Bummelzug nach Istanbul - Tom Chesshyre - E-Book

Bummelzug nach Istanbul E-Book

Tom Chesshyre

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Beschreibung

ALLES STEHEN UND LIEGEN LASSEN, in den Zug steigen und ans Ende Europas fahren – genau das haben Tom und Danny gemacht. Mit einem Interrail-Ticket in der Tasche begeben sich die beiden Herren mittleren Alters auf eine unterhaltsame und erhellende Low-Budget-Reise quer durch unseren Kontinent. In 55 Zügen geht es von London über Paris, Nürnberg, die Schweizer Alpen, Budapest und Athen bis in die entlegensten Winkel Osteuropas nach Istanbul und wieder zurück. Sie erleben Bahnstreiks, zwängen sich in Schlafwagen, verirren sich und bleiben an der Grenze stecken. Sie sinnieren über die vorbeiziehenden Landschaften – wie einst die ersten Reisenden des Orient-Express. Und trinken dabei sehr viel Rotwein. Ihr Fazit: Eine wirklich angenehme Sache, dieses Zugreisen.

  • Das Buch für alle, die Züge lieben
  • Ein kleines Abenteuer, das jeder wagen kann
  • Die Nostalgie einer legendären Zugstrecke

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Seitenzahl: 416

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für alle, die Züge lieben

Die englische Ausgabe ist unter dem Titel „Slow Trains to ­Istanbul“ bei Summersdale Publishers Ltd. erschienen.

Copyright © Tom Chesshyre, 2024

Published by arrangement with Summersdale Publishers Ltd.

 

Bummelzug nach Istanbul

1. Auflage 2025

ISBN 978-3-616-03514-7

© MairDumont, Marco-Polo-Str. 1, 73760 Ostfildern

Alle Rechte vorbehalten

 

Übersetzung: Sabine Thiele

Lektorat: Christin Ullmann

Umschlaggestaltung: Birgit Kohlhaas

Satz: typopoint GbR, Ostfildern

Titelbild: Zugabteil: Igor Bukhlin/Shutterstock; Landschaft: Neirfy/Shutterstock; Lampe: ifiStudio/Shutterstock

Fotos Umschlag innen: Tom Chesshyre

 

www.dumontreise.de

Beim Zugfahren sieht man die Natur und Menschen, Städte und Kirchen und Flüsse – man sieht das Leben.

Agatha Christie

 

Züge sind toll.

Ein Bahn-Fan im Bernina Express, Schweiz

 

So wird denn ein Wechsel der Umgebung und die gänzliche Enthaltung von jeder Gedankenarbeit auch das geistige ­Gleichgewicht in uns wieder herstellen.

Jerome K. Jerome, Drei Mann in einem Boot

Inhalt

Vorwort

KAPITEL 1

Späte Abende, Spaß und Streiks

Von London nach Nürnberg, über Paris und Straßburg

KAPITEL 2

„Heute arbeiten wir nicht.“

Von Nürnberg nach Budapest, über Passau und Bratislava

KAPITEL 3

Ungarischer Heavy Metal, Diktatoren und Junggesellenabschiede

Von Budapest nach Bukarest, über Timișoara

KAPITEL 4

„Im Kommunismus waren die Beatles verboten.“

Von Bukarest nach Sofia, über Russe

KAPITEL 5

Banditen, Spione und Kebap

Von Sofia nach Istanbul

KAPITEL 6

Schläfer, Spieler, Trucker und Heilige

Von Istanbul nach Thessaloniki, über Kulata

KAPITEL 7

„Unser Ziel ist ein modernes Eisenbahnnetz.“

Von Thessaloniki nach Neapel, über Athen, Patras und Bari

KAPITEL 8

Auf dem Weg in die Alpen

Von Neapel nach Visp, über Mailand, Tirano, Chur und Zermatt

KAPITEL 9

Lass den Zufall bestimmen

Von Visp nach Gent, über Dole, Luxemburg und Waterloo

KAPITEL 10

In Bummelzügen nach Hause

Von Gent nach London, über Rotterdam und Hoek van Holland

Nachwort

Danksagung

Liste der Züge

Quellennachweis

Vorwort

Alles begann an einem sonnigen Nachmittag im Juli, auf einer Parkbank in der Nähe der Tischtennisplatten auf dem Soho Square in London, acht Monate vor der Abreise.

Mein alter Freund Danny und ich saßen nebeneinander und tranken Red-Stripe-Lagerbier. Bei der zweiten Dose redeten wir über alles Mögliche: das Leben an sich, den Zustand des Planeten. Zu großen Erkenntnissen kamen wir natürlich nicht, aber das war in Ordnung. Es war warm, wir hatten Erfrischungsgetränke und saßen nicht im Büro vor Computern. Keine E-Mails, die eine ­Reaktion erforderten. Wir waren einfach zwei Männer mittleren Alters, die gemütlich auf einer Parkbank saßen.

Danny wirkte ein wenig abwesend, auch wenn ich mir nicht viel dabei dachte. Nach einer Weile räusperte er sich jedoch und fragte:

„Du weißt, was Interrail ist?“

Natürlich wusste er, dass die Frage überflüssig war. Schließlich schrieb ich Bücher über Bahnreisen.

„Die Pässe kosten gerade nur die Hälfte“, fuhr er fort.

Eine einmalige Aktion, zum fünfzigjährigen Jubiläum von ­Interrail.

„Die Hälfte!“, sagte Danny aufgeregt zu mir, als ein Tischtennisball knapp über uns hinweg ins Gebüsch flog. Solche Manöver waren einer der Nachteile unseres Treffpunkts.

Er setzte sich aufrechter hin und sah mich mit leuchtenden Augen an.

Ich sagte, fünfzig Prozent Rabatt seien tatsächlich ein Schnäppchen – da war ich ganz bei ihm –, auch wenn die Pässe ­sowieso schon sehr günstig waren.

Er zählte weiter auf:

„Das wird unser Leben verändern! Einen ganzen Monat Zugfahren!“, sagte er. „Freiheit! Ganz Europa steht uns offen! Und so billig! Ein unschlagbares Angebot! Das müssen wir wahrnehmen! Na los! Unfassbar günstig! Wir werden nicht jünger! Die Kosten sind überschaubar! Wirklich unfassbar günstig! Da bekommt man richtig was für sein Geld!“ Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, hatte Danny etwas übrig für günstige Angebote. „Na los, komm schon! Wir werden nicht jünger, im Gegenteil. Wir werden alt! Wir müssen das einfach machen!“

Und so weiter. Ich entschuldige mich für die vielen Ausrufezeichen und Wiederholungen, aber genauso war es. Er ließ nicht locker. Wie ein Prediger im tiefsten amerikanischen Süden, der die Wunder des Herrn verkündete, und mit derselben Inbrunst sprach er von den vielen Zügen, die wir auf unserer Reise durch Europa nehmen würden.

Bei den letzten Worten schwoll seine Stimme immer mehr an, sodass ein Mann, der entspannt an uns vorbeigeschlendert war und trotz der Hitze einen lilafarbenen Samtanzug trug, sich zu uns ­umdrehte. Den letzten Teil von Dannys Monolog hatte er gehört.

Er musterte uns und sagte mit grabestiefer Stimme: „Yeah, Mann.“

Er war wohl einverstanden.

Dann spazierte er davon. Am Soho Square sah man viele solcher farbenfroher Gestalten: ein wunderbarer Ort, an dem man sich ­ungezwungen aufhalten konnte und an dem alles möglich schien. Der perfekte Ort, um zu träumen und ganz man selbst zu sein – egal ob konventionell oder unkonventionell. Sich treiben zu lassen. Oder an einem sonnigen Tag Pläne zu schmieden … wie zum Beispiel, mit dem Interrail-Pass durch Europa zu fahren. Von Zügen zu träumen.

Der Mann in dem Samtanzug hatte recht. Danny und ich, mit unseren zusammengerechnet hundert Erdenjahren, mussten etwas tun. Wir hatten keine Zeit fürDas machen wir irgendwann mal, bald. Danny war verheiratet und hatte drei Kinder. Seine Frau Clare, wie ich bei Red Stripe Nummer drei erfuhr, hatte ihm schon grünes Licht gegeben. Ich hatte keine Kinder, und meine langjährige ­Beziehung war erst kürzlich in die Brüche gegangen – freundschaftlich, aber natürlich war es trotzdem traurig. Außerdem war meine Arbeit flexibel, und ich konnte mir leicht Zeit für die Reise freischaufeln. Vermutlich weiß niemand, wann und wie es genau passiert, aber tatsächlich waren wir auf einmal „Männer in den mittleren Jahren“, daran gab es nichts zu rütteln. Es gab kein Zurück. Auf einmal erschien uns die Idee, uns eine Weile auf den Schienen herumzutreiben (vier Wochen sollten reichen, entschieden wir), eine unanfechtbar logische Schlussfolgerung.

