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Die Frage: "Brauchen wir eine neue Moral?" wird immer mit einem deutlichen "Ja!" beantwortet. Da die Frage der Moral eine Frage ist, die im kirchlichen Raum heftig umstritten ist, wird dieses Thema am Beispiel der kath. Moraltheologie besprochen. Die hier angesprochenen Fragen sind aber für alle religiösen Gemeinschaften relevant, so dass dieses Thema auch die protestantischen Christen, die jüdischen und muslimischen Glaubens-geschwister von großem Interesse ist. Für die Leser, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, bietet dieses Buch Informationen, wann und wie sich die moralischen Normen gebildet haben und wie diese heute gesehen und bewertet werden müssen. Dieses Buch ist eine gute Grundlage für eine fruchtbare und zielgerichtete Diskussion.
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Seitenzahl: 663
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Vorwort
Glaubwürdigkeit
Leitbild
Lebensnähe - Lebensferne
Moral
Das Gute - Das Böse
Wahrheit - Lüge
Verantwortung
Moral leben
Naturrecht
Gesetz - Recht
Naturgesetz - Naturrecht
Wie liest (interpretiert) man das Naturrecht?
Ist das Naturrecht unumstößlich?
Verstöße gegen das Naturrecht
Die Natur
Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung
Die Schöpfung und das Naturrecht
Die Schöpfung und die Moral
Der Mensch
Gesetzmäßigkeiten des Menschen
Der Mensch und das Naturrecht
Der Mensch und die Moral
Das Wesen des Menschen
Die Körperlichkeit des Menschen
Der Körper und das Naturrecht
Der Körper und die Moral
Die Geschlechtlichkeit des Menschen
Die Geschlechtlichkeit des Menschen und das Naturrecht
Der falsche Körper
Der unklare Körper
Die Geschlechtlichkeit und die Moral
Die Seele des Menschen
Der verklärte Körper
Die Sexualität
Aufgabe der Sexualität
Arten der Sexualität
Abweichende Sexualität
Abartigkeiten in der Sexualität
Sexualität und Naturrecht
Sexualität und Moral
Partnerschaft
Arten der Partnerschaft
Aufgabe der Partnerschaften
Partnerschaft und das Naturrecht
Partnerschaft und Moral
Das Scheitern einer Partnerschaft
Das Zölibat
Ehe und Familie
Was ist eine Ehe
Arten der Ehe
Was ist eine Familie
Arten der Familie
Vollständige Familie
Unvollständige Familie
Gescheiterte Familie
Familie und das Naturrecht
Familie und die Moral
Der Mensch in seinen Bezügen
Der Mensch im Gemeinwesen
Der Mensch in seiner Umwelt
Der Gottesfürchtige Mensch
Nächstenliebe
Wahrheit
Barmherzigkeit
Demut
Der fehlende Mensch
Die Sünde
Das Wesen der Sünde
Die Lehre von der Sünde
Die Vergebung der Sünden
Die Sünde und die Moral
Die Tugenden und die Untugenden (Haupt- bzw. Todsünden)
Die 10 Gebote
Das I. Gebot:
„Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“
Das II. Gebot:
„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht missbrauchen.“
Das III. Gebot:
„Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!“
Das IV. Gebot:
„Ehre deinen Vater und deine Mutter, …“
Das V. Gebot:
„Du sollst nicht morden.“
Das VI. Gebot:
„Du sollst nicht die Ehe brechen.“
Das VII. Gebot:
"Du sollst nicht stehlen."
Das VIII. Gebot:
"Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen."
Das IX. und das X. Gebot:
"Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört."
Ausblick
Erläuterung der Abkürzungen
Literaturliste
Die Frage, ob wir eine neue Moralt benötigen, kann ich nur mit einem deutlichen "Ja" beantworten. Dieses "Ja" bedeutet nun nicht, dass ich jetzt grundsätzlich alles über Bord werfen und anschließend erneuern möchte. Mir geht es um eine Überprüfung unserer Moral, einer Neuausrichtung dieser, wo es erforderlich ist. Es geht um eine neue Formulierung der moralischen Leitsätze, wo die bestehende Formulierung der Erfahrungswelt des modernen Menschen nicht mehr entspricht.
Um in moralischen Fragen wieder gehört, verstanden und beachtet zu werden, muss die kath. Morallehre gründlich überprüft werden. Erst wenn die kath. Morallehre so verfasst und verkündet wird, dass diese den Lebensumständen und das Lebensgefühl des modernen Menschen entspricht, das kirchliche Personal sich auch gemäß ihrer Verkündigung verhält, also diese Moralprinzipien vorbildhaft und beispielhaft vorlebt, wird die kath. Morallehre wieder glaubhaft. Dieses verlangt nun eine Neuausrichtung der katholischen Morallehre.
Dieses Buch soll keine Anklageschrift gegen die Kirchenleitung sein. Es soll eine Anregung und Grundlage sein, um sich den Fragen einer neuen Moraltheologie zu stellen. Fragen, die einerseits unter den Gemeindemitgliedern durchgesprochen und abgeklärt werden sollen, anderseits der sich die Kirchenleitung stellen und bearbeiten muss um dann zu einem gemeinsamen, von der Kirchenleitung und dem Kirchenvolk, Ergebnis zu kommen, welches auch als Richtschnur, also als Leitbild, akzeptiert und gelebt werden kann.
Solches Vorgehen kann und darf nicht zu einem schnellen Ergebnis führen. Dieses muss gründlich durchdacht, erörtert und überprüft werden. Es wäre für mich durchaus vorstellbar, dass solch eine Arbeit mit einer Synode, wie diese nach dem II. Vatikanischen Konzil in Würzburg abgehalten wurde, vorbereitet, gesammelt, gesichtet, bearbeitet und bewertet werden kann, und dann ggf. als Vorschlag der Synode über die Bischofskonferenz bzw. direkt an den Vatikan weitergeleitet werden kann.
Dieses Buch will also eine Anregung zu einer Vielzahl von Gesprächen sein, um die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit in einer Art und Weise zu bearbeiten, zu kommentieren oder mit Leitlinien zu versehen, die von der Gesamtheit der Kirche getragen, vertreten und gelebt werden und so in die Gesamtgesellschaft hinein getragen werden könnte. Es ist mir bewusst, dass in diesem Buch nicht alle Problemstellungen angesprochen werden und auch nicht abschließend behandelt werden können. Die hier angesprochenen Problemstellungen und Lösungsansätze sind daher beispielhaft und können also durch andere ergänzt oder ausgetauscht werden.
Meinen besonderen Dank möchte ich an Herrn Heiner Lücke aus Wegberg aussprechen, der das Konzept dieses Buches gegengelesen hatte und mich auf Fehler oder missverständliche Stellen hinwies und mir somit half, ein hoffentlich rundes Werk abliefern zu können.
Wegberg, 8. April 2016
Die kath. Kirche hat zurzeit ein erhebliches Glaubwürdigkeitsproblem. Dieses Glaubwürdigkeitsproblem wird nicht nur von der Amtskirche ausgelöst, sondern auch von der Kirche in seiner Gesamtheit. Diese Unglaubwürdigkeit wird erreicht, in dem die Mitglieder der kath. Kirche nicht nach den von ihr proklamierten Lehrsätzen leben. Wird dieser Vorwurf von mir hier richtig erhoben oder ist es einer „modernen“ Haltung geschuldet, alles aber wirklich alles zu kritisieren? Dieser mögliche Vorwurf lässt sich an konkreten Fragen überprüfen:
Sehen wir uns das Gebot der Nächstenliebe an. Das Gebot der Nächstenliebe lautet: "Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst."1 Denken wir an dieses Gebot, wenn die Frage ansteht, ob man eine entwidmete Kirche unserem islamischen Nachbarn als Moschee zur Verfügung stellen kann? Denn eine Kirche und eine Moschee sind Gotteshäuser und diese Gotteshäuser sind dem einen Gott gewidmet, den wir als solchen anerkennen. Unterstützen wir das Anliegen unserer moslemischen Nachbarn, wenn diese eine Moschee mit einem Minarett bauen wollen?
Wie gehen wir mit den Menschen um, die unverschuldet in Not geraten sind? Wie gehen wir mit den Menschen um, die von uns etwas erbitten, auf das wir selbst einen Anspruch haben, jedoch nicht so dringend benötigen? Wir können diese Frage auf unser Verhalten im Berufs-, Geschäfts- und Privatleben beziehen und würden viele Fragestellungen finden, bei denen wir uns nicht nach dem Gebot der Nächstenliebe ausrichten und unsere Verantwortung auf andere Menschen oder gar den Staat oder Behörden abschieben. Wir sind ja nicht zuständig hierfür.
Diese Frage um Thema Nächstenliebe habe ich bewusst an erster Stelle genannt. Denn wenn wir von dem Problem der Glaubwürdigkeit der kath. Kirche reden, dann meinen wir stets die Amtsvertreter der kath. Kirche, also die Amtskirche. Hierbei wird aber vergessen, dass diese Amtsträger Menschen aus unserer Gesellschaft sind, sie sich also genauso verhalten, denken und empfinden, wie wir uns verhalten, denken oder empfinden. Wir verlangen von diesen Amtsträgern, dass sie sich vorbildlich und makellos verhalten, sind aber gleichzeitig nicht bereit, uns selbst dieser Forderung nach einem makellosen und vorbildlichen Verhalten zu unterwerfen.
Wir wollen kein Vorbild sein. Denn ein Vorbild steht immer in einer Kritik der Menschen, für die dieser ein Vorbild sein soll. Vorbild sein wird als anstrengend und belastend angesehen und empfunden. Hier verstecken wir uns doch gerne hinter einem Anderen, der dieses Vorbild viel besser repräsentieren können soll. Denn ein Vorbild darf nicht fehlen.
