Gnadenloses Isarfeuer - Marie Bonstein - E-Book

Gnadenloses Isarfeuer E-Book

Marie Bonstein

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Beschreibung

Ein Feuerteufel geht in München um! Spannender Regionalkrimi für Fans von Nele Neuhaus und Susanne Mischke  »Die Leiche in der Kirche, die schweigenden Mönche, ein Kaffeebecher, der leer über den Boden rollte. War Clara bloß eine Figur in dem tödlichen Spiel, dessen Regeln nur der Mörder kannte?« Kommissarin Clara Liebig hat ein Date. Doch das romantische Treffen mit Rechtsmediziner Lukas endet jäh, als sie zu einem Einsatz gerufen wird. Ein Feuer wütet in der Münchner Frauenkirche – und bei den Löscharbeiten wird die gefesselte Leiche der Lokalpolitikerin Sabine Restring entdeckt. Clara, Super-Recognizer Thorwald und ihr Team übernehmen die Ermittlungen. Zunächst deutet alles auf ein politisches Motiv hin, doch auch im Privatleben der umstrittenen Frau zeigen sich Abgründe. Noch ahnt das Team nicht, dass dies erst der Auftakt einer Mordserie ist, die die bayerische Landeshauptstadt erschüttert …

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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© Piper Verlag GmbH, München 2025

Redaktion: Christiane Geldmacher

Dieses Werk wurde vermittelt von der Literaturagentur Kai Gathemann GbR.

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Traumstoff Buchdesign traumstoff.at

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

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Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Widmung

Für Lars. In jeder Hinsicht. Danke!

1

Die Luft im Inneren war kühl. Es roch nach Wachs, Weihrauch und den erdigen Ausdünstungen alter Steine, die Jahrhunderte überdauert hatten.

Sabine Restring zog den feinen Alpakawollmantel enger um sich herum. Die hohen Gewölbe der Münchner Frauenkirche ragten über ihr auf. Fahles Licht fiel durch die bunten Glasfenster und warf blutrote, violette und blaue Schatten auf den unebenen Boden.

In den Nischen schimmerte das Gold der Altäre. Aus einer der Einbuchtungen lugte der Kopf einer Statue hervor, die gefalteten Hände erstarrt im Gebet. Für einen Moment schien es, als würden die leeren Marmoraugen sie verfolgen. Ein leises Unbehagen stieg in ihr auf.

»Was für ein bescheuerter Treffpunkt«, murmelte Restring. Aber die Nachricht war eindeutig gewesen. Sie strich sich eine widerspenstige rote Haarsträhne hinters Ohr, zupfte am Designerkostüm unter ihrem Mantel und stöckelte mit den silbern glitzernden Valentino-Pumps neben den Säulen im Seitenschiff nach vorn. Das Klacken ihrer Stöckelschuhe hallte auf dem unebenen Steinboden wider.

Misstrauisch drehte sie sich um. Hatte sie jemanden gehört? Nein, sie hatte sich getäuscht. Was sollte der Schwachsinn, sich hier nachts in der Kirche zu treffen? Sie hatte das Geld, und wollte dies hier so schnell wie möglich über die Bühne bringen. Und dann nichts wie weg. Die letzten beiden Tage waren schon Desaster genug gewesen – sie durfte gar nicht an den Spießrutenlauf denken, den sie hinter sich hatte. Restring schüttelte den Kopf. Ein kaum hörbares Rascheln ließ sie herumfahren.

»Hallo?« Ihre Stimme hallte durch den lang gezogenen Säulengang. Langsam wurde es ihr zu bunt. »Verdammte Scheiße noch mal«, schleuderte sie ihren Unmut heraus. Verzerrt durch die Akustik in den alten Kirchenhallen ertönte ein gespenstisches Echo, vervielfachte sich, tanzte zwischen den Mauern. Mal, al, al … Die Wortfetzen entwickelten ein Eigenleben, als hätte ein unsichtbarer Chor sie aufgenommen und weitergeflüstert.

»Du sollst nicht fluchen im Hause des Herrn!«, donnerte eine tiefe Stimme von der Kanzel herab.

Du liebe Güte, hatte sie sich erschreckt. Sie spähte nach oben, doch sie konnte nichts erkennen.

