Brennende Kerze im Sturm - Gerhard Breidenstein - E-Book

Brennende Kerze im Sturm E-Book

Gerhard Breidenstein

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Beschreibung

Mystische Spiritualität bedeutet Weltzuwendung bis in den persönlichen Alltag und in die globale Situation hinein. Also keine Weltflucht. Der Autor vertieft diese Sicht gerade angesichts der zunehmenden gewaltträchtigen Krisen unserer Zeit. Woher kommt das Gute, woher das Böse? Was kann mystische Spiritualität zum Leid in der Welt sagen? Wie verändert sich das Gottesverständnis, das Selbstverständnis? Kann ein mystisch Glaubender trotz eines nicht mehr personalen Gottesbildes beten? Was kann er hoffen, da es doch in der Mystik stets um das Hier und Jetzt geht? Gibt es mystische Spiritualität ohne Religion? Der Autor stellt sich diesen und weiteren Fragen und gibt existenzielle Antworten.

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Über dieses Buch

Mystische Spiritualität bedeutet Weltzuwendung bis in den persönlichen Alltag und in die globale Situation hinein. Also keine Weltflucht. Der Autor vertieft diese Sicht gerade angesichts der zunehmenden gewaltträchtigen Krisen unserer Zeit.

Woher kommt das Gute, woher das Böse? Was kann mystische Spiritualität zum Leid in der Welt sagen? Wie verändert sich das Gottesverständnis, das Selbstverständnis? Kann ein mystisch Glaubender trotz eines nicht mehr personalen Gottesbildes beten? Was kann er hoffen, da es doch in der Mystik stets um das Hier und Jetzt geht? Gibt es mystische Spiritualität ohne Reli gion?

Der Autor stellt sich diesen und weiteren Fragen und gibt existenzielle Antworten.

Über den Autor

Gerhard Breidenstein, Jahrgang 1937, ist evangelischer Theologe, promoviert in Sozialethik.

Er lebte und arbeitete drei Jahre in Südkorea, war jahrzehntelang aktiv in den außerparlamentarischen Protestbewegungen, gründete eine ökologisch-spirituelle Lebensgemeinschaft sowie die bundesweite Initiative »Aufbruch – anders besser leben«.

Viele Jahre lang hielt er Vorträge und Seminare zu Fragen der Nachhaltigkeit. Seit 1989 praktiziert er die Zen-Meditation.

Weitere Informationen: www.auf-dem-zen-weg.de

Einleitung: Was bedeutet »mystische Spiritualität«?

»Mystik? Das ist doch Weltflucht!« Diese Reaktion bekommt man oft zu hören, wenn man von Mystik in unserer Welt sprechen will. Insofern ist es zunächst nötig zu erklären, was in diesem Buch unter Mystik verstanden wird. Das Wort klingt, oberflächlich betrachtet, zu sehr nach System, nach Definierbarem. Es ist aber typisch für Mystik, dass sie keine Lehre hervorgebracht hat, nichts, was sich in einem System darstellen ließe. Vielmehr geht es in den meisten Äußerungen von Mystikern oder Mystikerinnen um den Versuch, »letzte Erfahrungen« in Worte zu fassen – was eigentlich unmöglich ist. So will ich in diesem Buch lieber von mystischer Spiritualität sprechen.

Das empfiehlt sich auch aus einem weiteren Grund: Es gibt mystisches Denken und Glauben in fast allen großen Religionen: Schamanismus in vielen Naturreligionen, Yoga im Hinduismus, Zen im Buddhismus, die Chassidim im Judentum, Mystiker und Mystikerinnen im Christentum und die Sufis im Islam. Es sind jeweils Sonderströmungen in ihren Religionen, sodass es sinnvoll ist, etwa von einer buddhistischen oder einer christlichen Mystik zu sprechen. Aber die Gemeinsamkeiten zwischen den genannten Richtungen sind so groß, dass es durchaus vertretbar ist, von der mystischen Spiritualität zu reden. Sie liegt gleichsam in der Mitte, wenn man sich diese Religionen in einem Kreis angeordnet vorstellt.

