gedacht, hat nach der Katze gesucht, nicht wissentlich daran gedacht, dass ein Rauhaardackel nicht aufs Dach klettern kann. Und dann wird sie ihn gefunden haben. Aus dem Dachfenster kann man die Dachrinne sehen. Sie muss geglaubt haben, er lebt noch, sonst hätten wir nicht die Feuerwehr gerufen.«
»Haben Sie die Feuerwehr benachrichtigt?«
»Ja. Ich wusste noch zu Zeiten der Katze, dass sie schnell da sind und uns helfen könnten.«
»Wo ist die Katze jetzt?«
»Weg. Ganz einfach weg. Von einem Auto überfahren, vom Katzenfänger für Tierversuche geschnappt. Ich weiß es nicht. Sie kam eines Tages nicht mehr nach Hause. Vielleicht lebt sie jetzt bei einer anderen Familie. Es heißt doch, wer eine Katze füttert, dem gehört sie, oder?«
»Ja. So ähnlich.« Kreithmeier war sauer. Zuerst eine dumme Katze, dann ein dummer Hund, und jedes Mal wurde die Feuerwehr geholt, um das Tier zu retten. Wer hat die Einsätze bezahlt? Familie Löbinger, der Steuerzahler, die Stadt Freising? Er wollte diese Frage nicht stellen. Jetzt noch nicht.
»Was meinen Sie, wie kam der Hund auf das Dach?«
»Nicht von alleine. Unser Joschi hätte nicht aufs Dach klettern könne. Er ist keine Katze. Oder ein Affe.«
»Aber wie kommt ein Rauhaardackel in eine Dachrinne und dazu noch tot?«, dachte der Kommissar laut nach. Es klingelte an der Haustür. Frau Löbinger sprang auf, kam aber nach wenigen Sekunden wieder in den Wohnbereich.
»Es ist für Sie, ein paar Herren von der Polizei. Kommen Sie bitte!«
»Das wird die Spusi sein«, sagte Kreithmeier zu seiner Kollegin, »lassen Sie nur, ich kümmere mich darum, ich war ja auch zuerst am Tatort.«
»Servus Kreithmeier, wo liegt die Leiche?«, tönte es von der Türe lautstark durch den Flur.
»Ganz ruhig. Es ist etwas anders als ihr denkt. Wir haben keine menschliche Leiche. Das Ganze ist verdreht. Ungewöhnlich. Bisschen verrückt. Also bitte Ruhe und Zurückhaltung. Diskretion.«
Die beiden Männer, die vor der Haustür auf ihn warteten, waren Rainer Zeidler und Josef Schurig, zwei unsensible Gestalten der Spurensicherung. Das Wort Diskretion existierte leider nicht in ihrem Vokabular. Jeder stand mit einem Koffer in der Hand vor dem Haus. Sie staunten nicht schlecht, als ihnen Kreithmeier den Tatbestand erläuterte. Und wie es so ihre Art war, kamen immer wieder bissige und spöttische Bemerkungen über ihren Mund: »Beim nächsten unnatürlichen Ableben eines Wellensittichs müssen wir dann in den Käfig klettern um Spuren zu finden.« Und »ob in der Pathologie eine Obduktion stattfinden solle, weil dann müsste ja jemand den Dackel rasieren« und »über die Mordkommission Thalkirchen, eine Spezialeinheit in Hellabrunn, des Münchner Zoos.« Und »wer wohl den Igel auf der Bundestrasse überfahren hat. Fahrerflucht sei dabei nicht ausgeschlossen.« Und so weiter, und so weiter.
Kreithmeier ließ sie reden, es hatte sowieso keinen Sinn. Das ganze war verzwickt und er war mitten drin. Melanie sah alles viel gelassener. Er ärgerte sich nur darüber, dass er ans Handy gegangen und hier nach Tuching gefahren war ohne sich zusätzliche Informationen einzuholen.
»Der tote Hund in der Dachrinne. Die Kommissare Kreithmeier und Schütz ermitteln.« Diese Schlagzeile im Freisinger Tagblatt auf der ersten Seite würde seine Karriere beenden. Er würde zum Spott der gesamten bayerischen Polizei werden. Könnte nur noch Auswandern und den Dienst quittieren. Damit es nicht soweit kam, musste er alles nach Vorschrift machen. Und es durfte nicht den geringsten Anschein geben, dass sie umsonst hierher beordert worden waren. Also musste die Spusi ihre Arbeit machen. Mal sehen, was dabei herauskam, vor allem im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Einbruch, bei dem angeblich nichts abhanden gekommen war.