Glaubwürdigkeit hat etwas damit zu tun, dass ich etwas vorlege oder erkläre, wo ich voll und ganz dahinter stehe und wovon ich und ganz überzeugt bin. Das ist vorbildlich und wird uns zu einem Vorbild in diesem u. a. Bereichen machen, wenn es mit unserer Persönlichkeit insgesamt korrespondiert. Die Glaubwürdigkeit eines Menschen, einer Institution hängt davon ab, ob dieser Mensch oder die Repräsentanten dieser Institution wirklich das umsetzen, was sie erklären und fordern. Das Christentum, die Kirche wird jedoch nicht nur von den Amtsträgern der Kirche repräsentiert, sondern von uns allen. Seien wir noch so klein und unbedeutend, seien wir gut oder nicht so gut gebildet, seien wir arm oder reich, wir alle repräsentieren die Kirche und das Christentum. Die Glaubwürdigkeit der Kirche wird also auch an unserem eigenen Verhalten gemessen. Am Verhalten eines jeden einzelnen Menschen von uns.
Die kath. Amtskirche hat ebenfalls ein sehr großes Glaubwürdigkeitsproblem. Dieses resultiert aus einem starren Festhalten an Traditionen. Sie unterlässt es zu prüfen, ob diese Tradition, mag diese auch noch so alt sein, in der modernen Welt noch seine Gültigkeit und Rechtfertigung hat. Ob das tradierte Gut in dieser seiner Aussage noch stimmig ist oder aufgrund einer neuen Erkenntnis nicht aufgegeben oder neu formuliert werden muss.
Diese Frage einer Neuausrichtung der kath. Morallehre beschäftigt mich schon lange. Ich empfinde es als einen unhaltbaren Zustand, dass in den Fragen der Moral und Ethik ein deutlicher Bruch zwischen der Haltung und Meinung der Kirchenleitung und als ausgesprochen Konservativ einzuschätzenden Theologen auszumachen ist und entgegen der überwiegenden Mehrheit des Kirchenvolkes, progressiven Theologen und der Sicht der Gesamtgesellschaft. Interessant ist hierbei zu beobachten, dass alte und emeritierte Professoren durchaus eine progressive Haltung vertreten und relativ junge Theologen hingegen Standpunkte vertreten, die als ausgesprochen konservativ und zum Teil als lebensfremd zu bezeichnen sind. Diese relativ junge Theologen vertreten einen Standpunkt, der schon vor mehr als 50 Jahren, also vor der Geburt dieser jungen Theologen, als veraltet und überholt galt.
Diese Spannung, diese Diskrepanz zwischen der Darstellung der Kirchenleitung und konservativer Pastöre einerseits und anderseits der Haltung und Meinung des Kirchenvolkes führt zu einer Entfremdung zwischen vielen Amtsträgern der Kirche und den Gemeinden. Diese Entfremdung führt einerseits zu einer Abkehr und Austritt vieler Menschen von und aus der Kirche und anderseits zu einer Missachtung der Botschaften der Kirchenleitung seitens der Gemeindemitglieder. Das Kirchenvolk fühlt sich alleine gelassen und von der Kirchenleitung nicht verstanden und vertreten. Als Konsequenz hiervon haben sich ein Glaubwürdigkeitsproblem der Kirche gegenüber der Gesellschaft und ein anderes Mal der Gemeindemitglieder entwickelt.
Dieses Glaubwürdigkeitsproblem der Kirche, genauer der Kirchenleitung, wurde verstärkt durch schwere Straftaten einiger Amtsträger (sexueller Missbrauch), der langjährigen Vertuschung und Leugnung dieser Fälle durch die Kirchenleitung. Hinzu kommt eine unaufrichtige und als verlogen wahrgenommene Haltung der Kirchenleitung im Umgang mit Geschiedenen und wiederverheirateten Ehepaaren. Die Kirchenleitung hält an tradierten Leitbildern (Familie, Ehe, Partnerschaft) fest, ohne diese einer eingehenden Überprüfung zu unterziehen und zu fragen, ob dieses Leitbild als solches nicht aufgrund einer Fehlbeurteilung oder eines Nichtwissens entstanden sind und ggf. also reformiert werden müssen. Die Tradition als solche scheint der Kirchenleitung als Garant für die Wahrheit und Richtigkeit des Leitbildes zu dienen. Damit läuft sie Gefahr, die o.g. Spaltung zu vergrößern und das Glaubwürdigkeitsproblem zu verschärfen.
Korrekturen an Leitbildern werden von der Kirchenleitung nur dann vorgenommen, wenn aufgrund des öffentlichen Druckes dieses nicht mehr zu umgehen ist. Und wird eine Korrektur eines Leitbildes schon mal vorgenommen, dann wird gleichzeitig versucht, diese Korrektur wieder zu hintertreiben oder zu verzögern.
Aufgabe der Kirchenleitung und insbesondere der Weltkirchenleitung sollte es nicht sein, sich den modernen Strömungen hinzugeben um so eine Modernität beweisen zu wollen. Es müssen jedoch ständig alle Leitbilder, und sei dieses Leitbild noch einer so langen Tradition leibhaftig, auf ihre Wahrheit und Richtigkeit überprüft werden. Hierbei sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse stets beizuziehen. Denn nur so können die in der Vergangenheit aufgetretenen Irrtümer oder das seinerzeitige Unwissen entdeckt werden und die Fehlentwicklungen aus der Vergangenheit und der augenblicklichen Zeit aufgedeckt, behoben bzw. entgegen gewirkt werden.
Sehen wir uns jetzt einige Problemfelder an, in der die kath. Amtskirche ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt hat und teilweise noch setzt.
Sexueller Missbrauch ist ein Sachverhalt, der lange Jahre totgeschwiegen und vertuscht wurde. Handelte es sich bei dem Täter um einen Priester, so wurde dieser versetzt und der Täter hatte mit keinerlei kirchlichen Sanktionen zu rechnen und konnte dieses sein Unwesen am neuen Ort wieder unkontrolliert weiter durchführen. Erst auf massiven öffentlichen Druck weltweit bekannte sich die Amtskirche zu diesem Problem und versuchte durch finanzielle Zuwendungen sich freizukaufen. Der öffentlichen Forderung, sich diesem Problem zu stellen und aufzuarbeiten, scheint die kath. Amtskirche nicht voll nachkommen zu wollen. Sie ist immer noch zu sehr damit beschäftigt, aus dieser Affäre ohne großen Schaden kommen zu wollen, ohne groß etwas innerhalb ihrer eigenen Struktur etwas ändern zu müssen. Erst ein Machtwort von Papst Benedikt XVI. verpflichtet jetzt die Amtskirche, jeden Täter, also auch ihre zum Täter gewordenen Priester, bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige zu bringen und diese so einem ordentlichem Gerichtsverfahren zuzuführen.
Mit der Aussage, dass in der Priesterausbildung auch über Sexualität gesprochen würde, zeigt die Amtskirche mir, dass das Problem des sexuellen Missbrauches individualisiert werden soll und nicht geprüft wird, welche systemischen Voraussetzungen innerhalb der Organisation und Haltung der Amtskirche fehlen, um einen sexuellen Missbrauch durch Personen ihres Personals verhindern und schneller aufdecken können. Natürlich erhebe ich keinen Vorwurf gegen die Kirchenführung und mache sie auch nicht dafür verantwortlich, wenn eine Person ihres Personales einen sexuellen Missbrauch begeht und so eine große Schuld auf sich lädt. Jedoch mache ich die Kirchenführung dafür verantwortlich, wenn sie nichts oder zu wenig unternimmt, um zu prüfen, welche systemische Faktoren innerhalb ihrer Organisationsstruktur und den Voraussetzungen an ihrem Personal das Risiko eines sexuellen Missbrauches begünstigt oder nicht zu verhindern vermag. Über diese Untätigkeit oder das zu geringe Handeln der Kirchenleitung lädt sie sich selbst Schuld auf. Nicht wegen des Handelns des Täters. Nein. Nur wegen ihres Nichthandelns bzw. zu wenig Handels um eine solche Tat durch ihr Personal zu vermeiden. Wir werden uns mit diesem Problem noch weiter befassen.
Wiederverheiratung geschiedener Personen ist ein weiteres Problemfeld. Hier wird der Amtskirche Heuchelei vorgeworfen. Nach der kath. Lehre ist die Ehe ein Sakrament, welches vom Menschen nicht gelöst werden könne. Dieses bedeutet, dass eine kirchlich gültig geschlossene und vollzogene Ehe nicht mehr von den Eheleuten aufgelöst werden kann. Die Ehe endet erst mit dem Tod eines der Ehepartner. Scheidung, also die Auflösung einer Ehe durch beide lebende Ehepartner, ist kirchenrechtlich nicht möglich. Dass dieses zivilrechtlich möglich ist, hat hier keinen Einfluss auf das Kirchenrecht. Wenn Ehepaare sich trennen, also nicht mehr in einer gemeinsamen Wohnung leben, hat das kirchenrechtlich keine Bedeutung, kirchenrechtlich bleibt diese Ehe bestehen. Wenn nun ein geschiedener oder getrennt lebender Ehepartner mit einem anderen Menschen zusammen in einer eheähnlichen Gemeinschaft lebt, so hat die Amtskirche hiergegen keine Einwände. Sie begrüßt dieses nicht, duldet es aber. Erst wenn diese, von seinem Ehepartner geschiedene Person, seine Lebenssituation ordnen will und zivilrechtlich wieder heiratet, - kirchlich ist ja eine Wiederverheiratung mit einem anderen Partner nicht möglich -, dann erklärt die Amtskirche dieses Verhalten als mit der Lehre der Kirche nicht mehr vereinbar und sperrt diesen Menschen vom Empfang der Sakramente aus und, sofern dieser im kirchlichen Dienst beschäftigt ist, entlässt ihn aus dem kirchlichen Dient.
