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Surreale Momente im Alltäglichen. fantastisch logisch gibt fragmentarische Einblicke in Geschehnisse, bei denen zahlreiche Elemente lediglich angedeutet werden. Dadurch entstehen situative Impressionen, die eine Hommage an die Fantasie der Leser darstellen. Die Erzählungen vermeiden gängige Klischees, indem sie in jedem Absatz eine unerwartete Entwicklung nehmen. Lassen Sie sich überraschen durch surreale Momente, die sich fantastisch logisch in das Alltägliche einweben.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2026
Angelika Weimer
fantastisch logisch
Impressum
© Zodiac Verlag © Angelika Weimer
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
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Created by Zodiac Verlag
Coverbild: Acryl, Angelika Weimer
Lektorat / Layout: Simone Weber
Druck und Distribution:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Zodiac Verlag
Brandenburgstraße 39
63456 Hanau
www.Zodiac-Verlag.de
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
E-Mail: [email protected]
Inhaltsverzeichnis:
ZUGZWANG
Das Nest
DURCHSICHTIG
Herr und Frau Pelzig
SCHMERZ
Abgesang
DURCH
Der Lauf der Dinge
Herzgebrösel
Der Himmel so blau
Später
ZEITLINIE
Außer der Zeit
Horst und Erika
KEIN ORT
Leere Schatten
ER IST′S
Ewiges Flattern
AD HOC
Unglaublich windig
WIE
Betrachtung eines Plans
KOPFÜBER
Die fröhliche Violine
FREMD
Der letzte Besuch
Fritz König
RICHTWERT
Vermutungen
PROMPT
Kurzer Prozess
SAG
Blind Date
Im Fokus
EIN WORT
Der Brief
In drei Etappen zur Größe
Haustiertod
Fantastisch logisch
Der Knopf
Annas Puppe
ZUGZWANG
AUF DEM RÜCKEN
DER MEISE
DAS FLIEGEN PROBIERT
ZWISCHEN SEEROSEN
NACH SELTENEN
WÖRTERN GETAUCHT
MIT BLOẞEN HÄNDEN
DIE STERNE BERÜHRT
FAHRTWIND
BAUSCHT
MEIN HAAR
ZUGTWANG
ZUG DER VÖGEL
GEN SÜDEN
DIE MEISE BLEIBT
Das Nest
Es schwirren Gedanken wie Vögel im Kopf. Rechts herum, links herum. Das Nest im Auge lassen sie sich fallen, mitten hinein und streiten um den besten Platz.
Anstatt sich gemeinsam einzustimmen, nur Gezeter, das in den Ohren schmerzt und hinter der Stirn. Und immer kommen neue dazu. Das Nest ist voll. Pardon.
Oh, ein Himmelszeichen. Wie eine Sternschnuppe lässt sich ein Stück Papier vom Himmel fallen, direkt vor meine Füße.
Problemlösungen aller Art, ohne Termin, sofort. Dr. Piepowski.
Seine Praxis: In einem Innenhof gelegen, umgeben von trostlosen Häusern, deren leere Blumenkästen von verwitterten Fensterbänken auf Sperrmüll starren. Die Scheiben der Fenster sind blind, ihre Vorhänge schwer und staubig. Eine Wäscheleine trägt Klammern. Sonst nichts.
Eine Lichtschneise rutscht vom Dach und erhellt den Hinweis. Vorsicht Stufen.
Vier Stufen führen hoch zur Eingangstür der Praxis. Auf Stufenmaß gefaltete Putzlappen entlassen kleine Staubwölkchen unter meinen Schuhen, nach rechts und nach links. Oben angekommen, lehne ich mein Ohr an die Holztür und lausche und höre ein Piepen. Piep und Stille.
Umkehren oder nicht? Der metallisch glänzende Türgriff in meiner Hand sieht neu aus und sitzt wie ein Fremdkörper auf der maroden Tür, in der sich die Holzwürmer eingerichtet haben.
