Blutrausch - Kurt Ostbahn - E-Book

Blutrausch E-Book

Kurt Ostbahn

4,8

  • Herausgeber: MILENA
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Im Café Rallye brennt noch Licht. Der Wickerl, der eigentlich Lokalverbot hat, ist voll auf Speed oder Koks oder irgendeiner anderen Mischung, die ihn zur tickenden Zeitbombe macht, und auch Dr. Kurt Ostbahn gesellt sich nach dem letzten Konzert einer längeren Tournee in sein Stammcafé - auf einen überdimensionalen Fernet plus Bier. Dann dreht der Wickerl irgendwie durch und später, als der Ostbahn heimgehen will, stört eine Blutspur den Fluss seiner kreativen Gedanken, der Wickerl liegt aufgeschlitzt auf der Gasse und die spielfreie Zeit füllt sich alsbald mit Laster, Perversion, Mord und Totschlag. Für den großen Rest der wilden Geschichte, in der gebeutelte Junggesellen, fesche Katzen, Fetischisten, S&M-Praktiker (und -Praktikerinnen), Satanisten und ein wahnsinniger Veterinärstudent herumgeistern, gilt Ostbahns Leitsatz: "Wir, der Brödl und ich, mischen Dichtung und Wahrheit im Verhältnis 1:1. Es kann stimmen oder auch nicht." Was grauslich beginnt, geht graulich weiter und steigert sich bis zu einem grandiosen "Blutrausch"-Finale, bei dem der Kurti den Kieberern glatt die Schau stielt. Bis es allerdings so weit ist, fließt noch der eine oder andere Liter Blut, rinnt noch das eine oder andere Krügel durch die stets durstige Kehle des Ich-Erzählers.

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Seitenzahl: 275

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GÜNTER BRÖDL (1955–2000)

österreichischer Schriftsteller, Songtexter und Musikjournalist. Von 1985 bis zu seinem plötzlichen Tod am 10. Oktober 2000 schrieb er nicht nur sämtliche Songtexte für „Ostbahn Kurti & die Chefpartie“ und später für „Kurt Ostbahn & die Kombo“, sondern erfand auch alle Geschichten, die sich um die Figuren beider „Musikgruppen“ ranken.

Statt der ursprünglich geplanten Kurt-Ostbahn-Trilogie Blutrausch (1995), Hitzschlag (1996) und Platzangst (1997), verfasste Günter Brödl noch drei weitere Kurt-Ostbahn-Kriminalromane: Kopfschuss (1999) Peep-Show/Trainer & Trash ermitteln (gemeinsam mit Peter Hiess, 2000) und Schneeblind (2002, posthum veröffentlicht).

Auf den legendären „Mord und Musik“-Lesetourneen trug er gemeinsam mit „Kurt Ostbahn“ sowie unterstützt von der „Kombo“ im Kleinformat aus seinen Werken vor. 1997 schrieb er für die Blutrausch Verfilmung (Regie: Thomas Roth) das Drehbuch. Außerdem verfasste Brödl Theaterstücke, Musicals, Comics und weitere Bücher.

2001 wurde er posthum mit dem Amadeus Austrian Music Award für sein Lebenswerk geehrt.

Geneigter Leser, anmutige Leserin!

Haben Sie sich eigentlich je die Frage gestellt, was Ihr Rock-and-Roll-Musikant tut, wenn er grad nicht Saison hat? Nun, ich für meinen Teil zum Beispiel lieg auf meiner Bettbank und sinniere nach über die Tücken des Lebens. Und das kann dauern. Konkret, beim letzten Mal, über drei Monate. Fad, werden Sie sagen. Konträr, sag ich. Sie haben ja nicht die leiseste Ahnung, was einem dabei so alles zustoßen kann! Mord, Totschlag, Perversion und Laster aller Art. Und das ist noch gar nix gegen die Wahrheit.

