Blutschmuck - Petra Mattfeldt - E-Book
Beschreibung

Die Kommissarin Sarah Bischoff lernt auf der Beerdigung ihrer Mutter Lisa Schönfeld kennen, die sich als eine Freundin aus Jugendtagen vorstellt. Nachdem Lisa eine Halskette an Sarah bemerkt, verschwindet sie sichtlich verstört von der Trauerfeier. Sarah Bischoff beginnt daraufhin mit ihrem Freund, dem Profiler Falko Cornelsen, hinter das Geheimnis des Schmuckstücks zu kommen und öffnet damit die Tür zu einem dunklen Kapitel, in dem auch ihre eigene Familie eine bedeutende Rolle zu spielen scheint.

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Seitenzahl:336

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Petra Mattfeldt

Blutschmuck

Thriller

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Tod und Spiele (2016)

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © amphotolt / fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5526-1

Widmung

Für Nicole!

Meiner lieben Kollegin und Freundin Schön, dass es dich in meinem Leben gibt!

Prolog

Mittwoch, 26. September 1962, 21.10 Uhr

Behutsam legte er ihr die Kette um den Hals, küsste zärtlich ihren Nacken. Das Bernsteinamulett an dem zarten Goldkettchen ließ ihre porzellanfarbene Haut noch zarter, noch fragiler wirken. Sie betrachtete sich im Spiegel, berührte mit den Fingerspitzen den Stein. Und schauderte. Doch das sollte er nicht bemerken. Er erlaubte keinen Einwand, erst recht keinen Widerspruch. Nur einmal hatte sie zu fragen gewagt, weshalb er ihr immer wieder Schmuck schenkte, wenn sie ihn dann doch nicht öffentlich tragen und damit zeigen durfte. Seine Reaktion war heftig gewesen, und bei allem Zorn, den sie von ihm kannte, hatte sie doch dieses Mal um ihr Leben gefürchtet. Er war ein tiefgläubiger Mann mit Regeln, die strengen Werten folgten. Und er wachte mit gewalttätiger Entschlossenheit darüber, dass diese Regeln eingehalten wurden. Es hatte Tage gedauert, bis sein Zorn seinerzeit vollständig aufgelöst war. Das war Jahre her, und es war ihr eine Lehre gewesen. Kein zweites Mal würde sie fragen, das hatte sie sich geschworen. Sie würde den Stein nur einmal offen tragen dürfen, jetzt und hier. Danach würde er mit all den anderen Schmuckstücken in dem kleinen Holzkästchen verschwinden, das ihr Mann für sie verwahrte. Nur selten würde er ihr erlauben, das Schmuckstück noch einmal anzulegen. Und auch das nur, wenn sie es unter ihrer Kleidung verbarg. Niemand sollte sagen können, dass sie eitel war. »Du sollst mir doch nicht immer so teure Geschenke machen.« Sie lächelte in den Spiegel hinein. Ihr Mann drückte sich von hinten an sie heran. Sie spürte, wie sein Glied steif wurde. »Du bist wunderschön.« Wieder küsste er ihren Nacken, nun begehrlicher, fordernder als zuvor.

Sie drehte sich zu ihm um. In seinen Augen konnte sie Begierde lesen. Sie wusste, was er als Dank für den Schmuck von ihr erwartete. Und sie wollte ihm eine gute Ehefrau sein. Sie hob sich auf die Zehenspitzen, küsste seinen Mund, seinen Hals, löste vorsichtig den Kollar aus seinem Pastorengewand. Behutsam half sie ihm aus der Soutane, zog mit ihrem Finger zärtliche Linien über seinen Körper. Sie streifte ihren Rock ab, ließ die geöffnete Bluse von ihren Schultern gleiten, führte ihn zum Bett hinüber und ließ sich auf die Kante niedersinken. Dann legte sie sich auf das Bett, streckte ihm einladend die Hand entgegen.

Er starrte sie an. Diese Anmut, dieser zerbrechliche Körper, einzig noch mit dem Schmuckstück bedeckt. Die unausgesprochene Einladung an ihn, mit der sie ihre Beine leicht spreizte. Rasch befreite er sich von seiner Unterhose, legte sich auf sie und drang sofort ein, den Blick starr auf die Kette gerichtet. Bilder tauchten vor seinem geistigen Auge auf, steigerten seine Erregung. Momente der Disziplinierung, Belehrung, Bestrafung, Erniedrigung, für ihn solche der Wonne und der Lust. Unterdrückte Schreie, weit aufgerissene, angstvolle Augen. Nur wenige Augenblicke, die er genießen konnte, bis sein Körper heftig zuckte, er sich ergoss und von ihr herunterrollte.

Sofort löschte sie das Licht. Es war getan.

1. Kapitel

Dienstag, 6. Oktober 2015, 5.32 Uhr

Falko atmete tief durch. Der Morgennebel lag noch über der Ostsee, und bei jedem Atemzug stoben feine Wölkchen aus dem Mund des dunkelhaarigen Mannes. Er joggte gleichmäßig und ruhig am Strand entlang, Nieselregen benetzte seine Haut. Diese frühe Stunde war die einzige Zeit des Tages, während der er sich selbst gestattete, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Für ihn war es eine Art der Meditation, des sich Fallen-lassen-Könnens. Hierfür blieb sonst keine Zeit. Die Geschehnisse der letzten Tage zogen an ihm vorbei. Gemeinsam mit dem Raubdezernat hatten sie eine Reihe von Tankstellenüberfällen aufklären und zum Abschluss bringen können. Beim letzten Überfall war eine Frau zu Tode gekommen, deshalb war Falkos Team von der Mordkommission hinzugezogen worden. Die Täter, zwei junge Männer mit erheblichen Vorstrafenregistern, hatten schließlich überführt werden können. Einer von beiden war kaum in das Polizeiauto verfrachtet worden, da hatte er den Namen seines Komplizen schon ausgeplaudert und darauf beharrt, dass alles nur dessen Schuld gewesen sei. Auch im Beisein seines Rechtsanwalts hatte er sein Geständnis wiederholt. Ob ihm dies bei der Strafzumessung nützen würde, blieb dahingestellt. Falko konnte nur hoffen, dass dies nicht wieder einer der Fälle war, in denen er und seine Kollegen gute solide Polizeiarbeit leisteten, dann jedoch ein Richter den Vorsitz der Verhandlung führte, der allzu milde bei der Strafzumessung war. Es war Falkos feste Überzeugung, dass gerade bei Jugendlichen eine angemessene Bestrafung bei den ersten Delikten womöglich noch eine Umkehr bewegen könnte, wenn die jeweiligen Richter nicht allzu lasch urteilten und die Straftäter nicht nur mit einem Klapps auf die Finger den Gerichtssaal wieder verlassen durften. In diesem Fall hatte die Tatsache, dass die beiden jungen Männer bisher mit viel zu viel durchgekommen und ihnen von Gesetzes wegen keine Grenzen aufgezeigt worden waren, am Ende einer unschuldigen Frau das Leben gekostet. Ein Gedanke, der Falko mit seinem Beruf hadern ließ.