»Benehmt euch, ihr beiden Kasperl. Mir ist Ernst dabei. Es hat einen Einbruch gegeben. Und es kann sein, das der Zamperl die Täter entdeckt hat und dabei sterben musste. Also keine blöden Witze mehr. Ich will wissen, wie der Hund gestorben ist und wann. Und ich brauche alle möglichen Spuren. Auf dem Haus und auch im Haus. Die Veranda ist ausgehebelt worden. Mit einem Glasschneider zuerst das Glas aufgeschnitten, dann die Tür geöffnet. Das waren Profis, keine Amateure. Und es leben reiche Leute hier im Haus. Also keine Fehler und keine blöden Bemerkungen. Habt’s ihr mich verstanden?«
Zeidler und Schurig stellten ihre Koffer ab, legten ihre linke Hand an die Hosennaht und salutierten mit der Rechten: »Jawoll Herr Obersturmbannführer, Jawoll.« Dann drehten sie sich ab, nahmen ihre Koffer wieder in die Hand und marschierten im Stechschritt lachend davon.
Kreithmeier rief ihnen hinterher: »Arschlöcher, verdammte Arschlöcher, macht euren Job, und nichts anderes.«
Es war hoffnungslos. Die beiden hatten in ihrem Polizeileben schon so viele Dinge gesehen, die waren abgebrüht und jede Art von respektvollem Verhalten gegenüber den Lebenden und Toten waren ihnen vollends fremd. Wahrscheinlich würde er genauso gefühlsmäßig abstumpfen, wenn er ihre Arbeit machen müsste, oder war er es schon und zeigte es nur nicht so offen? Er kehrte zurück ins Wohnzimmer. Es duftete nach frischem Kaffee.
»Darf ich Ihnen auch eine Tasse einschenken?«, fragte die Herrin des Hauses und hielt dabei eine silberne Thermoskanne in der Hand.
»Ja bitte, sehr gern.«
Der heiße Kaffee beruhigte ihn. Melanie lächelte ihn liebevoll an. Wenn er doch einmal bei ihr durchblicken würde, nur ein einziges Mal.
»Wir sind noch einmal alles der Reihe nach durchgegangen. Frau Löbinger wird uns heute Nachmittag besuchen, zusammen mit ihren Kindern, einmal, um ihre Aussage zu unterschreiben und, damit wir ihren Kindern noch ein paar Fragen stellen können, wenn noch etwas unklar ist. Einverstanden?«
»Sicher, bis dahin wissen wir auch mehr. Die beiden Herren von der Spurensicherung beginnen jetzt mit ihrer Arbeit. Bis dahin werden sie fertig sein. Sie werden sich auch hier im Hause umsehen. Nach Fingerabdrücken und ähnlichem suchen. Da bräuchten Sie dann Ihre Unterstützung. Wir müssen von Ihnen Fingerabdrücke nehmen und sie mit unbekannten vergleichen. Wann kommt Ihr Mann zurück?«
Frau Löbinger starrte ihn verstört an. Es war fast so, als habe sie für kurze Zeit ihren Mann vergessen: »Mein Mann, richtig, ich wollte ihn noch anrufen. Er wird noch in Salzburg sein, dann fährt er weiter nach Wien und kommt morgen Abend mit der Austrian Airlines zurück nach München.«
»Mit dem Flieger?«, fragte Melanie.
»Ja! Er hat sich einen Mietwagen für die Reise nach Wien genommen. Zurück kommt er mit dem Flugzeug.«
»Aha!«
»Kann ich noch etwas tun für Sie?«
»Auch wenn Sie es für unmöglich halten, bitte ich Sie, noch einmal nach oben zu gehen, und zu schauen, ob nicht doch etwas fehlt: Schmuck, Bargeld, Wertgegenstände. Na, Sie wissen schon. Und noch eine Frage, haben Sie einen Tresor im Haus?«
»Ja, im Keller. Den hat mein Mann dort einbauen lassen, vor knapp einem Jahr.«
»Was bewahrt er darin auf?«
»Das müssen Sie ihn bitte selbst fragen, ich haben keinen Schlüssel dafür. Es werden Geschäftspapiere sein. Ich habe meine Wertsachen im Schlafzimmer ganz offen. Aber so weit ich sehen konnte, ist alles noch da.«
»Zeigen Sie uns bitte den Tresor«, forderte Alois die Dame des Hauses auf.
»Dann folgen Sie mir bitte in den Keller.«
Eine breite Treppe führte ins Kellergeschoss. Neben einem Wellnessbereich mit Sauna und Dampfbad, beherbergte der Keller ein Schwimmbad, mehrere Abstellräume, einen Haushaltsraum und einen Raum, der einem Arbeitszimmer ähnelte: ein Schreibtisch, mehrere Aktenschränke und Bücherregale und ein in die Wand eingebauter Tresor.
