Tell & Gessler - Schweiz im Aufbruch - Roman Odermatt - E-Book

Tell & Gessler - Schweiz im Aufbruch E-Book

Roman Odermatt

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Beschreibung

Die Jahre zwischen 1257 und 1297 markieren den Aufbruch der Schweiz in eine neue Zeit. Vier Romane entfalten das Panorama einer Epoche, in der Freundschaft und Verrat, Mut und Verlust, Eid und Erbe ein Land formen. Von den Fehden in Uri über die Suche nach dem Kyburger Schatz bis zum Schwur in Altdorf und den ersten Bündnissen zwischen Uri, Schwyz und Zürich begleiten wir Wilhelm Tell und seine Gefährten. Aus kindlichen Abenteuern wächst der Kampf um Freiheit, aus Blut und Verrat ein Bund, dessen Erbe bis heute fortwirkt.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Prolog

Kapitel 1 – Der Wintereid

Kapitel 2 – Auf dem Hubel

Kapitel 3 – Feuer im Frühling

Kapitel 4 – Unter der Gerichtslinde

Kapitel 5 – Schatten im Sommer

Kapitel 6 – Vorboten des Sturms

Kapitel 7 – Die Höhle im Wald

Kapitel 8 – Der Spruch von Engelberg

Kapitel 9 – Das Mädchen aus Zürich

Kapitel 10 – Das Schweigen des Ritters

Kapitel 11 – Die Flucht zur Nebelwerth

Kapitel 12 – Herren der Nebelwerth

Kapitel 13 – Tränen im Turm

Kapitel 14 – Das Geheimnis der Insel

Kapitel 15 – Der Sturm über der Insel

Kapitel 16 – Die Heimkehr der Verlorenen

Kapitel 17 – Im Netz der Verwandtschaft

Kapitel 18 – Das kalte Wiedersehen

Kapitel 19 – Der Richtereid von Altdorf

Kapitel 20 – Das Vermächtnis von Diegisbalm

Wilhelm Tell – Der Knabe von Uri

Sein Leben begann nicht in Burgen, sondern auf dem Hof zu Schattdorf, wo harte Arbeit, raues Wetter und der Klang der Reuß den Charakter formten. Sohn eines Tauschierers, Enkel eines Armbrustmachers, wuchs er zwischen Acker und Werkstatt auf. Früh lernte er, den Bogen zu spannen und die Wälder zu durchstreifen, getrieben von einem unbeugsamen Freiheitsdrang. Schon als Zwölfjähriger stellte er Fragen nach Recht und Unrecht, nach Treue und Verrat. In Freundschaft mit Walter von Wolfenschießen und im Streit mit Rittern wie Landenberg begegnete er der Welt der Mächtigen, ohne sich beugen zu lassen.

Ulrich Gessler – Der Meier von Küssnacht

Sein Leben wurzelte nicht im einfachen Dorf, sondern im Geflecht adeliger Dienste. Um 1227 geboren, stand er früh in habsburgischem Auftrag und führte seit 1257 das Amt des Meiers von Küssnacht. Streng und ehrgeizig war er ein Mann, der Abgaben einzog und Recht im Namen seiner Herren sprach. Für die Bauern war er ein harter Verwalter, für die Habsburger ein verlässiger Diener. Noch war er nicht der Vogt, als den ihn spätere Geschichten brandmarkten, doch schon jetzt verdichtete sich um seinen Namen das Bild des Gegenspielers – ein Mann, der Ordnung wollte und dafür Furcht in Kauf nahm.

Prolog

In den tiefen Tälern und an den schroffen Berghängen der Waldstätte, wo die Flüsse reißend durch die Schluchten tosen und der Nebel schwer auf den Wäldern ruht, wuchs ein Mann heran, dessen Name zur Legende wurde. Wilhelm Tell, ein Armbrustmacher aus Bürglen, lebte nach den Gesetzen der Natur, in Freiheit und Unabhängigkeit, bis die eiserne Faust der Habsburger sein Land zu unterwerfen suchte.

Er war kein Edelmann, kein Ritter, doch er besaß den Mut und die Entschlossenheit eines Mannes, der sich nicht beugen ließ. Als Vogt Gessler seine Macht mit Willkür und Härte festigen wollte, trat Tell ihm entgegen: ein einfacher Mann gegen ein ganzes Reich. Sein Pfeil, abgefeuert mit ruhiger Hand, durchbohrte nicht nur den Apfel auf dem Kopf seines Sohnes, sondern besiegelte das Schicksal eines Tyrannen.

Doch sein Kampf endete nicht mit dem Fall Gesslers. Gejagt, verraten und verfolgt, wurde er zum Symbol für jenen unbeugsamen Geist, der in den Bergen lebte. Während sich die Habsburger rüsteten, um ihre Herrschaft mit Feuer und Schwert zu verteidigen, begannen die Männer der Waldstätte, sich zu verschwören. Wilhelm Tell verschwand zwar im Nebel der Geschichte, doch sein Name hallt über die Jahrhunderte hinweg.

Kapitel 1 – Der Wintereid

Der Winter des Jahres 1257 lag schwer über den Bergen. Eis klirrte an den Zweigen, und die Atemwolken der Menschen stiegen wie Rauch zum grauen Himmel. Auf der weiten Fläche bei Altdorf sammelten sich die Leute von Uri, Zürich und Nidwalden, herbeigekommen, um den Eid des Friedens zu schwören.

Am Rand des Gedränges schoben sich zwei Knaben durch das Volk. Wilhelm aus Bürglen, schmal, mit wachen Augen, und Walter von Wolfenschießen, kräftiger gebaut, das Haar bereits wie das eines jungen Knappen geschnitten. Walter war am Morgen mit den Nidwaldnern im Nachen über den See gekommen, die Schuhe noch feucht vom Spritzwasser am Landesteg. Nun drängte er sich voran, neugierig und voller Ungeduld.

„Beeil dich, Wilhelm“, rief er leise und zog seinen Freund am Ärmel. „Sonst sehen wir nichts.“

Sie kletterten einen kleinen Hang hinauf, wo der Blick frei über die Breite ging. Dort unten standen Bauern in groben Mänteln, Ritter in blanken Harnischen, und über den Pferden dampfte weiß der Atem. Ein Raunen lief durch die Menge, als ein hochgewachsener Reiter in die Mitte trat.