»Wo sind Sie?« Zur Hölle lag ihr auf der Zunge, aber sie fluchte besser nicht noch einmal. Auf so eine ohrenbetäubende Ansage wie gerade eben konnte sie getrost verzichten. Hinter einer der Säulen trat plötzlich jemand hervor. Ein Mönch in einem schwarzen Gewand mit einem Holzkreuz in den Armen, das nahezu einen Meter lang war. Unter seiner riesigen Kapuze sah sie nur den Schatten eines Gesichts. Na toll, sie hatte es mit einem Irren in Mönchskutte zu tun.

Wie auch immer. Sie wollte das hier nur hinter sich bringen und dann ab nach Hause. Raus aus den Schuhen, ein Absacker aus der Wohnzimmerbar und ab in ihr Bett. »Haben Sie es?«, rief sie ungeduldig.

»Natürlich« schnarrte der Mönch schwer atmend zurück. »Und du sollst es auch haben. Genauso, wie du es verdient hast.«

»Wie bitte?« Was für eine gestelzte Sprache! Zweifelsohne ein Volldepp, aber sie musste freundlich bleiben, solange sie noch nicht hatte, was sie wollte. Restring musterte ihn genauer, er hatte keine Tasche bei sich, nur dieses riesenhafte Kreuz. Konnte es da drin sein oder trug er es so unter seiner Kutte? Was für eine dämliche Verkleidung! Vermutlich hatte er Angst, erkannt zu werden.

Naja, für sie wäre es auch nicht gut, doch sie hatte es gegoogelt, die Kameras hier drin wurden nur zum Gottesdienst eingeschaltet und um diese Uhrzeit war die Kirche normalerweise geschlossen.

Sie stutzte, roch es nach Benzin? Oder hatte sie eine Geruchshalluzination? »Hören Sie, ich habe das Geld, können wir den Scheiß jetzt durchziehen, mir ist nicht daran gelegen, es unnötig hinauszuzögern.«

Reglos stand der Mönch im Seitenschiff der Frauenkirche, das Kreuz vor sich in die Höhe gereckt. Sollte sie es nehmen? Langsam trippelte sie auf ihn zu, ihr Blick fiel auf den Benzinkanister hinter der Säule. Was zum Teufel ging hier vor?

Da schoss ihr das Kreuz entgegen, krachte heftig gegen ihre Schläfe. Schmerz durchzuckte ihren ganzen Körper. »Aber was …?«

Schon traf der zweite Schlag direkt auf ihren Schädel. Gnadenlos, mit voller Wucht. Restrings Knie knickten ein, die Kirchenfenster verschwammen vor ihren Augen, verzweifelt krallte sie sich an eine der Holzbänke, doch ihre Finger gehorchten nicht mehr. Torkelnd trat sie einen Schritt zurück und sackte zusammen wie eine fallengelassene Gliederpuppe. Dann wurde es schwarz um sie herum.

Als sie zu sich kam, dröhnte ihr Kopf. Was war mit ihren Armen? Sie konnte sie nicht bewegen, auch die Beine nicht. Sie lag auf dem Bauch mit dem Gesicht auf dem kalten Steinboden.

Und sie war gefesselt. Sie hob den Kopf und blickte auf einen ihrer Valentino-Pumps. Er musste ihr vom Fuß gerutscht sein, nun lag er verloren ein Stück weit unter der Kirchenbank.

»Was zum Teufel!«, schrie sie laut und wand sich in den Fesseln, die sich bei jeder Bewegung tiefer in ihr Fleisch gruben. Mit einem wütenden Keuchen krümmte sie den Oberkörper, stemmte ihre bloßen Zehen in den Boden und warf sich zur Seite, bis sie endlich auf dem Rücken lag. Kabelbinder hielten ihre Füße eng zusammen und schnitten ihr so tief in die Handgelenke, dass es brannte. Der Mönch stand über ihr, das Kreuz in den Händen.

»Zur Hölle, Sie Armleuchter! Machen Sie mich sofort los!«

Mit langsamen Bewegungen stellte der Mönch das Kreuz ab.

»Was fällt Ihnen eigentlich ein?«, krähte Restring. »Meine Anwälte werden Ihnen Feuer unterm Hintern machen. Das schwöre ich.«

Im Schatten seiner Mönchshaube glaubte sie, ein Lächeln zu sehen. Kannte sie ihn? Sie reckte den Kopf, doch die lange Kapuze hielt sein Gesicht gut versteckt. Was bildete sich dieser Irre ein, wenn er sie losmachte, würde sie ihm einen Arschtritt verpassen. Sie würde Dinge finden, mit denen ihre Anwälte ihn stückweise zerlegen konnten. Es würde ihr ein Fest sein und – was machte er jetzt?

