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1775, amerikanische Wildnis: Die Waldläufer Daniel Boone und Simon Girty schlagen sich durch die Urwälder zum Otsego Lake durch, wo sich ihr Gefährte Simon Kenton in einer einsamen Blockhütte versteckt: mit einem dunklen Geheimnis. Auch Boones Tochter Jemima und die junge Siedlerin Sarah Callaway geraten in einen Strudel aus Verrat, Rache und Befreiung. Als John Killbuck, ein Delaware-Krieger mit Sinn für Frieden, auftaucht, beginnt ein gefährliches Spiel auf dem Wasser. Ein bildstarker, spannender Roman über Loyalität, Grenzerleben und das Ringen zwischen Kulturen: inspiriert von historischen Figuren und wahren Begebenheiten.
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Seitenzahl: 106
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Kapitel 1– Der Pfad zum Otsego Lake
Kapitel 2 – Die Arche am Rande der Wildnis
Kapitel 3 – Die Nacht der Kanus
Kapitel 4 – Der Krieger vom Schildkröten-Klan
Kapitel 5 – Im Lager der Shawnee
Kapitel 6 – Kampf um die Biberburg
Kapitel 7 – Die Falle im Blockhaus
Kapitel 8 – Sheltowees Opfer
Kapitel 9 – Das Feuer am See Glossar
Glossar
Nachbemerkung des Autors
Weitere Informationen
Daniel Boone – „Sheltowee“
Er jagte, wo noch kein Pfad war, und baute Brücken, wo andere Grenzen zogen. Daniel Boone war Pionier, Pfadfinder, Vater und ein Mann, der das Vertrauen der Delawaren gewann. Sie nannten ihn Sheltowee, die Große Schildkröte: ein Ehrenname, der Geduld, Kraft und Würde vereint. Vom Kentucky River bis an die Ufer des Otsego Lake wurde er zur Legende. Doch mehr als Ruhm zählte ihm das gegebene Wort und der Schutz der Seinen.
John Killbuck – „Gelelemend“
Krieger, Friedensstifter, Häuptling der Delawaren: John Killbuck war ein Mann zwischen den Welten. In jungen Jahren trug er den Tomahawk, später das Wort. Als Gelelemend, Sprecher der Wahrheit, setzte er sich für Verständigung ein, selbst als sein Volk zwischen die Fronten geriet. Am Otsego Lake kämpfte er nicht für Rache, sondern für Hoffnung und für Rachel. Seine Freundschaft mit Sheltowee wurde zur Bruderschaft, stark wie das Band ihres Klans, dem der Schildkröte.
Es war ein wolkenloser Junitag, als Daniel Boone und Simon Girty aus dem sumpfigen Unterholz auf eine sonnendurchflutete Lichtung traten. Der Weg hierher war beschwerlich gewesen: knietiefer Morast, dorniges Gestrüpp, zerkratzte Waden. Nun endlich öffnete sich der Wald, und ein silbriges Glitzern kündete vom nahen Otsego Lake.
„Endlich wieder Luft zum Atmen!“, keuchte Girty und sog die Frische gierig ein. „Wir sind fast da, Schildkröte.“
Er deutete mit ausgestrecktem Arm über das dichte Farnkraut hinweg auf eine sanfte Senke, in deren Mitte ein schmaler Wasserstreifen im Sonnenlicht flimmerte.
Boone trat neben ihn. Der Schweiß glänzte auf seiner Stirn, doch seine Stimme blieb ruhig. „Warst du schon mal hier oder freust du dich bloß über den Himmel?“
Girty grinste. „Letzten Sommer war ich mit meinen Brüdern hier. Da unten an der Quelle hatten wir unser Lager.“ Er klopfte sich auf den Magen. „Und jetzt habe ich einen Bärenhunger. Setzen wir uns. Ich höre das Wasser schon murmeln.“
Sie bahnten sich einen schmalen Pfad zur Quelle, wo das klare Wasser aus einem mit Moos bewachsenen Stein sprudelte. Boone ließ sich nieder, legte seine Kentucky Rifle neben sich, öffnete die Jagdtasche und reichte Girty ein Stück getrocknetes Wildbret.
Girty, der nie lange stillsitzen konnte, streckte die Beine aus, drehte sich dann aber gleich wieder um, als höre er ein Rascheln im Farn.