Obwohl es hier nicht aufgeräumt war, behauptete die Hausfrau, dass es immer so aussieht, die angeborene Unordnung ihres Mannes sei daran schuld. Es sei nichts durchsucht worden, es sei alles auf seinem Platz und auch der Tresor war verschlossen, keine Kratzspuren an der Tür oder an den Scharnieren. Melanie sog das Bild vor sich ein und speicherte es in ihrem Gehirn. Alois langweilte der Anblick. Super sauberes Wohnzimmer und Küche und dann diese Rumpelkammer. Hier kann doch kein Mensch arbeiten. Er blätterte beiläufig durch einen Akt auf dem Tisch.
»Was macht Ihr Mann eigentlich so beruflich?«, fragte er Frau Löbinger.
»Mein Mann ist Bauunternehmer. Sie kennen sicher seine Firma. Die Löbinger Bau. Wir haben sogar am neuen Flughafen mitgebaut.«
»Wo ist denn der Firmensitz?«
»In Schwaig, direkt am Flughafen.«
»Und was macht Ihr Mann in Österreich?«
»Geschäfte. Nichts als Geschäfte. Was weiß ich?«
Gizmo freute sich, als sein Herrchen endlich wieder bei ihm war. Er bellte, wedelte mit dem Schwanz und drehte sich auf der Rückbank im Wagen von Alois Kreithmeier immer wieder um die eigene Achse.
»Können Sie mich mitnehmen?«
Kreithmeier drehte sich um und blickte in die blauen Augen von Melanie Schütz, die plötzlich hinter ihm stand und ihn anlächelte.
»Sind Sie denn nicht....«
»Nein, bin ich nicht. Ich bin mit einem Taxi hierher gekommen«, unterbrach sie ihn, »mein Auto steht noch vor dem Polizeirevier, ich hatte ihn gestern Abend dort stehen lassen.«
»Warum denn das?«
»Fragen Sie lieber nicht. Nehmen Sie mich mit?«
»Natürlich! Steigen Sie ein!«
Alois Kreithmeier öffnete die Beifahrertür. Gizmo sprang sofort nach vorne auf den Beifahrersitz und wollte sich lauthals bellend hinaus drängen. Doch Melanie blickte ihn streng an und sagte ein paar Worte zu ihm, die Alois nicht hören konnte. Sofort beruhigte sich der Hund, kletterte wieder zurück auf die Hinterbank und legte sich ohne zu kläffen auf seine Decke.
Es war jenseits aller Vorstellungskraft von Kreithmeier, wie Melanie Schütz es immer wieder schaffte, Gizmo ruhig zu stellen. Bereits wenige Tage nach ihrem ersten Zusammentreffen hatte Gizmo recht schnell gelernt, wer von ihnen beiden das Sagen hatte. Melanie zeigte keinerlei Angst vor dem stämmigen Vierbeiner. Gizmo akzeptierte ihre natürliche Dominanz. Alois hätte gerne etwas davon abbekommen, denn Gizmo hörte nicht immer auf ihn, schon gar nicht, wenn es ums Bellen oder andere anzuknurren ging.
Gizmo hatte bisher noch niemanden gebissen. Gott sei Dank. Aber er produzierte sich jedes Mal vor Fremden oder ihm nicht bekannten Personen, bellte sie an, fletschte die Zähne und knurrte giftig. Es reichte auf jeden Fall aus, dass die vermeintliche Person Angst vor dem Hund bekam und ihm Respekt zollte. Und das war auch Gizmos Absicht, Macht über andere zu haben. Irgendwo musste in dem Mischling ein Wach- oder Kampfhund, oder Teile der DNA eines Wolfes stecken. Erst nach einiger Zeit gab er Ruhe oder wurde durch ein Leckerli bestochen.
Melanie Schütz stieg ein und setzte sich neben Kreithmeier. Gizmo wedelte mit dem Schwanz und himmelte sie an. »Männer!«, dachte Alois, »Männer! Sogar männliche Hunde verfielen dem Charme oder der Führungsmentalität dieser Blondine.«
Er dachte an den Feuerwehrmann, den sie vor der Villa kurz zusammengefaltet hatte und der ohne zu Murren ihrem Befehl gefolgt war. Ob sie eine Bereicherung für seine Dienststelle war oder nicht, diese Entscheidung hatte er bislang noch nicht getroffen. Auf jeden Fall hatte sie in Freising etwas frischen Wind in das barocke Dienstgebäude in der Haydstrasse gebracht. Wenn er selbst etwas von den Kollegen wollte, musste er immer alles deutlich erklären, warum, weshalb und wieso. Sie bekam immer alles mit einem Aufschlag ihrer blauen Augen. Das Leben war einfach ungerecht.
»Was hältst du von der ganzen Geschichte?«, fragte sie ihn. Schon wieder duzte sie ihn. Sie war mittlerweile mit der gesamten Polizeiinspektion per Du. Er wollte den offiziellen Anstand wahren und siezte alle.
