Briefe an Lucilius - Lucius Annaeus Seneca - E-Book

Briefe an Lucilius E-Book

Lucius Annaeus Seneca

0,0
11,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Als Berater des Kaisers Nero war Lucius Annaeus Seneca im antiken Rom die einflussreichste Macht hinter dem Thron. Seinen bleibenden Ruhm verdankt er seinen Schriften über den Stoizismus, in dem die Philosophie eine praktische Form der Selbstverbesserung und keine bloße Angelegenheit von Argumenten oder Wortspielen ist. In den Briefen an seinen jungen Freund Lucilius rät Seneca eher zum Handeln als zum Nachdenken und spricht die Fragen an, mit denen sich jede Generation konfrontiert sieht: Wie kann man ein gutes Leben führen? wie kann man Korruption und Maßlosigkeit vermeiden? Wie kann man ohne Angst vor dem Tod leben? Die Briefe sind in einem eingängigen Gesprächsstil verfasst und spiegeln den stoischen Grundsatz wider, im Einklang mit der Natur zu leben und die Welt zu ihren eigenen Bedingungen zu akzeptieren. Seneca betont die römischen Werte des Mutes, der Selbstbeherrschung und der Rationalität, bleibt aber in seiner toleranten und kosmopolitischen Haltung bemerkenswert modern. Seine Interpretation des Stoizismus ist auch von Humor geprägt und stellt eine zeitlose und inspirierende Beschreibung der Würde des individuellen Geistes dar. Diese neue deutsche Ausgabe der bedeutendsten Briefe an Lucilius beruht auf der Übersetzung aus dem Lateinischen von Robin Campbell, der auch eine Einleitung dazu verfasst hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 396

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



SENECA

BRIEFE AN LUCILIUS

SENECA

BRIEFE AN LUCILIUS

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2023

© 2023 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285–0

Fax: 089 652096

Copyright der Originalausgabe: Written by Lucius Annaeus Seneca. Copyright © Robin Alexander Campbell 1969. All rights reserved. Die englische Originalausgabe erschien 1969 unter dem Titel Letters from a Stoic bei Penguin Books, an imprint of Penguin Press, Penguin Random House group.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Kerstin Brömer

Redaktion: Silvia Kinkel

Korrektorat: Dr. Manuela Kahle

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Umschlagabbildung: Shutterstock.com/Maksim Ladouski

Satz: Röser Media

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978–3-95972–676–4

ISBN E-Book (PDF) 978–3-98609–299–3

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978–3-98609–300–6

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

Einführung

Senecas Leben

Seneca und die Philosophie

Seneca und die Literatur

Seine Briefe und andere Schriften

Sein Stil

Sein Einfluss und seine Anziehungskraft

Anmerkung zur Übersetzung und zum Text

Nachbemerkung zur Einführung

Briefe an Lucilius

2. Brief

3. Brief

5. Brief

6. Brief

7. Brief

8. Brief

9. Brief

11. Brief

12. Brief

15. Brief

16. Brief

18. Brief

26. Brief

27. Brief

28. Brief

33. Brief

38. Brief

40. Brief

41. Brief

46. Brief

47. Brief

48. Brief

53. Brief

54. Brief

55. Brief

56. Brief

63. Brief

65. Brief

77. Brief

78. Brief

83. Brief

86. Brief

88. Brief

90. Brief

91. Brief

104. Brief

105. Brief

107. Brief

108. Brief

114. Brief

122. Brief

123. Brief

Tacitus’ Bericht über den Tod von Seneca (Annalen, XV:60–64)

Anmerkungen

Empfohlene Literatur

Verzeichnis der Personen und Orte

Einführung

Senecas Leben

Lucius Annaeus Seneca wurde in Córdoba, der damals bedeutendsten Stadt im römisch besetzten Spanien, geboren, etwa zur gleichen Zeit wie Jesus.1 Sein Vater, Marcus Annaeus Seneca, war kaiserlicher Prokurator2 und eine Autorität auf den Gebieten der Rhetorik, der öffentlichen Rede und der Debatte.3 Er war nicht nur der Vater von Seneca, der ihm eine »altmodische Strenge«4 attestiert, sondern auch von Novatus, der später unter dem Namen Gallio bekannt wurde und es als Statthalter von Achaia ablehnte, über Paulus zu Gericht zu sitzen (Apostelgeschichte 18, 11–17), sowie von Mela, der nicht so ehrgeizig war wie seine Brüder, aber ein fähiger Finanzier (und Vater des brillanten Dichters Lucan).

Seneca litt zeitlebens unter schweren Krankheiten, insbesondere unter Asthma. Er berichtet, dass er mehrmals nur deshalb keinen Selbstmord begangen habe, weil sein Vater den Verlust nicht hätte ertragen können.5 In jungen Jahren lebte er eine Zeit lang in Ägypten (wo der Ehemann einer ihm zugetanen Tante namens Marcia von 16 bis 31 n. Chr. Vizekönig des Kaisers Tiberius war) und sammelte dort Erfahrungen in Verwaltungs- und Finanzangelegenheiten. Er befasste sich zudem eingehend mit der Geografie und Ethnologie Ägyptens und Indiens6 und entwickelte ein anhaltendes Interesse an Naturwissenschaften, das jedoch eher spekulativer als empirischer Natur war (obwohl Plinius von ihm als Autorität auf den Gebieten der Geologie, der Meeresbiologie und der Meteorologie spricht und andere seine Ausführungen beispielsweise zur Evolution oder zur Erklärung der Ringe um die Sonne gelobt haben). Schon in jungen Jahren interessierte er sich für die pythagoräische Mystik und verschiedene Kulte östlichen Ursprungs, die damals in Rom Anhänger fanden, bevor er sich schließlich größtenteils der stoischen Philosophie anschloss.

Seneca wurde zunächst Anwalt und machte anschließend Karriere im öffentlichen Dienst. Es gelang ihm, Quästor zu werden, obwohl er aufgrund seiner labilen Gesundheit, seiner ausländischen Herkunft und der vergleichsweise wenigen familiären oder anderweitigen Beziehungen benachteiligt war. Als Caligula 37 n. Chr. die Nachfolge von Tiberius antrat, war Seneca bereits ein einflussreicher Redner im Senat. Das erregte die Eifersucht7 des neuen Kaisers so sehr, dass dieser laut Cassius Dio die Hinrichtung Senecas anordnete und nur durch eine dem kaiserlichen Thron nahestehende Frau, die sagte, dass Seneca »an fortgeschrittener Tuberkulose« leide und es nicht mehr lange dauere, bis er sterbe, dazu gebracht wurde, die Strafe zurückzunehmen.8 Dieser Vorfall führte offenbar zu Senecas vorübergehendem Rückzug aus politischen Angelegenheiten.

Im Jahr 41 n. Chr., im ersten Jahr der Herrschaft von Caligulas Nachfolger Claudius, wurde Seneca erneut zum Tode verurteilt. Diese Strafe wurde jedoch in Verbannung umgewandelt. Weshalb er verurteilt wurde, ist unbekannt. Als Vorwand diente ein vermeintlicher Ehebruch mit Julia Livilla, der Schwester des verstorbenen Kaisers. Doch wahrscheinlicher9 ist, dass die Gemahlin des neuen Herrschers, die berüchtigte Messalina, ihn für gefährlich hielt. Sein Exil auf der Insel Korsika scheint er nicht sonderlich stoisch ertragen zu haben. Der aufmunternde Geist eines Trostbriefes, den er an seine geliebte Mutter Helvia schickte, fehlt gänzlich in einem anderen, der an Polybius gerichtet war, einen ehemaligen Sklaven, der zu einem vertrauten Diener des Kaisers geworden war. Stattdessen enthält dieses Schreiben unterwürfige Schmeicheleien. Wahrscheinlich sollte es nie veröffentlicht werden. Seneca hatte inzwischen nicht nur seinen Vater, sondern auch einen Sohn verloren, zudem starb seine erste Frau, während er fort war. Der einzige Trost für ihn in diesen acht langen Jahren der Einsamkeit und Verzweiflung war der Zuspruch, den die Gedichte, Tragödien und Essays an Freunde fanden, die er während seiner Verbannung weiterhin schrieb.