Danny machte sich natürlich Sorgen, was seine Teenager­kinder während seiner Abwesenheit alles anstellen könnten und wie Clare mit allem zurechtkommen würde. Doch abgesehen davon sahen wir keine Hindernisse.

Auch wenn uns bewusst war, dass wir keine typischen Interrail-Touristen waren.

Wir würden danach nicht auf die Uni gehen oder hatten sie gerade abgeschlossen und wollten „uns jetzt selbst finden“ und die Weichen für unsere Zukunft und unser Schicksal stellen. Das lag alles bereits hinter uns beziehungsweise fand alles schon statt. Vielleicht konnte man sich aber trotzdem noch ein bisschen selbst finden, wenn man junge Gedanken dachte.

An Ort und Stelle, auf der Parkbank am Soho Square, kauften wir zwei Monatspässe für den darauffolgenden April. Dann spazierten wir zu Stanfords, der außerordentlich hilfreichen Reisebuchhandlung in Covent Garden, erwarben zwei Exemplare der Rail Map Europe, kehrten zu unserer Bank zurück und planten eine grobe Route.

~

Unser endgültiges Ziel wussten wir allerdings schon: Istanbul.

Die Reise an den Rand von Europa war nostalgisch und geschichtsträchtig.

Die erste Fahrt des Orient-Express am 4. Oktober 1883 nach Konstantinopel, wie Istanbul damals noch hieß, war ein aufsehenerregendes Ereignis. Menschenmengen hatten sich zur Abfahrt um 18.00 Uhr an der Gare de l’Est in Paris versammelt. Der schillernde Belgier Georges Nagelmackers, Sohn eines bekannten Bankiers und der Ingenieur hinter dem Orient-Express, unterhielt sich mit Zylinder tragenden Sponsoren und geleitete wichtige Politiker und Minister zu den glänzenden Waggons. Ein Aufenthalt in Amerika im Jahr 1869 hatte Nagelmackers zu transkontinentalen Zugreisen inspiriert, dabei hatte er auch die neuen Drehgestelle – die sogenannten Bogie-Achsen – bewundert, wie sie Bahn-Mogul George Mortimer Pullman verbaut hatte, die für eine bessere ­Federung und damit eine angenehmere Fahrt sorgten. Am 10. Mai war ­Nagelmackers dabei gewesen, als am Promontory Summit in Utah der „golden spike“, der goldene letzte Nagel, in die Gleise ­gehämmert wurde, die ab diesem Zeitpunkt die amerikanische Ost- mit der Westküste verbanden. So infiziert mit dem „Eisenbahnfieber“, erkannte er, dass lange Fahrten in luxuriösen Zügen auch in Europa Anklang finden könnten. Vielleicht sogar noch mehr als in den Staaten, wenn er es richtig anstellte. Die Innen­einrichtung der amerikanischen Züge, mit denen er gefahren war, ­hatte Nagel­mackers nicht überzeugt. Seiner Meinung nach konnte hier noch einiges verbessert werden.

Mithilfe seiner Kontakte in die Bank- und Eisenbahnwelt – sein Vater hatte einen Großteil der ersten Bahngesellschaften Europas finanziert – setzte er seinen Plan nach seiner Rückkehr in die Tat um. Über seinen Vater hatte er Verbindungen in die europäische Oberschicht, dieser war zum Beispiel mit König Leopold I., Prinz von Sachsen-Coburg-Saalfeld und Onkel von Königin Viktoria, befreundet. Georges Nagelmackers, Jahrgang 1845, fiel durch seine große Statur und den buschigen Bart in bester viktorianischer Manier auf. Er war kein geldgieriger Gauner mit einem ­dubiosen Plan für schnellen Reichtum, der seine Unterstützer in den Ruin treiben würde (er selbst musste sich allerdings von Geschäftspartnern trennen, die von seinem Namen und seinem Wohlstand hatten profitieren wollen). Ein Spieler war er allerdings zweifellos – und er wusste, wie man Dinge ins Rollen brachte. Dass er über die finanziellen Möglichkeiten dazu verfügte, war natürlich ebenfalls ein Vorteil.

Nagelmackers hatte auch ein Händchen für PR, war ein gerissener Selbstdarsteller und seiner Zeit in diesem Bereich weit voraus. Die erste Fahrt seiner Compagnie Internationale des ­Wagons-Lits – der hochtrabende Titel sollte Eindruck bei den leicht zu Beeindruckenden schinden – war gratis für alle Fahrgäste, unter denen sich einige der bekanntesten Journalisten Europas befanden.

Einer davon war Henri Opper de Blowitz, Paris-Korrespondent der Times, der den Spitznamen „Prinz der Journalisten“ trug und ein Freund der schönen Dinge des Lebens war. Der bärtige, beleibte Charakterkopf war sofort vom Konzept der Luxus-­Zugreisen überzeugt: „Die blendend weißen Tischdecken und ­Servietten, kunstvoll und kokett von den Sommeliers gefaltet, die funkelnden Gläser, der rubinrote und topasweiße Wein, die kristallklaren Wasserkaraffen und die silbernen Verschlüsse der Champagnerflaschen – das alles blendet die Leute sowohl innen als auch außen“, schrieb er. „Während der gesamten Fahrt von Paris nach Bukarest wetteifern die Menüs in Sachen Abwechslung und Raffinesse miteinander, obwohl sie in der winzigen Küche am Ende des Speisewagens zubereitet werden.“

Und so weiter. Offensichtlich hatte er großen Gefallen an seiner Vergnügungsreise gefunden und lobte insbesondere die Tat­sache, dass er „sich bei achtzig Kilometern die Stunde rasieren konnte“, weil die Fahrt so angenehm verlaufen war. Ganz im Gegensatz zu den früheren, überaus holprigen Fahrten in Zügen ohne Drehgestell.

Vielleicht sollte ich noch genauer erklären, was ein „Bogie“ überhaupt ist. Im Collins English Dictionary wird er als „eine Gruppe aus vier oder sechs Rädern, die zu beiden Enden eines Waggons eine drehbare Stütze bilden und damit für Biegsamkeit in den Kurven sorgen“ definiert.

Der Korrespondent von Le Figaro war ähnlicher Meinung wie Blowitz. Seiner Aussage nach war der burgundische Koch im Speisewagen ein „Genie“. Über die Reise selbst schrieb er, speziell über die Rückfahrt: „Wir haben die Strecke von Konstantinopel nach Paris in sechsundsiebzig Stunden statt der üblichen ein­hundertelf zurückgelegt, in perfektem Komfort und ohne die ­geringste Ermüdung.“ Etwas tiefgründig fügte er, vielleicht nach dem ­Genuss von rubinrotem oder topasfarbenem Wein, hinzu: „Wenn der Fortschritt auf Rädern voranrollt, scheint die Erde zu ­schrumpfen.“

Ein weiterer glücklicher Passagier aus den Reihen der Presse war Edmond About, ein bekannter französischer Journalist und Romanautor, der über die Jungfernfahrt schrieb: „Ich habe noch nie etwas Bemerkenswerteres gesehen als diese Odyssee.“ Er war des Weiteren beeindruckt, dass „dank der großartigen Kühlung während der gesamten Fahrt die frischeste Butter aus Isigny [ein Ort in der Normandie] zur Verfügung stand, selbst als der Zug durch die ungarische Puszta ratterte, tausend Kilometer von Frankreich entfernt“. Frische Butter aus der Normandie scheint der Weg zum Herzen eines französischen Reisejournalisten zu sein oder zumindest dieses Herrn.

Der Orient-Express feierte eine rauschende Premiere, und die schiere Opulenz der Fahrt – zusammen mit den schillernden Passagieren – diente natürlich als Inspiration für viele Filme und Romane, vor allem Agatha Christies Mord im Orient-Express, der erstmals 1934 veröffentlicht wurde, als die Eisenbahn ihre Blütezeit in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erlebte.

Die räumliche Enge und die Mischung verschiedener Gesellschaftsschichten (darunter das Zugpersonal sowie die Kindermädchen und andere Bedienstete der Reisenden), Nationalitäten und Persönlichkeiten, so viele „Fremde an einem Ort“, erweckten Christies Interesse. Sie schliefen zusammen, aßen zusammen und konnten „einander nicht aus dem Weg gehen“. Was sollte da schon schiefgehen?