Als Heuchelei wird dieses Verhalten der Amtskirche von der Bevölkerung verstanden, weil einerseits das Leben in einem eheähnlichen Verhältnis von der Amtskirche nicht gerne gesehen und sogar als eine Sünde bezeichnet wird, aber keinerlei Konsequenzen für diese Personen hat. Erst wenn diese Personen ihr Verhältnis öffentlich rechtlich ordnen, was ja von der Amtskirche prinzipiell auch gefordert wird, dann wird dieses als ein Verstoß gegen ihre Lehre verstanden und hart geahndet. Es kann doch nicht Ziel und Absicht der Amtskirche sein, ihre Mitglieder zur Lüge anzuhalten, nur um den Schein einer Ordnung aufrecht halten zu können. Auch auf dieses Problem werden wir noch einmal zurück kommen.
Das Geld der Kirche ist ein großes Geheimnis. Für das einzelne Mitglied der kath. Kirche ist es nicht nachvollziehbar, wie sich die Kirche finanziert, also, wo die finanziellen Mittel herkommen und wo sie hinfließen. Es gibt ein unübersichtliches Geflecht von geheimen und offenen Einnahmen und Ausgaben. Dieses unübersichtliche Geflecht ist einerseits geschichtlich gewachsen und anderseits den verschiedenen Einnahmequellen geschuldet. Der Finanzskandal des ehemaligen Bischofs von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, hat die breite Öffentlichkeit auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Das Fehlen eines Amtsträgers und dass der beteiligten Kontrollgremien offenbarte erhebliche systemische Fehler und Mängel innerhalb der kirchlichen Finanzstruktur und Kontrolle.
Der Laie, also die nicht geweihte Person, wird von vielen Priestern als eine unerwünschte, jedoch notwendige, Person angesehen. Im II. Vatikanischem Konzil wurde das Laienapostolat besonders herausgestellt. Der Laie wird jetzt in der Zeit des Priestermangels immer stärker benötigt, aber scheinbar von vielen Priestern als eine unerwünschte Konkurrenz betrachtet. Beispielhaft für diese Haltung großer Teile der Priesterschaft ist das neue "Gotteslob", das Gebets- und Gesangbuch aller deutschsprachigen Diözesen. Wurde in allen Vorläufern dieses neuen "Gotteslobes" der Wortgottesdienst, welcher von den Laien durchgeführt werden konnte und sollte, wenn eine Meßfeier nicht möglich war, bislang noch als solche benannt, so muss diese jetzt als eine Wort-Gottes-Feier benannt werden. Aus der Bemerkung eines Priesters, der diese Wort-Gottes-Feier als eine bessere Andacht bezeichnete, wird die arrogante Abstufung und Abgrenzung des Laienapostolates seitens dieser Priesterkreise deutlich. Wurde bislang dem Wortgottesdienst durch die Laien auf Wunsch der Bevölkerung die Kommunionfeier angegliedert, so soll dieses jetzt nur noch in vereinzelten Ausnahmefällen erfolgen.
Für den Leser, der den formalen Aufbau einer Messe nicht mehr kennt oder nicht benennen kann, will ich dieses jetzt kurz aufführen:
Die Meßfeier setzt sich aus drei Teilen zusammen:
dem Wortgottesdienst. Hier stehen die Lesungen des Tages und die Predigt, also die Verkündung des Wort Gottes, im Mittelpunkt.
der Eucharistiefeier. Hier stehen die Gabenbereitung und das eucharistische Hochgebet im Zentrum.
die Kommunionfeier. Hier steht die Kommunion, also das gemeinsame Mal im Zentrum, welches gefolgt und abgeschlossen wird mit dem Schlussgebet und dem Segen mit der Entlassung der Gemeinde.
Wenn nun ein Gemeindegottesdienst ohne Priester durchgeführt wurde, so fand dieser Gemeindegottesdienst als ein Wortgottesdienst statt und dieser bestand aus zwei Teilen, nämlich
dem Wortgottesdienst und
der Kommunionfeier.
So wurde die Verbindung zu einem Gemeindegottesdienst mit einem Priester aufrecht erhalten, war durch das Fehlen der Eucharistiefeier dennoch von einer Messe deutlich getrennt. Dieser Wortgottesdienst war eben ein Ersatz für eine Meßfeier, die nicht abgehalten werden konnte und galt als ein voller Ersatz dieser (siehe Ergänzungsheft im Gotteslob, 1975, S. 61, Ziffer 051, 1985, Bistum Aachen).
Im neuen Gotteslob (2013, alle deutschen und österreichischen Bistümer) wird die Wort-Gottes-Feier als eine eigenständige Form des Gottesdienstes bezeichnet (siehe S. 865, Ziff 668,2, Gotteslob 2013). Eine Funktion als Ersatz einer sonntäglichen Meßfeier, wo diese nicht gehalten werden kann, hat sie demnach verloren. Diese Herabstufung des Gemeindegottesdienstes ohne Priester geht einher mit der Schaffung neuer Großgemeinden, deren Anzahl richtet sich nach der Zahl der zur Verfügung stehenden Priester. Mit diesem "Kunstgriff" gibt es jetzt in jeder Großgemeinde mindestens eine Meßfeier und eine solche kann somit nicht mehr ausfallen und muss nicht durch eine andere Form des Gemeindegottesdienstes ersetzt werden.
Es hilft nichts, wenn andere Priester, die mit dieser neuen Entscheidung der Kirchenleitung nicht einverstanden sind und diese für nicht richtig halten, uns sagen, wir sollten Anstelle einer Wort-Gottes-Feier doch eine Kommunionfeier ansetzen. Ich halte nichts davon, eine Entscheidung der Kirchenleitung mit einem "Gegenkunstgriff" zu umgehen. Ich würde dieses für mich als eine Heuchelei bezeichnen und lehne so etwas als unehrlich ab. Anderseits ist aber deutlich darauf hinzuweisen, dass die Glaubwürdigkeit der Kirchenleitung so auch im Innenverhältnis mehr als erschüttert wird, was für einen weiteren und größeren Riss zwischen der Kirchenleitung einerseits, dem Kirchenvolk und der übrigen Bevölkerung anderseits führt.
Das Wort Glaubwürdigkeit setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen, nämlich aus Glauben und Würdigkeit. Wir müssen uns jetzt der Bedeutung dieser beiden Worte und Begriffe bewusst werden, damit wir uns in den folgenden Texten nicht missverstehen.
Das Wort Glaube oder Glauben gibt es in unserem Wortgebrauch in zwei Ausführungen, einmal profan und ein anderes Mal als einen religiösen Begriff. Letztendlich beschreiben sie den gleichen Sachverhalt, der sich nur in ihrer Zielsetzung unterscheidet. Der Glaube und das Glauben bedeutet, etwas für wahr halten, ohne dieses zu wissen. Wenn ich also eine Sache, eine Botschaft oder Aussage glaube, dann weiß ich nicht, ob diese wirklich so ist, wie ich es glaube. Weiß ich es, dann glaube ich es nicht mehr, denn ich habe eine Erkenntnis gewonnen und kann diese auch beweisen. Das Wissen setzt somit immer ein Erkennen, also eine Erkenntnis voraus und kann als solche stets bewiesen und nachgewiesen werden. Dem Glauben fehlt diese Erkenntnis und daher kann der Glaube als solcher niemals nachgewiesen werden. Wäre das, woran ich glaube, nachweisbar, so würde ich darüber eine Erkenntnis erhalten und somit diese Information in meinem Wissen integrieren. Da ich es aber nicht weiß, ist der Glaube stets mit einem Zweifel verbunden, nämlich dem Zweifel, dass etwas nicht so wahr ist, wie ich es glaube.
In der Theologie verhält es sich ebenso. Nur im Unterschied zum profanen Leben zielt die Theologie auf Gott und seine Existenz im transzendenten Raum. Der transzendente Raum ist der Raum, der sich außerhalb unseres Universums befindet. Dieses sich Befinden außerhalb unseres Universums bedeutet nun nicht, dass es sich tastsächlich jenseits der Grenze unseres uns bekannten astronomisch erforschten Universums befindet. Es bedeutet nur, dass es sich außerhalb unserer Raum-Zeit-Bindung befindet. Der Begriff der Raum-Zeit stammt von Albert Einstein und macht deutlich, dass wir nicht nur an den Raum gebunden sind, sondern ebenfalls an die Zeit. Wir können uns in einem Raum in allen Richtungen hin und her bewegen, aber in der Zeit ist uns diese Fähigkeit nicht gegeben. Theoretisch können wir die Zeit verlangsamen, aber wir können sie niemals umkehren, uns also in die Vergangenheit hinein bewegen. So wie wir unsere Bewegung im Raum berichtigen können, indem wir zum Ausgangspunkt zurück kehren und dann den neuen Weg gehen, können wir zeitlich nicht zum Ausgangspunkt zurück kehren und neu starten. Gott und alles, was im transzendenten Raum abläuft, befindet sich außerhalb dieser unserer einsteinschen Raum-Zeit-Bindung und hat keinen Einfluss auf Ereignisse in unserer Raum-Zeit-Bindung. Weil der transzendente Raum von unserer Raum-Zeit-Bindung getrennt ist, können wir die Existenz Gottes und alles, was sich dort im transzendenten Raum befindet, nicht nachweisen. Denn würde es Auswirkungen auf unsere Raum-Zeit-Bindung haben, dann wäre der Nachweis einer solchen Veränderung innerhalb unserer Raum-Zeit-Bindung möglich und wir hätten dann einen "Gottesbeweis". Dann müssten wir nicht mehr an Gott glauben, denn wir hätten dann die Erkenntnis von der Existenz Gottes. Aus unserem Glauben an Gott würde ein Wissen über Gott, zumindest über die Existenz Gottes.
