Braun & Hammer ...im Wahn - Heinz-Gerhard Witte - E-Book

Braun & Hammer ...im Wahn E-Book

Heinz-Gerhard Witte

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Beschreibung

Braun & Hammer… im Wahn ist nach "… Narzissmus brutal" ein weiterer Psychothriller der Autoren H-G Witte und Holger Schmidt. Während es in "Narzissmus brutal" noch der versierte und selbstbewusste Psychotherapeut Tilmann Braun war, der von einem überaus persönlichkeitsgestörten Patienten an die Grenzen seiner Professionalität und seines Verstandes getrieben wurde, trifft es dieses Mal seinen Freund und Kollegen Peer Hammer. Der sehr sensible und manchmal etwas behäbige Peer folgt im Verlauf, von diagnostischen Irrungen und Wirrungen gebeutelt, seinem Patienten Karl Häusler immer tiefer in das verminte Gelände zwischen religiösem Wahn und bizarrer Zwangsstörung hinein. Was als scheinbar normale Therapie beginnt, mündet erneut in eine einzige Katastrophe, wobei auch seine Beziehung zu Sven nicht unberührt bleibt. Gibt es zum Schluss Rettung für das Leben und Lieben Peers oder ist dieses Mal endgültig alles zu spät? Die Autoren, H-G Witte und Holger Schmidt, sind auch im wahren norddeutschen Leben Psychotherapeuten in ihren ambulanten Praxen. Sowohl die fiktiven Protagonisten ihrer Geschichten als auch die Inhalte der beschriebenen Fälle inklusive der jeweiligen Störungsbilder sind zwar absolut spektakulär und überzeichnet, aber natürlich könnte es diese in ähnlicher Form prinzipiell geben. Dennoch sind Ähnlichkeiten zu realen Personen und Begebenheiten rein zufälliger Natur: Die Schweigepflicht und der Schutz der Intimsphäre ihrer Patientinnen und Patienten sind den Autoren heilig! Lassen Sie sich also, in dieser Hinsicht ganz beruhigt, von einem weiteren "Braun & Hammer" im besten Sinne beunruhigen. Lassen Sie sich erneut auf die Folter spannen und in die fiktionale Welt des gefährlich Irrationalen, Verrückten und Wahnsinnigen entführen!

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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Braun & Hammer… im Wahn

ist nach „… Narzissmus brutal“ ein weiterer Psychothriller der Autoren H-G Witte und Holger Schmidt. Während es in „Narzissmus brutal“ noch der versierte und selbstbewusste Psychotherapeut Tilmann Braun war, der von einem überaus persönlichkeitsgestörten Patienten an die Grenzen seiner Professionalität und seines Verstandes getrieben wurde, trifft es dieses Mal seinen Freund und Kollegen Peer Hammer. Der sehr sensible und manchmal etwas behäbige Peer folgt im Verlauf, von diagnostischen Irrungen und Wirrungen gebeutelt, seinem Patienten Karl Häusler immer tiefer in das verminte Gelände zwischen religiösem Wahn und bizarrer Zwangsstörung hinein. Was als scheinbar normale Therapie beginnt, mündet erneut in eine einzige Katastrophe, wobei auch seine Beziehung zu Sven nicht unberührt bleibt. Gibt es zum Schluss Rettung für das Leben und Lieben Peers oder ist dieses Mal endgültig alles zu spät?

Die Autoren, H-G Witte und Holger Schmidt, sind auch im wahren norddeutschen Leben Psychotherapeuten in ihren ambulanten Praxen. Sowohl die fiktiven Protagonisten ihrer Geschichten als auch die Inhalte der beschriebenen Fälle inklusive der jeweiligen Störungsbilder sind zwar absolut spektakulär und überzeichnet, aber natürlich könnte es diese in ähnlicher Form prinzipiell geben.

Dennoch sind Ähnlichkeiten zu realen Personen und Begebenheiten rein zufälliger Natur: Die Schweigepflicht und der Schutz der Intimsphäre ihrer Patientinnen und Patienten sind den Autoren heilig!

Lassen Sie sich also, in dieser Hinsicht ganz beruhigt, von einem weiteren „Braun & Hammer“ im besten Sinne beunruhigen. Lassen Sie sich erneut auf die Folter spannen und in die fiktionale Welt des gefährlich Irrationalen, Verrückten und Wahnsinnigen entführen!

neobooks

Impressum

Texte: Copyright by H-G Witte und H.Schmidt

Umschlag: Copyright by P.Voigt 22quadrat

Verlag: Psycho-Artists-Verlag

Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Printed in Germany

Braun und Hammer...im Wahn

von H-G Witte & Holger Schmidt

gewidmet

Tanja, Burkard, Gabriele, Petra, Claudia, Katja und Marlene, die uns jederzeit freundschaftlich, intensiv und konstruktiv kritisiert und beraten haben.

Vielen Dank für Eure Hilfe und Unterstützung!

Besonderer Dank unserer Lektorin Sigrid Lehmann-Wacker für ihre unschätzbare Mitarbeit und Kompetenz! ( Kontakt: www.schreibwerkstatt-osnabrueck.de )

Prolog

Tilmann Braun hat in den letzten Monaten eine schwere Zeit durchlebt. Ein Patient aus seiner psychotherapeutischen Praxis, Theodor Konrad Wolf, hatte ihn an den Rand seiner Belastbarkeit gebracht, ja, fast schon ins Grenzland zur Paranoia befördert.

Denn Herr Wolf hatte sich als Prototyp einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, gepaart mit ungeahnten Abgründen an Bösartigkeit, erwiesen. Dazu war er in tragischer Weise frühkindlich schwer traumatisiert worden, was die Sache nicht einfacher gemacht hatte. Zugleich hatte er auch in Tilmann qualvolle Gefühle sowie lange vergessene und schmerzhafte Erinnerungen wachgerüttelt und so entglitt die ohnehin schwierige Behandlung dem erfolgsverwöhnten Tilmann zusehends.

Am Ende wäre er fast psychisch zerrüttet und seine heile Welt zerstört gewesen. Nur durch ein letztes verzweifeltes Aufbäumen sowie pure Willenskraft und auch ein bisschen Glück konnte er eine noch größere Katastrophe abwenden. Hätte er allerdings nicht seine Frau Hanna und seine Tochter Charlotte gehabt, wäre er dann nicht vielleicht doch zu Grunde gegangen, fragt er sich manchmal heute. Und ja, so besessen Tilmann von seiner Arbeit auch sein mochte – er sei ein richtiges Arbeitstier, pflegte Hanna zu sagen – so wichtig war ihm gleichzeitig seine Familie. Umso schlimmer, dass sein Augapfel Charlotte in den Fall Wolf drohte, mit hineingezogen zu werden.

Und dann war da in dieser schweren Zeit auch noch sein Freund seit Studienzeiten und Kollege Peer Hammer gewesen. Zwar wirkte dieser dabei eher als graue Eminenz unterstützend im Hintergrund. Doch Tilmann wusste ihn, fest verwurzelt wie die deutsche Eiche, loyal an seiner Seite. Das war allerdings auch das Einzige, was Peer mit einer deutschen Eiche verband. Ansonsten war er der schwule und gerne querdenkende Gegenentwurf zum überaus rationalen Tilmann. Beim Hardcore-Narzissten Theodor Konrad Wolf kam aber auch Peer, obwohl nur in beratender Funktion, an die Grenzen seiner Kreativität. Wenn Tilmann und Peer also ehrlich sein wollten, mussten sie sich eingestehen, dass sie beide in diesem Fall gehörig hatten einstecken müssen.

Ihnen war schon immer bewusst gewesen, dass sie einen interessanten, manchmal auch sehr aufwühlenden Beruf als Therapeuten hatten. Dass sie aber jemals in einen Kriminalfall verwickelt werden würden, hätten sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Denn als der rücksichtslose, zutiefst wütende und Frauen verachtende sowie misshandelnde Theodor Konrad Wolf zusammen mit zwei willfährigen Helfern als Trio infernale auch noch die Kinder seines Chefs entführte, sprengte das alle Grenzen des bis dahin Vorstellbaren. Am Ende konnte durch einen entscheidenden Hinweis von Tilmann an die Polizei die Entführung spektakulär, aber unblutig beendet werden. Herr Wolf hingegen brach, entgegen seiner sonstigen Kaltschnäuzigkeit, noch am Tatort nervlich zusammen, wurde in eine geschlossene Abteilung eingeliefert und seitdem, auf unabsehbare Zeit, psychiatrisch behandelt. Seine ebenso vom Großeinsatz der Polizei überrumpelten Freunde, Andre und Lukas, mussten sich später ebenfalls vor Gericht verantworten. Bei der Verurteilung zu Bewährungsstrafen kam ihnen allerdings ihre offenkundig verminderte Intelligenz zugute.

Neben Herrn Wolf hatte Tilmann natürlich noch zahlreiche weitere Patienten, die von jeglicher krimineller Energie zum Glück weit entfernt waren. Zu denen gehörte eine wohlhabende, sehr bemerkenswerte Dame mit einer bewegenden Lebensgeschichte, die er direkt in sein Herz geschlossen hatte. Trotzdem war es dem manchmal so ungeduldigen Tilmann noch nicht gelungen, Frau Krögerschmidt aus ihren Depressionen zu befreien.

Gerade in solchen Momenten, wenn ihn wieder die Ungeduld quält und er zu wenig Erfolg bei seiner Arbeit zu sehen meint, setzt er sich bevorzugt auf sein Rennrad, um sich die Last von der Psyche zu radeln.

2

Peer schlürft wie in Zeitlupe seinen Kaffee. Die vielschichtig angetrockneten Reste innen und außen um den Rand der Tasse herum verraten, dass er diese mal wieder den zweiten oder gar dritten Tag in Benutzung hat.