„Das ist Rudolf von Habsburg“, flüsterte Walter, ehrfürchtig und stolz. „Ich habe ihn schon vom Boot aus gesehen, als wir anlegten.“

Wilhelm musterte die Gestalt. „Sieht aus wie jeder andere Ritter“, meinte er leise. „Nur größer.“

Die Stimmen der Menschen verklangen, als Rudolf die Hand erhob. Seine Worte hallten über den Platz, doch zu den Knaben drangen nur Fetzen: „… Friede … Eid … Strafe …“

Wilhelm verzog den Mund. „Immer dieselben Reden. Man schwört, man bricht, und dann schwört man wieder.“

Walter grinste. „So wie du, wenn du schwörst, nie mehr im Kirchhof Äpfel zu stehlen.“

„Das ist was anderes“, protestierte Wilhelm. „Die Äpfel hängen zu tief, um nicht gepflückt zu werden.“

Die Menge hob die Hände. Bauern murmelten die Worte, Ritter sprachen sie laut und fest, und in den Reihen der Buochser funkelten Augen voller Trotz. Walter stieß Wilhelm an und nickte zu zwei Männern mit scharf geschnittenen Gesichtern.

„Siehst du die dort? Izeli und sein Oheim. Mein Vater sagt, sie brechen jeden Eid, den sie schwören.“

„Dann sind ihre Worte wie morsches Holz“, sagte Wilhelm ernst. „Hält einen Winter, bricht im Frühling.“

Walter lachte leise. „Redest schon wie dein Vater. Ein Eid ist doch ein Spiel. Wir könnten auch schwören.“ Er hob die Hand feierlich. „Ich, Walter von Wolfenschießen, schwöre, Wilhelm von Bürglen nie zu verraten – außer, wenn er mir sein letztes Stück Brot nicht gibt.“

Wilhelm stieß ihn an, beide lachten hell, bis ein Mann sich umdrehte und sie mit finsterer Stirn musterte. Hastig duckten sie sich hinter die Steine.

Später, als die Menge auseinanderdrängte und die Stimmen verklangen, hockten die Knaben noch immer auf ihrem Hügel. Schneeklumpen flogen von ihren Händen hinunter, zerplatzten im Matsch, während die letzten Reiter davonzogen.

„Glaubst du, der Friede hält?“, fragte Walter nach einer Weile.

Wilhelm strich mit den Fingern über den Ast, den er zu einem kleinen Bogen gebunden hatte. „Vielleicht so lange, bis der Schnee schmilzt.“

„Und dann?“

„Dann fließen die Flüsse, und einer stößt den anderen wieder hinein.“

Walter nickte, als habe er mehr verstanden, als Wilhelm selbst meinte. Dann sprang er auf, schüttelte den Schnee von den Hosen und rief: „Komm, wer zuerst am Bach ist, gewinnt!“

Sie rannten lachend davon, während unten die Männer noch über Schwüre, Silber und Strafen sprachen. Für die beiden Knaben aber blieb der Eid von Altdorf nur ein fernes Dröhnen: ein Spiel der Großen, das sie noch nicht begriffen, dessen Schatten sie jedoch schon spürten.

Kapitel 2 – Auf dem Hubel

Der Frühling hatte das Eis gebrochen. Schneeschmelze stürzte von den Hängen, und das Wasser des Sees glänzte wie ein Spiegel, der mit jedem Windstoß zerrann. In Flüelen lagen die Nachen dicht aneinander, die Männer luden Kisten, Bündel und Fässer, und über dem Ufer lag der Geruch von Schweiß und nassem Holz.

Walter, zuhause auf dem Hubel bei Wolfenschießen, war im Morgengrauen mit den Nidwaldnern zum Markt nach Altdorf herübergerudert, um Besorgungen zu machen und Nachrichten auszutauschen. Nun stand er am Steg und winkte Wilhelm heran. „Komm, steig ein! Wir setzen nach Buochs über. Von dort ist’s nur ein kurzer Weg hinauf zum Hubel.“

Der Bootsmann zog ein Tau straff. „Wer mitfährt, schöpft. Der See trägt keine Faulenzer.“

Wilhelm nickte, nahm wortlos den Holzschöpfer und kletterte in den Nachen. Walter folgte, und mit einem Ruck lösten die Männer das Boot vom Ufer. Die Ruder griffen tief ins dunkle Wasser; Tropfen sprühten, und die Berge warfen ihre Bilder in die wellige Fläche. Ein kühler Wind fuhr die Täler hinab und zerrte an Kappen und Mänteln.

„Wenn wir kentern, schwimmst du voraus“, flüsterte Walter, „und ich halte mich an deinem Bastbogen fest.“

Der Mann am Ruder warf ihm einen schiefen Blick zu. „Redet weniger und schöpft mehr. Der See hat lange Ohren.“

Sie schwiegen und arbeiteten, bis der Wind nachließ und die Wasser sich glätteten. Allmählich trat Buochs hervor, die Häuser gegen den Hang gedrängt, der Landesteg belebt von Männern, deren Hände voller Arbeit und deren Stimmen voller Unruhe waren.

Am Ufer sprangen die Knaben aus dem Boot; die Schuhe waren feucht vom Spritzwasser, und der Boden roch nach Erde und Gras. Sie nahmen den Feldweg, der zwischen nassen Wiesen emporführte. Bäche liefen schäumend über Steine, und im Schatten des Waldes mischten sich Vogelstimmen mit dem dumpfen Schlag entfernter Äxte.

„Ist der Hubel wirklich so, wie sie sagen?“, fragte Wilhelm.

„Nicht hoch“, erwiderte Walter, „aber trotzig. Er steht da wie einer, der sich nie bückt.“

Zwei Knechte kamen den Hang hinab, die Äxte auf der Schulter. Der eine musterte die Knaben misstrauisch. „Wohin des Wegs?“

„Zum Vater“, sagte Walter rasch. „Er braucht Hände im Hof.“

Der Mann brummte. „Hände hat jeder. Was fehlt, ist Silber.“ Sein Gefährte lachte kurz, ohne Freude, und beide gingen weiter; ihr Schritt verlor sich zwischen den Stämmen.

Der Wald lichtete sich, und vor ihnen lag der Hubel, ein buckliger Rücken über der Landschaft. Auf seiner Höhe stand die Burg: Balken und Stein, dunkel gegen das Licht, als verschlänge sie den Frühling. Unten am Fuß der Anhöhe standen Pferde mit schweißglänzenden Flanken; Zaumzeug klirrte leise. Aus der Halle drangen Stimmen, gedämpft und scharf, dazwischen das Knacken eines Feuers.