Die Tür ist von außen schwer zu öffnen. Ob sich jemand von innen dagegenstemmt? Ein Irrtum. Mit erstaunlicher Leichtigkeit fällt sie hinter mir ins Schloss und ich schaue in den Raum, in dem vier Stufen abwärts führen, auf denen ein rostbrauner Läufer liegt, der sich den staubigen Putzlappen von draußen angeschlossen hat. Der Läufer durchquert den ganzen Raum und kriecht unter dem Spalt einer geschlossenen Tür hindurch, durch den der schwache Schein eines Lichts schimmert.
Die einzige Lichtquelle hier ist eine Kerze. Sie steht in der Mitte eines Tisches, der drei Beine hat und von zwei gerade gewachsenen Gummibäumen in die Mitte genommen wird. Während das flackernde Kerzenlicht den dunkelblauen Lilien der Tapete ein gespenstisches Eigenleben verschafft, ist das Blatt Papier auf dem Tisch deutlich zu erkennen. Ich laufe darauf zu, was ich äußerst vorsichtig tue, da die Holzdielen trotz des Läufers unter meinen Schritten ein Riesenspektakel machen, was keinen zu stören scheint. Es lässt sich niemand blicken.
Das Blatt Papier ist ein Fragebogen, daneben ein Bleistift, der Gott sei Dank am Ende einen Radiergummi hat.
Fragen sollen beantwortet werden. Nur ankreuzen in leeren Kreisen, die paarweise am rechten Rand von oben nach unten gehen. Ja oder nein. Ganz einfach.
Bei jedem Kreuz, das ich mache, streiten die Vögel in meinem Nest.
Das ist unerträglich.
Als ich fertig bin damit, hören sie auf, und in diese momentane Stille hinein ist ein Geräusch zu hören, so, als stürze eine volle Eistüte kopfüber aus der Hand auf den Boden. Platsch.
Ich kenne das. Wie auf Kommando, in vollkommener Einigkeit halten die Vögel ihre Hintern über den Nestrand und machen. Platsch.
Das Platsch scheint ein Türöffner zu sein.
Vor dem Hintergrund der grellen Zimmerbeleuchtung steht Piepowski, eine Lichtgestalt im weißen Kittel, mit hilfreich ausgestreckten Armen und lächelt mich freundlich an.
Seinem fast kahlen Schädel, der wie die geölte Hälfte einer Melone glänzt, entspringt ein mickriges Bündel Haare, das am Hinterkopf gebündelt, mit einem Gummiband zusammengehalten wird. In dem, o Gott, eine Feder steckt, die von einem Raubvogel zu stammen scheint.
Dass beim Anblick dieser Feder im Nest schlagartig Stille eintritt, wundert mich nicht.
Piepowskis Hände sind magisch.
Es zieht mich, wie an Schnüren gezogen in das Zimmer hinein, vorbei an seiner rechten Hand, deren Daumen auf dem Zeigefinger kreist, was ich irrtümlich als Aufforderung sehe, meinen Fragebogen in dieses sinnlose Gekreise zu schieben, während seine linke Hand meinem Ärmel packt und mich vor einen Stuhl zieht.
Setzen.
Die Nachgiebigkeit des stabil aussehenden Stuhls überrascht. Mein Gesäß stürzt in die Tiefe und mit dem Sturz wächst der Schreibtisch. Göttlich.
Was ich aus dieser Perspektive sehe? Einen Vogelkäfig auf der rechten Seite des Schreibtisches, auf dessen Stange ein rabenschwarzer Vogel schaukelt, während links ein Glas mit Sonnenblumenkernen gefüllt auf ein verwöhntes Federvieh hinzudeuten scheint, aus dessen geöffnetem Schnabel nichts Eindeutiges kommt.
