Greenglass House - Kate Milford - E-Book

Greenglass House E-Book

Kate Milford

4,7

Beschreibung

Greenglass House ist nicht irgendein Gasthaus. Es hat im Laufe der Jahre viele Schmuggler beherbergt und ist nur per Standseilbahn zu erreichen. Warum kommen dort mitten im tiefsten Winter lauter seltsame Gäste an? Milo, der chinesische Adoptivsohn der Pines, die das Gasthaus führen, glaubt nicht an einen Zufall – wer könnte das auch bei so vielen rätselhaften Diebstählen? So beginnt er seine Detektivarbeit … Zusammen mit Meddy, der Tochter der Köchin, entschlüsselt Milo die Hinweise und löst beharrlich die Fäden des sich verdichtenden Gewebes von Geheimnissen. Wenn es ihnen gelingt, die Wahrheit über Greenglass House aufzudecken, erfahren sie vielleicht auch etwas über sich selbst. – So vielen originellen, mysteriösen Personen wie hier begegnet man selten in einem Buch.

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KATE MILFORD

Mit Illustrationen von Jaime Zollars

Aus dem Englischen von Alexandra Ernst

Verlag Freies Geistesleben

INHALT

WIDMUNG

1 –DAS SCHMUGGLER-HOTEL

2 –MEDDY

3 –BLACKJACK

4 –DAS WARENHAUS

5 –DER STROMER UND DIE WÜNSCHE

6 –DREI DIEBSTÄHLE

7 –DIE NACHTKATZE

8 –FINSTER

9 –DIE GESCHICHTE VON OTTER UND AUGE

10 –HEILIGABEND

11 –EINE FALLE

12 –MR. VINGES GESCHICHTE

13 –KAMPFSITUATIONEN

14 –DOC HOLYSTONES LETZTE FRACHT

15 –ABSCHIEDE

ANMERKUNGEN DER AUTORIN

DANKSAGUNG

IMPRESSUM

LESEPROBE

NEWSLETTER

Für meine Familie, nah und fern:

Vielen Dank für all die Weihnachtsfeste meiner Kindheit.

Für Raegan, Hadley, Phero, Oliver, Griffin und diejenige, die wir Amelia nennen – Abenteurer allesamt.

Für Emma, die mir den Arm verdrehte und mich dazu brachte, Dinge zu reparieren, die nicht funktionierten.

Und für Grandmoo, denn es ist ihre Lieblingsgeschichte.

KAPITEL 1

DAS SCHMUGGLER-HOTEL

Über ein paar Dinge sollte man sich im Klaren sein, wenn man in einer Stadt voller Schmuggler ein Hotel führen will.

Zunächst einmal sollte man nicht zu viele Fragen stellen. Und außerdem nicht allzu viel Wert auf Geld legen. Schmuggler schwimmen im Geld, sobald sie einen Käufer für die acht Schachteln mit Tintenpatronen in diesem verbotenen Grünton finden, aber in der Regel sind ihre Taschen im Augenblick gerade leer. Wenn man ein Schmuggler-Hotel führt, sollte man sich ein großes Rechnungsbuch anschaffen und davon ausgehen, dass man zwar hineinschreiben kann, was man will, aber letztendlich doch in Tintenpatronen bezahlt wird. Wenn man Glück hat. Unter Umständen muss man damit rechnen, mit etwas noch viel Nutzloserem entlohnt zu werden.

Milo Pine führte kein Schmuggler-Hotel, aber seine Eltern. Es war im Grunde genommen nicht mehr als ein Gasthof, ein riesiges, baufälliges Herrenhaus, das aussah, als wäre es aus den Einzelteilen von vielen verschiedenen Häusern aus unterschiedlichen Städten zusammengeschustert worden. Es hieß Greenglass House und stand oben auf einem Hang über einer schmalen Bucht mit einem Hafen, der in ein kleines Städtchen überging, halb an der Küste gebaut, halb auf den Piers, die sich wie die Zähne eines Kamms auf den Fluss Skidwrack hinauszogen. Vom Skidwrack aus war es ein langer Aufstieg hinauf zum Gasthof oder eine nur unwesentlich kürzere Fahrt mit der Standseilbahn, die von dem privaten Anleger des Gasthofs den steilen Hang des Whilforber Hill hinaufführte. Natürlich kehrten in Greenglass House nicht nur Schmuggler ein, aber diese Sorte war hier am häufigsten zu Gast, und deshalb war es in Milos Augen ein Schmuggler-Hotel.

Milo lebte in Greenglass House, seit er als Baby von Nora und Ben Pine adoptiert worden war. Es war immer sein Zuhause gewesen. Und er war an das bizarre Völkchen gewöhnt, das im Gasthof auftauchte. Einige von ihnen standen jedes Jahr auf der Türschwelle, wie entfernte Verwandte, die in den Ferien kamen, einem in die Wangen zwickten und dann wieder verschwanden. Nach zwölf Jahren konnte er sogar recht gut voraussagen, wer von ihnen wann an die Tür klopfen würde. Schmuggler waren wie Käfer oder Gemüse. Jeder hatte seine eigene Jahreszeit. Und genau das war der Grund, warum es so seltsam war, dass die große alte Glocke auf der Veranda, die mit der Winde der Seilbahn verbunden war, in diesem Moment zu läuten anfing.

Auch der Ton der alten Eisenglocke veränderte sich im Laufe der Jahreszeiten, und nicht nur das: Zu jeder Tageszeit klang sie anders. Dieser Abend, der erste der Weihnachtsferien, war brechend kalt. Es hatte gerade angefangen zu schneien. Und daher hatte auch die Glocke einen brüchigen Klang, als ob sie nach Luft schnappen würde.

Milo sah vom Couchtisch auf, wo er mit einer Matheaufgabe kämpfte. Er erledigte seine Hausaufgaben gerne gleich, damit er den Rest der Ferien genießen konnte, ohne an die Schule denken zu müssen. Er schaute zu seiner Mutter, die sich auf dem Teppich vor dem großen steinernen Kamin ausgestreckt hatte und ein Buch las. «Will da etwa jemand hochkommen?», fragte er ungläubig.

Mrs. Pine stand auf, klemmte das Buch unter den Arm, tapste durch die Eingangshalle und spähte durch das Fenster in der Tür nach draußen. «Sieht ganz so aus. Wir sollten die Kurbel anwerfen.»

«Aber wir haben in der ersten Ferienwoche doch nie Gäste», protestierte Milo. Ein leichtes Unbehagen kroch ihm vom Magen her hoch, und er versuchte, es hinunterzuschlucken. Es war doch wohl nicht möglich, dass ihm da jemand die Ferien verdarb! Er war doch erst vor ein paar Stunden von der kleinen Fähre gestiegen, die die Kinder von diesseits des Flusses zur Schule und wieder heim brachte.

«Nun ja, jedenfalls nicht oft», sagte Mrs. Pine, während sie ihre Stiefel zuschnürte. «Aber wir haben nicht geschlossen. Es hat sich nur meistens so ergeben.»

«Aber wir haben doch Ferien!»

Seine Mutter zuckte mit den Achseln und hielt ihm den Mantel hin. «Komm schon, Sohnemann. Sei ein Gentleman und lass deine Mutter nicht allein hinaus in die Kälte gehen.»

Aha, die «Gentleman»-Nummer. Die zog immer. Leise vor sich hin brummelnd, stand auch Milo auf und flüsterte kaum hörbar«Ferien Ferien Ferien» vor sich hin, während er zu seiner Mutter schlurfte. Er war gerade mit seinen Hausaufgaben fertig geworden. Eigentlich hätten in diesem Moment seine Pflichten für den Rest der Ferien enden sollen.

Wieder ertönte die Glocke. Milo machte seinem Ärger Luft, indem er – einen Stiefel am Fuß – mitten in der Eingangshalle stehen blieb und einen wütenden Schrei ausstieß, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt.

Mrs. Pine verschränkte die Arme vor der Brust und wartete, bis er fertig war. «Tut gut, mal Dampf abzulassen, stimmt’s?», sagte sie sanft. Milo blickte böse drein. «Das ist nicht so wie sonst, ich weiß», setzte seine Mutter hinzu, «und ich weiß auch, dass du es nicht magst, wenn sich die Dinge nicht so entwickeln, wie du es gerne hättest.» Sie bückte sich und kramte in dem Korb neben der Tür nach einer Taschenlampe. «Aber weißt du, Überraschungen können auch etwas Gutes haben.»

Nur weil das, was seine Mutter sagte, sich logisch anhörte, fühlte sich Milo noch lange nicht besser. Aber er nickte und zog sich fertig an. Dann folgte er seiner Mutter hinaus auf die Veranda und durch den Vorgarten zu einer Lücke in der undurchdringlichen Mauer aus kahlen weißen Birken und blaugrünen Tannen, die auf dem Hügel wuchsen. Dahinter, in einem Bereich, der in noch tiefere Schatten getaucht war, ging das Gras nach ein paar Schritten in eine steinerne Plattform über.

Sein ganzes Leben lang, schon als er noch sehr klein war, hatten Milo unerwartete Veränderungen aus dem Konzept gebracht. Ja noch mehr. Überrascht zu werden verursachte ihm selbst unter den besten Umständen ein ungutes Gefühl. Als er jetzt durch den frischen Schnee und die bittere Kälte stapfte, um einen Fremden den Hügel hinaufzuholen – einen unerwarteten Gast, der ihm Arbeit abverlangte, während er sich doch nichts weiter gewünscht hatte, als eine ruhige Woche mit seinen Eltern zu verbringen, allein in ihrem Haus –, da wuchs sich sein Unbehagen zu einer waschechten Panik aus.