»Warum fragen Sie?«
»Weil man dich doch zuerst an den Tatort gerufen hat. Du bist doch die Leiter hochgeklettert und hast alles von oben gesehen. Du sahst süß aus mit deinem Feuerwehrhelm. Hat dir irgendwie gepasst. Und niemand hat gemerkt, dass du Angst vor der Höhe hast. Mein Held!«
»Jo mei!«
»Und?«
»Ich weiß nicht, ich finde das alles lächerlich und übertrieben. Und ich glaube der Frau Löbinger kein Wort.«
»Wieso denn das?«
»Weil sie nach dem angeblichen Einbruch und dem Tod ihres geliebten Haustieres nicht ihren Mann angerufen hat. Das gibt es doch nicht.«
»Wir wissen ja nicht, was die für ein Verhältnis miteinander haben. Ein tolles Haus, gut erzogene Kinder, teure Möbel. Das kann auch ein goldener Käfig sein.«
»Was wissen Sie denn von einem goldenen Käfig, Frau Schütz. Sie waren nie verheiratet und Ihre Beziehungen haben, so viel ich weiß, nie lange angehalten, oder?«
Melanie Schütz drehte sich um und blickte Alois Kreithmeier streng von der Seite an. Dieser fuhr ruhig weiter und schaute nach vorne auf die Straße. Er spürte ihren Blick. Er hatte gerade den Finger in eine offene Wunde seiner Kollegin gebohrt, eine der wenigen schwachen Stellen der Kommissarin. Sie drehte sich sofort wieder um. Er war froh, dass sie nicht auf seine dumme Bemerkung einging. Die letzte Nacht war für sie wohl auch nicht so gut gelaufen. Sie hatte sicher noch die Ausgehfummel vom gestrigen Abend an: Minirock, enge Bluse, hochhakige Pumps. Sie hatte noch keine Zeit gehabt, sich zu Hause umzuziehen, wahrscheinlich war sie noch nicht einmal zu Hause gewesen, kam vielleicht sogar direkt von ihrem Date.
»Soll ich Sie kurz nach Hause fahren, dann könnten Sie sich noch umziehen?«
»Nein. Nein. Passt schon. Aber noch einmal, wie kommt ein Dackel auf ein so hohes Dach?«, schweifte sie sofort vom Thema ab.
»Das weiß ich nicht. Wir sollten auf die Spurensicherung warten, was die alles herausgefunden haben.«
»Auf jeden Fall. Aber dieser versuchte Einbruch. Wenn es denn überhaupt einer war? Da macht sich einer die Mühe und schneidet ganz vorsichtig ein Loch in die Fensterscheibe. Ich wüsste nicht einmal, wo ich das entsprechende Werkzeug herbekomme. Dann öffnet er leise die Tür, ohne dass die schlafenden Hausbewohner etwas mitbekommen, und dann nimmt er nichts weg, rein gar nichts. Entweder sie haben nichts bemerkt oder sie lügen.«
»Die Einbrecher sind gestört worden. Wahrscheinlich von dem Hund. Dann sind sie schnell abgehauen, haben den Hund aber vorher noch zum Schweigen gebracht.«
»Getötet? Aber ja, das könnte sein. Es klärt aber immer noch nicht den Tatbestand wie der tote Dackel in die Dachrinne kommt. Oder? Und wenn diese Töle die Einbrecher entdeckt hätte, müsste er doch gebellt haben, dass bekommt jeder im Haus mit und vielleicht sogar die Nachbarn. Wer hat die Nachbarn eigentlich befragt, Kreiti?«
Er hasste es, wenn sie Kreiti zu ihm sagte, er biss sich auf die Lippen und antwortete: »Damit habe ich Polizeiwachtmeister Dallinger beauftragt. Er wird uns heute Nachmittag alles erzählen.«
»Aber wie kommt dieser Hund, wie hieß der noch mal, aufs Dach?«
»Joschi!«
»Was für ein komischer Namen für einen Hund. Heißen die Dackel bei euch in Bayern nicht alle Waldi, Wastl oder Max. Aber Joschi. Was für einen Namen? Joschi?«
»Der Name kommt von Joshua. Ein davon abgewandelter Spitzname.«
»Wer nennt denn seinen Hund Joshua?«
»Keine Ahnung.«
»Wer kam denn bei deinem Hund auf den Namen Gizmo. Und was bedeutet das?«
»Den Namen hat der Vorbesitzer ausgesucht. Ich habe den Hund aus dem Tierheim. Gizmo ist der Name für einen Mogwai.«
»Ein Mogwai? Was soll das denn sein?«, lachte sie.
»Ein kuscheliges Wesen mit Fledermausohren. Aus einem Kinofilm in den 80 er Jahren. Gremlins hieß er. Kleine Monster. Ist bei euch wohl nicht im Kino oder Fernsehen gelaufen?«
Melanie Schütz blickte ihn wieder streng an.