Piepowskis Stimme: »Sie haben ein Problem. Unablässig kreisen Gedanken in ihrem Kopf und malträtieren sie Tag und Nacht. Sie können nicht schlafen, können das unkontrollierte Zucken der Augenlider und Mundwinkel nicht verhindern. Die roten Schlangenlinien unter den geschriebenen Wörtern haben scharfe Zähne. Sie beißen und beißen, bis aus den Fingerspitzen das Blut fließt, die Tastatur verklebt und den Text zerstört. Die ständige Bevormundung durch diesen roten Wurm erwecke den Wunsch, auf ihn zu schießen, sagen sie. Und weiter. Sie schreiben, täglich, zwanghaft, hetzen wie ein wild gewordener Vogelfänger über das Feld, auf der Suche nach dem richtigen Satz. Ihre Träume sind Albträume. Sie stehen vor den Zuhörern und haben ihren Text vergessen, müssen sich ducken vor fliegenden Tomaten, und während sie unter dem Lesepult kauern, hören sie Mozarts Musik und zwischendrin die Toilettenspülung, und sie suchen den Aus-Knopf vergebens.«
Piepowskis Angebot: Hypnose.
Ich spüre, wie das mir Zugedachte auf meinen Schoß springt, mich besetzt, wie ein übergewichtiger Kater, dessen Absicht nur ein Ziel hat. Mein Nest.
Piepowskis Hand legt sich über meine Augen. Seine Stimme flüstert. »Alles ist leicht und unbeschwert. Eins geworden mit dem Kater auf ihrem Schoß, stimmen sie ein in sein weltabgewandtes Schnurren. Ihr Atem fließt im gleichen Rhythmus, wie sich sein Körper hebt und senkt. Sie schauen von außen in das eigene Nest und sehen den Kopf eines schlafenden Vogels, aus dessen Maul das Hinterteil eines roten Wurms hängt.«
Das hilflose Gekrächze aus dem Käfig reißt mich aus diesem friedlichen Bild. Ist die Sitzung beendet? Ich öffne die Augen und sehe Piepowski, der mit dem Federkiel die Schale eines Sonnenblumenkerns aus den Zähnen holt. »Gratulation. Sie haben bestanden.«
Ist mein Problem gelöst?
Das Couvert in meiner Hand wird es zeigen.
Der Inhalt? Die Rechnung und eine Empfehlung. Werfen Sie die vielen Vögel aus ihrem Nest. Fangen Sie einfach von vorne an. Mit nur einem Vogel.
Unterschrift: Piepowski.
Unter seinem Namen schlängelt sich ein roter Wurm.
DURCHSICHTIG
LUFTGEWEBT
STAUBKORNLEICHT
VOM
SEIDENEN
FADEN
STÜRZT
DAS
WORT
KLANGLOS
IN DICHTES GRAS
Herr und Frau Pelzig
Nichts war vorhersehbar. Es hatte sich einfach so ergeben.
Die äußeren Verhältnisse für diese Begebenheit waren ausgezeichnet. Der Himmel war blau, das Meer ruhig, bis auf eine entfernte Stelle, an der das Meer in Aufruhr war.
Das Wechselspiel von kleinen Fontänen an dieser Stelle, die in die Höhe schossen, mit kurzen Ruhepausen dazwischen, war seltsam, da, von Weitem betrachtet, das restliche Meer im Tiefschlaf war, was so nicht stimmte. Aus den Turbulenzen des Wassers kamen Laute, die keinen Sinn ergaben. Sie einem Meerestier zuordnen zu wollen, wäre sehr gewagt. Kein Tier ruft ein »Ah« oder »Ha«.
Der Himmel sah zu, auch die Möwe, die sehr interessiert an dem Spektakel war. Unermüdlich zog sie ihre Kreise, obwohl nichts Fressbares zu holen war. Dass die Schmetterlinge auf der Badekappe aus Gummi waren, sah sie sofort.
Aus der Vogelperspektive betrachtet, war das Spektakel absehbar. Das Emporschießen der Fontänen verlor an Kraft, auch das Rudern der muskulösen Arme erlahmte, dem »Ha« oder »Ah«, ging die Puste aus, die Schmetterlinge auf der Badekappe tauchten immer seltener auf. Nur ein paar kleine Bläschen ließen sich Zeit, sie schwammen im Kreis, als sei nichts geschehen.
Doch das Finale hatte eine Überraschung parat. Zum letzten Mal schoss eine Faust wütend aus dem Wasser. Wem drohte sie? Dem Himmel, der tatenlos zusah? Der Möwe, der das Spektakel gefiel? Oder drohte sie ihm, Hans-Joachim, den sie Hansel rief?