Tatsächlich ereignete sich der erste bekannte Mord im ­Orient-Express ein Jahr später im Jahr 1935, als die rumänische ­Modedesignerin Maria Farcasanu auf dem Weg von Bukarest nach Paris irgendwo mitten in Österreich aus einem Zugfenster in ihren grausamen Tod gestoßen wurde, nachdem man ihr eine wertvolle Silberfuchsstola, eine edelsteinbesetzte Armbanduhr aus Platin und ihr gesamtes Geld (umgerechnet etwa vierhundertfünfzig Pfund) gestohlen hatte. Ein tragischer Vorfall, der Europa monatelang in Atem hielt und geradewegs Christies Buch zu entstammen schien. Damalige Schlagzeilen lauteten „DER MORD IM ­ORIENT-EXPRESS“ oder „DER SILBERFUCHSMORD“. Der Täter Karl Strasser, ein junger Ungar in den Zwanzigern, wurde schließlich gefasst, nachdem ein aufmerksamer Schweizer Polizist in seiner Kirche eine Frau mit der auffälligen Stola bemerkte, die sie von Strasser erworben hatte. Nach seiner Verhaftung und seinem Geständnis wurde der Ungar zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Doch trotz dieses düsteren Vorfalls wurde der Orient-Express zum Symbol für den Glanz des goldenen Zeitalters der Eisenbahn und zog die entsprechenden Passagiere an: gekrönte Häupter, Aristokraten, millionenschwere Unternehmer (oft mit Mätressen in angrenzenden Abteilen), Staatsminister, Spione, Künstler, Schauspieler und Schriftsteller. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Beliebtheit des Zuges dank des Aufkommens von Düsenflugzeugen immer mehr ab. 1977 wurde der Orient-Express, der am Ende Direct-Orient-Express hieß, zwischen Paris und ­Istanbul endgültig eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt war er nur noch eine stark reduzierte Version von Nagelmackers’ ursprüng­licher Vision, kaum mehr als einfache Liegewagen mit Stockbetten und ohne Speisewagen.

Dennoch war es zum Zeitpunkt unseres Gipfeltreffens auf der Parkbank theoretisch noch möglich, mit einem „Orient-­Express“ von Paris nach Istanbul zu fahren. Das Ganze hatte nur einen großen Haken.

Eine Fahrt auf einer der alten Routen (im Lauf der Jahre hatte es verschiedene Strecken nach Istanbul gegeben) mit fünf Nächten, davon drei im Zug und zwei in luxuriösen Hotels in Budapest und Bukarest, konnte man immer noch buchen – für den horrenden Preis von 17.500 Pfund pro Person.

Einmal im Jahr wurde die Fahrt als „Venice Simplon-Orient-Express“ von einer Firma namens Belmond angeboten, deren reiches Klientel daran auch durchaus Interesse hatte.

„Bitte beachten Sie, dass die Plätze für diese beliebte Verbindung sehr begrenzt sind“, hieß es in der Beschreibung. „Wenn Sie die glänzenden Waggons erblicken und sich vom Steward in seiner unverwechselbaren Uniform begrüßen lassen, wissen Sie, dass die unvergesslichste Reise Ihres Lebens begonnen hat … Essen und trinken Sie in sorgfältig restaurierten Speisewagen aus den 1920er-Jahren, bevor Sie im Barwagen ‚3674‘ miteinander anstoßen. Zwischen vornehmen Abteilen und greifbarer Geschichte erwartet Sie eine überwältigende Reise.“

Wenn man es sich leisten konnte.

Das war nicht billig. Das war kein Schnäppchen. Kein: Los, wir machen das, wir werden nicht jünger, komm schon, los geht’s. Zumindest nicht für uns.

Danny und ich wollten aber die berühmte Route zurücklegen, langsam und auf eine Art und Weise, die signifikant weniger angeberisch war (und deutlich preiswerter).

Hier kam der Interrail-Pass ins Spiel, der einem erlaubt, einen Monat lang unbegrenzt durch dreiunddreißig europäische Länder zu reisen. Diese Pässe kosteten nur zwei Prozent dessen, was man für den „Venice Simplon-Orient-Express“ bezahlte, und wir konnten unsere Reise damit nach Lust und Laune gestalten und immer wieder neu entscheiden, wohin wir fahren wollten. So mussten wir auch nicht jeden Tag neben denselben Leuten im Speisewagen sitzen (in den Zügen, in denen es welche gab) und uns auch keine Gedanken über die entsprechende Garderobe machen. „Im Orient-Express kann man sich nie zu elegant anziehen“, lautete schließlich dessen berühmtes Motto.

Unsere Art war viel besser. Und billiger.

~

Meine übliche Herangehensweise an lange Zugreisen passte auch Danny gut.

Wir würden auf uns zukommen lassen, wohin die Schienen uns auf unserem Weg nach Istanbul führten, und uns nach dem ­Zufall und spontanen Launen richten, soweit es uns der Fahrplan erlaubte. Außerdem vereinbarten wir auf unserer Parkbank, unter keinen Umständen das Internet für unsere Planung zu nutzen. Unter gar keinen Umständen. Wir wollten nicht unter dem Druck stehen, alle Sehenswürdigkeiten abzuklappern, die man laut diversen Reiseforen unbedingt gesehen haben musste, wenn man nur vierundzwanzig Stunden an einem bestimmten Ort war. Wir würden uns ansehen, was wir zufällig sahen, uns anhören, was wir zufällig hörten, kennenlernen, wen wir zufällig kennenlernen würden, dorthin gehen, wo es uns gefiel, unabhängig davon, ob es eine offizielle touristische Sehenswürdigkeit war oder nicht. Wir würden die Welt kleiner Geräte mit Displays eine Zeit lang hinter uns lassen.

Ganz ehrlich, das Internet konnte uns mal eine Weile gern­haben. Da uns kein Gesetz (noch nicht) daran hindern konnte, würden wir in Sachen moderner Technik und Internet tun, was wir wollten. Und wir wollten faul sein, wenn das der richtige Ausdruck war. Sehr faul. „Gleichgültig“ oder „desinteressiert“ oder „offline“ traf es vielleicht besser. Wie auch immer, das würden wir jedenfalls sein. Sehr sogar. Wir wollten sehen, hören, riechen, berühren und schmecken, was vor uns war. Unsere Sinne einsetzen, nicht mit gesenktem Kopf auf Geräte eintippen, wie wir es genauso gut auch in unseren heimischen Wohnzimmern machen könnten.

Natürlich war uns klar, dass das World Wide Web trotz dieser hehren Vorsätze verführerisch war (ganz ehrlich, wahrscheinlich würden wir nach spätestens zwei Tagen einknicken). Zumindest am Anfang würden wir uns hoffnungslos altmodisch und unmodern geben, aber ganz ehrlich – wir wussten, dass wir keine (hier beliebige unflätige Adjektive einsetzen) Chance haben würden, der Welt der kleinen Bildschirme vollständig zu entkommen.

Und zumindest mich beschäftigte noch etwas anderes.

Mit jemandem zusammen eine lange Zugreise zu unternehmen, war neu für mich. Bisher war ich nach Möglichkeit immer ­allein unterwegs gewesen, ganz im Sinne von Paul Theroux, dem inoffiziellen „Paten“ moderner Bahnreiseliteratur. In Der alte Patagonien-Express, seiner farbenfrohen Schilderung der Reise von Massachusetts durch Südamerika, schrieb Theroux einmal schwärmerisch: „Reisen ist ein Prozess des Verschwindens, ein einsamer Weg auf einer dünnen geographischen Linie, die ins Vergessen führt.“ Ein Reisebuch sei das genaue Gegenteil, schrieb er, „der einsame Wolf ist plötzlich überlebensgroß wieder da, um die Geschichte seines Experiments mit dem Raum zu erzählen“.

Die Betonung von Einsamkeit und Alleinsein hatte schon immer viel Sinn ergeben. Außerdem, welcher Mensch bei klarem Verstand würde ein „Experiment mit dem Raum“ ausschlagen, sollte sich die Gelegenheit ergeben?

Mir hatte die Vorstellung immer gefallen. Ich verstand, wo­rauf er hinauswollte: Allein mit dem Zug zu reisen, war wie ein anderes Universum zu betreten, einen anderen Raum, der zumindest die verlockende Möglichkeit bot, zu vergessen: eine Parallelwelt (entlang parallel verlaufender Gleise) besuchen zu können. Wenn man es zuließ.

Diese Reise würde allerdings kein Prozess des Verschwindens sein. Ich würde sie mit einem meiner besten Freunde unternehmen, den ich mit Anfang zwanzig am College kennengelernt und mit dem ich einen Roadtrip durch die USA unternommen hatte.

