Beschreibung

»Every breath you take.« Mitten in der Nacht weckt sie die leise Melodie. Erst einige Momente später begreift sie, dass die Musik aus ihrem Wohnzimmer kommt. Panik ergreift sie und sofort ist ihr klar: Er ist wieder da! Sie eilt hinüber zum Kinderzimmer. Ihr einjähriger Sohn liegt friedlich schlafend in seinem Bett. Doch ihre Erleichterung währt nur kurz, denn auf dem Bäuchlein des Kindes liegt ein Zettel: »Wann immer ich es will!«

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Petra Mattfeldt

Tod und Spiele

Der 2. Fall für Falko Cornelsen

Impressum

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© 2016 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2016

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © fotofabrika / Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-5150-8

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Sanfte Klänge drangen an ihr Ohr. Mit einem zufriedenen Seufzen zog sie die Decke etwas weiter über die Schultern, drehte sich auf die Seite und nickte wieder ein. Plötzlich schreckte sie hoch. Musik. Sie hörte Musik. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Ängstlich sah sie sich im Schlafzimmer um. Sie suchte nach einem Gegenstand, mit dem sie sich bewaffnen konnte. Ihr Blick fiel auf die Nachttischlampe. Sie schlug die Bettdecke zur Seite, zog leise den Stecker heraus und umfasste das metallene Gestänge so fest sie konnte. Barfuß und nur in T-Shirt und Slip bekleidet, schlich sie zur Tür. Sie war nur angelehnt, wie immer, damit sie hören konnte, wenn ihr kleiner Sohn nachts wach wurde und weinte. Sie versuchte, ihre Atmung zu beruhigen, doch es gelang ihr nicht. Die Melodie – sie kannte sie in- und auswendig. Und sie wusste, was das zu bedeuten hatte: Er war zurück. Sie tastete nach dem Lichtschalter, fürchtete einen Schlag, als sie in den Flur trat. Mit einem Klick ging das Licht an. Niemand war da, keiner, der sie angriff. Doch Erleichterung stellte sich nicht ein. Ihr Kind. Ihr wurde übel bei dem Gedanken, welches Bild sie erwarten würde, sobald sie sein Zimmer betrat. Wie festgewachsen stand sie da, unfähig, sich zu bewegen. Sie wollte losstürzen, doch die Angst ließ sie nur zaghaft einen Schritt vor den anderen setzen. In der einen Hand die Lampe, tastete sie sich mit der anderen an der Wand entlang. Außer dem Lied, das die Stereoanlage im Wohnzimmer leise und endlos spielte, war nichts zu hören. Ihr Unterkiefer zitterte unkontrolliert, ihr wurde schwindelig, je näher sie zum Zimmer ihres Sohnes kam. Auch diese Tür war nur angelehnt. Sie hatte sie geschlossen, als sie gestern Abend das Zimmer verlassen hatte, nachdem der Einjährige friedlich eingeschlafen war. Vorsichtig drückte sie mit der Hand dagegen. Mit einem leisen Quietschen schwang sie auf, gab den Blick auf das Kinderbett frei. Sie trat näher, bis sie direkt davor stehen blieb. Sie schlug ihre Hand vor den Mund. Das Schluchzen konnte sie nicht mehr unterdrücken. Das Bild, das sich ihr bot, hätte friedlicher und zugleich schockierender nicht sein können. Ihr Sohn lag auf dem Rücken, seine Stirn war rot verschmiert. Die kleinen Hände waren zu Fäustchen geballt und nach oben gewinkelt, so, wie er immer schlief. Die Bettdecke war bis zu den Hüften heruntergezogen, auf seinem Schlafanzug prangte ein weißer Zettel, der mit einer Sicherheitsnadel befestigt worden war. Rote Buchstaben schlugen ihr entgegen.

Wann immer ich es will!