Mehr hängt er als dass er in seinem Behandlungssessel sitzt. Der weiße Reisewecker auf dem Beistelltischchen zeigt zehn nach zehn. Einerseits ist er froh, dass er aufgrund einer krankheitsbedingten Patientenabsage eine etwas üppigere Pause bis zur nächsten Sitzung um elf hat. So ein unerwarteter Zeitgewinn hat doch was, zumal er gestern zusammen mit seinem Liebsten Sven und dessen Freunden des Gesangs etwas zu lange dem Baileys gefrönt hat. So verspürt er das Bedürfnis, sich für einige Minuten nur der Müdigkeit und dem Kaffee hinzugeben. Andererseits könnte er aber auch endlich die drei aufgeschobenen Berichte für die Rentenversicherung bearbeiten. Die haben ihn auch heute Morgen wieder vorwurfsvoll aus der Büroablage angestarrt. Aber Peer hasst alle Arten von Papierkram inständig. Er bekommt davon diese spezifische Art von Rückenschmerz, die sich komischerweise nur bei derartigen Erledigungen einstellt. Und will ihn dieser Schmerz nicht eigentlich vor Überanstrengung, vor einem drohenden Tages-Burn-Out schützen? Peer solle, sagt Sven dann gerne, einfach zu seiner „Memmenhaftigkeit, gepaart mit Faulheit und beginnender Demenz" stehen und sich bitte nicht mit Überanstrengung herausreden.

Neben der Wirkung des Kaffees setzt jetzt auch der wachmachende Effekt dieser erinnerten Lästerei seines Partners ein. Peers Körper strafft sich daraufhin, als ob er für einen nahenden Disput mit Sven mobil machen will. Der hat gut reden, ereifert sich Peer. Zum einen ist Sven mit fünfunddreißig immerhin zehn Jahre jünger als er. Zum anderen kann er als freischaffender Architekt im ausgebauten Dachgeschoss der gemeinsam bewohnten Villa seine Arbeitszeiten frei gestalten. Manchmal geht er sogar in einem seiner Seidenpyjamas und ungekämmt rauf ins Büro. Also soll der mal schön den Ball flach halten! Jetzt, wo Peer allerdings an Sven im Pyjama denkt, und wie selbiger dessen geschmeidigen Körper einhüllt, umspielt ein zärtliches Lächeln seinen Mund. Seine vormals müden Augen beginnen wieder zu strahlen.

Er entschließt sich zu einem Kompromiss: Weder bearbeitet er die lästigen Berichtsanfragen, noch bleibt er behäbig und vollkommen untätig im Sessel sitzen. Nein, er erhebt sich mit einem Seufzer und wendet sich einer Notiz auf dem Schreibtisch zu. In der kündigt seine Mitarbeiterin Susanne in Stichworten den neuen Patienten an, der um elf zum Erstgespräch kommen soll.

In der Psychotherapie, egal ob verhaltenstherapeutischer oder tiefenpsychologischer oder sonstiger Prägung, ist ein gelungenes Erstgespräch von hoher Bedeutung. Also, dann schauen wir mal, wen mir der Zufallsgenerator aus Branchenverzeichnis, Internet oder Hausarztempfehlung heute zuführt. Herr Karl Häusler ist sechsundfünfzig, derzeit arbeitssuchender Elektriker, verheiratet mit einer sechs Jahre jüngeren Frau sowie mit zwei zehn und acht Jahre alten Kindern gesegnet, also sind die Häuslers relativ spät Eltern geworden.

Herr Häusler wird also in zwanzig Minuten vor der Tür stehen. Im entsprechenden Feld der Telefonnotiz steht nichts von therapeutischer Vorerfahrung, weder ambulant, noch stationär. Also könnte es sein, dass sein neuer Patient nervös sein wird.

Umso wichtiger, denkt Peer, dass er konzentriert und auf Betriebstemperatur ist. Die erste Sitzung soll mindestens einen guten Eindruck hinterlassen. Jedem Anfang wohnt doch ein Zauber inne: Heißt es nicht so?

Als Grund des Therapiewunsches steht dort lediglich, es gebe seit längerem eheliche Konflikte aufgrund „derzeit unüberwindlicher Glaubensfragen“. Herr Häusler sei „zunehmend verzweifelt, seelisch zermürbt“, zeige „erste depressive Symptome“.

Peer dreht sich rhythmisch auf dem Bürostuhl hin und her und zum ernsten Gesichtsausdruck gesellt sich nun auch noch eine skeptisch hochgezogene rechte Augenbraue hinzu. Hoffentlich ist Häuslers Frau die glaubensfestere von beiden und nicht der Patient selber. Weil damit wäre Herr Häusler wahrscheinlich auch stockkonservativ.

Peer definiert sich, wie viele Homosexuelle beiderlei Geschlechts, eher als politisch liberal denkender, freigeistiger Mensch. Er kann zwar auch mit sehr konservativen Menschen, die als Patienten zu ihm kommen, arbeiten und umgehen. Dabei muss er sich jedoch noch bewusster auf seine Therapeutenrolle konzentrieren. Er unterlässt dann in der Regel Anspielungen auf seine weltanschaulichen Ansichten, und seien sie noch so impliziter Natur. Das geht immer etwas auf Kosten der lockeren Atmosphäre, die Peer gerne in seinen Therapien pflegt. Für die muss aber eben die Wellenlänge in besonderer Weise stimmen. Ausnahmen macht er allerdings bei Patienten, die rechtsextreme, rassistische und Minderheiten feindliche Ansichten verkünden. In diesen Fällen gab es in der Vergangenheit schon spektakuläre Therapieabbrüche von beiden Seiten aus. Aber mindestens kam es dann zu heftigen Disputen. In Ausnahmefällen ging es nach denen, wenn der Zorn verraucht war, sogar weiter mit der Behandlung. Sein Motto lautet in dieser Hinsicht: Bei aller Liebe zur Professionalität darf die Authentizität des Therapeuten nicht vollends unter die Räder kommen und im Radkasten der Beliebigkeit mitgeschliffen werden.

Insofern ist er jetzt sehr gespannt, wer ihm da gleich, auch in dieser Hinsicht, begegnen wird. In den verbleibenden Minuten bis zum Termin gießt er den inzwischen zum Dschungel verdichteten Wust an Grünpflanzen auf der Fensterbank. Auch das eine oder andere vertrocknete Blatt knüllt er in seiner rechten Hand zusammen.

Punkt elf klingelt es dreimal in exakt gleich lang klingenden Intervallen. Sind wir eventuell etwas zwanghaft veranlagt, denkt Peer, während er die Tür mit den etwas altertümlich anmutenden Tiffany-Einsätzen öffnet. Sie stellt den Eingang vom Treppenhaus zum Praxisflur dar. Vorsichtigen Schrittes und mit etwas gequält wirkendem Lächeln kommt Herr Häusler im Treppenhaus um die Ecke. Er streckt Peer schon zwei Meter vor einem möglichen Körperkontakt einen starren rechten Arm entgegen. Der ergreift eine kühle, leicht schwitzige Hand und die beiden Männer begrüßen sich förmlich, aber freundlich. Nachdem er Herrn Häusler ins Behandlungszimmer geleitet, die Versicherungskarte eingelesen und ihm seinen Platz angeboten hat, sitzen die beiden nun einen Moment schweigend voreinander.

Falls Herr Häusler das Gespräch eröffnen möchte, wäre dies Peer lieber, um dem Patienten das Gefühl der Selbstbestimmung zu ermöglichen. Aber der wartet offensichtlich auf die Eröffnung durch Peer.

In Ordnung, denkt dieser, kann ja alles noch kommen.

»Herr Häusler, ich habe hier einige Stichworte meiner Mitarbeiterin zu ihren Beschwerden und Problemen …«

»Die ist sehr nett … übrigens …«, poltert es unvermittelt aus seinem Patienten heraus, »aber das nur am Rande …« Er zuckt zusammen wie ein vorlautes Kind in der Erwartung einer Zurechtweisung.

»Da haben Sie aber vollkommen Recht und ohne meine Frau Vogelsang wäre ich hier gänzlich auf verlorenem Posten!«, versucht Peer, die Atmosphäre etwas aufzulockern.

Herr Häusler reagiert mit einem schüchternen Lächeln.

»Was führt Sie denn eigentlich zu mir, außer der Empfehlung Ihres Hausarztes?«

Letzteres hatte Peer ebenfalls noch der Anmeldung entnommen. »Ach, wissen Sie, Herr Hammer«, beginnt Herr Häusler zögerlich, »der Grund dafür, mich behandeln zu lassen, liegt nicht direkt in mir …«

»Also nicht direkt in Ihnen … Aber dennoch gibt es einen Grund, nehme ich zumindest an?«

»Ja … doch … natürlich … Sonst wäre ich ja nicht hier!«

»Dann bin ich immerhin beruhigt, dass Sie nicht aus purer

Langeweile zu mir gekommen sind«, gibt Peer augenzwinkernd zurück.

»Nein … langweilig wird es bei uns zuhause beileibe nicht … Und genau das ist das Problem! Ich würde mir sogar etwas mehr Langeweile wünschen und weniger Streit.«

»Dem entnehme ich, dass Sie Harmonie durchaus zu schätzen wissen und auf zu viel Streit verzichten können?«

»Um Himmels Willen, Herr Hammer, ich und streiten, Gott bewahre! Ganz im Gegenteil, meine Frau nennt mich eigentlich immer ein Harmonieschwein und hat sich seit jeher aufgeregt, dass ich mich nicht aus der Ruhe bringen lasse … Aber in letzter Zeit ist es verflucht … oh nein, was sag ich denn da …«

Herr Häusler erstarrt und wirkt augenblicklich wie komplett in sich gekehrt.

Peer traut seinen Ohren nicht: Er meint, seinen Patienten etwas wispern zu hören, wobei dieser kaum wahrnehmbar vorund zurückschaukelt. Die Knöchel seiner gefalteten Hände sind dabei weiß vor Anspannung, die Augen mit entrücktem Blick zur Raumdecke gerichtet.