Diese überraschend deutlichen Gemeinsamkeiten kann man so charakterisieren: Ein mystisches Weltbild kennt nur eine Wirklichkeit, keine Trennung zwischen Oben und Unten, Göttlichem und Mensch­lichem, Geist und Materie, Licht und Dunkel. Alles wird als mit allem verbunden erfahren und bezeugt. Das Weltbild der Mystik ist nichtdual, also nicht aufgespalten in Gegensätze; es geht um die Erfahrung der Nondualität der Wirklichkeit. Das Göttliche wird dabei als allgegenwärtiger Geist verstanden, verkörpert in allen Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen, von den kleinsten Energiebündeln in einem Atom bis zu den fernsten Galaxien. Entsprechend wird der Mensch nicht als eine in sich abgeschlossene Einheit gesehen, die »der Umwelt« und »dem Göttlichen« gegenübersteht, sondern als Teil der einen, ganzen Wirklichkeit, als einer von unzähligen Knotenpunkten im Netz des Lebens.

Es erscheint mir sinnvoll, zwischen »Wirklichkeit« und »Welt« zu unterscheiden. Dann meint der Begriff »Wirklichkeit« das Ganze des Seins in all seinen Dimensionen der Tiefe, Höhe und Weite, das Sichtbare wie das Unsichtbare. Um das Einssein aller Vielfalt in dieser Wirklichkeit geht es der mystischen Erfahrung. Dagegen meint der Begriff »Welt« nur jenen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit auf unserem Planeten Erde, der sich uns alltäglich aufdrängt. Zumeist umfasst er nur das, was unsere normalen Sinne wahrnehmen können. Aber es ist diese Welt, die uns immer wieder herausfordert aus alten Denkgewohnheiten und uns zu neuem Handeln drängt. Diese Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Welt – wie etliche andere Unterscheidungen, die ich hier vornehme – entstammt allerdings dem dualen Denken, das jederzeit von der nondualen Erfahrung mystischer Spiritualität aufgehoben werden kann und immer wieder überwunden werden muss. Das relativiert zwar den Wert solcher Unterscheidungen, macht sie aber nicht gänzlich unbrauchbar für unser alltägliches Leben und Verstehen.

Da Erfahrungen in unserer Alltagswelt häufig mit Leid verbunden sind, gab und gibt es in den Religionen immer wieder Tendenzen zum Rückzug aus der Welt, zumindest eine Sehnsucht nach einem leidfreien Jenseits (Paradies, Nirwana und Ähnliches). Die Lebensform der Einsiedelei oder der Klöster hat diese Tendenzen verstärkt und sichtbar gemacht. Dem setzten die jeweiligen mystischen Strömungen immer wieder ihr Verständnis von der einen, ungeteilten Wirklichkeit entgegen. Wer nur eine Wirklichkeit kennt, kann und will nicht aus der Welt fliehen, selbst wenn er oder sie sich auf Zeit aus dem weltlichen Getriebe zurückzieht. Das kann für die innere Reifung nötig sein. Aber mystisch-spirituelle Lehrerinnen und Lehrer haben stets ihre Schüler und Schülerinnen auf die Welt, ja in den Alltag verwiesen als den entscheidenden Raum der Bewährung ihrer mystischen Erfahrung – und sei es beim Putzen. »Erleuchtung« wird meist nicht als Entrückung aus der Welt erlebt, sondern als Einweisung in die Welt, wie sie wirklich ist, als Erwachen für die Welt.

Eine weitere Unterscheidung – die zwischen Ich und Selbst – ist so zentral für mystische Spiritualität, dass ich ihr ein eigenes Kapitel gewidmet habe. Dabei geht es darum, unsere alltägliche Ich-Wahrnehmung als Illusion zu erkennen. Wenn das Ich-Bewusstsein, das wir uns wie die Spitze einer Welle vorstellen können, sich öffnet oder geöffnet wird hin zum Ozean des Seins, dann fließt die Selbstwahrnehmung über in die Wahrnehmung des Ganzen, dann steht die mystisch verstandene Individualität, das Selbst, inmitten aller Welt. Dann ist das isolierte Ich, das Ego, überwunden beziehungsweise transzendiert.