Schnell entfernte sie die Sicherheitsnadel und zerknüllte das Papier. Mit schmatzenden Lauten kam ihr Sohn aus dem Schlaf. Hastig ging sie zur Kommode hinüber, zog drei Feuchttücher aus dem Behälter und kehrte zum Bettchen zurück. So vorsichtig es ihr mit den zitternden Fingern möglich war, wischte sie ihm die rote Farbe von der Stirn. Der Kleine wurde unruhig, begann leicht zu greinen. Sie nahm ihn auf den Arm, presste ihn fest an sich. Als wolle er sich aus der Umklammerung befreien, versteifte sich sein kleiner Körper. Sie hatte Mühe, ihn mit sanften Worten wieder zum Einschlafen zu bringen. Zu aufgeregt war sie, um die Ruhe auszustrahlen, die ihr Kind jetzt brauchte. Sie wollte es wieder in sein Bettchen legen, doch alles in ihr wehrte sich, den Kleinen hier zurückzulassen. Sie griff nach seiner Decke, schlang sie um seinen Körper und wiegte ihr Kind, als sie das Zimmer verließ. Sie brachte es in ihr eigenes Bett, deckte es zu und strich ihm sanft über den Kopf. Dann verließ sie den Raum. Als sie im Wohnzimmer angekommen war, drang noch immer »Every breath you take« von Police aus den Lautsprechern. Sie drückte wütend die Taste, die das CD-Fach öffnete. Dort lag ein Rohling, unbeschrieben, ohne jeden Aufdruck. Sie nahm die CD heraus, brach sie in immer kleinere Stücke und schleuderte sie gegen die Wand, während sie wild zu schluchzen begann. Es dauerte eine Weile, bis sie sich beruhigt hatte. Obwohl sie ahnte, dass er längst wieder aus ihrer Wohnung verschwunden war, inspizierte sie jeden Raum. Alles war wie immer, nichts sonst hatte er angerührt. Nur der herbe Geruch seines Aftershaves hing in der Luft. Sie ging zur Wohnungstür, drückte die Türklinke herab. Unverschlossen. Die Tür war nur ins Schloss gezogen worden, obwohl sie sich ganz sicher war, den Schlüssel gestern Abend zweimal umgedreht zu haben. Ein Gefühl der Hilflosigkeit ergriff Besitz von ihr. Einen Moment glaubte sie, ohnmächtig zu werden. Kurz schloss sie die Augen, ermahnte sich selbst, die Nerven zu bewahren. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Tür, sah den Flur entlang. An der rechten Wandseite hingen vier Schwarz-weiß-Bilder, die sie mit ihrem Sohn zeigten. Ein befreundeter Fotograf hatte sie gemacht, ein »Abbild der Innigkeit« hatte er sie genannt. Sie schluchzte. Ja, ihr Sohn war ihr Ein und Alles. Wenn ihm jemals etwas zustoßen würde … Nein, sie konnte den Gedanken nicht zu Ende bringen. Die Bilder, die dabei in ihrem Kopf entstanden … Sie würde nicht zulassen, dass ihm etwas geschah. Mit einem Ruck löste sie sich von der Tür, warf noch einen Blick auf ihren schlummernden Sohn, als sie an ihrem Schlafzimmer vorbeiging. Entschlossenen Schrittes durchquerte sie den Flur, ging weiter bis zu seinem Zimmer, zog dort Schränke und Schubladen auf und legte alles auf den Wickeltisch. Sie wusste jetzt, was sie zu tun hatte. Rasch packte sie alles zusammen. Sie würde ihn schützen, koste es, was es wolle.

1. Kapitel

Freitag, 03. Januar, 09.40 Uhr

Raus! Ein paar Tage nachdenken. Nein, nur nicht mehr denken. Der Fall war abgeschlossen, die Akten weggelegt. Die letzten Monate waren an Falko vorbeigezogen. Er hatte gehofft, über Weihnachten abschalten zu können und ein bisschen loszulassen. Sehen, was noch zu retten war. Heike hatte Normalität geschauspielert. Es war ihr nur mäßig gelungen. Das Weihnachtsfest hatten sie wie in jedem Jahr verbracht, nur zu zweit, ein Essen, der Austausch einiger Geschenke. Zu Silvester waren sie der Einladung eines befreundeten Paares gefolgt. Andrea war Ärztin, genau wie Heike, ihr Mann Stefan Architekt. Er hatte den Auftrag erhalten, die alten Speicheranlagen zu modernen Wohnungen der gehobenen Klasse umzubauen, und erzählte ausschweifend über die Pläne dieses, wie er immer wieder betonte, einzigartigen Projekts. Falko hatte Mühe gehabt, sich auf den eintönigen Redeschwall zu konzentrieren und gelegentlich Fragen einzuwerfen, die vermeintliches Interesse signalisieren sollten. Es war kurz vor zwei gewesen, als Heike und Falko sich verabschiedetet und von einem Taxi zu ihrem Haus nach Ochtmissen hatten bringen lassen.

Das neue Jahr war noch keine zehn Stunden alt gewesen, als Falko seiner Frau beim Frühstück mitgeteilt hatte, Urlaub zu nehmen und einige Tage allein fortzufahren, um sich endlich über alles klar werden zu können. Ihr Protest war nur schwach ausgefallen.

