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Wie ein Fremdkörper verfällt mitten in der gepflegten Vorstadtidylle das Haus vom alten Kasunke. Seit Jahren steht es leer. Jetzt kräuseln sich Rauchfahnen aus den Fenstern. Eine Begegnung auf dem örtlichen Friedhof lässt den Icherzähler ins Fragen kommen. Stück für Stück enthüllen seine Nachforschungen das Schicksal vom alten Kasunke, von Liliane und ihrer Tochter Anna.
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Seitenzahl: 69
Veröffentlichungsjahr: 2026
Angelika Weimer
Brandherde
Impressum
© Zodiac Verlag © Angelika Weimer
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Created by Zodiac Verlag
Coverbild: Angelika Weimer
Covergestaltung: Esther S. Schmidt
Lektorat / Layout: Simone Weber
Druck und Distribution:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Zodiac Verlag
Broicher Straße 130
52146 Würselen
www.zodiac-verlag.com
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
E-Mail: [email protected]
Inhaltsverzeichnis:
Brandherde
Der Friedhof
Die Zeitung
Die Brandmeldung
Else und Heinz Rosenberger
Vermutungen
Krauses Traum
Im Haus
Paul Brauneis, Busfahrer der Linie 4
Pasteka, Igor
Harry Grünspan
Else Rosenberger
Horst, Gastwirt Zum Schnellen Bruno
Brandherde
Jemand hatte Feuer gelegt, das war bewiesen.
Der Wind trieb die gräuliche Fahne vor sich her bis ans andere Ende der Straße, durch die geöffneten Fenster des Gastraumes, an dessen Tresen der einzige Gast saß, eine junge Frau.
»Es brennt«, sagte der Wirt, ohne sie anzuschauen. Er polierte das letzte Weinglas und stellte es in die lange Reihe der Gläser. Mit seinem Geschirrtuch versuchte er, den brenzligen Geruch aus dem geöffneten Fenster zu treiben, als wäre er ein Schwarm lästiger Fliegen.
»Gehen wir«, sagte er.
Es geschah am dritten Tag.
Das könnte der Beginn eines Märchens sein. Vorsicht. Das Nacherzählen hat seinen eigenen Sound, den Zwischentönen eine große Achtsamkeit zukommen zu lassen, ist ratsam. Wer die Wahrheit will, sollte nicht Achterbahnfahren. Wer den Kopf in den Fahrtwind hält, weil er die größtmögliche Spannung erhofft, verwandelt Vermutungen und Fakten zu einem unkenntlichen Brei.
Für die Vogelperspektive hat das keine Bedeutung. Von oben betrachtet ist alles in Ordnung. Und aus der Nähe?
Drei Tage Regen.
Einer von der sanften Art, einer, der es zuließ, sich ohne Schirm zwischen den einzelnen Tropfen zu bewegen. Die Schönwetterlage hatte sich verzogen, als hätte sie genug vom Gejammer der Leute. Zu heiß, zu schwül, zu trocken für diese Jahreszeit. Aus allen vier Himmelsrichtungen waren dunkle Wolkenfetzen aufeinander zu getrieben, bis das makellose Hellblau verschwunden war. Die himmlische Gießkanne war gefüllt. Endlich Regen.
Ein kurzer, heftiger Guss fiel auf den ausgetrockneten Rasen. Schon hatten sie den Fluss ansteigen und die Keller volllaufen sehen. Das Wort »nicht normal« war bereit, sein Versteck unter der Zunge aufzugeben, denn es hatte Übung darin, beim geringsten Anlass über die leicht geöffneten Lippen in die Freiheit zu schlüpfen. Und ehe sie ihre Schirme aufspannen konnten, war es vorbei. Die Tülle der himmlischen Gießkanne war verstopft, so schien es. Was dann folgte, war ein Regen, der seinen Namen nicht verdient. Ein langweiliges Getropfe, bei dem die einzelnen Tropfen im freien Fall lange brauchten, bis sie auf dem Glas des Fensters ankamen und an ihm im Zeitlupentempo herunterrutschten. Dann kam lange nichts. Sie zu zählen war kein Problem. Eins, zwei, drei. Zu wenig für einen aufgespannten Schirm, doch genug, ihn sicherheitshalber über den Arm zu hängen. Drei Tage dieses Getropfe gehen auf die Nerven, sei nicht normal, sagten sie.
Warum die Leute ständig über das Wetter reden? Es gibt viel her, ein offenes Feld, das jeder auf seine Weise beackert. Als Einstieg in ein unverbindliches Gespräch, bis man zum eigentlichen Kern vorstößt, das Messer aus der Tasche hervorholt, um mit seiner Spitze den Nachbarn aufzuspießen wie einen seltenen Käfer. Haben Sie gewusst? Wie gut, dass es ihn gibt, den Sündenbock am Himmel, der verantwortlich ist für die Migräne und für die Faust, die zornig auf den Tisch schlägt oder sonst wo hin.
Drei Tage Regen.