Oh nein, bitte nichts Psychiatrisches, fleht Peer innerlich und bekommt spontan eine Gänsehaut. Dabei hat er selten einen durchschnittlicheren Mann als diesen hier gesehen. Man könnte Herrn Häusler ohne Übertreibung als fleischgewordene Unscheinbarkeit bezeichnen: schütteres, seitengescheiteltes, aber nicht zu graues Haar, blassgrüne, von einer Hornbrille umrahmte Augen, ein nicht sonderlich faltiges Gesicht, symmetrisch und oval, mit länglicher und spitzer Nase sowie leicht fliehendem Kinn. Er trägt eine dunkelblaue Strickjacke mit Zopfmuster über einem karierten Hemd, eine ockerfarbene Cordhose und schwarze Gesundheitsschuhe. Das einzig Auffällige ist höchstens, dass die Hose vor den Knien ungewöhnlich abgewetzt ist. Alles andere an Herrn Häusler ist überaus ordentlich, sauber und korrekt. Allerdings wirkt er, wie viele heterosexuelle Männer seiner Generation in dieser Stadt, eher so, als ob seine Frau ihm die Kleidung aussucht und kauft. Dabei geht es wohl nach dem Motto: Praktisch muss es sein, aber das gewisse Etwas darüber hinaus ist dann leider der reine Glücksfall.

Also, abgesehen davon, dass Peer seinen neuen Patienten für einen Fall für die Modepolizei hält, hat dieser eigentlich nichts an sich, was zwingend auf Verrücktheit hindeutet.

Auch wenn Peer es inzwischen natürlich besser wissen sollte, muss er bei psychiatrischen Fällen nämlich immer noch an Anthony Hopkins in der Rolle des Hannibal Lecter oder Anthony Perkins als Norman Bates in Psycho denken.

»Herr Häusler? Ist alles in Ordnung? Muss ich da irgendetwas wissen?«

Peer spricht bewusst unaufgeregt, will aber dennoch andeuten, dass er das ungewöhnliche Verhalten mitbekommen hat.

Herrn Häuslers Augenlider flattern und er läuft etwas rot an, räuspert sich: »Ja … ach herrje … ist mir das unangenehm. Aber ich glaube, damit sind wir schon beim eigentlichen Thema.«

Und wieder verstummt er, zu Peers Erleichterung jedoch dieses Mal ohne Anzeichen ausgeprägter Entrückung.

»Ich bin ganz Ohr und denke, je früher wir die heiklen Punkte ansprechen, umso besser, oder was meinen Sie?«

Aber will er eigentlich so genau wissen, was „der Punkt“ wirklich ist?

Tief im Inneren spürt Peer, dass hier und jetzt eine Nummer startet, aus der er so einfach nicht wieder herauskommen wird. Und es gruselt ihn, selbst wenn der Mann vor ihm kein psychopathischer Kannibale sein oder unbedarfte, singende, weibliche Motelgäste unter der Dusche abstechen sollte.

»Ja, Herr Hammer, Ehrlichkeit währt ja bekanntlich am längsten, nicht wahr?«

Peer nickt kommentarlos.

»Wie soll ich sagen … Also der Streit mit meiner Frau dreht sich um das, was Sie gerade vielleicht gesehen haben mögen … also … Sie kann mir nicht in die höheren Sphären folgen.«

Bitte keine höheren Sphären, denkt Peer, dessen Magen sich zusammenzieht.

»Ich vermute, mit höheren Sphären meinen Sie keine Gebirgswanderungen, auf denen Ihre Frau Sie nicht begleiten will?«, versucht Peer, einen inneren Wall des Humors gegen sein aufkommendes Entsetzen zu errichten.

»Natürlich nicht, nein, ich meine natürlich die höheren Sphären!«, flüstert Herr Häusler, während er sich vorbeugt und Peer verschwörerisch in die Augen blickt.

»Ach so, die … !«, versucht Peer Zeit zum Durchatmen zu gewinnen und ringt um Fassung.

»Genau … Aber eigentlich denke ich, dass Marianne darum weiß, nur sperrt sie sich noch dagegen. Sie meidet so sehr die Konsequenzen, wie der Teufel das Weihwasser! Was in diesem Zusammenhang komisch klingt, ich weiß.«

Herr Häusler schaut bei seinen letzten Worten äußerst erwartungsvoll auf Peer.

Dieser spürt eine enorme Versuchung, den letzten Notausgang aus dieser Behandlung zu nehmen. Er müsste nur sagen Was halten Sie von Medikamenten gegen Wahnvorstellungen? oder Ich kann Ihnen da einen guten Psychiater empfehlen! und auf der Stelle wäre er seinen Neuzugang wieder los. Das gedämpfte Klappen der Haustür wäre das Letzte, was er von Herrn Häusler hören würde.

So einfach könnte es sein, denkt Peer. Aber einfach kann jeder!

Und so hört er sich sagen: »Sie machen mich neugierig! Was hat es denn mit den Konsequenzen so auf sich, die ihre Frau so meidet, wie der Teufel das Weihwasser?«

Sein Patient schaut ihn lange und ausdruckslos an.

»Nun ja«, rafft der sich dann auf. »Zum einen müsste sie sich schon für Einiges entschuldigen, was sie mir in diesem Zusammenhang an den Kopf geworfen hat!«

»Also kann sie Ihnen nicht nur nicht folgen, sondern Ihre Frau hat ganz ausgesprochen und entschieden etwas gegen Ihren Kontakt mit höheren Sphären? Und wenn sie jetzt ein Einsehen hätte, müsste sie ganz enorm zurückrudern? Vielleicht scheut sie die Anstrengung?«

»Ja, so ähnlich«, antwortet sein Patient hastig. »Und wissen Sie, Marianne konnte sich sowieso noch nie entschuldigen, selbst wenn sie etwas einsieht … Und in dieser Sache natürlich erst recht nicht!«

Die Versuchung, seinem Patienten vor den Kopf zu stoßen und ihn damit loszuwerden, ist immer noch da, wenn sie auch gerade etwas schwindet.

Zunehmend reizt Peer etwas an dieser Geschichte, fordert ihn heraus, ohne dass er schon wüsste, warum. Vielleicht ist es sein Hang zu skurrilen Themen, den er hat, solange er denken kann? Vielleicht sucht er in gewisser Weise auch die Auseinandersetzung mit dem Glaubensthema doch mehr, als er sich eingestehen will? Eigentlich meinte er bis jetzt, mit allem „religiösen Kram“ abgeschlossen zu haben und dagegen immun zu sein.

Sven ärgert ihn nur zu gerne mit der Aussage, Peer sei ja so dermaßen atheistisch, dass es schon fast wieder Züge religiöser Hingabe habe.

»Sie meinen, Ihre Frau fürchtet womöglich inzwischen den Gesichtsverlust, wenn sie nach all dem, was Sie Ihnen vorgeworfen und angetan hat, zugeben würde, dass Sie Recht haben und, schlimmer noch: die ganze Zeit hatten?«

Herr Häusler nickt heftig, sicher erleichtert, dass er bei seinem Therapeuten offene Türen einrennt.

»Und dann ist sie natürlich auch, sicher unbewusst, darüber wissen Sie aber mehr, Herr Hammer, innerlich von Neid auf meinen direkten Draht nach oben wie zerfressen!«, ereifert sich Peers Patient weiter, jetzt mit geröteten Wangen.

»Wer wäre das nicht, Herr Häusler? Ich kenne verschiedene Menschen, und gar nicht mal nur Patienten, falls Sie das denken, die neidisch wären und denen, ganz unter uns gesprochen, eine direkte Verbindung nach oben nicht mal schaden würde! Aber wie heißt es: Wer es am meisten braucht, bekommt es am wenigsten!«

Peer weiß, dass er sich damit ein bisschen weit aus dem sprichwörtlichen Fenster lehnt, aber er möchte vorsichtig testen, ob Herr Häusler noch einen gewissen Abstand zu seinen Gedanken hat oder schon überzeugt ist im Sinne von Verbissenheit. Er möchte dabei natürlich auf keinen Fall, bei aller Liebe zum Job, aus diesem Fenster herausfallen. Gespannt wartet er auf die Reaktion seines Patienten. Und die kommt prompt. Und sie gefällt ihm gar nicht.

»Herr Hammer, Ihre gute Laune sei Ihnen gegönnt, Ihr Charme und Ihr … wie soll ich sagen … Mutterwitz trifft es vielleicht … ja, der auch … aber Sie haben wohl den Ernst der Lage nicht ganz begriffen!«

Karl Häuslers Augen funkeln wütend und unvermittelt ist jede Schüchternheit von Peers Gegenüber abgefallen.

Ganz im Gegenteil, denkt Peer, verleiht dieser schon fast „heilig“ anmutende Anflug von Zorn Herrn Häusler plötzlich eine Aura von Überlegenheit. Er ahnt, dass sich sein Patient nicht nur zufällig im Gestrüpp irgendwelcher fixer Ideen verheddert hat und mal eben im Vorbeigehen aus selbigem befreit werden kann, wie ein armes Lamm aus einer achtlos liegengelassenen Rolle rostigen Stacheldrahts. Nein, diese Ideen sind auch emotional hochgradig aufgeladen! Und Peer meint fast auch schon, das Dopamin in Herrn Häuslers Gehirn, einem munteren Zimmerspringbrunnen gleich, üppig sprudeln zu hören. Und wie sagen die Vertreter der kognitiven Therapie immer so schön? Die sogenannten heißen Kognitionen, die stark mit unseren Gefühlen verbunden sind, lassen sich viel schwerer verändern, als die eher rational getönten sogenannten kaltenKognitionen. Und Herrn Häuslers Kognitionen sind äußerst heiß, soviel steht fest!

Deshalb beschließt Peer, doch lieber einen Gang zurück zu schalten.

»Nun ja, vielleicht hat meine etwas flapsige Ausdrucksweise tatsächlich dazu geführt, dass Sie denken, ich nähme Sie nicht ernst, aber dem ist absolut nicht so!«

»Hmmm …«, ist die einzige Reaktion von seinem Gegenüber, sehr abwartend, skeptisch, nein, misstrauisch trifft es besser.