Er lief weiter, seine Atmung war gleichmäßig und ruhig, sein Pulsschlag der leichten Anstrengung des Laufens angemessen. Er war 48 Jahre alt, doch an Fitness und Kondition konnte er es mit jedem Zwanzigjährigen aufnehmen. Er joggte jeden Morgen mindestens eine Stunde, bevor er seinen Dienst bei der Kriminalpolizei in Flensburg begann. Soweit es seine Zeit erlaubte, trainierte er darüber hinaus mit Kollegen, allerdings hatte er hier in Flensburg, wohin er gerade erst vor ein paar Monaten komplett umgezogen war, noch keinen geeigneten Trainingspartner im Karate wie zuvor in Lüneburg gefunden. Marco und Falko waren langjährige Freunde, die sich als Jugendliche bei einem Karate-Schnupperkurs kennengelernt hatten. Marco war inzwischen hauptberuflich als Trainer tätig, während Falko die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten in seinem Alltag kaum anwenden konnte. Doch es gab ihm ein gutes Gefühl, auf seinen Körper vertrauen zu können, und damit auch die Sicherheit, die er für die Ausübung seines Berufs brauchte, wenngleich er höchst selten in körperliche Auseinandersetzungen geriet.

Er lief weiter direkt an der Ostsee über den Strand Solitüde, der Regen war stärker geworden und wurde zusätzlich vom Wind in Falkos Gesicht gepeitscht. Das Wohnen direkt an der See hatte ihm vom ersten Moment an gefallen, wenngleich er sich in Flensburg noch immer ein wenig fremd fühlte. Seine Gedanken wanderten zu dem Streit zurück, den er am gestrigen Abend mit Sarah gehabt hatte. Er wusste, dass es ein Fehler gewesen war, sich auf die Liaison mit ihr einzulassen. Er war der Ältere, und es wäre an ihm gewesen, nicht auf ihre deutlichen Signale einzugehen. Er wusste, dass es nicht gut enden würde. Dafür waren ihre Ansichten über die Beziehung, die sie beide miteinander verband, zu unterschiedlich. Falko hatte sich wegen einer Affäre, die seine Ehefrau Heike mit einem ihrer Kollegen gehabt hatte, von dieser getrennt. Sie lebte weiter in ihrem gemeinsamen Haus in Lüneburg, er hatte nach dem Tod seines Freundes Oliver seinen Dienst bei der Kriminalkommission in Lüneburg aufgegeben, war nach Flensburg gezogen und hatte dort dessen Job als Leiter der Mordkommission übernommen. Sarah war in Lüneburg in Falkos Ermittlerteam gewesen. Ihre Kindheit hatte sie in Flensburg verbracht und war vor einigen Monaten, nachdem ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte und nun der Pflege bedurfte, in ihr früheres Elternhaus zurückgekehrt. So waren Falko und sie sich nähergekommen. Er hatte schon in Lüneburg ihre Schwärmerei für ihn bemerkt, auch wenn er es nicht zugegeben hätte. Und in den Wirren der letzten Monate hatte er sich auf sie eingelassen. Doch eine feste Beziehung? Er fühlte sich mies bei dem Gedanken, Sarah nicht die Wertschätzung entgegenbringen zu können, die sie sich wünschte. Doch an eine Beziehung, wie er sie mit Heike geführt hatte, war für ihn derzeit noch nicht zu denken. Gestern hatte Sarah ihn zum wiederholten Male darauf angesprochen, weshalb er in dem gemieteten Häuschen in Mürwik wohnte, während in ihrer Wohnung im Obergeschoss ihres Elternhauses, die sie sich ausgebaut hatte, mehr als genug Platz war. Wie immer war es zum Streit gekommen, und wie immer war Falko gegangen. Er wusste, dass er es beenden musste. Es lag nicht an Sarah, sondern an ihm selbst. Er konnte einfach nicht mehr vertrauen.

Er bog vom Strand nach rechts in die fast parallel zum Ufer verlaufende kleine Straße ein, die genau wie der Strand Solitüde hieß. Das gleichnamige Ristorante ließ er links liegen, bog kurz hinter dem Ende des Strandes nach links über einen kleinen Waldweg ab in die Straße Schöne Aussicht. Das letzte Stück legte er im Sprint zurück, um seinen Pulsschlag noch einmal hochzutreiben. Als er schließlich vor seiner Eingangstür stand, stützte er sich mit den Händen auf die Oberschenkel. Er fühlte sich gut und voller Energie. Und er fasste einen Entschluss. Er würde die Affäre mit Sarah beenden. Heute noch. Es war nicht fair, die Sache weiter vor sich herzuschieben und Erwartungen in ihr zu nähren, die er nicht erfüllen konnte, nicht erfüllen wollte.