Allerdings macht es uns die heutige Situation der Welt nicht gerade leicht, sich für sie zu öffnen, in sie gleichsam einzutauchen. Im Gegenteil! Nicht nur spirituelle Menschen, sondern auch sensible Realisten sind versucht, sich aus dieser als sehr stürmisch erlebten Welt herauszuhalten. Manche entziehen sich ihr aus einem Gefühl der Ohnmacht ins Private oder gar in die Innerlichkeit – oder sie verfallen in Verzweiflung und Resignation. Ich selbst habe das erlebt, als ich Anfang 1987 eine Zusammenfassung der damals bekannten ökologischen Krisen las. Es wurde gezeigt, dass die Zersetzung der Ozonschicht, die Vergiftung der tiefen Grundwasserschichten oder all der Giftmüll und radioaktive Abfall erst mit Zeitverzö­gerungen ihre volle Wirkung entfalten und viel zu spät als Gefahr wahrgenommen werden. Das entzog meinem damaligen politischen Aktionismus den Boden, und ich stürzte in eine existenzielle Krise. Was hatte es noch für einen Sinn, zu agieren und zu agitieren, wenn es doch für Gegensteuerung schon zu spät war? Ich konnte durch glückliche Umstände relativ bald aus dieser Resignation wieder auftauchen und schrieb das Buch »Hoffen inmitten der Krisen«. Darin trug ich viele Gründe zusammen, wie man trotz allem eine langfristige Hoffnung aufbauen und einen Weg durch die Krisen hindurch gehen könne. Allerdings spielte für mich damals mystische Spiritualität noch keine Rolle. Ich finde es aber dringlicher denn je, dass man diese Krisen überhaupt wahrnimmt.

Da dieses Buch keine akademische Abhandlung sein soll, habe ich auf Fußnoten verzichtet. Direkte oder indirekte Zitate werden nur mit Autorennamen, eventuell Buchtitel und Seitenzahl angegeben. Die jeweils vollständigen bibliografischen Angaben findet man im angehängten kommentierten Verzeichnis der benutzten Literatur. Das gilt auch für die Motto-Texte am Anfang der Kapitel, deren Quellen in einer gesonderten Liste im Anhang aufgeführt werden.

Diese Publikation will eine Einführung bieten in das sehr umfangreiche und komplexe Thema »Mystische Spiritualität und Leben in der Welt«. Es kann also nur knapp gehalten sein und wird in manchem oberflächlich bleiben müssen. Ich habe deshalb im Literaturverzeichnis Buchtitel angeführt, die sich zur Vertiefung eignen.

Mein besonderer Dank gilt meinen spirituellen Lehrerinnen und Lehrern. Ich nenne sie »in der Reihenfolge ihres Auftretens« in meinem Leben: Stephanie Krenn, Joanna Macy, Johannes Kopp SAC, Thich Nhat Hanh, Willigis Jäger, Jörg Zink, Eckhart Tolle, Michael von Brück. Ferner danke ich den Freundinnen und Freunden, die die erste Fassung meines Manuskriptes kritisch durchgesehen und mit wertvollen Kommentaren bedacht haben. Schließlich danke ich sehr meinem Lektor Roland Rottenfußer für den Anstoß zu diesem Manuskript und dessen einfühlsame Lektorierung. Sehr dankbar bin ich dem Verlag Publik-Forum und Dr. Norbert Copray dafür, dass mein Buch in die Edition aufgenommen wurde, und Elke Habicht für das sorgfältige Lektorat.

Ich widme dieses Buch meiner Ehepartnerin und Wegbegleiterin Renate.

1. Das Bild einer stürmischen Welt

In der Einleitung zu diesem Buch wurde erläutert, dass und warum dieses Kapitel ein Bild unserer stürmischen Welt zeichnen soll, so wie sie sich Tag für Tag in unseren Zeitungen und Fernsehnachrichten darstellt, genauer gesagt: wie sie dargestellt wird. Die Nachrichten zu den wichtigsten Krisenfeldern unserer Weltgesellschaft sind oft so erschreckend oder deprimierend, dass unserem Bewusstsein fast nichts anderes übrig bleibt, als diese sich aufhäufenden Berichte immer wieder zu verdrängen. Solcher Selbstschutz der Seele ist völlig legitim und soll nicht diskreditiert werden. Aber von Zeit zu Zeit müssen wir den Kanaldeckel über dem entsprechenden Wissen anheben und darunterschauen, damit wir nicht abstumpfen, sondern erwachen und so unserer Verantwortung gegenüber den Opfern und unseren Kindern und Enkeln gerecht werden. Das Folgende bietet für die meisten Leser und Leserinnen vermutlich nichts Neues, es soll nur die Erinnerung auffrischen. Immerhin: In diesem Buch soll ja das Bild unserer Welt als einer stürmischen und gefährdeten nicht das einzige bleiben, das zählt. Doch an ihm vorbei nur ein »positives« Bild zu zeichnen, um unsere Gefühle zu schonen, wäre nicht wahrhaftig.