Im Jahr 49 n. Chr. wendete sich sein Schicksal. Messalina war hingerichtet worden, und die neue Frau des Kaisers, Agrippina, ließ Seneca nach Rom zurückbeordern, in das hohe Amt des Prätors berufen und zum Lehrer ihres zwölfjährigen Sohnes Lucius Domitius Ahenobarbus machen (der Junge, der bald Kaiser Nero werden sollte). Agrippinas Motive waren laut Tacitus neben der Unterweisung ihres Sohnes die Zuversicht, dass Senecas »literarischer Ruhm« sie populär machen würde, und die Überzeugung, dass er sich als zuverlässiger Verbündeter und nützlicher Berater für sie und Nero bei ihren künftigen Machtplänen erweisen würde.10

Es gibt keinen Beleg dafür, dass Seneca mit der Vergiftung von Kaiser Claudius im Jahr 54 n. Chr. in Verbindung stand. Aber er schrieb die Reden, die der siebzehnjährige Nero nach seiner Thronbesteigung hielt, und war wahrscheinlich der Autor eines witzigen, wenn auch aus heutiger Sicht etwas geschmacklosen Angriffs auf das Andenken des verstorbenen Herrschers (die Apocolocyntosis oder »Verkürbissung«, eine imaginäre Geschichte über die Abfuhr, die der kürzlich verstorbene Kaiser erhält, wenn er an der Himmelspforte erscheint und seine Bitte um Einlass von den Göttern erörtert wird). Nero hielt eine feierliche Rede zu Ehren seines Vorgängers, die »sehr geschliffen« und ein gutes Beispiel für Senecas »gefälligen Stil, abgestimmt auf den Geschmack seiner Zeit« war.11

Die Anfangszeit des neuen Regimes verlief positiv. »Neros erste fünf Jahre« wurden später als eine Periode unvergleichlich guter Regierungsarbeit bezeichnet, Kaiser Trajan nannte sie sogar die beste Periode in der Geschichte des kaiserlichen Roms.12 Dafür konnte sich Rom bei Seneca und einem Armeeoffizier namens Burrus bedanken. Diese beiden, »die einflussreichsten und aufgeklärtesten der Männer, die Nero umgaben« (Dio),13 »deren große Erfahrung allgemein bekannt war« (Tacitus),14 verhinderten, dass der hitzköpfige junge Mann im Zuge seiner Thronbesteigung zahlreiche Morde beging. Sie bemühten sich, einen Teil seiner Energie in »statthafte Vergnügungen« zu lenken.15 Nur kurz wurden sie durch die Vergiftung des Britannicus aufgeschreckt, ansonsten handelten sie durchweg in völliger Harmonie. So gelang es ihnen, dass die öffentlichen Angelegenheiten nicht in Agrippinas Händen landeten, sondern dass sie selbst die Kontrolle darüber behielten. Tacitus schreibt das Geheimnis von Senecas Einfluss »seiner Unterweisung Neros in der öffentlichen Rede und seinen einnehmenden Manieren und hohen moralischen Grundsätzen« zu, das von Burrus »seinen militärischen Kompetenzen und seinem strengen Charakter«.16

Die beiden »übernahmen die gesamte Macht und übten sie nach besten Kräften auf die vortrefflichste und gerechteste Weise aus, die man sich vorstellen kann, sodass jedem von ihnen die Anerkennung aller Menschen zuteilwurde« (Dio).17 Während Nero sich vergnügte, kümmerten sie sich um die Regierungsprobleme. Zu ihren Tätigkeiten zählten – um einige Beispiele zu nennen – rechtliche und finanzielle Reformen, einschließlich der Senkung der indirekten Steuern und Maßnahmen zur Verhinderung von Veruntreuung und Wucherei durch Provinzstatthalter. Zudem führten sie einen erfolgreichen Krieg in Armenien, um die Ostgrenze des Reiches zu sichern. Senecas geografische Interessen zeigen sich in der Entsendung einer Expedition »zur Erforschung der Nilquelle«. Ein weiteres seiner Interessen galt der Stenografie, deren römisches System er vollständig überarbeitet haben soll.

Weder er noch Burrus scheinen über diesen Zeitraum hinweg ein juristisches oder verfassungsmäßiges Amt innegehabt zu haben, das ihnen die Befehlsgewalt hätte verleihen können, die sie in diesen Jahren ausübten. Seneca, »der wahre Herr der Welt«,18 scheint einfach die treibende Kraft hinter dem Thron gewesen zu sein. Man kann wohl mit Sicherheit sagen, dass Nero (anders als Aristoteles’ berühmter Schüler – Alexander der Große – in einem ähnlichen Alter) noch immer unter dem Einfluss eines Lehrers von unzweifelhaftem persönlichem Charme stand und diesem gern die Leitung von Angelegenheiten überließ, die ihn selbst nur wenig interessierten. Als der junge Kaiser jedoch begann, auf andere Berater zu hören und zunehmend seinen gewalttätigen und rachsüchtigen Impulsen nachzugeben, waren diese glücklichen Verhältnisse dem Untergang geweiht.

Im Jahr 58 n. Chr. wurde Seneca von Leuten wie Publius Suillius Rufus attackiert.19 Die Anschuldigungen reichten vom Beischlaf mit der Mutter des Kaisers (offensichtlich hatte der Mann seine Lektion aus seiner »wohlverdienten« Verbannung wegen »Verführung von kaiserlichen Prinzessinnen« nicht gelernt) über die Einführung des Kaisers in die Päderastie bis hin zur Nutzlosigkeit seiner Studien und Affektiertheit seines Rednerstils. Die Kampagne gegen ihn konzentrierte sich jedoch im Allgemeinen auf den offensichtlichen Gegensatz zwischen seinen philosophischen Lehren und der Art, wie er sein Leben tatsächlich führte – dies ist einer der Hauptkritikpunkte an Seneca, der jahrhundertelang immer wieder vorgebracht wurde. Suillius führt einige Beispiele für diese Diskrepanz an: So prangerte der Philosoph zwar Tyrannei an, das hielt ihn jedoch nicht davon ab, Lehrer eines Tyrannen zu sein. Er prangerte Schmeicheleien an, doch das passte nicht zu der Haltung, die er, vor allem aus dem Exil heraus, gegenüber ehemaligen Sklaven einnahm, die Abteilungen in Claudius’ Verwaltungsapparat vorstanden. Er prangerte Extravaganz an, und gab doch (angeblich) Bankette, auf denen die Speisen an fünfhundert identischen Tischen aus Zitrusholz mit Elfenbeinbeinen serviert wurden. Und vor allem war da noch Senecas Reichtum. »Welche Art von Weisheit«, fragte Suillius, »welche philosophischen Lehren haben dazu geführt, dass er innerhalb von vier Jahren, in denen er in der kaiserlichen Gunst stand, dreihundert Millionen Sesterzen erworben hat? Die Kinderlosen und deren Erbschaften waren, wenn er es so sagen darf, in Senecas Netz gelockt worden, während ganz Italien und den Provinzen durch seine Praxis, Geld zu horrenden Zinssätzen zu verleihen, das Blut ausgesaugt wurde.«