Er schloss die Tür auf, trat in den kleinen Flur und streifte seine Laufschuhe ab. Sie waren nass und klamm. Er schob sie mit dem Fuß unter den kleinen Heizkörper und drehte den Thermostat auf. Dann ging er über den Flur ins Bad. Es war nicht groß, ungefähr nur die Hälfte des Bades in seinem Haus in Lüneburg. Doch für ihn reichte es. Genau genommen, mochte er die etwas spärliche Einrichtung ohne jedes Chichi. Es standen keine Nagellackfläschchen herum, nirgendwo lag Schmuck, keine drei verschiedenen Sorten Shampoo, Spülung und wer weiß nicht was alles. Kein Make-up, Puder oder Lippenstifte. Nichts. Nur ein Shampoo, ein Duschgel, Deo, Aftershave, eine Feuchtigkeitscreme und ein Stylingwachs neben den Zahnpflegeprodukten und einem Elektrorasierer. Das war alles. Und Falko fand es gut so. Sein Eheleben lag hinter ihm, und er war wieder Single, auch wenn Sarah das vermutlich anders sah. Der Betrug seiner Frau hatte ihn bis ins Mark getroffen, und er wollte nicht so bald eine vergleichbar feste Beziehung eingehen. Genau genommen wusste er nicht, ob er es je wieder wollte. Heike hatte ihm öfter vorgeworfen, dass er zu verschlossen sei und stets alles nur mit sich ausmachte. Er wusste, dass sie recht damit hatte. Doch ihm war es nach dem Unfalltod seines Vaters und seiner Schwester, als er noch ein Junge und seine Mutter zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um ihm Trost zu spenden, zur Gewohnheit geworden, seine Sorgen mit sich selbst auszumachen. Er hatte sich viel mit mentalem Training beschäftigt und sah es als einen seiner größten Vorteile an, seine Gedanken stets bewusst unter Kontrolle zu halten. Er fand es gut so, wenngleich es dazu führte, dass er die Menschen um sich herum stets ein wenig auf Abstand hielt. Womöglich war es mit einer der Gründe gewesen, warum Heike sich zu einer Affäre hatte hinreißen lassen. Doch das konnte er nicht mehr ändern.

Er zog sich die nassen Sachen aus, öffnete die Duschkabine und drehte das Wasser auf. Er hatte die alte Armatur durch eine Regendusche ersetzen lassen. Doch das war mit kleineren Renovierungsarbeiten auch fast schon alles, was er verändert hatte. Er wohnte schließlich nur zur Miete und wusste noch nicht, wohin die Reise gehen und ob er sich womöglich irgendwann doch wieder etwas Eigenes kaufen würde. Finanziell war er auch ohne seine Arbeit bei der Kriminalpolizei weitestgehend unabhängig. Dafür hatte sein Vater mit dessen Geld aus dem Erbe gesorgt. Doch hiervon wusste so gut wie niemand. Heike, ja, und sein Freund Marco. Doch alle anderen sahen in ihm keinen gut situierten, um nicht zu sagen, vermögenden Mann, sondern nur den Profiler und Kriminalhauptkommissar, der den Ruf besaß, ein ganz besonderes Gespür für Tatorte zu haben.

Minutenlang schloss er die Augen, ließ das warme Wasser auf seinen Kopf niederprasseln. Seine Haut wärmte sich nach und nach auf, er genoss den Moment. Wieder musste er an Sarah denken und daran, wie sie darauf reagieren würde, wenn er ihr sagte, die Beziehung beenden zu wollen. Sie hatte es mit der Sorge um ihre Mutter alles andere als leicht. Erst vor Kurzem hatte sie für wenige Stunden täglich eine Arbeit bei der Polizei in Flensburg angenommen. Nicht gleich wieder bei der Kriminalpolizei. Dafür waren die Stunden, die sie ihre Mutter in die Obhut einer Pflegekraft übergeben konnte, nicht ausreichend. Doch es war ihr erklärtes Ziel, genau dort wieder hinzukommen und auch das Profiling, für das sie an etlichen Weiterbildungen teilgenommen hatte, wieder aktiv zu betreiben. Falko hoffte, dass Sarah in der Lage sein würde, das, was sie beide privat verbunden hatte, von künftigen möglichen gemeinsamen Einsätzen trennen zu können.

Als er fertig mit Duschen war, trocknete er sich ab und ging nackt zum Schlafzimmer, zog sich an, trat dann in die Küche und bereitete sich das Frühstück zu. Erst jetzt warf er einen Blick auf sein Handy, das er lautlos gestellt hatte, und sah, dass Sarah viermal vergebens bei ihm angerufen hatte. Sie wusste, dass er stets früh aufstand und joggte. Doch es nervte ihn, dass sie schon zu dieser frühen Stunde mehrfach bei ihm angerufen hatte, um offenbar über den gestrigen Streit zu reden. Er drückte den Knopf der Kaffeemaschine, ließ eine Kapsel in den Schlitz gleiten und steckte zwei Brote in den Toaster, während der Kaffee einlief. Noch während er überlegte, Sarah zurückzurufen, summte sein Handy erneut und zeigte ihren Namen im Display. Ob sie ihn anrief, um mit ihm Schluss zu machen? Es käme ihm sehr entgegen. Ansonsten wollte er es ihr sobald wie möglich sagen, wenngleich ihm das Telefon hierfür nicht geeignet erschien.

»Guten Morgen«, meldete er sich. »Ich wollte dich gerade zurückrufen.«

»Sie ist tot«, flüsterte Sarah.

»Was?«

»Meine Mutter.« Sie schluchzte auf. »Sie ist tot, Falko.«

»Wann ist das geschehen?«

»Irgendwann heute Nacht. Als ich vorhin zu ihr ging, hat sie nicht mehr geatmet.« Wieder schluchzte sie auf.

»Hast du schon einen Arzt gerufen?«

»Sie hat keinen Puls mehr.«

Die Art, wie Sarah ihm antwortete, ließ Falko vermuten, dass sie unter Schock stand.

»Ich komme sofort.«

»Danke.« Sarah legte auf.

Falko trank hastig einen Schluck Kaffee, eilte in den Flur, zog seine Schuhe über und griff seine Jacke von der Garderobe. Dann steckte er Portemonnaie und Handy ein, griff sich seinen Schlüssel und stürmte hinaus.

Seinen BMW X 5 hatte er im Carport des kleinen Hauses untergestellt. Er drückte die Entriegelung, stieg hastig ein und ließ den Motor an. Er fühlte sich mies, nicht gleich zurückgerufen zu haben, als Sarah ihn gebraucht hatte. Falko setzte den Wagen rückwärts aus dem Carport, legte den ersten Gang ein und fuhr los. Es dauerte keine zehn Minuten, in denen er den Weg mit viel zu hoher Geschwindigkeit zurückgelegt hatte und die Auffahrt zum Hause der Bischoffs hinauffuhr. Noch ehe er klingeln konnte, öffnete Sarah die Tür. Tränen liefen ihr von den Wangen. Falko trat ein und nahm sie in den Arm. »Es tut mir so leid.«

Minutenlang hielt er sie, während sie schluchzte und sich kaum beruhigen konnte. Dann fasste er ihre Schultern und schob sie ein Stück von sich, um ihr in die Augen zu sehen. »Hast du schon jemandem Bescheid gegeben?«

Sarah schüttelte den Kopf.