Die Knaben duckten sich hinter eine niedrige Mauer. Walter neigte den Kopf. „Hörst du?“

Wilhelm lauschte. Zwischen Wortfetzen und Pausen fielen Namen und Zahlen, dann wieder nur hartes Schweigen. „Sie reden von Abgaben“, murmelte er, „und von Ehre.“

Walter zog eine Grimasse. „Abgaben kann man zählen, Ehre nicht. Und wenn sie das eine schuldig bleiben, wird das andere zur Ausrede.“

Die Tür der Halle stieß auf. Zwei Buochser Ritter traten ins Licht, der eine schmal und kantig, mit Augen wie Dolche, der andere breitschultrig, die Hand lässig am Gürtel. Sie wechselten kein Wort, doch ihr Schweigen wog schwerer als Zorn.

Ein Hund kam schnuppernd näher, hob die Lefzen und knurrte, verlor dann das Interesse und trottete davon. Wilhelm atmete aus und merkte erst jetzt, wie laut sein Herz schlug. Ein Holzsplitter steckte in seinem Finger; er zog ihn nicht heraus. Das Pochen hielt ihn wach.

„Wenn sie den Eid brechen“, flüsterte er, „brechen sie uns mit.“

Walter schüttelte den Kopf. „Uns nicht. Nicht, solange du triffst und ich laufe.“

Vorsichtig zogen sie sich zurück, Schritt für Schritt, bis der Hügel sie nicht mehr sehen konnte. Am Bach ließen sie Steine springen, als könnten sie die Angst über das Wasser treiben.

„Mein Vater sagt“, meinte Wilhelm schließlich, „ein Frieden ist wie ein Brett: Wird es feucht, verzieht es sich.“

Walter warf einen Kiesel mit Schwung, dass er unterging. „Dann lernen wir, gerade darauf zu stehen.“

Sie lachten, liefen talwärts und erreichten gegen Abend das Ufer. Der Nachen lag schon bereit, Männer stapelten Säcke; der Bootsmann vom Morgen nickte, als Wilhelm wortlos zupackte. „Gut so. Wer trägt, darf fahren.“

Der See lag stiller als zu Tagesbeginn. Als das Boot sich löste und die Ruder im gleichen Takt griffen, standen die Hänge warm im späten Licht. Vor ihnen wartete Uri, hinter ihnen thronte der Hubel wie ein stummer Wächter. Und irgendwo zwischen beidem spannte sich ein unsichtbares Seil: straff wie die Sehne eines Bogens.

Kapitel 3 – Feuer im Frühling

Der Frühling 1258 legte sich grün über die Täler. Bäche rauschten lauter, die Wiesen glänzten von jungem Gras, und selbst die Reuß trat über die Ufer, als wolle sie das Land verschlucken. Doch in den Dörfern von Uri sprach niemand vom Wasser und vom Wuchs, sondern von Flammen in der Nacht.

Wilhelm lief neben Walter den Weg nach Bürglen hinauf. „Hast du’s gehört?“, fragte Walter und schlenkerte einen Ast, den er wie ein Schwert hielt. „Sie sagen, die Buochser hätten in der Nacht einen Hof niedergebrannt.“

„Gerede“, erwiderte Wilhelm, doch er klang nicht überzeugt. „Man sieht von hier keine Flammen.“

Walter blieb stehen, bückte sich und hob ein Stück verkohltes Holz vom Boden auf, das der Fluss angeschwemmt hatte. „Und das? Sag, woher kommt das?“

Wilhelm schwieg, strich mit den Fingern über die schwarze Oberfläche. Das Holz bröckelte und hinterließ Ruß an seiner Haut.

In der Schenke von Bürglen drängten sich die Männer enger als sonst. Normalerweise sprachen sie über Heu und Wetter, über Kühe und Holz. Jetzt aber flüsterten sie mit ernsten Blicken.

„Die Buochser haben sich verrannt“, sagte einer. „Sie glauben, ihr Stolz schützt sie.“

„Stolz füllt keine Scheune“, entgegnete ein anderer. „Sie säen Wind und werden Sturm ernten.“

Wilhelm und Walter hockten am Rand, die Beine baumelten von der Bank. Wilhelm lauschte, während Walter mit dem verkohlten Holzstrunk Striche in den Tisch ritzte.

Da erhob Jakob Urner die Stimme, leise, doch bestimmt: „Ein Sturm trifft nicht nur den, der ihn entfacht. Er trifft auch die, die im Tal wohnen.“

Die Männer verstummten. Wilhelm wagte nicht, den Kopf zu heben, doch er spürte, wie die Worte seines Vaters schwerer wogen als die Drohungen der anderen.

Einige Tage später wurden Reiter nach Norden geschickt. „Zu Graf Rudolf“, raunte man am Brunnen. „Die Friedenshüter berichten ihm, wie die Buochser den Eid verhöhnen.“

Walter zog Wilhelm am Ärmel. „Dein Vater hat recht – ein Sturm kommt. Aber ich sage dir: Wenn er über uns hinwegfegt, dann sind wir dabei.“

„Und was willst du tun?“, fragte Wilhelm spöttisch. „Mit einem Stock gegen Ritter kämpfen?“

Walter grinste breit. „Wenn du triffst und ich renne, haben wir schon die halbe Schlacht gewonnen.“

Sie lachten, doch das Lachen klang dünn. Über den Dächern lag eine Stille, die nicht zum Frühling passte.

Am Abend saß Jakob in seiner Werkstatt, die Späne lagen golden im Licht der Kerze. Er strich mit dem Hobel über einen alten Balken. Elisabeth, seine Frau, stand in der Tür.

„Was wird geschehen, Jakob?“, fragte sie leise. „Wird der Friede zurückkehren?“

Er hielt inne, die Hand auf dem Holz. „Der Friede ist wie ein Brett, das morsch geworden ist. Man kann es nicht reparieren. Es wird brechen und wir können nur hoffen, nicht darunter begraben zu werden.“

Wilhelm, der hinter der Tür gelauscht hatte, spürte, wie ihm das Herz schwer wurde. Draußen sangen die Frösche im Wasser, als sei die Welt heil, doch in den Worten seines Vaters lag ein anderes Lied: eines von Feuer, Stolz und von Tagen, die härter sein würden als der Winter.

Kapitel 4 – Unter der Gerichtslinde

Am 20. Mai 1258 lag die Luft schwer über Altdorf. Die alte Gerichtslinde spannte ihre Zweige wie ein grünes Dach über den Platz, und in ihrem Schatten drängten sich Menschen von nah und fern. Bauern in groben Mänteln, Knechte mit vom Winter gezeichneten Gesichtern, Ritter und Ministeriale: Alle flüsterten durcheinander, und das Gemurmel klang wie Wind in den Blättern.