»Ein Mogwai ist ein Fabelwesen«, fuhr er fort, »das sich leicht in ein Monster, in ein Gremlin verwandeln kann.«
»Hä?«
»Ja, wenn man ihm nach Mitternacht etwas zu essen gibt oder ihn mit Wasser bespritzt.«
»Aha! Und dann?«
»Dann werden die kuscheligen Mogwai zu Monstern. Sie vermehren sich und zeigen große Vorliebe für Zerstörung, Panik, Vandalismus und Chaos.«
»Also ganz so wie dein Hund, Alois. Jetzt verstehe ich es. Das macht Sinn.«
»Blödsinn! Mich wundert nur, dass Sie nicht schon früher mal danach gefragt haben.«
»Nach was?«
»Na, nach den Namen.«
»Ich habe mir bei dem Namen nichts gedacht. Und Gizmo und ich verstehen uns gut. Gell Gizmo.«
Melanie drehte sich nach hinten und kraulte Gizmo das Fell im Nacken. Es gefiel dem Hund, er wedelte mit seinem Stummelschwanz und gab Geräusche des Wohlfühlens von sich.
»So wir sind da. Polizeiinspektion Freising. Alles aussteigen.«
Gizmo hatte sofort bemerkt, dass sein Herrchen auf den Parkplatz des Polizeireviers gefahren war. Er stand auf seinen Beinen, bellte und wollte aus dem Auto.«
»Ja, ja, ich komme ja gleich«, rief Kreithmeier und öffnete die Fondtür. Gizmo nutzte die Gelegenheit und sprang mit einem Satz aus dem Wagen. Sofort rannte er zu Melanie und holte sich ein paar zusätzliche Streicheleinheiten ab. Kreithmeier murmelte nur »Verräter« und schritt voran.
Der wachhabende Polizist öffnete ihnen die Tür, dabei lächelte er die drei schelmisch an. Obwohl Gizmo den Wachhabenden freudig anbellte, konnte Kreithmeier einige verächtliche »Wau, Wau, Wauwau« aus dem Mund des Polizisten nicht überhören. Aha, dachte er, ohne darauf zu reagieren, es war also auch schon in die Haydstrasse vorgedrungen, dass der Leichenfund am frühen Morgen nicht menschlich gewesen war. In so einer kleinen Stadt wie Freising blieb nichts verborgen. Und die Leute von der Feuerwehr waren dafür berühmt, dass nicht nur ihr Wasserschlauch recht locker saß, sondern auch ihre Gosch.
Kreithmeier zwängte sich durch die schwere Eingangstür und hielt sie galant für seine Kollegin und seinen Hund offen, dann drehte er sich Richtung Treppenhaus, nicht ohne dem Polizisten noch kurz den Mittelfinger gezeigt zu haben. Der lachte nur laut auf und sprach sofort zu einem der Kollegen hinter der Panzerscheibe. Er hatte mit seiner Bemerkung Erfolg gehabt, das hatte die Reaktion des Kriminalhauptkommissars gezeigt.
Das Büro der Kriminalabteilung lag im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes. Die beiden Kommissare unterhielten zusammen ein großes Büro mit zwei Schreibtischen, einen Vernehmungsraum und eine kleine Teeküche mit Kaffeemaschine und Mikrowelle. Der Kaffee war genießbar und besser als der Automatenkaffee der Bereitschaft. Die Mikrowelle benutzte hauptsächlich Melanie Schütz für ihre diversen Convenience Produkte aus dem Supermarkt.
Gizmo lief zum Schreibtisch seines Herrchens und legte sich auf seine Decke. Er leckte sich die Pfoten und den Schritt, dann gab er Ruhe und beobachtete, was die beiden Menschen taten.
Kreithmeiers erste Tat im Büro war es die Kaffeemaschine einzuschalten. Hatte die Feuerwehr ihn doch heute aus seinem alltäglichen Morgenritual herausgerissen. Aufstehen, Zähne putzen, Waschen und Rasieren, Anziehen, dann mit Gizmo Gassi gehen, dann wieder zu Hause einen heißen Kaffee und zwei Scheiben Toast mit Marmelade genießen, das Freisinger Tagblatt lesen und eine Zigarette auf dem Balkon rauchen. Bis zum Gassi gehen und einer Zigarette an der frischen Luft war er gerade noch gekommen. Frühstück und Zeitung waren untergegangen. Und nicht wieder aufzuholen. Und wie er den blinden Aktivismus seiner Kollegin einschätzte, wurde jetzt die Planungstafel ins Büro geschoben, Zettel und Bilder darauf befestigt und mit abwaschbaren Filzstiften Linien und Pfeile dazwischen auf das White Board gezogen. Den ganzen Mist kannte sie entweder von der Thüringer Polizeischule oder aus dem Fernsehen: Aus ihren Lieblingssendungen Navy CIS oder CSI Miami oder aus dem Tatort. Seine bevorzugten Fernsehermittler, die Rosenheim Cops oder der Bulle von Tölz, brauchten diesen modischen Schnickschnack nicht. Die kamen immer nach 45 Minuten durch Fragen, Observieren oder Analysieren zum Erfolg. Die klassische Arbeitsweise der Kriminalpolizei.