Der Strand zu diesem Meeresabschnitt ist leer, bis auf ihn, bis auf zwei ausgebreitete Strandlaken, von denen das blaue seines ist. Der Sand darunter ist warm, samtig, nachgiebig, wie er. Entspannt auf dem Rücken liegend, mit weit von sich gestreckten Armen, schaut er in den Himmel, der strahlend blau ist, bis auf eine einzige Wolke. Die ist weiß.
Eine leichte Meeresbrise fährt in sein dünnes braunes Haar und zerstört die exakte Linie seines Scheitels. Seine Wimpern, die außergewöhnlich dicht und lang sind, zittern leicht, als er sich aufsetzt und seine Blicke über das Meer schweifen lässt.
Was er sieht, beruhigt ihn. Es sind die unaufgeregten Bewegungen des Wassers, sonst nichts. Mit liebevollen Handbewegungen glättet er den aufgewühlten Sand um das Strandlaken herum. Aus einer unerwarteten Laune heraus, als führe ihm jemand den Zeigefinger, zeichnet er zwei Buchstaben in diese glatte Oberfläche. Ein H und ein G.
»Was bedeutet H G?«
Er erschrickt. Die Stimme hinter seinem Rücken hatte sich lautlos angeschlichen. Um der fragenden Stimme Nachdruck zu verleihen, bohrt sich die Spitze eines Schuhs in seinen Rücken. Er dreht sich um. Er tut dies vorsichtig, misstrauisch, wie immer. Er ist überrascht, die Stimme einer erwachsenen Frau zuzuordnen war falsch.
Er schätzt das Mädchen auf Zwölf. Die Füße ihrer stämmigen Beine stecken in grünen Sandalen, die mit hellblauen Schmetterlingen verziert sind. Von ihrem Gesicht ist nicht viel zu sehen. Der Schatten ihres breitkrempigen Sonnenhutes gibt nur ihren Mund frei, aus dem sich der Klumpen eines Kaugummis schiebt. An der Krempe ihres Hutes baumeln zahlreiche Muscheln und Schneckengehäuse, die bei jeder Bewegung ihres Kopfes klirrend gegeneinander stoßen. Mit schlürfenden Geräuschen saugt sie mit einem Strohhalm den Rest einer Limonade aus der Flasche.
Er sagte nichts, als sie die leere Flasche in das Meer wirft, wo sie sich schnell mit Wasser füllt und sinkt. Er sagte nichts, als sie sich ungefragt auf das zweite Strandlaken fallen lässt. Die übergroßen Gläser ihrer Sonnenbrille starren ihn an. Was sich hinter diesen Gläsern verbirgt, interessiert ihn nicht. Ihm genügt, was er sieht. Was sich darin spiegelt, ist ein Stück Himmel und sein eigenes Gesicht.
»Was heißt H G?« Der drohende Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören und er dachte, die schnellste Art sie loszuwerden, ist die Antwort. »H wie Hans und G wie Glückspilz«, sagte er. Eine kurze Stille entstand, die von einem heftigen Lachkrampf abgelöst wurde, der nicht aufhören wollte.
Am Ende dieser stimmlichen Turbulenzen sagt sie den Satz: »Hans Glückspilz, kein Schwein heißt so.«
Es war nicht die Sonne, die am Himmel stand, es war dieser unbarmherzige Satz, der ihn an sie erinnerte und seinen Körper mit heißen Wellen durchzog. Um sich zu beruhigen, konzentrierte er sich auf das Meer, weil das friedliche Plätschern des Wassers hilfreich ist.
»Verschwinde«, schrie eine innere Stimme, die es nicht nach draußen schaffte.
Er war überrascht, dass es in Erfüllung ging. Das Mädchen erhob sich von dem Laken, das nicht ihres war, ohne zu vergessen, den Sand aus ihren Sandalen auf sein Laken rieseln zu lassen. Ihr schadenfrohes Grinsen war unverschämt, es saß wie fest gemeißelt in ihrem Gesicht und als sie sich noch einmal nach ihm umdrehte, war es noch immer da.