»Ganz im Gegenteil, Herr Häusler, würde mich zunächst interessieren, was der eigentliche Ernst der Lage, von dem Sie sprachen, im Wesentlichen ist!? Denn ich möchte mal so sagen … ja doch … Ich nehme Sie vollkommen ernst, aber ich habe Sie noch nicht annähernd verstanden, also wirklich verstanden, muss ich zugeben. Aber ich möchte Sie verstehen!«

Peer und Karl Häusler sitzen sich nun gespannt konzentriert gegenüber. Peer ist dabei äußerst froh, dass er sich mit seinem Klemmbrett und seinem Kugelschreiber beschäftigen und so tun kann, als mache er wichtige Notizen.

»Neben dem Umstand, dass Marianne also von Scham überwältigt wäre, wenn sie endlich ein Einsehen hätte, wäre das Übelste für sie, dass sie vor allem praktische Konsequenzen ziehen müsste, wenn sie die Wahrheit zuließe«, hebt Herr Häusler zu Peers Erleichterung wieder an.

»Praktische Konsequenzen?«

»Ja, nachdem sie sich ausreichend geschämt hätte, müsste sie sich nämlich meinen anstrengenden Ritualen unterwerfen!«

»Ach so!«, bringt Peer seine ehrliche Überraschung zum Ausdruck, »Und wie sehen die genau aus, ihre anstrengenden Rituale?«

Peer hofft inständig, dass sie beide nun mehr in den alltäglichen Ablauf des symptomatischen Verhaltens einsteigen können. Damit kämen sie, wenn alles gut liefe, mehr auf die konkrete Ebene und weg vom furchtbar unwegsamen Gelände der Diskussionen über Richtig und Falsch der Wahrnehmung seines Patienten.

Dass dieser nämlich extrem empfindlich auf jegliche Bewertungen seiner „sphärischen Aktivitäten“ reagiert und jederzeit bereit ist, in den Kampfmodus umzuschalten, hat er Peer ja nun schon deutlich genug signalisiert.

Und schließlich hatte er nicht vor fast dreißig Jahren den Kriegsdienst verweigert, um dann letztlich doch noch auf dem Truppenübungsplatz der Hardcore-Umerziehungs-Verhaltenstherapie zu landen, macht er sich klar.

Er kann und will Herrn Häusler nicht zu seinem Glück zwingen, worin auch immer das am Ende bestehen mag, aber er wird versuchen, dessen Aufmerksamkeit, seine Wahrnehmung, sein Denken allmählich in eine konstruktivere Richtung zu lenken.

Auch Herr Häusler war gerade, auf der Suche nach einer Antwort, in seinen eigenen Gedanken versunken. Er wirkt zwar immer noch äußerst ernst, auch vorsichtig abwägend, aber schon weniger angespannt.

»Herr Hammer, von nichts kommt natürlich nichts! Der Herr, der alles lenkt, gibt so viel in seiner unendlichen Gnade, aber ein bisschen was müssen wir natürlich auch dafür tun, muss jeder Gläubige dafür tun …«

Das Wort „jeder" hat er unüberhörbar und besonders betont. Prüfend schaut Herr Häusler Peer bei diesen Worten an. Sein konzentrierter Blick scheint die Mimik seines Therapeuten in kleine Planquadrate einzuteilen und dessen Gesicht nach auch nur leisesten Spuren von Spott und Ablehnung abzuscannen.

Wie macht er seinem Patienten klar, dass er selber maximal semi-gläubig ist, aber dennoch ein geeigneter Therapeut in dieser Frage sein kann, denkt Peer angestrengt. Welch eine Gradwanderung, wenn man berücksichtigt, dass die eine oder andere Synapse in seiner Großhirnrinde noch im Post-Baileys-Standby dahindämmert!

»Herr Häusler«, lässt dieser daher eher beiläufig einfließen, »ich bin vielleicht nicht die vergoldete Gallionsfigur am stolzen Viermaster des Christentums, denn das wäre wirklich vermessen, zu behaupten! Aber ich denke, ich kann Ihnen thematisch grundsätzlich folgen. Und ich vermute, wir reden auch nicht von Ritualen durchschnittlicher Glaubensausübung?«

Peer hofft, dass Herr Häusler darauf anspringt.

Dieser nickt bedächtig wie in Zeitlupe, lässt Peer aber nicht aus den Augen, legt den Kopf schräg und schweigt weiter.

»Es lässt mich nicht los, dass Sie von anstrengend sprachen … Was meinen Sie damit?«, setzt Peer nach, da nur noch zehn Minuten in dieser Sitzung bleiben, bis er endlich in seine Mittagspause starten darf.

Ein bisschen überziehen wäre ja nicht schlimm, aber er weiß, bei ein bisschen würde es mit diesem Patienten nicht bleiben.

»Nun ja«, ringt sich Herr Häusler schwer atmend endlich zu einer Antwort durch, »von Durchschnitt kann wahrhaftig nicht die Rede sein, wenn Sie das Gefühl haben, der Herr wende sich direkt an Sie. Verstehen Sie?«

Peer muss einsehen, dass sein Patient nicht in der Verfassung für eine „normale“ Frage-Antwort-Interaktion ist und innerlich arbeitet es in ihm an einem vorläufigen diagnostischen Schluss. Der stellt aber maximal einen ersten klinischen Eindruck dar, eine äußerst wackelige Hypothese, die fast mehr Fragen aufwirft, als dass sie Antworten enthält, denkt er angestrengt. Um vielleicht ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen – er befürchtet allerdings, dass es die Wirkung eines Teelichts in einer Tropfsteinhöhle nicht übertreffen wird – muss er gleich noch so unauffällig wie möglich die eine Frage stellen, vor deren Antwort er sich am meisten fürchtet.

»Herr Häusler, ich möchte mir ehrlich gesagt noch nicht anmaßen, jetzt schon wirklich verstehen zu können, wie all die Aspekte zusammenhängen und wo dann letztlich das Problem in seiner Komplexität liegt und was das dann wiederum für unsere Behandlung und deren Ziele bedeutet. Aber ich nehme auf jeden Fall das Außergewöhnliche, das Besondere an dem wahr, was Sie berichten! Ich möchte ehrlich gesagt auch noch gar keine Bewertung abgeben, denn die wäre zum jetzigen Zeitpunkt zwangsläufig verkürzt und würde Ihnen keinesfalls gerecht werden!«

Peer muss aufpassen, nicht in den salbungsvollen Singsang einer Bibel-TV-Sendung zu verfallen, hat allerdings im selben Moment den Eindruck, dass genau das Herrn Häusler gefällt. Dieser strahlt über sein ganzes Gesicht und wendet einen verklärten Blick aus leuchtenden Augen erneut gen Raumdecke. Wieder meint Peer ein Wispern zu vernehmen und in der Tat ist da eine leichte Bewegung der Lippen.

Peer versteht aber trotz angestrengten Hinhörens nur Wortfetzen.

» … und du mich hier hingeführt hast … ich dir nur danken … schulde ich dir … extralanges Gebet …«

Dabei schaukelt Herr Häusler wieder fast unmerklich, aber rhythmisch vor und zurück. Die Bewegung wirkt nicht spontan motiviert, sondern eher wie eine einstudierte Choreographie.

Komm Peer, du kommst eh nicht drum herum und eigentlich kennst du ja schon fast die Antwort bei all dem, was sich hier abspielt, auch wenn du dir nicht hättest träumen lassen, dass sich dein berufliches Profil mal in Richtung „Eventmanager für Erweckungsveranstaltungen“ entwickeln würde, denkt Peer selbstironisch.

Sein Patient wirkt derweil so entspannt, wie während der ganzen 50 Minuten zuvor nicht. Er ist mit seiner Aufmerksamkeit wieder ganz bei Peer.

»Herr Hammer, so stellen Sie doch bitte diese Frage! Ich weiß doch auch, dass die Sitzung rum ist und Sie Ihre Pause brauchen und sich fragen, was es mit mir auf sich hat.«

Peer ist wie vom Donner gerührt. Kann Herr Häusler Gedanken lesen? Wieder so eine Wendung, die ihm nicht gefällt, weil sie ihn verwirrt. Und Peer mag keine Verwirrung, jedenfalls nicht im beruflichen Bereich.

»Nun gut, Herr Häusler, Sie sehen mich gelinde gesagt sehr überrascht … angesichts Ihrer offensichtlichen Fähigkeiten«, versucht Peer die Gradwanderung, »aber nicht hoffnungslos, was unsere gemeinsame Arbeit anbetrifft … und … wie es manchmal eben so ist …«

»Ihre Frage bitte, Herr Hammer! … Eben die, ob ich verrückt bin oder wahnsinnig gar oder ob es wirkliche Fähigkeiten sind mit einer echten, nicht eingebildeten Verbindung zu Gott, woraus sich wiederum ableitet, ob ich gefährlich bin und am Ende etwas Gefährliches tun könnte … Ach, was sag ich … etwas Verheerendes! Finden Sie nicht auch, dass bei dem Zustand, in dem sich unsere Welt befindet und den der Herr so nicht gewollt hat, ein Ende mit Schrecken besser wäre als ein Schrecken ohne Ende?«

Heilige Scheiße, schießt es Peer durch den Kopf. Etwas Gefährliches, Verheerendes, das Ende der Welt? Alles Bestimmung? Und er soll am Ende mit drin hängen, mit Stempel und Unterschrift? Peer Hammer, einst nicht der schlechteste Psychotherapeut in den Weiten der norddeutschen Tiefebene wird zum trojanischen Pferd der Apokalypse? Von Gott beschlossen und genehmigt und von Herrn Häusler ausgeführt, dieser Ausgeburt an Mittelmäßigkeit?

