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Mit dem Ende der Herrschaft des Götterdrachen hat die verehrte Erste dem Königreich neues Leben eingehaucht. Unter ihr als Königin florierte das Reich zu neuer Größe. Jede ihrer Nachkommen erbt einen Teil ihrer göttlichen Macht und die Verehrung des Volks. Als nun die Zeit naht, die fünfte Generation abzulösen, steht die Wahl zwischen den Schwestern Brunhild und Krimhild. Doch obwohl Brunhild sich bereit erklärt, anstelle ihrer kleinen Schwester den Thron zu besteigen, kommt es anders: Die Krankheit, die seit Generationen die Blutlinie Siegfrieds plagt, trifft auch sie. So muss doch Krimhild die Krone annehmen, was die bis dahin verwobenen Welten der Schwestern auftrennt. Eine jede von ihnen sieht sich fortan ganz eigenen Herausforderungen entgegengestellt. Auf ihren Wegen treffen sie auf Freund und Feind, doch wissen sie diese zu unterscheiden, besonders wenn sich schon selbst im einst so wohligen Königsschloss die Schatten erheben und Abgründe auftun?
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Farbseiten
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Epilog
Nachwort
Über JNC Nina
Impressum
Farbseiten
Inhaltsverzeichnis
Die Königin lag im Sterben.
Sie ruhte in einem prächtigen Bett. Ihr Haar und ihre Augen waren schwarz und schimmerten frisch und lebendig. Sie war erst Mitte dreißig und mit bloßem Auge schien es nicht so, als läge sie im Sterben. Ihr Teint war zwar blass, aber nur so gering, dass es einem nicht auffallen würde, wenn man es nicht erwähnte.
Trotzdem lag diese Frau im Sterben, denn ihr Körper war von einer Krankheit namens Zerfressen befallen.
Die Königin sprach zu mir, während ich an ihrer Seite stand: „Ich werde sterben.“
Ohne zu zögern, antwortete ich ihr mit den Worten: „Ihr werdet nicht sterben. Ein Gott kann nicht sterben.“
„Ich ... bin keineswegs etwas so Ehrwürdiges wie ein Gott. Ich bin nur eine Königin. Die Drachenschlächter-Königin. Ich werde in Kürze sterben.“
„Selbst wenn dem so sein sollte, so wird Eure Majestät später wiederauferstehen.“
Nichts läge mir ferner zu glauben, als dass diese Königin sterben würde. Ihre Majestät war alles für mich.
Sie sprach zu mir in einem sanften Tonfall: „Du bist ein sehr starkes Kind. Du bist das aufrichtigste von allen Kindern, die ich aufgenommen und aufgezogen habe. Deshalb hast du dir eine Illusion über mich geschaffen.“ Ein kleiner Ausdruck des Bedauerns funkelte in ihren Augen. „Das ist es, was ich bedauere“, erklärte sie. Die schwarzen Augen der Frau blickten mich an und doch schienen sie in die Ferne gerichtet.
Mit den Augen ihrer Majestät, die wahrhaftig ein Gott war, konnte sie vielleicht meine Zukunft sehen. Ich konnte diese Zukunft jedoch nicht sehen.
„Bitte vergiss nie: Ich war niemals ein Gott. Auch das Reich, das ich errichtet habe, ist nicht perfekt. Deswegen ... Selbst wenn das Reich nach meinem Tode wieder zusammenfällt ... Bitte trauere nicht darum.“
Die Frau streckte ihre Arme aus, wie um mich zu umarmen. Aber sie hatte nicht mehr die Kraft, weswegen sie nur noch meine Wange erreichte.
„Ich konnte nicht alle Menschen glücklich machen, aber ich möchte zumindest, dass diejenigen in meiner Reichweite glücklich sind. Ich möchte auch, dass du ...“, ihre Stimme verstummte.
Und damit endete die Geschichte der Königin und ich verließ ihr Schlafgemach. Im Gegenzug betrat der dienstälteste Begleiter der Königin humpelnd den Raum.
Ich stand im Korridor und versuchte, die Worte der Königin zu verstehen. Ich hatte keine Ahnung, was sie mir sagen wollte. Was in aller Welt hatte sie damit gemeint?
Ich lief hinüber zum Fenster. Dieses überblickte das gesamte Königreich vom Schloss aus. Das perfekte Königreich, das die Königin geschaffen hatte. Ein atemberaubendes Land breitete sich vor meinen Augen aus. Die Schönheit dieser Aussicht hatte sich nicht verändert, seit ich sie zum ersten Mal gesehen hatte.