„Du kannst nicht mal beim Kauen ruhig sein, oder?“, fragte Boone.
Girty zuckte mit den Schultern. „Ich war zu lange bei den Seneca. Da lernst du, die Ohren offen zu halten. Selbst wenn du isst.“
„Sieben Jahre, nicht wahr?“ Boone sah ihn prüfend an. „Und doch sitzt du jetzt hier mit mir, als wär’s nie anders gewesen.“
„Ich lebe dazwischen, Schildkröte. Ich bin nicht dies, nicht das. Aber ich weiß, wo der Wind herkommt und wo er hingeht.“
Boone lehnte sich gegen einen Baumstamm und kaute bedächtig an einem Streifen Trockenfleisch. Die Sonne fiel durch die Blätter und warf helle Muster auf seine wetterfeste Jagdbluse. In seinem ruhigen Blick lag ein tiefer Friede, jener seltene Ausdruck von Männern, die der Natur nicht trotzen, sondern in ihr leben. Er war ein kräftiger Mann von 41 Jahren, mit breiten Schultern, wachem Geist und den blauen Augen eines Menschen, der gelernt hatte, in die Ferne zu sehen. Seine Haut war hell, vom Wind gegerbt, doch nicht verbrannt. Er war wie ein Bär, stark und ausdauernd, aber in seinem Lächeln lag etwas Vogelhaf-tes: Leichtigkeit, Neugier, sogar ein Hauch Melancholie.
Er hasste den Krieg, mochte aber den Kampf, wenn er notwendig war. Vor allem aber war er kein Feind der Ureinwohner. Er achtete sie, ihre Spurenlesekunst, ihre Lieder, ihre Geschichten. Niemals hatte er einen Skalp genommen. Nicht aus Angst. Aus Achtung.
„Schildkröte“, rief Girty mit vollem Mund, „du verpasst was. Das hier ist Murmeltier, frisch geschossen und geräuchert, wie die Seneca es tun.“
Boone lächelte nur. „Iss du. Ich denk an meine Familie.“
Girty kaute schweigend weiter. Dann legte er das Fleisch zur Seite und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.
„Was weißt du vom See?“, fragte Boone schließlich. „Ich habe mit John verabredet, uns dort zu treffen. Ist der Otsego ein sicherer Ort?“
Girty nickte. „Ich war dort mit den Seneca, lange bevor du und ich uns trafen. Es gibt eine kleine Hütte am südlichen Ufer. Ich habe Kenton geraten, sich dort niederzulassen.“
„Simon Kenton?“
„Ja. Ist ein harter Hund, aber mit Herz. Hat sich zuletzt von allem abgesetzt. Lebt wie ein Einsiedler.“
Boone runzelte die Stirn. „Und was ist mit Cornstalk?“
„Der ist fern. Noch. Aber seine Boten sind unterwegs.“
Boone richtete sich auf und schulterte seine Kentucky Rifle. „Dann gehen wir. Ich will vor Sonnenuntergang am See sein.“
Girty warf sich den Lederriemen seiner Tasche über die Schulter.
„Voran, Schildkröte! Der Otsego wartet nicht auf Langschläfer.“
Und so verschwanden die beiden Männer zwischen den Bäumen, das Licht tanzte noch eine Weile über das verlassene Lager, dann verschluckte der Wald ihre Spuren.
Während sie durch niedriges Buschwerk stiegen, drehte sich Girty plötzlich zu Boone. Sein Blick war scharf, beinahe fordernd.