Seneca war in der Tat bekannt für seinen Reichtum. Juvenal erwähnt »die großartigen Gärten des immens reichen Seneca«.20 Agrippina, so Dio, hatte ihm »unermesslichen Reichtum aus allen möglichen Quellen« verschafft.21 Der Schriftsteller Columella, der sich in seinen Werken mit der Landwirtschaft befasste, erwähnt die bemerkenswerte Produktivität seiner Weingüter in Mentana, den besten in Italien.22 Seneca hätte wahrscheinlich, wenn überhaupt, auf die Kritik an seinem Reichtum mit ähnlichen Worten geantwortet, wie er sie in seinem Essay Vom glückseligen Leben niederschrieb, den er an seinen Bruder Gallio schickte. Was zählt, sagt er darin, sei die Einstellung zum Reichtum, der der Diener des Weisen und der Herr des Narren sei. Er, ebenso wie jeder andere gute Stoiker, könne alles, was er besitze, jederzeit verlieren, ohne auch nur ein bisschen weniger glücklich zu sein. Dies ist der Kern einer langen Antwort auf den Vorwurf, den er ganz offen anspricht und der lautet: »Philosophen praktizieren nicht das, was sie predigen.« Sein typisches Leben im Alltag ließ solche Angriffe jedoch nicht zu (zumindest existieren noch seine eigenen Berichte23 über seine schlichte Ernährung und seine lebenslange Abstinenz, sein hartes Bett, kalte Bäder und täglich absolvierte Läufe). Dieses Mal entstand ihm kein Schaden durch seine Feinde.

Im Jahr 59 n. Chr. ließ Nero seine Mutter kaltblütig ermorden, nachdem der Versuch, ein Schiffsunglück zu inszenieren, kläglich gescheitert war. Es besteht Grund zu der Annahme, dass Seneca und Burrus weder von der Planung dieses Verbrechens wussten noch daran beteiligt waren, sondern lediglich nach Bekanntwerden der Fakten ihr Bestes taten, um die Auswirkungen auf die öffentliche Meinung gering zu halten. Seneca hat mit Sicherheit den Brief an den Senat verfasst, in dem »erläutert« wird, ihr Tod sei das Ergebnis der Aufdeckung eines von ihr angestrebten, lebensbedrohlichen Komplotts gegen den Kaiser. Dio möchte uns glauben machen, dass Seneca ein allgemeines Massaker verhinderte, indem er zu Nero sagte: »Egal, wie viele Menschen du abschlachtest, du kannst deinen Nachfolger nicht töten.«24

Tacitus25 berichtet, dass der Tod von Burrus (»wahrscheinlich Mord«) im Jahr 62 n. Chr. »Senecas Macht gebrochen« habe. Feinde verschafften sich Gehör bei Nero, indem sie ihm Geschichten über Senecas Popularität und seinen wachsenden Reichtum einflüsterten. Ersteres stellten sie als gefährlich für den Thron dar, Letzteres so, als würden Senecas Besitztümer die des Kaisers überschatten (dessen Fähigkeiten als Künstler und Redner, so hieß es, von seinem alten Lehrmeister ebenfalls herabgesetzt würden). Nero, so sagten sie, sei nun erwachsen und damit sei es an der Zeit, »sich von seinem Lehrer zu lösen«. Seneca, der von seinen Freunden vorgewarnt worden war, erkannte, in welcher Gefahr er sich befand, und beschloss, den Kaiser um die Erlaubnis zu bitten, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Der Bitte wurde stattgegeben, und die Trennung erfolgte in freundschaftlichem Einvernehmen.

In den letzten drei Jahren seines Lebens widmete sich Seneca der Philosophie und der Schriftstellerei. Unter anderem schrieb er in diesem Zeitraum die Epistulae Morales an Lucilius Iunior, einen gebürtigen Pompeianer und fleißigen höheren Beamten (damals Prokurator auf Sizilien), der sich offensichtlich mit Literatur und Philosophie beschäftigte. Seneca hielt sich mit seiner zweiten Frau Paulina in Süditalien auf und besuchte Rom nur noch selten. Er schenkte (laut Dio) dem Kaiser sogar sein gesamtes Vermögen, um mögliche Verdachtsmomente zu zerstreuen oder um größere persönliche Sicherheit zu erlangen. Tacitus berichtet von einem Giftanschlag auf ihn, der entweder abgewendet wurde, weil ein Sklave das Komplott verriet, oder weil sich der Philosoph aus Angst vor einem solchen Anschlag »von einer äußerst einfachen Kost aus wild wachsenden Früchten und fließendem Wasser« ernährte.26

Im Jahr 65 n. Chr. kam es dann zu der verhängnisvollen Verschwörung von Piso und anderen, zu denen möglicherweise auch Seneca gehörte, gegen den Kaiser. Es gab Berichte über eine weitere Verschwörung, die darauf abgezielt habe, auch Piso zu töten und Seneca zum Kaiser zu ernennen – »einen Mann, der durch die guten Eigenschaften, für die er so berühmt war, für die höchste Macht prädestiniert zu sein schien«.27 Doch das Komplott wurde aufgedeckt und viele Menschen verloren ihr Leben. Seneca wurde wie viele andere aufgefordert, Selbstmord zu begehen – die damals übliche Methode der kaiserlichen Hinrichtung. Tacitus’ Beschreibung von Senecas Tod lässt sich nicht so leicht vergessen.28 Seine Brüder und Lucan folgten ihm – im Zuge von Neros wahnsinniger Eliminierung von echten und eingebildeten Feinden – nach, alle durch eigene Hand.

Manche Menschen sind der Ansicht, ein wahrer Stoiker – wie Cato zu Zeiten der Republik – wäre bis zum bitteren Ende in der Politik geblieben. Aber nach dem Verlust all seines Einflusses auf Nero konnte Cato kaum darauf hoffen, der römischen Welt noch von Nutzen zu sein, und die Alternative zu seinem Rückzug wäre (zu einer Zeit, in der viele Menschen immer wieder fürchten mussten, von ihrem launischen Kaiser eine Nachricht zu erhalten, die den Selbstmord des Empfängers forderte) zweifellos der Tod gewesen. Einige andere Stoiker stellten sich tatsächlich Kaisern entgegen; der Lohn für ihren Widerstand gegen die Missherrschaft war der Märtyrertod. Seneca zog es vor, sich in der ihm verbleibenden Zeit mit der Philosophie zu beschäftigen. Es sei dem Leser überlassen, fair und unter Berücksichtigung seines chronisch schlechten Gesundheitszustandes darüber zu entscheiden, ob Senecas »Mangel an Zivilcourage außerhalb des Studierzimmers« bei solchen Ereignissen seine Leistungen schmälert. Es überrascht vielleicht, dass der Satiriker des Jahrhunderts, Juvenal, die Diskrepanz zwischen dem Verhalten dieser öffentlichen Person und ihren philosophischen Bekundungen, über die verschiedene spätere Autoren viel Aufhebens machten, nicht aufgreift.29 »Sir, wissen Sie dermaßen wenig über die menschliche Natur«, fragte Dr. Johnson, »dass Ihnen nicht klar ist, dass ein Mensch in Bezug auf seine Grundsätze sehr aufrichtig sein kann, ohne diese auch gut in die Praxis umzusetzen?« In diesem Sinne ist Seneca vielleicht das bemerkenswerteste Beispiel für jemanden, der seinen eigenen Grundsätzen nicht gerecht wurde.

Das hindert ihn jedoch nicht daran, die herausragende Persönlichkeit seiner Zeit zu sein. »Seneca, zu jener Zeit unübertroffen auf den Gebieten der Schriftstellerei und der Macht (eine Macht, die später zu groß und ihm selbst zum Verhängnis wurde), wäre der Letzte gewesen, der sich von etwas Unbedeutendem hätte beeindrucken lassen«, sagte sein Zeitgenosse Plinius.30 Geld, Macht oder Errungenschaften im öffentlichen Leben sowie in der Schriftstellerei nehmen zwar in dem Wenigen, das wir über seinen Werdegang wissen, einen großen Raum ein, doch Seneca hätte sich nicht gewünscht, dass Menschen, die heute auf seinen Namen stoßen, ihn damit in Verbindung bringen. Dass er nicht damit rechnete, vergessen zu werden, ist bekannt (in einem Brief verspricht er Lucilius sogar Unsterblichkeit, weil er mit ihm korrespondiert hat). Gern in Erinnerung geblieben wäre er jedoch für den Wert der Gedanken, die er, wie er Lucilius in seinem achten Brief mitteilt, in der Hoffnung niederschrieb, dass sie »späteren Generationen von Nutzen« sein könnten.