Am Morgen des 3. Januar packte Falko die lederne Reisetasche in seinen BMW X5 und startete den Motor. Er fuhr noch kurz beim Seniorenheim vorbei, in dem seine Mutter lebte. Es war keiner der Tage, an dem sie ihn erkannte. Also hielt er sich nicht lange auf. Kurz überlegte er, einer Pflegerin Bescheid zu geben, dass er für eine Weile nicht vorbeikäme. Doch er musste sich eingestehen, dass er sich auch sonst, wenn ein neuer Fall seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, oft Tage, manchmal sogar Wochen nicht blicken ließ. Wahrscheinlich würde nicht einmal jemand bemerken, dass er seine Mutter nicht besuchte. Sie am allerwenigsten.

Er fuhr auf der A 7 Richtung Norden. Die Küste war genau das, was er jetzt brauchte. Kalte Luft, eine stürmische See, heißer Tee und lange Spaziergänge, die ihm halfen, seine Gedanken zu ordnen.

Heike hatte ihn betrogen, monatelang, und er hatte nichts davon gemerkt. Er, Kriminalhauptkommissar und Profiler, der den Ruf besaß, Menschen und Tatorte lesen zu können wie kaum ein anderer, war wie ein Ochse am Ring durch die Manege gezerrt und vorgeführt worden. Er schlug mit der flachen Hand gegen das Lenkrad. Wie hatte er nur so ein Idiot sein können? Falko beschleunigte, drückte das Gaspedal immer weiter durch, kam seinem Vordermann bedrohlich nah, der rasch nach rechts rüberzog, als er den BMW im Rückspiegel heranschießen sah. Falko gefiel das Gefühl der Macht, die Kontrolle, andere durch sein Verhalten zum Nachgeben zu zwingen. Doch schon im nächsten Moment hob er den Fuß, nahm den Druck vom Gaspedal. Was war er nur für eine jämmerliche Gestalt, wenn er es genoss, andere auf diese Weise einzuschüchtern?

An der Raststätte Harburger Berge fuhr er ab und stoppte direkt vor dem Restaurant. Als er eintrat, ließ er seinen Blick über die Gäste schweifen. Eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Eine weitere mit drei Kindern, die bereits etwas älter waren. Eine Vierergruppe Männer, wahrscheinlich Handwerker, ein einzelner Mann hinten rechts am Fenster. Falko tippte darauf, dass er LKW-Fahrer war. Er ging zum Tresen, besah die dort an Plexiglasscheiben angeschlagenen Angebote und entschloss sich, lediglich eine Tasse Kaffee zu trinken. Essen würde er später, sobald er die Küste erreichte. Dann in einem Fischrestaurant. Das Essen hier würde ihm nur zentnerschwer im Magen liegen.

Er nahm sich den Kaffee und setzte sich an einen Tisch am Fenster. Ihm ging das Gespräch von heute Morgen durch den Kopf, während er kleine Schlucke trank und die Kaffeetasse zwischen seinen Fingern drehte. Heike hatte ihn gefragt, wo er überhaupt hinwolle. Er war nicht sicher, dass sie ihm geglaubt hatte, als er ihr sagte, es selbst nicht zu wissen. Sie konnte ihn über Handy erreichen. Das musste ihr derzeit als Auskunft genügen.

Kurz kontrollierte er jetzt, ob ein Anruf eingegangen war, bevor er den letzten Schluck nahm und das Tablett mit der Kaffeetasse in einen dafür vorgesehenen Geschirrwagen stellte. Niemand hatte versucht, ihn zu erreichen.

Die Kollegen wussten Bescheid, dass er sich eine kleine Auszeit nahm. Bis auf Timo Breitenbach, seine rechte Hand, wusste keiner aus seinem Team um die Ehekrise, in der er steckte. Sarah Bischoff und Rolf Kramer hatte er sich nicht anvertraut, obwohl Falko sicher war, dass die beiden etwas ahnten. Sie waren Vollblutermittler, genau wie er. Es war ihr Beruf, die Menschen um sich herum genau zu beobachten. Doch selbst wenn sie es wussten oder zumindest ahnten, dass es privat bei Falko nicht zum Besten stand, waren sie höflich genug, ihn nicht darauf anzusprechen.