Der Strahl der Taschenlampe drang in das Schattenrund ein, wo es leicht flackerte, bevor sich ein buttergoldenes Licht ausbreitete. Mrs. Pine hatte das Licht in dem kleinen Pavillon eingeschaltet, der versteckt zwischen den Bäumen lag. Dort endete die Fahrt der Standseilbahn.

Die Bahn war vor hundert Jahren unten am Fluss gebaut worden. Es gab andere Möglichkeiten, zum Fuß des Steilhangs zu gelangen – oder nach oben, wenn man unten war –, zum Beispiel die fast senkrecht verlaufende Treppe, die sich neben der Seilbahn emporschlängelte und ebenfalls zu dem Pavillon führte. Weiterhin konnte man nach einer zwanzigminütigen Autofahrt über eine gewundene Straße vom Gasthof aus über die andere Seite des Hügels in die eigentliche Stadt gelangen. Aber nur Milos Eltern und die Köchin Mrs. Caraway benutzten diese Straße. Gäste pflegten nicht von der Stadt aus zu kommen. Sie kamen über den Fluss, manchmal mit eigenen Booten, manchmal heuerten sie auch im Hafen eine der alten Teerjacken an, die für ein paar Münzen bereitwillig einen Passagier in ihren noch älteren Jollen zum Greenglass House brachten. Vor die Wahl gestellt, sich in einem Gefährt, das aussah wie ein grotesker und überdimensionierter Autoscooter auf Schienen, den Hügel hinaufziehen zu lassen oder dreihundertzehn Stufen hochzusteigen (Milo hatte sie gezählt), entschieden sie sich immer für die erste Variante.

Auf dem Steinboden des Pavillons befanden sich eine Bank und ein kleiner Verschlag sowie die Schienenenden der Bahn. Mrs. Pine schloss auf und Milo folgte ihr ins Innere des Verschlags, wo die schweren Kabel, die zwischen den Schienen verliefen, sich um eine riesige Spindel wanden. Dank der raffinierten Konstruktion aus etlichen Zahnrädern erledigte die Winde die Arbeit von allein, wenn man sie erst einmal in Gang gesetzt hatte. Aber sie war alt, die Kurbel klemmte oft, und der Wagen war schwer. Sie anzuwerfen war mit zwei Paar Händen einfacher als mit einem.

Gemeinsam packten Milo und seine Mutter die Kurbel. «Eins, zwei, drei!», zählte Milo, und mit vereinter Kraft drückten sie nach vorne. Das kalte Metall der Zahnräder heulte wie ein alter Hund, und dann lief der Mechanismus an.

Während sich der Wagen klickend und klappernd nach oben bewegte, fragte sich Milo, was für eine Art Gast er wohl bringen würde. Es gab alle möglichen Sorten von Schmugglern, und manchmal kamen auch Seeleute oder Reisende, die keine Schmuggler waren. Nicht sehr oft und fast nie im Winter, wenn der Skidwrack und die kleinen Buchten zugefroren waren.

Milo dachte noch immer darüber nach, als Stränge von glitzernden weißen, glühwürmchengroßen Lichtern erstrahlten, den Pavillon erleuchteten und sich entlang des Geländers die lange Treppe hügelabwärts zogen. Seine Mutter, die die Lichterketten gerade eingeschaltet hatte, richtete sich auf.

«Also, was denkst du? Ein Weihnachtself, der vom Nordpol geflohen ist? Ein Amokläufer mit einem Spielzeuggewehr? Ein Schmuggler, der mit selbst gebrautem Eierpunsch handelt?», fragte sie. «Wer am Nächsten dran ist, gewinnt einen Brownie-Eisbecher. Der Verlierer muss ihn machen.»

«Wie heißen diese Blumenzwiebeln, die Grandma dir immer an Weihnachten schickt? Die du so magst?»

«Weihnachtsnarzissen?»

«Genau. Es ist ein Typ mit einer Ladung Weihnachtsnarzissen. Und Strümpfen. Grüne Strümpfe mit pinkfarbenen Streifen.» Ein dumpfes Jaulen gesellte sich zu dem Knarren des Kabels, das sich um die große Spindel in dem Verschlag aufrollte. Anhand der Geräusche konnte man bestimmen, wo auf der Strecke sich der Wagen gerade befand. Milo sah vor seinem inneren Auge den alten, unförmigen Lampenpfahl aus Schmiedeeisen, an dem der Wagen jetzt vorbeikam.

«Grüne Strümpfe mit pinkfarbenen Streifen?»

«Ja. Er weiß vermutlich, dass das nicht die beste Wahl war, aber jetzt hat er sie am Hals. Er wurde gezwungen, die Ladung zu übernehmen – nein, man hat ihn reingelegt –, und wenn er sie nicht loswird, ist er ruiniert. Er denkt fieberhaft darüber nach, wie er die Leute überreden kann, die Ostereier dieses Jahr in Ringelstrümpfen zu verstecken anstatt in Weidenkörben.» Milo beugte sich über das Geländer des Pavillons und spähte in den dichter werdenden Schneefall zwischen den Birken und den weiß bepuderten Tannenzweigen, in der Hoffnung, einen ersten Blick auf den Wagen und seinen Passagier werfen zu können. Es war immer noch nichts zu sehen, aber an der Vibration der Kabel erkannte er, dass es nun über den steilsten Teil der Strecke ging. «Er hat Treffen mit verschiedenen Leuten arrangiert, mit Journalisten und irgendeinem komischen Fernsehstar, die ihm helfen sollen, aus grün-pink gestreiften Strümpfen den Modehit der nächsten Saison zu machen. Und mit dem Vertreter einer Sockenpuppenfirma.»

Wieder beugte sich Milo über das Geländer, so weit, dass ein paar verirrte Schneeflocken, die es unter das Dach des Pavillons geschafft hatten, auf seinen Wimpern landeten. Da war sie: die blaue Metallschnauze des Wagens mit den silbernen Rallyestreifen an den Seiten, die Milo und sein Vater vor ein paar Jahren aufgemalt hatten, zusammen mit dem Schriftzug Whilforber Wirbelwind. Und dann, einen Augenblick später, kam der Passagier in Sicht: ein schlaksiger Mann mit einem Filzhut und einem schlichten schwarzen Mantel. Milo erkannte, dass er eine Brille mit Schildpattrahmen und übergroßen Brillengläsern trug.

Er sackte in sich zusammen. Der Fremde war eine einzige Enttäuschung. Er sah so aus wie ein Großvater, vielleicht sogar ein bisschen wie ein Lehrer.

«Ich weiß nicht», sagte Mrs. Pine, als hätte sie Milos Gedanken gelesen. «Ich finde schon, dass er so aussieht wie jemand, der sich auf grün-pink gestreifte Socken einlässt.» Sie zerzauste ihm das Haar. «Komm, Sohnemann, setz dein Willkommensgesicht auf.»

«Ich hasse das Willkommensgesicht», brummte Milo. Trotzdem straffte er die Schultern und versuchte, fröhlich zu gucken, als der Wirbelwind das letzte Stück zum Pavillon hinaufächzte.

Aus der Nähe sah der Fremde sogar noch langweiliger aus. Langweiliger Hut, langweiliger Mantel, langweiliges Gesicht, langweiliger blauer Koffer im Gepäckabteil des Wagens. Doch die Augen, mit denen er Mrs. Pine und Milo durch seine Brillengläser musterte, waren hell und scharf. Sein Blick wanderte zwischen ihnen hin und her.

Milo spürte, wie er sich verkrampfte. So fing es immer an, jedes Mal, wenn ein Neuling zu den Pines kam. Man konnte förmlich die Gedanken des Fremden lesen: Eins passt nicht zum anderen. Dieser Fremde hier verbarg es besser als die meisten; sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Aber das bedeutete nicht, dass er nicht das Gleiche dachte: Was macht ein Chinesenkind in Nagspeake? Und wie kommt es zu so einer Mutter? Höchstwahrscheinlich adoptiert.

Der Wagen kam mit einem Ruck zum Stehen, worauf hin der Fremde, der damit nicht gerechnet hatte, beinahe mit der Nase im gepolsterten Armaturenbrett des Wirbelwinds gelandet wäre.

«Hallo.» Milos Mutter strahlte den Mann an, der aus dem Wagen kletterte und sich die dünne Schicht Schnee von den Schultern wischte. «Willkommen in Greenglass House. Ich bin Nora Pine, und das ist mein Sohn Milo.»

«Vielen Dank», sagte der Fremde, dessen Stimme genauso langweilig war wie der Rest von ihm. «Mein Name ist Vinge. De Cary Vinge.»

Wenigstens hatte er einen interessanten Namen, dachte Milo säuerlich. «Ich nehme Ihren Koffer, Mr. Vinge.»

«Oh, schon gut», sagte Mr. Vinge schnell, als Milo nach dem Gepäckstück greifen wollte. «Ich trage ihn selbst. Er ist ziemlich schwer.» Er nahm den Griff und zog daran. Er war offenbar wirklich schwer, denn Mr. Vinge musste einen Fuß gegen die Seite des Wagens stemmen, um den Koffer aus dem Gepäckfach hieven zu können.

In dem Moment warf die Mutter Milo einen vielsagenden Blick zu. Verständnislos schaute Milo zu dem Fremden hin. Und da sah er es: eine kurios gestreifte Socke, die einen Augenblick lang sichtbar wurde, als Mr. Vinge mit dem Koffer in den Händen rückwärts taumelte. Die Farbkombination aus Orange und Lila war sogar noch absurder als die grün-pinkfarbenen Ringel aus Milos Fantasie.