Gewaltkrisen

Am deutlichsten sichtbar sind die militärischen Konflikte, denn sie gehen einher mit massiven Menschenrechtsverletzungen, Bombardierungen ganzer Städte, unzähligen Opfern an Menschen auf allen Seiten. Seit 1945 hat es über 260 bewaffnete Konflikte gegeben. Oft sind es ethnisch oder religiös begründete Machtkämpfe innerhalb eines Landes oder Grenzkonflikte zwischen zwei Nachbarländern. Doch immer wieder verfolgen die internationalen Großmächte im Hintergrund agierend oder direkt intervenierend ihre eigenen geopolitischen Absichten (Militärstützpunkte, Einflusszonen), die in der Regel durch ökonomische Interessen motiviert sind (Rohstoffquellen, Handelswege, Absatzmärkte). Auch bei innerstaatlichen Konflikten geht es oft um die Kontrolle ökonomischer Ressourcen, seien es Erdöl, Erdgas, Erze, seltene Erden oder gar Wasser. (Genaue Daten und Analysen bei Andreas Zumach: »Globales Chaos«, 2015.)

Einige Konflikte sind politisch so komplex und emotional derart aufgeladen, dass sie trotz internationaler Vermittlungsversuche unlösbar erscheinen. So etwa die schon über Jahrzehnte andauernde Spannung zwischen Israel und den Palästinensern, die schon mehrmals zu offener Kriegführung eskalierte. Auch die Ukraine-Krise ist durch internationale Einmischung extrem schwierig beizulegen. Jeder Versuch einer Vermittlung ist dort nahezu aussichtslos, wo die Konfliktparteien jeweils religiösen Fanatismus schüren und für sich ausnützen (so in den jahrelangen Kämpfen in Nordirland oder zurzeit in Syrien, im Irak und weiteren Staaten. Latent bleibt auch der Konflikt zwischen Indien und Pakistan gefährlich).

In den 1980er-Jahren stand die ganze Welt unter der unvorstellbaren Bedrohung eines atomar geführten Krieges. Weil dabei die Selbstzerstörung der kriegführenden Länder zu erwarten gewesen wäre, rückten die Militärs der Atommächte allmählich von der Planung mit schweren, sogar präventiven »Atomschlägen« ab. Allerdings findet weiterhin ein äußerst aufwendiges konventionelles Wettrüsten statt und eines mit »kleineren«, »intelligenteren«, gar »sauberen« Atomwaffen, was deren Einsatz wieder wahrschein­licher macht. Es ist unfassbar, mit welchen schier unbegrenzten finanziellen Mitteln, die in anderen Bereichen dringend gebraucht würden, die Produktion und der Export von Rüstung vorangetrieben werden. Der entstandene Überschuss an Tötungskapazität (»Overkill« pro Kopf) ist mit keinerlei militärischer Analyse zu rechtfertigen und unkontrollierbar geworden.

Eine nicht einschätzbare Gefahr geht seit 2001 vom internationalen Terrorismus aus. Denn religiös aufgehetzte kleine Gruppen oder Einzeltäter können jederzeit und überall Angst und Schrecken verbreiten. Erst recht gefährlich werden terroristische Milizen, wenn sie – wie im Fall des sogenannten »Islamischen Staates« – ganze Staatsgebiete unter ihre Kontrolle bekommen wollen und dabei besonders fanatisch und brutal vorgehen.

Neben diesen kriegerischen Gewaltakten gibt es auch in vielen eigentlich zivilisierten Gesellschaften (wie etwa der deutschen) immer wieder Amoktäter, gewaltsame Anschläge mit rassistischen Motiven und Gewalt gegen Frauen und Kinder. Nach Beobachtung der Fachleute scheinen diese Gewaltakte zuzunehmen. In welchem Maß dies auf die exzessive Darstellung von Gewalt in Filmen, Fernsehprogrammen, Internet und Computerspielen zurückzuführen sei, ist umstritten. Weil Bilder und Berichte von Gewaltakten aus aller Welt, versehen mit genauesten Details, oft tagelang in unseren Medien präsent sind, prägen sie jedenfalls unser Bild von »der Welt« übermäßig und verändern in Wechselwirkung auch selbst die Realität.

Die Hungerkrise