Verlag: Freies Geistesleben Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Broken Lands - Kate Milford

Ein einziger Funke würde in dieser Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg schon genügen, um New York in einem Chaos aufgehen zu lassen. Die Energie, über die Walker und Bones, die Unheimlichen, verfügen, um die Stadt in eine Hölle zu verwandeln, ist noch weit mächtiger. Wo sind die Hüter der Stadt? Und wer sind sie überhaupt? Die junge Chinesin Jin mit ihren genialen Feuerwerkskünsten und der trickreiche Kartenspieler Sam, die sich inmitten der Schreckensinvasion kennenlernen, stellen sich selbst dämonischen Akteuren entgegen. Und mysteriöse Wanderer, Sucher und Grenzgänger, tragen ihre Erfahrungen bei. An der noch unvollendeten Hängebrücke zwischen Brooklyn und New York wird sich die Zukunft des zerbrochenen Landes entscheiden. Kate Milfords Roman ist eine prickelnde Mischung aus Geschichte, Fiktion, Folklore und Fantasy. Die filigranen Bilder von Andrea Offermann zaubern genau diese Atmosphäre herauf.

Meinungen über das E-Book Broken Lands - Kate Milford

E-Book-Leseprobe Broken Lands - Kate Milford

Jin erstickte die Flamme des Feuerzeugs, und sie und Sam kauerten sich in die Dunkelheit.

KATE MILFORD

BROKEN LANDS

Mit Illustrationen von

Andrea Offermann

Aus dem Englischen von Alexandra Ernst

Verlag Freies Geistesleben

INHALT

1. Grips, Gespür und Gaunerei

2. Holznickel im Reverend Dram

3. Das Hotel Broken Land

4. Der Zauberdieb

5. Der Prozess

6. Jin

7. Norton’s Point

8. Durch Blut

9. Das Zunderbuch des Flammenmeisters

10. Die Geschichte von Jack

11. Die erste Säule

12. Tammany Hall

13. Der Gentleman aus der Bowery

14. Headcutter

15. Red Hook

16. Die fünfte Säule

17. Das Herz aus Zinnober

18. Füchse und Tiger

19. Flammenmeister

20. Das Wagnis

21. Artistik und Alchemie

22. Tesserian

23. Santine

24. Das East River-Feuerwerksprojekt

25. Die Botschaft

26. Fangshi

27. Die Cinefaktion

28. Die Wurzel

29. Die Toten

30. Die Wanderer

Nachbemerkung der Autorin

Danksagung

Glossar

Dieses Buch ist Brooklyn gewidmet und den Menschen, die daraus ein Zuhause gemacht haben: Alli, Ray, Alfred, Erin, Julie, die ehrwürdigen Mitglieder der Paisley Stocking Society und ganz besonders Nathan,

Sprocket und Ed.

Und unserem Baby. Wer immer du auch sein wirst, wir lieben dich schon jetzt. Komm bald nach Hause. Brooklyn wartet auf dich.

K.M.

1

GRIPS, GESPÜR UND GAUNEREI

Coney Island, August 1877

Eine Kreuzung kann ein Ort großer Macht sein; das sollte niemanden wirklich überraschen. Es ist ein Ort, an dem man wählen kann, an dem man geprüft wird, ein Ort des Übergangs, und in diesen Dingen liegt beträchtliche Kraft.

Aber eine Kreuzung ist nicht immer das, was sie zu sein scheint. Eine Kreuzung kann einem auflauern. Und selbst wenn man die beiden staubigen Straßen fest im Auge behält, wenn man zu wissen meint, welche davon man einschlagen will und welche man links liegen lässt, genau dann wird sich die Kreuzung als etwas völlig anderes offenbaren.

Es kann ein Kartenspiel sein. Wie die Partie Monte, die Saverio Noctiluca, genannt Sam, gleich verlieren würde.

Vielleicht lag es daran, dass es ein ganz besonders vollkommener Augustnachmittag war – nicht zu heiß, mit einem sanften Lüftchen, das übers Wasser wehte und gerade so stark war, dass es die unangenehmen Gerüche von der Culver Plaza vertrieb, aber nicht so heftig, dass die Karten vom Tisch geweht wurden. Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Saison so öde gewesen war. Seit Jahren schon wollten einem die Schlagzeilen in den Zeitungen weismachen, dass sich das Land in einer Depression befand, aber in diesem Sommer merkte man, dass es stimmte. Vielleicht war Sam mittlerweile so dankbar für jeden Kunden, dass er nicht mehr die nötige Vorsicht walten ließ.

Was immer der Grund sein mochte, Sam hatte einfach nicht gut genug aufgepasst.

Er merkte es zu spät – viel zu spät, als dass er noch hätte aussteigen können. Als ihm aufging, dass er auf dem besten Wege war, in eine empfindliche Niederlage zu schlittern, wurde ihm gleichzeitig klar, dass der Kerl, gegen den er verlor, der größte Betrüger der Menschheitsgeschichte sein musste. Er war jedenfalls der dreisteste Betrüger, der Sam jemals untergekommen war, und das wollte etwas heißen.

Sam verlor nicht oft beim Kartenspiel. Er war sowohl ein begnadeter Spieler als auch ein begnadeter Betrüger, wenn er auf jemanden traf, der es besser konnte als er. Jeder Kunde war anders, aber nach ein paar Spielen hatte Sam gewöhnlich die Logik und Strategie des anderen durchschaut. Ob durch Grips, Gespür oder Gaunerei, früher oder später schlug er jeden.

Was um aller Welt ist mir entgangen?, fragte er sich unglücklich, während er auf die Karten in seiner Hand starrte und auf die Karte auf dem Tisch, die ihm sagte, dass er gerade sein letztes Hemd verloren hatte. Etwas war ihm entgangen, keine Frage, aber er hatte keine Ahnung, was.

Es gehörte nicht viel dazu, ein Monte-Blatt auszuteilen, und die Chancen für den Geber standen so gut, dass Sam sich kaum je die Mühe machte zu schummeln. Man legte die unterste und die oberste Karte des Stapels offen aus. Die Bieter, die Kunden, gegen die man spielte, schlossen ihre Wetten auf eine oder beide Karten ab. Dann wurde der Stapel – der Monte – umgedreht, um die Karte offenzulegen, die sich ganz unten befand. Und wenn die Karte dieselbe Farbe hatte wie eine der beiden ersten Karten, zahlte Sam als Geber die Wetten der Mitspieler aus.

Wenn der Kerl mit dem Strohhut zwei Achtel-Pesos auf die Pik-Karte gesetzt hätte, die Sam ausgeteilt hatte, hätte ihm Sam, als er den Monte umdrehte und noch ein Pik aufdeckte (Cavolo, fluchte er im Stillen, das darf doch nicht wahr sein!), einen Vierteldollar aus seiner Bank auszahlen müssen. Hätte er – wenn der Kerl zwei Achtel-Pesos gewettet hätte. Aber das hatte er nicht. Er hatte einen Double Eagle auf den Tisch gelegt, eine Zwanzig-Dollar-Münze.

Außerdem war es das fünfte Mal, dass Sam beim Umdrehen des Monte ein Pik vorfand. Wenn man sich überlegte, dass es in einem Monte-Spiel lediglich zehnmal Pik gab und dass sie erst sechs Runden gespielt hatten, war das schon ziemlich beeindruckend. Beeindruckend im Sinne von unmöglich.

Und damit war Sam am Ende.

Der Spieler lehnte sich zurück, hakte die Daumen in seine Weste und grinste. «Ich schätze, wir haben heute beide etwas gelernt, mein Junge.»

Sam zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, wobei er im Stillen einen Schwall venezianischer Flüche und Zigeunerverwünschungen losließ, die seine Großmutter mit Stolz erfüllt hätten, gefolgt von etlichen ausgesuchten Schimpfworten auf Deutsch, Walisisch und Gälisch. «Sieht ganz so aus.» Er schob die Karten zusammen, die sie ausgespielt hatten, und steckte sie wieder zu den anderen in den Stapel. «Wir haben gelernt, dass ich naiver bin, als ich geglaubt hatte.»

Der Spieler lächelte unschuldig. Es war kaum zu fassen, dass dieser Kerl ein Zocker war, geschweige denn der größte Falschspieler aller Zeiten. «Ich kann dir nicht ganz folgen.»

Sam lehnte sich seinerseits auf der umgedrehten Obstkiste zurück, die ihm als Stuhl diente, und überlegte. Er war nicht so dumm, einen Menschen nach dem Lächeln zu beurteilen, das dieser auf den Lippen trug. «Ich sage Ihnen was», sagte er. «Sie haben mein Geld und gleichzeitig haben Sie mich in meiner eigenen Grube gefangen, denn ich war der Meinung, wenn hier jemand mogelt, würde ich derjenige sein. Ich habe meine Lektion gelernt, wie ein braver Junge.» Er betonte das Wort «Junge», und das war er auch. An guten Tagen konnte man Sam die Behauptung, er sei sechzehn, gerade so durchgehen lassen. Gerade so. «Sie haben mir alles Geld aus der Tasche gezogen, das ich hatte, also seien Sie bitte nachsichtig mit mir.»

Das Lächeln des Mannes verschärfte sich an den Rändern, aber Sam hatte sich bereits zu weit vorgewagt, um jetzt noch die Richtung zu ändern.