Plötzlich unterbrach ein Stimmengewirr meine melancholischen Gedanken. Die Zofen und Mägde riefen wild durcheinander, dass die Königin verstorben sei.
War sie wirklich gestorben?
Als ich in das Zimmer der Königin zurückkehrte, war sie tatsächlich tot. Danach wartete ich noch einige Tage, aber sie erwachte nicht wieder zum Leben. Also fasste ich einen Entschluss:
Ich würde das Königreich, das ich von diesem Fenster aus sehen konnte, beschützen. Unter keinen Umständen würde ich zulassen, dass irgendjemand diese schöne Aussicht befleckte.
Ich würde ihr Königreich auf ewig beschützen.
Es gab einmal ein Königreich, dessen Königin eine Drachenschlächterin namens Siegfried war. Diese Drachenschlächterin war ein Kind Gottes; ein menschliches Wesen und doch so greifbar nah an Gott.
Einst war sie eine Drachenpriesterin gewesen.
Mit der göttlichen Macht, die sie in ihrem Körper trug, hatte sie den bösen Drachen begraben, der einst über das Königreich geherrscht hatte – damals wurde dieser als Götterdrache gepriesen –, und war letztlich als neue Königin des Reiches emporgestiegen.
Die Drachenschlächter-Königin war gütig. Sie setzte sich für das Glück ihres Volkes ein und vollbrachte viele große Taten. Dabei hatte sie nicht nur ihr Volk von der Herrschaft des bösen Drachen befreit, sondern auch andere Drachen vernichtet, die sich im Königreich versteckt gehalten hatten, die diskriminierenden Klassen abgeschafft, die in der Tradition verblieben waren, die eindringenden ausländischen Feinde mit dem Donner besiegt und das Königreich durch Handel mit befreundeten Ländern kultiviert und weiterentwickelt.
Fast hundert Jahre waren vergangen, seit die Königin den bösen Drachen getötet hatte.
Inmitten eines Durcheinanders aus verschiedenen Kleidern standen zwei Prinzessinnen in ihrem Zimmer. Sie waren die Töchter der fünften Königin der Blutlinie der Drachenschlächterin.
„Hmm ja, ich frage mich, welches Kleid meiner kleinen Schwester besser stehen würde.“ Die dreizehnjährige Brunhild verglich kritisch das Kleid in ihrer rechten Hand mit dem in ihrer linken. „Nein, sie würden ihr beide gut stehen. Es ist ja meine kleine Schwester.“
„Verehrte Schwester ... Ich sollte mich langsam anziehen.“
Krimhild, die so schüchtern sprach, war Brunhilds ein Jahr jüngere Schwester. Ihre Stimme war leise und man merkte, dass sie ängstlicher Natur war. Schon etwa eine Stunde lang stand sie in ihrer Unterwäsche herum und wartete darauf, dass ihre Schwester sich für eines der Kleider entscheiden und es ihr reichen würde.
Die beiden Schwestern hatten schwarzes Haar und schwarze Augen – das Merkmal aller Siegfried-Abkömmlinge.
„Wenn wir noch länger brauchen, schaffen wir es nicht rechtzeitig zur Feier.“
Das heutige Fest zur Feier der Geburt der ersten Königin fand unter der Einladung der Königsfamilie mit dem Adel des Landes statt. Ohne den Blick von den Kleidern in ihren Händen zu nehmen, antwortete Brunhild: „Es macht schon nichts, wenn wir ein wenig zu spät kommen. Wir sind schließlich die Töchter der Königsfamilie Siegfried.“
„Du darfst nicht so hochmütig sein, nur weil du von der Königsfamilie stammst ...“
„Was, wenn dein zukünftiger Gatte heute anwesend ist? Die heutige Feier ist schließlich eine Versammlung einflussreicher Adliger aus dem ganzen Königreich. Ich habe auch gehört, dass Mutter Vater auf dieser Festivität kennengelernt hat! Wenn das der Fall ist, solltest du heute in deiner besten Kleidung zum Fest gehen, auch wenn wir zu spät kommen. Wer weiß, an wem du Gefallen findest, oder wer an dir.“
„D-Das werde ich nicht ...“ Krimhilds Wangen röteten sich ein wenig. „Ich bin erst zwölf Jahre, also ...“, murmelte sie verlegen.