«Sieht so aus, als ob ich dir einen Eisbecher schulde», flüsterte ihm seine Mutter zu. Dann setzte sie lauter hinzu:«Hier entlang, Mr. Vinge. Kommen Sie erst mal ins Warme.»

Milos Vater wartete schon, als sie die Veranda erreichten. «Hallo», sagte er, schüttelte Mr. Vinge die Hand und nahm ihm den Koffer ab. «Ben Pine. Wahrlich kein angenehmes Wetter für eine Reise, nicht wahr?»

«Ach, so schlimm ist es gar nicht», erwiderte Mr. Vinge, trat ein und warf den Mantel ab.

«Sie haben’s gerade noch rechtzeitig geschafft», fuhr Milos Vater fort. «Laut Wettervorhersage bekommen wir heute Nacht noch gute zehn Zentimeter Schnee.»

De Cary Vinge lächelte. Es war ein vages Lächeln, das schnell auf blitzte und verschwand, aber es war da gewesen. Als ob es ihm gefiel, eingeschneit zu werden, und zwar ganz allein in einem abgelegenen Gasthof in einem kleinen Städtchen irgendwo im Nirgendwo. «Was Sie nicht sagen.»

Milo fand das Lächeln merkwürdig, aber schließlich hatte dieser Mann auch einen merkwürdigen Namen und trug merkwürdige Socken. Vielleicht war er doch kein so großer Langeweiler.

«Ich setze Kaffee auf und mache heiße Schokolade», sagte Mr. Pine, während er Mr. Vinge durch das Esszimmer zur Treppe führte. «Erst zeige ich Ihnen Ihr Zimmer, und dann lasse ich Ihnen gerne etwas hinauf bringen oder Sie kommen nach unten und wärmen sich am Feuer.»

«Wie lange werden Sie bleiben?», rief Mrs. Pine ihrem Gast nach.

Mr. Vinge blieb stehen, einen Fuß auf der untersten Treppenstufe. «Das kommt darauf an. Müssen Sie das heute Abend schon wissen?»

«Aber nein. Sie sind im Augenblick der einzige Gast.»

Mr. Vinge nickte. «Ich werde Ihnen Bescheid geben, sobald ich es weiß.»

Milo folgte seinem Vater und ihrem Gast die Treppe hoch. Der Gasthof verfügte über fünf Stockwerke. Wohnzimmer, Esszimmer und Küche – alles große, offene Räume, die ineinander übergingen – befanden sich im Erdgeschoss. Die Pines bewohnten den ersten Stock. Die Gästezimmer nahmen den zweiten, dritten und vierten Stock ein. Die Treppe, die alle Etagen miteinander verband, war breit und hatte zu beiden Seiten ein geschnitztes Geländer. Auf jedem Stockwerk gab es einen Absatz und eine Kurve, sodass sich die Treppe immer einmal um sich selbst wendelte. Über jedem Treppenabsatz prangte ein riesiges Buntglasfenster.

Mr. Pine führte Mr. Vinge in den zweiten Stock, wo die Türen zu den vier Gästezimmern offen standen. «Sie haben die freie Wahl, Mr. Vine. Suchen Sie sich eins aus.»

Ihr Gast ging durch den Flur und spähte im Vorbeigehen in jedes Zimmer. Am Ende blieb er vor der Öffnung zu dem alten Speisenaufzug stehen und drehte sich wieder zu Milo und seinem Vater um. Aber Milo hatte den Eindruck, als ob Mr. Vinge gar nicht sie ansah, sondern etwas, das sich hinter ihnen befand. Milo drehte sich um, aber da war bloß das Buntglasfenster und die schneeverwirbelte Nacht dahinter, eingefärbt in Schattierungen aus hellen Grüntönen: Sellerie und Lindgrün und Farben wie alte Glasflaschen.

«Ich nehme das hier», sagte Mr. Vinge nach einer Weile und nickte zu dem Zimmer links von ihm.

«Sehr schön.» Mr. Pine stellte den blauen Koffer kurz hinter der Tür ab. «Sollen wir Ihnen etwas Warmes zu trinken aufs Zimmer bringen?»

Aber noch ehe Mr. Vinge antworten konnte, meldete sich wieder die Eisenglocke mit ihrem rachitischen Klingeln.

Milo starrte seinen Vater fassungslos an. «Noch einer?», fragte er unwillkürlich. Dann schlug er die Hand über den Mund, weil er gerade etwas sehr Unhöfliches gesagt hatte.

«Ich bitte vielmals um Entschuldigung», wandte sich Mr. Pine an seinen Gast und schoss Milo einen bitterbösen Blick zu. Aber Mr. Vinge hatte Milos Bemerkung offensichtlich gar nicht gehört. Er sah genauso fassungslos aus wie Milo.

«War das … war das die Glocke der Bahn?», fragte er in einem seltsamen Ton.

«In der Tat», sagte Milos Vater. «Sieht so aus, als würden wir noch einen Gast bekommen.» Er drehte sich um und steuerte auf die Treppe zu. Im Vorbeigehen schnickte er gegen Milos linkes Ohr. Nicht schmerzhaft, aber fest genug, um ihn merken zu lassen, dass seine Unhöflichkeit zwar Mr. Vinge entgangen sein mochte, ihm selbst, seinem Vater, aber nicht. «Möchten Sie Kaffee oder heiße Schokolade haben und vielleicht eine Kleinigkeit zu essen?», fragte er.

Mr. Vinge runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. «Nein, danke. Ich komme in ein paar Minuten nach unten. Ich muss gestehen, ich bin neugierig, wer außer mir heute Nacht noch unterwegs ist.»

Milos Vater rannte die Treppe nach unten, zwei Stufen auf einmal nehmend, und erwischte seine Frau gerade noch rechtzeitig, als sie erneut hinaus in den Schnee gehen wollte. «Wir übernehmen das, wir übernehmen das!», rief er.

Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sich Milo darüber geärgert, dass sein Vater ihn nicht einmal fragte, ob er mit hinausgehen wollte. Und obwohl es nun immer wahrscheinlicher wurde, dass er seine gemütlichen und ruhigen Ferien abschreiben konnte – bei zwei Gästen war das eigentlich gar keine Frage mehr –, trieb ihn die bloße Unglaublichkeit, dass in einer solchen Nacht zu einer solchen Zeit im Jahr zwei Gäste unabhängig voneinander im Greenglass House auftauchten, nach draußen.

Und noch etwas: De Cary Vinge war sichtlich schockiert gewesen, als die Glocke ertönte. Einerseits hatte er – mit Milos Augen betrachtet – natürlich recht mit seiner Überraschung, dass noch ein weiterer Gast ankam. Andererseits konnte er doch nicht wissen, dass das Gasthaus um diese Jahreszeit gewöhnlich leer stand. Es sei denn, dachte Milo, während er seine Stiefel anzog, Mr. Vinge war hier, gerade weil er damit gerechnet hatte, dass außer ihm niemand da sein würde.

Das war der Moment, in dem Milo zum ersten Mal der Verdacht kam, dass etwas Merkwürdiges vorging. Doch dann zog sein Vater die Tür auf, und ein beißender Nachtwind fegte in die Eingangshalle. Milo zog den Reißverschluss seines Mantels hoch und trat hinter seinem Vater in die Kälte. Er versuchte, in den Fußstapfen zu laufen, die dieser in der höher werdenden Schneedecke hinterließ.

Sie mussten den Whilforber Wirbelwind erst wieder nach unten schicken, denn Milos Mutter hatte natürlich angenommen, dass er für geraume Zeit nicht mehr gebraucht wurde. «Was denkst du?», fragte Mr. Pine, während sie dem blauen Wagen nachschauten, der über die Kuppe ihren Blicken entschwand. «Ich muss gestehen – aber verrate es nicht deiner Mutter –, dass ich mich auf ein paar ruhige Tage gefreut habe. Ich will mich nicht beklagen, ich dachte bloß, ich hätte ein bisschen mehr Freizeit.»

«Ich auch!», brach es aus Milo hervor. «Ich habe schon meine Hausaufgaben gemacht und überhaupt!»

«Was ist dieser Mr. Vinge für ein Typ? Ich bin gar nicht dazu gekommen zu fragen, was er macht und was ihn hierherführt. Hast du eine Ahnung?»

Milo schüttelte den Kopf. «Er hat ziemlich irre Socken an, mehr weiß ich auch nicht.»

Sein Dad nickte ernst. Das war eine seiner großartigen Eigenschaften: Er nahm alles, was man sagte, ernst. Milo musste nicht erklären, warum es ihm bedeutsam vorkam, dass ein Mann, der auf den ersten Blick so langweilig und normal erschien, außergewöhnliche Socken trug. Sein Dad würde es auch so begreifen.

Der Motor, der das Kabel antrieb, kam zum Stehen. Der Wirbelwind hatte den Fuß des Hügels erreicht. Einen Augenblick später erklang wieder die Glocke, zum Zeichen, dass der Passagier eingestiegen war und mit der Hochfahrt begonnen werden konnte. Mr. Pine verschwand in dem Verschlag und setzte die Winde in Bewegung.