Einer von der sanften Art. Einer, der es zuließ, sich ohne Schirm zwischen den einzelnen Tropfen zu bewegen. Weder der kurze Guss aus voller Kanne, noch das drei Tage lange Getropfe hätten ihn verhindern können, den Brand im letzten Haus, in einer Straße, wo jeder jeden kennt, wo einer für den anderen da ist, zu jeder Zeit. »Gemeinsam durch Dick und Dünn«, das hatten sie sich geschworen, als sie ihre neugebauten Häuser in jener Straße bezogen, an deren Ende die Bruchbude vom Kasunke stand, ein Schandfleck, ein Dorn im Auge, von Anfang an. Das kniehohe Gras im Vorgarten, aus dem leere Bierflaschen zu wachsen schienen, der bröckelnde Putz von der Hausfassade waren eine Zumutung, wie das wuchernde Unkraut auf dem Gehweg, das ihnen den Abendspaziergang verdarb.
Ich sehe sie vor mir, wie sie die Geschwindigkeit drosseln und stehen bleiben, sich die Nase putzen, während ihre Blicke die vergilbten Vorhänge durchdringen. »Gestern hingen sie irgendwie anders.« Das war wohl ein Wunsch, aber ganz sicher eine Vermutung, die ausreichte, die Wetterkarte abzulösen. Den abendlichen Spaziergang in die entgegengesetzte Richtung zu verlegen, kam nicht infrage. Das Diktat der Neugierde stritten sie ab. Sich um ein unbewohntes Haus zu sorgen, war Bürgerpflicht.
Es war dieser dritte Regentag, als das Feuer ausbrach, von dem die Zeitung schrieb, es sei ein Inferno gewesen, was so nicht stimmte. Es war ein Schwelbrand, der von innen kam. Das war Fakt. Die Vorstellung einer lodernden Flamme, deren leuchtend gelbe Zunge sich über die Gardinen hermacht und das ganze Dreckshaus verschlingt, war hinter verschlossenen Türen geboren worden.
Den genauen Zeitpunkt des Ausbruchs zu bestimmen war ihnen nicht möglich. Ein fadenscheiniger Rauch, der sich heimtückisch durch das Loch einer Scheibe schlängelt, ist leicht zu übersehen.
Den Aktionen der Brandlöscher gaben sie eine schlechte Note, oder wie soll man es nennen, wenn aus einem Wasserschlauch lange nichts kommt. Der Befehl des Feuerwehrmannes: »Wasser marsch!«, hatte keine Wirkung, der Wasserschlauch, den er in den verwahrlosten Vorgarten hielt, war schlaff. Dann kam der erste Schwall, danach war Pause, dann der zweite. Es habe sich wie ein Würgen angehört, das von zuckenden Bewegungen des Schlauches begleitet wurde. Ein Kaninchen im Schlund einer Schlange. Kein vor und kein zurück. Und endlich der erste vernünftige Strahl. Der blieb.
Er traf das ausgefranste Loch der vierten Fensterscheibe exakt.
Und dann öffnete sich ein Fenster im ersten Stock. Ein Feuerwehrmann rief seinen Kollegen das Wort »Brandstiftung« zu. Die Ungeheuerlichkeit dieses Wortes hatte das Gewicht eines frisch bepflanzten Blumenkübels und fiel den zuschauenden Nachbarn direkt vor die Füße. Ob sie sich danach bückten? Sie schauten in den Himmel. Drei Tagen Regen, und so weiter und so fort. Das war der Brand, der in vier Räumen gleichzeitig schwelte, jeder für sich alleine, aus dem ein richtiges Feuer hätte werden können, eines von der Sorte, das sich nicht feige hinter dem Rauch versteckt, sondern eines, das mit seinem Atem wie ein feuerspeiender Drache das Haus verschlungen hätte. Das Wort »Brandstiftung« machte die Zuschauer stumm. Sie schauten in den Himmel, als wäre der Täter dort zu finden. Das warme Rot, das aus ihrem Hemdkragen den Hals hinaufschlich und sich in den Haaren verkroch, war verdächtig.
Was bringt ein Brandgeruch in der Nase, wenn sich Sätze in der Warteschleife gemütlich räkeln und die Langeweile Einzug hält. Etwas Öl ins Feuer zu gießen ist verboten. Der feuerspeiende Drache bleibt, wo er ist.
Die Rolle rückwärts wird verlangt. Es ist meine Rolle, die das verlangt, die mich ohne Vorsatz auf den Friedhof in Wölfershain führte.
Der Friedhof
Friedhöfe sind friedliche Orte, im Allgemeinen. Ihre Anziehungskraft auf mich ist unbestritten. Zwischen den Gräbern eines Friedhofs zu wandeln, ist eine alte Gewohnheit. Was ich davon habe, die Toten zu besuchen?
Ich könnte sagen: Keiner darf in Vergessenheit geraten, oder: Die Stille dieses Ortes verschafft mir Entspannung.
Ganz ehrlich muss ich gestehen, das Gefälle bringt mich in Fahrt, die da unten, die sich nicht mehr rühren und ich da oben, der aufrecht auf beiden Beinen steht.
Alleine das Knarzen des Eingangstores ist Musik in meinen Ohren.
Warum das so ist?
Ich weiß es nicht wirklich.
Die Antwort auf meine Frage nach dem Weg dorthin gibt ein ausgestreckter Finger. Geradeaus, dann rechts und wieder rechts. Das Tor schließen nicht vergessen. Als würden die Toten davonlaufen. Als wüssten sie nicht, dass ihr Lebensplatz besetzt ist.
Ich laufe an der Außenmauer des Friedhofs entlang.
Ein rhythmisches blechernes Scheppern biegt um die Ecke.