»Herr Häusler, ich frage Sie absolut in Ihrem Sinne, denn Sie verwenden die Frageform und Sie sagen `könnte´, aber ganz ehrlich, sind das noch Ihre Gedanken und Vorstellungen? Oder ist das für Sie schon die reine, unmittelbare Wahrheit und nichts als die Wahrheit?«

Peer ist dabei, seine Unsicherheit von eben zu überwinden, findet zu so etwas ähnlichem wie Souveränität zurück. Entweder, feuert er sich an, geht er hier und jetzt geistig, emotional und moralisch unter und kann zudem gleich seine Approbation1 an den Nagel hängen, oder er kriegt nochmal die Kurve zu kraftvoller Professionalität.

»Herr Hammer, ich weiß es doch selbst auch nicht ganz so genau«, rudert Herr Häusler jetzt strategisch zurück, da ihm Peers erhöhte Grundspannung nicht entgangen ist. »Aber dafür sind Sie ja da, mir zu helfen, diese Verwirrung aufzulösen … und ich glaube, ich muss jetzt auch los … Sahra und David abholen … Kinder soll man ja nicht zu lange warten lassen, aber wem sag ich das …«

Das hast du dir so gedacht, mein Freund! Erst den armen Peer mit solch bizarren Gedanken zu piesacken, an den Rand des Wahnsinns und des Herzinfarktes zugleich zu bugsieren und dann noch zu meinen, unter erpresserischem Einsatz der Kinder das Weite suchen zu können? So haben wir aber nicht gewettet!

In Augenblicken des Ärgers fühlt Peer sich manchmal in seine Kindheit zurückversetzt und sieht vor seinem inneren Auge einen kleinen, äußerst pummeligen, sensiblen Jungen, der schnell zu weinen begann. Heute, im reifen Erwachsenenalter, sieht er bis auf ein paar Fettpölsterchen ganz passabel aus. Jedenfalls ist Sven immer wieder von seiner einigermaßen sportlich-rustikalen Figur angetan. Auch psychisch ist er immerhin etwas robuster als in Kindertagen.

»Herr Häusler, das finde ich wunderbar, dass Sie Ihre Kinder nicht warten lassen wollen. Das zeigt mir ganz eindeutig, dass es noch einige Ressourcen und eine Menge an funktionierender Normalität in Ihrem Leben gibt. Bevor wir aber so holterdipolter auseinanderlaufen, möchte ich zwei Dinge klarstellen.«

Peer legt eine Kunstpause ein, die eines Altkanzlers Helmut Schmidt würdig gewesen wäre, nur dass er keine Zigarette raucht oder Schnupftabak zu sich nimmt.

Sein Patient schaut mit großen Augen und angehaltenem Atem zu ihm herüber.

»Erstens …«

»Ja?«, erwidert Peers Gegenüber mit zögerlicher Stimme.

»Erstens sehe ich Sie kommende Woche zur gleichen Zeit an diesem Ort wieder, in Ordnung?«, klingt Peer freundlich aber bestimmt.

»Ja … natürlich … Das lässt sich einrichten … und zweitens?«

»Und zweitens, etwas ganz Grundsätzliches zu unserer Behandlung und deren Grenzen. Ich möchte sehr gerne mit Ihnen arbeiten, auch wenn das mit Ihnen eine echte Herausforderung werden wird und selbst wenn das an die Grenzen unser beider Belastbarkeit gehen sollte …«

»Oh …«

»Und wissen Sie, warum ich das auf mich nehmen würde?«, setzt Peer jetzt alles auf eine Karte.

»Nein … aber Sie werden es mir sicher gleich sagen?«

»Das werde ich und das muss ich vor allem auch, selbst wenn es zunächst sehr unangenehm klingen sollte …«

»Bringen wir es doch hinter uns …«

»Weil ich nicht möchte, dass ein guter Mensch, Ehemann, Vater von zwei Kindern und potenziell tüchtiger, wenn auch derzeit arbeitssuchender Mitbürger, so ohne Not in der geschlossenen Abteilung der örtlichen Psychiatrie landet …«

Herr Häusler wird ganz blass.

»Psychiatrie? Sie meinen …«

»Genau das meine ich«, betont Peer. »Denn bei allem Respekt vor Ihrem Glauben, Ihrer Religiosität, glaube ich, dass Sie sich irgendwo in der gefährlichen Grauzone zwischen bewundernswerter Hingabe an Gott und einer mindestens fixen Idee befinden. Und falls wir letzteres nicht in den Griff oder zumindest gebremst bekommen, wird sich das langfristig nicht günstig auf Ihr Leben auswirken. Dafür habe ich schon zu viele Menschen diesen Weg gehen sehen, denen vielleicht anders hätte geholfen werden können, wenn sie sich hätten helfen lassen! Denn wenn Sie hier nicht freiwillig die Kurve bekommen, kann ich Ihnen am Ende auch nicht mehr helfen und dann übernehmen das Andere …«

»Andere?«

»Ja, Andere … Die Ärzte zum Beispiel, und die reden dann nicht mehr oder fragen, was Sie möchten, die handeln dann einfach!«

Herr Häusler bekreuzigt sich hektisch dreimal. »Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, dein Stecken und Stab …«

Peer legt unbeirrt alles in seinen letzten Satz, denn er will an das Ende der Behandlung unbedingt etwas Positives, Konstruktives stellen, sonst kommt dieser Patient nie wieder. »Und damit wir uns richtig verstehen, Gott darf dabei sogar gerne eine zentrale Rolle spielen, aber ich werde mich nicht darauf einlassen, wenn Sie sich bei Bedarf oder wenn es unangenehm wird, hinter Gott verstecken oder ihn gar gegen mich instrumentalisieren. Da hört der Spaß dann definitiv auf!«

»Das klingt aber insgesamt sehr hart!«, beschwert sich Herr Häusler abschließend. »Und ob das dem Herrn gefällt, weiß ich auch noch nicht!«

»Ja, ich weiß, das klingt hart, aber eben deshalb, weil es hart ist und weil die Alternative noch härter wäre. Und ich sage das so unverblümt, weil mir trotz der Kürze der Zeit schon etwas an Ihnen liegt und weil ich möchte, dass unsere Zusammenarbeit hier funktioniert und zwar auf einer ehrlichen Grundlage! Das müsste dem Herrn doch eigentlich gefallen?«

Sein Patient ist für Momente bewegungsunfähig und Peer weiß nicht, was als nächstes passieren wird. Vom spontanen Schlaganfall aufgrund eines geplatzten Aneurysmas2 durch Blutdruckkrise bis hin zu wütendem Rauslaufen hält er alles für möglich. Ehrlich gesagt würde es ihn nicht mal mehr wundern, wenn sich die Decke des Raumes öffnen würde, im gleißenden Licht die Hand Gottes erschiene, Herrn Häusler greifen und eine Stimme ertönen würde: »Karl, ich bin gekommen, dich zu erretten vor diesem stümperhaften und ketzerischen Therapeuten.«

Aber etwas ganz anderes passiert und Peer hätte mit allem gerechnet, aber nicht damit. Herr Häusler schaut ihn nun unverwandt mit einem Ausdruck verletzlicher Offenheit und tränenverschleiertem Blick an und sagt mit brüchiger Stimme: »Das jemandem etwas an mir liegt, das hat noch niemand im ganzen Leben zu mir gesagt …«

Jetzt weicht er Peers Blick verschämt aus und bricht in lautes Schluchzen aus.

Ehe Peer, selber ganz überwältigt, reagieren kann, ist Herr Häusler schon aufgesprungen, greift seine Jacke von der Ecke der Sessellehne, stürzt zur Zimmertür, reißt sie auf, durchquert mit wenigen Schritten den Flur zur Eingangstür und passiert auch diese, ohne sie wieder zu schließen.

Peer, der noch nicht mal bis in den Flur gefolgt ist, hört noch den Widerhall eines letzten Schluchzers aus dem Treppenhaus, bevor auch die Haustür ins Schloss fällt. Benommen steht er einen Moment auf der Schwelle des Praxiseingangs, wendet sich wieder nach drinnen, schließt die Tür und lehnt sich dagegen. Er spürt das kühlende Glas angenehm durch die Kleidung und murmelt: »Genau, Kühlung ist das, was ich jetzt brauche!«

3

»Lieber Peer, was hältst du von diesem wunderbaren Rotwein?«

Tilmann schaut seinen Freund und Kollegen erwartungsvoll an und zeigt ihm das Etikett der geöffneten Flasche. Er hat sie vor einer Stunde entkorkt, damit der Wein atmen und sein kräftiges Aroma in ganzer Fülle entfalten kann.

»Ach Tilmann, als wenn es dir ernsthaft darum ginge, was ich davon halte! Hauptsache, du hältst ihn nicht mehr zu lange, sonst verwandelt sich mein Lieblings-Corbière noch in eine lauwarme Sangria«, frotzelt Peer.

»Oh, man höre und staune!«

»Wieso?«

»Na ja, dass selbst jemand mit Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und Extrarunde einen Corbière von Sangria unterscheiden kann? Ich komme aus dem Staunen ja gar nicht mehr raus!« Tilman befindet sich in lustvoller Erwartung der nächsten Retourkutsche.

»Ich, mein lieber Tilmann, habe mit meiner Unterscheidungsfähigkeit in der Tat keine Schwierigkeiten. Ich erinnere mich aber gerade an jemanden, der im Vollrausch Rotwein und Weißwein nicht mehr auseinanderhalten konnte«, gibt Peer mit hochgezogenen Augenbrauen und spitzem Mund zurück.

»Och, nö, nicht schon wieder diese olle Kamelle!«, stöhnt Tilmann auf. »Die hat doch wirklich einen Bart von hier bis China und ...«

»...ist aber trotzdem wahaaar!«, fällt ihm Peer triumphierend ins Wort. »Und wenn’s wahr ist, darf man es sagen, sagst du doch selber immer!«

Wenn es partout ums Rechthaben geht, weiß Tilmann, wird Peer zum Marder im Hühnerstall, der im Blutrausch trotz Sättigung nach dem Verzehr eines Federviehs noch längst nicht Halt macht. Er steht auf, um beiden ein Glas Wasser zum Wein zu stellen, aber auch, um die Gemüter zu kühlen.