Seneca und die Philosophie

Der Stoizismus war über Jahrhunderte die einflussreichste Philosophie in der griechisch-römischen Welt und er besaß bereits vor Seneca eine lange Vorgeschichte. Gegründet wurde er von Zenon, der um 336/335 v. Chr. in Zypern geboren wurde und phönizischer Abstammung war. Er lehrte in einer bekannten Stoa (einer Säulenhalle oder einem überdachten Vorbau) – daher der Name – in Athen. Die Philosophie wurde anschließend von einer Reihe von Denkern weiterentwickelt und modifiziert, deren Ansichten zu diversen logischen, ethischen oder kosmologischen Fragen teilweise stark voneinander abwichen. Als moralisches Bekenntnis basierte sie jedoch durchweg auf den folgenden Glaubenssätzen.

Die Stoiker sahen die Welt als eine einzige große Gemeinschaft an, in der alle Menschen Brüder und Schwestern sind und in der eine über allem stehende Vorsehung regiert, der man – beinahe nach Belieben beziehungsweise je nach Kontext – eine Vielzahl von Namen zuweisen kann, darunter die göttliche Vernunft, die schöpferische Kraft, die Natur, der Geist beziehungsweise die Bestimmung des Universums, das Schicksal, ein einzelner Gott und sogar (als Zugeständnis an die traditionelle Religion) »die Götter«. Es ist die Pflicht des Menschen, im Einklang mit dem göttlichen Willen zu leben, und das bedeutet erstens, das eigene Leben gemäß der »Naturgesetze« zu führen, und zweitens, sich klaglos und voll und ganz in das Schicksal zu fügen, das einem widerfährt. Nur wenn der Mensch nach diesen Maßgaben lebt und nicht zu viel Wert auf Dinge legt, die ihm jederzeit genommen werden können, kann er jenen wahren, unerschütterlichen Frieden und jene Zufriedenheit finden, für die Ehrgeiz, Luxus und vor allem Habgier die größten Hindernisse darstellen.

Ein Leben »im Einklang mit der Natur« bedeutet nicht nur, die Konventionen in Frage zu stellen und sich darin zu üben, auf alles bis auf das Nötigste (einfache Nahrung, Wasser, schlichte Kleidung und Unterkunft) zu verzichten, sondern auch die angeborene Gabe der Vernunft, die uns von der Tierwelt unterscheidet, weiterzuentwickeln. Wir sollen dieses rationale Element, dieses Stückchen der universellen Vernunft, diesen »göttlichen Funken«, der uns als Menschen mitgegeben wurde, freisetzen und vervollkommnen, damit er gegen Schmerz, Trauer, Aberglauben und Todesangst ankämpfen und diese besiegen kann. Durch ihn werden wir erkennen: »Nichts ist gut oder schlecht, erst unser Denken macht es dazu.« Dieser göttliche Funke wird die Freuden und Leidenschaften zügeln und ganz allgemein den Körper und die Gefühle dem Geist und der Seele unterordnen.

Auf diese Weise werden wir zum wahren Ziel des Menschen gelangen – der Glückseligkeit –, indem wir das höchste Gut im Leben erreichen, das Ideal, das im Griechischen aretê und im Lateinischen virtus heißt – wofür das englische Wort »virtue« [zu Deutsch: Tugend] eine äußerst unzureichende Übersetzung ist. Dieses »summum bonum« oder »höchste Ideal« wird in der antiken Philosophie gewöhnlich als eine Kombination von vier Eigenschaften zusammengefasst: Weisheit (oder moralische Einsicht), Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit (oder rechtschaffenes Handeln). Es befähigt einen Menschen, »selbstgenügsam« zu sein, immun gegen Leiden und den Härten und Widrigkeiten des Lebens (oft personifiziert als Fortuna, die Göttin des Schicksals) überlegen. Sogar ein Sklave kann – wenn er über diese Eigenschaften verfügt – als »frei« oder gar als »König« bezeichnet werden, da ihm selbst ein König nichts anhaben kann. Ein weiteres Beispiel für diese »Paradoxa«, für die die Stoiker berühmt waren, richtet sich gegen den Stolz auf weltlichen Besitz: »Der kürzeste Weg zu Reichtum ist die Verachtung des Reichtums.«31

Diese Ethik – gemeinsam mit einem System aus Physik und Logik, auf dem sie fußt – wurde zuerst von Denkern entwickelt, die Griechisch sprachen, aber größtenteils nicht europäischer Abstammung waren, sondern aus Kleinasien oder aus der Levante, etwa Tarsus, Zypern und Babylon, stammten. Dies scheint die Anziehungskraft, die diese Ethik auf gebildete Römer ausübte, als sie ihnen um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. zum ersten Mal unterkam, nicht gemindert zu haben. Die darin enthaltenen Pflichten – Tapferkeit und Durchhaltevermögen, Selbstbeherrschung und Eigenverantwortlichkeit, redliches Verhalten und gerechtes Handeln, einfache statt ausschweifender Gewohnheiten, Vernunft, Gehorsam gegenüber dem Staat – waren für viele Römer selbstverständlich und entsprachen ziemlich genau der traditionellen Vorstellung von virtus. Die Entwicklung des jus naturae durch die römischen Juristen und die Identifikation der stoischen Weltgemeinschaft oder cosmopolis mit dem römischen Reich durch Posidonius kamen der Akzeptanz zusätzlich zugute. Später missbilligten Kaiser die stoische Ansicht, bei einem Herrscher (dieser Begriff schließt Statthalter, Magistrate und Verwaltungsbeamte ein)32 handele es sich um einen Menschen, dessen Handlungen kritisiert werden dürften. Einige dieser Kaiser reagierten darauf mit der Verbannung »der Philosophen«. Aber die Stoiker waren in der Regel weit davon entfernt, der Monarchie als solcher feindlich gegenüberzustehen, auch wenn sie öffentlich erklärten, dass der Rang keinerlei Bedeutung im Vergleich zu der Pflicht aller Menschen habe, ungeachtet ihres Standes ihrer Aufgabe im Leben gerecht zu werden.

In gebildeten Kreisen genoss der frühe Stoizismus eine breite Akzeptanz, doch bei der Masse der Bevölkerung gewann er nur wenig an Einfluss. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass der sapiens, der Weise oder Philosoph, etwas Unwirkliches beziehungsweise Fiktives an sich hatte. So, wie die stoischen Redner von dieser Idealfigur sprachen, schien sie vor langer Zeit irgendwie durch eine plötzliche Verwandlung perfekt geworden zu sein; eine allmähliche Selbstverbesserung wurde kaum thematisiert. Dieses Ideal erschien als Ziel für einen Normalsterblichen unerreichbar. Der Weise unterdrückte die gewöhnlichen menschlichen Emotionen, um nach apa-theia zu streben, der Unempfindlichkeit gegenüber Gefühlen. So soll Cato, der große heilige Stoiker, einmal sein Bedauern darüber geäußert haben, dass er in einem Moment der Gefahr seine Frau geküsst hatte. Damit ging die Ansicht einher, dass die Selbstachtung eines Menschen unter bestimmten Umständen den Selbstmord als Akt höchster Noblesse fordern könne. Indem er das Ideal von autarkeia, der Selbstgenügsamkeit, verfolgte, schien der vollkommene Mensch jemand zu sein, der von seinen Mitmenschen losgelöst und distanziert und der Welt, in der er lebt, überlegen ist. Insgesamt konnte bei allem Idealismus und aller Aufrichtigkeit ein kalter, dogmatischer und unrealistischer Eindruck dieses idealen Weisen entstehen. Senecas Beitrag zur antiken Philosophie bestand darin, diese Überzeugung mit Menschlichkeit zu füllen, womit er einen Prozess fortsetzte, der lange zuvor auf Rhodos und in Rom von Panaitios und Poseidonios begonnen worden war.