«Irgendwie haben Sie die Karten manipuliert, und das ging nur beim Abheben. Wie haben Sie’s gemacht?» Er lächelte erwartungsvoll und setzte eine bewundernde Miene auf, die weder Vorwurf noch gar Anklage erkennen ließ. Dank dieses Blickes hatte er schon viele Tricks gelernt; die meisten Erwachsenen konnten nicht widerstehen, einem jungen Grünschnabel ein paar Techniken beizubringen.

Diesmal ging es daneben.

Diesmal holte der Kunde aus und versetzte Sam einen heftigen Haken kurz unterhalb des Auges.

Sam segelte seitwärts von der Kiste, auf der er gesessen hatte, landete schmerzhaft auf dem Ellbogen und gab schließlich doch ein paar jener Flüche von sich, die in seinem Inneren gebrodelt hatten. Der eine oder andere Passant schaute hin, aber niemand blieb stehen – ein weiterer Beweis, dass Sam den Mitleidsbonus als hagerer Minderjähriger verspielt hatte.

Es war angenehm gewesen, aber nun war es vorbei.

Der Mann sah zu, wie er auf die Füße kam. Er hatte immer noch dieses Lächeln auf den Lippen, das so offen und freundlich war, wie man es sich nur wünschen konnte. Doch auch die Schärfe war nicht daraus gewichen. «Kommst du gewöhnlich damit durch? Dass du andere der Falschspielerei bezichtigst?»

Sam spuckte rosafarbenen Speichel auf den Boden zwischen sich und dem Spieler. «Kommen Sie gewöhnlich mit einer derart dreisten Betrügerei durch, Mister?»

«Gewöhnlich ja.» Die Augen des Gauners – denn er war zweifelsfrei ein Profi – zuckten zur Seite, und Sam wusste, dass er gleich wieder einen Schlag einstecken würde. Natürlich hatte der Kerl einen Partner. Falschspielerei unter Profis zog automatisch eine Prügelei nach sich. Es zahlte sich aus, Rückendeckung zu haben.

Und ich habe nicht darauf geachtet. Dumm, dumm, dumm.

Sam ließ sich fallen und schaffte es, dem Schlag, der seinen Hinterkopf hätte treffen sollen, auszuweichen. Als er sich mit erhobenen Fäusten wieder aufrichtete, riss er die Augen auf.

Es gab keinen zweiten Mann. Es gab nur den Falschspieler, der ihn eben geschlagen hatte und der jetzt ganz plötzlich hinter ihm stand. «Gute Reflexe», sagte der Gauner.

Sam vergeudete ganze drei Sekunden mit der Überlegung, wie sich der Kerl so schnell hatte bewegen können, ehe ihm klar wurde, dass es keine Rolle spielte. Dann nahm er sich weitere zwei Sekunden, um abzuschätzen, was der Mann überhaupt von ihm wollte. Sein Geld hatte er ja bereits, also bestand eigentlich kein Grund mehr, noch länger hier herumzulungern, nur um ihn zu vermöbeln.

Wie auch immer man die Sache betrachtete, sie war und blieb rätselhaft. Aber Sam hatte nicht das ganze letzte Jahr in Coney Island Karten gespielt, ohne Freunde zu finden. Er klopfte sich den Staub aus den Kleidern und setzte die Finger an die Lippen, um den durchdringenden Pfiff auszustoßen, der den anderen auf der Culver Plaza signalisieren würde, dass einer der ihren in Schwierigkeiten war. Sie mochten zwar zusehen, wie er den einen oder anderen Schlag eines Touristen einsteckte – manchmal war es besser, sich eine Ohrfeige einzufangen, wenn es dem Ego des Verlierers guttat und ihn davon abhielt, die Bullen zu rufen –, aber sie würden ganz gewiss nicht tatenlos dabeistehen, wenn er von einem Fremden ungespitzt in den Boden gerammt wurde.

Doch dann, noch bevor er Alarm geben konnte, fielen die Worte: «Ich bitte um Verzeihung, Gentlemen.»

Sam hielt inne, die Finger an den geschürzten Lippen. Er und der Falschspieler drehten sich um und sahen sich einem alten Mann gegenüber, einem Farbigen, der höflich ein Stück abseits stehen geblieben war. «Was?», fuhr ihn der Spieler an.

«Kennt zufällig einer von Ihnen einen Saloon mit Namen Reverend Dram?» Der alte Mann rückte eine Gitarre zurecht, die auf seinem Rücken hing, und ging nicht auf den ärgerlichen Ton des Spielers ein. «Ich war schon überall und finde den Weg einfach nicht.»

Der Gauner öffnete den Mund zu einer unhöflichen Bemerkung. Doch dann verschwand der wütende Ausdruck aus seiner Miene. Das war merkwürdig. Wenn der Typ bereit war, einen fünfzehnjährigen Jungen italienischer Abstammung zu verprügeln, würde er vor einem Schwarzen wohl kaum zurückscheuen. Obwohl mehr als zehn Jahre seit dem Krieg gegen die Südstaaten vergangen waren, gab es Leute, die sich geradezu einen Spaß daraus machten. Aber der Spieler stutzte.

«Nein», sagte er schließlich. «Ich bin nicht von hier.» Er warf Sam einen Blick zu, und wieder blitzte das Stacheldrahtlächeln auf. «Bis bald, Junge.»

Sam widerstand der Versuchung, eine obszöne Geste auszuführen, als der Mann in der Menge verschwand. Dann wandte er sich an den Neuankömmling. «Ich kann Sie in den Dram bringen, Mister.» Er streckte die Hand aus. «Sam.»

«Nun, das ist mächtig nett von dir, Sam.» Der alte Mann nahm die Hand und schüttelte sie fröhlich, als ob er keine Ahnung hatte, dass durch seine Einmischung eben eine Prügelei verhindert worden war. Aber irgendetwas sagte Sam, dass er genau Bescheid wusste.

«Ich heiße Tom», sagte er. «Tom Guyot.»

Die Einfahrt des Vier-Uhr-Zugs an der Station der New York und Sea Beach Eisenbahn-Linie kündigte sich mit einem Kreischen der Bremsen an, die gegen den Vorwärtsschub von zweihundert Tonnen Eisen ankämpften. Der sommersprossige Mann in dem weißen Leinenanzug runzelte die Stirn, als sich feiner Staub auf seine Ärmelaufschläge legte. Er schaute nach oben zur Gepäckablage. Bosheit blitzte in seinen schwarzen, rot geränderten Augen, als er die Reisetasche aus festem Stoff fixierte, die umgekippt war.

Mit Fingern, an deren Enden spitz zugefeilte Nägel saßen, fegte er sich den Staub von den Ärmeln. Es war etwa eine Woche her, seit der Mann mit diesen Fingernägeln ein Kartenspiel gezinkt hatte, und inzwischen waren die Spitzen leicht stumpf geworden.

Die Henkel der Reisetasche in der einen Hand und den schmalen hölzernen Kartenspielkasten unter den anderen Arm geklemmt, ließ er sich im Strom der Freizeitgäste treiben, die sich auf den Bahnsteig am Sea Beach Palace ergossen, und blickte sich um. Im Westen lagen die Straßen von Norton’s Point, wo sich – wie er wusste – Diebe, Falschspieler und kriminelle Elemente vor dem Arm des Gesetzes verkrochen. Ein paar Meilen gen Osten reckten sich hölzerne Stege wie manikürte Finger ins Wasser. Dort residierten wohlhabende Gäste in prächtigen neuen Hotels. Der Bereich dazwischen, die fröhliche, unbeschwerte Wildnis von West Brighton, gehörte den Badenden, den grellen Werbeplakaten, den Bierkrügen, die zu zwei Dritteln mit Schaum gefüllt waren, den Taschendieben, fragwürdigen Absichten und den Karussells.

Dieser bunt zusammengewürfelte Haufen von Menschen, arm oder reich, schwer arbeitend oder auf schnelles Geld aus, war Coney Island, das berüchtigte Seebad südlich von Gravesend, Long Island.

Der schwarzäugige Mann lehnte an der Brüstung, schaute und hörte zu und akklimatisierte sich, während er das Gemisch aus Seeluft und Kohlenfeuerrauch einatmete. Es lag noch etwas anderes in der Luft, eine tiefe Note, verborgen unter den Gerüchen und Geräuschen, die durch die Sommerbrise schwirrten. Kaum jemand sonst hätte sie bemerkt. Menschen waren blind und taub für das sanfte Sieden der Gewalt – was ihn stets belustigte, denn für ihn war es wie eine Droge.

Der sommersprossige und schwarzäugige Mann, der kein Mensch war, konnte es riechen, so deutlich wie Kölnisch Wasser. An diesem Ort durchdrang es alles, genauso wie an jedem anderen in diesem Land seit mindestens zwanzig Jahren. Vielleicht schon länger. Es war so leicht, das Gefühl für die Zeit zu verlieren. Er war viel älter, als sein Äußeres, das ihm den Anschein eines flotten jungen Mannes gab, vermuten ließ.

In diesem Jahr allerdings … in diesem Jahr war es stark. Es hatte sich während der langen Jahre des Wiederaufbaus stetig gesteigert, während der Jahre der Depression, und in diesem Sommer schien es sich in jedem Molekül der Luft festgesetzt zu haben. In dem neu erstarkten Süden, in dem wachsenden Westen, selbst hier im Norden, wo die Leute sich rühmten, zivilisiert zu sein. Schlammig, steinig, metallisch, angereichert mit dem Geruch nach menschlichem Schweiß – und doch süß, wie der Duft überreifer Früchte, bevor sie anfangen zu faulen.