Wilhelm drückte sich durch die Menge, Walter dicht an seiner Seite. „Siehst du?“, flüsterte Walter. „Mein Vater sagt, heute fällt das Urteil.“

„Urteil?“, fragte Wilhelm leise. „Ich dachte, es geht um Frieden.“

„Frieden vielleicht für die einen“, murmelte Walter, „doch für die Buochser nur Schande und Strafe.“

Sie schoben sich weiter, bis sie einen Blick auf die Mitte des Platzes erhaschten. Dort saß Rudolf von Habsburg auf einem schlichten Holzstuhl. Er wirkte unbeweglich wie aus Stein gehauen, die Ministerialen zu beiden Seiten eine stumme Mauer. Vor ihm standen Izeli und sein Oheim Ulrich, die Häupter der Buochser Sippe, das Kinn trotzig erhoben, die Augen voller Glut.

Ein Rauschen ging durch die Menge, als Rudolf aufstand. Die Stimmen erstarben, und die Knaben hielten unwillkürlich den Atem an.

Die Stimme des Grafen schnitt klar durch die Stille. „Ihr, Izeli und Ulrich von Buochs, habt den Eid gebrochen, den ihr vor mir und vor Gott schworen. Ihr habt den Frieden verraten, den ich geschmiedet habe. Dafür gibt es keine Entschuldigung.“

Ein Raunen ging durch die Reihen. Walter stieß Wilhelm an. „Hörst du? Er nennt sie Verräter.“

Wilhelm nickte, und seine Augen wurden groß, als könne er das Wort selbst sehen, das wie ein Dolch durch die Menge fuhr.

Rudolf ließ eine Pause, und die Stille spannte sich wie ein Bogen. Dann sprach er den Schuldspruch: „Die Sippe der Ritter von Buochs ist all ihrer Güter in Uri verlustig. Ihre Lehen vom Fraumünsterkloster in Zürich sind erloschen. Ihre Mithelfer teilen die Strafe.“

Das Raunen schwoll an, vermischte Erleichterung mit Furcht. Einige Zürcher am Rand nickten zufrieden, die Urner tauschten stolze Blicke. Doch nicht alle sahen darin einen Sieg.

Wilhelm entdeckte seinen Vater am Rand des Platzes. Jakob Urner stand dort aufrecht, die Hände fest auf den Stab gestützt, die Stirn in ernste Falten gelegt. Seine Stimme war kaum mehr als ein Murmeln, doch Wilhelm verstand jedes Wort: „Heute trifft es die Buochser … morgen vielleicht uns.“

Ein Nachbar wandte sich um, das Gesicht noch vom Triumph gezeichnet. „Uns? Wir haben den Frieden gewahrt. Warum sollte der Graf gegen uns handeln?“

Da hob Jakob den Blick, scharf und unbeirrbar wie die Schneide eines Messers, und seine Antwort fiel so klar wie ein Hammerschlag: „Weil Macht nicht aus Freundschaft geboren wird, sondern aus Interesse. Heute sind wir seine Verbündeten. Doch wenn wir ihm im Weg stehen, wendet er sich gegen uns.“

Wilhelm schluckte und warf Walter einen unsicheren Blick zu. Walter aber grinste schief. „Dann müssen wir lernen, schneller zu laufen als der Graf.“

Die Menge löste sich, Staub stieg unter den Schritten auf, die Sonne flackerte durch die Äste der Linde. Doch in Wilhelms Herz blieb das Gewicht der Worte seines Vaters. Der Friede war verkündet, doch wie lange würde er halten? Und wessen Häuser würden die nächsten sein, die im Feuer standen?

Der Heimweg nach dem Schuldspruch zog sich durch die schmalen Pfade, die wie graue Adern zwischen den Hängen verliefen. Über den Tälern dehnten sich die Schatten der Berge, still und unbewegt wie Wächter, die jedes Wort verschluckten. Jakob Urner ging schweigend, und neben ihm stapften Wilhelm und Walter, deren Stimmen den Staub der Versammlung mit kindlicher Neugier durchbrachen.

„Hast du gesehen, wie Izeli geguckt hat?“, flüsterte Walter. „Als hätte er das Feuer in den Augen.“

„Er hat kein Wort gesagt“, erwiderte Wilhelm nachdenklich. „Aber sein Blick war lauter als jedes Wort. Mein Vater hat’s auch gesehen.“

Jakob schwieg, doch die Falten auf seiner Stirn vertieften sich.

Als sie Bürglen erreichten, war die Dämmerung hereingebrochen. Rauch stand still in der kühlen Abendluft, und die vertrauten Geräusche, das Bellen eines Hundes, das Klirren von Töpfen, wirkten wie ein schwacher Trost. Das Herdfeuer empfing sie mit Wärme, doch die Schwere von Altdorf lag noch in Jakobs Blick.

Elisabeth stellte die Schüssel mit Suppe auf den Tisch, Brot lag daneben. Die Kinder setzten sich schweigend; sie spürten, dass dieser Abend nicht dem Alltag gehörte. Nur Wilhelm, der Älteste, sah den Vater mit großen, wachen Augen an.

„Also?“, fragte Elisabeth, als das Schweigen zu schwer wurde. „Was ist geschehen?“

Jakob legte den Löffel beiseite und stützte die Hände auf die Tischplatte. „Der Schuldspruch ist gesprochen. Die Buochser haben alles verloren: Land, Besitz, Ehre. Die Zürcher und Urner jubeln, doch jubeln tun nur die, die heute nicht getroffen wurden.“

Wilhelm beugte sich vor, das Licht des Feuers spiegelte sich in seinen Augen. „Und die Buochser? Haben sie gar nichts gesagt?“

„Kein Wort“, antwortete Jakob, „doch ihre Augen haben gesprochen. Izeli und Ulrich sind keine Männer, die sich beugen. Sie mögen heute gefallen sein, aber sie werden sich wieder erheben. Und wenn sie das tun, dann nicht nur gegen den Grafen, dann auch gegen uns.“

Walter, der neben Wilhelm saß, stieß ihn leicht mit dem Ellbogen. „Hab ich’s nicht gesagt? Das ist nicht vorbei.“

Wilhelm nickte stumm; er fühlte, wie ihm kalt wurde, obwohl das Feuer brannte.

Nach dem Essen trat Jakob hinaus in die Nacht. Die Berge standen schwarz gegen den Himmel, das Tal lag still wie ein Tier, das im Schlaf lauert. Wilhelm folgte ihm, Walter an seiner Seite.