Irgendwann hab ich diese dem Trainer erzählt, also dem Mann, der in meiner Combo für das mentale Wohlergehen zuständig ist. Und der Trainer war begeistert. Dazu muß man wissen, dass der Trainer – Günter Brödl mit Namen – ja eigentlich kein Trainer in dem Sinn ist, sondern vielmehr ein Dichter, aber weil die Dichterei eine brotlose Kunst ist in unseren Tagen, schreibt er halt die vielen Songtexte, die ich Ihnen dann gesanglich zum Vortrag bringe. Wenn der Trainer was schreibt, dann schreibt er am liebsten vom wirklichen Leben ab. Und das Unfaßbare, das mir in der spielfreien Zeit in meiner Matratzengruft zugestoßen ist, war anscheinend so was von wirklich, daß es den engen Rahmen eines Rock-and-Roll-Schlagers gesprengt hätte. Und so ist nach vielen Stunden Schreibarbeit das vorliegende Druckwerk entstanden. Ein Kriminalroman könnte man sagen. Aber natürlich ist alles wahr und von mir eigenhändig erlebt. Und selbstredend sind die Personen der Handlung nicht frei erfunden, sondern mir persönlich bekannt. Der Trainer hat ihre Namen geändert und ihnen allerhand angedichtet, so daß sie jetzt kaum wiederzuerkennen sind. Aber das ist eh besser so.

Und daß das Ganze jetzt noch spannender ist als im wirklichen Leben, dafür können Sie sich so wie ich – beim Trainer bedanken.

Ihr Kurt Ostbahn

Dieses Buch ist Peter Hiess gewidmet,weil er zwischen dem Trainer undDoktor Trash eine wahre Freundschaftgestiftet hat.

I live the life I loveAnd I love the life I live

Willie Nelson

Weil Du am Leben bist, ist jeder Tag gut.

Henry Old Coyote

Erklärung von Fachausdrücken: S. 220

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Zum besseren Verständnis

Psychothriller im Milena Verlag

Kriminalgeschichten im Milena Verlag

1

Im Café Rallye brennt noch Licht. Es ist kurz nach zwei und seit Mitternacht Sperrstunde, aber wenn sich der Herr Josef ein ahnungsloses Opfer gefunden hat, das mit ihm Fernet trinkt, hat das Rallye auch durchgehend geöffnet. Der Herr Josef serviert dann zum Magenbitter die bittere Geschichte seiner Motorsportkarriere. Und wenn es draußen wieder hell wird, ist er am schwärzesten Punkt seiner Rennfahrerlaufbahn angelangt, bei der Rallye Paris-Dakar. Nach einem Getriebeschaden war für den jungen Herrn Josef das Rennen in Marseilles gelaufen, und er heuerte bei der Fremdenlegion an. Schwarzafrika. Kongo, sagt er dann und schließt die stark geröteten Augen. Das war die Hölle, die Hölle auf Erden.

Heute Nacht hat er ein anderes Problem. Der Wickerl ist da, voll auf Speed oder Koks oder irgendeiner Mischung, die ihn zur tickenden Zeitbombe macht.

»Abend, Herr Kurt«, sagt der Herr Josef müde, als er die milchgläserne Eingangstür einen Spalt aufmacht und mich eintreten läßt.

»Herr Josef«, sage ich und höre sofort, daß ihn heute nicht der Kongo, der Fernet und ein geduldig lauschender und trinkender Gast am Heimgehen hindern. Aus dem Hinterzimmer kommt ein spitzer, martialischer Schrei. Dann ein Krachen und das Klingeln von tausend verstörten Glöckchen, als der Wickerl dem »Monte Carlo Rallye«-Flipper einen Tritt in die Eingeweide versetzt und ihm gut ein Dutzend Mal das Scheißengehen anschafft.

Der Herr Josef wirft einen traurigen Blick in Richtung Hinterzimmer. Der Flipper und eine antike Jukebox sind der einzige Glanz in seiner tristen Hütte.

Seit ich vor sechs Jahren, kurz nach meinem Umzug in die Reindorfgasse, das erste Mal in das Lokal geraten bin, zu spätnächtlicher Stunde und genau in dem Moment, als ein konditionsschwacher Gast nach einer halben Flasche Fernet das Handtuch warf und ich daraufhin einspringen und dem Herrn Josef bis in den späten Vormittag hinein die Lebensbeichte abnehmen mußte, seit dieser ersten langen Nacht im Rallye muß ich immer wieder mitansehen, wie es mit Wirt und Wirtschaft bergab geht.

Der Herr Josef, an sich eine stattliche Erscheinung, ein Knecht, wie man sagt, hat’s seit ein paar Jahren mit den Bandscheiben und dem Magen. Das weiße Porsche-Modellauto mit den Rennstreifen und der von ungeübter Hand auf die Kühlerhaube gepinselten Aufschrift »Café Rallye« steht zwar immer noch im staubigen Schaufenster, doch die Scheinwerfer strahlen längst nicht mehr. Und der Tischtennistisch, den der Herr Josef aus dem Garten seiner Schwester geholt und im Hinterzimmer aufgestellt hat, brachte gästemäßig nicht den erwarteten Aufschwung.