»Manchmal frage ich mich, warum du eigentlich immer selektiv in alten Wunden herumstochern musst?« Tilmann zieht die rechte Augenbraue hoch und lässt seine Worte wirken. »Schließlich waren wir damals jung, hatten volles Haar, sogar du, und weder war ein Bursche vor dir sicher, noch konnte ich mich der Mädels erwehren, die mir scharenweise hinterherliefen ... Also das Positive überwog doch die Fauxpas bei weitem!«

Tilmann ist guter Dinge, Peer allmählich runterdimmen zu können.

»Du musst jetzt gar nicht vom Thema ablenken, Tilmann, denn du weißt selbst, dass alte Wunden nur durch die manchmal grausame Wahrheit geheilt werden können, vor allem die eitrigen«, doziert Peer jedoch weiter. »Also, olle Kamellen hin oder her, meine ich in der Tat unsere Feier nach dem Vordiplom, als deine Beine dir am Ende den Dienst versagten und du niveaulosester Mensch unter Gottes weitem Himmel schon aus der Flasche trinken musstest. Quelle blamage!«

Peers Wangen beginnen zu glühen. Sichtlich genießt er es, seiner sonstigen privaten Behäbigkeit zum Trotz, jetzt so richtig auf Touren zu kommen. Er fühlt sich wie ein etwas in die Jahre gekommener Dreißig-Tonner-Diesel, der mit abnehmender Bereitschaft zum Bremsen eine lange Gefällestrecke hinunter rast. Die Lust hingegen, dabei irgendwas oder irgendwen kommunikativ platt zu walzen, nimmt bedenklich zu.

Da kommt ihm Tilmann mit seinen Provokationen jetzt gerade recht.

Oh mein Gott, denkt dieser genervt. Peer dreht vollkommen durch, nur weil er ausnahmsweise mal Oberwasser hat! Seit vielen Jahren sind sie miteinander befreundet, kennen sich gegenseitig, inklusive ihrer Abgründe, seit ihrem gemeinsamen Psychologiestudium.

Tilmann versucht nun, unauffällig das Tempo rauszunehmen, in dem Peer ihm gerade auf die Pelle rückt: »Hey, gönne mir und meinen grauen Zellen bitte eine kleine Pause, damit ich in deinen lange verjährten Erzählungen aus grauer Vorzeit wenigstens nach einem Fünkchen Wahrheit suchen kann, in Ordnung?«

Er unterstreicht sein Ansinnen, indem er sein halb volles Glas erhebt, und so kann Peer nicht anders, als auch einen Moment innezuhalten und anzustoßen.

Diese Strategie eines Entlastungsangriffs scheint aufzugehen, denn Peer schwenkt den Wein und genießt mit entrücktem Blick das kräftige Bukett. Die dem ersten Schluck unmittelbar folgende Geschmacksexplosion befriedet für den Moment jede Angriffslust: ein samtiger, runder Geschmack, der an pralle Traubenfrüchte aus Italien erinnert.

Als Tilmann sich endgültig nur noch diesem himmlischen Genuss hingeben möchte und sich fast schon in Sicherheit wähnt, hebt Peer unvermittelt wieder an. Und wie an so vielen solcher Abende zuvor, bleibt das Thema Arbeit auch heute nicht aus. Wie oft hatten sie sich vorgenommen, nach Feierabend nicht über Patiententhemen zu räsonieren? Aber inzwischen hatten sie es aufgegeben, sich an ihren Vorsatz zu halten. Einer von beiden fing früher oder später immer davon an und heute fällt das Los auf Peer.

»Tilmann, wo wir hier gerade so schön sitzen, sag mal … ähm … ja also … also hast du … oder besser gesagt, weißt du … beziehungsweise was denkst du … also über … um nicht zu sagen …«

»Peer, spuck‘s einfach aus und eier nicht so rum, du machst einen ja ganz kirre!«

»Okay, tut mir leid … schwieriges Thema … oder vielleicht doch nicht …?“

»Peer!!!«

»Nun gut, hast du oder hattest du schon Erfahrungen in der Behandlung von Patienten mit religiösem Wahn?«, platzt es nun aus Peer heraus.

»Oh je, und ich dachte schon, du fragst mich, ob ich dich therapeutisch bei einer Geschlechtsumwandlung begleiten würde … und jetzt ist es doch nur religiöser Wahn, wie erstaunlich!«

»Nein, nein, das ist zwar lieb gemeint … aber nur das Wahnthema treibt mich aktuell sehr um«, ist Peer plötzlich gar nicht mehr so zu Späßen aufgelegt.

Tilmann wundert sich über den plötzlichen Ernst.

»Ja gut ... also ... und wem sag ich das, denn du weißt es eigentlich selbst«, beginnt Tilmann in mehr sachlichem Tonfall. »Wahnstörungen beziehungsweise wahnhafte Störungen, wie es ja eigentlich heißen müsste, sind generell schon recht speziell …«

»Wie jetzt, speziell …?«

»Nun warte doch ab! Ich habe mit Wahnstörungen ganz vereinzelt Erfahrungen gesammelt, aber ehrlich gesagt als ziemliche Randerscheinung. Und der religiöse Wahn wiederum ist ja etwas noch Selteneres ...«

»Ja ja ...«, erwidert Peer in abwesendem Tonfall.

Na toll, denkt Tilmann, kaum wird es ernst und geht es nicht länger darum, über mich zu lästern, hört Peer nicht mehr im Geringsten zu!

»Sag schon, warum fragst du eigentlich?«

Peer schaut betreten auf seine Finger, knibbelt an den Nägeln.

»Also gut … Ich habe vor einigen Tagen einen Artikel im Ärzteblatt über religiösen Extremismus und religiösen Wahn gelesen,« spricht Peer, aber immer noch zögerlich.

»Okay, sicher interessant, vor allem, wenn man bedenkt, was alles los ist in der Welt. Aber was ist denn jetzt dein Problem bei der Sache?«

»Ich habe mich am Ende, das mag dir jetzt überängstlich vorkommen, einfach nur gefragt, ob wir als Therapeuten in die Verantwortung genommen werden können …«

»Verantwortung wofür?«

»Na ja, falls ein Patient im Wahn eine Gewalttat verübt und sich dabei auf seinen direkten Auftrag durch Gott beruft und dann auch noch bei seiner Festnahme angibt, in psychotherapeutischer Behandlung zu sein?!«

» So überängstlich finde ich es jetzt gar nicht mal, aber vielleicht kann ich dich beruhigen. Solange dir doch nicht nachgewiesen werden kann, dass du von einer Fremdgefährdung hättest wissen müssen, kann man dich auch nicht belangen.«

»Ach so … hmmm …«, scheint Peer in sich zu gehen. »Als hätte ich das nicht irgendwann schon mal selber gewusst … vor Äonen von Jahren … also vielleicht werde ich einfach etwas tüddelig«, gibt Peer selbstironisch zurück.

»Tüddelig halte ich für übertrieben, aber etwas wunderlich trifft es schon eher.«

»Na hör mal!«

»Okay, Spaß beiseite. Wenn du dir bei einem konkreten Patienten wirklich unsicher bist, ob er im Rahmen eines ausgeprägten Wahns mit vollständigem Realitätsverlust Gewalt ausüben könnte, schließ dich doch erst mal mit dem überweisenden Arzt kurz!«

»Falls es einen überweisenden Arzt gibt!«, wendet Peer mit zweifelnder Mine ein.

»Selbst wenn nicht, haben wir doch immer noch die obligatorische Untersuchung im Rahmen des Konsiliarberichtes … Und spätestens dann gibt es doch garantiert den von dir so ersehnten Arztkontakt vor Therapiebeginn.«

»Ja aber …«, will Peer aufgeregt fortfahren.

»Nichts aber, jetzt komm mal wieder runter!«, setzt Tilmann nach.

Aber Peers Gedankenkarussell dreht sich unbeirrt weiter. »Wenn der Patient den ausstellenden Arzt kennt, es ist ja meistens der langjährige Hausarzt, dann bearbeitet der den Bericht doch auch, ohne den Patienten nochmal gesehen zu haben. Du weißt doch genau, was in den Praxen los ist, vor allem am Ende eines Quartals!«

»Aber du lieferst doch gerade selber die Lösung deines selbstkonstruierten Scheinproblems!«

»Scheinproblem? Ich habe ein selbstkonstruiertes Scheinproblem?! Du willst dich doch einfach nur nicht mit der Realität auseinandersetzen … und ...« Peer schnauft ungehalten. »Mann, was haben sie dir denn heute in den Kaffee getan? Ich meine doch nur, dass, wenn der Arzt den Patienten nicht nochmal spricht oder untersucht, weil er ihn schon lange kennt, dann weiß er doch erst recht, ob der unter einem Wahn leidet!«

»Und ich meine, du blendest all die schrecklichen Dinge aus, die da draußen passieren … in die wir, ruckzuck, auch mit reingezogen werden können … jederzeit, mein Lieber … jederzeit!« Peer erhebt dabei mahnend die rechte Hand mit in Richtung Tilmann ausgestrecktem Zeigefinger. »Weil, was ist denn, wenn der ach so langjährig bekannte Patient den Wahn erst in den letzten Monaten oder sogar Wochen entwickelt hat ... und der Arzt hat davon nichts mitbekommen?!« Peers Stimme hat nun schon einen schrillen Unterton.

Ich frag mich gerade, wer hier einen Wahn hat, denkt Tilmann, hütet sich aber, diesen Gedanken zu äußern. Er bemüht sich, ruhig zu antworten, kann aber nur schwer an sich halten. »Natürlich finde ich all das Schreckliche in der Welt gerade genauso grausam wie du. Bedenke aber, bevor du mir Realitätsverleugnung unterstellst, dass ich ein verantwortungsvoller Vater bin und mir erst recht Sorgen über die Zukunft mache!«

»Ihr Heteros mit dem ewigen Totschlagargument, mit Kindern sähe man die Welt ganz anders … Ich kann es langsam nicht mehr hören!« Peer stöhnt genervt und verdreht demonstrativ die Augen.