„Vater“, begann Wilhelm zögerlich, „war das heute wirklich ein Sieg?“

Jakob sah nicht zu ihm, sondern in die Dunkelheit. „Ein Sieg, der auf Drohungen steht, ist keiner. Ein solcher Friede wird mit Blut bezahlt.“

Die Knaben schwiegen. Nur der Bach rauschte leise unten im Tal, und über den Gipfeln stieg langsam der Mond. Wilhelm spürte, dass die Stille, die jetzt über ihrer Heimat lag, nichts anderes war als die Ruhe vor einem Sturm, der kommen musste.

Kapitel 5 – Schatten im Sommer

Der Sommer kam spät in diesem Jahr. Noch hielten sich weiße Flecken in den Höhen, doch an den sonnigen Hängen oberhalb von Schattdorf brach das erste Grün durch die Erde. Wilhelm rannte barfuß über den feuchten Boden, spürte den Matsch zwischen den Zehen, während der Wind ihm um die Ohren pfiff. Seine Mutter hätte ihn gewiss gescholten, wenn er mit so dreckigen Füßen ins Haus kam, doch Elisabeth und Jakob hatten andere Sorgen.

Der Hof in Schattdorf lag außerhalb der Mauern von Bürglen und war den Raubzügen der Buochser Ritter schutzlos preisgegeben. Darum hatte sich der alte Hugo Gorkeit längst in einen der Türme der Festung zurückgezogen, wo er seine Werkstatt eingerichtet hatte und Armbrüste fertigte. Diese ständige Unsicherheit nagte an Jakobs Kräften, und auch Elisabeth, eine Tochter aus der Sippe der Krieg von Zürich, trug die Last der Tage schwer auf ihren Schultern.

Wilhelm dachte selten an solche Dinge. Grübeln lag nicht in seiner Art. Er streifte lieber durch die Wälder, kletterte über Steine oder suchte mit Walter nach Abenteuern, als hätte das Leben nichts anderes für ihn bereithalten können.

Walter von Wolfenschießen war ein Jahr älter als Wilhelm und bereits einen Kopf größer. Sein Körper war drahtig und sehnig wie der eines jungen Wolfs, und sein schwarzes Haar stand ihm oft wirr vom Kopf, als würde der Wind es ständig zerzausen. In seinen braunen Augen lag ein Glanz aus Schalk und unbändiger Lust auf Abenteuer. Stillzusitzen war ihm ein Graus, Befehlen zu gehorchen ein Zwang, den er stets zu unterlaufen suchte.

Walter besaß eine Freiheit, von der Wilhelm nur träumen konnte. Während Wilhelm im Hof mit anpacken musste, wenn er nicht gerade die Gelegenheit zur Flucht fand, konnte Walter als Sohn der Herren von Wolfenschießen fast tun und lassen, was ihm gefiel – zumindest, solange er zu Besuch in Uri war. Die Wälder waren sein Zuhause, die Bäche seine Spielplätze. Niemand kletterte so behände über moosige Steine, niemand schlich so sicher durch das Dickicht, und er kannte jedes Versteck, wo sich Wildbienen ihre süße Beute verbargen.

Sein Vater Berchtold von Wolfenschießen hatte längst die Hoffnung aufgegeben, aus ihm würde ein ehrbarer Herr. Er schalt ihn einen Taugenichts, einen Nichtsnutz, einen Herumtreiber, doch in der Stimme des Vaters lag nicht nur Zorn. Manchmal mischte sich darin auch ein Hauch von Sorge, den Walter geflissentlich überhörte. Er lachte über die Schimpftiraden und zog weiter durch die Wälder und Berge, frei und ungezähmt, wie er es liebte.

Berchtold von Wolfenschießen war ein Mann, der das Leben wie eine Last auf seinen Schultern trug. Seine breiten Hände waren von Schwielen überzogen, die Haut gegerbt von Wind und Wetter, und in den Falten seines Gesichts lag die Schwere vieler Jahre. Die Leute im Dorf hielten Abstand von ihm – nicht, weil er ein böser Mensch gewesen wäre, sondern weil eine dunkle Schwere in seiner Art lag. Er sprach selten, und wenn er es tat, dann knapp und mit einer Stimme, die so hart war wie der Stahl eines Messers. Sein Blick war durchdringend, und wer ihm widersprach, spürte sofort, dass dieser Mann kein Freund langer Debatten war.

Man munkelte viel über seine Vergangenheit. Manche sagten, er habe einst als Bauer sein Brot verdient, andere, er sei in fremden Diensten gestanden und habe die Welt gesehen. Wieder andere behaupteten, er habe Schulden angehäuft und sei nur durch ein altes Erbe wieder zu Stand gekommen. Gewiss war nur: Er hielt nicht viel von Bauern und ihren Festen, und sein Name stand im Ruf, dass er nicht gut mit Geld umzugehen wisse.

Seinem Sohn gegenüber war er streng, oft härter als nötig. Was Walter auch tat, es schien nie zu genügen. Doch wer es wagte, schlecht über den Buben zu reden, erlebte eine andere Seite Berchtolds: eine Ruhe, die gefährlicher war als Zorn. Niemand wusste, ob er Walter verachtete oder ob er einfach nicht in der Lage war, ihm zu zeigen, dass hinter seiner Härte auch Sorge wohnte.

So wuchs Walter im Schatten eines Vaters auf, den er nicht verstand und der ihn nicht verstand. Vielleicht war es genau diese Kluft, die ihn immer wieder zu Wilhelm trieb, hinüber nach Uri, dorthin, wo keine strengen Regeln galten und keine harte Stimme ihn rief. Bei Wilhelm konnte er einfach Walter sein.

An einem dieser Tage standen die beiden Knaben vor einer dunklen Felsspalte. Der Wind strich kühl aus dem Inneren, und die Dämmerung schien dort tiefer zu sein als draußen unter den Bäumen.

„Bist du sicher, dass wir da hineingehen können?“, fragte Wilhelm leise, während er auf das schwarze Loch starrte.

Walter grinste breit. „Sicher? Nein. Aber was wäre das Leben wert, wenn wir nur das täten, was sicher ist?“

Wilhelm schluckte. Er wollte keine Angst zeigen, nicht vor Walter. Also duckte er sich und kroch hinter ihm her in die feuchte Dunkelheit. Die Höhle war eng und roch nach nasser Erde. Tropfen fielen von den Wänden, hallten von Stein zu Stein.

„Hier könnte jemand hausen“, murmelte Wilhelm, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch.

„Vielleicht ein alter Bär“, flüsterte Walter, und in seinem Ton lag mehr Lust am Spiel als wirkliche Furcht.