Das Rallye ist auf die kleine Gruppe von langjährigen Stammgästen angewiesen, die den Wirt, wie sich das gehört, mit »Herr Josef« anreden und dafür ein entsprechend freundliches Service erwarten dürfen, und auf eine Clique von Jugendlichen. die den Herrn Josef mit einem form- und respektlosen »Rallye!«, an einen seiner sechs Tische ruft. »Rälli, noch ein Cola!« – »Rälli, wann kommt mein roter Spritzer? Heut noch?!«

Und dann gibt’s den Wickerl. Er hat eigentlich Lokalverbot, aber weil er der Freund vom Rudi ist, dem der Herr Josef nichts abschlagen kann, darf er doch immer wieder herein, darf im Hinterzimmer flippern, bis zum Abwinken Cola-Rot trinken und das Häusl vollkotzen.

»Sie kennen mich, Herr Kurt«, sagt der Herr Josef und stellt das kleine kleine Bier mit dem großen Fernet vor mich auf die Theke. »lch hab eine Engelsgeduld. Aber wann mir einmal der Faden reißt, dann spielt’s Granada. Und jetzt is es bald so weit.«

Ich sage nichts. Ich will nur in Frieden trinken, die traditionelle Mischung für die nötige Bettschwere, aber anscheinend ist das Rallye heute nicht der richtige Ort dafür.

»Wickerl, bist übergschnappt?«, schreit der Rudi im Hinterzimmer und seine Stimme überschlägt sich. »Wickerl! Tu den Fisch weg!«

Der Wickerl lacht, wie er das von den Schurken in den alten Filmen gelernt hat.

»Wickerl! Hör auf, Wickerl!« Der Rudi kommt ganz langsam und im Retourgang aus dem Hinterzimmer. Er ist noch blasser als sonst und hält sich an einer Flasche Kapsreiter fest. Der Wickerl, ansonsten auch eine eher blasse Erscheinung, dessen spitze Gesichtszüge hinter einem dünnen Vorhang aus schwarz-lila gefärbten Haaren verborgen bleiben, sieht aus, als hätte er zinnoberrote Kriegsbemalung aufgetragen. Er schaut sich mit weit aufgerissenen Augen im Schankraum um. In der rechten Hand hält er ein Springmesser und zeichnet mit der Klinge Zick-zack-Muster in die Luft.

»Ganz ruhig, Wickerl«, sagt der Herr Josef. »Ganz ruhig.«

Aber der Wickerl untersteht einem anderen Kommando. Er hat eine Mission zu erfüllen.

»Ich mach Euch alle kalt«, sagt er und grinst dazu, als würde er uns damit eine ganz besondere Freude machen wollen.

Niemand sagt was. Der Rudi wimmert leise und macht einen Schritt in Richtung Tür.

»Dableiben, Depperter!«, zischt der Wickerl.

Das hätte er nicht tun sollen. Der Rudi, ein eher schlichtes und sanftes Gemüt, läßt sich viel gefallen. Nicht nur vom Wickerl, der ihn seit ihrer gemeinsamen Hauptschulzeit abwechselnd als Blutsbruder, Sündenbock, Verbündeten und Fußabstreifer benutzt. Aber gegen eines ist der Rudi allergisch: Niemand darf auf die Idee kommen, ihn »Depperter« zu rufen. Da setzt es bei ihm aus. Da sieht er rot. Der Wickerl weiß das. Aber da die Kommandozentrale in seiner Birne momentan fest in der Hand von Zelluloidschurken oder Heavy-Metal-Monstern ist, tappt er ferngesteuert in die Falle.

Die Kapsreiter-Flasche trifft ihn ohne Vorwarnung. Der Rudi, noch eine Spur blasser im Gesicht als vorhin, zerschlägt sie an Wickerls rechtem Unterarm. Das Messer fliegt durch den Raum, prallt von der Jukebox ab und dreht sich auf dem Steinboden wie ein müder Kreisel. Der Wickerl beobachtet zuerst interessiert den Flug seines Werkzeugs und dann, wie der dunkle Fleck auf seinem rechten Hemdärmel immer größer wird. Bier und Blut.

»Und jetzt verschwind, und zwar dalli und für immer«, sagt der Herr Josef.

Langsam weicht die Kriegsbemalung aus Wickerls Gesicht. Als er bei der Tür ankommt und sich noch einmal umdreht, ist er so blass wie sein einstiger Blutsbruder.