Obwohl Seneca für einen relativ kleinen Kreis von gebildeten Menschen schrieb (er richtete seine Werke in der Regel an einen bestimmten Freund oder Verwandten, als wäre er dessen spezieller spiritueller Berater), zeigen seine Briefe und Essays einen Stoizismus, der enger mit der Realität und der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur verbunden ist. Das Ideal von apatheia ist stark modifiziert. Trotz seiner Selbstgenügsamkeit kann der sapiens jetzt Freunde haben und – in einem gewissen Rahmen – über den Verlust eines Freundes trauern. Es ist nun seine Pflicht, zu anderen freundlich zu sein und Nachsicht mit ihnen zu haben, ja sogar »für den anderen zu leben«.33 In Bezug auf seine Lebensweise sollte er es vermeiden, sich demonstrativ von denen zu unterscheiden, die er von ihrer moralischen Unwissenheit zu befreien versucht. Er muss wie alle anderen gegen die eigenen Schwächen ankämpfen, in einem langen und schmerzhaften Prozess der Vervollkommnung, bei dem jeder Hilfe von oben oder Inspiration durch das Beispiel anderer gebrauchen kann. Seneca selbst, so lässt sich feststellen, äußert sich gelegentlich unbescheiden zu seinen eigenen Fortschritten, ist aber durchaus zur Bescheidenheit fähig, wie in einer Beschreibung seiner selbst als »weit davon entfernt, ein erträglicher, geschweige denn ein vollkommener Mensch zu sein«.34

Seine Aussagen über die Verwandtschaft des Menschen mit einem gütigen, ja liebenden Gott und über den Glauben an das Gewissen als göttlich inspiriertes »inneres Licht des Geistes« sind religiöser als alles, was die römische Staatsreligion ausmachte, die zu seiner Zeit kaum mehr als ein verkümmertes Überbleibsel der formalen Verehrung einer Vielzahl antiker Götter und Göttinnen war. Christliche Autoren haben schnell bemerkenswert enge Parallelen zwischen einzelnen Sätzen in Senecas Schriften und Versen der Bibel registriert.35 Andererseits wurde das Wort »Gott« oder »die Götter« von den Philosophen eher als altehrwürdiger und zweckdienlicher Ausdruck verwendet, als dass es für irgendeinen unverzichtbaren oder auch nur sicher identifizierbaren Bestandteil des stoischen Systems gestanden hätte. Und der Stoizismus neigte immer dazu, die Bedeutung des Menschen zu erhöhen, statt ihn vor einer höheren Autorität zu erniedrigen. Gelegentlich wurde die Hoffnung auf Unsterblichkeit geäußert, aber das ist bei Seneca nicht der Fall. Wie die meisten Stoiker war er der Ansicht, dass der Lohn der Tugend in ihr selbst liegt, wie auch das Laster selbst die Strafe für eben dieses Laster ist. Der religiöse Hunger der breiten Masse seiner Zeit sollte nicht durch die Philosophie, sondern durch die Kulte von Isis und Mithras und das Christentum gestillt werden.

Für die antike Welt hat er also nicht nur die Philosophie in der lateinischen Literatur wiederbelebt, sondern auch den Stoizismus »spiritualisiert und menschlicher gemacht«36. Und wie steht es mit Seneca und moderner Philosophie? Letztere hat, zumindest an den Universitäten der englischsprachigen Welt, seit einiger Zeit einen Kurs eingeschlagen, den er sicherlich verurteilt hätte. So hätte er nicht verstanden, dass sie sich der gewöhnlichen Sprache bedient, und einige seiner Briefe (zum Beispiel der 48. Brief) machen deutlich, dass sie seine Ungeduld mit Philosophen (die Stoiker nicht ausgenommen) zu spüren bekommen hätte, die in seinen Augen die Philosophie entwürdigen, indem sie ihre Zeit mit verbalen Rätseln oder logischen Haarspaltereien verschwenden. Mehr noch, er hätte die Meinung, der sich die meisten Philosophen im letzten halben Jahrhundert stillschweigend oder auf andere Weise angeschlossen haben, dass es nicht zur Aufgabe der Philosophie gehöre, Leute zu besseren Menschen zu machen, als gleichbedeutend mit Desertion oder Hochverrat verurteilt. Sein großes Vertrauen in die Philosophie beruhte auf der Überzeugung, dass diese ein ganz praktisches Ziel habe, nämlich die Heilung von Seelen sowie Ruhe und Ordnung in die fiebrigen Gemüter der Menschen zu bringen, die die falschen Ziele im Leben verfolgten. »Was wir sagen, sollte nützlich und nicht nur unterhaltsam sein.«37 Selbst Spekulationen über die Natur oder den Sinn des Universums waren von untergeordneter Bedeutung, etwas, das der Philosoph nach Belieben in ruhigen Momenten aufgreifen konnte oder auch nicht. Fieldings Beobachtung, dass nur wenige Menschen, die »mit Wohlstand oder Widrigkeiten überladen« sind, zu weise oder zu töricht sein könnten, um nicht von der Lektüre Senecas zu profitieren, dürfte ihn nicht nur als Hinweis darauf gefreut haben, dass sich seine Schriften für spätere Generationen als »nützlich« erweisen, sondern auch als Beweis dafür, dass ein Philosoph immer noch als jemand angesehen werden kann, den man um Rat oder Trost bittet. Für Seneca waren, wie der 90. Brief und andere Briefe deutlich zeigen, der Philosoph und der Weise ein und dieselbe Person.

Unabhängig davon, ob seine Briefe noch immer als Wegweiser für ein zufriedenes Leben herangezogen werden, kann man sie nicht lesen, ohne zu bemerken, wie weit seiner Zeit voraus viele von Senecas Gedanken sind – zum Beispiel über die Veranstaltungen in der Arena oder die Behandlung von Sklaven. Sein bedingungsloser Glaube an die Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen trotz aller Schranken in Bezug auf Hautfarbe, Klasse oder Stand entstammt den Tagen der frühen Stoiker, wo diese Ansichten direkt zu großen Verbesserungen in der rechtlichen Stellung der Sklaven geführt haben. Dieser Glaube erklärt nicht nur die damals bemerkenswerte Haltung gegenüber den Sklaven, die im 47. Brief zum Ausdruck kommt, sondern er war auch der Keim der Vorstellung eines Naturrechts, eines Rechts, von dem man annahm, dass es über nationale Grenzen hinausgehe und eine Grundlage für die Gültigkeit des internationalen Rechts bilde. Diese Elemente des Stoizismus leisteten einen nicht geringen oder indirekten Beitrag zur französischen und amerikanischen Revolution.

Seneca und die Literatur

Seine Briefe und andere Schriften

»Seneca«, so erzählt Quintilian, »widmete sich praktisch allem, was sich zum Gegenstand von Studien machen lässt – Reden, Gedichte, Briefe, Dialoge, die allesamt überdauern.« Vieles davon ist verloren gegangen, darunter alle seine Reden (politische und juristische), eine Biografie seines Vaters und Aufsätze oder Abhandlungen über die Ehe, den Aberglauben und eine Vielzahl anderer, vor allem wissenschaftlicher Themen.

