Bundle: Isar-Krimis - Marie Bonstein - E-Book

Bundle: Isar-Krimis E-Book

Marie Bonstein

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Beschreibung

Spannende Münchenkrimis rund um Kommissarin Clara Liebig und ihr Team. Drei Romane in einem Band Mörderisches Isarflimmern Ein mysteriöser Kunstdiebstahl in der Alten Pinakothek. Eine geheimnisvolle Leiche an der Isar. Und eine Verdächtige, die schon lange hinter Gittern sitzt. Clara Liebig, schlaflose und kaffeesüchtige Hauptkommissarin der Münchner Kripo, ist in ihrem Element. Bildhaft entwickelt sie ihre Theorien mit Puzzleteilen, die sie vor ihrem geistigen Auge zu logischen Szenen zusammenfügt. Doch die Spurenlage ist dünn. Und auf der Jagd nach den Tätern kommt die erfahrene Kommissarin mehr als einmal ins Schwitzen. Keine Zeit für bayerische Gemütlichkeit. Denn dieser Sommer ist mörderisch! *** Tödlicher Isarfrost Im eisigen Winter wird am Englischen Garten eine tote Frau aus ihrem brennenden Auto gezogen. Ein tragischer Unfall, so scheint es, doch dann weist ein gruseliges Detail eindeutig auf Mord hin. Clara Liebig, Hauptkommissarin der Münchner Kripo, kennt das Opfer – wenige Tage zuvor hatte die Frau sie um Hilfe gebeten. Mit viel Kaffee und ungewöhnlichen Methoden gehen Clara und Super-Recognizer Thorwald mit dem Team auf Mörderjagd. Doch dann stößt die erfahrene Polizistin an ihre Grenzen. Und plötzlich geht es um viel mehr, denn dieser Winter hat es in sich … *** Gefährlicher Isarblick Das Oktoberfest in München ist in vollem Gange, da geht ein Notruf vom Hotel Schöntal ein. Eine ältere Dame meldet einen Mord. Doch am vermeintlichen Tatort weist nichts auf ein Verbrechen hin. Am Tag darauf ist die Zeugin tot, ermordet mit einem Wiesn-Souvenir, genau in dem Zimmer, in dem der angebliche Mord geschah. An einen Zufall kann Kommissarin Clara Liebig nicht glauben. Sie und Super-Recognizer Thorwald von Weidecke nehmen mit ihrem Team die Ermittlungen auf – und die Spur führt auf das größte Volksfest der Welt. 

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wenn Ihnen diese Romane gefallen haben, schreiben Sie uns unter Nennung der Titel »Mörderisches Isarflimmern«, »Tödlicher Isarfrost« und »Gefährlicher Isarblick« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
 
© Piper Verlag GmbH, München 2025Dieses ebook enthält die Romane »Mörderisches Isarflimmern«, »Tödlicher Isarfrost« und »Gefährlicher Isarblick« von Marie BonsteinRedaktion: Christiane GeldmacherKonvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)Originalcovergestaltung: Traumstoff Buchdesign traumstoff.atCovermotive: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutztAlle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
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© Piper Verlag GmbH, München 2022

Redaktion: Christiane Geldmacher

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Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

1

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Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

1

Sie schwor bei allen Heiligen, die ihr auf die Schnelle einfielen, nie wieder würde sie es tun.

Klack, klack – hörte sie ihn hinter sich.

Klack, klack – er holte auf.

Ihre Schuhe hatte sie längst verloren. Die Fußsohlen waren dumpf und taub. Und doch verrieten die verdammten Isarkiesel ihrem Verfolger genau, wo sie war. Bei jedem ihrer Tritte tönten sie unbarmherzig:

Klack, klack – hier ist sie!

Klack, klack – so findest du sie auch im Dunkeln!

Runter von den Steinen, hämmerte es ihr in den Kopf. Die schmalen Träger des leuchtend roten Sommerkleids rutschten ihr über die nackten Schultern, aber sie hatte keine Zeit, sie zu richten. Sie rannte, ohne sich umzusehen.

Der blasse Mond am sommerlichen Nachthimmel und ein paar entfernte Laternen spendeten ein wenig Licht. Schemenhaft sah sie die Böschung. Waren es Tränen oder Schweiß, die ihr die Sicht vernebelten, sie wusste es nicht. Hastig wischte sie sich mit der Hand über die Augen.

Wo zur Hölle war der verdammte Trampelpfad? Und wo war die Lücke zwischen den Brettern im Bauzaun?

Ihre Gedanken rasten schneller, während ihre Füße weiterhin mit jedem Tritt die Steine unter sich in Bewegung brachten.

Verschwommen erkannte sie inmitten der Sträucher eine schmale gewundene Linie. Der Trampelpfad! Ein Hoffnungsschimmer stieg in ihr auf.

2

Montag

»Noch Zeit für ’nen Kaffee, Chefin, oder sofort los?« Matthias Brauhofer war der Erste, der an diesem frühen Morgen den Kopf zur Tür reinsteckte.

Hauptkommissarin Clara Liebig nickte zur randvollen Tasse in ihrer Hand und schwenkte sie dabei ein wenig zu heftig. Der Kaffee schwappte über den Rand und hinterließ eine handtellergroße Pfütze auf ihrem Schreibtisch.

»Ahhh!« Sie riss den grünen Pappturm aus nachlässig gestapelten Handakten aus der Gefahrenzone. Die braun glitzernde Pfütze breitete sich rasch aus und tröpfelte an der Seite des Tisches herunter.

»Wir warten auf die Spezialisten vom Kunstraub«, rief sie ihrem Kollegen zu, ohne die Aufmerksamkeit von der Pfütze abzuwenden. Matthias’ Handy klingelte und sein dunkelblonder Haarschopf verschwand aus dem Türrahmen.

Mit einer Hand warf Clara das vor Kaffee triefende Papiertaschentuch in den Mülleimer, mit der anderen öffnete sie die neue Datei am Laptop. Der »Höllensturz der Verdammten« von Peter Paul Rubens war in der Nacht von Sonntag auf Montag aus der Alten Pinakothek gestohlen worden. Das Ölgemälde auf Eichenholz war fast drei Meter hoch und mehr als zwei Meter breit.

Clara trank einen Schluck Kaffee. Vom Tassenboden perlte ein dicker brauner Tropfen ab und landete mitten auf ihrem weißen T-Shirt. »Ach, verdammt!« Sie strich mit der Hand über den Fleck auf der Brust und zog ihn damit nur in eine längliche Form.

Ein Wachmann der Alten Pinakothek, Manfred Skoboda, hatte früh um halb sechs Uhr den Notruf abgesetzt. Das war vor einer guten halben Stunde gewesen. Das hochwertige Alarmsystem war vollständig abgeschaltet. Viel mehr gab die digitale Akte zum jetzigen Zeitpunkt nicht her. Aus dem Funkverkehr wusste sie, dass der Nachtwächter verschwunden war.

Clara zog die unterste Schublade ihres Schreibtisches auf und nahm eines der neuen weißen T-Shirts heraus, die dort auf einem kleinen Stapel lagen. Sie riss das Preisschild ab. Es war noch unklar, um welche Uhrzeit das Gemälde gestohlen wurde. Mitten in München in einem belebten Viertel ein Gemälde mit diesen Ausmaßen zu stehlen, war so auffallend wie ein Kaffeefleck auf einem leuchtend weißen T-Shirt. Sie scrollte sich durch das Protokoll der Nachtschicht.

Früh in der Nacht hatte es ein brennendes Auto gegeben in der Adalbertstraße, beim Alten Nordfriedhof. Brandstiftung. In der Schellingstraße hatte eine alte Frau gegen drei Uhr nachts über lautes Geklapper geklagt. Die herbeigerufenen Beamten hatten keinen Lärm bemerkt, wohl aber eine gewisse Verwirrung der Frau. Um halb vier Uhr waren zwei Kollegen einer Lärmbeschwerde aus der Theresienstraße gefolgt. Der Anrufer hatte sich über seine Nachbarn beschwert. Wie sich herausstellte, hatte der Nachbar in seiner Wohnung ein Schalldicht-Partyzelt aufgestellt. Das musste entweder ein Billigkauf oder defekt gewesen sein. Die herbeigerufenen Polizisten hatten es bei einer Verwarnung belassen.

Die Kollegen mussten auf Hin- und Rückweg an der Pinakothek vorbeigefahren sein. Clara notierte sich ihre Namen.

Knapp eine Stunde später hatte sich der schlaflose Mann aus der Theresienstraße erneut gemeldet. Die Party beim Nachbarn war daraufhin von den Kollegen aufgelöst worden. Zwei Festnahmen wegen Besitzes der neuen Designerdroge Brain-Synt waren im Protokoll vermerkt. Bei diesem Einsatz mussten die Kollegen abermals an der Alten Pinakothek vorbeigekommen sein.

Das abgebrannte Auto würde sie sich später genauer ansehen. Doch den weitaus besten Anhaltspunkt boten die beiden Kollegen, die in der Nacht mehrmals an der Alten Pinakothek vorbeigefahren waren.

Das Telefon läutete. Am Klingelton erkannte Clara, dass der Anruf von der Zentrale unten kam. Stefan Brandl meldete das Eintreffen der Kollegin vom Dezernat für Kunstraub. Nachdem die gute Seele der Telefonzentrale in den Ruhestand gegangen war, konnte noch kein Ersatz für die anstrengende Stelle gefunden werden. Kollegen von der Streife übernahmen deshalb im Wechsel den Telefondienst und den Infopoint am Eingang. Stefan Brandl war eine perfekte Besetzung für diese Aufgabe, präzise und verlässlich.

Matthias Brauhofer balancierte seine gefährlich gut gefüllte Kaffeetasse zu Claras Schreibtisch hinüber. Seit seine Tochter Lilly auf der Welt war, verkürzten sich seine Nächte in gleichem Maße, in dem sein Kaffeekonsum stieg.