Milo und sein Vater lehnten sich Seite an Seite gegen das Geländer, starrten zwischen den Bäumen hindurch und warteten auf den ersten blauen Schimmer. Das war noch so eine tolle Sache an seinem Dad: Man konnte mit ihm zusammen sein und brauchte nichts zu sagen, und doch hatte man das Gefühl, Zeit mit ihm zu verbringen. Seine Mom war anders. Das, was sie zu sagen hatte, war immer interessant, und sie und Milo führten lustige und lebhafte Gespräche. Aber mit seinem Vater konnte er ganz prima schweigen.

Der Schnee fiel aus dem Himmel, hüllte Bäume und Boden und Nacht in Stille, während die Winde, die Kabel, die Schienen und der Wagen ihre üblichen Geräusche von sich gaben, als ob sie selbst ein Gespräch darüber führten, dass ein neuer Gast im Anzug war. Und dann, endlich, kam der Whilforber Wirbelwind in Sicht. Darin saß, zusammengekauert unter einem strahlend blauen Schirm, der mit Schnee bepudert war, eine Dame.

Der Wagen glitt unter einer der alten, schmiedeeisernen Lampen vorbei, und das Licht, das durch ihren Schirm fiel, schien auch ihre Haare blau zu färben. Sie wirkte ziemlich jung, jedenfalls jünger als seine Eltern, dachte Milo. Sie lächelte und winkte, als der Wirbelwind sich seinem Ziel näherte, und Milo merkte, dass er ihr Lächeln und Winken erwiderte.

Der Wagen blieb stehen, und die Dame schob schwungvoll ihren Schirm über die Seite, klopfte den Schnee ab und klappte ihn dann zu. Ihre Haare blieben blau: sie waren einen Ton dunkler als das metallische Kobaltblau des Schienenwagens, aber zweifellos – blau.

«Hallo Leute!», sagte sie fröhlich. «Tut mir leid, dass ich euch in einer solchen Nacht vor die Tür gejagt habe.»

«Kein Problem», sagte Mr. Pine und bot ihr seine Hand, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. «Dafür sind wir ja da. Ich bin Ben Pine und das ist mein Sohn Milo.»

«Georgiana Moselle. Georgie», sagte die blauhaarige Dame, die noch so jung war, dass sie eher als Mädchen gelten konnte. «Danke.»

«Darf ich Ihr Gepäck tragen?», fragte Milo.

Sie nickte erfreut und deutete auf eine Reisetasche hinten im Wagen. «Aber sicher. Danke, Milo.»

Milo holte die Tasche aus dem Wagen und ging durch die Bäume zum Gasthaus zurück. Ehe sein Vater ihm folgte, setzte er noch das Getriebe des Wagens in Gang und schickte ihn wieder nach unten. «Für alle Fälle», murmelte er.

Im Haus erwartete sie der verführerische Duft von heißem Apfelsaft; Milo roch es, sobald er die Tür öffnete. Auch Mr. Vinge wartete schon. Während Mrs. Pine in die Eingangshalle kam und ihren Gast begrüßte, spähte er um die Rückenlehne eines großen Sessels im Wohnzimmer und betrachtete Georgie neugierig, ehe er sich unbemerkt wieder nach vorne wandte und ihren Blicken entschwand.

«Suchen wir Ihnen erst einmal ein Zimmer. Dann gibt’s Kaffee, Tee, heiße Schokolade und Apfelpunsch», sagte Mr. Pine, während die junge Frau aus ihren grünen Gummistiefeln stieg. «Ben, welches Zimmer hast du Mr. Vinge gegeben?»

Georgie erstarrte mitten in der Bewegung. Sie hatte sich gerade gebückt, um ihre Wollsocken hochzuziehen, und warf Mrs. Pine nun von unten herauf den rätselhaftesten Blick zu, den Milo jemals gesehen hatte. Es war, als ob ihr Gesicht in zwei Hälften geteilt wäre: der untere Teil lächelte unschuldig, im oberen prangten ungläubig aufgerissene Augen.

«Sie haben noch einen Gast?»

Mr. Vinge lehnte sich wieder hinter dem Sessel hervor und lächelte ausdruckslos hinter seinen riesigen Brillengläsern. «De Cary Vinge. Bin auch gerade erst angekommen.»

«Georgie Moselle», sagte die blauhaarige Frau. Ihr merkwürdiger Gesichtsausdruck flackerte, als ob sie ihn ausknipsen wollte, aber genau wusste, dass es seltsam erscheinen würde, wenn sie jetzt aufhören würde zu lächeln. Weder sie noch Mr. Vinge machten Anstalten, sich die Hände zu schütteln. Sie starrten einander bloß an, als ob sie versuchten, die Gedanken des jeweils anderen zu erraten.

Milo schaute prüfend zu seinen Eltern, ob sie das Verhalten ihrer Gäste bemerkten, aber sie schienen den Blickwechsel verpasst zu haben. «Mr. Vinge ist in 2E», sagte Mr. Pine zu seiner Frau, während er sich seines Mantels und der Stiefel entledigte. «Macht es dir etwas aus, Miss Moselle nach oben zu bringen?»

«Aber nein. Milo, trägst du die Tasche?»

«Ja, sicher.» Milo betrachtete die beiden Gäste, die einander immer noch abschätzend beobachteten. Dann wandte sich Georgie abrupt ab und folgte Mrs. Pine zur Treppe. Milo trottete hinterher.

«Ist Ihnen der zweite Stock recht?», fragte seine Mutter. «Es ist doch nicht nötig, dass Sie eine zusätzliche Treppe steigen müssen, wenn nur zwei Gäste im Haus sind.»

«Ach, ich weiß nicht», sagte Georgie unbekümmert. «Wie oft bekommt ein Mädchen schon die Gelegenheit, ein ganzes Stockwerk für sich zu haben? Klingt doch lustig.»

Lustig? Weshalb in aller Welt sollte jemand freiwillig drei Treppen hochsteigen wollen, wenn es nicht unbedingt nötig war? Außerdem wusste Milo, der schon in jedem Zimmer von Greenglass House geschlafen hatte, dass es ziemlich unheimlich war, allein ein Stockwerk zu bewohnen. Das Haus hatte seine eigenen Geräusche: knarrende Dielenbretter, klappernde Fensterläden, quietschende Scharniere …

Aber natürlich würde seine Mutter einen Gast nicht davon abhalten, eine zusätzliche Treppe hinauf- und hinunterzulaufen, wenn dieser Gast es so haben wollte. Also gingen sie zum dritten Stock weiter.

Während das Buntglasfenster im zweiten Stock in Grüntönen gehalten war, bestand das Fenster im dritten Stock hauptsächlich aus Blauschattierungen: Kobalt und Taubenblau, Puderblau und Türkis, mit ein paar Glasstückchen hier und da, die – besonders mit dem Nachthimmel im Hintergrund – genau die gleiche Farbe zu haben schienen wie Georgie Moselles Haare.

Die junge Frau strahlte das Fenster an. «Schaut euch das an! Sieht so aus, als würde ich hierher gehören.»

Mrs. Pine wedelte mit dem Arm. «Suchen Sie sich ein Zimmer aus. Ich vergaß zu fragen: Wie lange möchten Sie bleiben?»

«Ich bin noch nicht sicher. Vielleicht eine Woche, vielleicht auch zwei.» Nach einem raschen Blick in die Zimmer wählte Georgie das am Ende des Flurs. Milo folgte ihr nach 3W und stellte die Reisetasche auf die Gepäckbank gleich hinter der Tür. Wenigstens wollte er das tun, aber als er die Tasche losließ, in gutem Glauben, sie sicher auf der Bank deponiert zu haben, fiel sie einen knappen Meter nach unten und schlug hörbar auf dem Boden auf.

Und auch das Zersplittern, das aus dem Inneren der Tasche drang, war nicht zu überhören.

Georgie kniete neben der Tasche, während Milo noch überlegte, ob er sich entschuldigen oder laut schreien sollte. «Es tut mir so leid», brabbelte er und starrte fassungslos zwischen der Tasche und der Gepäckbank hin und her, die aus einem unerfindlichen Grund nicht links von der Tür stand, wo sie hingehörte, sondern rechts. Die Türen der Zimmer mit einem W öffneten sich nach innen und schwangen nach rechts auf, und daher stand die Gepäckbank eigentlich immer links von der Tür.

«Schon gut», sagte Georgie. «Mach dir keine Sorgen.»

«Aber es ist etwas kaputtgegangen», wandte Milo ein. Georgie warf Kleider und Toilettenartikel, die wahllos in die Tasche gestopft zu sein schienen, auf den Boden und suchte nach dem Gegenstand, der zerbrochen war. Milo starrte entsetzt auf den wachsenden Haufen: Jeans, Schlafanzüge, ein Tiegel mit Gesichtscreme, Unterwäsche …«Ich … ich hole ein Handtuch oder so etwas», sagte er hilflos.

Ein Buch mit gebrochenem Rücken, eine Zeitschrift mit Wasserflecken und losen Blättern, die entwischten und durch das Zimmer flatterten, ein Plastikbeutel mit Reißverschluss für Make-up und Lippenstifte, und dann – da war es: Georgie hielt die tropfenden Hälften einer rosafarbenen Glasflasche in die Höhe. Gleich darauf brandete ein überwältigender Geruch auf Milo ein, eine Mischung aus Alkohol und einem Duft nach Gewürzen und Blumen. Er hatte eine Parfümflasche zerbrochen.

«Oh, mein Gott!», rief Mrs. Pine von der Tür aus. «Oh, es tut mir so …» Unwillkürlich musste sie würgen und rannte durch den Flur. Einen Augenblick später kehrte sie mit einem Abfalleimer aus einem der anderen Zimmer zurück. «Werfen sie es hier hinein. Wir werden Ihnen den Schaden natürlich ersetzen. Es tut mir so leid. Ich werde Ihre Sachen gleich waschen und trocknen.»