Er ließ seinen Blick über die Raststätte schweifen, als er ins Freie trat. Was machte er hier eigentlich? Wäre es nicht besser gewesen, sich gemeinsam mit Heike eine kleine Auszeit zu nehmen, um festzustellen, was sie noch verband? Tat er nicht genau das, was sie ihm immer mal wieder zum Vorwurf gemacht hatte? Spielte er einsamer Wolf, der stets alles mit sich selbst ausmacht? Er schlang sich den Schal, den er von Heike zu Weihnachten bekommen hatte, um den Hals, zog den Reißverschluss seiner Jacke hoch und ging zu seinem Auto. Kurz überlegte er, dann zog er sein Handy hervor und wählte einen Kontakt aus. Es klingelte zweimal.

»König?«

»Oli? Hier ist Falko.«

»Was? Mit dir hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet. Frohes neues Jahr!«

Es tat Falko gut, die Freude in der Stimme des Freundes zu hören. »Dir auch! Wie sieht’s aus bei dir?«

»Alles bestens. Bei uns ist’s im Moment ruhig. Offenbar sind die Straftäter alle noch im Weihnachtsurlaub.« Er lachte auf. »Ich hab ein paar Tage Urlaub genommen.«

»Ach ja? Ich auch. Hättest du dann Lust, dich mit mir auf ein Bier oder einen Wein zu treffen?«

»Wieso? Bist du in Flensburg?«

»Noch nicht, aber auf dem Weg an die Küste. Dann würde ich dort Halt machen.«

»Mensch, Falko. Das würde mich wirklich freuen. Wann kannst du hier sein?«

Falko sah auf die Uhr. »In zwei Stunden etwa, würd ich sagen.«

»Perfekt! Ich koche uns was für heute Abend. Oder willst du lieber Essen gehen?«

»Mir wär’s bei dir lieber.«

»Mir auch. Und bevor du was sagst, ich mach direkt die Couch fertig. So kannst du nachher den Wagen stehen lassen und wir haben mal kein zeitliches Limit.«

»Okay. Dann bis nachher.«

»Ja, bis dann. Ich freu mich echt auf dich.«

Falko klickte die rote Taste, steckte sein Handy in die Jackentasche und stieg ins Auto. Seine Stimmung hatte sich schon jetzt erheblich verbessert. Oliver König war genau wie er Kriminalhauptkommissar. Er hatte sich vor über zehn Jahren in Flensburg niedergelassen, war 41 Jahre alt, nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Ein sportlicher Typ, der trotz seines ernsten Berufes immer eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlte. Etwas, das Falko von sich leider nicht behaupten konnte. Sie hatten sich vor Jahren bei einer Fortbildung kennengelernt, den Kontakt stets aufrechterhalten und waren schließlich gute Freunde geworden. Schon oft hatte Oliver Falko um dessen Profilermeinung gebeten, wenn dieser sich bei seinen Ermittlungen in einer Sackgasse befand und einen neutralen Blick auf die Fakten benötigte. So hatte Falko oft einen Impuls geben können, um einen Fall neu zu betrachten und die Ermittlungen in eine weitere Richtung zu lenken.

In Flensburg würde er noch irgendwo ein oder zwei Flaschen besorgen. Oliver bevorzugte genau wie er selbst Rotwein. Er startete den Motor und fuhr los. Endlich ein Ziel vor Augen, auf das er sich freute.

Gute zweieineinhalb Stunden später drückte er den Klingelknopf zu Olivers Wohnung in einem Mehrfamilienhaus am Rand der Altstadt und wartete, bis er den Summton hörte. Dann trat er ins Treppenhaus.

»Da bist du ja.« Oliver stand in der geöffneten Wohnungstür. »Mensch Alter, komm rein.«

Die Männer umarmten sich zur Begrüßung. Eine Geste, die Falko mit nur sehr wenigen Menschen tauschte.

»Es ist echt schön, dich zu sehen«, bekräftigte Falko. »Ist ’ne ganze Weile her.«

»Das kannst du laut sagen. Gib mir deine Jacke.«

»Danke.« Falko trat vom Flur aus ins Wohnzimmer und pfiff anerkennend durch die Zähne. »Hier hat sich aber einiges verändert. Hast du eine Freundin?«

»Hatte«, bemerkte Oliver grinsend. »Die Frau ist wieder weg, ihren guten Geschmack hat sie hiergelassen.«

»Was Ernstes?«

Oliver wiegte den Kopf. »Schon, aber ich bin drüber weg. Der Dienst«, er zuckte mit den Schultern. »Du weißt ja, wie’s ist. Hier musste ich mal eine seit Langem geplante Feier bei Freunden absagen, da mal einen Besuch im Konzert, weil die Herren Straftäter sich so ungern an Bürozeiten halten. Da hat’s ihr irgendwann gereicht. Doch wir verstehen uns noch immer gut. Sie hat inzwischen einen neuen Freund, kommt aber gelegentlich noch vorbei. Wenn du verstehst …« Er zwinkerte.