»In Ordnung. Wie heißt der Hausarzt deiner Mutter?«

»Oltmanns.«

»Gut. Hast du seine Nummer?«

»Er wird noch nicht in seiner Praxis sein.«

Falko sah auf die Uhr. Es war noch nicht ganz Viertel vor sieben.

»Dann rufen wir die Kollegen an. Sie sollen einen Arzt mitbringen.« Falko zog sein Handy hervor und rief die Polizeiwache an. Nachdem er seinen Namen und den Grund seines Anrufs genannt hatte, wurde ihm sofort zugesichert, einen Notarzt zu informieren. Falko dankte und legte auf. Dann ging er mit Sarah in die Küche im Erdgeschoss und drückte sie sanft auf einen der Stühle. »Kann ich dir einen Tee machen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich möchte nichts.« Tränen liefen über ihre Wangen. »Gestern Abend war noch alles in Ordnung.«

»Wann warst du zuletzt unten bei ihr?«

»Etwa gegen halb zwölf. Nach unserem«, Sarah stockte, »nach unserem Streit konnte ich nicht schlafen und bin deshalb noch einmal runter, um nach ihr zu sehen. Sie wurde kurz wach und fragte mich, ob mit mir alles in Ordnung sei.« Sarah lachte freudlos, fast spöttisch. »Sie fragte mich. Dabei hätte ich sie fragen sollen. Doch jetzt ist sie tot.« Wieder schluchzte sie heftig auf.

»Kann ich kurz zu ihr?«

»Glaubst du, ich kann einen lebenden nicht von einem toten Menschen unterscheiden?«, schnauzte Sarah, um dann sofort hinzuzufügen: »Es tut mir leid. Ihr Schlafzimmer ist die letzte Tür links am Ende des Flurs.«

»Ist gut. Ich komme gleich wieder.«

Falko warf noch einen Blick auf Sarah, als er die Küche verließ. Sie war vollkommen am Boden. Dann ging er den Flur entlang und blieb vor der letzten Tür auf der linken Seite stehen. Einem Impuls folgend wollte er klopfen, ließ es aber sein. Wie unsinnig!

Er trat in den Raum, der nur durch ein schwaches Schlummerlicht erhellt wurde, das offenbar während der Nacht immer eingeschaltet war. Falko trat an das Bett heran, betrachtete Vera Bischoff. Sie wirkte friedlich auf ihn, doch war ihrem Gesicht deutlich anzusehen, dass es auf der linken Seite schief war. Ganz so, als hätte jemand die Haut dort weiter herabgezogen. Ihr Mund war ebenfalls etwas verzerrt, ihre Augen geschlossen. Obwohl er wusste, dass es überflüssig war, berührte er mit der Hand ihren Hals, um den Puls zu fühlen. Die Haut war bereits merklich abgekühlt, ein Pulsieren nicht zu spüren. Sie musste bereits mehrere Stunden tot sein. »Finde deinen Frieden, Vera«, sagte er leise, machte kehrt, ging hinaus und zurück zu Sarah.

Diese blickte auf, als er die Küche betrat. »Und?«

»Sie wirkt friedlich«, sagte Falko.

»Ihr Gesicht.« Sarah rang um Fassung. »Gestern war es noch nicht so schief.«

»Womöglich hat sie einen weiteren Schlaganfall erlitten.«

»Und ich habe einfach geschlafen und nichts davon bemerkt. Vielleicht hat sie mich gerufen und …« Das Klingeln unterbrach Sarah.

»Ich gehe hin«, erklärte Falko und verließ die Küche.

Es war gerade einmal kurz nach sieben, als der Notarzt zusammen mit zwei Polizisten das Haus betrat.

»Guten Morgen. Danke, dass Sie so schnell kommen konnten.« Falko führte die drei zu dem Schlafzimmer. Kurz nachdem sie eingetreten waren, kam auch Sarah hinzu.

»Sie hatte vor acht Monaten einen Schlaganfall und war seither auf Hilfe angewiesen«, erklärte sie.

»Mein Beileid«, sagte der Notarzt und nickte Sarah zu, da ihm ein Blick auf Vera Bischoff gereicht hatte, um sicher zu sein, hier nichts mehr tun zu können. »Wer ist ihr Hausarzt?«

»Dr. Oltmanns.«

»Ich kenne ihn. Sie brauchen nicht hier zu sein«, sagte er fürsorglich und befühlte Vera Bischoffs Haut. »Sie ist schon einige Stunden tot. Ich stelle den Totenschein aus. Alles andere geht seinen Gang.«

»Für mich sieht hier nichts nach Fremdverschulden aus«, sagte einer der Polizisten. »Doch wir haben unsere Vorschriften.«

»Sie meinen, wegen einer möglichen Autopsie?«, sagte Falko.

»Ganz recht. Wir werden den Leichnam sicherheitshalber zur Gerichtsmedizin bringen lassen.«

»Es spricht nichts dagegen«, sagte Sarah. »Gut. Der Leichenwagen muss jeden Moment kommen.«

»Sie sollten nicht dabei sein«, sagte der Notarzt noch einmal zu Sarah.

»Was denken Sie? Hat sie leiden müssen? Ich habe Angst, dass sie mich gerufen hat und ich sie nicht hörte.«

»Ich will keine vorschnelle Diagnose abgeben«, sagte der Arzt. »War das Gesicht seit ihrem Schlaganfall so wie jetzt?«

»Nein.« Sarah schüttelte den Kopf. »Bis gestern war es nicht so stark.«

»Ich denke, sie wird einen weiteren Schlaganfall erlitten haben. Das ist innerhalb eines Jahres nach dem ersten oft der Fall. Sie hätten nichts für sie tun können.«

Sarah presste die Lippen aufeinander.