Brunhilds Blick wechselte noch immer zwischen den Kleidern hin und her, als sie schnippisch ergänzte: „Vielmehr schon zwölf Jahre alt ... Ja, ich habe mich für dieses Kleid entschieden.“
Brunhild hatte beschlossen, ihrer kleinen Schwester das Kleid, das sie in ihrer rechten Hand hielt, zu geben. Krimhild, immer noch in ihrer Unterwäsche, war erleichtert, endlich ihr Kleid tragen zu können. Brunhild trat zu ihr hin und begann, ihre Schwester einzukleiden. Die Kleider von Königinnen und Prinzessinnen waren kompliziert und schwierig anzuziehen, weshalb es üblich war, dass sie von einem Dienstmädchen angekleidet wurden. Aber Brunhild vertraute das Ankleiden ihrer kleinen Schwester nie einer Zofe an. Sie schmückte ihre Schwester gerne mit ihren eigenen Händen und war stolz darauf, dass Krimhild nach ihrem Handanlegen schöner strahlte, als es jede Zofe je schaffen könnte.
„Weil ich dich besser kenne, als jeder andere ...“, erklärte sie wie zu sich selbst und zog die letzten Knoten zurecht.
Schließlich waren sie mit dem Anziehen fertig. Das Mädchen in Unterwäsche hatte sich in eine reizende Prinzessin in einem schicken Kleid verwandelt. Brunhild sah zufrieden aus, ihre Schwester so zu sehen.
„Mhm. Meine kleine Schwester ist so schön wie ein Gemälde.“
„Du übertreibst“, lachte Krimhild in ihrer schüchternen Art.
Plötzlich umarmte die große ihre kleine, ängstliche Schwester.
„Schwester, was ...?“, fragte sie überrascht.
„Ich werde dich so unfassbar vermissen. Solch eine Schönheit ... es wird nicht lange dauern, bis du mich verlassen wirst ...“
Diese Schwestern waren aufgewachsen, ohne viel von der Liebe ihrer Eltern zu erfahren. Ihr Vater starb bei einem Unfall kurz nach ihrer Geburt und ihre Mutter war jeden Tag mit den offiziellen Pflichten einer Königin beschäftigt. Sie gab ihnen zwar viele Bedienstete und Diener, damit sie ein angenehmes Leben führen konnten, aber egal wie viele Diener sie hatten, Fremde blieben fremd. Sie konnten niemals wirklich eine Familie werden.
Aufgrund dieser Situation hielt es Brunhild für selbstverständlich, dass sie ihre Schwester beschützen musste, was wiederum dazu führte, dass diese sich mehr auf ihre große Schwester als auf ihre Mutter verließ.
„Noch besser wäre es, wenn Krimhild Königin werden würde. Dann wären wir für immer zusammen ...“
„So ein Unsinn“, lachte Krimhild nun etwas gezwungen. „Aber es ist eine wunderbare Geschichte. Zumindest für mich, denn ich kann mir keine Zukunft vorstellen, in der ich von der Seite meiner großen Schwester weiche. Ganz gleich, welcher Herr an mir Gefallen findet.“
Unbewusst umarmte Brunhild Krimhild noch fester.
„Du sagst die süßesten Dinge.“ Sie hielt sie eine Weile, aber schließlich ließ sie ihre Schwester los und meinte: „Wir sollten uns langsam auf den Weg machen. Wenn wir die Kutsche noch länger warten lassen, bekomme ich wirklich Mitleid.“
Sie traten aus dem Palast und stiegen gemeinsam in die Kutsche. Als sie in den Wagen stiegen, war es bereits zwei Stunden nach der geplanten Abfahrtzeit. Krimhild fühlte sich schlecht, denn der Kutscher schien ziemlich verärgert darüber zu sein, so lange gewartet haben zu müssen.
Die Kutsche fuhr mit einer Eskorte von Rittern zum Veranstaltungsort. Es war üblich, dass das Fest in der ehemaligen Privatresidenz der Königsfamilie stattfand. Während sie sich einem Bergpfad näherten, fiel Krimhilds Blick zufällig auf das Pferd eines Ritters, das unmittelbar neben dem Kutschenfenster ritt.