»Ich verstehe«, bemerkte Falko grinsend.

»Ist eben nicht überall wie bei dir und Heike«, brachte Oliver mit bedauernder Geste hervor, sah jedoch, wie sich sofort Falkos Gesichtsausdruck veränderte.

»Ist was passiert?«

»Ach, was soll ich lang drum herumreden? Genau deshalb bin ich für ein paar Tage weg. Meine Frau hat auch von Zeit zu Zeit jemanden besucht«, brachte er spöttisch hervor.

»Oh. Und jetzt hast du dich von ihr getrennt?«

»Ja und nein. Sie war ausgezogen, ist dann wieder eingezogen. Das Übliche eben. Aber es ist nicht mehr das Gleiche.« Er seufzte. »Ich bin nicht sonderlich gut im Verzeihen.«

»Oh Mann. Tut mir echt leid. Ich dachte immer, ihr beide wärt das perfekte Paar.«

»Dachte ich auch. Bis ich sie beim Lügen erwischt habe und sie mir alles erzählt hat. Es ging über mehrere Monate. Kein gutes Gefühl, so ein Idiot gewesen zu sein.«

»Kann ich mir vorstellen.« Oliver deutete auf die Couch. »Setz dich erst mal. Dann können wir in Ruhe erzählen. Rotwein?«

»Ja.« Falko öffnete seine Tasche und zog zwei Flaschen hervor. »Ich hab auch direkt welchen mitgebracht.« Das war eigentlich nicht unbedingt die Zeit, zu der er üblicherweise Wein trank. Aber heute war das was anderes.

»Perfekt«, urteilte Oliver, als er die Etiketten besah. »Hast du auch Hunger?«

»Noch nicht.«

»Okay. Dann nur der Wein. Kommt sofort.«

2. Kapitel

Die Stille und die Dunkelheit in der Nacht waren das Schlimmste. Tagsüber, wenn er mit den anderen zusammen war, ja selbst, wenn sie sich untereinander stritten, gab es so etwas wie Normalität. Doch in der Nacht kreisten seine Gedanken unaufhörlich, Verzweiflung und Panik vervielfachten sich, sodass er kaum noch Luft bekam. Jeden Abend schlief er mit der Angst vor seinen Träumen ein. Und dann, sosehr er sich auch dagegen wehrte, kam der Schlaf und riss ihn mit sich in eine Schwärze, aus der es kein Entrinnen gab, die auf direktem Weg in den Tod führte. Er wusste es. Er wusste, dass die Nacht kommen würde, in der er nicht mehr zurückkehrte. Doch davor hatte er keine Angst. Nur vor den Schmerzen und davor, dass seine Albträume schon am nächsten Tag wieder grausame Realität sein würden. Am Anfang, als er noch neu hier war und niemals geahnt hätte, hier sein Dasein fristen zu müssen, war ihm in seinen Träumen noch das Bild seiner Mutter erschienen. Er vermisste sie so sehr, dass sich sein Herz beim bloßen Gedanken an sie zu verkrampfen schien. Dabei hatte sie eigentlich nie viel für ihn übrig gehabt, und manchmal, wenn sie betrunken, wütend oder beides war, hatte sie doch ziemlich fest zugeschlagen. Aber dennoch war sie seine Mutter. Und auch wenn die anderen ihm widersprachen, konnte und wollte er nicht glauben, dass sie auch nur ahnte, dass er hier festsaß. Noch immer meinte er, die Hand zu spüren, die sich auf seinen Mund gelegt, und den schmerzenden Griff des Mannes, der ihn gepackt und in das Auto geschleudert hatte. Heute wusste er, dass es Dieter gewesen war, der ihn verschleppt hatte. An die Fahrt selbst konnte er sich nicht mehr richtig erinnern, weil er durch den Sack, den sie ihm über den Kopf gestülpt hatten, ohnehin nichts hatte sehen können. Doch den Geruch, den er damals zum ersten Mal wahrgenommen hatte, würde er nie vergessen. Noch heute löste er Ekel in ihm aus, immer dann, wenn nicht Janko oder Laszlo kamen, sondern Dieter, um ihn zu holen. Er wusste nicht, warum ausgerechnet er damals aus seinem Bett geholt und hierhergebracht worden war. Rasch rollte sich Marek auf die andere Seite, als könne er sich von den Erinnerungen wegdrehen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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