Ihr ausgestreckter Arm deutete auf das Meer. Was gab es zu sehen? Nichts. Nur, den Himmel, der sich im ruhigen Wasser spiegelte und die weiße Wolke, die aussah wie ein flüchtendes Schaf.
»Wir reisen ab«, sagte er zu der Frau an der Rezeption. Ja, er sagte: »Wir.« Er freut sich über die Festigkeit seiner Stimme, über seine Hände, die ruhig auf dem Tresen liegen und auf zwei Reisepässe warten.
Nachdem die Frau den Namen Bettina und Hans-Joachim Pelzig ein Häkchen verpasst hat, klappt sie mit Schwung das Anmeldebuch zu. Das laute Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Es war eine alte Angewohnheit, dass sich sein Kopf zwischen den Schultern verstecken wollte, was Gott sei Dank nicht sichtbar war.
Ein aufrechter Gang ist wichtig, hatte seine Mutter gesagt und zur Korrektur den Stil ihres Besens auf seine Wirbelsäule gepresst. Dass ein Tanzkurs nicht die Lösung war, behielt er für sich.
Dort war Bettina. Als der Tanzlehrer in die Hände klatschte, um die Damenwahl auszurufen, nahm alles seinen Lauf. Zielstrebig war Bettina auf ihn zu geschritten, hatte seine feuchte Hand ergriffen und ihn mit energischen Schritten über die Tanzfläche geschoben und dabei von Schicksal, Vorsehung gesprochen.
Seine Mutter hatte es Topf und Deckel genannt. Was er damals nicht verstand.
Auf dem Tresen der Rezeption steht ein verblühter Tulpenstrauß.
Seine Stängel, an die sich die vertrockneten Blüten klammern, hängen schlaff über dem Rand der Vase, in dessen trüben Wasser hilflos eine Fliege treibt.
Es ist nicht die Fliege, die seine Erinnerung beflügelt, es sind die Tulpen.
Vor seinem inneren Auge steht ein bestimmter Tulpenstrauß. Seine Blüten waren rot und halb geschlossen. »Herzlichen Glückwunsch den Frischvermählten«, hatte die Frau an der Rezeption gesagt und ihnen den Strauß überreicht. Er hatte sich gefreut.
Bettina war verärgert. »Die Tulpen sind eine Zumutung«, hatte sie gesagt, und den Strauß im Hotelzimmer in den Abfall geworfen. Die Fliege, die sich auf der Glückwunschkarte die Flügel putzte, hatte Pech. Auf der Karte erschlagen, musste sie den Tulpen folgen. Beide bekamen Gesellschaft von einer angebrochenen Tafel Schokolade, die Bettina in seiner Jackentasche fand.
Bis, dass der Tod euch scheide.
»Ja, ich will«, hatte er damals geantwortet. Der Ehering sah das nicht so. Er ließ sich aus seinen zittrigen Händen auf den staubigen Kirchenboden fallen und war zielstrebig unter den Talar des Pfarrers gerollt.
Während Hans-Joachim auf allen Vieren den Ring unter dem Talar hervorholte, hörte er ihr wütendes Schnauben, das sich nicht beruhigen wollte und so laut war, dass es die Stimme des Pfarrers übertönte.
Er war nicht abergläubisch. Das ungute Gefühl in seiner Magengegend hatte nur die Größe eines Samenkornes und beunruhigte ihn nicht.
»Beehren Sie uns wieder«, sagte die Frau an der Rezeption und schiebt ihm den neuesten Flyer des Hotels über den Tresen.
Ihre Blicke schweifen über seine rechte Schulter und bleiben am Treppenaufgang hängen. Nach einer kurzen Zeit der Ratlosigkeit, in der man eine Stecknadel hätte fallen hören können, fällt der Satz: »Und grüßen Sie Ihre Frau recht herzlich.«
Er sagte: »Danke.«
Dass sein sonnengebräuntes Gesicht etwas an Farbe verlor, fiel nicht auf.