Das Wort Würde (vom althochdeut wirdî; mittelhochdeutsch wirde) ist sprachlich verwandt mit dem Wort Wert. Die Würde bezeichnet eine Eigenschaft, die einer Sache oder einem Menschen beigemessen wird. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird diese Eigenschaft einem Menschen zugesprochen, der ein bestimmtes Amt bekleidet oder über eine sehr hervorragende Eigenschaft verfügt, die eine besondere Wertschätzung verdient. Das Wort Würdigkeit ist im hochdeutschen Sprachgebrauch ein Wort, welches nicht bzw. kaum alleine genutzt wird. Meistens wird dieses Wort im Zusammenhang mit dem Wort Glaube zu Glaubwürdigkeit genutzt und soll so den Wert dessen, an was geglaubt wird, besonders hervor heben.
Im Internet findet sich folgender Eintrag: "Wie wirkt sich die Würdigkeit auf die Macht des Priestertums aus? Die Vollmacht des Priestertums erhält man durch die Ordinierung, aber die Macht des Priestertums erfordert Rechtschaffenheit, Glaubenstreue, Gehorsam und Eifer. Auch wenn wir die Priestertumsvollmacht durch Händeauflegen erhalten, verfügen wir über keine Priestertumsmacht, wenn wir ungehorsam, unwürdig oder nicht willens sind, zu dienen."2 Diesem Eintrag wäre noch hinzuzufügen: "Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Offenheit."
Eine Person ist glaubwürdig, wenn ich mich darauf verlassen kann, dass die Information, die ich von dieser Person erhalte, glaubhaft und somit richtig ist. Unglaubwürdig ist eine Person, sobald ich das Gefühl habe, dass die mir vorgetragene Information nicht richtig ist oder die Wahrscheinlichkeit relativ groß ist, dass diese Nachricht so nicht zutrifft. Die Frage der Glaubwürdigkeit hat also viel mit der Frage zu tun, ob ich dieser Person oder der Botschaft vertrauen kann. Wird mein Vertrauen auf die Zuverlässigkeit einer Person oder Nachricht erschüttert, so wird diese Person oder Nachricht für mich unglaubwürdig und somit zweifelhaft. Ein zerstörtes Vertrauensverhältnis ist, und dieses wissen wir aus eigener Erfahrung, nur sehr schwer wieder aufzubauen.
Wenn nun die Kirchenleitung etwas erklärt, sich aber dieser ihrer Erklärung nicht gemäß verhält, so entsteht eine Diskrepanz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was vorgelebt wird. Da beides nicht zusammen passt, ist entweder das, was gesagt wird, falsch oder man hält das, was man sagt, für nicht wichtig. Es wird ein Stück beliebig, weil es nicht wirklich ernst genommen wird. Somit wird der Glaube an die Botschaft, die verkündet wird zerstört und unglaubwürdig. Sofern die Kirchenleitung jetzt in mehreren Botschaften ihre Glaubwürdigkeit verliert, weil sie sich eben nicht nach diesem ihren Aussagen verhält, so wird die Kirchenleitung insgesamt unglaubwürdig und damit die gesamte Botschaft, die sie verkündet.
Eine Glaubwürdigkeitskriese der Kirchenleitung führt dazu, dass große Teile der Bevölkerung sich von der Kirche abwenden und ihrer Botschaft generell keinen Glauben mehr schenken wollen oder können. Diese Glaubwürdigkeitskrise kann nicht dadurch überwunden werden, dass die Amtskirche die eine oder andere Botschaft auf Druck der Öffentlichkeit verändert. Ein derartiges Vorgehen der Kirchenleitung würde die Glaubwürdigkeitskriese eher verstärken, weil so der Eindruck der Beliebigkeit der Botschaft der Kirche entstehen würde und müsste. Es ist vielmehr erforderlich, das Werk von Papst Johannes XXIII. wieder aufzunehmen und alle Fragen der Kirche neu zu überdenken und ggf. die Verkündigung den neuen Gegebenheiten anzupassen. So wie Papst Johannes XXIII. es sagte, "Die Fenster der Kirche zu öffnen und frische Luft hinein zu lassen."
Die lehrende und verkündende Kirche muss wieder voll eins werden mit der lebendigen Kirche. Diese Loslösung großer Teile der Kirchenbevölkerung von den Aussagen der lehrenden Kirche, dieses Gefühl des nicht-verstanden-Werdens von großen Teilen der verkündenden Kirche, das Gefühl der Unredlichkeit im Verhalten der Kirchenleitung ihren Grundsätzen gegenüber hat zu einem Zustand in der Kirche geführt, der als Schisma bezeichnet werden kann. Bei diesem Schisma geht es nicht darum, wer die richtige Botschaft verkündet oder wer diese Verkündigung vornehmen darf. Bei diesem Schisma geht es darum, dass das Moralempfinden und das moralische Handeln großer Teile der Kirche nicht mehr mit den Vorgaben der lehrenden Kirche überein stimmt und dass der Kirchenleitung als lehrende Kirche vorgeworfen wird, sich nicht nach den Grundsätzen ihrer Lehre zu verhalten. Es muss also wieder der Zustand erreicht werden, in der die lehrende und die verkündigende Kirche mit der lebendigen Kirche eins ist, die Kirchenbevölkerung durchaus den Eindruck und die Sicherheit hat, dass die Amtskirche sich ebenfalls an den Werten ausrichtet und hält, die sie selbst verkündet. Es darf also kein Widerspruch mehr entstehen, zwischen der Werten, die verkündet und gelehrt werden und denen, die tatsächlich gelebt werden.
Das Leitbild des neuen Testamentes ist die Familie. Während Gott im Alten Testament noch der richtende, strafende, fürsorgende und gütige Gott ist, der Mensch also stets der Untergebene ist, stellt Christus die Gemeinschaft mit Gott mit der einer Familie gleich. Gott ist der Vater und wir sind seine Kinder. Aus einem Verhältnis des Untergebenen, des Beherrschten sind wir jetzt gewechselt in die Rolle einer Familie. So wie der Vater seine Familie nicht beherrscht, sondern partnerschaftlich mit seinen Familienmitgliedern umgeht, so geht Gott mit uns auch partnerschaftlich um. Partnerschaftbedeutet aber auch die Übernahme von Verantwortung. Wir sollen Verantwortung übernehmen, soviel wie ein jeder nach seinen Fähigkeiten übernehmen kann und wir sollen gleichzeitig dem Anderen die Möglichkeit geben, die Verantwortung soweit zu übernehmen, wie dieser es kann. Mit der Übernahme der Verantwortung ist auch die Verpflichtung verbunden, für die Folgen des eigenen Tuns gerade zu stehen. Die Übernahme der Verantwortung und ihre Handhabung durch das eigene Tun wird Freiheit genannt. Denn nur der freie Mensch ist in der Lage, sein eigenes Handeln selbst auszurichten, also selbst zu entscheiden, ob etwas getan wird oder nicht und wenn es getan wird, wie es ausgeführt werden will.
Die Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben wird Liebe genannt. Wenn ich ebenso bereit bin, die Verantwortung für das Leben des Nächsten zu übernehmen, so wird dies Nächstenliebe genannt. Die Verantwortung für das Leben des Nächsten, also die Nächstenliebe, bevormundet diesen meinen Nächsten nicht. Meine Verantwortung für den Nächsten endet dort, wo dieser die Verantwortung für sein eigenes Leben und Handeln übernimmt. Ich bin lediglich dafür verantwortlich, dass ich meinem Nächsten die Möglichkeit einräume und lasse, für sich und sein Handeln die Verantwortung zu übernehmen. Freiheit bedeutet, einerseits die Freiheit zu haben, selbst über das eigene Handeln zu entscheiden und dieses zu verantworten anderseits, meinem Nächsten ebenfalls diese Freiheit einzuräumen, selbst über seine eigene Handlungen bestimmen und diese ebenso selbst verantworten können.
Das Alte Testament sieht Gott als den Schöpfer und Herrscher der Welt, des Universums. Das jüdische Volk wird als das Volk Gottes bezeichnet, welches unter der Herrschaft Gottes steht. Diese klare Unterordnung des Volk Gottes wird in der Formulierung der 10 Gebote3 deutlich. Dort wird gesagt, wie das Volk Gottes sich zu verhalten hat, was es zu tun oder zu unterlassen habe. Von einer Freiheit des Menschen, sich selbst entscheiden zu können, was er tun oder unterlassen will, ist hier nicht die Rede. Das Gebot der Nächstenliebe4 ist im Alten Testament ebenfalls vorhanden, aber als ein isoliertes Gebot und auf die Mitglieder des Volkes Gottes beschränkt. Der Fremde, der im eigenem Land lebt, wird mit einem eigenem Gebot5 in das Gebot der Nächstenliebe mit eingeschlossen. Dieses insbesondere im Andenken daran, dass das Volk Gottes selbst Fremde in Ägypten gewesen seien.
