Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
1291 beginnt ein neues Kapitel in den Bergen und Städten der Eidgenossen. Nach dem Tod König Rudolfs zerbricht die Ordnung, und aus Verrat, Exil und geheimen Schwüren wächst ein Bund. Wilhelm Gorkeit, der Armbrustmacher von Bürglen, trägt die Last des Kyburger Schatzes und das Vermächtnis seiner Familie. In Zürich begegnet er Berta Biberli, deren Herkunft ihn mit alten Erinnerungen verbindet und deren Mut ihn in den Rat der Stadt führt. Zwischen Belagerung und Schwur, zwischen Liebe und Fehde entscheidet sich, ob der Name Tell bleibt, als Erbe einer Tat, die Hoffnung entzündet.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 85
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Prolog
Kapitel 1 – Das Urteil der Vögte
Kapitel 2 – Entscheidung in Wolfenschießen
Kapitel 3 – Vorboten des Bundes
Kapitel 4 – Die Männer von Diegisbalm
Kapitel 5 – Die Geächteten
Kapitel 6 – Nicht nach ihren Regeln
Kapitel 7 – Der frühe Winter
Kapitel 8 – Begegnung in Zürich
Kapitel 9 – Ulrich von Rüsseggs List
Kapitel 10 – Die Stimme im Großmünster
Kapitel 11 – Rat auf Diegisbalm
Kapitel 12 – Angriff auf Diegisbalm
Kapitel 13 – Der Schwur in der Höhle
Kapitel 14 – Der Ritt nach Zürich
Kapitel 15 – Die Kunde vom König
Kapitel 16 – Der Eid auf dem Rütli
Kapitel 17 – Der erste Bund
Kapitel 18 – Der Sturm im Kloster
Kapitel 19 – Abschied in Engelberg
Kapitel 20 – Die Finte von Winterthur
Kapitel 21 – Neuer König, alter Feind
Kapitel 22 – Ein neuer Name
Kapitel 23 – Der letzte Kampf
Epilog
Glossar
Nachbemerkung des Autors
Wilhelm Tell – Der Armbrustmacher von Bürglen
Sein Name wandelte sich mit den Jahren: erst Urner, dann Gorkeit, zuletzt Tell: nach dem Gut in Tellikon. Aufgewachsen zwischen dem Hof in Schattdorf und der Werkstatt seines Großvaters in Bürglen, erlernte er das Handwerk des Armbrustmachers, das ihn über seine Heimat hinaus bekannt machte. Mit scharfem Blick und fester Hand verband er bäuerliche Kraft mit dem Wissen um Waffen und Recht. An Judith ab Dorfs Seite und in Jugendfreundschaft mit Walter von Wolfenschießen fand er seinen Platz zwischen Bauern und Rittern, zwischen Pflicht und Freiheit. Sein Schuss in der Hohlen Gasse wurde zur Tat, die ein ganzes Land in Bewegung setzte und in Eid und Erbe fortlebt.
Ulrich Gessler – Der Vogt im Dienste Habsburgs
Zwischen 1264 und 1289 wirkte er in den Waldstätten als habsburgischer Vogt. Einst Meier von Küssnacht, übernahm er die Verwaltung im Namen des Königs und trat als harter Vollstrecker fremder Herrschaft auf. Er zog Abgaben ein, sprach Strafen aus und pochte auf Gehorsam, wo Verständnis gefordert gewesen wäre. Für die Landleute wurde er Sinnbild der Unterdrückung, ein Mann, der Ordnung nicht mit Recht, sondern mit Furcht behauptete. In seiner Gestalt verdichtete sich der Widerstandswille der Menschen, bis er selbst zum Ziel jenes Aufbegehrens wurde.
In den tiefen Tälern und an den steilen Hängen der Waldstätte, wo Wasserfälle in die Schluchten stürzen und der Nebel schwer auf den Wäldern lastet, wuchs ein Mann heran, dessen Name zur Legende werden sollte. Wilhelm Tell, Armbrustmacher aus Bürglen, lebte nach den Gesetzen der Natur, in Freiheit und Eigenständigkeit, bis die eiserne Hand der Habsburger nach seinem Land griff.