Selbst auf die beiden von der Spurensicherung wollte er sich im Notfall nicht verlassen. Rainer Zeidler sah aus wie der ewige Student, nur nicht mehr so jung. Seine langen Haare trug er in einem Zopf, wahrscheinlich schon 30 Jahre lang. Niemand der Dienststelle konnte sich ihn ohne lange Haare vorstellen. Sie waren immer mit einem Gummiring sauber nach hinten zu einem Zopf gebunden. Zeidler war seit vielen Jahren bei der Spurensicherung. Er hatte vor der Polizei in der Qualitätssicherung von Weihenstephan gearbeitet. Damals hatte er noch dafür gesorgt, dass die gute Weihenstephaner Milch und die leckeren Joghurts in einem hohen Qualitätsstandard an die Verbraucher gehen. Jetzt untersuchte er nicht mehr Käse- und Schimmelsporen, sondern die jeweiligen Tatorte nach Fingerabdrücken, DNA Spuren und allerlei Hinweisen, die dem ermittelnden Kommissar helfen sollten, die Verdächtigen zu überführen.
Zu der Marotte mit den langen Haaren kam noch hinzu, dass er einen alten VW Käfer fuhr. In Kreithmeiers Augen eine alte Rostlaube, in Zeidlers Augen ein ehrenwerter Oldtimer mit Historie. Mit Rainer über alte Autos zu reden half nichts. Er hatte immer Recht. Zu jeder alten Rostbeule fiel ihm eine originelle Geschichte ein. Und er war sogar Mitglied in einem Oldtimerverein. Kreithmeier fuhr privat einen Golf 2, Baujahr 1992, mit über 180.000 Kilometern auf dem Tacho. Rainer meinte, dass der Wagen jetzt bald ein Youngtimer werden würde, wenn er den Wagen pflegen und hegen würde. Alois war der Wagen ziemlich egal. Das Vehikel musste ihn von A nach B bringen. Und für einen neuen hatte er kein Geld. Seit der Trennung von seiner Frau, war es finanziell nicht mehr ganz so einfach für ihn. Sie hatten zwar keine gemeinsamen Kinder, aber trotzdem musste er einen Teil seines monatlichen Salärs an sie abtreten. Einige Jahre noch. Dann hörte das auch auf. Wenn der Golf nicht mehr durch den TÜV kommen sollte, dann müsste er sich um einen neuen Fahruntersatz kümmern. Doch bis jetzt lief der alte VW noch. Und außerdem hatte er ja noch seinen Dienstwagen, einen Dreier von BMW.
Zeidlers Kollege Schurig dagegen war ein komischer Kauz. Wesentlich schlimmer. Ein rigoroser Korinthenkacker, Erbsenzähler. Keinen Humor, kein Lachen. Nur immer die Arbeit im Kopf. Mister Mikroskop, wie er gerne mal von den Beamten genannt wurde. Kurzgeschorene Haare, bleiches Gesicht, gerade Zähne, immer frisch rasiert. Stechend blaue Augen. Ehemaliger Chemiker bei Wackerchemie. Dann hierher nach Freising gezogen. Sicher nicht der Liebe wegen. Dallinger hat mal im Kaffeeraum den Spruch losgelassen, dass der Schurig seinen Namen geändert hätte, und zwar von Schaurig zu Schurig. Alle hatten gelacht. Und dass er, bevor er mit einer Frau etwas anfange, zunächst einen Abstrich machen würde und er mit Sicherheit in seinem Schlafzimmer ein Mikroskop stehen hätte. Kreithmeier hatte das nicht so lustig gefunden, doch die Kollegen hatten sich bei diesem Witz fast kaputt gelacht. Sogar Melanie Schütz fand das lustig. Seither hatte der Schurig seinen zweiten Spitznamen weg: Schaurig.
Melanie Schütz setzte sich auf ihren Bürostuhl, zog ihre Pumps aus, öffnete eine Schublade ihres Schreibtisches und stellte die Schuhe ordentlich dort unter. Aus einer anderen Schublade zauberte sie ein paar Rosa farbene Filzpantoffel hervor und schlupfte hinein.