»Dafür gehst sterben, Rudi. Heut noch«, sagt der Wickerl, reißt mit der unverletzten Linken die Tür auf und stolpert hinaus in die kalte Nacht.

2

»Wer lang raucht, der lebt lang«, sagt der Herr Josef und hält dem Rudi und mir eine Schachtel Marlboro hin. Der Rudi fischt sich mit zitternden Fingern eine Zigarette aus der Packung. Dann ziehe ich mit zitternden Fingern eine Zigarette aus der Packung. Der Herr Josef gibt uns Feuer und ist die Ruhe selbst.

»Hundert Mal hab ich Dir schon gsagt, Rudi: Wer einen Freund wie den Wickerl hat, der braucht keine Feinde«, sagt er und schenkt seinem Ziehsohn einen extra großen Scharlachberg ein. Der Rudi nickt und saugt an der Marlboro.

»Und der Herr Kurt sieht das auch so. Nicht wahr, Herr Kurt?«

Der nächste überdimensionale Scharlachberg ist für mich.

»Er is eine Krätzen«, sage ich. »Aber ich tät meinen, nach dem Flascherl Kapsreiter hat er genug für heute.«

»Der Wickerl? Nie!«, japst der Rudi nach dem größten Schluck Weinbrand seines Lebens. »Der kommt wieder und sticht mich ab!«

»Aber nicht mit dem Feitel und dem blessierten Handerl«, sagt der Herr Josef, während er hinter der Schank hervorkommt, um ächzend das Springmesser vom Boden aufzuheben.

»Und außerdem: Wir sind auch noch da. Nicht wahr, Herr Kurt?«

Er klopft dem Rudi im Vorbeigehen aufmunternd auf die Schulter, und der Rudi schaut mich hilfesuchend an.

Da fällt mir ein, ich muß gehen. Aber dann fällt mein Blick auf den Scharlachberg, und ich lasse mich überreden. Auf einen Schluck, oder zwei.

»Was war eigentlich da hinten los?«, frage ich.

»Nix«, sagt der Rudi. »Ich hab nur zu ihm gesagt, daß ich gar nicht genau wissen will, was er mit seiner Mama gemacht hat, weil das eine Schweinerei ist, mit der ich nix zu tun haben will. Und da hat er plötzlich durchgedreht, weil wir immer zusammenhalten müssen.«

Der Rudi ist kein begnadeter Erzähler, und der Schock über den Amoklauf seines Kumpels, im Verein mit den Bieren des Abends und dem hastigen Scharlachberg, macht seine Ausführungen nicht schlüssiger. Aber nach zirka zwanzig Minuten weiß ich zumindest so viel:

Der Wickerl hat vor 14 Tagen einen gröberen Wickel mit den anderen gehabt. Die anderen, das sind der Tobi, der Gschwinde und vor allem die Donna, die eigentlich Elfi heißt und nicht nur eine super Stimme hat. Diese drei und der Wickerl waren, zumindest bis vorletzte Woche, eine sensationell schnelle, laute und geile Band. »Mom & Dead«. Death Metal, Trash Metal, Sex Metal. So genau weiß das der Rudi nicht, er weiß nur, daß die anderen den Wickerl mitsamt seiner Bassgitarre in die Wüste geschickt haben, wegen diverser privater und finanzieller Ungereimtheiten, und das just zu dem Zeitpunkt, als »Mom & Dead« einen Platten vertrag mit einem deutschen Independent-Label in Aussicht hatten.

Der Wickerl hat keinem Menschen von seinem Hinauswurf erzählt, nur seinem Freund Rudi, der ihm immer die Bassanlage in den Proberaum schleppen durfte und dafür mit dem Titel »Personal Roadie« geadelt wurde. Vier Tage lang war der Wickerl dann jedenfalls nicht ansprechbar, war abwechselnd fett, drauf und drüber, und dann plötzlich, am vorletzten Wochenende, hatte er die Erleuchtung: Nach einer visionären Begegnung mit einem Unbekannten in einer Disco in der Innenstadt sah er für sich (und Freund Rudi) den Platz an der Sonne; komplett mit einem Haufen Geld, schönen Frauen und neuen Freunden, die im Unterschied zu den Wapplern von »Mom & Dead« auf Bali oder zumindest in Florida überwinterten und nicht vor der Heizsonne im modrigen Proberaum in der Graumanngasse.