Oder zumindest würde ich die Reise mit ihm beginnen.

Eine Woche nach unserem Treffen auf dem Soho Square rief Danny mich an.

„Ich glaube, ich kann höchstens zwei Wochen mitkommen“, sagte er. „Ernsthaft, höchstens. Es ist Clare gegenüber nicht fair, mit den Kindern ist so viel zu tun.“

Er hatte also einen Interrail-Pass zum halben Preis gekauft und wollte ihn auch nur halb nutzen – kein besonderes Schnäppchen (aber besser für Clare).

Bummelzug nach Istanbul würde also aus zwei Hälften be­­stehen: In der ersten fahren zwei Männer im mittleren Alter mit dem Zug nach Istanbul, in der zweiten kehrt ein Mann auf einem einsamen Weg auf einer dünnen geographischen Linie zurück, die ins ­Vergessen führt.

Sosehr ich mich auf die Gesellschaft meines Kumpels auf der Hinfahrt freute, so verlockend war auch die Reise allein ins Un­bekannte, was auch immer das heißen mochte.

Wir buchten Plätze im Eurostar. Kein besonders langsamer Zug für den Anfang.

Wir buchten ein Hotel im Quartier Latin in Paris, in der Rue du Pot de Fer, der Straße, in der George Orwell Ende der Zwanzigerjahre gewohnt hatte, während er als plongeur (Spülhilfe) in einem Restaurant gearbeitet und Recherchen zu seinem Klassiker Erledigt in Paris und London durchgeführt hatte. Wir waren beide große Orwell-Fans und wollten uns dem gemeinsamen Interesse genussvoll hingeben. Schließlich war der Genuss Ziel unserer Reise, die Freude an den Zügen und den Orten, an die sie uns bringen würden.

Wir trafen uns noch diverse Male mit unseren Rails Maps von Europa und tranken Bier auf den Parkbänken bei den Tischtennisplatten, wodurch wir vielleicht wie die Erledigten aus Orwells Buch wirkten. Besonders konfuse noch dazu, je abgegriffener unsere Karten aussahen und je mehr Städte und Ortschaften hektisch mit einem Stift eingekreist waren.

Dann fanden wir uns Ende März um acht Uhr morgens mit unseren Rucksäcken am Bahnhof St. Pancras ein. Dannys Rucksack war bedeutend kleiner als meiner.

An diesem Minimalismus war der tief verwurzelte Unwillen schuld, mehr als die unausweichliche Gebühr für Handgepäck im Billigflieger zu zahlen. Mit leichtem Gepäck zu reisen hatte sich für ihn bewährt, weshalb er auch bei unserer Bahnreise nichts da­ran ändern wollte, auch wenn ich ihm vor der Abfahrt erklärt hatte, dass es in Zügen anders wäre.

Er hatte nichts davon hören wollen.

Wir gingen durch die Sicherheitskontrolle in die riesige, belebte Abfahrtshalle des Terminals.

Europa wartete auf uns, eine Rolltreppenfahrt nach oben zum Gleis entfernt.

Am Tag zuvor hatte Paris in Flammen gestanden. Müll hatte sich in den Straßen aufgetürmt, die Müllabfuhr gestreikt. Lokführer streikten immer noch (und machten zum Glück am Tag vor unserer Abfahrt eine Pause). Alle schienen zu streiken. Präsident Emmanuel Macrons Lieblingsrestaurant war mit Brandbomben beworfen worden. Sein Plan, das Rentenalter um zwei Jahre auf vierundsechzig anzuheben – in weiten Teilen Europas ganz normal –, hatte Paris und das restliche Land auf die Barrikaden getrieben. Die Franzosen würden zwei Jahre länger als bisher arbeiten müssen, wie alle anderen auch. Das war nicht akzeptabel und würde nicht kampflos hingenommen werden.

Revolution lag in der Luft.

Immer her damit!

Wir zeigten unsere Reisepässe an der Kontrolle vor und gingen zur „Premier Lounge“, wo wir rasch entdeckten, dass unsere „Premier Passes“, für die wir zur Feier unserer Reise extra Geld bezahlt hatten, uns keinen Zugang zur „Premier Business Lounge“ ­ermöglichten. Dafür bräuchten wir „Business Premier Passes“, sagte die Frau an der Tür.

Wir fluchten ein wenig und tranken bei Pret a Manger einen Kaffee.

Es ging los.

1

Späte Abende, Spaß und Streiks

Von London nach Nürnberg, über Paris und Straßburg

Während wir unseren Kaffee tranken, schrieb Dannys Frau ihm eine Nachricht. „Sitzt ihr schon beim ersten Drink in der Lounge? Ich würde es jedenfalls so machen.“ Natürlich waren wir nicht in der Lounge, aber der Gedanke war nett.

Die Nachricht animierte Danny zu einer seiner vollmundigen Versprechungen, die er manchmal sogar auch einhielt. „Ich werde mich auf dieser Reise nicht zurückhalten. Geradezu dekadent werde ich sein“, sagte er, als wir mit der Rolltreppe zu Gleis fünf hinauffuhren und in unseren Premier-Wagen stiegen. Der Klang schien ihm zu gefallen, er schwelgte weiter: „Ganz genau, dekadent. Dekadent.“ Offenbar wollte er unbedingt ein moderner Henri Opper de Blowitz werden, der um 10.26 Uhr in London abfuhr und um 13.50 Uhr in Paris Gare du Nord ankommen würde.

Er sah sich um.

„Schön hier“, sagte er. „So lässt es sich aushalten. Lass es uns auskosten. Wo ist der Champagner? Los geht’s!“

Erst einmal gab es allerdings keinen Champagner. Wir machten es uns in grauen Sitzen im Wagen zwei bequem, der mit burgunderrotem Teppich ausgelegt war und eine angenehme Ruhe ausstrahlte. Das Personal sprach uns mit „Sir“ an.

Am Bahnhof St. Pancras hatte ich mir einen Stapel Zeitungen gekauft, um ein Gefühl für das Weltgeschehen zu bekommen, und vertiefte mich darin, bevor der Platzservice vorbeikam.

Es war eine aufwühlende Lektüre. Die Titelseite der Daily Mail hetzte gegen Klimaaktivisten und Staatsanwälte: „WUT AUF WOKE STAATSANWÄLTE, DIE KLIMATERRORISTEN NICHT ANKLAGEN WOLLEN.“ Die Zeitung i berichtete vom Haushalt: „KEINE STEUERERLEICHTERUNGEN IM JAHR 2023, WÄHREND DIE ZINSEN AUF EIN NEUES HOCH ANSTEIGEN.“ Der Guardian titelte: „WELTVERBAND SCHLIESST TRANS-FRAUEN VON INTERNATIONALEN FRAUENWETTKÄMPFEN AUS“. The Daily Telegraph fürchtete: „LABOUR WILL STEUERRAZZIA BEI ERSPARNISSEN UND INVESTITIONEN“. The Times wusste zu sagen: „KAFFEETRINKER SIND DEN ANDEREN UM 1000 SCHRITTE VORAUS.“ Menschen, die viel Kaffee konsumierten, gingen statistisch gesehen längere Strecken als andere Menschen (vielleicht keine Überraschung bei dem ganzen Koffein). Der Daily Star verbreitete hingegen Endzeitstimmung: „HABEN KILLERMASCHINEN DIE WELTHERRSCHAFT ÜBERNOMMEN?“, und warnte vor den Gefahren Künstlicher Intelligenz.

Klimaaktivisten, woke Staatsanwälte, steigende Zinsen, Transgender-Kontroversen, Steuerrazzien der Labour Party, die Vorteile von Kaffee, Killermaschinen, die die Menschheit bedrohten … Es war ganz schön was los.

Ebenso wie an unserem Zielort, auch wenn ich darüber erst etwas in einem kurzen Bericht in der Metro las. Am Tag zuvor war es in Paris und dem restlichen Frankreich zu heftigen Unruhen gekommen, in Rennes in der Bretagne hatte man Wasserwerfer ­gegen die Menschen eingesetzt, die gegen Macrons geplante Erhöhung des Rentenalters protestierten. In Paris hatten Demonstranten Bahnhöfe und den Flughafen Charles de Gaulle blockiert.

Unser Ziel war einer dieser Bahnhöfe, doch niemand in unserem Wagen schien sich deshalb Sorgen zu machen. Wir am allerwenigsten. Wie gesagt, wir waren gespannt auf dieses neue, revolutionäre Frankreich.