Christus stellt dieses Gebot der Nächstenliebe 6 jetzt mit dem Gebot zur Liebe Gottes, der Gottesliebe, gleich und weitet dieses Gebot der Nächstenliebe auf alle Menschen aus. Gott und der Nächste stehen also gleichberechtigt und gleichrangig nebeneinander im Focus des Menschen. Diese Gleichrangigkeit impliziert, dass ich diese beiden Gebote nicht untereinander tauschen kann. Das Gebot der Gottesliebe beinhaltet gleichzeitig das Gebot der Nächstenliebe und das Gebot der Nächstenliebe beinhaltet das Gebot der Gottesliebe. So kann ich also nicht durch kultische Handlungen dem Gebot der Gottesliebe nachkommen und gleichzeitig das Gebot der Nächstenliebe missachten. Ebenso kann ich nicht nur durch die Beachtung des Gebotes der Nächstenliebe das Gebot der Gottesliebe außeracht lassen. So sollen wir jedem dieser beiden Gebote nachkommen, einem jeden zu seiner Zeit und im erforderlichen Umfange.
Ist die Umsetzung dieses Doppelgebotes, nämlich der Gottesliebe und der Nächstenliebe nicht zu abstrakt und daher lebensfern? Im Alten Testament gibt es eine Anleitung für ein sozialgerechtes und gottesfürchtiges Handeln des Volkes Gottes. Hier handelt es sich um die sozialen Gebote7, die jedem Menschen sagen, was er tun oder was er lassen soll. Diese sozialen Gebote sind eine Konkretisierung der 10 Gebote8 . Diese sozialen Gebote heben somit die 10 Gebote nicht auf, sondern füllen diese mit weiteren Beschreibungen aus.
Wenn wir uns das Gebot des Verbotes der Nachlese ansehen, dann werden wir unschwer feststellen, wie modern und umsichtig dieses Gebot ist. Es lautet: "Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der Herr, euer Gott." 9
Uns wird mit diesem Gebot gesagt, dass wir die Felder nicht bis zum letzten Meter abernten sollen. Wir sollen etwas stehen lassen, damit die Armen und die Fremden, die vorüber ziehen, etwas zu essen finden. Weiter ist durchaus darin auch die Aussage enthalten, dass wir die Meere nicht leerfischen sollen. Neben der Ernährung der Armen und der Fremden soll so sichergestellt werden, dass die Tiere auch etwas von der Ernte abbekommen und so sich auch ernähren können. Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet also nicht nur, nicht das Letzte aus meinem Produktionsmittel heraus zu holen, sondern Rücksicht auch auf die zu nehmen, die von einer Produktion keinen Nutzen ziehen können.
Hier soll jetzt nicht eine Diskussion bezüglich der Züchtung neuer Rassen oder Arten sowie der Genmanipulation eröffnet werden. Trotzdem wäre es in der heutigen Zeit dringend geboten, sich hierüber Gedanken zu machen und zu fragen, was ist erlaubt und wovon sollten wir wirklich die Finger lassen. Als Schriftgrundlage dieser Erörterung kann durchaus das Verbot von Mischungen dienen. Es lautet: "Unter deinem Vieh sollst du nicht zwei Tiere verschiedener Art sich begatten lassen. Dein Feld sollst du nicht mit zweierlei Arten besäen."10
Nach der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies wurde dem Menschen der Ackerboden gegeben, damit er diesen bestelle 11. Dieser Auftrag des Menschen, den Ackerboden zu bestellen steht im Sinnzusammenhang mit dem Fluch Gottes an Adam: "So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen, alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen."12 Wird jetzt das Gebot mit dem Verbot von Mischungen mit dem Fluch an Adam bei der Vertreibung aus dem Paradies zusammen geführt, so entsteht in der Tat die Frage, ob wir an unseren Nahrungsmittel Manipulationen durchführen dürfen oder nicht.
Wir dürfen jetzt nicht in einen fundamentalistischen Gedanken verfallen und sagen, jegliche Züchtung, jegliche Manipulation an den Pflanzen und Tieren sei grundsätzlich verboten und somit moralisch unvertretbar. Der Mensch hat mit der Freiheit die Fähigkeit erlangt, in die Natur hineinzuwirken. Er muss sich aber auch stets vergegenwärtigen, dass er die Zusammenhänge in der Natur nicht voll und ganz begriffen hat und noch lange wird nicht begreifen können. So muss der Mensch sich hüten, aus Unkenntnis oder Irrtum einen Eingriff in die natürlichen Abläufe vorzunehmen, deren Folgen er nicht absehen kann.
Wir haben jetzt gesehen, dass die biblischen Texte nicht so lebensfremd sind, wie diese uns so manches Mal vorkommen. Zur Frage der Auslegung der biblischen Texte habe ich in meinem Buch "Quo vadis, ecclesia? Kirche, wohin gehst du?" ab Seite 73 Stellung genommen. So sollen jetzt hier nur kurz die wesentlichen Fragen wiederholt werden:
− "Wer hat den Text geschrieben?
− Wann wurde der Text geschrieben?
− In welchem gesellschaftlichen Kontext steht dieser Text?
− Welche Aussage verbirgt sich in diesem Text?"13
Wenn wir diese Fragen gewissenhaft und umfassend beantwortet haben, dann können wir das Ergebnis dieser Fragen auf unsere heutige Situation übertragen und sehen, wie sich dieser Sachverhalt heute darstellt und die entsprechende Botschaft, das entsprechende Gebot jetzt formuliert werden würde, um den gleichen Zwecke zu erreichen.
Dieses ist folglich eine Frage der Ethik und der Moral. Denn hier wird uns eine Grenze aufgezeigt, die wir beachten sollen und müssen. Nicht alles was möglich ist, ist erlaubt. Die Handlungsfreiheit des Menschen ist hierdurch eingeschränkt worden und wir müssen einen Weg finden, diese Grenze genau zu bestimmen und zu justieren damit dieses als eine allgemein gültige Vorgabe gesehen und akzeptiert werden kann.
1 Lev 19,18; Mt 5,43; Mt 22,39; Lk 10, 27, Röm 13,9; Gal 5,14
2www.lds.org/youth/learn/ap/priesthood-keys/worthiness?lang=deu, Aufruf 21.04.2015])
3 Ex 20, 1- 21, Dtn 5,6-21
4 Lev 19,18
5 Lev 19, 34
6 Mt 5,43-48; Mt 22,37-39; Lk 10, 27
7 Lev 19, 1-37
8 Ex 10, 20, 1- 21
9 Lev 19, 9-10
10 Lev 19, 19
11 Ex 3, 23
12 Ex 3, 17-18
13 "Quo vadis, ecclesia? Kirche wohin gehst du?", Norbert Boxberg, 2008, S. 75
Der Mensch ist ein instinktarmes Wesen. Diese Armut an Instinkten ermöglicht erst seine Freiheit. Wäre der Mensch ein instinktreiches Wesen, so könnte der Mensch über seine Handlungen kaum noch selbst entscheiden, weil eben diese Entscheidungen von den Instinkten übernommen und kontrolliert werden. Der Mensch ist auch ein soziales Wesen. Er benötigt daher die Gesellschaft anderer Menschen. Da die Kontakte der Menschen untereinander nicht über ein Instinktverhalten geregelt werden, benötigt der Mensch hier Verhaltensregeln, um dieses Miteinander konfliktarm und befriedigend gestalten zu können. Die Grundlage eines solchen Regelwerkes ist die Moral.
"Der deutsche Ausdruck „Moral“ geht über das französische morale auf das lateinische moralis (die Sitte betreffend; lat: mos, mores Sitte, Sitten) zurück, das im von Cicero neugeprägten Ausdruck philosophia moralis als Übersetzung von êthikê (Ethik) verwendet wird."14 Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen. Aus der Definition und dem Bezug des Moralbegriffes auf die jeweilige Gesellschaft wird deutlich, dass es keinen einheitlichen und allgemeingültigen Moralbegriff gibt. Was in der einen Gesellschaft moralisch vertretbar ist, kann in einer anderen schon moralisch bedenklich oder verwerflich sein. Es gibt jedoch nicht nur Unterschiede im moralischen Empfinden verschiedener Gesellschaften oder der gleichen Gesellschaft zu unterschiedlichen Zeiten. Nein, es gibt auch schon Unterschiede zwischen dem moralischen Empfinden einer Gesellschaft in der gleichen Zeit. Diese Unterschiede im moralischen Empfinden rühren daher, ob einer sich religiös gebunden fühlt oder nicht und ebenfalls, nach welcher religiösen Gemeinschaft dieser sich ausrichtet und angehörig fühlt. Somit gibt es eine säkulare und eine theologische Moral.
Im Idealfall sollte es keinen Unterschied geben zwischen der säkularen und der theologischen Moral. Dieser Idealfall tritt jedoch nur dann ein, wenn die Theologie das profane, also das weltliche, Handeln bestimmt und dominiert. Da in den meisten bürgerlichen Gesellschaften dieses nicht der Fall ist, besteht in ihnen also zwei Moralvorstellungen. Diese beiden Moralvorstellungen, eben die profane und die religiöse, müssen sich jetzt nicht feindlich gegenüber stehen. Es gibt aber dabei stets zu wissen, worin sich diese beiden Moralvorstellungen denn unterscheiden.
Die säkulare, profane oder weltliche Moralvorstellung ist auf das Leben der Menschen ihrer Gesellschaft ausgerichtet. Als moralisch gut oder böse wird das angesehen, was dem Miteinander der Menschen dient oder eben zuwider läuft. Der zentrale Ausrichtungspunkt ist also der Mensch, so wie dieser in dieser Gesellschaft lebt und leben soll. Verantwortlich ist der einzelne Mensch erst einmal sich selbst gegenüber und anschließend auch der Gemeinschaft der Menschen, also der Gesellschaft, in der er lebt. Das weltliche, oder wie wir heute sagen, das bürgerliche Moralverständnis regelt also das Verhalten des einzelnen Menschen, des Individuums, mit seiner gesellschaftlichen Umwelt und umgekehrt. Es soll die Interessen des Individuums mit den Interessen der anderen Individuen regulieren und so Konflikte vermeiden. Und im Falle eines Konfliktes soll über das Moralverständnis eine Lösung dieses Konfliktes herbeigeführt werden.