Er stand da, bis der Bahnsteig sich geleert hatte, und noch ein paar Minuten länger. Endlich seufzte er, hob die Reisetasche und das Holzkästchen auf und ging in Richtung Strand.

Das Licht des Tages war noch stark und hell, aber bereits jetzt dehnten sich lange Schatten über den Sand, als er in das Halbdunkel unter dem Anlegesteg der Fähre huschte. Er verdrehte die Augen angesichts der kreischenden Mädchen in ihren wollenen Badeanzügen und der kleinen Jungen, die sich gegenseitig durch die Brandung jagten.

Unter dem Pfahlwerk ließ der Mann die Tasche zu Boden fallen. Er zog sein Jackett aus, legte es sorgfältig über die Tasche, setzte sich hin und lehnte sich dagegen, als ob es ein Kissen wäre. Er löste die glitzernden Ärmelhalter, rollte die Hemdsärmel auf, verschränkte die sommersprossigen Arme über der Brust und schloss die Augen.

Dann zuckte er zusammen und fluchte, als ihn ein Hieb zwischen die Schulterblätter traf. Er richtete sich auf und knuffte die Tasche mit dem Ellbogen. «Hab Geduld, du modriger alter Bastard», zischte er. Dann lehnte er sich wieder gegen die Tasche, diesmal schwungvoller und fester.

Bis zum Sonnenuntergang gab es nichts zu tun.

2

HOLZNICKEL IM REVEREND DRAM

Der Saloon Reverend Dram lag in einer Gasse zwischen der Mermaid Avenue und dem Strand, ein bisschen zu nah an dem zwielichtigen Ende von Coney Island, als dass sich anständige Gäste dort wohlgefühlt hätten. Außer natürlich sie wollten unbedingt die zwielichtigen Ecken erleben. Es gab genug Leute, die nur deshalb herkamen, weil sie mit eigenen Augen sehen wollten, worüber sich die Zeitungen von Brooklyn so aufregten: wie verkommen und übel einige Teile von Coney Island waren.

Früher oder später landeten diese Leute in der Mammon’s Alley. Hier reihten sich Tanzlokale, Saloons, Spielhallen, Schießbuden und Glücksspielstände, dubiose Hotels und Fakirzelte dicht an dicht, stapelten sich übereinander und drängten aneinander. Und überall buhlten Werbeplakate um Aufmerksamkeit. Hier traf man Tänzerinnen mit rot geschminkten Lippen und blond gefärbten Haaren in durchsichtigen Pumphosen, Sängerinnen mit kurzen Röcken, die die Gäste zwischen den Liedern um Drinks anbettelten, Wahrsagerinnen mit bronzefarbener Haut und Handleserinnen, deren Haut heller wurde, je weiter die Nacht voranschritt. Ausgesuchtes Personal lieferte das weitere Lokalkolorit: Schnurrbart zwirbelnde Gentlemen, professionelle Glücksspieler, Dirnen und Betrüger. Wenn die Besucher genug von all dem hatten, kamen die Aufreißer ins Spiel, die sie lautstark aufforderten, einzutreten. Sie wussten, was hinter den geschlossenen Türen auf die Neugierigen lauerte: Dinge, von deren Existenz ihre Mütter nichts erfahren sollten.

Sam fühlte sich ein bisschen unbehaglich, als er den alten Mann namens Tom in die Gasse führte. Hier war es nicht so schlimm wie etwa in Norton’s Point, aber inmitten der Augusthitze und der Säufer, die hier seit dem frühen Morgen herumlungerten, roch es nach aufgewärmtem Kohl und schalem Bier. Die Aufreißer hatten schon begonnen, Kundschaft in ihre fragwürdigen Etablissements zu locken, und ein paar überbezahlte Damen, die an den Tresen in den Saloons hockten, riefen durch die offene Tür lockend hinaus auf die Gasse, auf der Suche nach ihrem nächsten Spender. «Tut mir leid wegen … he!» Sam machte einen Satz zur Seite, um einem torkelnden Betrunkenen auszuweichen, der quer vor ihnen zu Boden fiel, und streckte dann die Hand aus, um Tom zu stützen, der beinahe über den Mann gefallen wäre. «Ihr Freund hat sich ja ein ziemlich übles Fleckchen für eine Verabredung ausgesucht. Aber der Reverend Dram ist okay – wie der Name sagt: Ehrwürdiger Schluck.» Sam nickte nach vorn, wo über einer einsamen Tür ein Schild hing, auf dem eine Nonne fröhlich auf einem Fass tanzte, die Ordenstracht bis über die in Strümpfen steckenden Knie gerafft.

Im Inneren des Saloons war es ziemlich einsam, genauer gesagt: so gut wie menschenleer. Abgesehen von dem Besitzer der Kneipe, dem Barkeeper, der die Mahagoniplatte der Theke polierte, und dem gekrümmt dasitzenden Klavierspieler gab es bloß einen einzigen Gast, einen triefäugigen Mann, der sich umdrehte und Tom beäugte, als dieser Sam aus dem Lärm und dem säuerlichen Gestank der Straße heraus und in den Saloon hinein folgte.

Sam versteifte sich. Man konnte es spüren, wenn jemand drauf und dran war, etwas himmelschreiend Dämliches zu sagen, und der einsame Gast enttäuschte sein Gespür nicht. «Seit wann führst du hier ein Wasserloch für alte Büffel, Jasper?»

Jasper Wills, der Eigentümer des Saloons, saß in einer Ecke auf einem großen alten Stuhl. Er schaute von seiner Zeitung auf, erfasste die Lage mit einem Blick und schüttelte mit einem Ausdruck von Abscheu den Kopf. «Also wirklich, dieser Teil des Geschäfts macht mich krank. Ich kann ja beinahe verstehen, dass man glauben könnte, ich würde mir hier alles bieten lassen, und zwar von jedem, bloß für ein paar Nickel mehr in der Kasse, aber ich schwöre, für einen Vierteldollar verkaufe ich diesen Laden, so wahr ich hier sitze, und damit basta!» Er drehte sich zu dem Klavierspieler um. «Walt, ich verkaufe dir den Saloon für einen Vierteldollar.»

Der Klavierspieler mit dem zerklüfteten Gesicht und dem stoppeligen Kinn unter einem alten, verbeulten Homburger Hut, drehte sich auf seinem Schemel um, betrachtete die Bar, den Mann, der dort saß, und dann Sam und Tom im Türrahmen. «Sagen wir einen Nickel, und es ist abgemacht.»

«Prima.»

Der Klavierspieler wandte sich an den Barkeeper. «Matty, kannst du mir einen Nickel leihen?»

«Ich glaube, in der Kasse liegen ein paar davon», sagte der Barkeeper. Er drückte auf einen Knopf, und die Schublade der Kasse sprang mit einem Pling! auf. Er warf dem Klavierspieler eine Münze zu. «Hier, bitte sehr.»

«Hier, bitte sehr, Jasper.» Der Klavierspieler warf die Münze an Wills weiter.

«Er gehört dir, Walt.»

Der Klavierspieler stand auf, streckte sich, schob den Hut in den Nacken und zurrte seine Hosenträger fest. Dann baute er sich vor dem Gast an der Bar auf. «Um deine Frage zu beantworten, Freundchen, das hier ist ein Wasserloch für jeden, der nicht ein kompletter Ochsenhut ist. Und jetzt raus aus meinem Saloon.»

Sam schnaubte bei dem Versuch, sein schockiertes Gelächter zu unterdrücken.

Der Mann an der Bar fiel fast vom Hocker. «Das meinen Sie doch wohl nicht ernst!»

«Mach, dass du Land gewinnst», sagte Walter Mapp, der die Arme vor der Brust verschränkte. «Von mir aus nimm dein Bier mit. Ich werde dir nicht mal das Glas berechnen.»

Der Gast entschied sich, das Glas stehen zu lassen. Er sammelte Hut und Mantel auf und stolzierte an Sam und Tom vorbei, wobei er leise etwas von räudigen Hunden vor sich hinmurmelte, die sich in der Stadt breitmachten. Sam musste an sich halten, um dem Mann im Vorbeigehen nicht einen Tritt in den Hintern zu verpassen.

«Kommen Sie rein, Mister», sagte Walter Mapp. «Willkommen in meiner bescheidenen Schänke, und bitte verzeihen Sie die kleine Szene. Der Vorbesitzer war ein bisschen zu anspruchslos, was seine Kundschaft betrifft.»

«Sag mal, Walt», Jasper untersuchte den Nickel, «der ist ja aus Holz!»

«Mist», murmelte Mapp. «Ich muss mir einen Barkeeper suchen, der hölzerne Nickel von echten unterscheiden kann.» Er schenkte Tom einen eindringlichen Blick. «Wenn Sie versuchen, mit Holznickeln zu bezahlen, Mister, dann sind wir keine Freunde mehr. Ich habe auch meine Prinzipien.»

«Ich denke mal, das bedeutet, dass mir der Laden immer noch gehört», sagte Jasper lässig und ließ den Nickel über seine Fingerknöchel tanzen. «Setz dich wieder an das verdammte Klavier, Walt. Matty, bring dem Gentleman ein Bier. Er sieht durstig aus.»

«Ochsenhut?», wandte sich Sam fragend an den Klavierspieler.

«Hab ich mir gerade ausgedacht», sagte Mapp. «Gefällt’s dir, Sam? Das Wort gehört dir, wann immer du es brauchst.»