Bevor er ging, warf er einen letzten Blick in das trübe Blumenwasser. Hatte die Fliege vorher noch halbherzig die Flügel bewegt und ab und zu ein Bein, war sie jetzt untergegangen. Jetzt wollte er gehen.
Er tritt durch die offenstehende Tür ins Freie und bleibt etwas unschlüssig stehen.
Er hatte nichts auf dem Zimmer vergessen, er war es nur nicht gewohnt, seinen Tag selbst zu planen.
In tiefen Zügen atmet er die milde Luft des Sommers, die erfüllt ist vom süßen Duft des Jasmin.
Seine Schritte sind leicht, irgendwie beschwingt. Und in dieses neue Gefühl hinein fällt ein Schatten.
Es ist der des Mädchens, das auf ihren stämmigen Beinen auf seinen Wagen zuläuft, ihn umrundet, als suche sie etwas in seinem Inneren, und bei jedem ihrer Schritte hört er das Klirren der Muscheln und Schneckengehäuse, was ihm ein Zittern seiner Hände beschert.
Als sie verschwunden ist, fährt er im Schritttempo auf die Ausfahrt zu. Was er im Rückspiegel sieht, ist ein beliebiges Bild.
Einen Ausschnitt des Hotels zwischen blühenden Hecken, einen Teil des Müllcontainers, aus dessen halboffenem Deckel die Kordel eines Kleidersackes heraushängt und sich vom Wind sanft schaukeln lässt.
SCHMERZ
SPITZ
WIE TAUSEND NADELN
DUMPF
WIE DAS UNHEILVOLLE
GROLLEN DES HIMMELS
AUS SEINEM BLAU
STÜRZEN GEIGEN
MIT ZERRISSENEN SAITEN
UNAUFHALTSAM FLIEẞT
DER FLUSS
UNBEIRRT
DEIN SCHRITT
DU GEHST
OHNE MICH
Abgesang
»Rosen duften, Herbstzeitlose nicht.« Das war der letzte Eintrag in ihr Tagebuch, dessen Seiten ausgefüllt waren mit leeren Versprechungen, die eine Hoffnung nicht zuließen und ein: »Ende gut, alles gut« in den Heimatfilm verwies.
Die letzten Rosen. Das Abschiedsgeschenk des herbstlichen Gartens und Seins.
Sie hatte hinter dem Vorhang gestanden und ihn beobachtet, als er sie abschnitt und sich dabei strecken musste, um an die Zweige heranzukommen, die aus dem Strauch herausragten, als wollten sie den Himmel berühren. Das Gefühl, vor Glück den Himmel berühren zu können, war lange her. Sie hatte Augen und Ohren verschlossen vor dem leisen Raunen des Windes, der ihr Glück vor sich hertrieb, immer weiter abwärts, einen vereisten Abhang hinab, an dessen Ende nichts mehr war – wie vorher.
Sie waren glücklich gewesen. Das stimmte.
Für wen waren die letzten Rosen bestimmt, die zwischen verholzten Zweigen zum Himmel strebten, deren fleckige Blätter sich eingerollt hatten, damit der Sturz zur Erde ein sanfter war?
Er hielt sie lange in der Hand und es sah aus, als schien er nachzudenken. Als sich dabei ein paar Blütenblätter lösten und in das Gras zu den anderen fielen, hatte er sich entschieden.
Bevor er in das Haus zurückkehrte, warf er einen Blick hoch zum Fenster, hinter dessen dicken Vorhängen er sie wusste, was sie dazu brachte, blitzschnell in die Hocke zu gehen. Sie kam aus dem Gleichgewicht und während sie auf dem Teppich saß, nahm ein Schamgefühl von ihr Besitz, dessen Hitze sich nicht aufhalten ließ, bis das warme Rot im Haaransatz verschwunden war.
Er betrat das Haus auf seine Weise. Rücksichtslos schlug die Klinke der Tür in die Kerbe des malträtierten Putzes und obwohl sie daran gewöhnt war, kam es ihr lauter vor als sonst.
Seine Schritte waren die eines Elefanten, der durch die Räume des Erdgeschosses stapfte, mit kurzen Unterbrechungen, wenn ein Teppich die Lautstärke dämpfte.