Die Sache hatte nur einen kleinen Haken. Der Platz an der Sonne war zwar bereits reserviert, aber, wie vieles im Leben, nicht gratis. Der Wickerl mußte vor dem großen Umzug noch ein paar Kleinigkeiten erledigen, die wiederum Investitionen notwendig machten. Er brauchte zum Beispiel dringend einen Wagen. Woher nehmen, wenn nicht stehlen. Aber das klappte nicht so ganz.

Also ging er am vergangenen Dienstag zu seiner Mutter, ließ sich bekochen, beim anschließenden Kaffee über die neuesten Entwicklungen im Forsthaus Falkenau aufklären, und schlug ihr dann das kaputte Transistorradio über den Schädel, um ungestört das Schlafzimmer nach den 20.000 Schilling durchsuchen zu können, die sie für ihr Begräbnis angespart hatte. Als der Wickerl die Wohnung mit dem Geld wieder verlassen wollte, schaute er noch einmal in die Küche, wo die Mutter immer noch bewußtlos am Boden lag. Und da hörte er Motörhead. »Ace of Spades«. Aus dem Transistorradio, das schon seit Jahren keinen Ton von sich gegeben hatte. Und in diesem magischen Augenblick weiß der Wickerl, daß er auf dem richtigen Weg ist. Ein As, das nichts und niemand aufhalten kann auf seiner Fahrt zum Platz an der Sonne. Auch sein Freund, der Rudi, nicht, den er in sein Geheimnis eingeweiht hat, und der jetzt, wo alle Ampeln auf Grün stehen, anhalten und diskutieren, ja vielleicht sogar alles, was er weiß, ausplaudern und aussteigen will.

»Seit das Radio wieder spielt, ist der Wickerl irgendwie wie wahnsinnig«, sagt der Rudi. »Ich war richtig froh, daß ich ihn die letzten Tage nicht viel gesehen hab. Er redet so komische Sachen. Daß er jetzt weiß, daß der Teufel eine Frau ist. Und daß er sie auf’s Kreuz legen wird. Und dann kauft er sich eine Harley und fahrt damit nach Kalifornien und reißt den Guns’n’Roses den Arsch auf mit seiner neuen Band. Vielleicht, vielleicht ist er irgendwie verhext oder besessen von Dämonen? Oder er hat irgend wo das Böse gesehen, und der Leibhaftige ist in ihn hineingefahren. Sowas gibt’s ja.«

Ich blicke dem völlig verstörten Knaben in die flackernden Augen und sage ihm, was ich in einer solchen Situation immer sage: Daß mir in meiner langjährigen beruflichen Laufbahn als Musikant schon allerhand untergekommen ist und daß ich über die Gefahren, die die elektrisch verstärkte Rock-and-Roll-Musik in sich birgt, sehr wohl Bescheid weiß, daß sie die heranwachsende Jugend aber schlimmstenfalls zum Singen, Tanzen und Springen, maximal zu vorehelichem Geschlechtsverkehr verführt.

»Den Rock and Roll«, sage ich, »hat weder der Teufel geschickt, noch ist der Luzifer mit Hilfe von Motörhead in den Wickerl gefahren. Der Depp frißt einfach zu viel Speed und ist anscheinend in eine Gesellschaft geraten, die ihm nicht gut tut. Was sind das für Leute?«

»Weiß nicht«, sagt der Rudi, »aber das Radio …?«

»Keine Band der Welt, auch wenn sie noch so finster dreinschaut, sich das Pentagramm auf Schwanz und Hirn tätowieren läßt und behauptet, auf des Teufels Spazierstock Gitarre zu spielen, bringt das kaputte Kofferradio einer alten Mutti wieder zum Singen, weil ihr die Rotzpippen von Sohn die Ersparnisse fladert. Vergiß den Schwachsinn, Rudi.«

»Sehr richtig, Herr Kurt«, meldet sich der Herr Josef, der meine fachlichen Ausführungen mit ständigem Kopfnicken begleitet hat. Dann macht er dem Rudi den Vorschlag, die Nacht auf seiner Wohnzimmercouch zu schlafen. Seine Schwester, die Martha, mit der der Herr Josef seit seiner Scheidung auf Zimmer-Küche-Kabinett zusammenlebt, wird schon nix dagegen haben, daß so ein fescher junger Bursch unter ihrem Dach nächtigt.

»Im Gegenteil«, sagt der Herr Josef und lacht. »Und sicher ist sicher.«

Während er und der Rudi im Rallye die Ordnung wieder herstellen, kehre ich zum eigentlich Grund meines Besuches zurück, dem kleinen, mittlerweile warmen Bier und seinem ständigen Gefährten, dem großen Fernet.