»Sorry, Matthias, aber es geht los. Franziska Loibl vom Kunstraubdezernat wartet unten auf uns. Ihr Kollege Zander kommt direkt zur Alten Pinakothek.« Clara ließ ihr Handy in die Hosentasche gleiten, steckte die Dienstwaffe seitlich in das Bauchholster über dem Bund ihrer Jeans und zog das nagelneue T-Shirt darüber.

Matthias nahm einen schnellen Schluck seines heißen Kaffees, bevor er die volle Tasse mit einem bedauernden Blick auf Claras Tisch schob, wo sie eine breite, glitzernde Kaffeespur nach sich zog. Dann eilte er seiner Chefin hinterher.

»Auf geht’s!«, hallte ihre Stimme von unten aus dem Treppenhaus.

Polizisten und Spurensucher besetzten das gesamte Gelände auf dem Rasen um die Alte Pinakothek herum. Es wimmelte von Uniformen. Die Szene glich eher einem sommerlichen Betriebsausflug der Polizei als einem sorgfältig durchgeführten Einsatz. Doch dieser Eindruck täuschte.

In kurzen Abständen standen Polizisten an der rot-weißen Absperrung und zwei Beamte bewachten den Haupteingang. Einer von ihnen erfasste jeden neu ankommenden Polizisten auf einer Liste von tatortberechtigten Personen.

Im Museum arbeiteten die Mitarbeiter der Spurensicherung sich Stück für Stück voran. Treppen, Fenstersimse, Griffe und Parkettböden. Jedes noch so kleine Teil, das sich nicht dem Museum zuordnen ließ, fand seinen Weg in eine Beweismitteltüte. Mit den weißen Schutzanzügen hoben sich die Spurensucher wie Fremdkörper ab von der Ehrfurcht einflößenden Atmosphäre der riesigen Eingangshalle. Es sah aus, als wären Christos und Jeanne-Claudes Geister durch die Gänge geflogen und hätten sich den Spaß erlaubt, alle die ihnen begegneten, mit weißem Stoff einzuhüllen.

»Guten Morgen, Kollegen. Ganz schön früh.« Der zuständige Beamte drückte den drei Neuankömmlingen blaue Schuhüberzieher in die Hand.

»Jaja, das Böse schläft nie«, sagte Matthias und gähnte. Am Rande der Eingangshalle tigerte ein großer, elegant gekleideter Mann auf und ab. Der Polizist deutete mit dem Kopf in seine Richtung. »Der Museumsdirektor wartet schon die ganze Zeit darauf, dass jemand mit ihm spricht.«

Als hätte der Mann ihn gehört, schaute er erwartungsvoll in Claras Richtung. Sein wohlgeordnetes dunkles Haar und der feine Anzug passten nicht recht zu seinem fahlweißen, besorgt dreinblickenden Gesicht.

»Ich will zuerst unvoreingenommen einen Blick auf den Tatort werfen. Fang du schon mit der Befragung an.«

»Geht klar, Chefin.« Matthias steuerte auf den Direktor zu und sie hörte, wie er fragte, ob man sich hier irgendwo in Ruhe unterhalten könne.

Zügig folgte sie Franziska Loibl die riesenhafte Treppe zum ersten Stockwerk hinauf. Die winkte ihrem Kollegen Mirko Zander, der sich vor dem Platz des gestohlenen Gemäldes zu schaffen machte, einen kurzen Gruß zu und wandte sich an Clara. »Ich schließe mich der Begehung mit den Kunstsachverständigen an.« Sie zeigte auf vier Frauen und einen Mann, die sich hinter ihnen versammelt hatten und in gedämpftem Ton und Trauermienen miteinander redeten. Eine junge, korpulente Frau mit lebhaft geröteten Wangen löste sich aus der Gruppe und kam auf sie zu. »Sie sind von der Polizei? Sehr schön, wir haben auf Sie gewartet.«

»Ich komme mit Ihnen«, sagte Franziska Loibl und zog eine kleine UV-Lampe aus ihrer Schultertasche. Die Rotwangige nickte zufrieden: »Du liebes bisschen, das ist wirklich aufregend, nicht wahr?«

Clara stellte sich vor, sie würde jeden Moment ein buntes Fähnchen aus ihrer Tasche ziehen, um die kleine Gruppe wie eine Touristenführerin zusammenzuhalten. Und unter aufregend verstand Clara etwas komplett anderes.

Der Boden vor dem Platz des gestohlenen Gemäldes war mit Scherben übersät. Zander kämpfte daneben mit einer ausfahrbaren Leiter, die sich standhaft dagegen wehrte, ihre Funktion zu erfüllen.

Clara betrachtete die mit purpurrotem Stoff bespannte Wand. Die Einfassungen, an denen das Schutzglas befestigt gewesen war, zeichneten die riesigen Umrisse des gestohlenen Gemäldes nach. Es war nahezu ausgeschlossen, dass einer alleine es gestohlen hatte.

Auf ihrem Smartphone rief sie das Gemälde auf. Es machte einen düsteren Gesamteindruck und bereitete ihr Unbehagen. Aus dem gleißenden Lichtstrahl, der durch den wolkenverhangenen Himmel brach, schleuderte ein Erzengel mit flammendem Schwert die üppigen nackten Leiber der Verdammten hinab in die Hölle.

Clara versuchte, sich den Diebstahl vorzustellen. Wie gestanzte Puzzleteile schwebten die Bilder des Geschehens in ihren Kopf. Ein Puzzleteil mit dem gesichtslosen Nachtwächter flog vorneweg. Nach und nach klickten sich weitere Teilchen rund herum ein und erweiterten die Szene, die Clara vor sich aufsteigen sah. Die gesamte Alarmanlage war ausgeschaltet. Zack – ein Puzzleteil mit dem Bild einer Alarmanlage stürzte kopfüber in Claras Gedanken. Ein neues Puzzleteil mit einer Sprechblase darauf, in welcher das Wort Komplize stand, segelte neben das Bild des Nachtwächters und verband sich mit ihm. Clara ließ alle Teile in ihrem Kopf umherwirbeln. Verschob und korrigierte die Bilder, um sie dann in der richtigen Reihenfolge zu verbinden. Die Teile flossen ineinander, es entstand ein großes Ganzes, das sich allmählich in Bewegung setzte: Der Nachtwächter öffnete die Tür. Zwei dunkle Gestalten schlichen die Treppe hinauf. Vor dem Gemälde holte einer aus, um das davorhängende Schutzglas zu zertrümmern. Der Dieb stoppte seine Bewegung kurz vor dem Aufschlag abrupt ab, verdutzt schaute er auf seine leere Hand. Dann sah er zu Clara hinüber.

In ihrem Kopf entstand ein quietschendes Geräusch, das klang wie die dröhnende Vollbremsung einer Lokomotive, die auf blanken Schienen weiterrutschte, bevor sie zum Stillstand kommt. Warum war dieses Gemälde durch eine Glasscheibe gesichert?

Clara sah sich um in dem weitläufigen, hohen Saal, dessen Wände alle mit dem gleichen purpurroten Stoff bespannt waren. An der angrenzenden Wand hingen fünf Bilder. Zwei schwarz gerahmte Landschaften und darunter drei für die Zeit typische Porträtmalereien. Ein Mann mit viel Stirn und wenig Frohsinn, eine Frau mit Hut, die ein Kind auf dem Schoß hielt und ein weiterer Mann mit Ziegenbart und Mühlsteinkragen. Alle ohne Glasscheibe davor.

Ihr eingefrorener Gedankenfilm lief wieder an und Clara ließ das Glas zersplittern. Einer der Diebe stand jetzt auf Zanders ausfahrbarer Leiter. Er glotzte mit seinem dunkel maskierten Gesicht, aus dem sich nur das Helle seiner Augen abhob, herüber. Der andere Dieb stellte sich unten auf, öffnete die Arme – der Rubens würde ihn erschlagen.

Er brachte sich in Sicherheit. Der Dieb auf der Leiter deutete auf die Haltedrähte und zuckte mit den Schultern. Der andere Dieb aus ihren Gedanken stieß ihr leicht in die Rippen, um ihre Antwort zu beschleunigen.

»Zander, weißt du, womit die Drähte durchschnitten wurden? Und die Leiter da, auf der du stehst, ist die von uns?«, fragte Clara, ohne dabei den Blick von der Wand abzuwenden.

»Auch guten Morgen.« Mirko Zander stand inzwischen auf der ausgefahrenen Leiter. Bewaffnet war er mit einer an einem Stirnband befestigten Digitallupe. Mit riesenhaften Augen sah er Clara durch die bogenförmigen Gläser der Lupe an. Die Haare standen ihm wirr vom Kopf. »Nein und ja.«

Clara sah irritiert zu ihm auf. Da sie zuvor auf die purpurfarbene Wand gestarrt hatte, schimmerte das Gesicht des Kollegen jetzt in zartem Lindgrün.

Zander zeigte auf das Drahtende. »Nein, es hat sich mir noch nicht erschlossen, welches Werkzeug dafür eingesetzt wurde. Ein portabler Lasercutter, eventuell ein Laserskalpell. Ein sehr scharfes Werkzeug in jedem Fall«, resümierte er, während er noch einmal durch seine insektenartigen Lupengläser den Draht betrachtete. »Ich nehme alles mit ins Labor. Und ja für die Leiter. Die habe ich mitgebracht, da musst du dich schon nach etwas anderem umsehen, womit die Diebe hier herauf gekommen sind.«

Claras Dieb plumpste von der Leiter, die sich in Luft auflöste. Er rieb sich den Hintern. Der andere stand daneben, hielt einen klobigen Lasercutter unter seinem Arm geklemmt und starrte nach oben zu den Drähten. Clara verwandelte den Lasercutter in ein kleines Laserskalpell. Trotzdem sah der Dieb missmutig drein, da er noch immer nicht nach oben an die Drähte kam.

»Womit sind die da hoch gekommen und wie haben sie das Gemälde transportiert?« Clara sprach zu sich selbst, vielleicht noch zu ihren imaginären Dieben. Jedenfalls nicht zu Zander, der sich jedoch angesprochen fühlte.