Die Werke, die uns erhalten geblieben sind (abgesehen von kurzen Gedichten oder Epigrammen, deren Zuordnung zu Seneca manchmal zweifelhaft ist), lassen sich in zwei Hauptgruppen einteilen. Da sind zum einen die philosophischen Briefe und Essays, darunter Abhandlungen mit Titeln wie Vom glückseligen Leben, Von der Kürze des Lebens, Von der Vorsehung, Über die Wut, Über die Güte, Naturwissenschaftliche Untersuchungen und literarische Trostschriften für Trauernde. Und zweitens gibt es die Tragödien, die wahrscheinlich nie aufgeführt wurden und nur zum Lesen oder Rezitieren in einem relativ kleinen Kreis bestimmt waren.38

Die 124 Briefe an Lucilius sind etwas völlig Neues in der Literatur. Mit diesen Briefen, die sein hervorstechendster und unmittelbarster literarischer Erfolg waren, ist Seneca der Begründer des Essays. Wie Francis Bacon es in der Widmung seines eigenen Werkes Essays an Prince Henry ausdrückte: »Der Begriff ist noch recht neu, aber die Sache an sich ist uralt. Denn Senecas Briefe an Lucilius sind, wenn man sie genau liest, Essays, also einzelne Betrachtungen, die aber in Form von Briefen transportiert wurden.« Die Epistulae morales sind verkleidete Essays. Es heißt,39 dass es sich um echte Briefe handele, die zum Zwecke der Veröffentlichung überarbeitet wurden. Es scheint sehr wahrscheinlich, dass sie von Anfang an zur Veröffentlichung bestimmt waren, der möglicherweise ein Zeitraum vorausging, in dem sie in privatem Kreis Verbreitung fanden. Es sind keine Antworten überliefert.

Der Ton schwankt zwischen lebhafter, um nicht zu sagen umgangssprachlicher, Konversation und ernsthafter Abhandlung; gelegentlich wird er auf ein höheres Sprachniveau gehoben,40 bleibt aber im Allgemeinen informell. Die »Lehre« bedient sich verschiedener Quellen; die ersten dreißig Briefe enthalten jeweils ein Zitat aus oder einen Verweis auf Schriften der wichtigsten rivalisierenden philosophischen Schule, nämlich die der Epikureer. Die Einführung imaginärer Fragen oder Einwände (oft in bissigem Ton) durch den Briefpartner oder einen anderen Zwischenrufer und die häufige und dringende Ermahnung des Zuhörers zur Selbstverbesserung zeugen vom Kolorit der Schmährede, während Vertraulichkeiten über den eigenen Charakter des Verfassers und die nicht seltene Wahl von Trost oder Freundschaft als Thema dazu dienen, die Atmosphäre eines Briefes aufrechtzuerhalten. Persönliche Begebenheiten oder die Umgebung werden regelmäßig zum Anlass ernster, abstrakter Überlegungen gemacht. Seneca verurteilt auch durchaus bissig die Lebensweise mancher Menschen in seinem Umfeld, insbesondere der gelangweilten und vergnügungssüchtigen Angehörigen der römischen Aristokratie. Auch die Kultur kommt nicht zu kurz, sei es in Form von ausgewogenen Diskussionen über altehrwürdige philosophische oder ethische Fragestellungen41 oder durch die Entwicklung von Gedanken beispielsweise über die Poesie, physikalische Phänomene oder den Stil.

Sein Stil

Der Stil ist bei Seneca von großer Bedeutung. Auch wenn er selbst Menschen verurteilt,42 die weniger darauf achten, was sie zu sagen haben, als darauf, wie sie es sagen, ist er ein gutes Beispiel für einen Schriftsteller, für den die Form ebenso wichtig war wie der Inhalt. Bei Schriftstellern wie ihm (die einer Ära angehören, die gemeinhin als das Silberne Zeitalter der lateinischen Literatur bezeichnet wurde) führte das ständige Streben nach Kürze und Originalität des Ausdrucks zu einem fesselnden, nicht leicht verdaulichen Stil.

Für die Entwicklung dieses »zugespitzten« Stils gab es Gründe. Mit dem Ende der Republik und nachdem eine ganze Reihe argwöhnischer Kaiser aufeinandergefolgt waren, hatte sich sowohl die Bandbreite der Themen verringert, über die man gefahrlos sprechen konnte, als auch der praktische Wert einer rhetorischen Ausbildung für eine Karriere im öffentlichen Leben. Der müßiggängerische Römer (nun zunehmend allzu müßiggängerisch) widmete sich eher einer literarischen als einer politischen Ausbildung; und die Mittel, mit denen das neue Hauptziel der stilistischen Brillanz erreicht werden sollte, waren die der Rhetorik. All dem leistete der Trend Vorschub, öffentliche Lesungen der eigenen Werke abzuhalten, bei denen der Erfolg beinahe daran gemessen wurde, ob jeder einzelne Satz Beifall fand. Aus den Schulen der Rhetorik übernommen wurde auch die Vorliebe für manchmal gewagte poetische Worte, insbesondere von Vergil, und für künstliche Ausdrucksformen, die eher für Verse als für Prosa typisch waren.

Zu dem vorrangigen Ziel der Prägnanz oder epigrammatischen Kürze (die im krassen Gegensatz zum Stil Ciceros ein Jahrhundert zuvor stand) kam die Duldung der Umgangssprache hinzu. Senecas Gebrauch von volkstümlichen Wendungen und alltäglichen Ausdrücken (eine Praxis, die bei römischen Autoren, die nicht für die komische Bühne oder Fachtexte schreiben, selten ist) und die bewusste Pflege eines leichtgängigen, gesprächigen Stils werden, sogar in den Briefen, mit Stilelementen in Einklang gebracht, die uns hochgradig ausgearbeitet und geschliffen erscheinen. Die Nutzung von Figuren wie Antithese, Alliteration, Homöoteleuton und allerlei anderen Wortspielen, Paradoxon und Oxymoron, Apposition und Asyndeton, die Verwendung von Fällen und Präpositionen in ungewöhnlichen Konnotationen, all das trägt zum doppelten Ziel der Kürze und des Glanzes bei.

Das Ergebnis mag sich im Lateinischen natürlicher lesen, als es im Englischen [und im Deutschen] jemals möglich wäre, dennoch hat es häufig zur Folge, dass der Leser im Anschluss »geblendet und ermüdet« ist.43 All die vielen Epigramme und Veranschaulichungen sowie ihre raffinierte Ausgestaltung können nicht verhindern, dass wir das Gefühl haben, dass die Sätze oft einfach »denselben Gedanken, nur in andere Gewänder gekleidet, immer und immer wieder wiederholen«, wie Fronto ein Jahrhundert später beklagte. Und dieser Widerwille, wie es scheint, zu sagen, was man zu sagen hat, und dann damit fertig zu werden, anstatt rastlos noch kühnere, treffendere oder geschliffenere Sätze oder Sprichwörter zu erschaffen, erregt manchmal die Ungeduld heutiger Leser. Dazu passt die berühmte Aussage Macaulays in einem Brief an einen Freund: »Ich kann Seneca nicht ertragen … Seine Werke bestehen aus Sinnsprüchen. Es gibt kaum einen Satz, der nicht zitiert werden könnte; aber ihn längere Zeit am Stück zu lesen, ist so, als würde man beim Abendessen nur Sardellensauce zu sich nehmen.« Quintilian44 war der Meinung, dass Seneca, den er im Großen und Ganzen respektierte und bewunderte, die Kraft seiner Lehre durch seine Art zu schreiben schwächte, und auch andere haben sich gefragt, ob sein Stil nicht seines Themas unwürdig sei.