Der Kanister mit Benzin schwebte über ihr, nass und kalt plätscherte das stinkende Zeug auf ihren Blazer, klatschte auf den Steinboden um sie herum. Ihr feiner Wollmantel nahm die Flüssigkeit auf wie trockener Sand. Vollgesogen und schwer drückte er sie zu Boden.

»Aufhören, sofort aufhören! Sie ruinieren meine Sachen.«

Ein Schwall Benzin ergoss sich in ihren Mund. Restring spuckte aus, keuchte, rang nach Luft. So ein Schwein. Was für ein ekliger Geschmack, sie würgte.

»Sie Irrer«, prustete sie hervor. Das Einatmen fiel ihr schwer, gurgelnde Geräusche kamen aus ihrem Hals, die beißenden Benzindämpfe brannten ihr in der Nase, der Kehle, in den Augen.

Ein zusammengerollter, mit Benzin getränkter Lappen landete wie ein Fausthieb in ihrem Mund. Sie würde ersticken, so aufgebracht wie sie war. Ruhig durch die Nase atmen. Die Flüssigkeit lief ihr in den Hals. Sie musste schlucken, es brannte. Es gab den Beweis vermutlich gar nicht, den er ihr vorgegaukelt hatte. Oder? Er wollte nur ihr Geld stehlen. Wieder schluckte sie, Übelkeit stieg in ihr auf.

Da sah sie ein langes Hölzchen zum Kerzenanzünden in der Hand des Mönches, eine Flamme züngelte am oberen Ende. Oh mein Gott. Und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Angst, echte Todesangst. Wenn er das Teil fallen ließ, um Himmels Willen, sie war mit Benzin durchtränkt.

»Beantworte meine Frage, dann lasse ich dich gehen.« Drohend schwang der Mönch die kleine Flamme in seiner Hand. Mit der anderen lockerte er ihren Knebel. Sie spürte, wie ihr die Magensäure im Hals hochstieg. Jetzt nur nicht kotzen. Ruhig atmen, zwang sie sich.

Nach zwei Minuten hatte sie alles gesagt, was der Mönch wissen wollte.

»Jetzt gehe in Frieden«, flüsterte er und stieß ihr den Knebel wieder tief in den Hals.

Dann sah sie nur noch das Zündholz fallen.

2

»Noch ein letztes Glas?« Wie unabsichtlich berührte er ihre Hand, als er über den Tisch zur Flasche griff.

Das Kribbeln, das sich von ihren Fingern bis in den Nacken zog, kam vermutlich nicht vom Wein. Hauptkommissarin Clara Liebig nickte.

Mit seinen türkisblauen Augen sah er sie an und goss noch einmal vom Pinot Noir ein, der satt und rot ins Glas schoss.

Der Blick hoch über den Dächern der Fußgängerzone war fast zu kitschig, um wahr zu sein. Clara lächelte, genoss den Moment. Es war schon eine Weile her, dass sie jemanden gedatet hatte, und ihre letzte Beziehung war nicht gerade glücklich zu Ende gegangen. Sie blickte zum Rathaus, wo die Figuren der im Tanz erstarrten Schäffler und das Königspaar über die Dächer der Münchner Altstadt wachten. Es war wunderschön hier oben und trotz ihrer vierzig Jahre saß sie zum ersten Mal auf der verglasten Terrasse des Café Glockenspiel am Marienplatz. Und sie war nicht allein.

Rechtsmediziner Lukas Demirci saß ihr gegenüber. Der gut aussehende Mittvierziger hatte stets eine leichte Bräune im Gesicht und sein schwarzes Haar war an den Schläfen ergraut. Vor einigen Jahren war er aus Köln nach München gezogen und hatte die Leitung des rechtsmedizinischen Instituts hier übernommen. Und genauso lang versuchte er schon, mit ihr auszugehen.