Georgie seufzte und legte die Glasscherben vorsichtig in den Abfalleimer. «Das ist nicht schlimm. Bitte machen Sie sich keine Umstände. Ich weiß selbst nicht, warum ich die Flasche ganz unten in die Tasche gelegt habe.» Sie schaufelte ihre Kleidungsstücke in ihre Arme, warf sie auf die gestrickte gelbe Tagesdecke und fing an, sie zu sortieren.

Die Mutter warf Milo einen scharfen, fragenden Blick zu. Er war gerade dabei, Georgies restliche Sachen aufzuheben. «Die Gepäckbank steht auf der falschen Seite», sagte er und deutete anklagend mit dem Zeigefinger auf das rebellische Möbelstück. «Normalerweise steht sie doch immer auf der linken Seite, wenn die Tür nach rechts aufgeht! Wer hat sie da hingestellt?»

«Milo.» Mrs. Pine hielt ihm den Abfalleimer hin. Er seufzte und legte Georgies Sachen auf den Schreibtisch, der glücklicherweise da war, wo er sein sollte. Dann nahm er den Abfalleimer und ging hinaus in den Flur.

Er war schon in der Besenkammer im ersten Stock, wo er sich des blumigen, intensiv riechenden und überwältigenden Abfalls entledigte, als er merkte, dass er immer noch Georgie Moselles Buch unter dem Arm hatte. Na großartig.

Aber er würde ihr sowieso früher oder später wieder gegenübertreten müssen. Milo seufzte und versuchte, die Gedanken an die Gepäckbank, die an der falschen Stelle stand, und die Tatsache, dass seine Ferien ganz anders abliefen, als er sich das vorgestellt hatte, aus seinem Kopf zu verbannen. Er hatte das Gefühl, dass alle Welt versuchte, ihn gehörig durcheinanderzubringen. Er wandte sich wieder der Treppe nach oben zu.

In diesem Moment ertönte die Glocke ein drittes Mal.

Milo wirbelte herum und rannte die Treppe zum Erdgeschoss hinunter, vorbei an einem zur Salzsäule erstarrten Mr. Vinge, und konnte gerade noch einen Zusammenstoß mit seinem Vater und der silbernen Kaffeekanne vermeiden. «Das übernehme ich!», brüllte er aus voller Kehle.

Diesmal waren sie zu zweit. Es war schwer zu sagen, wer am meisten unter diesem Umstand litt – die Gäste, die unbehaglich nebeneinander auf der Wagenbank saßen und mit Schnee bepudert wurden, oder der Whilforber Wirbelwind, der es nicht gewohnt war, eine solche Last zu befördern, und der ungewöhnlich laut quietschte, als er sich der Plattform näherte.

Es lag nicht daran, dass die Gäste so außergewöhnlich schwer waren. Aber das Gepäckfach des Wagens war bis oben hin vollgestopft mit Sachen, sodass der Berg an Gepäck tatsächlich die Passagiere überragte. Ein Meister seines Fachs musste beim Packen am Werk gewesen sein. Milo war es ein Rätsel, wieso der Haufen nicht einfach umgekippt und den ganzen Berg wieder hinuntergepurzelt war. Da stapelten sich Koffer, Aktentaschen, Kleidersäcke und etwas, das aussah wie ein Teleskopkasten …

Die Gäste Nummer drei und vier kraxelten bereits aus dem Wagen, noch ehe dieser vollständig angehalten hatte. Milo musste unwillkürlich an Figuren aus einem Kinderreim denken: Es war eine dunkle und stürmische Nacht, oh je! Da stapften sie durch den Schnee: Herr Groß und Herr Klein, mit rot gefrorenen Nasen, oh weh!

Und diese beiden, die da durch den Schnee stapften, sahen so aus, als wären sie sich gegenseitig an die Gurgel gegangen, wenn die Fahrt nur noch eine Minute länger gedauert hätte.

Der Mann, den Milo insgeheim Herr Klein nannte, war untersetzt und dunkelhaarig und sah aus wie ein zorniger Lehrer. Der andere war, das musste Milo zugeben, zu vierschrötig gebaut, um als Herr Groß durchzugehen. Außerdem war es kein Mann, sondern eine Frau. Aber auch sie wirkte mit ihren weißen Haaren und dem hochmütigen Gesicht wie eine Lehrerin. Eine wütende Lehrerin. Warum sahen bloß alle so aus wie Lehrer, wo er doch Ferien hatte?

Nichtsdestotrotz hob Milo grüßend die Hand, während er die beiden Neuankömmlinge unauffällig musterte. Beide machten den Eindruck, als würden sie jeden Moment in die Luft gehen. «Willkommen in …»

Herr Klein zog etwas aus dem Wagen, und der ganze Haufen geriet ins Rutschen. Gepäckstücke – zumeist teuer aussehende Koffer, die mit malvenfarbenem Brokat überzogen waren – kullerten auf die Plattform und knallten auf das Eisengeländer.

Frau Groß, die gerade auf Milo zugehen wollte, erstarrte. Ihr Gesicht wurde erst ausdruckslos, dann rot, dann lila und nahm schließlich einen Farbton an, der irgendwo zwischen Grau und Blau schwankte. Schließlich fing sie an zu schreien. Herr Klein richtete sich zu seiner vollen, etwas kurz geratenen Größe auf, das Gesicht rosa verfärbt, und dann fing auch er an zu schreien. Die beiden brüllten einander an, lauter und immer lauter, umringt von den Ruinen des Gepäckturms. Milo war sich nicht einmal sicher, in welcher Sprache sie sich anbrüllten. Wenn es seine eigene war, so schienen sie sich nicht die Mühe zu machen, verständliche Worte zu äußern.

«Ich bitte um Entschuldigung», sagte er zögernd. Das Geschrei dauerte an, als ob er gar nicht da wäre. «Entschuldigen Sie», sagte Milo noch einmal, diesmal lauter. Und dann:«ENTSCHULDIGUNG!»

Wie ein Mann wandten sich die beiden zu Milo hin und fuhren mit ihrem Gebrüll fort, nur dass sie jetzt ihn anschrien. Milo versuchte, etwas zu verstehen. Dann versuchte er, sie zu unterbrechen. Und schließlich tat er, was seine Mutter immer tat, wenn Milo seine «fünf Minuten» hatte, wie sie es nannte, und sich nicht beruhigen ließ. Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und machte ein Gesicht, als ob er sich kein einziges der unverständlichen Wörter entgehen lassen wollte, die sich die zwei Streithähne gegenseitig an den Kopf warfen. Und dann wartete er ab.

Erstaunlicherweise funktionierte seine Taktik. Allmählich ging Herrn Klein und Frau Groß die Puste aus. Als der Strom wütender Worte zum Versiegen kam, erkannte Milo, dass sich die ganze Diskussion darum gedreht hatte, wessen Gepäck den meisten Platz im Gepäckfach eingenommen hatte. Schließlich standen sie Seite an Seite stumm neben der Bahn, Herr Klein mit den Armen vor der Brust verschränkt und Frau Klein mit in die Hüften gestemmten Fäusten.

Milo lächelte ein breites Willkommenslächeln und deutete auf den Weg, der zum Gasthof führte. «Dort entlang bitte», sagte er, als hätte er nicht gerade einen Sturm aus Gezeter und Gebrüll über sich ergehen lassen. «Ich komme gleich nach.»

Die beiden schossen einander einen letzten bösen Blick zu, dann gab Frau Groß eine Art Knurren von sich und wandte sich dem Chaos von verstreut liegenden Gepäckstücken zu. Sie pickte sich einen Arm voll malvenfarbener Reisetaschen heraus und schlang sie über ihre Schultern, bis sie beinahe unter ihnen vergraben wurde. «Junger Mann, dürfte ich dich bitten, mir meinen Koffer und meinen Kleidersack zu tragen?»

Milo nickte, und sie machte ein Gesicht, das einem Lächeln ziemlich nahe kam. Dann stapfte sie aus dem Pavillon und zuckte bei jedem Schritt, mit dem ihre Wildlederschuhe im Schnee versanken, gequält zusammen.

Herr Klein wartete mit verschränkten Armen, bis sie außer Hörweite war. Dann stieß er einen mächtigen, genervten Seufzer aus. «Ich war der Ansicht, dass dies ein friedliches Örtchen sei, besonders um diese Jahreszeit», sagte er. Der vorwurfsvolle Blick, mit dem er Milo bedachte, hätte vermuten lassen können, dass Milo ihm eine falsche Auskunft gegeben hatte.

Milo zuckte mit den Schultern. «Dieser Ansicht war ich auch. Ich habe nämlich eigentlich Ferien. Zum Gasthaus geht’s da lang. Kann ich Ihnen mit Ihrem Gepäck helfen?»

«Nein, danke, ich komme schon zurecht.» Der untersetzte Mann seufzte noch einmal auf und sammelte dann das restliche Gepäck auf. Wie ein Packesel beladen, machte auch er sich auf den Weg zum Haus.