Streiks im öffentlichen Dienst wüteten überall auf dem Kontinent, nicht nur in Paris. Auch in Deutschland und Italien brodelte es laut dem Metro-Artikel, die anderen Zeitungen behandelten in ihrer Auslandsberichterstattung allerdings eher den Ukraine-Krieg. Schreckliche Nachrichten der Vereinten Nationen von ­willkürlichen Festnahmen, Folter, Vergewaltigungen und Massen­erschießungen von Kriegsgefangenen sowohl durch ­russische als auch ukrainische Truppen beherrschten die Schlagzeilen.

Auf dieses Europa steuerten wir zu und konnten uns vor der ernüchternden Realität nicht verstecken.

In einer Durchsage wurde verkündet, dass französische Zollbeamte an Bord wären, „falls Sie nach Großbritanniens Ausscheiden aus der EU etwas zu verzollen haben“.

Dann kam jemand mit einem Getränkewagen. So war das also in einem Premier-Wagen. Wir wehrten uns nicht dagegen.

„Ah, wunderbar. Kommen wir zur Sache“, sagte Danny. Nachdem es keinen Champagner gab, bestellten wir Côtes du Rhône, und kurz darauf rollten wir in den Eurotunnel. Zum Essen servierte man uns kaltes Hähnchen mit Krautsalat sowie Schokoladenkuchen. Wir aßen und tranken dazu unseren Wein. Dann bestellten wir noch mehr Côtes du Rhône, der im Ticketpreis enthalten war.

„Wenn der Service hier echtes Niveau hätte, würde man uns jetzt eine Käseplatte bringen“, bemerkte Danny, bereits voll im Blowitz-Modus.

Dann machte er ein Verdauungsschläfchen, während ich den Blick durch den Wagen schweifen ließ.

Eine Frau in der Sitzreihe gegenüber schien Schauspielerin zu sein und für eine Rolle zu lernen. Sie verließ den Wagen für eine Weile, und ich konnte einen Blick auf das Drehbuch und den mit Leuchtstift markierten Text erhaschen: Weshalb denkst du, dass ich wütend sein könnte? Ich glaube, es wäre nicht leicht für dich, eine romantische junge Frau zu haben, lautete ihr Text.

In der „Ersten Klasse“ im Eurostar traf man irgendwie immer Künstlertypen. Bei meiner letzten Fahrt hatte ich neben einer Band aus Belgien gesessen, die einen Plattenvertrag gefeiert hatte.

Die Schauspielerin kam zurück und sah misstrauisch zu uns hinüber, als verdächtige sie mich, in ihrem Drehbuch gelesen zu haben (was ja auch stimmte). Sie rieb ihre Hände mit nach Lavendel riechendem Desinfektionsmittel ein und sprach weiter lautlos ihren Text.

Wir verließen den Kanaltunnel und passierten sonnengefleckte Felder. Der Himmel war von dunklen Wolken bedeckt, zwischen denen Sonnenstrahlen hervorbrachen, als würde sich im Himmel Ärger zusammenbrauen. Pflugspuren wanden sich in hypnotisierenden Linien im weiten Ackerland. Strommasten hingen wie Büroklammerketten tief am Horizont. Silhouetten von Kirchtürmen glitten vorbei. Französische Kühe futterten französisches Gras und machten sich nicht die Mühe, zum Eurostar aufzublicken, als dieser an ihnen vorbeifuhr. Vielleicht hatten sie sich inzwischen daran gewöhnt (schließlich verkehrte er bereits seit 1994).

Eine Reihe vor uns auf der anderen Gangseite unterhielt sich eine Frau in einem schwarzen Oberteil (Schwarz) mit einer Frau in einem rosafarbenen Oberteil (Rosa).

Schwarz: „Wenn sie es unterstützen wollen, sollten sie es tun. Wir brauchen Feedback.“

Rosa: „Meiner Meinung nach brauchen wir Ressourcen.“

Schwarz ignorierte den Ressourcenbedarf. „Die Leute haben den Begriff einfach übernommen. Selbstfeedback.“

Rosa, unsicher: „Ja. Tatsächlich?“

Schwarz: „Ja, Selbstfeedback. Das steht in meinem Bericht.“

Rosa, offensichtlich die Untergebene von Schwarz, verstand jetzt, worum es ging. „Ja, Selbstfeedback.“ Sie verstummte. „Sehr nützlich. Und richtiggehend brillant, da Sie es nicht nur sagen, ­sondern auch machen.“

Ich verstand gar nichts mehr.

Schwarz rief erfreut aus: „Ja! Genau!“

Dann wechselten sie das Thema und sprachen über Fernsehsendungen.

Schwarz: „Ich glaube, ich werde mir nicht das ganze Bake-Off-Ding antun.“

Rosa: „Hm.“

Schwarz: „Ich mag Bake Off schon, aber man muss sich völlig darauf einlassen.“

Rosa: „Hm, ja, mhm.“

Dann widmeten sich die beiden wieder ihren Laptops.

Aus irgendeinem Grund hatte The Great British Bake Off das Gespräch gekillt. Entweder liebte man die Sendung wohl, in der Kuchen gebacken wurden, oder man hasste sie.

So viel zum Unterhaltungsprogramm im 10.26-Uhr-Zug nach Paris Gare du Nord.

Unerwartete, aber angenehme Stille senkte sich über den ­Wagen, nur noch das sanfte Rattern und Pfeifen des Zuges waren zu hören.

Nach einiger Zeit kamen die französischen Zollbeamten zu uns, in ihren marineblauen Uniformen mit klirrenden Handschellen und Pistolenholstern am Gürtel, den kurz geschorenen Haaren und Dienstmarken mit der Aufschrift DOUANE (Zoll). Sie musterten Danny und mich missbilligend. Einerseits schienen wir keine große Bedrohung für die Stabilität des französischen Staates darzustellen. Andererseits waren wir dank unserer Rucksäcke und der leeren Weinflaschen auch nicht gerade die idealen Gäste.

Auf dem Bildschirm über uns leuchtete die Meldung auf, dass die Rekordgeschwindigkeit eines französischen Zuges während einer Dienstfahrt bei 334,7 km/h lag. Bei dem Tempo wären wir in ٦,٦٣ Stunden in Istanbul.

Kurz darauf erreichten wir die französische Hauptstadt und stiegen aus.

Vive la révolution!

Paris, Frankreich

Der Eurostar war fünf Minuten zu früh angekommen. Wir überlegten, was wir tun wollten. Nachdem wir uns kurz in der lauten, chaotischen Gare du Nord (den Bahnhof hatte ich noch nie besonders gemocht) umgesehen hatten, beschlossen wir, zu Fuß zur Rue du Pot de Fer zu gehen.

„Ich weiß noch, als ich achtzehn war, hier angekommen bin und uns alle abzocken wollten“, bemerkte Danny. Dreiunddreißig Jahre später schien es immer noch kein Ort zu sein, an dem man seinem Gepäck den Rücken zudrehen sollte. Vor dem Gebäude lungerten zwielichtige Gestalten am Taxistand herum und beobachteten die Reisenden (uns), die ins Freie traten. Vielleicht handelte es sich dabei um Taxifahrer, vielleicht auch nicht. Verwahrloste Menschen schlichen verloren herum, manche zitterten und waren sichtlich verängstigt, brauchten vielleicht dringend den nächsten Schuss. Finster dreinblickende Typen mit Kapuzenpullovern und Baseballkappen standen an den Straßenecken, umgeben von hupenden Autos, als wäre es völlig normal, dort zu stehen und seinen Gedanken nachzuhängen. Unser erster Eindruck? Nicht ganz das Bild, das die örtliche Tourismusbehörde in ihren heiteren „Paris: Je t’aime“-Werbekampagnen zeichnete.

Eines musste man dem rauen Bahnhof allerdings lassen. Innen herrschte zwar ein einziges Chaos, doch die Fassade der Gare du Nord war ein Schmuckstück mit ihren hohen, geschwungenen Fenstern, den korinthischen Säulen und den makellosen Reihen gekrönter Statuen mit Schilden und Schwertern, die Zielorte aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts repräsentierten: Warschau, Brüssel, Berlin und Köln, außerdem Amiens, Arras, Lille und ­Rouen in Frankreich. Griechische Götter mit buschigen ­Bärten – Herkules, Zeus, Hermes – spähten von runden Platt­formen auf uns hinunter, und vor unseren Augen kehrte der Glanz der Anfangszeiten der Eisenbahn zurück (der Bahnhof in seiner jetzigen Gestalt wurde 1866 fertiggestellt, bevor der Orient-­Express auch nur ein Funkeln in Nagelmackers’ Augen war).

Wir machten uns auf den Weg zur Rue du Pot de Fer.