Dieses bürgerliche Moralverständnis findet seinen Ausdruck in geschriebenen Regeln, den Gesetzen und Ordnungen, insgesamt als Recht bezeichnet, und in ungeschriebenen Regeln, Brauchtum, Sitte oder gesellschaftliche Konventionen genannt.
Die theologische, kirchliche oder religiöse Moral bezieht sich auf die Verantwortung des Menschen Gott gegenüber. Ein jeder Mensch muss sein eigenes Verhalten Gott gegenüber verantworten und dem Willen Gottes unterwerfen. Gott hat die Welt geschaffen und uns, dem Menschen, übergeben, damit wir in dieser Welt ein gottesfürchtiges Leben führen und den anderen Lebewesen insgesamt, also den anderen Menschen, den Tieren und Pflanzen ebenso ihr Leben ermöglichen. Hierbei wird als gottesfürchtig verstanden, wenn der Mensch seine Rolle in der Schöpfung erkennt und erfüllt. Sofern dem Menschen seine Rolle in der Schöpfung nicht fest vorgegeben ist, als durch das Instinkt definiert und gesteuert wird, werden dem Menschen diese seine Rolle durch eine gesonderte Eigenschaft, die Begabung, definiert. Im Gegensatz zum Instinkt, welche auch eine Steuerungsfunktion hat, trägt die Begabung keine Steuerfunktion.
Die Begabung eröffnet nur die Fähigkeit, bestimmte Sachverhalte zu erkennen und bietet dann Verhaltensmuster an, sich entsprechend verhalten zu können. Hier liegt also eine Wahlmöglichkeit vor; diese Wahlmöglichkeit fehlt dem Instinkt.
Die theologische Moral fasst ihre Normen in Gebote und Verbote und wird zusammenfassend Moraltheologie genannt. Die Gebote und Verbote der Moraltheologie dienen auch den Menschen, entsprechen insoweit auch den Vorstellungen der profanen Moral, stellen im Gegensatz zur profanen Moral jedoch das Handeln des Menschen in die Verantwortung des Menschen vor Gott. Also die Moraltheologie reicht weiter als die profane Moral. Endet die profane Moral also beim Tod des Menschen für diesen Menschen, so reicht die Verantwortung des Menschen in der Moraltheologie über den Tod dieses Menschen hinaus. Die Verantwortung des einzelnen Menschen wird also erweitert und ausgedehnt in den transzendenten Raum hinein, also jenseits unseres Universums und somit zu Gott hin.
Das Problem der Moraltheologie ist die Frage, wie ich den Willen Gottes erkenne. Gott ist ein Wesen, welches sich außerhalb unserer energetisch-materiellen Raum-Zeit-Bindung aufhält und bewegt. Es gibt keine unmittelbare Willensäußerung von Gott an den Menschen und so ist die Moraltheologie gezwungen, mittelbare Botschaften und abgeleitete Erkenntnisse nutzen zu müssen. Die mittelbaren Botschaften finden wir in den Schriften der Bibel des Alten und Neuen Testamentes, den Botschaften und Visionen bestimmter und glaubwürdiger Personen und aus der Schöpfung Gottes. Dieses Problem, diese Schwäche der Moraltheologie gibt der Moraltheologie jedoch gleichzeitig ihre Stärke und Aussagekraft über die Zeiten hinaus. Aufgabe der Moraltheologie ist es, ihre moralischen Leitsätze zu jeder Zeit so glaubhaft zu verkünden, dass die Menschen diese Leitsätze akzeptieren und leben.
Um jedoch wirken zu können, müssen die Aussagen der Moraltheologie, also die Gebote und Verbote, so formuliert und verkündet werden, dass die Sinnhaftigkeit dieser Gebote und Verbote von er Bevölkerung auch verstanden werden. Wenn die Gebote oder Verbote, mögen diese auch noch so richtig und zutreffend sein, so abstrakt formuliert werden, dass der Sinn dieses Gebotes oder Verbotes nicht jedermann verständlich ist, so werden diese Gebote und Verbote nicht mehr von der Bevölkerung berücksichtigt und beachtet. Vielmehr ist zu befürchten, dass die Aussagen der Moraltheologie insgesamt dann keine Beachtung mehr finden und so wirkungslos werden. Anderseits dürfen die Botschaften der Moraltheologie nicht so simpel gefasst, also so vereinfacht werden, dass diese dann wegen ihrer Einfachheit nicht mehr ernst genommen werden und deshalb keine Beachtung mehr finden.
Eine besondere Aufgabe und wichtige Herausforderung der Moraltheologie besteht darin, die Grundsätze deutlich, für alle Menschen begreif- und nachvollziehbar zu erklären, wo und warum die Moraltheologie zu einem anderen Normverständnis kommt und vertritt, als dieses in der profanen Moral vertreten und als richtig empfunden wird. Diese Sinnhaftigkeit der von der profanen Moral abweichenden moraltheologischen Sicht kann nicht mit der Tradition der kirchlichen Botschaft begründet werden. Denn auch traditionelle kirchliche Botschaften können sich ggf. als ein Irrtum herausstellen und müssten dann korrigiert werden.
Wir haben oben schon gesehen, eine wesentliche Schwäche der Moraltheologie besteht darin, den Willen Gottes verbindlich festzustellen und diesen Willen Gottes mit der Freiheit des Menschen in Übereinstimmung zu bringen. Wir haben jedoch auch oben gesehen, dass die Schwäche gerade eine Stärke der Moraltheologie darstellt, weil so ein jeder Mensch aufgefordert ist und wird, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen, sich also damit auseinander zu setzen, und dieses als ein niemals endender Prozess, und so sich Klarheit zu verschaffen über seine Aufgabe, seinen Auftrag, die er über den Weg der Begabung von Gott erhielt, und einen Weg zu finden, diese Aufgabe, diesen Auftrag in gottesfürchtiger Art und Weise umzusetzen und zu erfüllen. Und hier ist die Moraltheologie gefordert, jedem einzelnen Menschen Hilfestellungen anzubieten, also Leuchtfeuer oder Richtungsweiser zu sein, ohne diesem Menschen die von Gott gegebene Freiheit unnötig einzuschränken oder zu beschneiden.
Wurde der Bürger von der Kirchenleitung im 19. Jahrhundert noch als ein unmündiger Mensch betrachtet und wird jetzt zum Beginn des 21. Jahrhundert dieses scheinbar von der Kirchenleitung, entgegen der oft anders beschworenen Aussagen, noch immer so gesehen, welches ja zu der einem Schisma vergleichbaren Riss zwischen großen Teilen der Kirchenbevölkerung und großen Teilen der Amtskirche führte, so muss die Verkündung der Moraltheologie heute von einem mündig gewordenen Bürger ausgehen und diesen mündigen Bürger somit anders ansprechen. Dem mündigen Bürger muss nicht befohlen werden, er will überzeugt werden.
Eine Kritik unserer bürgerlichen und theologischen Moralbegriffe soll hier mal eingeführt werden, auch wenn das politische System, aus der diese kommt, in der Zwischenzeit gescheitert und untergegangen ist. Ich halte wesentliche Teile dieser Kritik für beachtens- und bedenkenswert, auch wenn die einseitige politische Ausrichtung nicht meine Zustimmung findet und finden kann. So wird im Philosophischen Wörterbuch u. A. unter dem Stichwort Moral ausgeführt: "Eine derartige Unterscheidung zwischen Moral und Ethik nach dem »Prinzip« der «Vielfalt der Moralen» und der «Einheit der Ethik» (N. Hartmann) ist nur ein Ausdruck der Hilfslosigkeit und Ausweglosigkeit in die jede Moral und Ethik führen muss, die ihre Prinzipien und Normen nicht aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit gewinnt, sondern sie aus Gott oder einem ewigen Naturgesetz, aus einer Weltvernunft oder aus den Menschen selbst, aus seinen Instinkten, Trieben, Gefühlen, seinem Willen oder seiner Vernunft abzuleiten sucht. Die gesamte vormarxsche und bürgerliche Ethik erwies und erweist sich dergestalt als unfähig, das Wesen der Moral wissenschaftlich zu bestimmen. Als Ergebnis ihrer ethischen Lehren steht das Geständnis der Satz «Wir wissen noch nicht, was Gut und Böse ist» (N. Hartmann, Ethik, 44).