»Wie gesagt, das ist meine Leiter. Ich habe sie den Dieben nicht geliehen, sie hat ein Alibi.« Zander kicherte über seinen Scherz. Doch Clara hörte ihm nicht mehr zu. Die Fotos von den Glasscherben wollte sie sich später genauer ansehen.

Lisa Traublinger, eine junge Kommissarin aus Claras Team, kam ihr entgegen und strahlte sie an, als träfen sich zwei Freundinnen seit Langem einmal wieder. Ihr Fahrradhelm baumelte am Riemen ihres Rucksacks und sie strubbelte mit einer Hand durch ihr raspelkurzes blondes Haar. »Morgen, liegt auf meinem Weg ins Revier, nett von den Dieben.« Sie lachte unbeschwert. »Draußen gibt es keinen Hinweis darauf, wie die Täter verschwunden sind. Wir müssen auf die Videos der Verkehrsüberwachung warten.«

»Hier drinnen haben sie auch alles spurlos hinterlassen.«

»Das waren Profis, was?« Lisas Sturzhelm schlug bei jeder Bewegung gegen den Verschluss ihres Rucksacks und so ging sie polternd los, um sich in den übrigen Sälen umzusehen.

In Claras Kopf überschlug sich die wachsende Anzahl der Puzzleteile, das eine glitt hierhin, das andere drängelte dorthin. Die Polizei-Leiter war rausgeflogen. Doch womit waren sie da hochgekommen? Die beiden fiktiven Diebe lugten links und rechts hinter dem Puzzleteil des gesichtslosen Nachtwächters hervor und zuckten gleichzeitig mit den Schultern.

»Auf geht’s!«, sagte Clara zu sich selbst. Angenehm kribbelnd stieg das Jagdfieber in ihr auf und vertrieb den letzten Rest Müdigkeit aus ihrem Kopf und ihren Knochen.

3

Alle Köpfe flogen zu Clara, als sie die Tür zu dem kleinen Personalraum ein wenig zu schwungvoll öffnete. Der Direktor des Museums Dr. Dirk Blume und die ebenfalls herbeigeeilte Referatsleiterin Isabell Grammlinger saßen an einem für den schmalen Raum etwas zu wuchtigen Holztisch, der jedoch mit seiner lebendigen Maserung für eine wohltuende Gemütlichkeit sorgte. Stühle mit grasgrünen Sitzkissen reihten sich darum, eine einfache Bank lehnte hinter dem Tisch an der Wand.

Matthias hielt seiner Chefin das Tablet mit den Notizen zum Verlauf der Befragung entgegen und stellte sie den beiden Zeugen vor, die sie beäugten wie zwei Schulkinder die neue Lehrerin. Clara nickte beiläufig, ohne vom Tablet aufzusehen, als sie ihren eigenen Namen hörte. Im bisherigen Gespräch war es demnach um das Gemälde selbst, Versicherungswert und Herkunft und dann um den Nachtwächter Tobias Helfrecht gegangen. Niemand wusste, wo er abgeblieben war, zumindest wenn Clara das Gekritzel von Matthias mit dem Eingabestift richtig deutete.

»Sie haben ein hochwertiges Alarmsystem im Einsatz«, eröffnete Clara ihre Befragung, ohne sich die Zeit für ein Wort der Begrüßung zu nehmen.

»Sehr richtig.« Direktor Blume gewann seine Fassung allmählich zurück. Sie schätzte ihn auf um die fünfzig.

Der Direktor zog sich die Krawatte zurecht, die perfekt auf sein kornblumenblaues Hemd abgestimmt war. »Wir haben die neue Anlage erst seit einem knappen Jahr. Beim großen Umbau 1992 wurde ein verboten teures Alarmsystem eingebaut. Bis vor Kurzem dachte ich noch, das wäre für die Ewigkeit. Der Preis hätte es gerechtfertigt.« Er schnaubte missgelaunt. »Damals wurde das Museum so modernisiert, dass letztlich nur noch der Haupteingang und die beiden Notausgänge blieben. Der vorherige Zustand war ja noch aus Kriegszeiten. Unsere langjährige Sicherheitsfirma hat uns letztes Jahr geraten, die Alarmanlage zu erneuern. Neuster Stand der Technik – State of the Art – Sie verstehen?« Direktor Blume schüttelte ungläubig den Kopf, bevor er fortfuhr. »Und trotzdem wurde das Gemälde gestohlen, was für eine niederträchtige Tat. O tempora, o mores!«, klagte er mit einem bitteren Ausdruck im Gesicht.

»Tempo wäre mir ganz recht«, sagte Clara mit gedämpfter Stimme.

»Wie bitte?«

»Wir brauchen den Namen Ihrer Sicherheitsfirma.« Clara betrachtete den auf dem Tisch ausgebreiteten Plan der Alten Pinakothek von vor 1992. Die neuen Pläne lagen nur in Form eines QR-Codes vor.

»Natürlich, Grimmhauser Security heißen die.«

»Warum hing ein Glas vor dem Höllensturz?«

»Letztes Jahr gab es ein Attentat auf das Gemälde, mit Farbe. Darum das Schutzglas. Halbpanzerglas.«

»Und das Alarmsystem, wer kann es komplett runterfahren? Sie, nehme ich an? Und Sie auch?« Clara sah zu Isabell Grammlinger hinüber, die bisher nichts gesagt hatte und in der Enge zwischen Tisch und Bank klemmte.

»Ja, natürlich, ich auch. Ich bin die Referatsleiterin. Denken Sie vielleicht, ich müsste mich vom Hausmeister verifizieren lassen? Und Ihre Unterstellung ist ungeheuerlich!« Ihre braunen Augen blitzten erregt und die Hochsteckfrisur, die ihr üppiges, dunkles Haar fest zusammenhielt, wackelte im Ganzen zu den Bewegungen ihres Kopfes. »Denken Sie, ich schnalle mir einen XL Rubens auf den Rücken und flüchte durch die Nacht?« Mit einer übertrieben affektierten Handbewegung strich sie eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

»Ich unterstelle gar nichts. Und ich glaube auch noch nichts. Ich frage nur«, konterte Clara und überlegte, ob der Pegelausschlag der Grammlinger stressbedingt war oder daher rührte, dass sie etwas zu verbergen hatte.

»Die Polizei macht nur ihre Arbeit«, versuchte der Direktor die nun laut schniefende Grammlinger zu beschwichtigen. Er reichte ihr ein weißes Stofftaschentuch.

»Ja, ich weiß, natürlich, bitte entschuldigen Sie! Ich bin einfach durcheinander.« Hektisch betupfte sie ihr Gesicht mit dem Tuch, ohne zu merken, dass der bronzefarbene Ton ihres Make-ups dunkle Flecken auf dem Taschentuch des Direktors hinterließ.

Clara sah schon ihre beiden Diebe aus einem Puzzleteil springen, sie verbeugten sich vor der Make-up-technisch inzwischen leicht derangierten Isabell Grammlinger. Schnallten den Rubens mit Gurten auf ihre Rücken und trabten wie ein Brauereipferdgespann zum Ausgang, um sich an der Tür allmählich in Luft aufzulösen.

»Wie viel ist der Höllensturz wert?«

»Die exakten Werte der Kunstwerke sind immer schwer zu benennen. Wie ich Ihrem Kollegen schon sagte, liegt der Versicherungswert bei sechs Millionen Euro, doch auf einer Auktion würde es sicher eine ganz andere Summe erreichen.«

Clara nahm eine Broschüre des Museums vom Tisch und blätterte zum Höllensturz. Sie scannte mit ihrem Handy den QR-Code und das Gemälde erhob sich als Miniausgabe in Form eines Hologramms über ihrem Display.

»Sie können das auch größer ziehen.« Direktor Blume zeigte mit zwei Fingern die Bewegung, um das Hologramm größer aufzuziehen. »Ein reicher Sammler oder ein prestigesüchtiger Neureicher zahlt sicher zwanzig Millionen für solch ein Gemälde, nur damit es in seiner privaten Kellersammlung verschwindet.« Der Direktor seufzte. »Solche Fälle gibt es immer wieder. Denken Sie nur an die Mona Lisa. Jahrelang in einem Loch in der Mauer gefangen. Grauenvoll, Kunst muss gesehen werden.«

Clara musterte Isabell Grammlinger. Wie eine gerissene Diebin sah sie nicht aus, besonders jetzt nicht, nachdem sich die Bronze ihres Make-ups und das tiefe Schwarz der Wimpernmascara unter ihren Augen mischten.

Der Direktor konnte das unschön verschmierte Gesicht seiner Referatsleiterin nicht sehen. Ein Seitenblick auf Matthias zeigte, dass auch er es nicht bemerkt hatte. Er spielte mit dem Museumsführer und ließ sich alte Meister in verschiedenen Größen anzeigen.

Clara überlegte, ob sie die Grammlinger auf ihr Make-up-Missgeschick aufmerksam machen sollte. Doch sie hatte keine Lust, die Befragung zugunsten einer Schönheitskorrektur zu unterbrechen.

»Okay, wer außer Ihnen beiden hatte die Berechtigung, das Alarmsystem komplett abzuschalten? Der Nachtwächter? Der Hausmeister?«

»Nein, der Nachtwächter kann notfalls einzelne Teile abschalten«, sagte der Direktor. »Und einen Hausmeister in dem Sinne haben wir gar nicht. Um das Facility-Management kümmert sich eine größere Firma, die erledigen Hausmeisterservice, Reinigung und Gebäudemanagement – das ganze Paket, für all unsere Häuser.«

»Und die können das Alarmsystem ganz runter fahren?«

»Natürlich nicht. Die können nur Teile des Systems zeitweise aussetzen, um Wartungsarbeiten durchzuführen.«

»Wer hat denn nun die Berechtigung, die Anlage ganz runterzufahren?«

»Ich denke, dass nur Frau Grammlinger, die stellvertretende Direktorin Ilse Glockner und ich die Anlage alleine aussetzen können.«

»Geht doch.« Clara nickte.

»Und es wird natürlich protokolliert, wer die Anlage runtergefahren hat«, merkte Direktor Blume an.

»Wo wird das protokolliert?« Claras Geduldsfaden rieb sich an der zähen Befragung langsam auf.