Er war kein Ritter und kein Edelmann, doch er besaß den Mut und die Entschlossenheit eines Mannes, der sich nicht beugen wollte. Als Vogt Ulrich Gessler seine Macht mit Willkür und Härte festigte, stellte sich Tell ihm entgegen: ein einfacher Mann gegen das Gewicht eines Reiches. Sein Pfeil, mit ruhiger Hand abgeschossen, traf nicht nur den Apfel auf dem Kopf seines Sohnes, sondern besiegelte das Schicksal des Tyrannen.
Doch Tells Weg endete nicht mit Gesslers Sturz. Gejagt, verraten und verfolgt, wurde er zum Sinnbild jenes unbeugsamen Geistes, der in den Bergen lebte. Während die Habsburger ihre Macht mit Burgen und Schwertern sichern wollten, begannen die Männer der Täler, sich heimlich zu verschwören. Wilhelm Tell selbst verschwand im Nebel der Geschichte, doch sein Name hallt durch die Jahrhunderte.
Die schwere Eichentür fiel ins Schloss. Ihr Klang lief durch den Saal der Burg Küssnacht und legte sich in den dunklen Balken nieder. Das Feuer im Herd brannte unruhig und ließ die Gesichter der Anwesenden flackernd erscheinen. Ritter und Vögte nahmen ihre Plätze am langen Tisch ein.
An der Stirnseite saß Hermann von Landenberg, der Ritter mit der Narbe auf der Wange, ein Mann, der Bauernaufstände ohne Zögern niedergeschlagen hatte. Neben ihm hielt Ulrich von Rüssegg, Reichsvogt und einst Gesslers Vertrauter, den Kopf hoch. Seine Züge waren hart, der Mund zu einer Linie gepresst.
„Wilhelm Gorkeit hat unseren Vogt erschossen“, hob Landenberg an. Seine Stimme war kühl und bestimmt. „Ein Pfeil hat genügt, um die Autorität Habsburgs herauszufordern. Lässt man das geschehen, werden andere ihm folgen.“
Rüssegg schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wir lassen es nicht geschehen. Er soll büßen, und zwar so, dass es im ganzen Land gesehen wird. Wir nehmen ihm, was er liebt: seine Familie, sein Haus, seine Heimat. Alles soll fallen.“
Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Runde. Manche nickten eifrig, andere sahen schweigend auf die Flammen, als hofften sie noch auf einen besonneneren Ton. Doch keiner erhob ihn.
„Wir setzen eine Belohnung aus“, fuhr Landenberg fort. „Hundert Silbermark für den, der uns Wilhelm Gorkeit bringt, lebendig oder tot. Wer ihn birgt, wird als Feind des Reiches verurteilt.“
Schweigen breitete sich aus. Nur das Knistern des Holzes war zu hören.
Da sprach Hermann von Bonstetten, Richter am königlichen Hof. „In den Bergen gärt es. Die Leute reden von Gorkeit, von Freiheit, von einer neuen Ordnung. Sie treffen sich bei Nacht, fern von unseren Augen.“
Landenberg lachte hart. „Worte machen noch keinen Aufstand. Doch wer sich heimlich versammelt, verrät sich selbst. Findet diese Orte, dann löschen wir sie aus, ehe aus Gerede Taten werden.“
Ein Bote wurde gerufen und erhielt den Auftrag, die Kunde hinauszutragen. Dörfer und Höfe sollten erfahren, dass die Hand Habsburgs nicht zögerte, wenn Treue fehlte.
Doch während die Herren im Saal ihre Rache planten, sammelten sich in den Bergen Männer. Noch waren ihre Stimmen leise, doch das Schweigen begann zu bröckeln.
Die Nächte in der Burg Wolfenschießen waren kalt. Die Schatten an den Wänden wuchsen mit jedem Tag, an dem Wilhelm Gorkeit sich dort verbarg. Draußen pfiff der Wind durch die Fensterläden und rüttelte an den alten Balken, als wolle er den Mann hinaustreiben in die Dunkelheit, in die Freiheit oder in den Tod. Wilhelm wusste, dass ein Versteck nicht ewig Schutz bieten würde.
Er stand am schmalen Fenster der Kammer, die Walter von Wolfenschießen ihm zugewiesen hatte, und sah hinab auf das Land, das im fahlen Mondlicht lag. Jenseits der Wälder lagen Dörfer, in denen die Leute flüsterten. Es ging um ihn, um Gesslers Tod und um die Rache, die aus den Burgen der Habsburger kommen würde. Er wusste, dass Häscher unterwegs waren, dass man befragte und suchte, und dass es nur eine Frage der Zeit war, bis man auch in Wolfenschießen eintreffen würde.