«Ich kannte mal einen Kerl, der hat doch glatt behauptet, ein Klavierspieler zu sein. Hat früher hier Musik gemacht», ließ sich Jasper von seinem Stuhl aus vernehmen.

Walter Mapp seufzte, rückte seinen verbeulten Hut zurecht und setzte sich wieder ans Klavier. Als er zu spielen begann, hielt der Mann namens Tom, der gerade seine Gitarre vom Rücken hatte nehmen wollen, abrupt inne und fixierte ihn mit einem scharfen Blick.

«Irgendwas nicht in Ordnung?», fragte Mapp, ohne von den Tasten aufzublicken. Sam schaute von dem Klavierspieler zu dem alten Mann und wieder zurück. Er versuchte herauszufinden, woran Mapp gemerkt haben konnte, dass der alte Mann auf sein Spiel reagiert hatte, während er doch mit dem Rücken zur Bar saß.

«Mir gefällt das Lied, das ist alles», sagte Tom langsam. «Ich wusste gar nicht, dass es außer mir noch jemand kennt.»

«Haben Sie es geschrieben?», fragte Walter Mapp beiläufig.

«Nee», antwortete Tom. «Hab’s vor gar nicht allzu langer Zeit irgendwo aufgeschnappt.»

«Ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass irgendjemand es geschrieben haben muss?»

«Wollen Sie damit sagen, dass es von Ihnen ist?»

«Nee. Hab’s ebenfalls aufgeschnappt, vor einer halben Ewigkeit. Aber ich denke mir, irgendjemand hat’s wohl geschrieben, und ich habe mich schon immer gefragt, ob ich nicht irgendwann mal jemandem begegne, der es auch schon mal gehört hat.»

«Nun, jetzt ist es so weit.»

Walter Mapp spähte über die Schulter nach hinten. Seine Augen unter der Hutkrempe strahlten hell. «Spielen Sie?»

Tom nickte zu seiner Gitarre. «Jo.»

Mapp betrachtete ihn abschätzend. Der Moment dehnte sich aus und drohte ungemütlich zu werden. Dann nickte der Klavierspieler einmal knapp und widmete sich wieder seinen Tasten. «Wir sollten gelegentlich mal zusammen spielen, was meinen Sie?»

Tom lächelte und seine Zähne blitzten auf. «Hab nichts dagegen», sagte er. «Tom Guyot.»

«Walter Mapp.» Der Klavierspieler und der alte Mann schüttelten sich die Hände, und was immer die Ungemütlichkeit herbeigerufen hatte, ging vorbei, und zurück blieb ein Gefühl der Kameradschaft.

Matty richtete sich auf und tat so, als habe er gerade nicht gelauscht. «Was darf’s sein, Sir?»

«Ein Whiskey mit Chinin wäre mir recht.»

«Dann ist heute Ihr Glückstag, Sir!»

Während Matty den Drink einschenkte, setzte sich Sam neben Tom auf einen Barhocker. «Sie sagten doch, Sie wollten sich hier mit jemandem treffen.»

«Das stimmt.» Tom nahm seinen Whiskey Tonic von dem Barkeeper entgegen. «Mit Eis! Das ist aber mächtig nett von Ihnen.» Er nippte und schloss die Augen. «Das schmeckt heute viel besser als früher.»

«Als wann?» Sam merkte, dass der Barkeeper ihm einen bösen Blick zuwarf. «Was denn?» Matty streckte den Arm aus und schlug ihm mit der flachen Hand gegen die Stirn. «Was denn?»

Tom lachte. «Schon gut. Das macht mir nichts aus. Im Krieg, Sam. Wir nahmen Chinin als Medizin ein. Mit dem Whiskey ging’s ein bisschen leichter, und ein paar von uns sind auf den Geschmack gekommen und trinken das Zeug immer noch.»

«Sie haben gekämpft?» Sam konnte den Unglauben nicht aus seiner Stimme verbannen. Tom war uralt. Auch vor zwölf Jahren war er bestimmt der älteste Mann auf dem gesamten Schlachtfeld gewesen.

«Das ist richtig. Ich war Bursche bei einem Offizier, bis man mir die Erlaubnis gab, mich bei den United States Colored Troops einzuschreiben. Aber da hatte ich schon meinen Anteil am Kämpfen hinter mir. Ich war in Shiloh, zusammen mit dem Gentleman, den ich hier treffen will, dann in Resaca. Alles, bevor ich überhaupt offiziell Soldat wurde.»

Sam wusste nicht viel über den Bürgerkrieg, aber die Schlacht von Shiloh war ihm ein vager Begriff, was bedeutete, dass es eine von den blutigen gewesen war.

«Um deine Frage zu beantworten: Ja, ich will mich hier mit jemandem treffen, wenn er denn überhaupt auftaucht.» Tom nippte wieder an seinem Glas. «Der Mann nennt sich Ambrose. Kommt aus Kalifornien, wenn ich mich recht erinnere.»

«Was», ließ sich eine scharfe Stimme von der Tür vernehmen, «eine ganz ordentliche Reise ist. Angesichts dessen darf man doch wohl erwarten, dass einem eine Verspätung von fünfzehn Minuten nicht krumm genommen wird.»

Walter Mapp spielte auf seinem Klavier einen kleinen Tusch, während der Neuankömmling, ein blonder Mann in den Dreißigern, zwei Reisekoffer zu Boden plumpsen ließ und zur Bar eilte, wo er Tom umarmte. «Du», sagte er und hielt den alten Mann eine Armeslänge von sich entfernt, «hast dich kein bisschen verändert.»

«Das stimmt nicht», grinste Tom. «Aber wenn man in meinem Alter ist, können die Leute nicht mehr abschätzen, wie alt man wirklich ist.»

«Aber es ist eine Ewigkeit her!», rief Ambrose mit leichter Überraschung in der Stimme. «Versteh mich nicht falsch, Tom, aber ich wollte nicht glauben, dass du überhaupt noch am Leben bist.»

Mapps Tusch ging nahtlos in die Melodie über, die er vorher gespielt hatte. Sam sah, wie die Augen des alten Mannes kurz zu dem Klavierspieler zuckten. Dann grinste er Ambrose an und schüttelte den Kopf. «Glaubst du vielleicht, dass ich so schnell den Geist aufgebe, nach allem, was wir überlebt haben? Bist du denn verrückt?» Er richtete das Wort an den Barkeeper. «Wie steht’s mit einem Drink für meinen Freund?»

«Das Gleiche?», fragte Matty.

«Aber gewiss.»

Jasper Wills kam zur Bar geschlendert, griff ohne hinzuschauen hinter die Bar und zog eine staubige Flasche und ein Glas hervor, in das er sich einschenkte. «Sind Sie wegen der Brücke in der Stadt, wie alle Welt?»

«Nein, zu einem Treffen der Veteranen von Resaca.» Ambrose erhob das Glas und prostete Tom zu. «Drüben im Hotel Broken Land.»

«Na so was! Ich hätte wetten können, dass Sie ein Zeitungsfritze sind.»

Ambrose blickte stirnrunzelnd in sein Glas, seufzte und leerte es. «Tja, da liegen Sie gar nicht falsch», sagte er bitter. «Wodurch habe ich mich verraten?»

«Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Ich rieche einen Zeitungsfritzen auf drei Meilen Entfernung», sagte Jasper. «War früher selber einer. Dann kam ich auf die Idee, mir auf meine alten Tage einen Saloon zuzulegen, für mein Auskommen im Ruhestand. Sie sehen ja, wohin mich das geführt hat.»

Sam blieb noch ein paar Minuten, aber er merkte schon, was geschah: Die Erwachsenen vergaßen, dass er anwesend war. Das war ein Vorteil beim Kartenspiel, dass sie ihn so leicht übersahen, weil er fünfzehn war. Man war alt genug, um sich nicht mehr an Süßigkeiten zu verschlucken, aber zu jung, um als Teil der Erwachsenenwelt betrachtet zu werden. Man war entweder im Weg oder unsichtbar. Bis man ihnen das Geld aus der Tasche gezogen hatte, natürlich. Im Weg, unsichtbar – oder ein Dieb. Viel mehr Auswahl gab es nicht.

Er steuerte auf die Tür zu und versuchte, den aufsteigenden Ärger zu unterdrücken. Als er am Klavier vorbeikam, warf Walter Mapp ihm einen Blick zu. «Kopf hoch, Sam.» Mühelos tanzten die Finger des Pianisten über die Tasten. «Du hast heute etwas Gutes getan.»

«Weil ich einen Kerl hergebracht habe, der irgendein dämliches Lied kennt, oder weil Ihnen dank mir für dreißig Sekunden der Saloon gehörte?»

«Du hast mich zu einem funkelnagelneuen Schimpfwort inspiriert», sagte Mapp, «und als Dank überlasse ich dir das kostenlose Nutzungsrecht daran. Das ist schon etwas, weißt du?»

«Fühlt sich aber nicht so an.»

«Das ist bei den meisten guten Sachen so», erwiderte Mapp und entlockte den Tasten ein hinreißendes Glissando. «Nichts fühlt sich nach etwas an, bis alles vorbei ist.»

«Aber wo ist dann der Sinn?», fragte Sam gereizt.

Der Klavierspieler nickte. «Schwer zu sagen.»

«Heda, Sam.» Tom löste sich aus der Unterhaltung mit Ambrose und Jasper und ging zu Sam, der in dem Lichtkegel stand, der durch den Türspalt fiel. «Danke, dass du mich hergebracht hast. Ich finde, du hast dir ein Trinkgeld verdient, so etwas wie …»

Sam schüttelte den Kopf und grinste. «Ich hol’s mir von einem Touristen, wenn ich wieder am Kartentisch sitze.»