»Wir haben einen Serverraum im Keller, da steht ein Protokollserver – aus Sicherheitsgründen.« Er lächelte matt. »Möchten Sie das Material?«

In diesem Moment entdeckte der Direktor das verschmierte Gesicht seiner Referatsleiterin. Stotternd fuchtelte er vor ihrem Gesicht herum. Doch sie verstand ihn nicht.

Clara beendete die Befragung und Matthias gluckste beim mühevollen Versuch, nicht laut loszuprusten.

Der breitschultrige Mann saß in seiner blauen Dienstuniform an einem der Holztische. Das Gespräch mit dem Wachmann Manfred Skoboda fand im gemütlichen Museumscafé in der unteren Galerie statt. Skoboda erhob sich kurz, als Clara und Matthias an den Tisch traten.

Von ihrem Platz aus sah Clara auf die beleuchtete Kühlvitrine an der Theke. Zwar war sie nur halb gefüllt, aber ein paar köstlich aussehende Torten- und Kuchenstücke lachten sie an.

Der Mann hinter der Theke schüttelte Geschirrtücher aus, unvermittelt sah er zu Clara. »Kaffee?«, fragte er in die Runde. »Oder ein Stück Kuchen?«

Wie so häufig war Clara ohne Frühstück unterwegs, doch zur Befragung ein Stück Kuchen in sich hineinzuschaufeln, war bedauerlicherweise völlig unangebracht. So bestellte sie nur einen Espresso und Matthias eine Tasse Kaffee. Vor dem Wachmann stand ein Glas Wasser auf dem Tisch.

Skoboda erzählte, wie er sich gewundert hatte, dass sein Kollege, der Nachtwächter Tobias Helfrecht, nicht am Platz gesessen hatte. Wie er entdeckte, dass die gesamte Alarmanlage ausgeschaltet und das Gemälde verschwunden war.

»Wie ist das hier nachts?« Clara rührte den Zucker in ihrem Espresso um und betrachtete die kleine Tasse, die mit der Abbildung einer Zirkusgiraffe bedruckt war, auf der ein Mann in einem altmodischen Frack ritt.

»Nachts ist hier nichts los. Hauptsächlich sitzt man unten im Foyer. Dann und wann dreht man eine Runde durchs Haus. Wir haben Robocams in jedem Raum, die melden unautorisierte Bewegungen. Der Wachdienst trägt diesen Clip am Gürtel.« Er zeigte auf eine unauffällige Klammer an seiner Gürtelschlaufe. »Damit kann ich mich im gesamten Gebäude frei bewegen.«

»Sind die Robocams mit dem Alarmsystem verbunden?«

»Ja, die hängen alle am Hauptsystem.«

»Gibt es nachts öfter irgendwelche Vorfälle?«

»Ich bin seit drei Jahren hier. Da war noch nie was.«

»Und tagsüber?«

»Da geht oft mal ein Alarm los. Meistens weil jemand zu nah an ein Gemälde oder Kunstwerk rangeht.«

»Wie gut kennen Sie Ihren Kollegen Tobias Helfrecht?«

Skoboda schaute langsam zwischen Clara und Matthias hin und her und sie konnte sehen, wie die Erkenntnis bei ihm buchstäblich tröpfchenweise einsickerte.

»Der Tobi hat nichts damit zu tun.« Skoboda schüttelte energisch den Kopf. »Der ist voll in Ordnung. Tauscht immer sofort mit mir den Dienst, wenn ich ihn frage.«

Die Kühlung der Kuchenvitrine summte verführerisch.

»Haben Sie eine Idee, wo er jetzt sein könnte?«

»Entführt! Wo soll er sonst sein? Er hat ja auch sein Handy hier liegen lassen. Das hätt’ er nie gemacht. Er trägt es immer mit sich herum, wegen seinem Sohn. Seine Exfrau hat den Flori ja mit nach Amerika genommen.«

Clara sah zu Matthias, der nickte. »Das Handy haben wir sichergestellt.«

Sie dachte, dass der Nachtwächter sicher nicht entführt worden war. Auf der Flucht oder tot, das war ihre momentane Einschätzung.

Matthias griff nach der Kaffeetasse, doch sein Handy klingelte. Er sprang auf und entfernte sich ein paar Schritte vom Tisch.

»Okay. Wir sind erstmal fertig.« Clara nickte dem Wachmann zu und stand auf. Skoboda erhob sich eilig und deutete ganz altmodisch eine Verbeugung an.

»Dann, vielen Dank. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, geben Sie uns bitte Bescheid!«, sagte Matthias, der sein Handy an den Körper gedrückt hielt. Er gab dem Wachmann eine Kontaktkarte des Reviers und telefonierte dann in einiger Entfernung weiter.

Clara ging zur Theke, um den Kaffee der beiden Kommissare zu bezahlen. »Diese Zitronentarte sieht wirklich lecker aus. Gibt es davon auch zwei Stück to go?«

»Freilich, gern«, sagte der junge Mann hinter der Theke und holte die Tarte aus der Vitrine.

»Und hier im Café? Alles in Ordnung?«

»Montags ist das Museum geschlossen. Der Manfred, also der Herr Skoboda, rief mich vorhin an. Ich bin gleich hergekommen. Aber hier ist alles fein.« Er schnitt zwei große Stücke von der Tarte herunter.

»Alles wie immer?«

»Ja.« Er stellte die Tortenplatte in die Vitrine zurück. »Oder meinen Sie etwas Bestimmtes?«

»Nichts Bestimmtes. Dinge wie fremde Gerüche, Gegenstände an einem ungewohnten Platz, so etwas.« Clara sah zu, wie er die zwei großen Stücke der leuchtend gelben Zitronentarte auf einen Pappteller schob.

»Gerüche, nein.« Er sah in Richtung Spülbecken.

»Alles so, wie Sie es verlassen haben?«, fragte Clara, der sein Blick nicht entgangen war.

»Es ist vielleicht blöd, aber ich habe das Gefühl, dass die Spüle benutzt wurde. Die Tücher hänge ich zum Trocknen sonst immer auf die Stange hinterm Becken, wenn ich sie ausgewaschen habe.«

Clara nickte, um ihn zum Weiterreden zu ermuntern.

»Heute lagen sie daneben.«

»Das haben Sie gestern so nicht hinterlassen?«

»Es war viel los am Sonntag. Trotz des tollen Wetters waren Scharen von Besuchern da. Ich war ziemlich k. o. am Abend.« Er lächelte entschuldigend. »Vielleicht habe ich die Tücher diesmal nicht aufgehängt.«

Clara bezahlte und verabschiedete sich. Sie freute sich auf ein unanständig süßes Frühstück im Büro. Wohlgestimmt schlenderte sie mit der Kuchentüte aus dem Café.

Matthias war mit seinem Telefonat fertig und schloss zu ihr auf. »Noch kein Glück mit den Nachbarn. Bisher keine Zeugen. Aber die Haustürbefragung läuft noch.«

»Okay, bitte sage jemandem von der Spurensicherung, sie sollen das Spülbecken vom Café untersuchen! Auch die Geschirrtücher. Alles mal kräftig mit Luminol einsprühen.«

»Geht klar, Chefin, und für die Sachen aus dem Serverraum habe ich die IT-Kollegen angefordert.«

»Schau dich bitte auch nach etwas um, womit die Täter die Distanz zu den Drähten überbrücken konnten. So fünf Meter hoch.« Sie schob die Henkel der Papiertüte über ihr Handgelenk und Matthias bewegte sich in Richtung der langen weißen Treppe zur oberen Galerie.

Clara wollte noch ein bisschen Tatort-Luft schnuppern und Material für ihre Gedankenpuzzles sammeln. Gegenüber des Cafés waren weitere Ausstellungsräume. Auf einer hölzernen Flügeltür stand in goldenen Lettern Gruppen/Groups, darüber prangten die Symbole eines Schlüssels und eines Koffers.

Hinter der Tür lag ein schmaler Raum, in dem nur Schließfächer untergebracht waren. Grauweiße Türen reihten sich aneinander. Größere und kleinere Fächer füllten den gesamten Raum, der steinerne rotbraune Boden schnitt sich mit dem Parkett der anderen Räume. Eine Tür am hinteren Ende führte zurück zur Ausstellung. Der Raum passte nicht hierher, er wirkte wie nachträglich draufgesetzt. In ihrem Bauch kribbelte es. Sie schritt den Raum ab, sah sich um, sog die Luft ein, schloss kurz die Augen und drehte sich dann zu den Fächern, um sie einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Etwas bremste sie unter der Sohle ihres Schuhs ab. Vorsichtig ging sie in die Hocke und entdeckte stumpfe Schlieren, ähnlich den Spuren, welche die nachlässig aufgeputzte Kaffeepfütze auf ihrem Schreibtisch hinterlassen hatte. Die Steine auf dem Boden glänzten hier nicht so makellos wie im übrigen Raum. Clara kniete sich hin und schnüffelte an der Stelle. Spülmittel! Sie bat einen vorübereilenden Polizisten, jemanden von der Spurensicherung zu schicken.

Malik Weidmann stand wenige Sekunden später neben ihr. Er hatte gerade das Spülbecken des Cafés untersucht, als der Kollege ihn in den Gruppenraum schickte.

»Morgen, Clara. Du hattest mal wieder einen guten Riecher mit der Cafeteria. Im Spülbecken und an den Tüchern gibt es eindeutig Blutspuren. Jemand hat versucht, das Blut auszuwaschen, doch unter Luminol ist es sichtbar.«

»Und ich fürchte, hier habe ich noch mehr grausige Funde. Sprüh mal hier!«

Unter dem Licht der Schwarzlichtlampe zeichneten sich großflächig helle Schlieren auf dem Boden ab.

»Sacklzement!«, rief Weidmann aus.

Die helle Fläche wuchs unter dem Schein des Schwarzlichts auf eine erschreckende Größe an. Die Schlieren breiteten sich netzförmig aus, krochen bis zur Bodenleiste und an der einen oder anderen Stelle sogar ein Stück die Schränke empor. So viel Blut!