»Ja ja … weil du nämlich der bist, der die Wahrheit nicht hören will!«

»Du sagst also, ich habe ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit?«

»Sage ich ja gerade nicht! Aber mal ehrlich, wenn nämlich die Welt tatsächlich untergeht, stehst du doch mit Sven Arm in Arm in eurem malerischen Wintergarten und wirst noch begeistert ausrufen: Schau nur Sven, welch schönes Feuerwerk! Also komm mir nicht so!«

»Jetzt tu nicht so, als könnte ich einen Atompilz nicht vom Jahrmarktsfeuerwerk unterscheiden! Außerdem würden bei uns nicht nur wir, sondern auch die frisch umgetopften Orchideen, unsere aufwendigen Frisuren, meine Seidensticker-Hemden und Svens Madonna-T-Shirts im Feuersturm verglühen. So viel zum Thema, wir hätten nicht mehr zu verlieren, als unsere eigenen Leben!«

Tilmann und Peer halten inne und schauen sich angesichts eines weiteren ihrer manchmal sehr bizarren Dialoge fassungslos an. Bei dieser Art von Schlagabtäuschen wäre für Außenstehende nie ganz klar, was noch Witz oder was schon Ernst ist. Und manchmal wissen sie es selber im Eifer des Gefechts nicht mehr. Jetzt müssen sie jedenfalls unvermittelt hysterisch loslachen.

Und so löst sich wenigstens ein Teil der fast schon mit Händen zu greifenden Anspannung, die mit diesem schwierigen Thema verbunden ist.

Das ist für Peer aber noch lange nicht erledigt: »Apropos Weltuntergang, nochmal zurück bitte zu unserem hypothetisch wahnhaften Patienten.«

»Ach so, ja dann mal los ...«, ruft sich auch Tilmann wieder zur Räson.

»Stell dir vor, es ist dann auch noch jemand, der so gar nichts klischeehaft Verrücktes an sich hat, das einem direkt ins Auge springen würde. Sondern es ist ein Patient, der erst mal bieder, harmlos und sogar ausgesprochen nett rüberkommt ...«

»Ja okay, jetzt machst du mich ehrlich neugierig ...«

»Immerhin …«

»Also sprechen wir vom sprichwörtlichen Wolf im Schafspelz?«, hakt Tilmann nach.

»Genau«, legt Peer eifrig nickend nach, »der Wolf im Schafspelz, der zu allem Überfluss auch noch davon überzeugt ist, mit Gott in Verbindung zu stehen, eine Mission zu haben, und diese Mission sei, die Welt vor dem Untergang zu bewahren!«

Peer schiebt die Hände nun von außen zwischen Sitzfläche und Oberschenkel und schaukelt leicht vor und zurück. Das bedeutet immer „Alarmstufe Gelb“ bezüglich seiner inneren Anspannung.

»Da hätte sich aber jemand allerhand vorgenommen!«, witzelt Tilmann, nun aber selber auch beunruhigt. »Okay, lass uns direkt vom schlimmsten Fall ausgehen. Falls es im Endeffekt dann doch weniger heftig ausfällt, können wir uns ja immer noch freuen, oder was meinst du?«

Peer nickt zögernd, aber zustimmend und hängt wie gebannt an Tilmanns Lippen.

»Nehmen wir also an, du als Behandler stellst fest, dein Patient ist tatsächlich außerordentlich stark vom Wahn befallen. Und dazu ist er noch sehr aggressiv, wenn auch nur verbal. Und er kann seine aggressiven Impulse, was Handlungen anbetrifft, gerade noch so kontrollieren. Soweit klar?«

Tilmann fixiert Peers Blick und dessen Schaukelambitionen lassen tatsächlich etwas nach.

»So weit so gut, aber das klingt dennoch alles nach tickender Zeitbombe und nahender Katastrophe«, beginnt Peer erneut, sich hochzuschrauben.

»Hey, alter Knabe, kein Grund zur Panik! Ganz ehrlich, solange er ansprechbar ist, nicht unter totalem Realitätsverlust leidet und ich in der Therapie Erfolge sehe, bleibe ich relativ entspannt.«

»Ja schön, freut mich, dass wenigstens einer von uns entspannt bleibt!«, erwidert Peer sarkastisch. »Was ist aber, wenn der Patient immer wieder Gewaltfantasien äußert?«

Peer wirkt bei den letzten Worten fast schon verzweifelt.

»In dem Fall wird die Luft tatsächlich etwas dünner. Dann nimm doch erst recht Kontakt mit dem überweisenden Arzt auf! Der kennt doch den Patienten in der Regel schon viel länger und ein Wahn oder eine Psychose fällt ja meistens nicht von heute auf morgen einfach so vom Himmel.«

Tilmann hat argumentativ alles gegeben und fragt sich, wie seine Worte wohl wirken. Er lehnt sich zurück, schaut Peer ruhig an und kann nur vermuten, wie es hinter dessen unruhigen Augen auf Hochtouren arbeitet.

Nach Sekunden des Abwartens schaut dieser endlich auf, befreit seine etwas plattgesessenen Hände und spricht wieder mit festerer Stimme: »Ja, im Grunde hast du Recht, aber wenn ich ehrlich bin«, Peer schaut ernst und seufzt tief, »habe ich manchmal das Gefühl, unter der Last dieser Verantwortung zusammenzubrechen, selbst wenn ich weiß, was richtig ist und zu tun.«

Peer treibt also ein komplexeres und persönlicheres Problem um, welcher konkrete Fall auch immer dahinter stecken mag, denkt Tilmann für sich. Er beschließt aber, ihn heute in dieser Hinsicht nicht weiter zu bedrängen. Peer ist wirklich nicht der Typ, der sich mit noch so viel Geschick etwas aus der Nase ziehen lässt, für das er noch nicht bereit ist.

Stattdessen bleibt Tilmann auf der sachlichen Ebene: »Als Plan B, also falls du irgendwann wirklich Fremdgefährdung vermuten solltest, kannst du natürlich auch die Feuerwehr oder den sozialpsychiatrischen Dienst einschalten. Dann sollen die nämlich eine Zwangseinweisung überprüfen und du wärst diesen Teil der Verantwortung schon mal los.«

Peer bläst erleichtert die Backen auf und atmet geräuschvoll aus: »Ach ja, danke, dass du mir das wieder ins Bewusstsein gehievt hast. Jetzt geht's schon etwas besser.«

»Aber letztendlich hast du natürlich recht. Trotz allem sind und bleiben Patienten mit Wahnstörungen, ob nun religiöser Natur oder nicht, schwierig zu behandeln. Das Aufreibende daran ist, du kannst erst wirklich an der Symptomatik arbeiten, wenn der Patient erkannt hat, dass er unter einem Wahn leidet«, denkt Tilmann laut weiter. »Und das kann dauern oder passiert vielleicht nie, wenn man Pech hat. Und die Angst, was bis dahin alles passieren kann, lässt einen irgendwie nicht los.«

4

»Ich halte es nicht mehr aus mit dir!«, schreit Marianne, mit hochrotem Kopf und sichtbar stark pulsierender Halsschlagader, ihren Mann an.

»Weil du einfach überhaupt keine Ahnung von dem hast, was sich da draußen abspielt!«, brüllt Karl zurück. Hektisch wischt er sich einige wirre Haarsträhnen aus dem verschwitzten Gesicht.

Seit mehr als einer Stunde streiten sie jetzt heftig und lautstark nach einem Tag, der auch so schon voller Spannungen war. Immer wieder hatten sie sich wegen Kleinigkeiten angeblafft, konnten aber die endgültige Eskalation noch abwenden. Sie hatten sich geschworen, nie vor ihren Kindern zu streiten, um die nicht unnötig in ihre Eheprobleme hineinzuziehen. Ihre Kinder sollten niemals das erleben, was sie selbst in ihrer Kindheit und Jugend hatten durchmachen müssen.

Marianne kommt ursprünglich vom Land. Ihre Eltern hatten damals einen kleinen Bauernhof mit Viehzucht und Ackerbau. Der Erwerb aus der Landwirtschaft konnte die vierköpfige Familie gerade so ernähren, von Wohlstand konnte allerdings keine Rede sein. Zu allem Überfluss trug ihr Vater den schwer verdienten, kargen Gewinn in die Dorfkneipe. Zusätzlich zu dessen Alkoholismus, der regelmäßig Auslöser für Streit war, unterstellte Mariannes Mutter ihrem Mann, er hätte ein Verhältnis mit der Kneipenwirtin. Besonders laut wurde es aber, wenn die Mutter versuchte, mit dem Vater über die Zukunft des Betriebes zu diskutieren. Sie befand sich nämlich im Zustand andauernder Verzweiflung, da sie die Herrin derZahlen, also der Buchführung, war und sah, dass es so nicht weitergehen konnte.

»Mach doch endlich die Augen auf, sonst gehen wir direkt in die Pleite!« und »Rede endlich mit mir!« sowie »Dann denk doch wenigstens an die Kinder!« waren ihre häufigsten und eindringlichsten Sätze.