Dafür folgten wir einer belebten Straße voller Kebapläden, wie Turquoise Istanbul und – Achtung, Wortwitz – Partistanbul, und Plakaten mit Parolen gegen die geplante Rentenreform: ­„DÉFENDONS NOS RETRAITES!“ („Verteidigt unsere Renten!“) Noch etwas war nicht zu übersehen: Berge von Müllsäcken auf den Gehwegen, Resultat der streikenden Müllabfuhr. Der Frühling in Paris stank zum Himmel.

Wir kamen auf die Place de la République, wo die Proteste deutliche Spuren hinterlassen hatten. In der Mitte hingen rote Kommunistenfahnen von der Marianne-Statue, dem Symbol der Französischen Republik, die jemand mit dem Anarchiezeichen und Parolen beschmiert hatte: „MORT AU CAPITAL!“ und „MORT AU ROI“ („Tod dem Kapitalismus!“ und „Tod dem ­König“, auch wenn Frankreich gar keinen König mehr hatte).

Plakate mit dem Konterfei von Präsident Macron lagen he­rum, ein zweites Gesicht lag über seinem, um die Doppelzüngigkeit zu symbolisieren. Dabei stand: „C’EST PAS BIENTOT FINI. CE PROJEEEEEEEEEET!“ („Es ist nicht vorbei. Das Projekt!“) Das schien eine ironische Aussage zu sein, die sich auf das projet bezog, das Rentenalter anzuheben. Auf dem Monument prangten noch mehr Parolen: „POUR NOS RETRAITES, EN GRÈVE. ET ON RECONDUIT!“ („Streik für unsere Renten. Und wir ­machen ­weiter!“)

Demonstranten waren nicht zu sehen. Vielleicht nahmen sie sich den Tag frei und bestreikten den Streik. Das war irgendwie enttäuschend, auch wenn das sehr unangemessen, voyeuristisch und geradezu verabscheuungswürdig klingen mag. Nachdem wir so viel in den Nachrichten gesehen hatten, hatten wir gehofft, ein paar plündernde französische Demonstranten zu sehen. Und wo waren sie jetzt?

Einer oder zwei hätten schon gereicht, fürs „Ambiente“. Doch niemand war zu sehen. Wir gingen am Hôtel de Ville vorbei, überquerten die Seine und fanden unser Hotel am Rand der Rue du Pot de Fer, wo wir eine winzige Kammer bezogen, die mehr kostete als zwei Zimmer in unserer nächsten Station Straßburg, auf die wir uns schon auf unserer Parkbank geeinigt hatten. Die Zimmerpreise in Paris waren horrend.

Der Aufzug im Hotel hatte die Größe einer altmodischen ­Telefonzelle. Das Zimmer war sogar noch kleiner, als es auf der Website ausgesehen hatte. Eine Weile ruhten wir uns auf unseren schmalen Einzelbetten aus und schauten die Nachrichten an, in denen von den Protesten am Tag zuvor berichtet wurde. Irgendwo in der Nähe hatten Demonstranten die Scheiben eines McDonald’s eingeworfen; dramatische Videos zeigten Gruppen maskierter Gestalten, die auf die Fenster einschlugen, als hätten sie es auf die Big Macs abgesehen.

„Was hat die Rentenreform mit McDonald’s zu tun?“, fragte Danny und sah mit verengten Augen zum Fernseher. „Sie sollten das goldene M in Ruhe lassen, da können Familien günstig essen gehen.“

Wieder hatte er recht, doch ob er sein Argument gegenüber Knüppel schwingenden französischen Demonstranten, die ihre Wut an prokapitalistischer Egg-McMuffin- und Happy-Meal-Werbung ausließen, wiederholen würde, wagte ich zu bezweifeln.

Außerdem waren die Straßen gerade frei von Demonstranten. Die Fassaden beliebter Fast-Food-Ketten hatten heute Nacht wohl nichts zu befürchten.

~

Wir zogen los, um uns George Orwells früheres Viertel anzusehen.

Das gingen wir geschäftsmäßig an – wir hatten für den nächsten Tag Plätze im Zug um 12.52 Uhr nach Straßburg reserviert und daher nicht viel Zeit zum Herumtrödeln. Nach Straßburg hatten wir auch Nürnberg schon vorab gebucht, um in die Gänge zu kommen. Ab Nürnberg war dann alles möglich.

Mit „geschäftsmäßig“ meine ich jedoch nur: Wir sind zu ein paar von Orwells Lieblingsplätzen gegangen. Ich hatte zuvor recherchiert, wo er seine Zeit in Paris verbracht hatte (die einzige derartige Vorbereitung auf die Reise). Wir wollten nicht einfach nur ein paar Bars in der französischen Hauptstadt abklappern – obwohl das, um ganz ehrlich zu sein, auch zu unserem Plan gehörte.

Orwell lebte von 1928 bis 1929 in Paris und hatte verschiedene Jobs, vor allem wie schon zuvor erwähnt als plongeur, der niedrigsten Position in der Restauranthierarchie, von der aus er beobachten konnte, wie Kellner Wein absaugten und andere Diebstähle begingen, sowie die kleinen Missstände und vielen komplizierten Nuancen französischer Restaurants miterlebte. Damals war diese Gegend des Quartier Latin noch eindeutig Arbeiterklasse gewesen. Das war sie jetzt nicht mehr. Die engen Straßen strotzten nur so vor hübschen Bistros, Cafés, Cocktailbars und teuren Hotels. Elegant gekleidete junge Berufstätige und Studenten bevölkerten die Wege zwischen den Müllsackbergen und sahen so chic und pariserisch aus, wie es unter den gegebenen Umständen möglich war.

Und wieder war nirgends ein Demonstrant zu sehen. Ein Sushi­restaurant an einer Ecke in der Nähe unseres Hotels verschwand beinahe hinter den Bergen von Müllsäcken und Schachteln, doch es hatte geöffnet, und modisch gekleidete Kunden aßen dort, als gäbe es die Müllberge gar nicht.

Sie sahen nicht aus wie Anarchisten, die unbedingt den französischen Staat zu Fall bringen wollten, sondern wie das, was sie waren: elegante Sushikonsumenten, die rohen Fisch in geselliger japanischer Atmosphäre zu sich nehmen wollten, wenn auch inmitten von Müll. Man musste die Gleichgültigkeit, mit der die ­Pariser dem Zusammenbruch ihrer Stadt begegneten, bewundern. Auf Bildern vom Tag zuvor hatten wir gesehen, wie Cafébesucher entspannt ihren Kaffee ausgetrunken hatten, während neben ihnen Straßen brannten.

Nachdem wir ja nicht einfach nur in eine Bar gehen wollten, marschierten wir zu Orwells ehemaliger Wohnung in der Rue du Pot de Fer, Hausnummer sechs, aus der dem Schriftsteller als 25-Jährigem kurz vor der Rückkehr nach Großbritannien (wo er eine Weile bei seinen Eltern in Suffolk unter nicht ganz so verelendeten Bedingungen gelebt hatte) sein gesamtes Geld gestohlen worden war. Es hing keine Tafel an der Wand, um darauf hinzuweisen, dass einer der berühmtesten Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts während einer der prägendsten Phasen seines Lebens hier gewohnt hatte, es schien, als wollten die Besitzer keine Aufmerksamkeit auf das unauffällige, schmutziggraue Gebäude ziehen.

Im Erdgeschoss war die Hausnummer sechs hingegen nicht so grau und schmutzig, hier war ein Shisha-Café namens Planet-Chicha eingezogen, in dem gerade das Fußballspiel Frankreich gegen die Niederlande übertragen wurde. Möglicherweise war es der verqualmteste Raum in ganz Paris. Wir saßen an einem niedrigen Tisch gegenüber einem Mann mit goldgetönter Sonnenbrille, einer Gucci-Manbag und Nike-Sneakers, und seiner Begleitung, einer stark geschminkten Frau mit beigefarbenem Regenmantel und ­einer Gucci-Handtasche. Sie schienen keine antikapitalistischen, antirentenreformistischen Anarchisten bei einer Pause zu sein. Aber wer weiß, vielleicht zogen sich antikapitalistische, antirentenreformistische Anarchisten in ihrer „Freizeit“ so an.

Das Paar rauchte Wasserpfeife. Alle rauchten Wasserpfeife. Wir bestellten ebenfalls eine, um ein wenig Zeit auf den Spuren Orwells zu verbringen. Zu seiner Zeit war das hier eine schäbige Bar gewesen, in der Tagelöhner und andere Arbeiter ihre Sorgen in Alkohol ertränkten. Seither hatte sich viel verändert. Der Tabak schmeckte angenehm nach Apfel und Minze, und als der Kellner kam, um sich nach unserer Zufriedenheit zu erkundigen, fragte ich ihn nach George Orwell.