Sie mochte ihn und es gefiel ihr, dass er keine Scheu hatte, mit ihr zu flirten, obwohl er fast einen Kopf kleiner war als sie. Doch bisher hatte es immer einen Grund gegeben, oder mehrere, gestand sie sich ein, es nicht zu tun. Und ganz sicher war sie auch jetzt nicht. Schließlich war er so etwas wie ein Kollege. Und Beziehung im Dienst, das hatte sie schon durch. Mit ihrem Ex-Mann, dem Vater ihrer Tochter, hatte sie jahrelang beim MEK zusammengearbeitet. Es war so anstrengend gewesen. Ihre Unfähigkeit, Privates von Beruflichem zu trennen … unerträglich, wenn man Tag und Nacht aufeinander hing. Jede Meinungsverschiedenheit im Job wurde zur persönlichen Kränkung, jede berufliche Entscheidung zum Beziehungsthema. Sie war fast erleichtert gewesen, als sie wegen der Schwangerschaft aus der Elitetruppe ausgestiegen war. Außerdem war sie realistisch genug, zu wissen, dass ihre Alpträume und die Art, wie sie sich in ihre Fälle verbiss, sie nicht zu einer unkomplizierten Partnerin machten.

Aber heute war es irgendwie anders gekommen. Dieser verdammte Autozündler nervte sie und ihr Team schon seit drei Wochen. Ständig gingen Autos oder Motorräder in Flammen auf. Und wenn die Gebäude, in deren Nähe die Feuer entfacht wurden, nicht allesamt sicherheitsrelevant gewesen wären, wie das Bayerische Staatsministerium in der Prinzregentenstraße oder der Justizpalast schräg gegenüber vom Stachus, wäre sie nicht mal zuständig. Dann müsste sie nicht zwei-, dreimal die Woche in der Nacht raus, um sich brennende Autos anzuschauen. Seit sie denken konnte, kämpfte sie mit ihren Schlafstörungen und diese nächtlichen Einsätze raubten ihr den letzten Nerv.

Demirci prostete ihr zu.

Heute jedoch wollte sie keinen Gedanken an Autozündler oder sonst was verschwenden. Mit dem Glas in der Hand lehnte sie sich zurück, streckte die Beine aus und spürte eine seltene Leichtigkeit. Es hatte sie selbst überrascht, dass sie spontan Ja gesagt hatte zu seinem Vorschlag, hierher zu gehen und den anstrengenden Arbeitstag bei gebratenem Ziegenkäse und einem guten Glas Wein ausklingen zu lassen. Er hatte sie direkt vom Revier abgeholt und nun saß sie hier in Jeans und Sweatshirt, ihr bernsteinfarbenes Haar locker zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Von ausklingen war allerdings keine Rede mehr. Und aus dem einen Glas war in den letzten Stunden längst eine Flasche geworden. Sie hatten gegessen, über Gott und die Welt geredet und Wein getrunken.

Der Ober räumte die Dessertteller ab. Demirci lächelte sie an.

Clara fühlte nicht den Stress eines normalen Dates, sich von der besten Seite zu zeigen, sich schick zu machen. Keine Ausfragereien über ihren Job als Hauptkommissarin. Alles war vertraut und trotzdem aufregend und neu zugleich.

»Wohin fährst du eigentlich gerne im Urlaub? Du weißt doch, was das ist, oder?« Er lächelte sanft, als er ihre Hand ergriff.

Durch ihren Körper zog sich ein leichtes Kribbeln. »Italien«, flüsterte Clara.

Er fuhr mit dem Zeigefinger die Adern auf ihrem Handrücken nach.

»Adria oder Ligurisches Meer?« Sein Finger wanderte über die Innenseite ihres Handgelenks entlang der Pulsadern. Der Mann hatte offenbar eine Schwäche für Adern, Clara musste lachen. Kein Wunder, er war Rechtsmediziner. »Rate!«

»Adria?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Oder la Dolce Vita an der Amalfiküste?«

Ein leichtes Kopfschütteln.

»Nein, nein, du bist mehr der sizilianische Typ.« Er sah ihr tief in die Augen.

»Möglich.« Das Flattern in ihrem Magen kam definitiv nicht vom Wein.