„Oder etwas Schlimmeres“, gab Wilhelm zurück, und das Echo der Worte verlor sich in der Finsternis, als hätte die Höhle sie verschluckt.

Plötzlich fiel ein Schatten vor den Höhleneingang. Eine Gestalt füllte den Spalt, groß und bedrohlich, als sei sie aus der Dunkelheit selbst hervorgetreten. Wilhelms Herz schlug ihm bis in die Kehle, und er hörte, wie Walter scharf die Luft einsog.

„Ihr solltet euch fernhalten von Orten, die nicht für Kinder gemacht sind.“ Die Stimme war rau wie über scharfes Eisen gezogen, jedes Wort ein Befehl.

Der Mann trat ins fahle Licht. Sein Gesicht wirkte wie aus Stein geschlagen, eine Narbe zog sich quer über die Wange. Dunkle Augen blickten sie an, kalt und unbeweglich. Unter dem Mantel blitzte Kettengeflecht, und an seinem Gürtel hing ein Dolch. Hermann von Landenberg: ein Name, der in den Tälern nur im Flüsterton genannt wurde, Sohn eines Ritters aus Obwalden, der für Geld alles tat, was andere sich nicht wagten.

Walter, der Ältere, rang die Sprache zurück. „Wir wollten nur … wir haben uns verlaufen.“

Landenberg lachte leise, ein Laut, der mehr an ein Knurren erinnerte. „Verlorene Buben also. Wisst ihr, was mit denen geschieht, die sich in fremde Höhlen wagen?“

Wilhelm schüttelte stumm den Kopf.

„Manchmal verschwinden sie“, sagte der Mann bedächtig, „und niemand findet sie je wieder.“

Sein Blick bohrte sich in die Knaben, dann trat er beiseite. „Lauft heim, solange ihr noch könnt.“

Sie brauchten keine zweite Aufforderung. Sie stürzten hinaus, stolperten über Steine, rannten, bis ihnen die Sonne entgegenflutete. Erst am Bach hielten sie an, das Wasser glitzerte hell, und die Angst fiel nicht von ihnen ab.

„Wer war das?“, keuchte Wilhelm, die Hände auf die Knie gestützt.

Walter wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Ein Teufel, wenn du mich fragst. Landenberg nennen sie ihn. Sein Vater hat für die Ritter von Lenzburg gekämpft. Aber jetzt – keiner weiß, womit er sein Geld verdient.“

Wilhelm dachte an das kalte Funkeln in diesen Augen. „Ich will ihm nie wieder begegnen.“

Walter stieß ein raues Lachen aus, das mehr Trotz war als Freude. „Das kannst du dir nicht aussuchen.“

Als Wilhelm am Abend nach Hause zurückkehrte, lag der Hof in Schattdorf still im Zwielicht. Rauch kräuselte sich aus der Feuerstelle, und die Berge warfen lange Schatten über die Felder. Vor der Tür stand seine Mutter Elisabeth, die Arme verschränkt, das Gesicht hart vor Sorge.

„Wo warst du?“

„Mit Walter“, murmelte Wilhelm, und er senkte den Blick.

Sie schüttelte den Kopf. „Du rennst durch die Wälder, während wir fürchten müssen, dass du in die Hände der Ritter von Buochs fällst.“

Wilhelm zuckte zusammen. Das Wort Ritter schmeckte bitter, fremd und bedrohlich. „Ist es wieder soweit?“

Seine Mutter nickte. „Ja, Wilhelm. Und diesmal könnte es unser Ende sein.“

Kapitel 6 – Vorboten des Sturms

Der Frühsommer legte sich über Schattdorf. Die Wiesen standen in voller Blüte, das Vieh zog langsam über die Weiden, und für einen Augenblick schien selbst das harte Leben auf dem Hof von der Schönheit der Tage überstrahlt. Doch Elisabeth Urner wusste, dass dieser Frieden trügerisch war. Die Blutfehde zwischen den Izelingen und den Gruoba war nicht beigelegt, und jeder Schritt auf den Pfaden konnte ein Vorzeichen des Unheils sein.

Sie hatte gerade Wasser aus dem Brunnen geschöpft, als sie die Gestalt auf dem steilen Weg heraufkommen sah. Mit einem Mal legte sie die Hände an die Hüften, als wollte sie ihre Fassung bewahren.

Es war Konrad ab Dorf. Den Zügel eines braunen Pferdes in der Hand, das noch Schweiß und Staub des Weges trug, stieg er langsam herauf. Sein Umhang war staubig vom Ritt, doch seine Haltung blieb aufrecht, und sein Gesicht wirkte unbeweglich, als sei es aus Stein gehauen.

„Du kommst spät, Konrad“, sagte Elisabeth, die Stimme so trocken wie der Staub an seinen Stiefeln.

„Aber ich komme“, entgegnete er mit ruhiger Festigkeit.

In der Tür der Scheune stand Wilhelm. Er beobachtete die beiden, die Worte und die Blicke, die zwischen ihnen fielen. Seine Mutter war eine starke Frau, das wusste er besser als jeder andere, doch vor diesem Mann wich selbst sie einen Schritt zurück. Konrad trug eine Autorität in sich, die niemand ihm zugeschrieben hätte, der ihn nicht erlebte: Sie lag in jeder Bewegung, in jeder Geste, in der Sicherheit seiner Stimme.

Neben Konrad bewegte sich eine schlanke Gestalt, ein Mädchen, das dicht bei ihm blieb. Wilhelm nahm nur die wachen Augen wahr, die alles genau verfolgten. Er kannte sie nicht, und doch hatte er das Gefühl, dass er sie nicht so bald vergessen würde.

„Lass uns drinnen reden“, sagte Elisabeth schließlich und öffnete die Tür zur Stube.

Wilhelm spürte, wie ihm das Herz schneller schlug. Er war noch ein Knabe, kaum zwölf Jahre alt, aber nicht dumm. Irgendetwas Wichtiges sollte hier besprochen werden, etwas, das nicht für seine Ohren bestimmt war. Lautlos schlich er sich an das Fenster, kauerte sich in den Schatten und legte das Ohr gegen das Holz.

Wilhelm verharrte am Fenster, als er plötzlich Schritte hinter sich hörte. Ein Schatten bewegte sich im Halbdunkel.

„Lauschst du?“

Erschrocken wirbelte er herum. Vor ihm stand ein Mädchen, kaum älter als er. Ihre dunklen Augen musterten ihn scharf, als könne sie seine Gedanken lesen. Ihr Haar fiel in losen Strähnen über die Schultern, und in ihrer Haltung lag dieselbe Selbstsicherheit, die Wilhelm eben schon bei Konrad bemerkt hatte, nun aber in jüngerer Gestalt.