»Komm«, bat Falko sie und schob sie zur Tür. Dann drehte er sich zu den Männern um. »Wir sind in der Küche, vorn die erste Tür rechts.«

»Gut. Danke.«

Falko legte den Arm um Sarah, die sich kraftlos an ihn schmiegte. »Du solltest jetzt wirklich einen Tee trinken. Die nächsten Tage werden dir viel abverlangen.«

»Kannst du hierbleiben? Ich möchte jetzt nicht allein sein.«

»Natürlich bleibe ich hier«, antwortete Falko fast tadelnd. »Du glaubst doch nicht, dass ich dich hiermit allein lasse. Ich rufe gleich Stefan an und gebe ihm Bescheid, was passiert ist und dass ich heute nicht komme.«

»Danke.«

Falko lächelte ihr zu, spürte aber eine Beklommenheit in sich aufsteigen. Sich von ihr zu trennen, konnte er unter diesen Umständen vergessen. Dass er jetzt für sie da war, war absolut selbstverständlich. Alles andere kam ihm schäbig vor.

2. Kapitel

Mittwoch, 14. Oktober 2015, 11.38 Uhr

Falko hielt Sarahs Hand, als sie dem Sarg, in dem sich Vera Bischoffs Leiche befand, folgten. Die sechs Männer hatten den Sarg nach der Trauerfeier in der Kapelle auf einen rollbaren Untersatz gehoben, der nun polternd von diesen in Richtung Grabstätte geschoben wurde. Falko fand, dass Sarah sich wacker hielt. Sie hatte das Angebot des Arztes, ihr für diesen Tag ein sanftes Beruhigungsmittel zu verschreiben, dankend abgelehnt. Falko hoffte inständig, dass es Sarah nach heute leichter würde. Es war schwer für ihn gewesen, sie in den letzten Tagen so leiden zu sehen. Der Tod ihrer Mutter hatte sie vollkommen aus der Bahn geworfen. Nach deren Schlaganfall hatte Sarah ihren Dienst in Lüneburg aufgegeben und damit ihre eigene Karriere erst einmal auf Eis gelegt, um sich voll und ganz um ihre Mutter kümmern zu können. Diese in ein Pflegeheim zu geben, wie ihr seitens des Krankenhauses nahegelegt worden war, kam für sie nicht infrage. Sie hatte fest an eine Heilung oder zumindest eine gute Wiederherstellung ihrer Mutter geglaubt. Oft hatte sie Falko erzählt, mit ihrer Mutter da­rüber gesprochen zu haben, bisher viel zu wenig mit dieser unternommen zu haben. Sie planten, gemeinsam eine Schiffsreise zu den norwegischen Fjorden zu unternehmen, sobald ihre Mutter wieder mobil genug hierfür war. Doch nun war Vera tot, und nach so kurzer Zeit einen erneuten massiven Umbruch in ihrer Lebensplanung zu erleben, war für Sarah nur schwer zu verkraften. Sarah hatte die gesamte letzte Woche bei Falko verbracht, scheute sich, in das Haus zurückzukehren, in dem sie mit ihrer Mutter gelebt hatte und in dem diese schließlich auch gestorben war. Sie hatte sich noch nicht festgelegt, aber Andeutungen gemacht, sich vorstellen zu können, alles zu verkaufen. Falko hatte ihr weder zu- noch abgeraten, ihr lediglich gesagt, dass für solche Entscheidungen immer noch Zeit war. Was Sarah nun tun würde, stand also derzeit noch in den Sternen.

Die kleine Kapelle war während der Trauerfeier voll gewesen. Es waren wesentlich mehr Menschen gekommen, als Sarah erwartet hatte. Ihre Mutter war beliebt gewesen, doch hätte Sarah nicht sagen können, wer ihr eng genug verbunden war, um am heutigen Tage deren Abschied zu begleiten. Der Trauergottesdienst war stilvoll gewesen und ganz so, wie Vera Bischoff es der Ansicht ihrer Tochter nach als gut empfunden hätte. Zum Teil hatte Sarah die Lieder ausgewählt, die ihre Mutter beim Begräbnis ihrer eigenen Mutter hatte spielen lassen.

Sarah stolperte auf dem unebenen Weg, und Falko fasste sofort zu. »Alles in Ordnung?«, raunte er.

»Alles gut«, antwortete Sarah, den Blick starr auf den Sarg vor sich gerichtet.

Sie erreichten die vorbereitete Grabstätte der Familie Bischoff, in der schon Sarahs Vater lag, und die Träger hoben den Sarg von dem Gefährt. Würdevoll schritten sie zu dem ausgehobenen Loch, stellten den Sarg auf den zwei Querbalken ab, die darübergelegt worden waren. Auf ein Zeichen des Pastors fassten vier Träger die Seile, die auf den Querbalken lagen, und hoben den Sarg ein Stück an. Dann zogen die beiden anderen die Balken seitlich weg, sodass der Sarg nur noch von den Männern mit den Seilen gehalten wurde.

»Wir übergeben nun den Leib Vera Bischoffs der Erde«, sagte der Pastor laut, und alle sahen zu, wie der Sarg langsam herabgelassen wurde.

Sarah wurde eiskalt. Abschied! Endgültig! Es gab kein Zurück, keinen weiteren Blick. Sie würde ihre Mutter nie wiedersehen. Niemals. Sarah schluckte schwer, umklammerte Falkos Hand. Die Tränen liefen ihr über die Wangen.

Der Sarg erreichte mit einem kurzen Poltern den Boden, die Leichenträger nickten und ließen die Seile hinabfallen. Der Pastor trat an die Stirnseite des Grabes. »Nimm nun den Leib unserer Schwester Vera Bischoff, oh Herr.« Er griff nach der Schaufel, die neben dem Grab in einem kleinen Sandhaufen steckte. Er hob die Schaufel, nahm Sand auf und warf ihn auf das Grab. »Erde zu Erde«, wieder nahm er Sand, »Asche zu Asche«, er hob ein letztes Mal Sand an, »und Staub zu Staub.«

Gemeinsam beteten alle laut das Vaterunser, dann kam der Pastor zu Sarah und schüttelte ihr die Hand.

Sarah trat an das Grab, griff in die kleine Schale mit Blütenblättern und streute diese hinab. »Mach’s gut!«, flüsterte sie leise. Falko hielt sich hinter ihr, legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. Sie schwankte ein wenig, und Falko fürchtete einen Moment, dass sie das Gleichgewicht verlieren würde. Doch dann fing sie sich wieder und trat rückwärts vom Grab.