„Du kannst nicht hierbleiben“, sagte eine Stimme leise hinter ihm.
Walter, der Burgherr und Abt von Engelberg, trat aus der Türöffnung. Sein Gang war ruhig, sein Blick fest. Er folgte Wilhelms Blick auf die Landschaft und schwieg einen langen Augenblick. Dann sprach er, ruhig, ohne Übermut: „Die Männer reden in Schwyz, in Uri, in Unterwalden. Man nennt den Mord an Gessler ein Zeichen. Sie treffen sich heimlich und sprechen von einem Bund, von einem Eid, der das Land einen soll. Doch ein Eid allein reicht nicht aus, um Krieg zu gewinnen.“
Wilhelm wandte sich zu ihm. Die Züge Walters trugen die Spur vieler Winter und vieler Entscheidungen.
„Und du, Walter, was hältst du für klug?“, fragte Wilhelm.
„Vorsicht“, sagte Walter. „Habsburg wird nicht tatenlos zusehen. Ein offener Aufstand kann uns alle zugrunde richten. Die Zeit mag kommen, doch sie ist noch nicht da, wenn wir nicht sicher sind, dass wir bestehen können.“
Von der Treppe drang hastiges Poltern, das näherkam, bis die Tür aufschwang. Johann von Wolfenschießen trat ein, das Feuer junger Jahre im Blick, die Fäuste hart geschlossen.
„Die Zeit ist da!“, rief er und durchbrach die Stille, die Walter bisher gewahrt hatte. „Die Männer in Steinen und Brunnen wollen nicht länger warten. Und du, Vater? Willst du zusehen, bis sie unsere Höfe niederbrennen, bis Kinder aus den Betten gezerrt und Frauen geschändet werden?“
Walter schwieg. Lange ruhte sein Blick auf dem Holz des Fensters, ehe er sich abwandte. „Wir sind nicht bereit“, sagte er leise.
Johann fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Zorn lag in seinen Zügen, doch auch eine Ungeduld, die nicht zu bremsen war. Dann wandte er sich an Wilhelm. „Und du? Willst du nach Zürich zurückkehren, dich in Schlupfwinkeln verbergen, bis sie dich finden? Oder stehst du mit uns?“
Wilhelm schwieg einen Moment. Sein Blick ging hinaus in die dunklen Wälder, die sich bis zum Horizont zogen. Er wusste, dass er draußen überleben konnte, von Höhle zu Höhle, von Versteck zu Versteck. Doch wozu? Am Ende würde er wie ein gehetztes Tier verenden. Hier aber bot sich eine andere Wahl, größer als sein eigenes Leben.
Er atmete tief und legte die Hand an das kühle Holz der Fensterlaibung. Dann sprach er: „Ich bleibe.“
Johann lächelte, als habe er die Antwort erwartet. Walter aber schloss die Augen, als sähe er voraus, was diese Worte mit sich bringen würden.
Der Herbstwind des Jahres 1290 strich über die Höhen und fuhr in die Balken der Burg Wolfenschießen. Das Gebälk ächzte leise, als trüge es die Last der Jahre und der Gedanken, die sich in jener Nacht unter seinem Dach sammelten. Über den Wäldern lag die Dunkelheit, schwer und unbeweglich, und nur durch die schmalen Schlitzfenster fiel ein matter Schein des Mondes, der an den groben Bohlen der Wände hängenblieb. Das Kaminfeuer warf sein Licht in die Kammer, das die Gesichter der Männer beleuchtete und die Schatten an den Wänden zu unruhigen Gestalten machte.
An der Stirnseite des Tisches saß Walter von Wolfenschießen, einst Landammann, nun Abt von Engelberg. Sein Alter hatte seine Stimme nicht gebrochen, im Gegenteil: Die Würde seines Amtes und die Erfahrung vieler Jahre gaben ihm Gewicht. Neben ihm, im Halbdunkel, Wilhelm Gorkeit, aus Zürich in die Waldstätte zurückgekehrt, gezeichnet von den letzten Wochen der Flucht, der die Tat aber nicht bereute, die ihn zum Geächteten gemacht hatte. Zwischen ihnen Walter Fürst aus Altdorf, das Haar bereits von Grau durchzogen, mit ruhigem Blick und fester Haltung, wie einer, dem die Leute vertrauten, wenn Besonnenheit gefordert war.