„Ich …“ begann Wilhelm, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.

Das Mädchen hob eine Braue. „Du bist also der berühmte Wilhelm Urner“, sagte sie mit gespielter Bewunderung. „Ich dachte, du wärst größer.“

Wilhelm spürte, wie seine Ohren heiß wurden. „Und wer bist du?“

„Judith ab Dorf. Aber du kannst mich einfach Judith nennen – wenn du es dir verdienst.“

Er presste die Lippen aufeinander. So eine hatte er noch nie gesehen. Die Mädchen aus dem Dorf waren schüchtern, zurückhaltend. Judith war anders.

„Geh mir aus dem Weg“, knurrte er.

„Warum? Weil du Angst hast, dass ich höre, was deine Mutter und mein Vater besprechen?“

Wilhelm verengte die Augen. Sie wusste es und sie würde ihn nicht in Ruhe lassen.

Judith grinste breit. „Wenn du schon lauschst, dann richtig.“ Ohne zu zögern, setzte sie sich neben ihn ans Fenster.

Wilhelm funkelte sie an. Sie war unmöglich! Doch vielleicht hatte sie recht. Gemeinsam drückten sie sich in den Schatten und lauschten.

Drinnen sprach Konrad, seine Stimme leise, aber von Nachdruck erfüllt. „Elisabeth, die Lage ist ernst. Es gibt Kräfte, die verhindern wollen, dass ihr das Land haltet.“

„Dann werde ich kämpfen“, erwiderte Elisabeth.

„Du hast mächtige Feinde“, sagte Konrad.

„Ich weiß. Aber ich werde nicht weichen.“

Da klopfte es an der Tür. Schritte hallten, und eine neue Stimme erklang: tief, gefährlich, mit einem Klang, der Wilhelm sofort das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Ich wusste, dass wir uns wiedersehen, Konrad.“

Wilhelms Herz raste. Er kannte diese Stimme. Judith erstarrte an seiner Seite, ihr Gesicht erblasste. Hermann von Landenberg.

Ein Lachen folgte, kalt und leise. „Man sagt, du ziehst im Hintergrund die Fäden, Konrad ab Dorf. Aber du solltest wissen: Es gibt Dinge, die nicht in deinen Händen liegen.“

„Ich dulde keine Drohungen, Junker Landenberg“, entgegnete Konrad scharf.

„Es ist keine Drohung. Es ist ein Versprechen.“

Das Herz pochte Wilhelm so laut, dass er fürchtete, man müsse es hören.

Plötzlich trat Elisabeth dazwischen. „Genug! Was wollt Ihr, Junker Landenberg?“

Einen Augenblick herrschte Stille. Dann sprach der Mann mit eisiger Ruhe: „Ich will, dass dein Mann, Jakob Urner, aufhört, in Schattdorf und Bürglen zu erzählen, wir Landenberger hätten hier in Uri nichts zu suchen. Sonst wird es für euch alle gefährlich.“

„Mein Mann hat recht“, entgegnete Elisabeth unbeirrt. „Ihr Obwaldner habt hier nichts verloren. Wir sind Lehensleute des Großmünsters in Zürich und dabei bleibt es.“

Ein höhnisches Schnauben. „Ihr Urner habt schon immer mit den Zürchern gemeinsame Sache gemacht. Doch bedenke, Elisabeth: Die Zukunft liegt nicht in Zürich, sondern auf der Habsburg. Wer das nicht einsieht, wird den Sturm zu spüren bekommen. Und du weißt, wer ihn entfesselt.“

Judiths Finger bohrten sich in Wilhelms Arm. Beide wussten, dass sie genug gehört hatten. Ohne ein Wort zogen sie sich zurück, fort von der Stube, fort von der Stimme, die wie ein Schatten über dem Haus lag.

Dies war keine bloße Fehde um Höfe und Felder. Dies war etwas Größeres, Dunkleres. Und Wilhelm wusste in diesem Augenblick: Der Sturm würde kommen.

Kapitel 7 – Die Höhle im Wald

Die Sonne brannte heiß auf die schmalen Pfade von Nidwalden, doch tief im Dickicht war es kühl und feucht. Wilhelm duckte sich hinter einen umgestürzten Baumstamm, das Herz schlug ihm bis zum Hals. Neben ihm kauerte Walter, dessen Augen funkelten wie im Spiel, auch wenn sein Atem verriet, dass er die Spannung ebenso spürte.

„Hast du ihn gesehen, Walter?“, flüsterte Wilhelm.

Walter grinste schief. „Landenberg. Der schleicht da vorne herum wie ein Bär auf der Jagd.“

Hermann von Landenberg war kein gewöhnlicher Reisender. Sein hagerer Körper wirkte gespenstisch, und die Narbe, die quer über seine Wange zog, verlieh ihm ein Gesicht, das die Alten im Dorf mit Schrecken beschrieben. Der Sohn eines Obwaldner Ritters, der für Gold jedes Geschäft annahm: ein Mann, vor dem man besser den Kopf senkte. Und nun war er hier. In Nidwalden. Aber warum?

Vorsichtig pirschten sich die Buben weiter. Der Pfad führte in eine enge Schlucht, von zerklüfteten Felsen umgeben. Die Luft roch nach feuchtem Moos, altem Laub und etwas, das nach Eisen klang, als es im Wind vibrierte. Dann sahen sie es: eine dunkle Höhle, verborgen zwischen zwei Felswänden, als hätte der Berg selbst sie verschlucken wollen.

Walter stieß leise durch die Zähne. „Da ist was im Busch, Wilhelm. Ritter verstecken sich nicht aus Spaß.“

Wilhelm presste sich an den kalten Stein, spähte ins Dunkel. Schatten bewegten sich dort. Männer standen in kleinen Gruppen, redeten gedämpft, einige hockten am Feuer, die Klingen in ihren Händen blitzten im Schein.

„Sie warten auf etwas“, murmelte Wilhelm.

„Oder auf jemanden“, ergänzte Walter.

Ein Zweig knackte. Walter hatte den Fuß zu schwer gesetzt. Sofort fuhr ein Kopf am Eingang herum.

„Da ist jemand!“

Die Stimme dröhnte durch die Schlucht, und die Männer griffen nach ihren Waffen.

„Lauf!“, zischte Walter und packte Wilhelm am Ärmel.