Falko vergewisserte sich, dass Sarah einen festen Stand gefunden hatte. Dann trat er selbst vor, griff die Schaufel und ließ seinerseits Erde auf den Sarg fallen. Er nickte dem Sarg zu, trat zurück, ging zu Sarah hinüber, die etwa fünf Meter weiter stehen geblieben war, und trat seitlich hinter sie.

Nach und nach kamen die Trauernden, gingen erst an das Grab und dann zu Sarah, um dieser ihr Beileid zu bekunden.

Sarah ließ die Gesichter an sich vorbeiziehen, nahm kaum eines von ihnen wirklich wahr. Sie schüttelte die ihr gereichten Hände, nickte den Menschen zu und dankte ihnen für ihre Anteilnahme. In Gedanken war sie bei ihrer Mutter. Vera hatte sich die letzten Jahre, seit dem Tod Sarahs Vaters, ehrenamtlich engagiert und es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen im nahe gelegenen Seniorenheim regelmäßig zu besuchen, diesen vorgelesen und Spaziergänge mit ihnen unternommen. Viele derer, um die sie sich gekümmert hatte, hatten Vera, obwohl sie um einiges älter waren, überlebt und sprachen nun Sarah ihr Mitgefühl aus. Für Sarah fühlte es sich falsch an.

»Ich möchte Ihnen mein Beileid aussprechen. Der Tod Ihrer Mutter hat mich tief bestürzt«, sagte nun eine Frau. Sie war die Letzte derer, die sich eingereiht hatten, um Sarah zu kondolieren, und Sarah war erleichtert, dass es gleich vorbei sein würde. Sie hatte die Frau noch nie gesehen, doch auch viele der anderen, die ihr die Hand geschüttelt hatten, kannte Sarah nicht.

»Danke.«

»Sie werden mich nicht kennen. Mein Name ist Lisa Schönfeld. Ich habe früher hier in Flensburg gelebt. Ihre Mutter und ich waren enge Freundinnen, als wir Kinder waren.«

Sarah bemühte sich um ein Lächeln. »Lisa Schönfeld? Ihr Name sagt mir etwas. Meine Mutter hat mir von Ihnen erzählt. Sie hat sich immer gewünscht, sie einmal wiederzusehen.«

»Ich bereue, den Kontakt zu Ihrer Mutter nicht wieder aufgenommen zu haben. Nun ist es zu spät, und ich werde damit leben müssen.«

»Vielleicht ist es Ihnen ein Trost, dass meine Mutter Sie in sehr guter Erinnerung gehabt hat.«

»Es ist nett, dass Sie das sagen.«

»Das ist mein Lebensgefährte, Falko Cornelsen«, stellte Sarah vor und bedachte diesen mit einer Handbewegung, wobei der Kurzmantel, den Sarah trug, etwas zur Seite rutschte. Ganz plötzlich veränderte sich der Gesichtsausdruck Lisa Schönfelds. Erschrocken blickte sie Sarah an.

»Woher haben Sie das?«

Falko hatte ihr die Hand entgegengestreckt, nachdem Sarah ihn vorgestellt hatte, zog diese aber zurück, als er die heftige Reaktion der Frau bemerkte. Er folgte ihrem Blick. Wie gebannt starrte sie auf die Kette, die Sarah um den Hals trug.

Sarah fasste das Schmuckstück. »Dies?« Sie blickte Lisa Schönfeld an. »Von meiner Mutter. Es war eines ihrer Lieblingsstücke, obwohl sie es nie getragen hat. Weshalb fragen Sie?«

Lisa sah von Falko zu Sarah, schnappte nach Luft. »Nein«, hauchte sie leise. »Nein!«, schrie sie plötzlich auf, drehte sich um und rannte los. Sie stieß die Trauergäste, die noch nicht gegangen waren, einfach beiseite und bahnte sich einen Weg hindurch.

Falko und Sarah warfen sich einen verständnislosen Blick zu, dann löste Falko die Starre und lief hinter der Frau her. Sie hatte fast das schmiedeeiserne Tor des Friedhofs erreicht, eher er sie einholte. Von hinten fasste er ihr an die Schulter, um sie aufzuhalten. »Warten Sie. Bitte warten Sie.«

Sie bremste ab, drehte sich zu ihm um. Ihr Kopf war hochrot, ihre Augen mit Tränen gefüllt. Fast panisch sah sie ihn an.

»Gehen Sie weg! Verschwinden Sie! Fassen Sie mich nicht an!«, brüllte sie hysterisch.

»Beruhigen Sie sich doch. Bitte, ganz ruhig.« Er hob die Hände, um ihr zu zeigen, dass er keine Gefahr darstellte.

»Sagen Sie mir nicht, was ich tun soll!«, schrie sie laut, als nun auch Sarah die beiden erreichte.

»Was ist denn nur geschehen?«, fragte Sarah hilflos.

Lisa rang um Luft, suchte offenbar nach Worten. Dann schüttelte sie den Kopf. »Folgen Sie mir ja nicht. Ich will Sie nie wiedersehen. Sie und Ihresgleichen!« Sie griff nach der Pfortenklinke. »Es ist mein Ernst! Ich zeige Sie an, wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen.«

»Aber …«, sagte Sarah, doch Falko fasste ihren Arm und brachte sie so zum Schweigen.

Lisa registrierte es, hob den Kopf und ging. Sie knallte die Pforte hinter sich zu, ging ein paar Schritte, dann lief sie los und war schon wenige Momente später aus dem Sichtfeld der beiden verschwunden.

Sarah blickte Falko fassungslos an. »Was war das denn?«

Falko schüttelte den Kopf. »Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung.« Er fasste ihre Schultern. »Alles gut mit dir?«

»Ich weiß nicht. Ich bin vollkommen durcheinander.«

»Nicht nur du.« Er legte den Arm um ihre Schultern. »Komm. Jetzt ist nicht die Zeit, sich darum Gedanken zu machen.«

Keiner sagte mehr etwas, als sie das Friedhofsgelände verließen. Falko hatte das Gefühl, dass durch die unerwartete Störung durch Lisa Schönfeld der Abschied von Vera Bischoff nicht so ausgefallen war, wie es angebracht gewesen wäre. Doch er wusste nicht, ob es Sarah helfen könnte, noch einmal zurückzugehen und einen letzten Blick auf das offene Grab zu werfen. Womöglich empfände sie es als zusätzliche Belastung, war unter Umständen einfach nur froh, alles hinter sich gebracht zu haben. Er hielt es für falsch, sie jetzt darauf anzusprechen und sie damit dem Zweifel auszusetzen, was das Richtige war. Also sagte er nichts.