Milo ging einmal um den Pavillon herum, um sich zu vergewissern, dass nirgends irgendwelche Koffer oder Reisetaschen herumlagen, ehe er den beiden Neuankömmlingen folgte. Er warf sich den Kleidersack von Frau Groß über die Schulter und packte den Griff ihres Rollkoffers. Am Rand des Wäldchens, wo der Weg in den Vorgarten von Greenglass House führte, blieb er stehen und lauschte. Hinter ihm war ein Geräusch, und zwar vom Steilhang her. Aber nicht von den Schienen. Es war ein Dröhnen, doch anders als von einer Maschine. Obwohl es durch den Schnee gedämpft wurde, erkannte Milo dieses Geräusch – er wollte seinen Ohren nicht trauen.

Jemand kam die Treppe hoch. Und dem Getrappel nach zu urteilen, ging dieser Jemand ziemlich schnell. Er rannte fast die letzten Stufen hinauf. Milo trottete zurück zum Rand der Plattform und spähte hinunter in das Schneetreiben zwischen den Bäumen.

Im Schein der in unregelmäßigen Abständen stehenden Laternen und im Funkeln der Lichterkette sah er, dass sich in der Tat eine Gestalt über die Treppe näherte. Und diese Gestalt ging nicht nur schnell, sondern sprang hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Abgesehen davon, dass diese Fortbewegung auf der eisglatten Treppe ziemlich gefährlich war, kam sie Milo schlichtweg unmöglich vor. Es waren immerhin mehr als dreihundert Stufen. Selbst unter den besten Voraussetzungen war der Aufstieg eine sehr anstrengende und ermüdende Angelegenheit.

Er wartete darauf, dass die Schritte der Person langsamer würden. Aber nichts dergleichen geschah. Die letzten drei Stufen mit einem einzigen Sprung überwindend, landete der Fremde auf der Plattform und sah so frisch und munter aus wie ein Gänseblümchen. Ein schneebedecktes Gänseblümchen unter einer schwarzen Strickmütze mit einem wahrhaft gigantischen Rucksack auf dem Rücken. Und mit pinkfarbenem Lipgloss.

«Hallo, hallo!», rief das Gänseblümchen und grinste Milo an. Ihre Wangen waren nur unwesentlich gerötet. «Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich suche Greenglass House, das soll hier irgendwo sein.»

«Ja.» Milo starrte nach unten und versuchte immer noch herauszufinden, wieso diese Frau nicht gleich vor lauter Erschöpfung ihren letzten Atemzug tat. «Ja. Da geht’s lang. Ähm … ich bin Milo. Meinen Eltern gehört das Gasthaus.»

«Clemence O. Candler», erwiderte die junge Frau und streckte ihm eine Hand mit grau lackierten Fingernägeln entgegen. «Meine Freunde nennen mich Clem.»

Im Gasthof war das Chaos ausgebrochen. Herr Klein und Frau Groß brüllten sich schon wieder an, nur dass sie es jetzt – mit tropfnassen Schuhen – mitten auf dem Wohnzimmerteppich taten. Er gestikulierte wild mit dem Teleskopkasten, den er wie ein Schwert schwang, während sie einen bestickten Beutel wie einen Schild gegen ihre Brust drückte. Mr. Vinge stand in der Ecke und hielt eine Tasse schützend vor sich. Georgie Moselle saß vor dem Kamin, die Ellbogen auf die Knie gelegt und die Augenbrauen so weit hoch gezogen, dass sie fast unter ihrem Haaransatz verschwanden. Es schien unmöglich, dass sie noch höher wandern konnten, aber sie taten es, als Clem Candler hinter Milo das Haus betrat. Ja, dachte Milo missmutig, noch jemand. Akzeptieren Sie das Unvermeidliche; ich muss es ja auch.

Milos Vater versuchte vergeblich, sich zwischen die zwei kreischenden Gäste zu schieben, und Milos Mutter ging mit dem Telefon am Ohr an der Bar zwischen Esszimmer und Küche auf und ab. Clem Candler hängte ihren Mantel auf und stellte ihre Schuhe neben die von Mr. Vinge, ohne die Szene im Wohnzimmer aus den Augen zu lassen. Sie nahm ihre Mütze ab und schüttelte die kurzen roten Haare. «Ziemlich lebhafter Haufen», murmelte sie.

Mr. Pine hatte jetzt genug. Milo sah es voraus und ging in Deckung. Sein Vater konnte ziemlich laut werden, wenn er wollte. «ALSO SCHÖN!», donnerte Mr. Pine. Seine Stimme hallte von jeder Oberfläche des Stockwerks wider. Irgendwo im Esszimmer ging klirrend ein Glas zu Bruch. «Das reicht jetzt!»

Herr Klein und Frau Groß verstummten missmutig.

«So ist’s besser. Benehmen Sie sich gefälligst wie vernünftige Menschen, ansonsten könnte ich feststellen, dass wir ausgebucht sind.» Mr. Pine fixierte die beiden, einen nach dem anderen, mit einem todernsten Blick. «Habe ich mich klar ausgedrückt?» Er wartete, und nachdem beide widerstrebend genickt hatten, deutete er zu dem Holzständer in der Eingangshalle, auf dem das aufgeschlagene Gästebuch lag. «Sie zuerst, Ma’am. Ihr Name?»

«Mrs. Eglantine Hereward.»

«Und Ihrer, Sir?»

«Dr. Wilbur Gowervine.»

«Und Ihr Name, Miss?»

«Clemence Candler.»

«Und wie lange wollen die werten Herrschaften bleiben?» Die drei neuen Gäste zögerten. Genauso wie die ersten beiden schienen auch sie sich noch nicht darüber im Klaren zu sein. Mr. Pine seufzte. «Na, egal. Milo, bist du so lieb?»

«Klar.» Milo zog seine Stiefel aus, nahm Eglantine Herewards Koffer und den Kleidersack wieder auf und ging die Treppe hoch. Clem folgte stumm, aber offensichtlich gut gelaunt. Sie ging mäuschenleise auf ihren Strümpfen. Mrs. Hereward schniefte hochnäsig und stolzierte hinterdrein. Wilbur Gowervine machte viel Auf hebens von seinem Gepäck und folgte dann ebenfalls nach. Der längliche Teleskopkasten schlug bei jedem Schritt gegen das Treppengeländer.

Milo blieb im zweiten Stock unter dem blassgrünen Fenster stehen, während er und Clem auf die anderen beiden warteten. «Hier geht es zu den ersten Gästezimmern», sagte er, als Mrs. Hereward und Dr. Gowervine zu ihnen stießen. «Sie können sich ein Zimmer aussuchen, außer 2E. Das ist schon belegt. Es ist das mit der geschlossenen Tür.»

Die drei Gäste schauten einander an. Clem wedelte mit der Hand und schenkte den anderen beiden ein strahlendes Lächeln. «Bitte nach Ihnen.»

Mrs. Hereward erwiderte die Höflichkeit mit einem knappen Nicken und stapfte dann durch den Flur. Während sie sich das Zimmer am Ende anschaute, trug Dr. Gowervine seine Habseligkeiten in den nächstliegenden Raum und ließ alles auf den Boden fallen. «Ich nehme dieses Zimmer», verkündete er.

Die hochgewachsene alte Dame brauchte lange, um sich zwischen den beiden verbleibenden Zimmern zu entscheiden. Clem beugte sich zu Milo und sagte leise: «Sag mal, Milo, sind vielleicht oben noch Zimmer frei?»

«Nun … ja sicher. Etliche. Warum?»

Eigentlich ging ihn das überhaupt nichts an, aber Clem schien seine Frage nicht zu stören. «Ich muss ein bisschen trainieren», erklärte sie. «Ansonsten werde ich unausstehlich, und bei dem ganzen Schnee glaube ich kaum, dass ich in nächster Zeit draußen joggen gehen kann. Wäre es sehr viel von deinen Eltern verlangt, wenn ich mir ein Zimmer in einem anderen Stockwerk aussuchen würde?»

«Überhaupt nicht. Ich glaube sogar, im vierten Stock wohnt noch gar niemand. Zwei Stockwerke nach oben. In Zimmer 4W gibt es ein echt cooles Buntglasfenster, wenn Sie so etwas mögen.»

«Fantastisch.»

Mrs. Hereward steckte den Kopf durch die Tür von 2N, neben dem Zimmer von Mr. Vinge. «Junger Mann, könntest du mir bitte mein restliches Gepäck hochbringen?»

«Gewiss doch, Ma’am.» Milo wollte sich wieder Clem zuwenden, aber die war schon nach oben verschwunden.

KAPITEL 2

MEDDY

Nachdem Milo Mrs. Herewards Gepäck nach oben gebracht hatte, in den vierten Stock gegangen war und nach Clem gesehen und sich dann im Erdgeschoss eine Tasse heiße Schokolade aus dem Topf auf dem Herd eingegossen hatte – mit Marshmallows, versteht sich –, bekam er erneut das Gefühl, dass alles aus dem Ruder lief.

Es war spät, und durch Greenglass House drangen die Geräusche von Fremden. Das Haus selbst klang verändert, und sogar der Geruch war anders. Es hätte nach Winter riechen sollen, nach Schnee, Holzfeuer und heißer Schokolade. Diese Gerüche waren da, aber sie wurden überlagert von dem strengen Geruch, der von Mrs. Herewards nassem Wollmantel ausging, von Georgie Moselles zerbrochener Parfümflasche und einem leichten Hauch Tabak von der Pfeife, die Dr. Gowervine im Wintergarten geraucht hatte.

Milo setzte sich auf eine Bank am Esstisch, wo er noch vor wenigen Stunden ein ganz normales Abendessen zu sich genommen hatte, bevor all diese Gäste hereingeschneit waren. Seine Mutter murmelte einen Abschiedsgruß in die Sprechmuschel des Telefons, an dem sie in den vergangenen zwanzig Minuten geklebt hatte, legte auf und ließ sich neben ihn auf die Bank fallen. «Wie geht’s dir, Sohnemann?»