4

Die drückende Schwüle war nicht das Einzige, was Clara und Matthias entgegenschlug, als sie das Museum verließen.

Es kam Bewegung in den Pulk der Journalisten, der in der kurzen Zeit auf eine erstaunliche Größe angewachsen war.

»Ist es wahr, dass der Höllensturz gestohlen wurde?«

»Weiß man schon etwas über die Täter?«

Clara mochte keine Interviews und noch weniger mochte sie Fotos von sich selbst in den Medien. Als hätte die Menge ihre Gedanken telepathisch empfangen, schwenkten Objektive, Handys und Aufnahmegeräte zu Clara, die mit ihrer Größe von 1,85 Meter ein herausragendes Motiv abgab.

Abwehrend wedelte sie mit beiden Händen. Die Kuchentüte schwang an ihrem Handgelenk hin und her und sie rief in die auf sie einprasselnden Fragen hinein: »Von uns gibt es keinen Kommentar. Bitte wenden Sie sich an die Pressestelle!« Mit gesenktem Kopf, um den Fotografen zu entgehen, eilte sie die Treppe hinunter zum Parkplatz.

Helga Gerstner vom Münchner Tagblitz schlüpfte flink zwischen den Absperr-Bohlen hindurch.

»Frau Liebig, tappt die Polizei mal wieder im Dunklen? Können Sie deswegen nichts sagen? Sie wissen nichts? Darf ich das so schreiben?« Die kleine Journalistin, die sich beim Laufen immer enger an Clara drängte, feuerte ihre Fragen ab, ohne auf eine Antwort zu warten. So holperten sie den Weg entlang, als wären sie beim Dreibeinlauf auf einem zünftigen Feuerwehrfest. Das Aufnahmegerät der Journalistin verfing sich im lockeren Dutt der Kommissarin. Clara riss den Kopf heftig herum, um sich befreien, dabei musste sie einige Haare lassen. Die glitzerten nun bernsteinfarben im Licht der Sonne, wie eine Trophäe am Aufnahmegerät von Helga Gerstner.

Ruckartig drehte Clara sich um und stieß Gerstner beinahe die Kuchentüte an den Kopf.

»Sie wissen dafür ja immer umso mehr«, gab Clara zurück, während ihr Haarknoten in Auflösung begriffen halb unter ihrem rechten Ohr hing. »Sie schreiben nicht nur schlecht, Sie hören wohl auch schlecht. Ich sagte, wenden Sie sich an die Pressestelle. Dann bekommt Ihr Geschmier zur Abwechslung mal einen etwas höheren Wahrheitsgehalt. Ach ja: Bitte!« Clara schwang sich auf den Fahrersitz und knallte Helga Gerstner, die gerade noch ein paar Handyfotos schießen konnte, die Autotür vor der Nase zu. Rasch zog sie das Band aus dem zerstörten Dutt und schüttelte ihre Haare über die Schultern.

»Dachte schon, du lässt mich hier stehen, so wie du in Fahrt bist«, sagte Matthias, der einen Augenblick später, außer Atem auf den Beifahrersitz des Dienstwagens plumpste. Er grinste. »Wir sollen doch freundlich zur Presse sein.«

»War ich. Ich habe ihr nicht den Hals umgedreht und ich habe bitte gesagt.« Mit einem heftigen Tritt aufs Gaspedal und der Kuchentüte auf dem Schoß brauste Clara los.

»Ich gebe Ehrmann einen kurzen Überblick. Trommelst du das Team zusammen?« Clara sah auf die runde Uhr im Treppenhaus des Kommissariats, fast neun Uhr. »In zehn Minuten im Besprechungsraum! Loibl und Zander kommen auch dazu. Ach und warte, kannst du meine Kuchentüte mitnehmen?«

Matthias kam gar nicht zu einer Antwort, Clara schob ihm die Tüte in die Hand.

Dr. Rüdiger Ehrmann erwartete sie schon und noch während die Tür sanft schnappend zurück ins Schloss fiel, legte sie mit ihrem Bericht los.

Dr. Ehrmann war ein kultivierter und für sein Alter immer noch gut aussehender Mann. Die hellsilbrig glänzenden Schläfen und der sich von der Stirn zurückziehende dunkelgraue Haaransatz taten dem keinen Abbruch.

»Danke für die straffe Zusammenfassung, Frau Liebig.« Er lehnte sich in seinen Ledersessel zurück. »Ich brauche wohl nicht zu sagen, welche Wichtigkeit dieser Fall für uns hat. Viel Aufsehen. Das Gemälde ist weltberühmt. Es wäre wahrhaft ein Segen, wenn wir durch das Auffinden des Kunstwerks wieder einmal eine gute Presse bekämen.« Er seufzte. »Wenn ich nur an die grauenvollen Artikel der vergangenen Wochen denke. Wir brauchen einen schnellen Erfolg. Was hat die Gerstner zuletzt geschrieben? Ich sei der Oberaufseher einer Gurkentruppe und weitere ähnlich unerfreuliche Vergleiche.«

»Aber die Gerstner ist …«

»Die Gerstner – ja – trotzdem, ganz München liest, was in diesem Blatt steht. Weiß der Himmel warum. Ist doch wahrlich eine unterdurchschnittliche Berichterstattung.« Er rückte seine goldgerahmte Brille zurecht.

»Aber von dem, was die Gerstner schreibt, dürfen wir uns nicht einschüchtern lassen«, sagte Clara trotzig.

»Einschüchtern? Nein. Diplomatie? Ja.« Dr. Ehrmann beugte sich vor und legte die Hände auf seinen Schreibtisch.

»Wie Sie sicher wissen, geht unsere geschätzte Polizeirätin Dr. Mechthild Gruber Ende des Jahres in Pension und ich erzähle Ihnen doch nichts Neues, wenn ich sage, dass ich mich um ihren Posten beworben habe.«

Clara nickte und begriff mit wachsendem Unbehagen, worauf dieses Gespräch hinauslief.

Dr. Ehrmann fuhr fort: »Der Oberaufseher einer Gurkentruppe wird vergleichsweise weniger Chancen auf das Amt des Polizeirates haben, als ein erfolgreicher Kommissariatsleiter, dessen Mitarbeiter ein Kulturgut von unermesslichem Wert wiederbeschafft haben, nicht wahr?«

Ein Puzzleteil drängte sich ihr auf, darauf der dümmliche Gesichtsausdruck der Gerstner, nachdem Clara sie beleidigt und wie einen Ochs vorm Berg auf dem Parkplatz hatte stehen lassen.

Dr. Ehrmann missverstand ihren Blick und meinte, seinem Anliegen mehr Nachdruck verleihen zu müssen. »Im Klartext: Halten Sie sich bei der Gerstner zurück, zugunsten einer positiveren Darstellung unseres Dezernats und meiner Wenigkeit. Verstehen wir uns?«

Clara nickte und stand auf. »Geklickt«, sagte sie mit dem peinlichen Anflug eines schlechten Gewissens.

»Frau Liebig, ich habe noch ein Thema.«

»Können wir das später machen? Ich habe schon die erste Fallbesprechung angesetzt und ich möchte die Kollegen nicht warten lassen.«

»Es dauert nur zwei Minuten, bitte schön!« Er deutete auf den Besucherstuhl, von dem Clara gerade erst aufgestanden war. Widerstand zwecklos.

»Erfreulicherweise kann ich Ihnen mitteilen, dass ich einen neuen Kollegen für Ihr Team habe. Etwas unerfahren und zu Beginn wird er den Kollegen Hirsch sicher nicht vollwertig ersetzen können, aber er hat das Potenzial.«

Balthasar Hirsch war ein ausgezeichneter Kriminalkommissar gewesen. Sie hatte sich hundertprozentig auf ihn verlassen können, beruflich und menschlich. Vor einigen Monaten hatte er überraschend den Dienst quittiert und gesagt, er halte die zunehmende Brutalität und die Respektlosigkeit, denen sie oft ausgesetzt seien, nicht mehr aus. Clara sah das Bild von Balthasar vor Augen, der große bärige Kommissar, wie er vor ihr stand. Er wolle sich einen Imbisswagen kaufen und in Zukunft sein eigener Herr sein. Ob er ernsthaft seinen Job gegen einen Hendlwagen tauschen wolle, versuchte sie ihn von seinem Entschluss abzubringen. Aber er war sich seiner Sache sicher. Für sie kam kein anderer Beruf infrage. Und sie empfand es als quälende Verschwendung seiner Ermittlerqualitäten, dass er in Zukunft Hendl grillen wollte.

Dr. Ehrmann räusperte sich, es war ihm nicht entgangen, dass Clara gedanklich abschweifte. Sie schüttelte das Bild von Balthasar Hirsch ab.

»Ich bin zuversichtlich, dass der Neue sich unter Ihrer Führung, in Ihrem Team, zu einem ganz ausgezeichneten Ermittler entwickelt. Ich habe Ihnen seine Akte gemailt.«

»Aus welcher Einheit kommt er, sagten Sie?«

Dr. Ehrmann spielte mit den Fingern an den goldglänzenden Knöpfen seiner Weste und sprach ans Fenster gewandt: »Ich erwarte von Ihnen, dass Sie den jungen Mann in jeder Hinsicht unterstützen.«

»Sicher.« Clara legte die Hände auf die schmalen Armlehnen des Stuhls, um sich erneut hochzustemmen. Doch an der Art, wie Dr. Ehrmann sie fixierte, erkannte sie, dass ihm noch etwas auf der Seele lag. Das ungute Gefühl stieg in ihr auf, dass ihr das, was jetzt folgte, nicht schmecken würde. Sie lehnte sich wieder zurück. »Und?«, fragte sie.