"Die marxistisch-leninistische Ethik bestimmt die Moral oder Sittlichkeit als eine spezifische Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, als eine dialektische Einheit von sittlicher Gesinnung und entsprechendem praktisch-sittlichem Verhalten, als ein kompliziertes System von geschichtlich gewordenen und gesellschaftlich bedingten sittlichen Grundsätzen, Werten und Normen, von denen sich die Menschen in ihrem Verhalten zueinander und zu den verschiedenen Einrichtungen und Formen ihres gesellschaftlichen Zusammenlebens wie Klasse, Arbeit, Arbeitskollektiv, Familie, Staat und Nation usw. bestimmen und leiten lassen."15 Zusammenfassend heißt es zum Schluss dieser Ausführungen: "Sozialistische Moral - das ist die Gesamtheit der sittlichen Werte und Normen, die aus dem Befreiungskampf der Arbeiterklasse, aus den Erfordernissen und Bedürfnissen des sozialistischen Aufbaus, insbesondere der sozialistischen Arbeit und des neuen sozialistischen Gemeinschaftslebens erwachsen und die auf die Festigung und ständige Höherentwicklung der sozialistischen Gesellschaft, auf die Vervollkommnung der sozialistischen Gemeinschaftsbeziehungen und der sozialistischen Persönlichkeit, auf den Sieg des Friedens in der Welt gerichtet sind."16
Diese Kritik an dem bürgerlichen und theologischen Moralverständnis und seine einseitige Ausrichtung auf ein genau formuliertes Ideal, nämlich der sozialistischen Gesellschaft, die sich wiederum nur als einen Übergang zum Ideal der kommunistischen Gesellschaftsform sah, zeigt deutlich auf die Unfreiheit des Menschen in der sozialistischen Gesellschaft. Der einzelne Mensch in der sozialistischen Gesellschaft hat sich dem Ideal der sozialistischen Gesellschaft zu unterwerfen. er hat tunlichst alles zu vermeiden, was diesem Ideal der sozialistischen Gesellschaft zuwider läuft. Hier steht also nicht das Individuum, sondern die sozialistische Gesellschaft im Focus der Betrachtung.
Für die Kirchenleitung, die lehrende und verkündende Kirche ist es jedoch wichtig und beachtenswert, wie hier der Mensch in seinem gesellschaftlichen Kontext gesehen wird und aus diesem gesellschaftlichen Kontext in Verbindung mit dem Klassenkampf und den daraus gezogenen Lehren und Erkenntnissen eine sozialistische Moral entwickelt, definiert und durchgesetzt werden soll. Aufgabe der Kirchenleitung, der lehrenden und verkündenden Kirche ist es, den einzelnen Menschen, als das Individuum, in seinem gesellschaftlichen Kontext zu sehen, eine Moraltheologie zu entwickeln, zu definieren, zu verkünden und auch vorzuleben, die dem einzelnen Menschen verständlich, nachvollziehbar und lebenswert erscheint. Aufgabe der Kirchenleitung, der lehrenden und verkündenden Kirche ist es nicht, die gesellschaftlichen Moden moralisch gutzuheißen, mitzugehen und sich darauf einzulassen. Die Moraltheologie, die Kirchenleitung, die lehrende und verkündende Kirche muss aber insoweit auf diese gesellschaftlichen moralischen Moden reagieren, in dem diese angesprochen, bewertet und mit den Lehrsätzen der Moraltheologie verglichen werden.
Moraltheologische Werte, Normen und Aussagen sind für die lebende Kirche nur dann interessant, wenn diese die Lebensumstände und den Stand der modernen Wissenschaft berücksichtigen, glaubhaft vorgetragen und vor allem auch vorgelegt werden. Oft wird insbesondere das Letztenannte nicht beachtet; dieses haben wir schon gesehen und werden auch noch in weiteren Fällen dieses sehen.
Unser Universum ist dual aufgebaut. Jeder Kraft ist eine Gegenkraft beigegeben. Alle Bewegungen, alles Leben spielt sich in der Spannung zweier gegensätzlichen Pole ab. Wir kennen diese duale Pole vom Magnetismus, mit dem Plus-Pol und dem Minus-Pool, dem Stromkreislauf, der Anziehungs-und der Fliehkraft. Wir kennen dieses aus der Medizin, denn jeder Muskel hat einen Gegenmuskel. Wir können diese Bewegungen sehen, wenn diese nicht zu schnell oder zu langsam sind; wir können diese Bewegungen messen und wir können Teile dieser Bewegungen spüren, wenn die Luft durch diese Bewegungen durcheinander gewirbelt wird und dieser Luftzug unsere Haut streift.
Freiheit heißt zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen und entscheiden zu können. Freiheit hört dort auf Freiheit zu sein, wo es keine Möglichkeit der Auswahl zwischen mindestens zwei verschiedenen Sachen und Positionen gibt. Ohne Auswahl gibt es keine Freiheit, auch wenn alles noch so gut und angenehm ist. Die Freiheit birgt in sich die Möglichkeit der Fehlentscheidung. Und es bleibt in der Verantwortung desjenigen, der sich fehlentschieden hat, die Konsequenzen dieser seiner Fehlentscheidung zu verantworten. Es ist nicht die Aufgabe Gottes oder einer weltlichen oder kirchlichen Person oder Institution, den Menschen vor den Folgen seiner Fehlentscheidung zu schützen und zu bewahren. Daher ist die Frage, wie kann Gott das Böse, diese Katastrophe, das Unglück zulassen, wenn er doch die Menschen liebt, eine falsch gestellte Frage. Wenn Gott dem Menschen die Freiheit der Entscheidung und somit auch die Möglichkeit einer Fehlentscheidung gibt, dann muss Gott dem Menschen auch die Freiheit lassen, sich fehl zu entscheiden. Würde Gott hier zu Gunsten des Menschen eingreifen, also die Menschen vor den Konsequenzen ihrer Entscheidungen, ihrer Fehlentscheidungen schützen, so würde Gott heimlich dem Menschen die Freiheit beschneiden und ihm diese Freiheit der Entscheidung, auch die zur Fehlentscheidung nehmen und dem Menschen gegenüber unaufrichtig sein. Die Existenz des Bösen ist somit ein Zeichen, ein Garant der Freiheit des Menschen.
Wir sehen als das Gute stets nur dass an, was uns nutzt oder ein angenehmes Leben verspricht. Alles was gegen diese Definition das Gute verstößt, wird von uns als schädlich, gefährlich und böse, also als das Böse bezeichnet. Wir vergessen hierbei, dass wir das Gute nicht erkennen können, wenn wir das Böse nicht sehen und erkennen. Um das Gute erst sehen zu können, brauchen wir das Böse. Um das Gute verstehen zu können, brauchen wir die Kenntnis über das Böse.
Wenn wir uns jetzt der Frage zuwenden, was denn nun das Gute oder das Böse sei, dann müssen wir uns vom allgemeinen Sprachgebrauch und dem allgemeinen Verständnis dieser beiden Begriffe abwenden. Denn im allgemeinen Sprachgebrauch und Verständnis wird als das Gute alles gesehen, was uns Menschen nutzt und Vorteile bringt. Somit ist alles, was uns nützlich ist, uns bequem oder dienlich erscheint und darstellt, gut. Dagegen ist böse alles, was uns schadet, behindert und einschränkt, ja auch alles, was uns hinderlich ist und unserem Willen zuwider ist, ja dieses alles ist schlecht, unnütz oder eben böse. Das Gute ist somit alles, was uns Freude bereitet oder wir eine positive Reaktion anderer Menschen erhalten. Das Böse demnach alles, was uns Ärger bereitet, Schwierigkeiten bereitet und wir von anderen Menschen eine ablehnende, eine negative Reaktion erhalten. Jedoch ist es möglich, dass etwas, was mir individuell einen Vorteil bringt, andere Menschen jedoch schaden kann, ggf. für mich das Gute, während der andere Mensch dieses als das Böse ansieht. Dieses letzte Beispiel macht deutlich, wie schwierig es ist, das Gute oder das Böse im allgemeinen Sprachgebrauch und Verständnis so zu formulieren, dass dieses wirklich für alle Menschen gleichermaßen Gültigkeit hat.
In der Philosophie wird das Wort "gut" (mhd. ahd. guot >trefflich<, tüchtig, tauglich, lat. bonus, gr. ἀγαθός [agathos]) als Maßstab für alles auf Werte gerichtete Denken, Wollen und Handeln des Menschen gesehen. „Nach der Wertethik des 20. Jahrhunderts besteht das, was gut genannt wird, im Vorziehen der höheren Werte vor den niederen, das Böse dagegen im Vorziehen der niederen vor den höheren. Gut in der Nominalform das Gute meint allgemein die Idee des Maßstabes gut, mit dem Sachverhalte beurteilt werden, oder spezieller ein (näher zu bestimmendes) Ziel ethisch sinnvolles Handelns“17 . Somit unterscheidet sich der philosophische Begriff bezüglich "Das Gute" deutlich von dem umgangssprachlichen Verständnis. Umgangssprachlich ist das "Das Gute", was dem Menschen nutzt und genauer, was dem einzelnem Individuum nutzt. In der Philosophie reicht dieses nicht aus, das Gute muss einen ethischen Wert haben. Nach dem philosophischen Verständnis kann etwas nicht gut sein, wenn dieses einem Individuum nutzt und gleichzeitig einem anderen Individuum schadet. Der ethische Anspruch von Gut sein stellt einen Wert dar, der nicht teilbar und somit universal, also überall gleich gültig ist. Ethisch gut, also moralisch vertret- und verantwortbar, ist nur das, was allen Individuen nutzt und ihnen keinen Schaden zufügt.
Wenn hier in der Moraltheologie von "das Gute" gesprochen wird, so ist damit stets gemeint, dass das Gute von Gott kommt. Das Gute dient dem Menschen insoweit, so dass dieser sein Leben verwirklichen und somit ein gottesfürchtiges Leben führen kann. Die Selbstverwirklichung eines jeden Menschen stellt somit die Erfüllung des göttlichen Auftrages der entsprechenden und konkreten Person dar. Denn das Selbst des Menschen ist die Summe seiner Begabungen und Neigungen, ist die Fähigkeit zu einem sozialverantwortlichen Leben einer jeder Person. Dieses Selbst kommt nicht aus dem Menschen, ohne dass es vorher in diesen Menschen hinein gelegt wurde. Dieses Verständnis von dem eigenem Selbst, dem eigenem Selbstverständnis also, zeigt nicht auf die eigene "Größe" und "Bedeutung" des einzelnen Menschen hin im Vergleich zu anderen Menschen. Nein, es zeigt auf den Auftrag Gottes hin, den jeder einzelne Mensch von Gott erhielt und den es zu erfüllen gilt. Die Selbstverwirklichung des Menschen ist somit ein Beleg für ein gottesfürchtiges Leben, weil diese Person, dieser Mensch, sein Leben nach seinem Selbst ausrichtete und eben dieses Selbst verwirklichte und erfüllte.