„Sag mal, Schildkröte, hast du im Dunmore-Krieg gegen die Shawnee und Mingo gekämpft?“
Boone warf ihm einen langen Seitenblick zu. „Ich war dabei. Aber ich habe keinen Grund zum Prahlen.“
Girty grinste schief. „Ich schon. Ich habe sie gejagt. Viele. Und ich habe mir genommen, was mir zusteht: ihre Skalps.“
Boones Gesicht wurde hart. „Das Skalpieren ist nichts, worauf man stolz sein kann.“
„Du bist zu weich, Boone.“
„Ich finde es schon schlimm genug, einen Menschen zu erschießen. Warum willst du ihn auch noch entehren?“
Girty knurrte. „Du verstehst es nicht. Ich hasse sie. Sie haben mir als Kind alles genommen: meine Eltern, mein Zuhause, meine Freiheit. Sie haben mich aufgezogen, aber ich war nie einer von ihnen.“
Boone blieb stehen. „Und trotzdem jagst du sie jetzt? Alle?“
„Jeden Einzelnen. Für jeden Tag meiner Gefangenschaft.“
„Das ist blind. Es gibt gute und schlechte Rote, wie es gute und schlechte Weiße gibt. Wer so pauschal urteilt, wird selbst zum Tier.“
Girtys Augen blitzten. „Ich bin ein Skalpjäger, kein Friedensstifter.“
„Ein trauriges Leben“, murmelte Boone. „Eins, das dich von innen auffrisst.“
„Spar dir deine Predigt“, fuhr Girty ihn an. „Wir sind nicht in der Kirche, sondern im Indianerland. Hier zählt nur, wer schneller zieht.“
Boone sagte nichts mehr. Der Weg stieg an.
Nach einer Weile brach Boone das Schweigen. „Simon Kenton soll hier leben: am Otsego. Ich habe gehört, er sucht Zuflucht vor dem Galgen.“
Girty nickte. „In Virginia sagen sie, er hätte einen Mann erschlagen.“
„Stimmt das?“
„Kenton sagt nein. Aber er redet selten darüber. Seit er hier ist, lebt er wie ein Wolf, allein, wachsam, launisch.“
„Und meine Tochter Jemima? Sarah Callaway?“
„Sie sind hier. Colonel Callaway brachte sie vor Point Pleasant an den See. Er glaubte, sie wären hier sicherer. Sarah ist eine Schönheit. Stark, klug, wild wie ein junger Falke. Kenton vergöttert sie.“
Girty hatte das Murmeltier restlos verspeist und war wieder unruhig geworden. „Zeit, aufzubrechen“, sagte er knapp, sprang auf und schulterte seine Tasche. Boone stand schweigend auf.
Die Lichtung mit der Quelle war Girty vertraut. Sicher führte er seinen Gefährten auf einem kaum sichtbaren Pfad durch das Dickicht. Der sumpfige Boden blieb bald zurück, und der Weg wurde trockener, fester.
„Da vorn“, sagte Girty und deutete auf eine zerbrochene Schier-lingstanne. „Der See ist nicht mehr weit. Wen triffst du dort?“
„John Killbuck. Ein Munsee-Delaware. Ich traf ihn in Fort Pitt, als die Stämme mit den Briten verhandelten. Seitdem haben wir ein Bündnis.“
Girty schnaubte. „Ein Bündnis mit einer Rothaut. Mutig.“
„Vertrauensvoll“, korrigierte Boone ruhig. „Wir treffen uns auf einem runden Felsen am Seeufer: ein alter Ort der Einigung, so sagte er.“
Girty blieb stehen und wies auf die umgestürzte Tanne. „Hier ist, was wir brauchen.“ Er bog ein paar Zweige beiseite, griff in eine Mulde im Stamm und zog ein schmales Kanu hervor.
„Nimm die Paddel, Schildkröte! Ich trage das Boot.“
Sie kämpften sich durchs Uferdickicht, bis das Schilf zurückwich und das Wasser aufblitzte. Der Otsego Lake lag ruhig und weit vor ihnen, ein schimmernder Spiegel zwischen grünen Hügeln und dunklen Fichten. Landzungen und Buchten zogen sich ins Blaue, und über dem Wasser lag eine fast überirdische Stille.
Boone sog die Luft ein. „Wunderbar. So still, so unberührt. Was ist das dort: mitten im See? Keine Insel, oder?“
Girty lachte. „Nein. Das ist Kentons Blockhaus, auf Pfählen gebaut. Er nennt es seine Biberburg.“ Dann zeigte er auf eine entferntere Bucht. „Er hat auch ein Hausboot. Nennt es die Arche.“
Mit einem leisen Platschen glitt das Kanu ins Wasser. Girty setzte sich vorn, Boone hinten. Die Paddel schnitten leise durch die glatte Oberfläche.
Sie hielten gelegentlich inne, spähten in die Buchten. Am Ufer knackte ein Ast, aber keine Menschenseele war zu sehen.