«Nun, dann nennen wir es für den Moment eine unbezahlte Schuld.» Der alte Mann streckte Sam die Hand entgegen. «Vielleicht kann ich’s wiedergutmachen, wenn wir uns das nächste Mal sehen.»

Die Sonne war verschwunden, als Sam zu dem schmalen Haus zurückkehrte, in dem er ein Dachzimmer bewohnte. Die Eingangstür sprang auf, noch ehe er in seine Tasche gegriffen und den Schlüssel herausgezogen hatte, und auf die kleine Veranda trat Mrs. Ponzi, hager, schwarzhaarig und mit ernstem Blick. Sie drohte ihm spielerisch mit dem Zeigefinger. Sam schloss kurz die Augen. Er hatte total vergessen, dass heute Donnerstag war.

«Saverio, du bist spät dran!», sagte seine Vermieterin. Sam lieferte auf dem Weg ins Wohnzimmer einen Kuss auf jede ihrer Wangen ab. Mrs. Ponzi sah zwar aus wie eine ältliche Lehrerin, aber sobald sie sprach oder lächelte, verflüchtigte sich dieser Eindruck. Obwohl Sam zu der einzigen wöchentlichen Verpflichtung, die er eingegangen war, zu spät kam, konnte ihm Mrs. Ponzi nicht wirklich böse sein.

Donnerstag war der Tag der Tanzstunde. Auch nach zwanzig Jahren in New York war Mrs. Ponzi noch der Meinung, dass ihre Tochter Ilana gute Chancen hatte, einen Millionär zu heiraten. Und dafür musste sie Walzer tanzen können. Ilana Ponzi wusste es besser. Ilana war zwölf, aber sie war in Brooklyn geboren und aufgewachsen, ehe sie und ihre Mutter nach West Brighton gezogen waren, und zwölf in Brooklyn war anders als zwölf in der Alten Welt. Kenntnisse im Walzertanzen bedeuteten viel eher einen Job in einem Tanzlokal, sobald sie für sechzehn durchgehen konnte, was vermutlich nicht mehr lange dauern würde. Sie war groß und knochig, wie ihre Mutter, und sie hatte auch diese einzelne dunkelgraue Locke in ihrem ansonsten rabenschwarzen Haar geerbt, die sie hinter ihr Ohr klemmte und partout nicht färben wollte. Alle zwei Wochen gab es deswegen Streit zwischen Mutter und Tochter, und Sam hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, in dieser Zeit durch Abwesenheit zu glänzen, um nicht in die Debatte mit hineingezogen zu werden, indem man ihn um «seine Meinung als Mann» bat.

Im Augenblick warf das Mädchen Sam einen entschuldigenden Blick zu und verdrehte die Augen. Sam grinste und zuckte mit den Schultern. Die Tanzstunden ersparten ihm einen Teil seiner Miete, und da Ilana sowieso den Erben des Astor-Vermögens heiraten würde, musste er nicht befürchten, dass Mrs. Ponzi versuchen würde, sie beide zu verkuppeln.

«Ich habe angeboten, für dich einzuspringen, aber offensichtlich bin ich zu groß.» Constantine Liri beugte sich vom Flur aus ins Wohnzimmer, eine Tasse samt Untertasse in der Hand. Er richtete sich auf und ging zu einem der fadenscheinigen, viel zu dick gepolsterten Sessel. Er war siebzehn, außer Sam der einzige andere Mieter der Ponzis und Sams ältester Freund. Sie waren gemeinsam in den Mietshäusern von Smoky Hollow in Brooklyn aufgewachsen.

Dass er das linke Bein nachzog – infolge einer Verletzung, die er sich vor einem Jahr beim Bau der New York und Brooklyn Brücke zugezogen und wegen der er seinen Job verloren hatte –, war heute kaum zu sehen. Sein strohblondes Haar war ordentlich gekämmt und gescheitelt. Sam sah, dass Constantine seine besten Hosen und das Sonntagshemd trug. Er war unterwegs gewesen, auf Arbeitssuche.

Sam zog fragend die Augenbrauen hoch. Fast unmerklich schüttelte sein Freund den Kopf. Er hatte kein Glück gehabt.

Sam und Constantine, Mrs. Ponzi und Ilana. Vier Entwurzelte aus Brooklyn, die durch das bemerkenswerte System der Wohnungsvermietung zu einer Familie zusammengewachsen waren.

Sam streckte dem Mädchen die Arme entgegen, während seine Vermieterin die alte Spieluhr aufzog, und wieder ging ein Tag in Coney Island zu Ende.

Am Strand erwachte der schwarzäugige Mann in den Schatten unter dem Anlegesteg. Die Sonne war untergegangen. In wenigen Minuten würden die gebogenen Laternen, die entlang des Strands auf hohen Pfosten angebracht waren, aufflammen. Der richtige Zeitpunkt war gekommen.

Er stand auf, fegte sich den Sand von den Hosenbeinen und zog sein Jackett wieder an. Dann trat er mit der Schuhspitze gegen den Verschluss der Reisetasche, der sich daraufhin öffnete. Er bückte sich, hob die Tasche an, drehte sie um und schüttete den Inhalt in den Sand. Und heraus fiel ein Haufen uralter, morscher Knochen.

Aus seiner Weste zog der schwarzäugige Mann eine verbeulte silberne Taschenuhr, die er achtlos zwischen die menschlichen Überreste warf. Er vergewisserte sich, dass er und der Knochenhaufen auch ungestört waren. Dann rollte er seinen Kopf von einer Seite zur anderen, als wollte er eine unangenehme Verspannung im Nacken lösen, betrachtete kurz die Knochen und seufzte herzhaft auf.

«Erhebt euch und schüttelt euch aus, ihr verdammten Knochen», sagte er schließlich. «High Walker, der große Läufer, ist da!»

Ein Wind erhob sich entlang des Strandes, ließ Hüte und Röcke und Decken tanzen. Der Mann strich sich das fliegende Haar aus dem Gesicht und trat einen Schritt zurück. Wo der Knochenhaufen gelegen hatte, erhob sich eine wirbelnde Masse aus Sand und nahm Form an.

Die Gestalt drehte sich und kreiselte wie ein kleiner Tornado, zog Sand und Kiesel und kleine Fetzen Seetang nach innen, sammelte Muschelsplitter, Papierschnipsel und Treibholzstücke auf, wuchs zu einer immer dichter werdenden Wolke an, die etwa auf Kniehöhe des schwarzäugigen Mannes schwebte. Dann begann sie zu pulsieren, veränderte und wandelte sich, formte sich aus.

Der Wind, der den Strand herauf und herunter gejagt war, legte sich wieder. Der dunkle Schemen, immer noch verschwommen und undeutlich an den Rändern, streckte sich. Es war ein großer Mann.

«Walker», sagte er mit knirschender Stimme. «Was ist …» Er hielt inne und spuckte aus. «Sand? Ist das etwa Sand, du blöder Mistkerl?»

«Etwas anderes war gerade nicht verfügbar», entgegnete der Mann namens Walker leichthin. Er griff in die Reisetasche und holte einen langen blauen Filzmantel heraus. «Willst du dich beschweren oder willst du dich anziehen?»

«Wo ist die Kreuzung?» Der andere Mann streckte einen sandfarbenen Arm aus, und noch während der Bewegung verfestigten sich Hand und Finger weiter. «Was für einen Tag haben wir heute?»

Walker zögerte. Der große Mann legte sich schwungvoll das Kleidungsstück um die Schultern und ließ die silberne Uhr in die Innentasche gleiten. Er wollte gerade seinen Mantel zuknöpfen, als er innehielt und seinen Gefährten aus Augen anschaute, die perlmuttgrau waren, wie Muschelschalen. «Walker?»

«Es ist Donnerstag», sagte Walker langsam. «Im August.» Er lächelte, wobei er hinter den geschlossenen Lippen die Zähne zusammenpresste. «Wir haben drei Tage, Bones. Jack kommt Sonntagnacht.»

«Drei Tage?», wiederholte Bones mit kalter Stimme. «Warum? Ich dachte, wir hätten mindestens zwei Wochen Zeit, bevor Jack eintrifft.»

«Es gab da …»

«Wir sind mit dem Dampfer gefahren», unterbrach ihn Bones und senkte seine sandfarbenen Lider leicht über die gefährlich funkelnden Muschelaugen. «Ich habe die Bewegung des Wassers gespürt. Es gab nicht zufällig ein Casino auf dem Dampfer? Vielleicht ein Kartenspiel, ein Turnier mit hohem Einsatz, für das wir ganz und gar keine Zeit hatten?»

«Wir haben keine Zeit für diese Diskussion», knurrte Walker. «Wir müssen Jack eine Stadt präsentieren, die sich ihm willenlos ausliefert. Fangen wir an!» Er hob das Holzkästchen auf und stapfte in Richtung der Gebäude an der Culver Plaza.

Bones nahm die leere Reisetasche und folgte ihm. «Hast du wenigstens gewonnen?», fragte er mit seiner kalten, knirschenden Stimme.

Walker lächelte dünn. «Ich gewinne doch immer, nicht wahr?»

«Wem hast du denn das Veilchen zu verdanken?»