Es ist interessant zu hören, wie Quintilian über seine Bemühungen spricht, seine Schüler von Vorbildern wie Seneca abzubringen (der, wie er sagt, »praktisch als Einziger unter den Autoren in den Regalen eines jeden jungen Mannes jener Zeit zu finden war«). Als Akademiker, der für die Orthodoxie und die Rückbesinnung auf die ältere Manier nach dem Vorbild von Cicero eintrat, konnte er sich nicht dazu durchringen, einem Autor Anerkennung zu zollen, dessen Schreibstil seiner Meinung nach »einen Grad der Verderbnis aufweist, der um so gefährlicher ist, als die Fehler, von denen er strotzt, so anziehend sind«, und der sich sogar zu der ketzerischen Aussage verstieg: »Der Sprachstil kennt keine festen Regeln.«45

Sein Einfluss und seine Anziehungskraft

Während Gelehrte und Schulmeister im darauffolgenden Jahrhundert weiterhin Seneca verdammten,46 fanden die frühen Christen Gefallen an diesem verwandten Geist unter den heidnischen Schriftstellern, von dem sie viele Ideen und Haltungen übernehmen oder teilen konnten. Es wurden Anthologien über ihn verfasst, und er wurde häufig von Schriftstellern wie Hieronymus, Lactantius und Augustinus zitiert. Tertullian nannte ihn saepe noster, »häufig einer von uns«. Die erhalten gebliebenen Briefe, bei denen es sich angeblich um eine Korrespondenz zwischen Seneca und dem heiligen Paulus handelt (die wahrscheinlich von einem Christen verfasst wurden, aber bis in die Neuzeit als echt galten), veranlassten Hieronymus, ihn in sein sogenanntes Heiligenverzeichnis aufzunehmen, und trugen zweifellos dazu bei, sein großes Ansehen im Mittelalter zu erklären, so wie die angebliche Prophezeiung der Geburt des Messias in Vergils vierter Ekloge dazu beitrug, dessen Namen in der Christenheit bekannt zu machen.

Von den klassischen Autoren war im Mittelalter nur Cicero – wenn überhaupt einer – bekannter, und bis Aristoteles in Westeuropa wiederentdeckt wurde, war Senecas »wissenschaftliches« Hauptwerk, die Naturales quaestiones, das unbestritten bedeutsamste Werk zu den Themen, mit denen es sich befasste. Dante, Chaucer und Petrarca waren große Bewunderer von Senecas Schriften und zitierten gern daraus.47 Durch den Buchdruck vergrößerte sich sein Einfluss; die erste gedruckte Version der Epistulae wurde um 1475 in Rom, Paris und Straßburg veröffentlicht. Erasmus48 war der Erste, der eine kritische Ausgabe herausgab (1515), und Calvins erstes Werk war eine Ausgabe von De clementia (1532), einer Abhandlung, die ursprünglich geschrieben wurde, um Nero zur Milde zu ermuntern, und die im Übrigen einen großen Teil der Rede über die »Qualität der Barmherzigkeit« im Kaufmann von Venedig inspirierte.

Montaigne49 nahm als Erster unter den großen modernen Literaten und am auffälligsten Anleihen bei Seneca. Pasquiers Bewunderung für Montaigne veranlasste ihn zu folgenden Worten: »Was seine Essays betrifft, die ich als Meisterwerke bezeichne, so gibt es kein anderes Buch in meinem Besitz, das ich so sehr schätze. Ich finde immer etwas darin, das mir gefällt. Es ist ein französischer Seneca.«

Wertschätzungen von Seneca als Moralist lassen sich in zahlreichen Werken finden. John of Salisbury soll gesagt haben: »Quintilian möge mir die Bemerkung verzeihen, aber es gibt unter den Nichtchristen nur sehr wenige, wenn überhaupt irgendwelche, Verfasser von Verhaltensregeln, deren Worte und Gedanken sich leichter auf alle möglichen praktischen Dinge anwenden ließen.« Emerson meinte: »Erschaffe deine eigene Bibel. Wähle und sammele alle Wörter und Sätze, die dir bei deiner Lektüre wie ein triumphaler Trompetenstoß aus Shakespeare, Seneca, Moses, Johannes und Paulus entgegenschallen.« Baudelaire stellt ihn in seinem Essay De l’Essence du Rire in noch erhabenere Gesellschaft, indem er an einer Stelle die modernen zivilisierten Sitten auf »la venue de Jésus, Platon et Sénèque aidant« zurückführt. In Briefen an Peter Gilles schreibt Erasmus (in den Worten von Froude) »in brüderlich guter Laune und rät ihm, geregelt zu arbeiten, ein Tagebuch zu führen, sich daran zu erinnern, dass das Leben kurz ist, Platon und Seneca zu studieren, seine Frau zu lieben und die Meinung der Welt zu ignorieren«. Königin Elisabeth I. »bewunderte Senecas erbauliche Ratschläge sehr«, sagt ihr Patensohn Sir John Harington, der sie oft an Übersetzungen derselben hat arbeiten sehen.50 Obwohl die großen Literaten in der Regel die Briefe am meisten schätzten, waren es tatsächlich Senecas Theaterstücke, die – mit all ihren Fehlern – den größten Einfluss auf die europäische Literatur hatten. »Wenn du Senecas Denkmal suchst, sieh dich auf der tragischen Bühne Englands, Frankreichs und Italiens um.«51

Im späten elisabethanischen Zeitalter und im frühen 17. Jahrhundert befand sich der Einfluss von Seneca auf dem Höhepunkt. Seine schriftstellerischen Werke waren weithin bekannt und sowohl Lyriker als auch Essayisten und Dramatiker ahmten ihn nach.52 Seine Popularität hielt in Frankreich eine Zeit lang an, wo Descartes, Corneille, La Fontaine, Poussin, Rousseau, Diderot, Balzac und Sainte-Beuve zu seinen Bewunderern zählten, verschwand aber in England fast völlig. Die Begeisterung beispielsweise von De Quincey (»Weder gibt es einen edleren Meister des denkenden Heidentums, noch, wenn die Scheinheiligkeit der Kritik ihr Schlimmstes geleistet hat, einen brillanteren Meister der Komposition.«) war eine Ausnahme, und Seneca könnte heutzutage als vergessener Schriftsteller bezeichnet werden.

Anmerkung zur Übersetzung und zum Text

Zur englischsprachigen Übersetzung von Robin Alexander Campbell, die als Quelltext für diese deutsche Übersetzung diente

Übersetzungen – und die Ziele und Methoden einzelner Übersetzer (wenn sie kühn genug sind, diese offenzulegen) – sind selten schwer zu kritisieren. Doch wie weit die Gelehrten auch von einer Einigung über die Grundsätze der Übersetzung eines klassischen Autors entfernt sein mögen, so lässt sich der intelligente Leser doch weder mit einer wörtlichen Wiedergabe – nach dem schmerzlichen Vorbild der altmodischen Schulaufgabe – zufriedenstellen, noch mit einer genialen Paraphrase – wie ansprechend das Ergebnis auch manchmal gewesen sein mag, wenn ein Dichter einen anderen Dichter übersetzt hat. Irgendwo zwischen diesen beiden Arten liegt die ideale Übersetzung, deren Ziel ich als exakte Wiedergabe des Originals ohne Auslassung oder Hinzufügung definieren würde, die sowohl dessen Klang (Form, Stil) als auch dessen Sinn (Inhalt, Bedeutung) einfängt.

Die Reproduktion des Stils stellt, außer bei gewöhnlicher Konversations- oder Umgangsprosa, einen Übersetzer vor gewaltige Probleme. Als Fachmann ist man der Ansicht, dass der Versuch unternommen werden sollte, selbst wenn es sich um ein so schwieriges Merkmal der Poesie handelt wie ihre metrischen Muster. Das Ergebnis darf jedoch niemals ein so unnatürliches oder gekünsteltes Englisch sein (es sei denn, das Original selbst wollte solche Effekte erzielen), dass der Leser es nicht ertragen kann. Und diese Überlegung hat meine Ansicht abgeschwächt, dass die Kürze oder die Rhetorik oder andere Elemente von Senecas Schreibstil jeweils genau nachgeahmt werden sollten. Es ist zum Beispiel kaum möglich, die Verdichtung eines Satzes wie Habere eripitur, habuisse numquam oder Magis quis veneris quam quo interest zu reproduzieren. In diesem Bereich des Stils kann niemand behaupten, dass eine Übersetzung von den Qualitäten des Originals »nichts einbüßt«.