Mariannes Vater hingegen, Typ verschrobener Bauer, wie sie rückblickend abfällig bemerkte, ließ in seiner Starrköpfigkeit nicht mit sich reden. Er ging seinen gewohnten Gang in nervtötender, stoischer Ruhe weiter. Seine entsprechenden, gebetsmühlenartigen Antworten lauteten »Ich weiß gar nicht, was du hast?« und »Diskutier nicht mit mir!« sowie »Du bist doch einfach nur hysterisch!« So ließ er Mariannes Mutter in schöner Regelmäßigkeit auflaufen. Aber an einem ganz speziellen seiner sogenannten blauenTage ging ihr Vater weiter als sonst, viel weiter. In seinem Suff tönte er, breitbeinig auf den speckigen Polstern der Eckbank sitzend, höhnisch zurück: »Ich hab's doch wie immer voll im Griff, aber du kapierst es nicht, weil du ja sogar zum Scheißen zu doof bist! Kannst dich direkt zu unseren durchgeknallten Kühen in die Reihe stellen, passt schon mit deinen fetten Euterhängetitten!«

Das saß. Mariannes Mutter lief rot an, stand, bebend vor Zorn, da, konnte aber zur diebischen Freude des Vaters zunächst nichts erwidern. Heute konnte er endlich gewinnen, hoffte er und holte zum vermeintlich entscheidenden Schlag aus. Mit glasigem Blick und mehr lallspuckend als geordnet sprechend rief er mit heiserer Stimme: »Und deine feine Tochter kannst du direkt mitnehmen, die ist nämlich auch nichts besser als du!«

In diesem Moment konnte Mariannes Mutter nicht mehr an sich halten und rastete aus. Für sich selbst konnte sie vielleicht nicht so gut einstehen, aber wenn es um ihre Kinder ging, wurde sie zum Raubtier. Sie schrie, nein, sie brüllte ihren Mann so laut an, dass die Katzen auf der Diele ängstlich auseinanderstoben und der räudige Hund sich verstört hinter einem Stapel Heuballen verkroch. Sogar die Hühner draußen flogen erschrocken auf und suchten Schutz im Gestrüpp an der alten Umgrenzungsmauer aus Sandstein.

Die Kinder, Marianne, damals neun Jahre alt, und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Thomas, flüchteten sich in den Schutz des Dämmerlichtes im großen Flur. Sie kauerten in der Nische zwischen großem Eichenschrank und kalter Wand. Die beiden hielten sich, eng umschlungen, aneinander fest. Ihr kleiner Bruder sagte mit brüchiger Stimme und Tränen in den Augen: »Der Sturm bricht los. Rette sich wer kann.«

Es war beileibe nicht der erste Sturm dieser Art, wenn auch einer der heftigeren, und es sollte nicht der letzte gewesen sein. Marianne war im Laufe ihrer Jugend innerlich immer mehr zerrissen und zermürbt angesichts der ewigen Anfeindungen zwischen ihren Eltern, aber auch der Demütigungen von Seiten des Vaters.

Sie wollte raus aus allem, aber sie konnte einfach nicht und sie wollte ihren jüngeren Bruder nicht alleine und diesem andauernden Albtraum ausgesetzt zurücklassen.

Aber schließlich kam eine Zeit, über die sie später nur ungerne sprach, in der es auf dem Hof besonders schlimm zuging. Die Alkoholexzesse ihres Vaters erreichten ihren Höhepunkt und Ihre Mutter traf, nicht zuletzt auf Druck des Jugendamtes, die schmerzhafteste Entscheidung ihres Lebens. Sie gab Marianne, als diese dreizehn war, für letztlich drei Jahre in ein Kinderheim. Und dieser Aufenthalt hatte tiefe und beileibe nicht nur positive Spuren bei ihr hinterlassen, sondern zusätzlich und, paradoxerweise, ein quälend schlechtes Gewissen dem Bruder gegenüber.

Obwohl Thomas bei der Mutter blieb, die sich hatte scheiden lassen, vom Hof weggegangen war und ihren Sohn mehr schlecht als recht alleine erzog, war bei Marianne ein schlechtes Gewissen zurückgeblieben, so als habe sie ihn alleine gelassen.

Was sie die Zeit im Heim allerdings ertragen ließ, war, dass sie ihre erste und große Liebe Markus kennenlernte. Diese Beziehung dauerte zwei Jahre und endete tragisch, prägte sie aber bis heute in vielerlei Hinsicht. Manches davon ließ sie ihr näheres Umfeld, wie auch später Karl, wissen, manches hingegen behielt sie eisern für sich.

Mit sechzehn jedenfalls stellte sie sich auf die eigenen Beine, machte nach ihrem Hauptschulabschluss eine Lehre zur Schneiderin und damit im wahrsten Sinne des Wortes auch einen Schnitt zu ihrer Vergangenheit.

Zwei eiserne Vorsätze, die Marianne die Zeit bis dahin moralisch und emotional überleben ließen, hatte sie gefasst. Niemals würde sie sich, so wie ihre Mutter, von einem Mann abhängig machen. Und nie würde sie, in einer ganz sicher besseren Zukunft, vor den eigenen Kindern streiten, komme, was da wolle. Sie schwor sich mehr als einmal, später das pure Kontrastprogramm zu ihrer Vergangenheit zu leben. Dieses würde sie mit Selbstschussanlagen und Nato-Draht zu sichern wissen und dann wie auf einem weißen Blatt Papier ein neues Leben anfangen.

Am heutigen späten Sonntagvormittag, Sarah und David haben sich zum Spielen zurückgezogen und vorsichtshalber schon auf Durchzug gestellt, droht also Sturm im Familienparadies.

Nachdem sie bereits morgens um sechs Uhr mit Mann, Kindern und knirschenden Zähnen in die Frühmesse musste, will Karl jetzt, um elf, schon wieder zur Kirche. Und, wie könnte es anders sein, insistiert er, alle müssten nochmal mit.

Sie ist schon so weit, Sarah zu motivieren, mitzugehen, damit Ruhe einkehrt. Denn Marianne beobachtet, zunehmend skeptisch, dass Sarah dem ganzen Brimborium sogar etwas abzugewinnen scheint. Dieser Glanz in den Augen ihrer Tochter, wenn sie zum Heiligen Abendmahl schreiten, gefällt ihr gar nicht. Marianne beobachtet das scharf aus den Augenwinkeln. In ihrer Jugend trug sie, nicht ohne Stolz, den Spitznamen Adlerauge. Aber schaut sie ihre Tochter heute in diesen Situationen direkt an, blickt Sarah augenblicklich mürrisch drein. Dieses kleine, falsche Biest, denkt Marianne dann für sich. Falls Sarah sich einbilden sollte, die eigene Mutter merke das nicht, dann hat die sich aber geschnitten!

Aber jetzt wäre es ihr sogar recht, Sarah ginge mit ihrem Vater. Von einem Mal mehr wird sie schon nicht, wie Karl, zu einer verlorenen Seele werden, beruhigt Marianne ihre aufwallenden Ambivalenzen.

Aber sie hat die Rechnung ohne Karl gemacht.

»Marianne«, erwidert er eindringlich, fast flehentlich, »so kannst du doch den Herrn nicht abspeisen!«

»Abspeisen? Sag mal, wer hat dir denn ins Gehirn gesch …«, will sie gerade Fahrt aufnehmen.

»Marianne, du lässt dich schon wieder gehen!«, fällt Karl ihr ins Wort und setzt nach: »Und wie oft habe ich dir zu erklären versucht, dass von der Konstellation her asymmetrisch besuchte Messen innerhalb eines Tages schon der verheerende Anfang vom Ende sein können. Also alle oder keiner!« Karl reckt Marianne herausfordernd sein Kinn entgegen.

»Ja dann eben jetzt keiner! Du machst dich doch eh nur wichtig!« »Ich halt's nicht aus. Herr, gib mir die Geduld mit diesem im Geiste unverständigen, aber nicht eigentlich bösartigen Weib, auf das auch sie auf den rechten Weg …«

»Karl«, braust Marianne, erstmals heftiger, auf, »rede nicht wieder so, als ob ich geistig minderbemittelt bin und du der Retter der Welt wärst!« Ein letztes Mal versucht sie, sich zusammenzureißen und an die Vernunft ihres Mannes zu appellieren: »Also, wenn die Welt tatsächlich untergehen würde, weil irgendwelche streng gläubigen Menschen irgendwo auf der Welt, du bist ja nicht der Einzige, asymmetrisch die Messen besuchen, wäre der beschissene Erdball schon Millionen Male explodiert oder implodiert oder was auch immer!«

Karl hält einen Moment inne und fast wirkt es, als gebe es einen mutigen Aufstand der Rationalität in seinem Frontalhirn, bis seine Pupillen sich wieder schlagartig weiten. Mit verklärtselbstgewissem Blick schaut er ins Nirgendwo, an Marianne vorbei.

»Karl, du treibst nicht nur mich in den Wahnsinn, du bist es doch selbst! Du machst mir Angst!«

Zeternd steht sie vor Karl, der wiederum so ruhig bleibt, wie das dicke Zopfmuster auf der dunkelgrauen Strickjacke, die er nur zu den Messen anzieht.

»Aber ganz im Gegenteil, du musstest dir noch nie so wenig Sorgen um mich oder dich oder die Kinder machen wie heute! Ich möchte dir aus deiner Verblendung heraushelfen, damit auch du das Licht des Herrn schauen kannst! Denn siehe, wie man sogar in der Chaostheorie nachlesen kann, und so die Wissenschaft sich am Ende auch dem Glauben unterwirft, auch wenn sie es nie zugeben würde, kann der Flügelschlag eines Schmetterlings auf der einen Seite des überhaupt nicht beschissenen Erdballs, gepriesen sei die Schöpfung, einen vernichtenden Sturm auf der anderen Seite entfesseln! Und wenn das so ist, kann erst recht die sündige Verfehlung eines asymmetrischen Besuchs von Messen den Untergang der Welt herbeiführen, vor allem, wenn es um einen Ausgewählten geht! Das wirkt dann, wie soll ich es dir erklären, einem Verstärker gleich. Und mit Verstärkern kenne ich mich aus, wie du weißt. Und wenn der Auserwählte, von denen es sicher mehrere und ganz verschiedene gibt, nicht nur einem kleinen Transformatorhäuschen auf dem Land entspricht, sondern einem großen und zentralen Umspannwerk, und das habe ich mir ja nicht ausgesucht, dann hat ein Fehler bei ihm natürlich viel größere Auswirkungen und dann kann das ganze Netz zusammenbrechen, und am Ende die Ordnung der gesamten Zivilisation, nicht nur die materielle, auch die geistige! Jetzt leuchtet dir sicher ein, warum wir nochmal zur Messe müssen und es in Zukunft bitte nicht mehr jedes Mal zu diskutieren brauchen!«