*

Mit einem wechselnden Gefühl zwischen Neugierde und Erregung hatte er die Szene am Grab verfolgt. Er hatte keine der drei Personen je gesehen, auch die Tochter Vera Bischoffs nicht. Ein hübsches Ding, das musste er zugeben. Wenn er es richtig mitbekommen hatte, war es um die Kette gegangen, die Vera Bischoffs Tochter um den Hals getragen hatte. Unauffällig war er ihr gefolgt, als sie dem Mann, offenbar ihrem Freund oder Ehemann, der neben ihr am Grab gestanden hatte, nachgelaufen war, als dieser die Verfolgung der Frau aufgenommen hatte. Am Friedhofstor hatten die drei noch eine weitere, kurze Auseinandersetzung gehabt. Er hatte nur Bruchstücke hören können, doch es reichte ihm, um sich ein Bild zu machen. Er war neugierig geworden, wer die Frau wohl war, die schließlich die Friedhofspforte zugeschlagen hatte und davongelaufen war. Wenn er sich beeilte, konnte er sie vielleicht noch erreichen und sehen, wohin sie ging. Doch er wollte nicht riskieren, dass die Bischoff-Tochter und deren Freund ihn sahen, also wartete er noch einen Moment ab. Als er sah, dass diese in den BMW stiegen, huschte er vorbei und lief im Eilschritt an die Straßenecke, um zu sehen, wohin die Frau vom Friedhof gegangen war. Er lief erst ein Stück in die eine, dann in die andere Richtung und kehrte schließlich an die Einmündung der Straße zurück, doch er konnte sie nirgendwo mehr sehen. Verdammt! Zu gern hätte er gewusst, wer sie war. Er überlegte kurz, was er nun weiter unternehmen könnte, da hörte er, wie der Motor des BMW gestartet wurde. Schnell setzte er sich in Bewegung und ging davon, um zu vermeiden, dass die Bischoff-Tochter oder deren Freund ihn sahen.

*

Erst als sie im Auto saßen und Falko den Motor anließ, fand Sarah ihre Sprache wieder. »Was denkst du, was sie gemeint hat?«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Offenbar hat es etwas mit dem Bernsteinamulett zu tun, das du um den Hals trägst.« Er überlegte. »Woher kommt es?«

»Es ist ein Erbstück und schon seit Jahrzehnten in unserer Familie. Es gehörte ursprünglich meiner Großmutter, vielleicht hat sie es sogar auch schon von ihrer Mutter bekommen. Ich weiß es wirklich nicht.«

»Lisa Schönfeld wirkte erschrocken, geradezu fassungslos«, stellte Falko nachdenklich fest.

»Aber weshalb? Wegen einer Kette?«

»Es muss irgendetwas mit diesem Schmuckstück auf sich haben. Oder es ist einfach nur eine Verwechslung. Bernstein ist nicht eben selten. Was weißt du über Lisa Schönfeld?«

»Eigentlich nicht viel. Sie war eine Freundin meiner Mutter, bis sie mit ihrer Familie weggezogen ist.«

»Weggezogen? Wohin?«

Sarah zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich nicht. Meine Mutter hat nicht viel von ihr erzählt, nur eine Handvoll Male hat sie erwähnt, dass sie Lisa gern einmal wiedergetroffen hätte.«

»Hat deine Mutter mal gesagt, warum sie weggezogen ist?«

»Nein. Nein, ich glaube nicht.«

»Was willst du jetzt tun?«

Sarah schwieg einen Moment. Sie lehnte ihren Kopf an die Kopfstütze, schloss ihre Augen. »In Bezug auf Lisa Schönfeld? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich leer, vollkommen leer. Vielleicht sollte ich es einfach auf sich beruhen lassen.«

»Das verstehe ich sehr gut. Denkst du, dass du damit leben kannst, nicht zu wissen, was sie gemeint hat?«

»Könntest du es?«

»Wenn ich die Entscheidung treffen würde, ja«, antwortete Falko nach kurzem Überlegen. Er lenkte den BMW in die Schöne Aussicht und fuhr unter das Carport. Falko stieg aus, doch Sarah rührte sich nicht. Er ging zur Beifahrertür und öffnete sie. Sarah saß noch immer mit geschlossenen Augen da. »Komm. Wir sind da.«

»Ich weiß«, sagte sie, ohne ihn anzusehen. »Lass mich einfach noch eine Weile hier sitzen, ja?«

»Weil du allein sein möchtest?«

»Weil ich das Gefühl habe, keinen einzigen Schritt mehr tun zu können.«

Falko lächelte. »Dann trage ich dich eben. Na, komm schon.« Er griff ihre Hand, zog den Arm ein wenig zu sich heran. Sarah setzte einen Fuß aus dem Auto, während sie wieder die Augen öffnete. »Schon gut. Ich kann allein gehen.« Sie mühte sich um ein Lächeln, das ihr nur mäßig gelang.

»In Ordnung.« Falko wartete, bis sie ausgestiegen war, umfasste ihre Taille und zog sie nah an sich heran, während sie zusammen zum Haus gingen.

»Ich habe dich nicht mal gefragt, ob es für dich in Ordnung ist, wenn ich mit zu dir komme.«

»Natürlich ist es das«, beruhigte Falko und ließ sie erst los, als sie die Haustür erreichten und er aufschloss. Im Flur schmiegte sie sich wieder an ihn. Sie gingen zum Wohnzimmer hinüber, wo Sarah sich auf die Couch niedersinken ließ. »Ich mache uns einen Tee«, sagte Falko. »Nimm dir die Decke und leg dich hin.«

Sarah nickte nur, griff nach der Decke, die auf der Couchlehne lag, streckte sich aus und zog den Stoff über ihren Körper. Sie war müde, einfach nur müde. Ihre Glieder fühlten sich an, als hätte sie gerade einen Marathonlauf hinter sich gebracht.