»Ach, das tut gut. Jetzt habe ich diese Treter fast über 10 Stunden an. Mit kleinen Pausen. Eine unnatürliche Art des Laufens. Aber die Männerwelt will es so.«
»Wer schön sein will, muss eben leiden.«
»Diese dummen Sprüche gab es sogar in unserer Welt vor dem Mauerfall. Nun ja, in einem anderen Dialekt, aber der Sinn war der Gleiche.«
»Stimmt doch, oder?«
»Klischees. Nichts als Klischees. Ihr Männer wollt doch, dass wir Frauen immer Top aussehen. Lange rasierte Beine, keine Falten und immer ein Lächeln auf den Lippen. Und ist der Busen zu klein, verdient eine Armada an Schönheitsschnipplern ein Vermögen daran, das zu ändern. Und warum das alles? Nur weil ihr Männer niemals mit dem zufrieden seit, was ihr bekommen habt.«
»Und ihr Weibsleut wollt auch immer an uns herum schulmeistern. Jede Frau, die ich kennengelernt habe, wollte mich verändern. Man tut das nicht und man tut das nicht und so weiter. Frauen und Männer verstehen sich halt nicht.«
»Aber sie sollten zueinander finden. Und Männer sind wie junge Pferde, immer auf dem Sprung. Leicht zu erschrecken, vor allem mit zwei Worten.«
»Mit welchen zwei Worten?«
»Liebe und Heirat. Kurz ausgesprochen und schon rennen sie wild von der Koppel.«
»Schmarren.«
»Ach Kreiti lassen wir das. Das ist eine neverending Story. Und wir beide werden das nicht ändern. Kaffee?«
»Ja, bitte, mit Milch. Ein Schuss Milch nur.«
»Als ob ich das nicht wüsste. Wie lange kennen wir uns? Holst du mal bitte das White Board.«
»Das was?«
»Die weiße Tafel auf Rollen.«
»Ich ahnte es.«
»Was?«
»Das Sie wieder alles auf diese weiße Tafel kleben.«
»Und warum nicht. Dafür haben wir doch dieses Ding.«
»Immer dieses neumodische Zeugs.«
Melanie Schütz schüttelte den Kopf: »Ich hole uns erstmals Kaffee. Einen Schuss Milch für dich. Wie immer halt.«
Sie verschwand aus dem Büro und Alois hörte sie in der Teeküche klappern. Er setzte sich in seinen Sessel und lehnte sich zurück. Dabei kam ihm eine Idee. Er schnappte sich den Hörer, klappte sein Notizbuch auf und wählte eine Nummer.
»Ja, guten Tag, hier ist noch mal Hauptkommissar Kreithmeier, Frau Löbinger. Haben Sie in der Zwischenzeit Ihren Mann erreichen können? Nein, sagen Sie. Er hat doch sicher ein Handy. Keinen Empfang. Aha. Nein, sonst habe ich nichts weiter auf dem Herzen. Wann können Sie mit Ihren beiden Kindern bei uns sein? Ja um 16 Uhr, das passt. Gut, dann bis später.« Er legte auf.
Melanie kam zurück ins Zimmer und stellte ihm einen Becher dampfenden Kaffee vor die Nase.
»Danke«, und nippte vorsichtig an der heißen Tasse, »Die Familie Löbinger kommt um vier Uhr. Ist doch Okay.«
»Passt schon. Wir sollten vorher noch mit den beiden Freaks von der Spurensicherung gesprochen haben. Ich möchte wissen, an was der Hund gestorben ist und welche Fingerabdrücke sie im Haus gefunden haben.«
»Und wo ist die Tafel?«
»Hallo? Das war dein Job!«
Melanie verließ ein zweites Mal das Büro und kam nach ein paar Sekunden wieder zurück, eine schwere Magnetoplantafel vor sich her schiebend. Sie stellte sie provozierend vor Kreithmeiers Schreibtisch und lehnte sich lasziv daran.
»Und jetzt?«, fragte Kreithmeier gelangweilt.
»Jetzt machen wir unsere Arbeit«, sagte sie und trank einen Schluck Kaffee. Der Schaum machte ihr auf der Oberlippe ein kleines Bärtchen. Ganz langsam leckte sie den Schaum mit der Zunge ab. Dabei blickte sie ihrem Kollegen tief in die Augen. Sie liebte es ihn zu verwirren. Seit sie zusammen arbeiteten, duzte sie ihn, das hatte er sich nicht ein einziges Mal getraut. Er hasste es, wenn sie ihn Kreiti nannte und noch mehr, wenn sie ihn anbaggerte.
Alois Kreithmeier war in ihren Augen nicht unbedingt unattraktiv. Doch er machte sich bewusst oder unbewusst hässlicher als er tatsächlich war. Diese schrecklichen Anzüge aus dem Supermarkt. Kunstlederschuhe mit Plastiksohle ohne Fußbett. Darin konnte man nur schlurfen und nicht aufrecht gehen. Wie ein Mann! Und dann seine Frisur. Wer schnitt ihm die Haare? Sicher kein fachkundiger Frisör. Seine Mutter? Seit seine Frau ihn verlassen hatte, war er immer mehr verwahrlost. Auch zu Zeiten seiner Frau wirkte er immer älter als er tatsächlich war.