Sam berührte die Prellung auf seinem Wangenknochen, zuckte mit den Schultern und lehnte sich gegen den Sims des Mansardenfensters. Dann streckte er die Beine über das Dach des einstöckigen Hauses aus. «Einem Kartenhai. Als Nächstes verliere ich noch gegen die Touristen am Strand beim Siebzehn-und-vier.»

Constantine streckte die Hand aus. Sam zog ein Kartenspiel aus seiner Jackentasche und reichte es ihm. Er beobachtete Cons Finger, während der ältere Junge das Spiel teilte, die Hälfte in der linken Hand auffächerte und mischte. An einigen Tagen, gewöhnlich dann, wenn es mit seinem Bein besonders schlimm war, hatte Con Probleme mit den Karten. Aber heute war keiner dieser Tage. Das Mondlicht fing sich in den Karten, die in einer vollkommenen Kaskade durch Cons Finger glitten.

«Was spielen wir?» Con mischte weiter. «Coteccio, Piquet, Rumstick, Briscola?»

Eine bleiche, tastende Hand tauchte am Rand des Dachs auf, gefolgt von einer leise zischenden Stimme. «Sam! Constantine!»

Die beiden Jungen stürzten gleichzeitig zum Rand. Constantine packte das knochige Handgelenk. Sam beugte sich vor und spähte über den Rand zu Ilana Ponzi, die – gekleidet in ein Nachthemd und einen Pullover – auf ihrem Fenstersims balancierte und sich mit der freien Hand am Rahmen festhielt. «Wir müssen ihr eine Leiter bauen», brummte er. «Gib mir deine andere Hand, Illy!»

«Ich brauche keine Leiter!», war ihr empörter Kommentar.

Gemeinsam hievten Sam und Constantine Ilana aufs Dach. Sam verzog das Gesicht beim Geräusch ihrer Schuhe, die Halt suchend am Mauerwerk entlangschrammten. «Das nächste Mal ziehst du deine Schuhe aus!», verlangte er. «Wenn deine Mutter uns hier oben erwischt …»

«Schon gut, beruhige dich.» Ilana krabbelte über die Dachschindeln, bis sie sich mit dem Rücken gegen das Mansardenfenster lehnen konnte. Dann zog sie in Wachspapier eingewickelte Sandwiches und Kuchenstücke aus ihren Pullovertaschen. «Was spielen wir?»

Das Haus der Familie Ponzi wies nach Nordwesten, weg von West Brighton und hin nach Brooklyn und New York, das dahinter lag. Auch jetzt noch, mitten im Sommer, war es verhältnismäßig kühl hier. Anders als in Smoky Hollow, wo der kleine Sam gewusst hatte, dass es Juni war, wenn sich das Sonnenlicht endlich einen Weg in das Zimmer bahnen konnte, in dem er mit seinem Vater lebte. Damals war die Flucht aufs Dach nichts anderes gewesen als – eine Flucht. An einem heißen Tag konnte man in einem dieser fensterlosen Hinterzimmer wie in einem Backofen durchgebraten werden, und in den meisten dieser Zimmer lebte eine ganze Familie zusammen, manchmal auch zwei.

Aber hier … Hier gab es nur zwei Jungen, die sich ein sauberes Dachzimmer teilten, das zwei Fenster besaß und jede Menge frischer Meeresluft, die es kühl hielt. Trotzdem legte man alte Gewohnheiten nicht so leicht ab, und der Ausblick vom Dach war einfach zu gut, um ihn an einem schönen Sommerabend nicht ausgiebig zu genießen. Jedenfalls solange Ilana nicht hinunterfiel und sich sämtliche Knochen brach.

«Wie hieß doch gleich dieses Spiel, das Muhlhaus und seine Brüder immer spielten?», fragte Constantine und wühlte durch das Häufchen an Broten und Kuchen, das Ilana mitgebracht hatte.

«Tysiacha», sagte Sam nach kurzem Nachdenken. «Ja, das wird dir gefallen, Illy. Nimm alle Karten aus dem Spiel, die niedriger sind als die Neun.»

Ilana runzelte die Stirn. «Ich will eins von deinen Spielen lernen, Sam.»

«Eins von meinen Spielen?» Oh nein.

Constantine schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und schüttelte den Kopf. «Deine Mutter wird uns nie verzeihen, wenn wir aus dir einen Kartenhai machen, Illy», sagte er.

«Aber …»

«Und ist dir übrigens aufgefallen, dass jemand Sams Gesicht heute zu Brei geschlagen hat?», verlangte er zu wissen.

Sam saß still da und vermied es, einen von ihnen anzuschauen, während er die untersten Karten aus dem gemischten Haufen zog.

«Ich fange doch nicht an, um Geld zu spielen», empörte sich Ilana.

«Das ist richtig, jedenfalls nicht heute Abend.» Con streckte die Hand nach den zwei Stapeln Spielkarten aus. «Wir spielen Tysiacha. Du kannst mitspielen oder es lassen. Uns ist es egal.»

«Con, holst du uns was, womit wir die Punkte aufschreiben können?», bat Sam. «Ich gebe derweil.» Constantine nickte knapp und kletterte wortlos durch das Fenster wieder ins Zimmer. Ilana schaute ihm mit vor der Brust verschränkten Armen und gerunzelter Stirn nach. «Er will dich nur beschützen», sagte Sam leise. Er tippte sich gegen den Bluterguss auf seinem Wangenknochen. «Das hier macht ihm Sorgen. Nicht du. Nichts, was du getan hast. Okay, Illy?»

Sie schlang die Arme um ihre Knie, zog sie an ihre Brust und nickte. Aber ihr Gesicht war tomatenrot.

Sam gab ihr die Karten. «Du teilst aus. Jeder kriegt drei Karten, dann drei in den Pott, und dann jeder nacheinander eine Karte, bis keine mehr da sind. Verstanden?»

«Ja.»

«Bin gleich wieder da.»

Er schwang die Beine über den Fenstersims und sprang in das Mansardenzimmer, wo Constantine am Schreibtisch stand, den sie sich teilten, und Sams offenen Kartenkasten betrachtete.

«Bist du fertig?», fragte Sam leise. «Da draußen sitzt nämlich eine Kleine, die glaubt, dass sie etwas falsch gemacht hätte, weil man sie gerade angemotzt hat.»

«Ich soll also einem Kind beibringen, wie man ein Spieler wird? Soll sie auf die Straße schicken, damit sie mit einem zerschlagenen Gesicht heimkommt, während ich hier sitze mit diesem blöden Bein, diesem blöden Arm …»

«Con, hör auf damit, es ist nicht deine Schuld. Ich habe nicht aufgepasst. Ich weiß doch, wie …»

«Ich werde sie nicht unterweisen, und du wirst es auch nicht tun.» Constantine schnappte sich einen Bleistift vom Schreibtisch und marschierte an Sam vorbei zum Fenster. «Sie kann mit uns spielen, aber keine Wetten mehr, keine Fingerübungen, keine Kartentricks. Kein Gerede mehr über Spieltaktik oder wie man einen Kunden einschätzt. Jedenfalls so lange nicht, bis ich in der Lage bin, auf euch beide aufzupassen. Dich kann ich nicht vom Spielen abhalten, sie aber schon.»

Plötzlich zuckte er zusammen, vermutlich weil ihm klar geworden war, wie laut seine Stimme geklungen hatte. Er hastete zum Fenster, rutschte auf den Karten aus, die Ilana verteilt hatte, und landete bäuchlings auf den Schindeln. Sam folgte ihm so schnell er konnte, aber als er auf dem Dach war, war Illy schon über die Kante verschwunden und durch das Fenster in ihr Zimmer geklettert.

«Das also ist unsere Kreuzung, was?», sagte Bones.

Er und Walker standen auf einer dunklen Straße unter dem hölzernen Laufsteg, der den provisorischen Rücken der Brücke bildete, die man errichtete, um die beiden Städte – New York und Brooklyn – miteinander zu verbinden. Bones schaute nach oben, betrachtete die gedrehten Stahlseile und die gigantischen Steinbögen, die das Mondlicht einfingen. Bis auf die Muschelaugen wirkte er jetzt völlig menschlich, obwohl sich das Mondlicht auf der sandigen Oberfläche seines hageren Gesichts irgendwie unnatürlich brach.

«Das also ist unsere Kreuzung, was?», sagte Bones.

«Ich weiß nicht.» Walker schaute ans gegenüberliegende Ufer, auf die Docks von New York. «Ich meine, der Ort ist perfekt, aber …» Er drehte sich um und beäugte die rauchenden Schornsteine der Stadt hinter ihm. «Wir sind nur zu zweit.»

«Er ist perfekt», beharrte Bones. «Ganz offensichtlich ist er perfekt.» Aber er klang nicht erfreut.

«Offensichtlich, aber es ist … eine waghalsige Sache», sagte Walker leise. «Mehr will ich damit nicht sagen.»

«Ja.»

«Meinst du, wir schaffen es?»

«Er erwartet von uns bis zu seinem Eintreffen eine beachtliche Leistung», murmelte Bones. «Er würde vermutlich verstehen, wenn wir ein bisschen mehr Zeit brauchen, um den Ort einzunehmen, aber wenn wir nicht wenigstens die Säulen der Stadt identifizieren können, bekommen wir Schwierigkeiten.»

Der schwarzäugige Mann schien anderer Meinung zu sein. «Nein. Wenn Jack kommt und wir nicht bereit sind – richtig bereit, meine ich –, wird er uns nicht verzeihen. Nicht nach dem letzten Mal.»