Im Inneren des Wagens fragte sie Brunhild neugierig: „Ist es wirklich nötig, dass wir so streng bewacht werden?“
„Ich nehme an, dass es für den Fall der Fälle ist. In dieser Gegend haben die Kämpfe gegen fremde Länder zugenommen.“
Das Königreich der jungen Prinzessinnen war ein recht kleines Land. Es gab aber Technologien und Energien, die nur in diesem Reich existierten. Deshalb hatte die Zahl der Einfälle fremder Armeen in den vergangenen zehn Jahren rapide zugenommen.
„Der Einfluss der ersten Königin schwindet also, was ...“
Die erste Königin hatte die größte Macht unter den Königinnen der Vergangenheit. Mit ihrer überwältigenden militärischen Schlagkraft, die man durchaus als göttliche Macht bezeichnen konnte, hatte sie einst die Armeen fremder Länder, die in das Königreich eingefallen waren, von allen Seiten zurückgeschlagen. Seitdem hatte lange Zeit kein Land mehr das Königreich angegriffen. Nun war die erste Königin aber schon seit mehr als siebzig Jahren tot. Man verlor allmählich die Angst vor dem Königreich der Drachenschlächterin.
„Das stimmt. Wir müssen vorsichtig sein. Die besonderen Technologien und Energien, nach denen die fremden Länder gieren, gehören uns!“
Die Blutlinie der Familie Siegfried war eine ganz besondere. Nach unzähligen Debatten und Diskussionen war man zu dem Schluss gekommen, dass diese Familie eine geheimnisvolle Energie namens göttliche Macht in ihren Körpern trug. Aufgrund dieser göttlichen Macht verfügte die Familie Siegfried über verschiedene, besondere Fähigkeiten. Das war der Grund, wieso Menschen aus fremden Ländern die Siegfried-Familienmitglieder als Forschungsobjekte für sich beanspruchen wollten.
Brunhild entging Krimhilds besorgter Blick nicht. Um sie zu beruhigen, griff sie die Hand ihrer Schwester und sagte sanft: „Hab keine Angst. In dem Fall, dass wir angegriffen werden sollten, werde ich dich beschützen.“ Krimhild lächelte schwach. Die Angst schien sich zumindest ein wenig gelegt zu haben.
„Ja, ich fürchte mich vor nichts, wenn es meine verehrte Schwester ist, die mich beschützt.“
Krimhild blickte erneut aus dem Fenster. Der Ritter ritt genauso wie vorher auf seinem Pferd neben der Kutsche her.
„So viel zu den Rittern, die uns begleiten. Sie–“
Krimhild Worte stoppten mit einem Mal, denn ein plätscherndes Geräusch, gefolgt von roter Flüssigkeit, die an das Fenster spritzte, erstickten ihre Worte im Halse. Etwas hatte den begleitenden Ritter angegriffen. Ein zarter Schrei entwich Krimhilds zaghafter Kehle.
Ein Ungeheuer, das wie ein Löwe aussah, befand sich nun vor dem Fenster. Es war zwischen den Bergen hervorgesprungen und hatte dem Ritter in den Hals gebissen. Die Augen des Löwen bewegten sich, bis sein Blick den der jungen Krimhild traf.
Brunhild zog Krimhild energisch zu sich und verdeckte sie. Im nächsten Moment rüttelte die Kutsche heftig. Es schien, als wäre die ungewöhnliche Löwengestalt gegen die Kutsche geprallt.
„Kyaaaaaa!!“, hallte Krimhilds Schrei durch den Wagen. Brunhild hielt sie fest und versuchte, sie vor dem Aufprall zu schützen. Plötzlich drehte sich ihre Sicht, da der Wagen umkippte. Eine starke Erschütterung durchfuhr die Schwestern, aber sie blieben unverletzt. Ihre Körper, die die göttliche Macht geerbt hatten, waren besonders und konnten nicht durch normale physikalische Gesetze verletzt werden.
Der Wagen rüttelte noch heftig, auch nachdem dieser umgekippt war. Irgendetwas außerhalb schien ihn zu schütteln.
Laute Schreie und das Brüllen eines wütenden Raubtiers waren durch die Wagenwände zu hören. Die verzweifelten Schreie gehörten wahrscheinlich dem Kutscher und den begleitenden Rittern. Die ungewöhnlichen Klauen des Löwen schnitten die Wagentür in einer Mondsichelform auf und Licht fiel hinein. Das wilde Raubtier spähte durch den Spalt zu ihnen in den Wagen.