Lisa und Matthias saßen schon am langen Besprechungstisch. Sein Kaffeebecher war so voll, dass nur die Molekularkraft der Oberflächenspannung den Kaffee im Becher hielt. Matthias versuchte, den ersten Schluck unfallfrei abzutrinken. Dabei schlürfte er genüsslich, mit dem Kopf über die auf dem Tisch stehende Tasse gebeugt. Loibl und Zander saßen ebenfalls schon am Tisch, als Iris Becker in den Besprechungsraum hetzte. Sie war mit ihren dreiundvierzig Jahren die Älteste im Team. Ihrer neuesten Philosophie entsprechend trug sie ein fein gewebtes rotes Shirt mit einem massigen, lachenden Buddha darauf. Schnaufend warf sie ihren mit Bommeln verzierten Leinenbeutel neben sich. Beim Anblick des merkwürdigen Trinkverhaltens ihres Kollegen verzog sie angewidert das Gesicht.

»Lecker!«, bemerkte sie. »Chefin noch nicht da? Dann hätte ich mich nicht abrushen müssen«, fügte sie hinzu und band ihre wilden roten Locken zu einem Pferdeschwanz.

»Schadet dir nicht, mal pünktlich zu sein«, sagte Matthias zwischen zwei Schlürfern. »Und überhaupt, womit raschst denn du dich ab? Ich dachte, du machst jetzt ganz entspannt in Schigong und Feidschi und so.«

Matthias lachte schnaubend auf, wobei er mit der durch die Nase ausgestoßenen Luft einen Teil des Kaffees auf dem Tisch verstäubte. Auch die anderen lachten, ob über Iris’ QiGong oder über den Nasenkaffee von Matthias, ließ sich nicht auseinanderhalten. Leise vor sich hin giggelnd, wischte er mit einem Taschentuch den Kaffeesprüh vom Tisch. Dabei stieß er gegen seine Tasse, die fast umgekippt wäre, wenn Lisa nicht reaktionsschnell zugegriffen hätte.

Iris murmelte etwas, das sich anhörte wie Fools und stupid. Matthias wischte nun beidhändig auf dem Tisch herum, immer noch bestens gelaunt.

Seine Tasse stellte Lisa auf eines der schmalen Sideboards und wischte sich die Hand an ihrer Jeans ab, als die Tür aufflog und Clara wie eine Amazone auf dem Kriegspfad in den Besprechungsraum stürmte. Die Zornesröte auf ihrem Gesicht zog sich bis in den Haaransatz. Sie nickte Iris im Vorbeigehen zu, die nach der Fernbedienung auf dem Tisch angelte und die Medienanlage anschaltete.

»Alles in Ordnung?«, fragte Matthias.

Iris holte die Kollegen aus den überregionalen Sondereinheiten mit einem Videocall dazu. Ludwig Striezel, Leiter der internationalen Spezialeinheit für Kunstverbrechen, erschien als Hologramm, während Enno Peterson aus der Einheit gegen das organisierte Verbrechen über den Bildschirm teilnahm. Sofort schwirrte der kleine Raum, erfüllt von den sich gegenseitig begrüßenden Stimmen.

Mit einem nahezu unsichtbaren Kopfschütteln in Matthias Richtung wiegelte Clara ab. Sie hatte keine Lust, hier in großer Runde den Grund ihres Ärgers ungefiltert auf den Tisch zu knallen. Sie atmete tief durch und fasste für die neu dazugekommenen Kollegen präzise und sachlich den Stand der Ermittlungen zusammen.

Anschließend begann Mirko Zander, in seiner umständlichen Art den sachverständigen Teil ausführlich und in monotoner Stimmlage vorzutragen. Über die Entstehung des Gemäldes, inklusive Bildbeschreibung und Erläuterungen, bis hin zu einem Anschlag mit Möbelpolitur im Jahr 1959. Er sprach auch über die Farbattacke vom vergangenen Jahr, die zwar vereitelt wurde, aber der Grund für das Schutzglas war.

Clara bemühte sich, gedanklich nicht abzuschweifen. Auf den Fotos vom Tatort, die Iris derweil durchlaufen ließ, war das einzig Bemerkenswerte, dass es nichts Bemerkenswertes gab. Auch die Glasscherben auf dem Boden, wiesen keinerlei Abdrücke auf, die Aufschluss darüber geben konnten, wie das Bild fortgeschafft wurde.

Die Spurenlage war so mager wie Zanders Scherze. »Vielleicht hat das Gemälde auch nur einen Abstecher von der Alten in die Neue Pinakothek gemacht, um sich von der ewigen Höllenstürzerei zu erholen.« Er lachte hektisch.

»Scherz! Wir müssen abwarten, was das Labor aus unseren gesammelten Spurenschätzen herausholt. Damit wäre ich auch schon am Ende. Also am Ende des Vortrags, nicht an meinem Ende.« Wieder kicherte Zander und blickte zufrieden in die Runde, ohne zu merken, wie erleichtert alle dreinschauten, als sie das Wort Ende hörten.

»Mit etwas Glück findet sich unter den Fingerabdrücken einer, der in unserer Freunde-Datenbank für Verbrechen und andere Saubazeleien registriert ist«, fügte Matthias an.

»Und wenn sich dann noch aus den weggeputzten Blutspuren ein DNA-Material herausfiltern lässt oder wenigstens eine Blutgruppe, hätten wir schon mal einen guten Anhaltspunkt«, sagte Iris »Wer kommt für so einen Diebstahl infrage? Das war doch sicher eine Auftragsarbeit?«

Das Hologramm von Ludwig Striezel, dem Chef der Spezialeinheit für Kunstdiebstahl, bewegte sich flimmernd, als er zu sprechen begann: »Das Gemälde wird schätzungsweise um die zwanzig Millionen Euro einbringen. Der Käufer steht sicher fest.«

»Vielleicht können wir da ansetzten«, schlug Iris vor und zog knisternd eine Bonbontüte aus der Bommeltasche.

»Ohne Anhaltspunkt ist das beinahe aussichtslos. Es ist vielleicht ein belgischer Diplomat, ein indischer Kaufmann oder ein Neureicher aus der Eifel«, antwortete Striezel.

»Genau! So wie die Suche nach der berühmten Heunadel im Steckhaufen«, konnte Zander seinen Senf dazu nicht zurückhalten. »Steckhaufen – Heunadel – verstanden?« Wieder kicherte er hektisch.

»Der Höllensturz muss jetzt erst einmal reisefertig gemacht werden. Dafür brauchen die Täter einen Platz, an dem sie in Ruhe …«, sagte Striezel.

»Es nimmt Zeit in Anspruch so ein Kunstwerk sachgerecht zu verpacken«, fühlte Zander sich berufen, dem Hologramm von Striezel in die Parade zu grätschen.

»Wie viel Zeit?«, wollte Clara wissen.

»Fünf bis sechs Tage, denke ich, in Anbetracht der Größe des Gemäldes. Auch abhängig davon, wohin die Reise geht und wie viele Leute daran arbeiten«, beeilte Striezel sich, dem eifrig nickenden Zander zuvorzukommen.

»Wie kommen Täter und Käufer zusammen? Twitter scheidet wohl aus?«, fragte Iris grinsend.

»Twitter schon, aber es gibt andere Plattformen. Die Beteiligten greifen aufs Dark-Art-Net zurück. Dort gibt es eine umfangreiche Infrastruktur für solche Geschäfte. Leider findet die Kommunikation per unprotokolliertem Chat auf einem Server statt, der seinen Standort ständig ändert.«

»Sonst hieße es ja nicht Darknet, sondern Lightnet – also wenn es so leicht zu finden wäre.« Zanders Kichern hallte seinem Satz nach.

»Eines unserer Teams hängt bereits seit den frühen Morgenstunden im Netz«, sagte Striezel. »Leider muss ich gestehen, die Aussichten auf Erfolg sind gering. Vermutlich kommunizieren die Diebe inzwischen schon über ausländische Wegwerfhandys.«

»Ist das Bild sicher noch in München? Es könnte doch schon up and away sein, oder?« Iris zerbiss krachend ein Bonbon und lachte Striezel breit an.

»Was ist schon sicher im Leben? Um eine angemessene Schutzwirkung für den Transport zu erreichen, sind aber einige Maßnahmen nötig.«

»Was sind das für Maßnahmen?«

»Kommt darauf an. Ich würde das Gemälde in Samt einzuwickeln. Dann in Jutestoff einzuschlagen, welcher an den Rändern mit Klemmen aus Kunststoff zugetackert wird. Anschließend in eine passende Holz- oder Dibondkiste, die mit Luftpolsterfolie ausgekleidet wurde. An Hohlstellen wird nachgepolstert, ebenfalls mit Folie oder im Zweifel mit Papier. Das muss alles sehr sorgfältig geschehen, damit der Firnis nicht abplatzt und die Ölschicht unverletzt bleibt.«

»Das wollte ich auch gerade sagen«, steuerte Zander mit erhobenem Zeigefinger bei. »Alles nicht so trivial, wie Sie vielleicht denken. Es kann durchaus auch laut werden und …«

»Aber wenn die Diebe auf den optimalen Transport einen Fuck geben?«

»Dann könnte das Gemälde schon up and away sein, wie Sie das so nett anmerkten.« Striezel lächelte Iris an. »Doch das ist nicht wahrscheinlich. Die Diebe werden darauf bedacht sein, die Ware unbeschädigt abzuliefern. Sonst ist ein Streit mit dem Käufer vorprogrammiert. Das bedeutet weniger Geld, dafür unliebsames Aufsehen.«

»Was für ein Ort würde sich eignen, um das Gemälde einzupacken?«, fragte Clara.

»Eine alte Lagerhalle wäre optimal, vielleicht in einem Industriegebiet oder ähnlich abgelegen. Eine verlassene Werkstatt, ein leer stehendes Haus. Lost Places!«

»Da können wir uns ja dumm und dämlich suchen. Solche Dinger gibt es in München so viele, wie Weißwurstfrühstück im Schlachthofviertel verkauft werden.« Matthias rollte mit den Augen.

»Bei zwanzig Millionen Euro macht es doch Sinn, die Finanzmärkte abzuchecken. Ein Auge auf große Transfersummen zu haben, oder?«, warf Lisa in die Runde.