Sie stürzten los, sprangen über Wurzeln, ducken sich unter tiefhängenden Ästen. Hinter ihnen gellte das Rufen, das Klirren von Stahl, Flüche hallten durch den Wald. Doch die Knaben waren flink. Sie kannten den Boden, die Schlupfwinkel, die Bachläufe. Keuchend erreichten sie eine Böschung, rutschten hinab und verschwanden im hohen Farn.

Stille.

Nur ihr Atem rasselte, laut und wild. Dann ebbten die Geräusche ab. Die Verfolger gaben auf.

Walter ließ sich ins Gras fallen. „Das war knapp.“

Wilhelm schüttelte den Kopf. „Wir müssen zurück. Da geht etwas vor sich und ich will wissen, was.“

Doch als er später, noch voller Aufregung, über den Hof in Schattdorf schlich, erwartete ihn keine Heldenehre. Jakob Urner stand vor der Scheune, die Arme verschränkt, der Blick so hart wie frisch gehobeltes Holz.

„Wo warst du?“

Wilhelms Kehle wurde trocken. „Ich … ich war mit Walter im Wald.“

„Und die Arbeit? Glaubst du, die Heuernte wartet, bis du deine Abenteuer beendet hast?“

Wilhelm öffnete den Mund, wollte von der Höhle erzählen, von den Männern und dem Feuer. Doch er kannte diesen Blick. Streng, unbeugsam: Worte würden nichts nützen.

„In den Stall! Und dann holst du Wasser vom Brunnen! Wir reden später.“

Wilhelm senkte den Kopf und schluckte den Stolz hinunter. Sein Vater verstand ihn nicht. Vielleicht würde er ihn niemals verstehen.

Aber eines wusste er mit jeder Faser: Er würde zurückkehren. In den Wald, zur Höhle und zur Wahrheit, die dort verborgen war.

Kapitel 8 – Der Spruch von Engelberg

Die Glocken von Engelberg läuteten schwer, als die Menschen aus den Tälern durch das Tor des Klosters strömten. Wilhelm und Walter drängten sich zwischen den Reihen der Männer hindurch, bis sie im Schatten des Kreuzgangs einen Platz fanden, von dem aus sie in den Kapitelsaal spähen konnten. Dort war die Luft kühl und roch nach Wachs und Stein, und das schwache Licht der Kerzen ließ die Gesichter der Versammelten noch ernster wirken.

Auf der erhöhten Bank saß der Abt, das goldene Kreuz auf der Brust, neben ihm der Hofammann mit ernster Miene. Vor ihnen standen jene, deren Stimmen in den Landen Gewicht hatten: Rudolf von Sarnen, der Landammann, mit gerunzelter Stirn, Berchtold von Wolfenschießen, düster und verschlossen, Ulrich Gessler, seit kurzem Meier von Küssnacht, dessen kalte Augen rastlos über die Menge glitten, und Hermann von Landenberg, hoch aufgerichtet, die Narbe auf der Wange wie ein Brandzeichen.

Aus Zürich waren die Brüder Friedrich und Burchhard Goldstein gekommen, der eine Ratsherr und Notar, der andere Leutpriester, und ihre Anwesenheit zeigte, dass die Stadt ein wachsames Auge auf den Streit hatte.

Und schließlich traten sie selbst vor, die Grafen von Kyburg, deren Erbe verhandelt wurde: Hartmann der Ältere, von ernster Haltung, die Verantwortung wie ein Gewicht auf den Schultern, und Hartmann der Jüngere, dessen Augen funkelten, als wollte er jedes Wort des Gerichts widerlegen.

Der Hofammann erhob sich, die Stimme getragen und feierlich, als wolle er die Worte für die Ewigkeit sprechen. „Zur Verhandlung steht die Herrschaftsteilung zwischen Hartmann und Hartmann von Kyburg. Es ist der Spruch dieses Hauses: Die Burg Kyburg und ihre Lehen verbleiben im Besitz des älteren Hartmann.“

Ein Murmeln ging durch den Saal, Füße scharrten über den Steinboden, Stimmen flüsterten.

Wilhelm beugte sich zu Walter. „Der Ältere behält alles“, hauchte er. „Und der Jüngere?“ Walter zuckte nur die Schultern, die Augen glänzend vor Aufregung.

Da trat ein schmaler Mann vor, schlicht gekleidet, mit fester Stimme. „Hochwürdiger Herr Abt, ehrbare Anwesende, ich bringe Klage. Ein Spruch über Burgen und Lehen mag rechtens sein, doch was ist er wert, wenn der Schatz, der zum Erbe gehört, verschwunden ist?“

Ein Raunen erhob sich, lauter als zuvor. Wilhelm fühlte, wie sein Herz schneller schlug. Ein Schatz? Er war kaum mehr als ein Knabe, doch schon jetzt wusste er: Dies war mehr als ein Streit um Burgen.

Der Kläger sprach weiter: „Kisten voller Silber, Urkunden und Siegel der Kyburger, einst in der Burg verwahrt, sind nicht mehr aufzufinden. Man sagt, sie seien heimlich fortgeschafft worden. Wenn das stimmt, ist der Anspruch auf die Herrschaft nur noch ein Schatten.“

Landammann Rudolf von Sarnen ballte die Fäuste. Doch ehe er sprechen konnte, trat Ulrich Gessler, der Meier von Küssnacht, vor. „Der Besitz der Kyburger ist mehr als Gold und Kisten. Burgen, Lande und Rechte bleiben. Doch wer den Schatz nahm, hat nicht nur einen Grafen betrogen, sondern das Land.“

Hermann von Landenberg lachte leise, kalt wie ein Schlag ins Gesicht. „Oder einer von euch hat sich bereichert. Jeder weiß, Reichtum wandert schneller als Burgen. Wer kann sagen, ob nicht schon einer hier im Saal die Kisten an sich gebracht hat?“ Seine Augen glitten langsam durch die Reihen, und Wilhelm war sicher, dass sie einen Atemzug lang auf dem Landammann ruhten.

Rudolf von Sarnen, der unbeirrt neben dem Landenberger stand, trat vor, das Kinn erhoben. „Genug, Junker Landenberg! Wer den Schatz nahm, mag heute verborgen sein, doch er wird sich verraten. Das Recht wird ihn finden und wenn nicht das Recht, dann Gott.“

Da trat auch Ulrich Gessler vor. Er war jünger als die anderen Herren, kaum dreißig Jahre, doch seine Stimme klang glatt und selbstsicher. „Ein Schatz entzweit Brüder, das war schon immer so. Und wer weiß, vielleicht entzweit er bald ganze Länder. Wir werden sehen, wem er am Ende gehört.“

Seine Worte waren höflich gesprochen, doch sie trugen den Klang einer Drohung.