„Hier wimmelt es von Wild“, sagte Girty. „Bisons, Wapitis, Elche. Tiere, die nie Menschen gesehen haben.“
Boone blickte über das Wasser. „Aber du bist nicht zum Jagen hier.“
Girty schwieg einen Moment, dann sagte er rau: „Ich bin wegen Sarah hier. Sie ist ... meine Schwäche.“
Boone sah ihn mit halb belustigtem, halb besorgtem Blick an.
„Und die Indianer? Kommen sie oft hierher?“
„Sie meiden den See. Sie sagen, er schluckt die Stimmen.“
Boone antwortete nicht. Er senkte sein Paddel wieder ins Wasser.
Das Blockhaus kam näher. Es ruhte auf Pfeilern, die aus einer Sandbank ragten, acht Fuß unter der Oberfläche, wie Girty erklärte. Die Biberburg wirkte wie etwas aus einer anderen Welt: einsam, wachsam, abwehrend. Ein idealer Zufluchtsort.
Boone legte die Hand an den Lauf seiner Flinte. „Bereit?“
„Immer, Schildkröte“, antwortete Girty leise.
Sie glitten auf das stille Haus im See zu.
Die Biberburg lag ruhig auf dem Wasser, wie ein scheues Tier, das sich flach ans Ufer drückt. Girty band das Kanu an einem Eisenring fest und sprang auf die hölzerne Plattform. Boone folgte ihm, sein Blick glitt über das seltsam anmutende Bauwerk auf Pfählen.
Kenton hatte sich Mühe gegeben: Der Eingang führte über einen Steg zu einer robusten Tür. Dahinter öffnete sich der Vorraum: erstaunlich aufgeräumt für einen Mann in der Wildnis. Auf einem Tisch lagen ein Kompass, ein Fernrohr, ein zerlesenes Buch und ein in Leder gebundenes Notizheft. Ein paar Pelze hingen an der Wand.
In der angrenzenden Küche standen ein gusseiserner Herd, eine einfache Anrichte und ein Regal mit Zinngeschirr. Boone ließ den Blick schweifen, ging weiter den kurzen Gang entlang. Zwei Türen: links ein spärlich eingerichtetes Männerzimmer mit zwei Strohsäcken und einem Gewehrständer, rechts ein kleiner Raum mit zwei Betten, bestickten Kissen und einem geflickten Vorhang vor dem Fenster.
Er trat hinaus auf die Plattform, wo Girty still den See musterte.
„Er ist nicht hier“, sagte Boone.
„Vielleicht schläft er auf der Arche. Oder er jagt.“ Girty zuckte mit den Schultern. „Wir suchen ihn.“
Sie stiegen wieder ins Kanu und glitten langsam das Ufer entlang. Die Zweige hingen tief über dem Wasser, streiften ihre Mützen, hinterließen Tropfen auf den Gewehrläufen.
„Die Irokesen, die Shawnee, die Briten – sie sind überall“, knurrte Girty. „Sie treiben die Rothäute gegen uns, bewaffnen sie mit Gewehren, mit Whisky, mit Versprechen. Und wir sind die Dummen.“
„Simon, du wirst ungerecht“, sagte Boone ruhig. „Die Indianer haben ihre Gründe. Und nicht alle Briten wollen Blut.“
„Spar dir die Weisheiten, Schildkröte! Ich habe genug Rothäute gesehen, die mit Gewehren aus Quebec auf unsere Kinder zielten. Ich will wissen, wo Kenton ist, nicht, was du über Gerechtigkeit denkst.“
Boone sagte nichts. Er lenkte das Kanu näher ans Ufer.
„Lass uns anlegen“, sagte Boone.
Das Kanu glitt in eine schmale Bucht, die Zweige der Erlen schlugen ihnen ins Gesicht. Der Bug stieß an Wurzelwerk. Boone ergriff einen Ast, zog sich lautlos ans Land, schwang sich hinaus und verschwand zwischen Farn und Baumstämmen. Girty blieb zurück.
Dürre Zweige knackten. Das Geräusch kam in kurzen Abständen, gleichmäßig, fast wie das Tappen eines vorsichtigen Schrittes.
Girty schob das Kanu vorsichtig weiter in die Bucht. Ein paar Mücken summten über dem Wasser. Dann teilte sich das Gebüsch und ein prächtiger Hirsch trat aus dem Dickicht ans Ufer. Sein Geweih glänzte im Sonnenlicht, sein Blick war wachsam, aber ruhig.