Er knurrte in seinen heißen Kakao.

«Keine Sorge, das war Mrs. Caraway. Sie und Lizzie machen sich auf den Weg, um uns zu helfen. Wir tun unser Bestes, damit du schöne Ferien hast.»

«Sie kommen zurück?»

Mrs. Caraway war die Köchin, und ihre Tochter Lizzie, die eine Bäckerei hatte, war schon ein paar Mal in Greenglass House gewesen, um auszuhelfen, wenn es hektisch zuging.

«Wann?», wollte Milo wissen.

«Noch heute Abend, wenn die Straßen befahrbar sind. Aber erst spät. Sie müssen sehr langsam fahren.» Sie legte ihm den Arm um die Schulter. «Willst du mir noch ein bisschen Gesellschaft leisten? Ich glaube, ich schulde dir noch einen Brownie-Eisbecher.»

Normalerweise genoss es Milo, lange aufzubleiben und gemeinsam mit seiner Familie am Kamin zu sitzen. Manchmal lasen sie, manchmal spielten sie Scrabble oder ein Kartenspiel. Aber heute … Milo lugte über den Rand seiner Tasse ins Wohnzimmer. Mr. Vinge war nach oben gegangen, ebenso wie Dr. Gowervine, als seine Pfeife erloschen war. Mrs. Hereward war gar nicht erst nach unten gekommen, aber Georgie Moselle und Clem Candler saßen mit dampfenden grünen Tassen da. Die blauhaarige Georgie hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht, ihr Getränk auf dem Beistelltisch neben ihrem Ellbogen und eine Zigarrenkiste auf dem Schoß. Sie hielt eine Rolle mit schwarzem Klebeband in der einen Hand, mit dem sie vorsichtig die Kanten der Kiste umwickelte. Die rothaarige Clem saß auf dem Teppich und war für Milo vom Esszimmer aus kaum zu sehen. Sie hatte ein weißes Tape dabei, mit dem sie ihre Knöchel verband. Augenscheinlich hatte der Aufstieg zum Gasthof doch seine Spuren hinterlassen.

Die beiden schwiegen. Vielleicht war dies für geraume Zeit der letzte friedliche Abend. Er konnte jederzeit nach oben in die Privatwohnung der Familie gehen, aber seine Eltern würden hier unten bleiben und sich um die Gäste kümmern. Und zu viel Stille und Einsamkeit würden ihm auch nicht helfen. «Ich hole mir etwas zu lesen. Bin gleich wieder da.»

Er war schon halb die Treppe hinauf, da fiel ihm ein, dass er Georgies Buch, das er vorhin versehentlich mitgenommen hatte, gar nicht zurückgegeben hatte. Er blieb stehen, den Fuß über der nächsten Stufe in der Luft schwebend, und betastete seine Taschen. «Oh nein. Wo habe ich …?»

Es gab nur einen Ort, an dem er das Buch liegen gelassen haben konnte. Er hatte es dabeigehabt, als er hinaus zur Seilbahn gerannt war. Es kam ihm nicht so vor, dass er es auch noch gehabt hatte, als er die drei neuen Gäste in ihre Zimmer brachte und als er wieder nach unten ging, um Mrs. Herewards Gepäck zu holen. Was bedeutete, dass es noch draußen war. Vermutlich im Pavillon.

Milo stürmte wieder die Treppe hinunter in die Eingangshalle, wo er seine Stiefel ergriff und nach draußen huschte, ehe noch jemand fragen konnte, wo er hinwollte. Er sauste über die Veranda, vorbei an seinem Vater, der Feuerholz unter einer Plane aufstapelte, und sprintete den Pfad entlang in das Wäldchen.

Die Lichterketten am Dach des Pavillons und am Geländer der langen Treppe brannten noch immer, aber jetzt glühten sie durch einen Überzug aus Schnee. Milo fand das Taschenbuch zwischen dem Whilforber Wirbelwind und der Kante des Holzbodens. Wahrscheinlich hatte er es fallen gelassen, als der Gepäckturm in sich zusammengestürzt war.

Er zog das Buch aus dem Spalt und steckte es in seine Gesäßtasche. Als er sich schon wieder abwenden wollte, entdeckte er noch etwas anderes auf den Eisenschienen.

Es sah aus wie eine Geldbörse aus blauem Leder, nur größer. Milo kletterte zu den Schienen hinter dem Wagen hinunter und hob es auf.

Und so fand er die Karte.

Sie steckte in der linken Tasche der Börse, zu einem ordentlichen Quadrat gefaltet. Das Papier war alt und grünlich verfärbt, so wie die Kupfertöpfe in der Küche von Greenglass House, die mit Grünspan überzogen waren. Milo hatte noch nie erlebt, dass auch Papier diese Farbe annahm. Mit klammen Fingern faltete er die Karte vorsichtig auf. Sie machte den Eindruck, als ob sie nicht mehr oft auseinandergefaltet werden dürfte, ohne sich in ihre Einzelteile aufzulösen, so brüchig und dünn war das Papier. Aber früher einmal war es wohl dick und teuer gewesen. Milo hielt es so in die Höhe, dass das Licht der Laterne hindurchschien, und da entdeckte er ein Wasserzeichen: Es sah aus wie ein schmiedeeisernes Tor, aber irgendwie verdreht und verzerrt.

Und als das Papier von hinten beleuchtet wurde, erkannte Milo auch, was er vor sich hatte. Er kehrte um und sprang über die Schienen zu dem Verschlag, in dem sich die große Winde befand, schaltete das Licht ein und hielt die Karte wieder hoch, um sie besser betrachten zu können.

Das Komische an einer Karte ist, dass man die Darstellung weder kennen noch verstehen muss, um zu wissen, dass es eine Karte ist. Eine Karte ist unverkennbar. Man kann sie auf eine Serviette zeichnen, mit der Stiefelspitze in den Schlamm malen oder sie aus den Cornflakes in einer Müslischale formen. Karten können vielerlei Gestalt annehmen, aber sie haben eines gemeinsam: Sie alle sehen aus wie Karten. Und das brüchige, mit einem Wasserzeichen versehene Papier, das Milo in den Händen hielt, war zweifellos eine Karte, auch wenn sie anders aussah als alle Karten, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Es gab keine Linien, die Straßen bezeichneten, keine Kästchen, die Häuser darstellen sollten, nichts, was einer Stadt oder einem Dorf ähnlich sah oder auch nur einer einsamen Landstraße, die sich durch Felder schlängelt. Stattdessen waren es formlose, verwaschene blaue Flecken, die einander überlappten, sodass an einigen Stellen das Papier nur zart bläulich gefärbt war, während an anderen die Farbe dunkler wurde und sich von Mittelblau zu Ultramarin, Königsblau und Marine vertiefte. Hier und da befanden sich zu Streifen angeordnete Punkte aus grüner Tinte. Zu zweit oder zu dritt steckten sie in den Schichten, wo das Blau am hellsten war, und in größeren Gruppen von neun oder zehn dort, wo es fast schwärzlich schimmerte. In einer Ecke befand sich eine Ansammlung von beinahe weißen Wirbeln, wie leicht verdrehte Dreiecke, die ineinanderflossen. In einer anderen Ecke prangte das Bild eines Vogels mit einem Pfeil, der von einem ausgestreckten Flügel wegdeutete.

Milo wusste über Karten Bescheid – was nicht verwunderte, hatte er doch den größten Teil seines zwölfjährigen Lebens unter Schmugglern und Seeleuten verbracht. Und als er das Papier in seinen Händen anstarrte, wurde ihm klar, dass es ihn an eine ganz besondere Art von Karte erinnerte, eine, die er ziemlich oft zu sehen bekam. Das Papier ähnelte einer Seekarte, wie sie von den Navigatoren der großen Schiffe benutzt wurde.

Ja, eine Seekarte. Genau das war es. Die unterschiedlich blauen Schattierungen und die grünen Punkte bezeichneten die Meerestiefen. Der Vogel musste eine Windrose sein, was bedeutete, dass der Flügel mit dem Pfeil nach Norden wies.

Er drehte die Karte, sodass der Pfeil nach oben zeigte, aber das trug nichts zur Klärung der Frage bei, um welches Gewässer es sich handelte. Er drehte das Papier hin und her und versuchte, einen Orientierungspunkt zu finden, der ihm sagte, was genau er vor sich hatte: den Skidwrack oder die Magothy Bay, in die der Fluss mündete, oder einen der Nebenflüsse des Skidwrack weiter im Landesinneren. Aber egal, wie herum er die Karte hielt, die Zeichnung darauf war und blieb für Milo ein Rätsel.

Plötzlich hörte er vor dem Pavillon gedämpftes Fluchen. Er legte ein Auge an den Spalt zwischen Tür und Rahmen. Eine Gestalt in einem schweren Mantel kam in Sicht, den Kopf in den hohen Kragen eingezogen. Eine scharfe Böe zog herbei und wirbelte Schnee um die Gestalt. Es war weder seine Mutter noch sein Vater, aber durch den funkelnden Schnee und die blinkenden Lichter konnte er nicht erkennen, um welchen der Gäste es sich handelte.

Die Person verschwand aus seinem Blickfeld und tauchte dann wieder auf. Sie ging einmal um den Pavillon herum und sprang dann hinunter zu den Schienen. Milo hörte Schritte auf den Steinen zwischen den Eisenstreben knirschen.