»Was machen wir damit?«, sagt der Rudi. Er kommt mit einer speckigen Lederjacke aus dem Hinterzimmer. »Da ist alles drinnen. Das Geld, seine Schlüsseln …«

»Pech fürn Wickerl«, sagt der Herr Josef. »Wir haben schon zu. Niemand mehr da.«

Der Rudi lacht.

»Genau. Sperrstund.«

3

Was macht der Musikant, wenn er nicht musiziert, wenn er vier, fünf Monate Urlaub bekommt, von den Kollegen und dem Publikum?

Ich kann nur für mich selber sprechen, tue das mit bald drei Jahrzehnten Erfahrung im Rücken, und die schaut so aus: Der Musikant wartet drauf, daß die Kollegen aus dem Urlaub zurückkommen und das Publikum wieder in die Schutzhäuser, Konzerthallen, Fußballstadien strömt. Die Wartezeit überbrückt er mit Krankheit, über- und regelmäßigem Alkoholkonsum, daraus resultierenden Depressionen und dem Abfassen von Liedern, die davon handeln, daß das Leben auf Tournee ein Trauerspiel ist, das Leben ohne Tournee aber schlicht menschenunwürdig.

Der Refrain noch eines Liedes zu diesem tristen Thema kriecht in mir hoch, als ich fröstelnd vor dem Rallye stehe und dem Fiat nachschaue, mit dem der alleinstehende Herr Josef den alleinstehenden Rudi heim zur alleinstehenden Frau Martha chauffiert, die sich und den beiden Mannsbildern ein ordentliches Frühstück hinstellen wird, bevor sie um halb acht zum Herzmansky fährt, wo sie seit 15 Jahren Handtaschen verkauft.

Ich hab nur eine Dose Löskaffee und eine Katze, die vor drei Wochen mit Sack und Pack ausgezogen ist, ohne ihre neue Adresse zu hinterlassen. Dafür muß ich nicht schon um sieben frühstücken.

So oder so ähnlich, nämlich in Reimen, müßte noch ein Lied über die schönste, weil spielfreie Zeit des Jahres beginnen.

Aber dann stört die Blutspur auf dem Gehsteig den kreativen Fluß meiner Gedanken. Sie beginnt vor der Eingangstür des Rallye und führt das Trottoire der Sechshauser Straße entlang in meine Richtung. Ich folge den im blassen Licht der Straßenbeleuchtung dunkel glänzenden Tropfen und Flecken. Der Wickerl war auf den ersten Metern flott unterwegs oder hat nur wenig Blut verloren. Dann, vor der Buchhandlung, hat er eine Pause eingelegt und eine tellergroße Pfütze hinterlassen. Er sieht sich im Schaufensterlicht, vor dem Hintergrund der rotschwarzen Stephen-King-Auslage, seinen von Kapsreiterscherben zerschnittenen Unterarm an. Schock. Panik. Rennen. Bis vor zum Optiker nur ein paar kleine dunkle Flecken auf dem Asphalt. Und dann das Paar Cowboystiefel aus Schlangenleder-Imitat. Es ragt aus der mit Herbstlaub und Brillenfassungen dekorierten Passage, und die ramponierten Stiefelspitzen zeigen in den Novemberhimmel.

Der Wickerl sieht aus, als hätten zehn Leute, die sich ungern »Depperter« schimpfen lassen, vom Leibhaftigen die Erlaubnis gekriegt, an ihm all ihre Wut und ihren Haß auszulassen.

Ich deponiere das Puten-Cordon-bleu, mit dem ich mich am frühen Abend verwöhnt habe und das so mancher Fernet und Weinbrand in den Stunden danach zu einer dunkelbraunen Sauce verarbeitet haben, auf der nächstbesten Kühlerhaube. Dann werfe ich noch einen Blick auf das blutige Bündel, das von Wickerl, der Krätzen, übrig geblieben ist und wünsche mich ganz weit weg.

Stammersdorf, Nairobi, Sioux City. Oder auf Tournee, wo einem sowas nicht passiert.

4

Tamara ist schön wie immer. Aber die aufgeschlagenen Knie passen nicht so recht zu den roten Pumps und den Strümpfen mit Naht.

Seit unsere kurze aber heftige Affäre nach Intervention ihres Gemahls vorüber ist, sehe ich die unternehmungslustige Rechtsanwaltsgattin nur noch in meinen Träumen. Das aber fast täglich und immer in der Zeit vor dem Aufwachen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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