Jeder Mensch hat von Gott Begabungen erhalten. Nicht jeder die gleichen und nicht jeder in der gleichen Menge. Unsere Aufgabe ist es nun nicht, darüber zu streiten oder zu messen, wer die meisten Begabungen erhielt oder wessen Begabung nun die bessere sei. Unsere Aufgabe ist es, diese Begabung, die ein jeder Mensch hat, zu entdecken, zu entwickeln und einzusetzen. Wir können hier durchaus ein Vergleich ziehen mit dem Gleichnis vom anvertrauten Geld18 . In diesem Gleichnis wird uns vor Augen geführt, dass es Gott nicht darauf ankommt, den möglichst hohen Gewinn zu erzielen, sondern, dass ein jeder mit seinem Begabungsschatz arbeitet und es sinnvoll, also zum Segen für die Schöpfung Gottes, einsetzt. Es ist Aufgabe der Eltern bei ihrer Erziehung der Kinder darauf zu achten und dahin zu arbeiten, dass ein jedes Kind seine Begabung entdeckt und entwickeln kann, die Kinder zu einem eigenen und personalen Selbstverständnis hinzuführen. Das Gute ist nicht einfach nur da, es muss als solches erkannt, entwickelt, eingesetzt und genutzt werden. Das Gute wirkt nicht aus sich selbst heraus. Das Gute wirkt über den Menschen.
Wir haben schon festgestellt, dass man etwas nur dann bewerten kann, wenn man das Gegenteil hiervon kennt. Somit ist es erforderlich, dass dem Werturteil "Gut" ein Werturteil "Ungut", "nicht Gut" oder eben "böse" gegenüber steht.
Umgangssprachlich ist das Böse, was gegen meine Person, gegen meine Interessen gerichtet ist oder Schaden zufügen kann und soll. Das Böse ist somit ebenso ein mit einem negativen Wert versehene Handlung gegen mich, meine Interessen mit dem Ziel, mir einen Schaden zuzufügen. Dieser Schaden tritt schon dann ein, wenn ein von mir geplanten Ergebnis vernichtet oder außer Kraft gesetzt wird. Dieser Schadensbegriff beinhaltet nicht nur einen Verlust im Sinne einer Wegnahme von etwas, was ich bereits besitze. Nein, dieser Schaden setzt bereits dann ein, wenn ein von mir erwarteter Zugewinn verhindert oder entzogen wird. Das Böse stellt somit spiegelbildlich genau das Gegenteil des Guten dar, jedoch mit einem negativen Vorzeichen versehen. Führt das Gute zu einem schönen und angenehmen Leben, so führt das Böse zu einem unschönen und unangenehmen Leben. Bringt das Gute mir Freude, so bringt das Böse mir Kummer. Das Böse ist somit etwas, was wir von uns fern halten möchten, weil dieses uns keine Freude bringt, die Lebensfreude eintrübt und Schaden zufügt. Es behindert uns in unserer Entwicklung und schränkt unsere Freiheit ein.
In der Philosophie ist das Böse (germanisch bausja, ahd. bösi, mhd. boese, gr. kagon, lat. malum) schlecht, wertlos, gering, das Böse demnach das Unheilvolle, Verderbenbringende, Zerstörerische, das Verdorbene und vor allem das sittlich Verwerfliche19 . Wir sehen, auch hier in der philosophischen Betrachtung wird das Böse als das spiegelbildlich dem Guten entgegenstehend betrachtet. Eine Sache kann gut sein oder eben auch böse. Es ist eine Frage der Bewertung dieser Sache, in der Philosophie jedoch versehen mit einem ethischen Hintergrund. Wir haben ja schon bei der Beschreibung "des Guten" gesehen, dass die Philosophie nicht die Interessen des Einzelnen, des Individuums sieht, sondern immer das Interesse der Gemeinschaft, der Gesellschaft oder Gemeinschaft. Ethische Werte sind also keine Individualwerte, sondern immer Werte einer Gemeinschaft und gelten daher stets global.
In der Theologie wird das Böse als ein Handeln gegen Gottes Gebot gesehen und mit dem Teufel personifiziert. Das leibhaftig Böse ist der Teufel. Das Böse ist somit teuflisch und kommt vom Teufel. In den biblischen Texten gibt es keine eindeutige Erklärung, was das Böse ist und von wo es kommt. Das Böse tritt in den Handlungen der Menschen auf20. Alt-und neutestamentarisch erscheint es auch in der Form der Versuchung durch den Teufel21. Und der Teufel ist die Personifizierung des dem Menschen Schaden Zuführenden22 . Das Böse ist somit auch immer gleichzeitig ein Handeln gegen den Willen Gottes oder auch schon der Versuch, einen zu einem Handeln gegen den Willen Gottes zu verführen, zu verleiten.
Besser und genauer wird das Böse als ein Pol innerhalb des Problemkreises der Freiheit beschrieben und verstanden. Dem Pol des Guten, des sich dem göttlichen Willens Zuwendens steht der Pol des Bösen, des dem göttlichen Willens Abwenden gegenüber. Entscheide ich mich für das Gute, so ist diese Entscheidung zwangsläufig eine Entscheidung gegen das Böse. Wende ich mich dem göttlichen Willen zu, so wende ich mich damit gleichzeitig von der Ablehnung des göttlichen Willens ab. Die Entscheidung für das Gute, für die Hinwendung zum göttlichen Willen ist selten der einfachere Weg. In der Regel ist das ein recht aufwendiger, mit vielen Hindernissen ausgestatteter Weg, ein Weg, der nicht unbedingt für großes Ansehen sorgt und dessen Erfolg sich oftmals erst nach einer längeren Zeit zeigt und einstellt.
Der Gegenpol vom Guten, das Böse, verspricht hingegen in der Regel mehr Erfolg, besseres Ansehen und weniger Widerstand. Begleiter für den bösen Weg, also für den Weg entgegen des göttlichen Willens, sind leichter zu finden. Warum soll man sich den Schwierigkeiten einer Auseinandersetzung stellen, wenn man in einer großen Gruppe gleichgesinnter Menschen operieren kann?
Das Prinzip der Freiheit verlangt eine Entscheidungsmöglichkeit zwischen mind. zwei Auswahlkriterien. Indem ich mich für eines der beiden oder eines aus einer Vielzahl von Kriterien entscheide, entscheide ich mich gleichzeitig gegen das Andere oder die anderen Kriterien.
In der sozialistischen Philosophie wird erklärt, dass die Hinwendung zum göttlichen Willen zugleich das sich Unterwerfen des göttlichen Willens und somit die Aufgabe des freien Willens sei, somit das sich in eine Unfreiheit Begeben bedeute. Diese sozialistische Kritik wirft den christlichen Kirchen vor, den Freiheitsbegriff nicht gesellschaftlich zu fassen. Dieses wird wie folgt ausgeführt: "Thomas von Aquin, nach dem alles Denken und Handeln der Menschheit vorbestimmt, und zwar von Gott gewollt ist, doch da Gott frei ist, kommt der Vorherbestimmung des Menschen zugleich Freiheit zu (Summa Theologica, II, 19, 10). Die Freiheit im Katholizismus wird als rein geistige Freiheit, als Willensfreiheit aufgefasst, und das höchste Ziel, auf das sich menschliche Freiheit bezieht, ist Gott. Die kath. Kirch als Bindeglied zwischen Mensch und Gott ist die Institution zur Verwirklichung der Freiheit. Luther vertrat dagegen die Ansicht, dass Freiheit nicht im geistigen Prinzip des Menschen selbst (der Willensfreiheit) besteht, sondern in der Begnadigung, der Sündenvergebung durch Gott, woraus sich seine Polemik gegen die Willensfreiheit erklärt. Sowohl der katholischen wie der protestantischen Freiheitsauffassung ist gemeinsam, dass die Freiheit nicht als gesellschaftliche Erscheinung behandelt wird. Die personalistische Freiheitskonzeption orientiert auf die rein individuelle Freiheit als geistigem Gut, auf die Unterwerfung des Menschen unter die Obrigkeit Gottes und seiner irdischen Statthalter"23 .
Diese Kritik der sozialistischen Philosophie an die christlichen Philosophien geht fehl. Hier werden zwei unterschiedliche Schritte zu einem Schritt vereint, nämlich einmal die freie Entscheidung, sich für den christlichen Weg zu entscheiden und dann die Ausrichtung des Lebens nach dem, was man als Gottes Wille erkannt hat. Eine Unterwerfung des freien Menschen unter die Obrigkeit Gottes und seiner irdischen Statthalter findet insofern nicht statt, weil durch eine Unterwerfung, eine fremde Obrigkeit, eine grundsätzliche Bedingung für die Freiheit entfallen würde, nämlich die der freien Entscheidung. Und wenn ich mich für einen Weg entschieden habe, dann werde ich diesen Weg nach den Regeln dieses Weges gehen. Sollte ich mich mit den Regeln dieses Weges nicht mehr identifizieren können, dann steht es mir jedoch frei, mich neu zu entscheiden und einen anderen Weg zu gehen. Das Christentum zwingt aus ihrer Lehre und ihrem Verständnis heraus keinen Menschen, nur ihren Weg zu gehen und dieses dann auch nur so, wie es durch sie festgelegt wurde.