Er oder sie suchte vermutlich nach der Lederbörse, die Milo gerade gefunden hatte. Es wäre logisch gewesen, sich darauf hin zu zeigen und das Eigentum zurückzugeben. Denn die Karte gehörte einem der Gäste, und irgendwann musste er sich davon trennen. Aber als die dunkle Gestalt sich wieder von den Schienen auf die Plattform zog, wich Milo unwillkürlich noch tiefer in den Schatten des Verschlags und duckte sich hinter der Winde.

Er hielt den Atem an und wartete. Lange Minuten vergingen, ohne dass ein Geräusch von draußen zu hören war. Schließlich schlich sich Milo auf Zehenspitzen zur Tür und spähte wieder durch den Spalt. Der Unbekannte war fort.

So leise er konnte faltete er die Karte zusammen und steckte sie wieder in die Lederbörse. Er schob sie in seine Gesäßtasche und vergewisserte sich, dass sie von seinem Mantel verdeckt wurde. Nach einem prüfenden Blick ringsum verließ er vorsichtig den Verschlag. Die geheimnisvolle Person hatte Fußabdrücke hinterlassen, die jedoch von dem Schnee bereits wieder zugedeckt wurden.

Im Haus hatte sich nicht viel verändert. Seine Mom saß am Esstisch. Im Wohnzimmer lümmelte sich Georgie Moselle auf dem Sofa, die Zigarrenkiste auf dem Schoß, und Clem Candler hockte immer noch auf dem Teppich und dehnte ihre Beine mit den weißen Tapes.

Mrs. Pine schaute von ihrem Buch auf. «Milo, wo warst du denn?»

Milo riss sich die Mütze vom Kopf und sah sich um, während er den Schal von seinem Hals abwickelte. Er hatte das Gefühl, dass ihm etwas entging. «Jemand ist nach mir rausgegangen. Weißt du, wer es war?»

Jetzt blickten Georgie und Clem auf. «Es ist niemand hier durchgekommen», sagte Georgie. «Jedenfalls haben wir niemanden gesehen.» Sie schaute zu Clem. «Stimmt doch, oder? Oder habe ich einfach nicht aufgepasst?»

«Mir ist auch niemand aufgefallen. Durch die Haustür ist jedenfalls keiner rausgegangen.» Das rothaarige Mädchen stand auf und streckte sich. «Tja, das war’s für heute für mich, Leute. Bis morgen früh.» Dann rannte sie geräuschlos die Treppe hoch, zwei Stufen auf einmal nehmend.

«Was ist mit Dad?», fragte Milo, obwohl er sich sicher war, dass die Person, die er draußen auf der Plattform gesehen hatte, nicht sein Vater gewesen war. «Er war doch draußen, oder?»

«Er kam rein, gleich nachdem du rausgegangen bist. Er ist jetzt oben.» Mrs. Pine runzelte die Stirn. «Was ist los?»

Milo machte den Mund auf und schloss ihn dann wieder. «Nichts», sagte er endlich, zog Mantel und Stiefel aus und rutschte auf die Bank seiner Mutter gegenüber. «Ich habe draußen jemanden gesehen, das ist alles. Ich dachte, wer immer es war, muss hier durchgekommen sein.»

«Lieber Himmel.» Milos Mutter stand auf und ging in die Eingangshalle, um ihren Mantel anzuziehen. «Ich sehe wohl besser mal nach, nicht dass uns noch jemand da draußen erfriert.»

«Es wird schon keiner erfrieren», behauptete Milo. «Das Haus ist doch nicht zu übersehen.» Aber die Tür klappte bereits hinter Mrs. Pine zu, und Milo blieb allein mit Georgie Moselle zurück.

Eine Zeit lang beachteten sie einander nicht. Georgie beschäftigte sich weiter mit ihrer Zigarrenkiste und dem Klebeband, und Milo nippte an seiner heißen Schokolade. Das Taschenbuch, das in seiner einen Gesäßtasche steckte, brannte ihm buchstäblich ein Loch in die Hose.

Als er ausgetrunken hatte, räusperte er sich. «Ähm … Miss Moselle?», fragte er ungeschickt. «Kann ich Ihnen noch irgendwas bringen? Noch etwas Kakao vielleicht?»

«Nein, danke», erwiderte Georgie. «Ich habe alles, was ich brauche. Du kannst mich übrigens Georgie nennen, wenn du willst.»

Auf dem Weg zur Küche blieb Milo stehen und betrachtete den Kasten, mit dem sie so eifrig hantierte. «Was ist das überhaupt?»

Sie hielt den Kasten hoch. «Eine Lochkamera.»

Eine Kamera? Aus einer Zigarrenkiste? Diese Vorstellung reichte aus, um ihn die leere Tasse in seiner Hand und das Buch in seiner Gesäßtasche vergessen zu lassen. «Was ist eine Lochkamera?»

«Man kann aus so gut wie allem eine Kamera machen», behauptete Georgie und reichte ihm die Kiste. «Solange es eine Öffnung für das Licht und eine Oberfläche gibt, auf die es fallen und ein Bild malen kann. Kennst du dich mit Fotografie aus?»

«Nein.» Milo drehte den Kasten in den Händen hin und her. Georgie hatte die Kanten fein säuberlich abgeklebt und in die Vorderseite ein Loch geschnitten. Er versuchte hineinzuschauen, aber im Inneren war es dunkel.

«Im Augenblick gibt es dort nichts zu sehen», sagte Georgie. «Wenn ich alle Ritzen und Spalten verklebt habe, stecke ich Fotopapier hinein. Das Loch ist die Blende.» Sie nahm ihm den Kasten wieder aus der Hand und lächelte ihn an. «Ich wollte schon immer mal eine Lochkamera machen. Ich habe es noch nie zuvor versucht. Natürlich ist die hier noch nicht fertig, aber … . ja, ich glaube, sie wird funktionieren. Allerdings braucht sie noch einen Namen.»

Milo lachte. «Einen Namen? Für eine Kamera?»

«Natürlich. Alle coolen Kameras haben Namen. Hasselblad, Rollei, Voigtländer, Leica …» Sie hob den Kasten hoch, als ob ihre Handfläche ein Altar wäre, und sagte feierlich: «Ich werde sie Lansdegaun nennen.» Sie schoss Milo einen spielerisch herausfordernden Blick zu. «Es sei denn, du denkst, sie verdient keinen Namen. Es sei denn, du hältst sie in deiner maßlosen Zigarrenkisten-Kamera-Weisheit für unwürdig.»

«Aber natürlich ist sie würdig! Natürlich verdient sie einen Namen!» Er zwang sich zu einer ernsten Miene und betrachtete den Kasten. «Sie soll Lansdegaun heißen. Aber was soll das bedeuten?»

«Lansdegaun?» Georgie legte den Kopf schräg. «Weißt du das nicht?»

Er dachte angestrengt nach. «Nein.»

«Ich wette, du weißt es doch», sagte sie mit einem leisen Lächeln. «Ich wette, du hast es bloß vergessen. Versuche, dich an die Bedeutung von Lansdegaun zu erinnern, und dann kannst du mir sagen, ob es ein passender Name für meine Kamera ist.»

Milo griff in seine Gesäßtasche und zog das Taschenbuch heraus. Sie würde gewiss nicht böse sein. Sie würde verstehen, dass es nur ein Versehen war. «Ich hab das hier mitgenommen, als ich bei Ihnen aufgeräumt habe. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich es noch in der Hand hatte. Ich wollte es Ihnen schon viel früher wiedergeben», sagte er, «aber ich habe es vergessen. Es tut mir wirklich leid.»

«Aha! Ich dachte schon, ich hätte es gar nicht eingepackt.» Georgie lächelte. «Kein Problem. Kennst du es?»

Wie seltsam. Da rannte er die ganze Zeit mit dem Buch herum und hatte noch nicht einmal nachgesehen, was für ein Buch es war. Der Einband bestand aus schwerem roten Papier, auf das in grauen Buchstaben der Titel gedruckt war. Kamingeschichten – das Handbuch der Anekdoten und Geschichten, las Milo. Das unbekannte Wort schob sich nur langsam über seine Zunge. «Nein, ich glaube nicht. Was sind Anekdoten?»

«Eine Anekdote ist die Erzählung einer bestimmten Begebenheit. Meistens geht es um etwas Ungewöhnliches. Das Buch ist eine Sammlung von Geschichten aus der Gegend hier. Vielleicht kennst du ein paar davon.» Georgie nahm das Buch und blätterte es durch. Dann reichte sie es Milo, aufgeschlagen am Anfang des zweiten Kapitels. «Die zum Beispiel.»

Das Haus der 1000 Wege. Wieder schüttelte Milo den Kopf. «Nein, nie gehört.»

Er hielt ihr das Buch wieder hin, aber das blauhaarige Mädchen wedelte mit der Hand. «Lies ein bisschen darin. Sag mir, was du davon hältst. Und ich bin auch nicht gekränkt, wenn du nichts damit anfangen kannst.» Sie lächelte wieder. «Aber vielleicht ist es dir nicht ohne Grund in die Hände gefallen.»

«Nicht ohne Grund?»

Sie zuckte mit den Schultern. «Nur so ein Gefühl. Lies es, dann erfahren wir es vielleicht. Ich glaube, zumindest der Anfang wird dir gefallen.»

Milo überflog die erste Zeile der Geschichte, die Georgie herausgesucht hatte. Es gab eine Stadt, die sich nicht kartografieren ließ, und in dieser Stadt gab es ein Haus, das man nicht zeichnen konnte.