Schließlich muss eine Übersetzung eines literarischen Werkes lesbar sein. Damit der Leser nicht daran erinnert wird, dass er eine Übersetzung liest, müssen alle außer den wenigen zeitlosen Fassungen der Werke klassischer Autoren vielleicht alle fünfzig Jahre überarbeitet oder neu angefertigt werden. Aus dem gleichen Grunde liegt es übrigens nahe, dass Unklarheiten (zum Beispiel Anspielungen, die nur ein Latinist bemerkt oder zu schätzen weiß) durch kleine Erweiterungen erläutert oder beseitigt werden können, und ich habe mich dieser Praxis gelegentlich als Alternative zu einem ablenkenden Verweis bedient.

Der formale Anfang und das formale Ende jedes Briefes (Seneca Lucilio suo salutem und Vale) wurden weggelassen. Umgangssprache kommt in gleichem Maße zur Anwendung wie bei Seneca selbst. Wenn ein früherer Übersetzer eine Formulierung gefunden hat, von der man (unwillkürlich) überzeugt ist, dass sie nicht zu übertreffen ist, ist es sicherlich absurd – umso mehr, wenn man glaubt, dass es in der Sprache der Zeit des Übersetzers fast immer nur eine beste Wiedergabe gibt –, nur um der Originalität willen mit einer schlechteren oder weniger genauen fortzufahren. In dieser Hinsicht bin ich an einigen Stellen Gummere und Barker, den Übersetzern der Loeb- (1917–1925) beziehungsweise Clarendon-Press-Fassung (1932), zu Dank verpflichtet.

Die Übersetzung, die ursprünglich auf dem Text von Beltrami (1931) basierte, wurde mit dem Oxford Classical Text (1965) von L. D. Reynolds in Einklang gebracht, dem ich für seine Hilfe in mehreren schwierigen Punkten dankbar bin. Mein Dank gilt ebenfalls mehreren Freunden, die sich vielleicht nicht mehr an die Hilfe oder das Interesse und die Ermutigung erinnern, die sie mir zu einem bestimmten Zeitpunkt zuteilwerden ließen, darunter meine ehemaligen Tutoren Tom Stinton und Dacre Balsdon, die mich in den Teilen dieses Werkes, die sie gesehen haben, vor einer Reihe von Irrtümern gerettet haben. Mein Dank gilt außerdem Dr. Michael Grant für die Erlaubnis, seine Übersetzung von Tacitus’ Bericht über Senecas Tod aus The Annals of Imperial Rome (Penguin Books, 1956) abdrucken zu dürfen.

Von insgesamt 124 Briefen, die Seneca an Lucilius schrieb, sind in diesem Werk 42 enthalten. Manchen stellt sich vielleicht die Frage, nach welchen Kriterien entschieden wurde, welche Briefe aufgenommen oder weggelassen werden sollten. Zunächst einmal ging es darum, wie groß ihr Belang ist – inwiefern sie eine Philosophie darlegen und zu einem Bild von einem Mann und seiner Zeit beitragen. Das zweite Kriterium war die Vermeidung unangemessener Wiederholungen bestimmter Themen eines Moralisten, der zu Wiederholungen neigt. Aus ähnlichen Gründen wurden ein oder zwei der Briefe durch die Auslassung einiger Passagen (die jeweils gekennzeichnet sind) gekürzt. Zu meiner ultimativen Verteidigung dient aber natürlich die Ausrede des Anthologie-Herausgebers, dass die Auswahl schlichtweg subjektiv erfolgte.

Zu dieser deutschen Übersetzung

Den Ausführungen von Robin Alexander Campbell ist kaum etwas hinzuzufügen. Wie er bereits angemerkt hat, lässt sich kein Text 1:1 in eine andere Sprache übertragen. Häufig stehen mehrere Übersetzungsmöglichkeiten mit unterschiedlichen Bedeutungsnuancen zur Auswahl, und so ist jede Übersetzung auch immer zu einem Teil eine Interpretation.

Diese Ausgabe von Senecas Briefe an Lucilius fußt auf einer englischsprachigen Übersetzung. Dort wurden bereits zahlreiche Entscheidungen in Bezug auf den Text getroffen. Gleiches gilt nachfolgend für die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche. Selbstverständlich wurde darauf geachtet, dass die Inhalte, die Seneca in seinen Briefen transportieren wollte, sich so auch in dieser Ausgabe, die Sie gerade in den Händen halten, wiederfinden. Darüber hinaus ist es allen Beteiligten an dieser Übersetzung wichtig, dass das Werk mit Blick auf heutige sprachliche Gepflogenheiten gut lesbar ist. Der Inhalt und ein natürlicher Sprachfluss erhielten also den Vorzug vor der Reproduktion eines jahrtausendealten Stils.

Nachbemerkung zur Einführung

An dieser Stelle fällt es schwer, nicht aus dem Vor- und Nachwort des von Sir Roger L’Estrange 1673 herausgegebenen Sammelbandes Seneca’s Morals by Way of Abstract zu zitieren (ohne die Kritik entkräften zu wollen!):

Ein anderer Mann an meiner Stelle würde sich vielleicht zwanzig Mal für sein mangelndes Geschick bei der Leitung dieser Angelegenheit entschuldigen, aber das sind nur formale und pedantische Albernheiten: Als ob ein Mann, der sich zunächst innerlich für einen Narren hält, sich danach auch in gedruckter Form zu einem machen würde. Zu dieser Zusammenfassung, so wie sie ist, sind Sie äußerst willkommen; und ich bedaure, sowohl für Sie als auch für mich, dass sie nicht besser ist, denn wenn sie nach dem Geist des Originals geschrieben wäre, wäre sie eines der wertvollsten Geschenke, die jemals ein Privatmann der Öffentlichkeit gemacht hat.

Büchern und Speisen ist dieses Schicksal gemein: Von beiden hat es noch nie eines gegeben, das den Geschmack aller getroffen hätte. Und in Wahrheit wäre das ebenso wenig zu wünschen wie zu erwarten; denn universeller Beifall ist mindestens zu zwei Dritteln ein Skandal. Obwohl ich also diese Schriften der Druckerpresse übergebe, lade ich niemanden dazu ein, sie zu lesen. Und wer sie dennoch liest und es bereut, ist selbst schuld. Zum Schluss: Da ich diese Sammlung hauptsächlich für mich selbst erstellt habe, stimmt sie außerordentlich gut mit meiner Verfassung überein; und dennoch, wenn irgendjemand die Absicht hat, sich mir anzuschließen, hat er dazu die freie Erlaubnis und ist willkommen. Doch sollte er sich überlegen, dass er ein sehr unhöflicher Gast wäre, würde er sich an den Tisch eines anderen drängen und sich dann über das Essen beschweren.

Briefe an Lucilius

2. Brief

Nach dem zu urteilen, was du mir erzählst und was ich über dich höre, glaube ich, dass du sehr vielversprechend bist. Du ziehst nicht von Ort zu Ort und lässt dich nicht durch einen Wohnungswechsel nach dem anderen aus dem Gleichgewicht bringen. Eine solche Unruhe ist symptomatisch für einen kranken Geist. Meiner Meinung nach ist der beste Beweis für eine gute seelische Verfassung die Fähigkeit eines Menschen, dort zu verweilen, wo er gerade ist, und einige Zeit nur mit sich selbst zu verbringen.