„Den kenne ich nicht“, antwortete der Mann. „Über den weiß  ich gar nichts.“ Es wirkte, als würde die Polizei ihn zu einem Verbrechen befragen, mit dem er wirklich nichts zu tun haben wollte.

Unser nächster Orwell-Stopp war eine rot beleuchtete Bar in der Rue Mouffetard, in der Nähe der Rue Lacépède, wo Orwells Tante mit einem Vertreter des weitestgehend vergessenen Esperanto gelebt hatte und wo sich heute ein Carrefour-Supermarkt befand. Dort holten wir uns Wasserflaschen fürs Hotel und waren mit unseren Plastiktüten die einzigen Gäste in dieser coolen Kneipe, in der Indierock lief.

Wir bestellten zwei große Bier und tranken auf Orwell. Danny zitierte ihn dabei sogar: „Auf Orwell! Auf die Freiheit! Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht darauf, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen!“

Er sprach ziemlich laut. Während die Pariser gerade pausierten, starteten wir unsere eigene Revolution. Der Barkeeper, der unsere rebellischen Parolen hörte und offenbar für gut befand, ­sagte: „Yeah, Mann“, wie der Typ im lilafarbenen Samtanzug am Soho Square.

Orwells Geist lebte weiter in der Gegend um die Rue du Pot de Fer.

„Müll, Verfall und sehr elegante Menschen“, sagte Danny und meinte damit Paris und das Quartier Latin. „Diese Eleganz ist sehr sexy, wenn man mal darüber nachdenkt. Hier geht gerade alles den Bach runter, doch auf den Straßen sieht man keine Streuner, sondern sehr elegante Leute.“

Wir redeten noch eine ganze Weile Unsinn und kehrten nach Mitternacht mit unseren Carrefour-Tüten ins Hotel zurück.

„Schön, nicht wahr, auf die vorüberziehenden Felderzu schauen? So friedlich.“

Von Paris nach Straßburg

Klirren, Knirschen, Scheppern und Piepen (von den zurücksetzenden Fahrzeugen) weckten uns am nächsten Morgen.

Paris räumte auf.

Die Müllabfuhr arbeitete wieder, der Streik war vorbei, die Rue du Pot de Fer und ihre Umgebung wurden fast schon bedauerlicherweise von den letzten Überresten des „Aufstands“ gereinigt. Das Sushirestaurant an der Ecke war wieder zu sehen. Es war ein sonniger Morgen im Quartier Latin. Wir machten uns auf den Weg zur Gare de l’Est und kamen schon bald zum Centre Pompidou mit seiner Röhrenarchitektur, vor dem wahrhaftig eine Gruppe Demonstranten auf und ab ging. Allerdings keine antirentenreformistischen Revolutionäre, sondern friedliche Gegner von Lachsfarmen. Echte Pariser, die auf die Straße gingen mit einem wirklichen Anliegen, auch wenn sie von Plündereien weit entfernt waren, denn sie waren höfliche Pariser Demonstranten, richtiggehend sanft und charmant.

„Die Umwelt! Das ist eine Katastrophe für die Fische!“, sagte Alina mit schwerem Akzent. „Dahinter stecken die großen multinationalen Konzerne! Noch eine Lobby! Noch eine Lobby! Diese Farmen manipulieren unsere Bedürfnisse und Wünsche … ein ökologisches Desaster! Schrecklich! Eine Katastrophe für die Fische!“

Wir sprachen noch eine Weile mit Alina, die ursprünglich aus der Ukraine stammte, vor vielen Jahren aber schon nach Frankreich gezogen war. Danach gingen Danny und ich weiter zum Bahnhof, an einem Dutzend Einsatzwagen der Polizei vorbei. ­Irgendwo in Paris rechnete man heute wohl mit Ärger – den wir nicht miterleben würden. In Sachen Recht und Ordnung auf den Straßen der französischen Hauptstadt hatten wir unseren Aufenthalt perfekt getimt.

Kurz vor der Gare de l’Est sagte Danny, der offenbar noch da­rüber nachdachte: „Wenn man Lachsfarmen verbietet, wie kann man sich Lachs dann leisten? Wenn man die Farmen abschafft, können nur noch Reiche Lachs essen.“

Mit dieser Feststellung betraten wir den Bahnhof.

~

1883, als der Orient-Express mit seinen neuartigen Drehgestellen unter Dampfschwaden nach Istanbul aufbrach, hieß die Gare de l’Est noch Gare de Strasbourg. Der Hauptteil des Bahnhofs konnte sich, von Erweiterungen an den Seitenflügeln abgesehen, seither nicht viel verändert haben. Die kunstvolle Steinfassade mit den auffälligen Türbögen zwischen korinthischen Säulen wirkte wie ein (sehr großes) Sommerhaus auf einem Landsitz. Palmen in großen Töpfen standen aufgereiht auf dem Vorsprung über den Bögen unter dem lang gestreckten, breiten A-förmigen Dach und in deren Mitte eine beeindruckende Skulptur zweier nackter Mädchen über einer Uhr. Nicht so auffallend wie die Gare du Nord, aber trotzdem eine schöne Kulisse für Nagelmackers, Henri Opper de Blowitz und Co. bei der Jungfernfahrt.

Der Bahnhof war viel ruhiger als die Gare du Nord und sehr viel weniger belebt. Hinter den Türen befand sich eine große Halle mit gewölbtem Dach und Geschäften, Rolltreppen führten zum Untergeschoss. Wir holten uns Kaffee bei einem McDonald’s, der nicht von antirentenreformistischen Demonstranten angegriffen wurde, und wurden von einem großen, dünnen Amerikaner mit Zottelbart gefragt: „Mann, was für ein Tag ist heute? Freitag? Samstag?“

Wir antworteten, es sei Samstag.

„Oh, okay. Okay, Mann“, sagte er, als hätten wir ihn mit der Beantwortung seiner Frage irgendwie unter Druck gesetzt.

Der dünne, zottelige Amerikaner schlurfte davon, immer noch sehr verwirrt. Vielleicht würde er zur Sicherheit noch jemand anderen nach dem Wochentag fragen. Oder er dachte schon wieder an etwas völlig anderes. Er hätte einem leidtun können, er gab keine besonders heroische Figur ab. Doch gleichzeitig hatte man den Eindruck, dass er sich insgeheim prächtig amüsierte.

Wir stiegen in den 12.52-Uhr-TGV nach Straßburg, die erste Station von Nagelmackers’ Jungfernfahrt am 4. Oktober 1883.

An jenem ereignisreichen Tag verließ der Zug am Abend den Bahnhof unter lautem Tuten, während sich auf den Bahnsteigen die Zuschauer drängten, und den glücklichen Passagieren wurde schon bald im eleganten Speisewagen mit seinen Gaskronleuchtern und den goldenen Intarsien von Kellnern mit weißen Handschuhen die erste, vom berühmten Burgunder Koch zubereitete Gourmetmahlzeit serviert. Vor lauter kulinarischem Genuss – und auch wegen der edlen Weine, die zwischen Paris und der ostfranzösischen Stadt flossen (und „kein Tropfen wurde verschüttet“, schrieb Blowitz anerkennend) – verpassten viele Pressevertreter die elektrische Beleuchtung am Straßburger Bahnhof.

Dies war der erste Bahnhof in Europa gewesen, der stolz eine solche Beleuchtung vorweisen konnte, und das war eine große ­Sache. Doch die Reporter schliefen in ihren Abteilen (sehr zum Unmut der Stadtvertreter), und Edmond About (der pingelige ­Butterfreund) konnte in seinem Artikel nur berichten, dass sie „sehr gut aussah“, indem er auf die Erzählung eines Mitreisenden, der nicht vorzeitig eingeschlafen war, zurückgriff.

Wie der Eurostar war auch unser Zug um 12.52 Uhr nicht langsam. Schließlich stand TGV für Train à Grande Vitesse (Hochgeschwindigkeitszug), doch er war uns als die vernünftigste Option erschienen; es wäre dumm, nur rein aus Prinzip langsamer zu fahren. Wir würden schon noch langsam genug nach Istanbul kommen.

Schnell war der TGV zweifellos, mit einer Höchstgeschwindigkeit von 320 km/h im regulären Einsatz (eine spezielle Lokomotive hatte bei einer Testfahrt im Jahr 2007 eine Geschwindigkeit von etwa 575 km/h erreicht), und sehr schön war er auch. Das Innere wirkte schick und modern, die Sitze ansprechend in lila und orange und mit Beinfreiheit. Die Wände waren in einem dunklen Violett gehalten, die Tische groß. Das war die zweite Klasse, die für uns gut genug war. Die erste Klasse musste der reinste Luxus sein.