Die großen Reißzähne, die aus seinem Maul ragten, waren blutgetränkt und rote Tropfen fielen herab. Brunhild zerrte Krimhild gefasst mit sich tiefer in den Wagen hinein. Krimhild konnte vor lauter Angst nur weinen.
Sie schluchzte mehrmals völlig aufgelöst. Brunhild versuchte irgendwie, die panische Krimhild hinter sich abzuschirmen.
Die seltsame Löwengestalt zerbrach die Kutsche. Es zerrte die Spalten auf und offenbarte dessen bestialische Fratze vor den zusammengekauerten Mädchen.
„Ahh ... n-nein ...!“
Die Löwengestalt schnappte nach Krimhild und zerrte sie aus der Kutsche.
„Schwester! Schwester!!“
„Krimhild!!!“
Brunhild folgte ihnen aus der Kutsche.
Außerhalb der Kutsche fand ein Kampf statt. Die Ritter, die die Prinzessinnen eskortierten, hatten ihre Schwerter gezogen und kämpften auf dem Bergweg gegen die Angreifer. Die Angreifer führten unzählige seltsame Gestalten an. Brunhild schloss, dass es sich um eine Art Zauberei handelte, die fremd in diesem Land war, wodurch sie sich darin bestätigt sah, dass diese Feinde nicht aus ihrem Reich stammten.
Die Ritter waren in der Unterzahl.
Unzählige von den ungewöhnlichen Gestalten hatten die Kutsche umgeworfen und viele der Ritter, die die Kutsche eskortierten, bereits gefressen. Selbst ihre robusten Rüstungen schienen angesichts der grausamen Reißzähne nutzlos zu sein.
Die einzige Kraft, die die Ritter hatten, war die geheime Medizin, die man gemeinhin als Elixier des Lebens bezeichnete.
Das war ein Trank, der jede Verletzung heilen konnte. Einer der Ritter verwendete soeben das Elixier bei einem Mitstreiter, der durch eine der Gestalten schwer verwundet worden war. Die von den großen Klauen verursachten Wunden heilten und der Ritter konnte wieder aufstehen. Dank dieses Elixiers war er wieder in der Lage, die Front vorerst gegen die Bestien aufrechtzuerhalten.
Aber das Elixier war kein Allheilmittel. Es hatte keine Wirkung bei denjenigen, die bereits tot waren. Und nicht wenige der Ritter waren durch die Angriffe der Bestien auf der Stelle getötet worden. Die Zahl der Ritter nahm allmählich ab. So mächtig das Elixier auch sein mochte, es konnte Wunden nicht sofort heilen. Je nach Grad der Verletzung dauerte es mehrere Minuten, bis jemand wieder in die Schlacht zurückkehren konnte. Der Zusammenbruch der Front war also nur eine Frage der Zeit.
Inmitten der heftigen Kämpfe sah Brunhild eine der Gestalten mit Krimhild im Maul davonlaufen. Das Ziel der Angreifer war zweifellos die Entführung der Königsfamilie.
Brunhild begann, Krimhild hinterherzulaufen, doch in diesem Moment griff jemand nach ihr und hob sie hoch. Es war ein Ritter, der den Überraschungsangriff überlebt hatte. Der Ritter zog Brunhild auf sein Pferd hinauf. Ein in der Nähe kämpfender Ritter rief ihm zu: „Bring die verehrte Brunhild ins Königsschloss!“ – Keinen Augenblick zu früh, denn im nächsten Moment wurde der Ritter von einer der Kreaturen getötet.
Der Reiter galoppierte mit der Prinzessin im Arm davon. Sie wandte sich bestürzt diesem zu und befahl: „Rette Krimhild!!!“, doch er lenkte sein Pferd nicht in Richtung der jüngeren Prinzessin.
„Bitte vergebt mir, verehrte Brunhild“, murmelte der Ritter betroffen, „dass ich nur Euch beschütze.“
Die Entscheidung des Ritters war die richtige. Die seltsamen Kreaturen waren so stark, dass die Hälfte der Eskorte bereits vernichtet worden war. Sie hatten keine intakten Rüstungen mehr, womit keine andere Wahl blieb, als zu fliehen. Am Ende war es besser, eine der Prinzessinnen zu schützen, als sie beide an den Feind zu verlieren.