»Wir haben den internationalen Geldmarkt und die E-Cash-Märkte natürlich im Blick«, antwortete Enno Peterson von der Einheit gegen das organisierte Verbrechen. »Dass eine solche Summe auffällt, wissen die Täter genauso gut wie wir. In den meisten Fällen finden sie eine bessere Lösung. Gold, Immobilien, was das Herz eben so begehrt und was sich später ohne Verbindung zum Diebesgut flüssig machen lässt.«

»Sauber!« Matthias tippte auf seinem Handy. »Der Betrag von zwanzig Millionen Euro hätte in Gold ein Gewicht von ungefähr vierhundert Kilo – oha!«

»Hat es alles schon gegeben. Da steht dann irgendwo ein Lastwagen voller Goldbarren. Aber in Villen gerechnet sind es bloß zwei, höchstens drei.« Striezel lachte.

»Der Käufer will das Bild doch bestimmt irgendwo aufhängen, oder?«, wollte Iris wissen.

»Mit Sicherheit. Aber solche Kunstwerke verschwinden in geheimen Clubräumen oder im Keller eines Liebhabers. Nur etwa ein Viertel aller Kunstdiebstähle und Betrügereien in der Szene werden überhaupt aufgeklärt. Wenn es erstmal in einem Versteck hängt, tendieren unsere Chancen, es je wieder zu sehen, gegen null.«

»Okay, wenn die Diebe fünf bis sechs Tage brauchen, um mit dem Gemälde zu verschwinden, dann ist Samstag unsere Deadline.« Clara richtete sich an Striezel und Peterson. »Vorerst danke und wir bleiben in Kontakt.«

»Ausgesprochen gern«, sagte Striezel und winkte Iris zu, bevor sein Hologramm sich entpixelte. Auch Peterson verließ die Besprechung, genau wie Loibl und Zander, die sich auf den Weg zu ihrer Dienststelle machten.

»Die Farbattacke von vor einem Jahr klingt interessant, was wissen wir darüber?«, fragte Clara.

»Leander Schmidtbauer, damals Kunststudent, versuchte das Gemälde mit Ölfarbe zu bespritzen. Ein aufmerksamer Museumswärter hat den Farbangriff gestoppt. Schmidtbauer wurde wegen versuchter Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe verurteilt«, las Lisa vor.

»Okay, den befrage ich selbst.« Clara fischte ihr Handy aus der Hosentasche und speicherte seine Adresse. »Das abgefackelte Auto ist nicht weit davon entfernt, da mach ich zwei zum Preis von einem.« Sie wollte die beiden Polizisten von der Nacht bitten, sich mit ihr an dem abgebrannten Auto zu treffen, dann wäre das auch abgehakt.

Iris tippte auf der Tastatur und ließ über dem Medientisch das farbige Abbild des Museums in 3-D in Schuhschachtelgröße entstehen. Langsam drehte sich das Modell. Iris flog noch einmal über die Tastatur und die Schuhschachtel wuchs auf die Größe eines mehrstöckigen Puppenhauses an.

»Die beiden Notausgänge haben eine zusätzliche Versiegelung an den Türen und die ist unbeschädigt. Da sind die Täter nicht durch«, erklärte Matthias.

»Okay, gehen wir davon aus, dass der Nachtwächter Tobias Helfrecht beteiligt ist, er hat seine Komplizen zum Haupteingang reingelassen«, sagte Clara. »Sie sind die Treppe hoch, wie normale Besucher.« Sie sah ihre beiden Diebe die Treppe hochspazieren.

»Und dann?« Iris schaute neugierig in das Modell.

»Genau, und dann?« Clara schaute ebenfalls in das Modell.

»Können sie vom Boden aus die Drähte mit einem Laser durchschnitten haben?« Lisa stand auf, um eine bessere Sicht auf den Raum zu haben, aus dem der Höllensturz gestohlen wurde.

»Naa!« Matthias scrollte im Protokoll zu der Stelle zurück, an der Zander zu den Drähten referiert hatte. »Der Schnitt geht gerade durch. Sie müssen auf der Höhe der Drähte gewesen sein.«

»Mit einem Jet Pack?«

»Möglich, aber wie haben sie verhindert, dass das Gemälde auf dem Boden aufschlägt?«

»Ein Elektrostapler oder ein Hochhubwagen?« Matthias sah sich suchend nach seinem Kaffee um.

»Das hätte Spuren auf den Glasscherben hinterlassen. Ganz zu schweigen von dem Aufwand, so ein Ding unauffällig ins Museum und wieder rauszubringen.«

»Eine aufblasbare Matte?«

»Selbst da hätte der Druck Spuren auf den Scherben hinterlassen. Wenn ein hundert Kilo schweres Gemälde da aufprallt, gibt es den Druck auch durch eine Matte oder ein Luftkissen weiter.«

»Dann haben sie alles in der Luft gemacht.«

»Einverstanden! Womit?«

»Drohnen?«

»Eine gewöhnliche Transportdrohne trägt ungefähr drei Kilo«, sagte Clara. »Das Gemälde wiegt um die hundert Kilo, dann bräuchte man dreiunddreißig Transportdrohnen, wenn ich mich nicht verrechnet habe.« Sie sah Matthias zweifelnd an, der seine Tasse gefunden hatte und das Gesicht verzog, nachdem er einen kräftigen Schluck des kalten Kaffees genommen hatte.

»Dann halt eine Schwerlastdrohne, es gibt welche, die können locker ein Gewicht von bis zu achthundert Kilo tragen«, sagte Matthias.

»Und dann? Fliegen sie einfach raus und davon?«

»Naa! So einfach geht es nicht.« Matthias stellte den kalten Kaffee ab. »Draußen würden die Geräusche einer Schwerlastdrohne vom Audio-Precops-System oder der Luftsicherheit erfasst. Die haben beide Drohnendetektoren im System. Zumal in der Nacht sicher sonst keine Schwerlastdrohnen über die Stadt geflogen sind. Zeig uns mal die Umgebung draußen!«, bat Matthias.

Iris ließ einen Rundumblick aus der Pinakothek anzeigen und einen simulierten Flug bis zum Parkplatz.

Lisa setzte sich wieder. »Bei Einbrüchen dieser Größenordnung lassen die Täter im Normalfall sperrige Werkzeuge oder andere Dinge zurück, um sich bei der Flucht nicht unnötig zu belasten. Unser Einbruch ist da völlig untypisch. Ich meine, was haben sie da gelassen?«

»Nichts, nada, niente. Und das stört mich gewaltig.« Clara ließ den Eingabestift für die Medienwand zwischen ihren Fingern hindurchgleiten, flink und geschickt wie ein Hütchenspieler. »Wir haben draußen vor der Pinakothek nicht die geringste Spur gefunden, die auf irgendein Transportmittel hinweist.«

»Kommt ein Hubschrauber infrage? Wenn der nicht landet, hinterlässt er am Boden keine Spuren und es gibt doch diese radarunterfliegenden Lighthawks«, schlug Lisa vor.

Clara schüttelte den Kopf. »Selbst wenn Precops das nicht registriert hätte, da wären uns Anrufe von allen Münchner Omas um die Ohren geflogen. Die rufen ja schon an, wenn einer spät abends auf der Straße singt. Ein Hubschrauber oder eine Schwerlastdrohne wäre denen nachts sicher nicht entgangen.«

»Dein Omabarometer deckt sich mit den Rückmeldungen der Flugüberwachung und Audio-Precops«, bestätigte Iris. »Es wurden weder Genehmigungen für nächtliche Flüge erteilt, noch gab es Unregelmäßigkeiten am Nachthimmel über München. Keine Schwerlastdrohnen, keine Hubschrauber.«

»Und wenn sie es ganz altmodisch getragen haben, mit Tragegurten zum Beispiel?« Lisa warf sich mit den Händen einen nicht vorhandenen Gurt über die Schulter.

»Nicht völlig ausgeschlossen. Mit Tragegurten könnten zwei oder drei kräftige Personen das Ding schon ein Stück weit tragen. Vielleicht bis zum Parkplatz«, sagte Clara, »aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie auf die letzten Meter so unvorsichtig waren und mit dem Gemälde draußen herumspazierten. Bis dahin haben sie äußerst professionell gearbeitet.«

»Ich habe die Videos von der Verkehrsüberwachung und den angrenzenden Gebäuden angefordert«, sagte Matthias.

»Perfekt, dir steht eine Ermittlungsgruppe aus sechs Kollegen zur Verfügung. Mach was draus!« Clara warf den Eingabestift auf den Tisch. »Haben wir etwas über den verschwundenen Nachtwächter in unserem System? Fehlverhalten? Vorstrafen?«

»Die Weste vom Helfrecht scheint bisher blütenrein sauber zu sein.« Lisa scrollte weiter in ihrem Handy. »Geschieden, ein Sohn. Der lebt mit seiner Mutter in Oregon, Amerika. Der Sohn ist offenbar sehr krank und die Frau ist genauso überzeugt wie sein Kollege Skoboda, dass der Helfrecht ein anständiger Kerl ist. Er würde es niemals riskieren, im Knast zu landen, allein schon wegen seines Sohnes.«

Matthias meldete sich zu Wort: »Der Backgroundcheck zu allen anderen Mitarbeitern des Museums, der Sicherheitsfirma und deren IT-Dienstleistern läuft noch. Vielleicht gibt’s da wen, der schon die eine oder andere Schweinerei auf seinem Bierdeckel hat.«

»Die Grammlinger war bei der Befragung recht nervös. Mit der will ich noch einmal sprechen.«

»Ich lasse ihren Backgroundcheck vorziehen. Mal schauen, was auf der ihrer Tanzkarte draufsteht.« Matthias zog den Eingabestift zu sich herüber und kritzelte einige Notizen in sein Tablet. Er unterstrich die Worte: Deadline Samstag – die Zeit läuft!

5

Kunstexperten, Analysten und Koordinationsstellen. Gefühlte hundert Telefonate später schwirrte Clara der Kopf. Sie freute sich, aus dem Revier herauszukommen, um sich mit den Streifenpolizisten bei dem abgebrannten Auto zu treffen.

Der verkohlte Klumpen, der einmal ein Auto gewesen war, schien auch im unverbrannten Zustand nur ein Kleinwagen gewesen zu sein. Keine Chance, den Rubens damit zu transportieren.