Und er hatte Übergewicht. Trotz kräftiger Arme und Beine hatte er einen Bauch. Einen Bierbauch. Oder Schweinsbratenbauch oder Knödelfriedhof, wie die Bayern sagten. Egal. Hier half nur Sport. Ausdauersport. Die paar Minuten mit Gizmo täglich in den Isarauen konnten da nicht helfen. Sie hatte ihm schon öfter angeboten, ihn mal beim Joggen mitzunehmen, doch Kreiti fand immer wieder eine Ausrede, um nicht mitzugehen. Obwohl, seit er den Hund hatte, er nicht mehr ganz so introvertiert war, wie kurz nach der Trennung von seiner Frau. Sie schaute ihn provozierend an und leckte sich ein weiteres Mal ihre Lippen ab.
Kreithmeier achtete nicht darauf, er kramte in seinen Unterlagen auf dem Schreibtisch, schnappte sich ein paar Papiere und Bilder, stand auf und befestigte sie mit Hilfe runder Magneten an der Tafel.
»Also! Hier haben wir die Löbingers. Unbescholtene Familie, zwei Kinder. Vater betreibt ein Baugeschäft.....«
»Wieso unbescholten? Baugeschäft? Da hängt immer Dreck dran. Ich habe gelesen, es gibt fast keine Baustelle mehr ohne kriminelle Machenschaften: Schwarzarbeiter, Bestechung, Betrug und Pfusch am Bau. Also das Unbescholten muss noch bewiesen werden. Richtig?«
»Frau Schütz. Können wir erst einmal unvorbelastet an die Sache herangehen. Und wenn Sie dabei so lange Ihre Weisheiten aus der Tagespresse etwas zurück stecken würden. Das wäre super.«
»Von mir aus. Nur mein Bauchgefühl sagt mir, dass nicht alles Gold ist was glänzt.«
»Immer diese Verallgemeinerungen. Schrecklich. Also weiter. Familie Löbinger. Zur Tatzeit im Haus, bis auf den Ehemann. Und wo der steckt, weiß gerade niemand. Dann das Haus. Versuchter Einbruch oder so ähnlich. Ein toter Hund in der Dachrinne.«
»Dackel! Ein toter Dackel!«
»Kollegin Schütz!«
»Kollege Kreithmeier?«
»Ja, ein Dackel. Und weiter?«
»Ein Dackel ist nicht so schwer wie ein Bernhardiner. Diesen Tatbestand sollten wir nicht unter den Tisch kehren.«
»Gut! Und was wiegt ein Dackel?«
»Ich weiß es nicht. Ich kann ja mal im Internet nachschauen. Aber er ist um einiges leichter als ein Bernhardiner, so viel ist sicher«, lachte sie und setzte sich an ihren Computer. Sie gab etwas ein und blickte konzentriert auf den Bildschirm.
»Ein Dackel wiegt maximal 9 Kilogramm, ein Bernhardiner fast 80 Kilogramm. Schon ein Unterschied. Was wiegt eigentlich dein Gizmo?«
Kreithmeier dachte nach. »15 bis 20 Kilogramm. Ich weiß es nicht genau. Habe nur mal geschätzt.«
»Okay. Könntest Du ihn ohne weiteres zehn Meter hoch werfen?«
»Niemals.«
»Na siehst du. Und einen Dackel? Acht Kilogramm Lebendgewicht?«
»Sicherlich nicht lebend, der würde sich wehren und mich beißen.«
»Aber tot?«
»Ich glaube schon.«
»Das heißt doch, jemand muss den Hund nach oben geworfen haben. Nur wer macht so etwas?«
»Ein Unfall?«
»Papperlapapp. Niemals. Wo bleiben die Freaks aus der Spusi? Die müssten doch schon erste Resultate haben. Ich ruf mal unten an.«
Melanie Schütz wählte eine interne Nummer.
»Ah, der liebe Rainer. Hat dich die Feuerwehr heute um deine tibetischen Übungen gebracht. Nicht. So viel Zeit muss sein. Da hast du Recht.« Mit dem Zeigefinger drehte sie ein paar Kreise vor ihrer Schläfe.
»Aha, ihr habt schon was für uns. Na dann kommt mal. Erster Stock. Nicht schwer zu finden. Immer der Nase nach. Habe heute Chanel Nummer 5 an. Rosenöl und Orangenschalen. Ihr Spusis müsst das doch erreichen können. Ja, bis gleich.«
»Was war das denn?«, fragte Alois Melanie.
»Na, ja, ich weiß, dass der Rainer jeden Morgen, komme was wolle, seine fünf Tibeter macht.«
»Was? Fünf Tibeter?«
»Das sind fünf Übungen, die den Körper und Geist gesund halten sollen. Würde dir auch mal gut tun.«
»Wieso denn das?«