Die Blicke der Schwestern kreuzten sich ein letztes Mal, als sie getrennt wurden. Die jüngere Schwester, die fest im Maul des Löwen steckte und sich immer weiter entfernte, sah ihre ältere Schwester durchgehend an, ihre Hände flehend nach ihr ausgestreckt. Mit jedem Meter wurden ihre Schreie leiser, bis sie schlussendlich zwischen Berg und Wald verebbten.
Die ungewöhnliche Löwengestalt stieg den Berg hinunter und eilte von der Hauptstadt fort. Der Landschaft nach zu urteilen, versuchte das Ungetüm wahrscheinlich in Richtung des Tores zur Landesgrenze zu gelangen.
Als Krimhild im Maul des Löwen geradezu über die Wiese flog, holten die anderen Angreifer sie ein und sie wurde Zeuge ihres Gesprächs.
„Haha! Wir haben uns die göttliche Macht geholt!“, jubelte der eine. „Wenn wir diese Kraft untersuchen, wird sich die militärische Macht unseres Landes dramatisch verbessern.“
Es war, wie sie befürchtet und ihre Schwester zuvor erklärt hatte: Menschen wollten sie entführen, um sie als Versuchskaninchen zu missbrauchen. Krimhilds Schock legte sich wie ein Bann auf ihre Zunge, sodass sie kein Wort herausbrachte und den Feinden stumm weiter zuhören musste.
„Das Mädel da macht’n stinksaures Gesicht.“
„Je mehr man sie sich ansieht, umso mehr ähnelt sie der Königin.“
Schon früher hatten es die Angreifer gewagt, ihre Schwerter gegen die fünfte Königin – also Krimhilds Mutter – zu erheben, nur um letztlich eine quälende Niederlage ertragen zu müssen. Das war der Nährboden, der den Hass besonders jener Königin gegenüber Jahre hinweg gedeihen ließ.
„Lass uns etwas Spaß haben.“ Der Angreifer richtete einen Befehl an die Löwengestalt. Im nächsten Moment biss der Löwe Krimhild besonders fest.
„Aah ...!“ Der Schmerz war so groß, dass Krimhild ein spitzer Schrei entfuhr. Der Kiefer des Löwen war stark genug, dass selbst kein Erwachsener, geschweige denn ein Kind, in der Lage wäre, ihm standzuhalten. Aber Krimhild blieb trotzdem unverletzt; kein Blut floss, ja, nicht einmal ein Kratzer auf ihrer zarten Haut blieb zurück.
„Uuh ... Uhuuu ...!“
Doch der Schmerz, der durch ihren Körper zuckte, ließ Krimhild immer wieder aufstöhnen.
Mit dem Blut der Königsfamilie ging auch ein unverwundbarer Körper einher. Dank der göttlichen Macht, die in ihnen wohnte, konnten sie durch gewöhnliche Waffen nicht verwundet werden. Auch Brunhild und Krimhild hatten diese göttliche Macht von ihrer Mutter geerbt. Allerdings hatten sie das Gen nur zur Hälfte geerbt, sodass der Schluss nahe lag, dass die Macht des Blutes mit jeder Generation schwächer werden würde.
Um genau zu sein, waren die Körper der Schwestern nicht wirklich unverwundbar. Wenn sie Wunden von Bissen oder Schnitten erlitten, fühlten sie den Schmerz, doch die göttliche Macht in ihren Körpern heilte solche Verletzungen augenblicklich. Deshalb wurden sie als unverletzlich und damit auch unbesiegbar gehalten. Der Nutzen der göttlichen Macht, die sie besaßen, hatte sich mit der Genealogie von einem unüberwindlichen Schutz zu einer ausdauernden Regenerationskraft verschlechtert.
Als die Kutsche umgekippt war, schützte Brunhild Krimhild nicht, um ihre Schwester vor Verletzungen, sondern um sie vor Schmerzen zu bewahren. Die Empfindung von Schmerz, ohne Wunden davonzutragen, konnte man durchaus als unangenehme Last bezeichnen.
Als die Angreifer Krimhild unter Schmerzen wimmern sahen, lachten sie.
„Haha! Was für’n Anblick.“
Die Angst in Krimhilds Brust schwoll wegen der Schmerzen weiter an. Was wird sie erwarten, nachdem man sie verschleppt hatte? Ihr unsterblicher Körper machte ihr noch mehr Angst. Selbst wenn man sie verstümmelte, würde sie nicht sterben. Somit war auch der Tod kein Ausweg für sie.