Bald rasten wir an den Graffiti und Hochhäusern der ban­lieues (Vorstädte) von Paris vorbei in eine Landschaft voller nebelverhangener Felder mit niedrigem grünem Getreide. Ein milchig-grauer Himmel tauchte alles in milchig-graues Licht. Von den Sitzen in der Nähe hörte man das leise Klappern von Laptop-Tas­taturen. Dörfer tauchten auf und verschwanden wieder, kleine Inseln aus cremefarbenem Stein und terrakottafarbenen Dächern inmitten von Grün.

Ich ging ins Bordrestaurant, um uns Kaffee zu holen, wo ein Angestellter mit roter Fliege die Getränke servierte und mir erklärte, die Speisekarte sei von einem französischen Promi-Koch namens Thierry Marx gestaltet worden, der Restaurants „vor allem in Paris und Lyon“ betrieb, darunter eines beim Eiffelturm. Er erzählte so begeistert von Thierry Marx, dass ich eine Kreation des Spitzenkochs kaufte: einen Quinoasalat mit Gemüse, Olivenöl und Sesam. Ich ging zu unseren Plätzen zurück, und Danny sagte: „Schön, den vorbeiziehenden Feldern zuzuschauen, nicht wahr? So friedlich.“

Die Platzreservierungen hatten zehn Euro gekostet. So war das bei Interrail-Pässen: Auf manchen Strecken waren Reservierungen zu ungefähr diesem Preis obligatorisch, was ärgerlich, aber notwendig war, wenn man sitzen (und keine Strafe zahlen) wollte. Der Zugbegleiter scannte unsere QR-Codes, außerdem ähnliche QR-Codes für unsere Pässe. Dafür musste man den richtigen Zug gebucht und aktiviert haben in der Eurail-App, die unsere Interrail-Pässe verwaltete und unsere nicht mehr jungen Gehirne zunächst auf die Probe gestellt hatte, bis wir sie verstanden hatten. Jedes Mal, wenn ein Zugbegleiter unsere QR-Codes scannte und alles in Ordnung war, durchflutete uns ungläubige Erleichterung und auch etwas peinlicher Stolz, dass wir alles richtig gemacht ­hatten.

Insgesamt war die App aber ausgesprochen nützlich, und es war ein Segen, dass es die Pässe überhaupt gab. Seit fünfzig glanzvollen Jahren existierte Interrail schon, und in letzter Zeit hatte das Konzept eine gewaltige Entwicklung durchlaufen.

Ins Leben gerufen wurden die Vielfahrtentickets 1972 von der International Union of Railways, die nach dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde, um weltweit Eisenbahnnetze zu vereinheitlichen. Ziel der Pässe war es gewesen, junge Menschen unter einundzwanzig, die sich die hohen Ticketpreise sonst nicht leisten konnten, zum Zugfahren durch Europa zu animieren. Damals kosteten Interrail-Pässe 27,50 Pfund, und man konnte mit ihnen einen Monat lang unbegrenzt fahren (was heute etwa 360 Pfund entspricht). Im ersten Jahr wurden fast 90.000 Stück verkauft, und dank des riesigen Erfolges wurden sie beibehalten und großflächiger beworben.

Zum Glück gibt es Interrail immer noch, trotz harter Konkurrenz durch Billigfluglinien und nach der Übernahme durch das niederländische Unternehmen Eurail im Jahr 2001 (daher auch der etwas verwirrende Name der Eurail-App). Noch großartiger war, dass man 1998 die bisher geltenden Altersgrenzen aufhob und Interrail jetzt allen offenstand. Ältere Reisende müssen höhere Preise zahlen, es gibt aber auch Seniorentarife. 1972 nahmen 21 Länder daran teil, heute umfasst das Netz 33 Länder, am billigsten sind die Tickets für Reisende unter 27.

Da haben Sie es. Interrail-Pässe waren schon immer fantastisch. Mit ihrer Hilfe konnten junge Menschen seit vielen Jahren Europa kennenlernen und ihren Horizont erweitern, und seit der Jahrtausendwende stand dies auch älteren Menschen offen.

Wir machten es uns gemütlich, während der Zug immer ­weiter durch eine flache, nebelverhangene Landschaft fuhr.

Es war wirklich friedlich. Wir bewunderten Flüsse, die sich durch die Landschaft schlängelten, und Birkenwälder, und – ja, wir geben es zu – wir erlaubten es uns, im Andenken an die ersten Passagiere des Orient-Express hin und wieder die Augen zu schließen. Die gleichmäßigen Bewegungen … die bequemen Sitze … das Gefühl, ohne festes Ziel und ohne Vorgaben gen Osten zu fahren: Die zweite Zugfahrt unserer Reise fanden wir beide rundum zufriedenstellend.

Der TGV fuhr in die Vororte von Straßburg ein, das im Elsass liegt, direkt an der deutschen Grenze.

Wir sahen Lagerhallen, ein FedEx-Depot, Möbelhäuser, einen Nissan-Händler und viele Schrebergärten, und schließlich erhaschten wir einen verlockenden Blick auf den Turm der berühmten Kathedrale. Wir rollten in den Bahnhof ein, stiegen aus und standen in einer Halle mit hohen Buntglasfenstern und Flach­reliefs, die Geschäftsleute des späten neunzehnten Jahrhunderts würdigten. Der Vorplatz des Bahnhofs wurde von einer riesigen, langgezogenen Glaskonstruktion überspannt, die von außen an eine gigantische Nacktschnecke erinnerte. Wir hatten unser zweites Ziel erreicht.

Gotischer Glanz, EU-Vorschriften und eine Partie Darts

Straßburg

Im Gegensatz zu mir war Danny schon mal in Straßburg gewesen. Wir spazierten in die in Sonnenschleier getauchte Altstadt in Richtung Kathedrale und überquerten einen großen Platz, gefolgt von einigen von mittelalterlichen Fachwerkhäusern gesäumten Gassen und einer alten Steinbrücke. Bemerkenswerterweise hat Straßburg den Zweiten Weltkrieg trotz seiner Lage an einem strategischen Punkt zwischen Frankreich und Deutschland unbeschadet überstanden, und man musste die Stadt einfach sofort mögen. Danny war allerdings in nachdenklicher Stimmung.

„Bei meinem letzten Besuch hier“, sagte er, „habe ich mit meinem Vater telefoniert. Chelsea hatte gerade ein Spiel eins zu null gewonnen, und darüber sprachen wir.“ Sie waren beide Chelsea-Fans. „Einen Monat später ist er gestorben.“ Nach einer Pause fuhr Danny fort: „Wir müssen das Leben genießen und all das hier ­machen, solange wir es noch können.“

Damit meinte er, wie bei unserem Treffen am Soho Square, mit dem Zug durch Europa zu fahren sowie „Reisen“ ganz all­gemein (wenn auch dieses Mal ohne seine Kampfparolen). Mein Vater lebte noch, litt allerdings an Parkinson, eine schreckliche Krankheit. Sein Zustand, ebenso wie die sich verschlechternde Gesundheit meiner Mutter, hatten mich vor der Reise sehr beschäftigt.

Etwas ernüchtert gingen wir durch viele schmale Straßen mit Fachwerkhäusern, die sich einander entgegenneigten, als wären sie „in dem Moment erstarrt, als sie im Begriff waren umzustürzen“, wie Orwell von der Rue du Pot de Fer gesagt hatte. Ihre ­Bauweise war eher deutsch und solide und ganz anders als die ­verschnörkelte Architektur in Paris. Wir überquerten den Gutenbergplatz mit der markanten Statue von Johannes Gutenberg, dem Erfinder des Buchdrucks, der im fünfzehnten Jahrhundert eine Weile in Straßburg gelebt hatte.

Dann erreichten wir das beeindruckende gotische Straßburger Münster, und uns blieb der Mund offen stehen. Auch Danny, obwohl er schon einmal in der Stadt gewesen war.

Ein Jahrtausend (ursprünglich erbaut ab 1015) war der prachtvolle Bau schon alt, der am Ende der Straße in einen Baldachin aus Wolken aufragte. Die rote Sandsteinfassade beherrschte mit ihren Buntglasfenstern, die so zart wie Schmetterlingsflügel aussahen, den Blick. Zinnen und Steinmetzarbeiten konkurrierten mit Säulengruppen, Bögen und Darstellungen von Engeln und Heiligen, Pilgern und Priestern sowie brüllenden Löwen (