Die beiden Polizisten kannte Clara nur flüchtig. »Ihr seid doch auch bei der Lärmbeschwerde in der Theresienstraße gewesen?«, kam sie gleich zur Sache.

»Ja, zweimal«, bestätigte Polizeimeisterin Gabler. »Beim zweiten Mal haben wir die Party aufgelöst. Da wurde ordentlich Brain-Synt eingeworfen. Ist ja jetzt im Trend. Schlimmes Zeug! Du merkst den Leuten lange kaum was an und dann sterben sie aus heiterem Himmel an multiplem Organversagen.«

»Ist euch was aufgefallen, als ihr an der Alten Pinakothek vorbeigefahren seid?«

»Da war nichts.« Sie schüttelte den Kopf, genau wie ihr Kollege.

Claras Handy vibrierte. Schmidtbauer schrieb, er würde ab dreizehn Uhr zu Hause sein und sie gern empfangen. Passt! Sie bat die Kollegen, sich später bei Leander Schmidtbauer mit ihr zu treffen. Heute war sie allein unterwegs und solche Befragungen sollten, auf Ehrmanns Anweisung hin, von mindestens zwei Beamten durchgeführt werden.

Ein bisschen Zeit blieb ihr noch. So fuhr sie zur Alten Pinakothek und stromerte auf dem weitläufig angelegten Grün um das Museum herum. Einige Kollegen von der Einsatztruppe patrouillierten entlang der Polizeiabsperrung. Die wenigen Bäume auf dem Areal des Museums spendeten nur löchrige Schattenflecken, auf denen vereinzelt Menschen auf Picknickdecken lagen oder im Gras saßen. Manche filmten mit ihren Handys die Polizisten, andere dösten in der Sonne. Clara betrachtete die Skulpturen vor dem Museum. Die große Biga auf der einen Seite, die einen römischen Streitwagen darstellen sollte, auf der anderen Seite die silberne Doppelsäule, deren Enden ineinander verschlungen waren.

Dieser Diebstahl war so aufsehenerregend und doch war niemandem etwas aufgefallen. Glück? Ihre Puzzleteile erwachten zum Leben: die beiden schwarz gewandeten Diebe hatten herkuleske Ausmaße angenommen. Jetzt hatten sie nicht nur den Rubens auf ihren Rücken, sondern ein buntes Sammelsurium an verschiedenen Werkzeugen und einen Gabelstapler. So liefen sie los, um sich im Schatten des Parkplatzes in Luft aufzulösen. Clara sah ihnen nach und blinzelte in die Sonne.

Direktor Blume lief geradewegs über die Wiese auf sie zu. »Ich habe Sie gesehen«, rief er. Trotz der Hitze trug der Direktor sein Jackett und die Krawatte saß perfekt. Nur seine Lackschuhe waren staubig von der trockenen Erde auf der Wiese, über die er herbeigeeilt war. »Gibt es etwas Neues zu unserem Gemälde und können Sie mir schon sagen, wann wir wieder öffnen dürfen?«

»Beides nicht.«

»Wissen Sie, wir müssen ja auch unsere Onlinekanäle mit Infos füttern. Sie verstehen?«

»Freilich.«

»Ah, gut. Also wann können wir wieder öffnen?«

»Ich sagte nur, dass ich es verstehe. Wann Sie wieder öffnen können, weiß ich noch nicht.«

»Mir ist etwas eingefallen, es ist vielleicht nicht wichtig, aber der Herr Helfrecht hat mich vor einigen Wochen gefragt, ob es die Möglichkeit gebe, einen Mitarbeiterkredit zu erhalten.«

»Hat er gesagt wofür?«

»Ich habe ihn nicht gefragt. Es steht mir nicht zu, meine Mitarbeiter auszuhorchen, wofür sie ihr Geld ausgeben.«

»Haben Sie ihm den Kredit gegeben?«

»Nein, über das Land Bayern ist das nicht so einfach. Aber er bekommt doch bei jeder Bank einen Kredit. Das habe ich ihm auch gesagt.« Der Direktor sah zu Boden und betrachtete eingehend seine staubigen Schuhe. »Leider musste ich dann weiter zu einem Meeting.«

»Okay!«

»Okay? Weiter nichts?«

»Was wollen Sie von mir? Die Absolution?«

»Wie bitte? Nein! Ich hoffe nur, dass es nicht der Auslöser dafür war, dass er einen Fehler begangen hat.«

»Ich würde mir keine Vorwürfe machen deswegen«, sagte Clara, während sie die Sache mit dem Kredit in ihr Handy eintippte. »Er ist vermutlich eh tot. So kann er es Ihnen nicht mehr übel nehmen.« Sie nickte zum Abschied und verließ den Direktor in Richtung ihres Autos.

Mit offenem Mund starrte er ihr hinterher.

Clara traf pünktlich bei Leander Schmidtbauer ein. Sie winkte den beiden Kollegen zu, die schon vor dem Haus, einem modernen grauen Kubus aus Waschbeton, warteten.

Die Tür ging auf und ein dunkler Haarschopf auf ihrer Augenhöhe erschien, darunter ein blasses Jungengesicht.

»Frau Liebig? Ich bin Leander Schmidtbauer«, sagte er und zog die Tür ganz auf. Er sprach mit angenehm tiefer Stimme und hörte sich überraschend erwachsen an.

Sie folgten ihm in einen loftartigen hohen Raum, mit offener Küche und weit oben angeordneten Fenstern.

»Wollen Sie sich setzen?« Er deutete auf ein niedriges Sofa, das aus viel glänzendem Stahl und noch mehr cremefarbenem Leder bestand. Einige orientalisch wirkende Sitzkissen waren auf dem Boden verteilt wie Muscheln am Strand. Ein kleiner Beistelltisch stand auf zarten Beinen neben dem Sofa. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Wir haben nur ein paar kurze Fragen.«

»Möchten Sie etwas trinken?«

Clara schüttelte den Kopf.

»Verzeihen Sie, dass ich mir trotzdem etwas einschenke. Ich bin gerade erst nach Hause gekommen.«

Er ließ sich in das Leder des Sofas gleiten und lud die Polizisten mit einer Handbewegung dazu ein, es ihm gleich zu tun. Clara setzte sich zu ihm und plumpste auf die ungewohnt niedrige Sitzfläche. Gabler kicherte, blieb aber neben der Tür stehen, genau wie ihr Kollege.

»Fribo! Einen Espresso und einen Whiskey!«, rief Leander Schmidtbauer. Eine sonore Stimme wiederholte seine Bestellung.

Er grinste Clara an. »Ja, ich lebe mit einem Robodog zusammen. Er heißt Fribo und bevor Sie fragen, es ist ein Kunstwort aus Frida Kahlo und Roboter. Sind mir lieber als Menschen. Roboter sind einfach zuverlässiger.«

»Schon möglich.« Sie nickte.

Leander Schmidtbauer sah mit erwachendem Interesse zu ihr hinüber. »Ah – eine misanthropische Geistesschwester?« Sein Lachen klang freundlich.

»Sie haben gehört, dass der Höllensturz aus der Alten Pinakothek gestohlen wurde?« Clara beobachtete ihn genau.

»Sicher habe ich das gehört, Internet und Printmedien überschlagen sich vor grenzenloser Geilheit darüber. Eine atemberaubend gute Story fürs Sommerloch und ich war es nicht. Nur, falls das Ihre nächste Frage ist.«

»Das wäre meine übernächste Frage gewesen.« Clara schmunzelte. »Warum wollten Sie das Bild beschädigen?«

»Warum tut man manchmal dumme Dinge? Man denkt, es ist eine gute Idee und wenn man dann verhaftet wird, stellt sich heraus, dass dem nicht so war.«

»Leuchtet ein.« Clara beobachtete Fribo. Der Roboterhund bewegte sich mit seinem blitzenden Metallkörper leise und geschmeidig, als wäre er lebendig.

»Solche Haustiere werden wir in Zukunft alle haben. Zuverlässig und sicher. Und großartig als Küchenhelfer.« Er betrachtete Fribo liebevoll.

»Und bellt wahrscheinlich nicht in der Nacht.«

»Eine witzige Polizistin – angenehm!«

»Was machen Sie beruflich?«

»Ich bin Kunstlehrer.«

»Lehramt?«

»Sicher nicht, mit einer Vorstrafe.« Sein Blick schweifte zur Küchenzeile und er sah zu, wie die Kaffeemaschine mithilfe einer Schiebevorrichtung die Espressotasse auf die gerade Fläche des Hunderückens schob. Fribo tappte weiter zu einem silberglänzenden Kühlschrank, der verschiedene Pieptöne von sich gab, bevor er Eiswürfel in ein Glas fallen ließ und Whiskey einfüllte.

»Entschuldigung, habe ich ganz vergessen!«

»Sie sind ja wirklich eine witzige Polizistin, eine die Vorstrafen vergisst.« Schmidtbauer grinste und seine Augen glänzten lebhaft.

»Verdienen Sie gut, als Kunstlehrer?«

Schmidtbauer lachte laut auf. »Lächerlich wenig, es reicht nicht einmal für einen Bruchteil dessen, was ich mir hier leiste. Aber wie Sie vermutlich wissen, ist mein Vater stinkreich. Und, ja – ich benutze seine Kreditkarte für«, er zeichnete einige Kreise in der Luft, »all das hier.«

Geschickt umtrabte der Roboter die Kissenlandschaft und hielt direkt vor Schmidtbauer. »Ein Espresso, ein Whiskey. Eine Warnung des Bundesgesundheitsministeriums: Alkohol kann süchtig machen.«

Den Espresso kippte Schmidtbauer hinunter, den Whiskey behielt er in der Hand. »Danke, mein Freund!« Mit einem Ausdruck tiefer Zuneigung lächelte er den Roboter an. »Ich habe Mist gebaut damals, und ich bin froh, dass Herr Helfrecht mich rechtzeitig abgefangen hat.«

»Herr Helfrecht hat Sie aufgehalten?«

»Ein netter Mensch. Er war sehr freundlich zu mir.«

»Warum haben Sie sich ausgerechnet dieses Gemälde ausgesucht?«