„V-verehrte ... Sch-Schwester!“, weinte sie vollkommen verängstigt, doch es war niemand da, der ihr zu Hilfe kam.
Die Kreaturen waren so schnell wie Pferde, und selbst wenn die fliehenden Ritter das Königsschloss erreichten und Verstärkung rufen würden, konnten sie Krimhild niemals rechtzeitig einholen. Und so ließen die Angreifer Krimhild schreien und jammern, soviel sie wollte. Es war ein arglistiges Spielchen.
„Verehrte Schwester!“, rief sie immer wieder mit weinerlicher Stimme.
Die Angreifer brachen nur in schallendes Gelächter aus ...
„Haha, HAHAHAHAHA!“
... bis es ihnen plötzlich im Halse stecken blieb, als Krimhilds kleiner Körper durch die Luft flog. Sie hatten noch gesehen, wie ein Pfeil das Bein der Löwenkreatur durchbohrt hatte, sodass diese das Gleichgewicht verloren und sich überschlagen hatte.
Auf das weiche Gras geschleudert, hörte Krimhild das Geräusch von Hufen. Ein Pferd galoppierte auf sie zu. Es war zwar das Pferd eines Ritters, doch es war kein Ritter, der auf seinem Rücken saß.
Es war Prinzessin Brunhild.
Sie hatte den eskortierenden Ritter niedergeschlagen, sein Pferd genommen und war umgekehrt.
Auf dem Pferderücken hatte Brunhild ihren Bogen im Anschlag. Durch ihre unverbesserliche Fähigkeiten im Bogenschießen, die sie immer wieder durch königliche Jagdausflüge verfeinert hatte, waren ihre abgeschossenen Pfeile unfehlbar, wenn sie ihr Ziel erst einmal ins Visier nahm. Ihre unglaubliche Körperkontrolle ließ sie ihre trainierte Muskulatur geradezu perfekt anspannen, sodass sie sogar erwachsenen Bogenschützen in nichts nachstand, gleichwohl sie ein junges Mädchen war.
Als Brunhild ihnen hinterherjagte und den nächsten Pfeil aus dem Köcher nahm, schrie Krimhild: „Verehrte Schwester, komm nicht näher!“
Vorhin noch hatte sie ihre Schwester um Hilfe gebeten, jetzt war sie aber besorgt, dass auch sie gefangen genommen werden könnte. Sie konnte nicht zulassen, dass Brunhild dasselbe schwere Schicksal ereilen sollte wie sie.
Brunhild ignorierte die Schreie ihrer kleinen Schwester und legte einen zweiten Pfeil an ... und ließ ihn fliegen.
Mit einem Zischen sauste der zweite Pfeil durch die Luft und bohrte sich in einen der Angreifer. Obwohl er von einem unruhig laufenden Pferd aus abgeschossen worden war, nahm der Pfeil eine saubere Flugbahn ein und bohrte sich in die Stirn des Mannes.
„Du dreckige, kleine Göre!“ Der Angreifer, dessen Kamerad soeben getötet worden war, schickte wutentbrannt Anweisungen an die Löwenkreaturen, die wiederum damit begannen, Brunhild anzugreifen. Mit geschickten Bewegungen manövrierte Brunhild ihr Pferd so, dass die Löwen sie zunächst nicht zu fassen bekamen, doch das reichte nicht aus.
„Ugh!!!“
Eine der Gestalten machte einen gelenkigen Satz und versenkte ihre Zähne in Brunhilds Hals. Durch diesen Frontalangriff stürzte sie vom Pferd und blieb mit dem Gesicht nach unten im Gras liegen.
Sie mochte zwar über athletisches Können verfügen, aber sie besaß nicht die Kraft, über eine Kreatur zu springen, die mehr als doppelt so groß war wie sie.
Ein pfeifendes Geräusch war zu hören. Es war das Geräusch von Brunhilds Atem. Der große Kiefer der Kreatur zerquetschte unnachgiebig ihre Kehle, wodurch ihre Atemwege zusammengedrückt wurden und sie nicht mehr atmen konnte. Ihr Körper war nicht verletzt, aber wenn es so weiterginge, würde ihr Gehirn keinen Sauerstoff mehr erhalten, was in wenigen Sekunden eine Ohnmacht nach sich zöge. Sie konnte nichts mehr tun, außer mit Krimhild zusammen verschleppt zu werden. Brunhilds Hand, die unter dem Körper sichtbar war, bewegte sich krampfhaft.