«Ob er verzeiht oder nicht, ist mir völlig egal», sagte Bones und seine silbrigen Augen glitzerten, während hinter ihm auf dem Fluss ein Segelschiff unter der unfertigen Brücke hindurchfuhr. «Es gibt Schlimmeres, als ohne Verzeihung zu bleiben.»

Walker, den Hut tief in die Stirn gezogen, nickte. «Da hast du wohl recht.» Er zupfte ein goldfarbenes Seidentuch aus seiner Hosentasche, band es sich über Mund und Nase und zog seinen Hut noch ein Stück tiefer über die Augen. Dann wich er in den Schutz eines Hauseingangs zurück. «Mach dich an die Arbeit.»

Bones nickte. Er wandte sich dem Fluss zu und blickte nach Westen, hinüber nach New York. Dann holte er tief Atem, und vom Wasser erhob sich eine Brise und taumelte durch die leere Straße.

Einen Mund voll nach dem anderen saugte er die Luft an, und die Brise verstärkte sich zu einem rauen Wind, der Staub und Steine, Schmutz und Schutt und allerlei Treibgut aus der Stadt über den Fluss trug. Mit geschlossenen Augen atmete Bones alles ein.

Walker schob seine hagere Gestalt so weit wie möglich in eine windgeschützte Ecke. Dann drehte sich Bones nach Osten und blickte in den Abgrund von Brooklyn. Dreimal noch holte er Atem und fing den Wind ein. Er stand inmitten eines gewaltigen Wirbels aus Schmutz und Schotter, atmete ein, schmeckte alles, während ihm der blaue Filzmantel um die Fußknöchel schlug.

Dann öffnete er die Augen und runzelte die Stirn. Der Tumult in der Luft legte sich.

«Steinstaub und Sandstaub, Flussschlamm … Kohle und Müll, Papier und Stahl und Abwässer …» Bones spuckte aus. «Ich kann die Adern dieser Stadt nicht schmecken und auch nicht die jener anderen Stadt auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses. Es ist zu viel im Weg, zu viele Menschen, zu viel Geschäftigkeit. Wir müssen die Säulen auf andere Art finden.»

Walkers gemurmelte Flüche wurden durch das Tuch vor seinem Mund gedämpft. Er riss es sich vom Gesicht und schlug es einmal knallend aus, um den Staub abzuschütteln. «Ich vermute, du hast keine Idee, wie wir das machen sollen, oder?»

Bones warf ihm einen kalten Blick zu. «Zwei Tage sind zu wenig, um es richtig zu machen. Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir in der Zeit auch nur eine Säule finden. Alle zehn aufzuspüren ist unmöglich.» Er schaute wieder hinauf zur Brücke. «Wir müssen es wohl mit Cinefaktion versuchen. Wenn wir das schaffen, können wir die Stadt einnehmen, noch bevor er kommt. Bitte sag mir, dass du Zunder hast.»

Walker griff in die Uhrentasche seiner Weste und zerrte die Kette heraus. An der Uhr hing ein kleines Röhrchen aus gehämmertem Zinn. «Jack meinte, wir dürften es nur verwenden, wenn wir keine andere Wahl hätten. Das Kohlestück war von Anfang an viel zu klein. Er kann nicht ständig Teile davon abschlagen.»

«Nun, wir hatten eine Wahl, bis du beschlossen hast, zwei Wochen auf diesem blödsinnigen Flussdampfer zu vergeuden. Jede andere Form von Übernahme braucht mehr Zeit, als uns zur Verfügung steht.»

«Tja, dann machen wir wohl besser Gebrauch hiervon», gab Walker zurück und schob die Zunderbüchse wieder in seine Tasche.

«Ja, das empfiehlt sich.» Der gepresste Sand, aus dem Bones’ Gesicht bestand, verschob sich, und sein Mund öffnete sich zu einem Grinsen, das wie eine Felsspalte aussah. «Und ich mag ein hübsches Feuer. Wir brauchen jemanden, der die Cinefaktion durchführt. Wenn wir die Säulen nicht finden, aber vielleicht einen Flammenmeister …», sagte er nachdenklich. «Es wird Zeit, dass wir ein paar von Jacks alten Kumpeln ausgraben.» Dann hob er nachdenklich die Hand zum Kinn. «Moment mal.»

Walker warf ihm einen misstrauischen Blick zu.

«Apropos alte Kumpel: Bevor wir anfangen, einen Flächenbrand auszulösen – warum überlegen wir uns nicht erst einmal, ob wir vorher mit ihm reden?», sagte Bones.

Walkers misstrauischer Blick ging in ein feindseliges, rotäugiges Funkeln über. «Mit wem?» Es war keine wirkliche Frage, also wartete er nicht auf eine Antwort, sondern gab sie sich selbst. «Christophel.»

«Das ist naheliegend.»

«Warum sollten wir über so etwas reden, Bones?» Walkers Worte klangen wie abgebissen.

«Ach, ich weiß auch nicht. Erkläre mir doch noch einmal, warum genau wir so spät hier eingetroffen sind.» Bones graue Augen wurden hart. «Wenn es je einen richtigen Zeitpunkt gab, um diesen erbärmlichen Streit zwischen euch beiden zu begraben, dann ist er jetzt gekommen. Wir müssen zehn Leute finden, und zwar schnell. Unter Umständen weiß er, wen wir suchen.»

Walker zupfte seine makellosen Ärmelaufschläge zurecht. «Weder Basile Christophel noch ich würden das, worauf du anspielst, als bloßen Streit bezeichnen.»

«Dann eben eure gemeinsame starrköpfige Dummheit.» Bones rollte die Schultern unter dem schweren Mantel und zuckte bei dem knirschenden Geräusch zusammen. «Er hat … Mittel und Wege. Die sollten wir uns zunutze machen.»

«Ich weiß nicht, welche Mittel und Wege ihm zur Verfügung stehen, und du auch nicht. Niemand weiß das.» Walker verschränkte die Arme vor der Brust. «Und selbst wenn ich es wüsste, kann ich mir nicht vorstellen, dass es genug wäre, um die Tatsache vergessen zu machen, dass er ein zauberdiebischer Irrer ist, der vor nichts zurückschreckt und dem nichts und niemand Angst einjagt.»

«Wovor sollte er sich fürchten?»

«Vor diesen Wesen, die er herbeiruft.» Jetzt rollte Walker mit den Schultern. Allerdings war es eher ein Schütteln, was er aber nie und nimmer zugegeben hätte. «Was sind das überhaupt für Wesen?»

«Wen kümmert’s, solange sie tun, was er ihnen sagt?» Bones lachte und spuckte dann Sand aus. «Solange sie den Auftrag erledigen, ist doch alles in Butter, oder nicht?»

«Ist dir je in den Sinn gekommen, dass er vielleicht auf die Idee kommt, es könnte seinem Interesse besser dienen, wenn er uns nicht hilft? Immerhin lebt er hier, und er und Jack sind nicht gerade das, was man Blutsbrüder nennt.» Walker erschauerte wieder. «Blut. Das Bild fehlte mir noch in meinem Kopf.»

«Er wird uns helfen, wenn wir ihn bezahlen», sagte Bones kalt. «Und das werden wir. Was die Frage betrifft, ob er es persönlich für dienlich hält, die Stadt an Jack zu übergeben, so würde ich vermuten, dass es ihm egal ist. Es ist ja nicht so, dass damit Jack auch ihn beherrschen würde.» Der kahlköpfige Riese betrachtete seinen Kameraden. Dann riss er einen Goldknopf von seinem Mantel und schloss die Faust darum. Als er sie wieder öffnete, lag eine Goldmünze auf seiner Handfläche. «Wollen wir?»

Walkers rot geränderte Augen blickten scharf. «Also schön», sagte er lässig.

«Dann sag an», verlangte Bones barsch. «Aber wenn du gewinnst, solltest du dir schnell eine Alternative einfallen lassen.» Er ließ die Münze auf seinem Daumen balancieren und schnickte sie dann in die Luft.

«Zahl», murmelte Walker.

Beide Männer sahen zu, wie die Münze durch die Luft trudelte und im Drehen die Lichter von Brooklyn einfing. Dann fiel sie zu Boden und tanzte auf den Pflastersteinen. Walker wartete geduldig, bis sie zur Ruhe gekommen war, bückte sich – und fluchte.

«So was», sagte Bones sanft. «Habe ich etwa gewonnen?»

Walker klaubte die Münze vom Pflaster auf und gab sie Bones zurück. Dann seufzte er aus tiefstem Herzen. «Also schön. Gehen wir zu Doc Blutkopf.»

3

DAS HOTEL BROKEN LAND

Trüber Morgen.»

«Wem sagst du das.» Sam deckte eine Karte auf und verdrehte die Augen. Er seufzte, lehnte sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen zurück und betrachtete die Möwen, die im endlosen Himmel über der Culver Plaza kreisten. «Du hast wieder gewonnen. Gott sei Dank spielen wir nur um Muschelschalen.»

«Würde ich gewinnen, wenn wir um etwas anderes spielten?» Constantine warf seine Karte ab, eine Drei. «Moment mal. Woher wusstest du, dass ich die besseren Karten habe, bevor ich sie dir gezeigt habe?»

«Con, nur weil ich nicht schummele, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht weiß, welche Karten ich dir austeile. Es ist schwer, seine Instinkte auszuschalten.» Sam schob die Karten zusammen und mischte sie erneut. «Genau das hast du mir doch beigebracht, oder? Du prahlst doch immer damit, dass ich das von dir gelernt habe. Warum tust du jetzt so überrascht?»