»Du hast das Schlimmste geschafft«, sagte Falko beim Rausgehen. »Ruh dich aus. Ab jetzt wird es jeden Tag ein bisschen besser.«

3. Kapitel

Donnerstag, 15. Oktober 2015, 8.04 Uhr

Während Falko am Donnerstag zur Arbeit ging, blieb Sarah in seinem Haus und ruhte sich weiter aus. Über allem, was sie taten, lag eine lähmende Trägheit, und Falko war froh, im Präsidium wieder ein wenig Normalität zu spüren.

»Wie geht’s Sarah?«, fragte Kriminaloberkommissar Stefan Krieger, Falkos rechte Hand, und stellte einen Kaffeebecher vor ihm auf dem Schreibtisch ab. Seine eigene Tasse behielt Stefan in der Hand und setzte sich auf einen der Besucherstühle. Falko hatte das Büro von seinem Vorgänger und Freund, Oliver König, genauso gelassen, wie dieser es seinerzeit eingerichtet hatte. Die Einrichtung entsprach zwar nicht seinem Geschmack, doch er hatte nichts verändern wollen, um die Gegenwart Olivers zumindest auf diesem Wege weiter in seinem Leben zu halten.

»Danke«, sagte Falko und nahm die Kaffeetasse zur Hand. »Sarah hält sich. Doch es ist schwer für sie. So krank ihre Mutter auch war, kam deren Tod jetzt doch vollkommen überraschend. Sarah hat in Lüneburg alles aufgegeben, um Vera zu pflegen. Und jetzt steht sie vor dem Nichts.«

»Eine verdammte Scheiße ist das«, urteilte Stefan.

»Sarah wird das hinbekommen. Sie braucht nur etwas Zeit.« Falko trank einen Schluck. »Was war hier so?«

Stefan trank ebenfalls einen Schluck, bevor er antwortete. »Die Demo gestern in der Innenstadt ist ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Rechts gegen links, angebliche Salafisten, die mitgemischt haben. Und natürlich die üblichen Schreihälse mit ihren Scheißhausparolen. Es hat einige Verletzte gegeben, zunächst nichts Besonderes. Doch dann haben die Kollegen in einer Seitenstraße eine Leiche gefunden. Ein Mann, noch keine 30 Jahre. Stumpfe Gewalteinwirkung gegen den Kopf.«

»Wisst ihr schon, wer der Tote ist?«

»Noch nicht. Sieht aus, als hätte ihm jemand mit einem Baseballschläger das Gesicht bearbeitet. Nach der Autopsie wissen wir mehr. Michael und Tammo kümmern sich drum und werden den Fall nachher vorstellen.«

»In Ordnung. Sonst noch was?«

»Nur das Übliche. Wir kriegen das hin, falls du noch ein paar Tage freinehmen willst.«

»Offen gesagt, bin ich ganz froh, wieder hier zu sein.«

»Dir fällt zu Hause die Decke auf den Kopf, was?«

»So sieht’s wohl aus.«

»Ich sag dir Bescheid, wenn Michael und Tammo so weit sind. Dann gehen wir den Fall wie gewohnt gemeinsam an.«

»Klingt gut.«

»Und denkst du an den Neuen, der sich vorstellen kommt?«

Falko brauchte einen Moment, um Stefan folgen zu können. »Ach ja, richtig, das ist ja heute. Um 11 Uhr, oder?«

»Ja. Bin gespannt, was das für einer ist. Er soll gut sein und wirkt sympathisch.«

»Was weißt du über ihn?«

»Er ist Kriminaloberkommissar, genau wie ich. Will aber wohl seinen Schwerpunkt aufs Profiling legen. Ich hab vor einigen Tagen mit ihm telefoniert, als wir den Termin abgesprochen haben. Er sagt, ihr seid euch mal auf einer Fortbildung begegnet. In München, glaube ich.«

»Möglich. Ich hab wirklich viele von diesen Fortbildungen gemacht. Wo arbeitet er zurzeit?«

»Bei der Kripo in irgend so einer Kleinstadt.« Stefan griff nach einer Akte, die er auf den Tisch seines Vorgesetzten gelegt hatte. »Warte, hier hab ich’s. In Verden an der Aller. Er heißt Holger Schierloh, ist 39 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, ein Mädchen im Alter von 17 Jahren und einen Sohn, der gerade neun ist. Er will sich neu orientieren, und seine Tochter möchte nächstes Jahr nach dem Abi in Flensburg studieren.«

»Und da kommt die ganze Familie mit?«

Stefan zuckte mit den Schultern. »Scheinen ziemlich eng miteinander zu sein, vor allem will er aber wohl unbedingt Profiler werden, genau wie du. Und da bietet es sich an, hierher umzuziehen. Da passt das mit der Tochter umso besser.«

»Bin gespannt, ihn kennenzulernen.«

»Soll ich dabei sein?«, fragte Stefan.

»Fände ich gut«, stimmte Falko zu. »Und was ist mit unserem Direktionsleiter? Warum macht Wenck das Gespräch nicht?«

»Hat er schon. Er sagte mir, dass er der Richtige ist, wenn du ihn ins Team holen willst.«

»Okay. Ich will noch eben was überprüfen, bevor Michi und Tammo kommen und den Fall von gestern vorstellen.«

Stefan stand auf. »Okay. Mach mal. Ich bin drüben bei mir, wenn was sein sollte.«

Falko nickte ihm zu, als Stefan sein Büro verließ und die Tür hinter sich schloss. Er war ihm noch nicht so vertraut, wie Timo Breitenbach, Falkos rechte Hand in Lüneburg, es gewesen war. Doch er hatte das Gefühl, sich voll und ganz auf Stefan verlassen zu können, und das war für ihn das, was wirklich zählte.

Falko fuhr seinen PC hoch und gab die Passwörter ein. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Schon seit Langem wurde darüber gesprochen, dass in eine neue Computeranlage investiert werden sollte. Doch scheinbar scheuten die Verantwortlichen die Ausgabe oder zögerten diese zumindest weiter hinaus. Falko hatte seine Zweifel, dass ein wirklich ambitionierter Hacker nicht in der Lage war, die überholte IT zu knacken. Für ihn war es ein Sparen am falschen Ende, aber er wollte sich nicht einmischen. Spätestens, wenn ein Schaden entstand, würde man reagieren. Falko konnte nur hoffen, dass dann nicht schon brisante Informationen in die falschen Hände gelangt waren.