„Aaah ... Verehrte Schwester ...!“
Für Krimhild sah es so aus, als würde sie nach Luft ringen.
Aber das tat sie nicht. Plötzlich tauchte in ihrer rechten Hand eine Art Licht auf. Dieses Licht war die Waffe Gottes. Es war ein Angriff, der göttliche Macht wie einen Blitz abschießen konnte. Es war auch die Technik, die die Stärke der ersten Königin gewesen war.
Obwohl Brunhild die göttliche Macht von ihrer Mutter geerbt hatte, konnte sie bis heute nicht mit dem sogenannten Donner umgehen. Es war jedoch nicht so, dass es ihr an Eignung gemangelt hatte. Die schlafende göttliche Macht musste erst durch den Reiz einer kritischen Situation geweckt werden.
Der seltsame Kopf der Kreatur wurde verbrannt und löste sich auf. Der kopflose Körper neigte sich nach vorn und brach über Brunhild zusammen. Ein Wasserfall aus Blut floss aus der Wunde und ergoss sich auf der Wiese.
Brunhild rollte sich unter dem entstellten Leichnam hervor und kam auf die anderen Angreifer zu, wobei sie erneut den Donner in ihrer rechten Hand schwang, den sie dieses Mal aber abfeuerte. Der Angreifer, der nicht damit gerechnet hatte, dass sein starker Knecht wirklich von einem Mädchen getötet worden war, war gefüllt mit Feindseligkeit.
Der Pfeil aus Licht schoss durch die Gliedmaßen des Angreifers. Die verbliebenen Kreaturen griffen Brunhild trotzdem an, aber sie waren keine ernst zu nehmenden Gegner mehr. Sie hatte nämlich bereits verstanden, wie man mit dem Donner umging. Die seltsamen Gestalten starben hilflos im Angesicht der Lichtpfeile. Krimhild saß fassungslos auf der Wiese und beobachtete die majestätische Gestalt ihrer Schwester.
Nach dem Kampf eilte Brunhild schließlich zu Krimhild. Ihr schönes Kleid war mit Schlamm und Blut befleckt. Ihre große Schwester richtete sie auf und fragte sanft: „Bist du verletzt ...? Na ja, wie könntest du.“
In diesem Moment begann Krimhild wie ein Schlosshund zu heulen.
„Uwääähhh! Ahhhhh!“
Jedoch waren es dieses Mal keine Tränen der Angst, sondern der Erleichterung.
„Verehrte Schwester ... Sch-Schwes...ter!“ Brunhild konnte kaum verstehen, was Krimhild sagte. „Warum ... Warum ... so leichtsinnig ...“ Bei diesen Worten hielt Brunhild inne. Sie schaute auf den Bogen, der neben ihnen auf dem Boden lag und den sie dem Ritter abgenommen hatte.
„Du wusstest, dass du mit dieser Bewaffnung nicht gewinnen kannst“, schniefte Krimhild.
„Ja, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, den Donner benutzen zu können, wäre ich auch entführt worden.“
„Warum hast du dann ...?“, fragte sie, ohne sich beruhigen zu können.
„Ich dachte, es wäre in Ordnung. Ich würde meine liebe Krimhild ungern allein an gruselige Orte gehen lassen.“
„Das geht nicht, verehrte Schwester. Bitte mach so etwas nie wieder ...“
Brunhild erwiderte unbeholfen: „Ich weiß nicht ... Wenn diese Schurken wieder auftauchen ... werde ich mich mit Sicherheit auf den Weg machen, um dich zu retten. Wo auch immer das sein wird.“
„Ich ... sagte doch gerade, das geht nicht!“ Trotz dieser Worte war Brunhild unendlich froh, dass ihre kleine, ihr liebste Schwester, so um sie besorgt war.
„Lass uns zurückgehen. Die Ritter werden sich Sorgen machen.“ Brunhild ergriff Krimhilds Hand und führte sie zu dem Pferd, mit dem sie her geritten war.
Sie stiegen auf und ritten zum Königsschloss.
Brunhild saß vorn und Krimhild hinter ihr.
Um zu verhindern, dass sie vom Pferd fiel, hatte Krimhild ihre Hände um die Taille ihrer Schwester geschlungen.
Vom Rücken ihrer Schwester ging eine angenehme Wärme aus, die sie durchlief.