«Tja, na ja, vielleicht bilde ich mir tatsächlich ein bisschen zu viel darauf ein.» Der ältere Junge streckte sich und schaute sich um. «Wo sind denn alle bloß?»

«Es ist Freitag. Die arbeiten noch.» Sam teilte jedem von ihnen fünf Karten aus. «Das Geschäft läuft erst am Nachmittag an.» Er zuckte zusammen, als er an den gestrigen Nachmittag und das «Geschäft» dachte, das ihm eine Prellung auf seinem Wangenknochen eingebracht hatte, die immer noch wehtat.

«Hm», sagte Con und betrachtete abschätzend Sams Gesicht. «Das sieht wirklich schlimm aus.»

«Also nicht irgendwie verwegen, wie ich gehofft hatte?»

«Nein, ich fürchte nicht.» Constantine warf ihm über den Rand der Karten hinweg einen Blick zu. «Hast du Illy heute Morgen gesehen?»

«Nein.» Normalerweise standen Ilana und ihre Mutter früh auf und fingen gleich an zu backen. Die ersten Gebäckstücke des Tages wurden an die Stände auf der Culver Plaza geliefert. «Sie war schon weg, als ich aus dem Haus ging.»

«Also geht sie uns nicht einfach nur aus dem Weg, sondern ist so wütend, dass sie deswegen sogar noch früher aufsteht.»

«Was bedeutet, dass sie richtig wütend ist», bestätigte Sam. Er löste die Augen von seinen Karten und blickte sich auf der Plaza um.

«Siehst du ihn irgendwo?», fragte Constantine.

«Den Gauner von gestern? Nein.» Aber Sam erwartete, den Kerl jeden Moment auftauchen zu sehen. Er hatte immer noch nicht durchschaut, was genau gestern passiert war: der unglaubliche, nicht wahrnehmbare Trick, mit dem der Mann betrogen hatte, die Bewegung, mit der er an zwei Orten gleichzeitig zu sein schien, als er seine Schläge austeilte … es war schwer, den Vorfall einfach beiseitezuwischen.

«He.» Constantine hob den Kopf und schaute sich ebenfalls um. «Hast du das gehört?»

Sam schüttelte seine Gedanken ab und lauschte. Es dauerte einen Moment, aber dann hörte er es: Der Klang von Gitarrenmusik tänzelte durch das rhythmische Rauschen und Brausen der Brandung. Es war nicht die Art von Musik, die man in den Saloons hörte. Es war etwas völlig anderes.

Sam schob die Karten zusammen und legte sie in seinen Kartenkasten. «Komm mit.»

«Wohin?»

Die Schuhe an den Schnürsenkeln über die Schultern gehängt, folgten die Jungen dem schwachen Klang der Musik, der sie am Strand entlangführte. Es war Musik, die aufbrauste und hinabstürzte, zerbrach, rutschte, taumelte und tänzelte. Kein Wunder, dass Sam sie anfangs nicht gehört hatte. Sie vermischte sich mit den Klängen des Ozeans, imitierte die Bewegung einer Welle, die an Land brandete und sich zurückzog, die taumelnden und klappernden Steine und Muscheln, den zischenden Sand mit allem, was im Wasser tanzte und im Sonnenlicht glitzerte.

Als die Spur der Musik sie zu einem alten Bootsverleih führte, wusste Sam, wen sie dort finden würden; er hatte keine Ahnung, warum er so sicher war.

Der Gitarrenspieler saß auf einem umgedrehten Ruderboot, die Hosenbeine aufgerollt, damit er die Füße in das anbrandende und sich zurückziehende Wasser baumeln lassen konnte. Er schaute auf, als die Jungen näher kamen, und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.

«Morgen, Sam», sagte Tom Guyot.

Sam erwiderte das Grinsen und stellte Constantine vor. «Wir haben Sie spielen gehört, Mr. Guyot. Das ist wirklich tolle Musik.»

Der alte Mann strahlte. «Ich freue mich, dass sie euch gefällt. Aber nennt mich doch Tom. Kein Grund für Förmlichkeiten.» Er blickte hinauf zur Sonne. «So ein Glück, dass ihr zwei gekommen seid. Ich hätte doch beinahe die Zeit vergessen.»

«Müssen Sie irgendwo hin?», fragte Sam.

Tom stand auf und tapste zu dem trockenen Strandabschnitt. Dabei legte er den Gitarrengurt über seine Schulter. «Ob ihr’s glaubt oder nicht: Ich bin zum Essen verabredet. Ihr kennt nicht zufällig den schnellsten Weg zum Hotel Broken Land, oder?»

«Klar doch», sagte Sam schulterzuckend. «Ich bringe Sie hin.»

Das Hotel Broken Land verdankte seinen Namen einer schlechten Übersetzung, die damit zu tun hatte, dass der holländische Name, aus dem schließlich «Brooklyn» geworden war, so ähnlich klang wie die holländische Übersetzung für den indianischen Namen von Long Island. Der Erbauer des Hotels war sich dessen bewusst, aber es war ihm egal. Ihm gefiel der Name, und nachdem es ihm gelungen war, etliche dubiose Deals mit den Stadtvätern von Gravesend abzuschließen, die ihm die Parzelle am Rand von West Brighton bescherten – ganz am östlichen Ende von Coney Island –, da baute er sich ein Hotel, das des Namens würdig war. Sein eigener Name war Anders Ganz, und das Hotel war erst das zweite Gebäude, das er entwarf. Das andere war ein Herrenhaus irgendwo auf halbem Weg zum anderen Ende des Landes. Es lag fast versteckt in einem Eichenhain. Aber das war vor langer, langer Zeit gewesen.

Das Hotel wurde auf Sumpfland errichtet und auf venezianische Art von vertikalen Holzstapeln gestützt, die man im Morast versenkte. Während der Bauphase schlossen die Gravesender Wetten ab, wie lange es dauern würde, ehe es ins Meer stürzte. Das Gebäude wirkte weder sonderlich stabil noch auch nur im Mindesten funktionsgerecht. Aber um modernen Architekturstil kümmerte sich der Erbauer ebenso wenig wie um den Ursprung des Namens, den er erwählt hatte.

Das Broken Land war ein bunt zusammengewürfelter Architektur-Mischmasch. Das Hauptgebäude erhob sich mit stolzen Türmchen und Spitzen gen Himmel, die an französische Châteaus erinnerten. Die Seitenflügel bestanden aus tudoresken Fachwerkkonstruktionen, die auf Terrakotta-Backsteinen saßen, gekrönt von französisch wirkenden Mansardendächern und eckigen Türmen, die nach außen ragten wie die Arme eines bizarren und stacheligen Seeigels. Es gab Brüstungen und mit Ornamenten verzierte Schornsteine, italienische Säulengänge und englische Barockkuppeln. Die holzverkleideten neugotischen Badehäuser wirkten wie winzige Dorfkirchen. Im Zentrum der kreisrunden Auffahrt vor dem Hotel befand sich ein Musikpavillon aus Eisen und Glas, und ein zweiter stand auf der ausgedehnten Rasenfläche oberhalb des Meeres. Über diesen wurde gemunkelt, er habe mit seiner Akustik so manchen Dirigenten in den Wahnsinn getrieben.

Die Hotelanlage war eine Monstrosität, die nur dann einen einigermaßen vernünftigen Zusammenhang zu haben schien, wenn man sie schielend betrachtete.

Constantine, dem sein Bein Probleme machte, war nicht mitgegangen, und Sam merkte, dass er sich fehl am Platz fühlte, je näher er dem Hotel kam. «Und Ihr Freund erwartet Sie wirklich?», fragte er, als er und Tom über die runde Einfahrt auf die breiten rosafarbenen Marmorstufen zugingen, die zur Eingangshalle hinaufführten.

Er war noch nie in einem der vornehmen Hotels gewesen, aber es war unwahrscheinlich, dass sie da drin etwas für einen jungen Kartenzinker und einen Mann übrig hatten, der … nun, der so war wie Tom. Er sah nicht direkt wie ein Landstreicher aus, aber er entsprach bestimmt nicht dem Bild, das sich die meisten hochnäsigen Typen im East End von einem produktiven Mitglied der Gesellschaft machten. Wobei eigentlich niemand, der im Westen von Coney Island lebte oder arbeitete, diesem Bild entsprach. Sam eingeschlossen.

«Je nervöser du wirkst, desto mehr fällst du auf», sagte Tom. «Und ja, zum fünfzigsten Mal: Ambrose erwartet uns.»

Gemächlichen Schritts ging Tom die Stufen hinauf, wobei er sich auf seinen Stock stützte, und dann lächelte er den Türsteher breit an. Das Gesicht des Mannes erstarrte zunächst und zog sich grimmig zusammen. Doch gleich wurde es warm und freundlich. Er grinste, tippte sich an die Hutkrempe und zog die Tür auf. Tom erwiderte den Gruß und schlenderte hinein.

Sam stolperte ihm hinterher. Es war genauso wie bei dem Kartenhai auf der Culver Plaza am Vortag: Sam war klar, dass der erste Impuls des Türstehers gewesen war, Tom abzuweisen, genauso wie der Falschspieler Tom zu Boden hatte schlagen wollen. Egal, wie sehr die Leute heutzutage die Sklaverei verurteilen mochten, sie waren schwarzen Menschen gegenüber nicht freundlicher als Einwanderern. Und obwohl Sam in Brooklyn geboren war, sah er italienisch genug aus, um zu wissen, wovon er sprach.