»Rimini? Ein fröhlicher, leichter Ort?«

»Weniger.«

Aus der Ferne war eine Sirene zu hören. Der Klang etwas tiefer und langsamer als von der Polizei, der Zwei-Ton-Rhythmus länger und markanter. Feuerwehr. Hatte der Autozündler wieder zugeschlagen? Sieben abgebrannte Autos und vier abgefackelte Motorräder verteilt in der ganzen Stadt, das war seine Bilanz der letzten drei Wochen. Die Methode war stets die gleiche. Mit alten Lumpen, Zeitungspapier und Benzin entzündete er Motorrad- oder Autoreifen und verschwand. Das Merkwürdige war …

Stopp! Du bist nicht im Dienst, denk gar nicht darüber nach. Clara blendete das Geräusch aus. Sie hatte nicht mal Bereitschaft heute, sollte sich doch um den depperten Zündler kümmern, wer wollte.

»Natürlich nicht Rimini.« Demirci schüttelte den Kopf. »Zu viel Trubel.« Mit sanften Fingern strich er an ihrem Unterarm entlang, fuhr die Naht am Ärmel ihres weißen Sweatshirts nach. »Nein, eher was Dramatischeres, mit rauer Küste, bunten Häusern und traumhafter Aussicht aufs Meer.« Er sah ihr tief in die Augen. »Cinque Terre?«

Clara fühlte das Prickeln in ihrem Bauch. Weit hinter seinem Kopf stieg Rauch am Nachthimmel auf, schräg hinterm Rathaus. Natürlich, da hatte der Autozündler noch nicht sein Unwesen getrieben. »Ich glaube, sie schließen hier bald.« Sie hielt seinen Blick.

Demirci zuckte mit den Schultern, zog ihre Hand an sein Gesicht und streifte mit den Lippen sanft über ihre Finger. Die Berührung war fast nur ein Hauch, doch es ließ Clara einen wohligen Schauer den Rücken hinunter rieseln. Jetzt musste sie sich entscheiden, ob sie weitergehen oder einen Rückzieher machen sollte. Unschlüssig biss sie sich auf die Unterlippe. Sie arbeiteten schließlich ständig zusammen. Was, wenn das hier schief ging?

Noch mehr Feuerwehrsirenen. Ein größeres Aufgebot? Vielleicht doch nicht ihr Zündler?

Einige Gäste waren aufgestanden und versuchten, durch die Fenster hindurch auszumachen, wohin die Feuerwehr fuhr. Auch der Ober stand neugierig dabei.

»Sie fahren hinterm Rathaus durch«, rief einer.

»Was ist da los, es kommen immer mehr Feuerwehrautos«, verkündete ein anderer.

»Da!« Jemand deutete auf die Rauchsäule.

Die Sirenen heulten, die Stimmen der Gäste schwirrten durch die Luft. Es klang, als rückte die gesamte Münchner Feuerwehr an. Für ein einzelnes Auto? Nicht wahrscheinlich. Aber egal. Heute war es nicht ihre Sache.

Ihr Handy summte in der Hosentasche, Clara ignorierte es. Miriam, ihre Tochter, war heute bei ihrem Papa und als Ermittler des MEKs würde ihr Ex-Mann wohl mit einer pubertierenden 16-Jährigen fertig werden. Hoffte sie jedenfalls.

Im Café war jetzt eine Art Hysterie ausgebrochen. Alle drängten sich schaulustig an die verglaste Galerie auf der Terrasse und es wurde heftig spekuliert, was passiert war.

Der hellere Alarm von Polizeisirenen ertönte von unten. Clara fühlte sich verrückt und beschwipst und ganz und gar wohl. Einige Gäste versuchten, die Fenster zu öffnen, doch der Ober bat sie in einem freundlichen Ton, es sein zu lassen.

»Aber da brennts.«

»Umso besser, wenn wir die Fenster nicht öffnen«, entgegnete er geduldig.

Zärtlich umfasste Demirci Claras Hand. Sie schloss die Augen, ein mächtiger Glockenschlag hallte in ihrem Kopf. Und noch einer, war sie schon auf Wolke sieben? Nein, das waren die Glocken der Frauenkirche, die begannen zu läuten. Laut und unmelodisch und das mitten in der Nacht? Sie spürte Demircis Atem auf ihren Lippen.

»Sind Sie Hauptkommissarin Clara Liebig?«

Clara riss die Augen auf.

Neben ihnen stand der Ober. »Dann ist das hier für Sie.« Und mit einem bedauernden Schulterzucken reichte er ihr ein Telefon.

3

Rauchschwaden umhüllten die Türme der Frauenkirche mit ihren welschen Hauben, die im Volksmund wegen ihres Aussehens auch Zwiebeltürme genannt wurden. Das spätgotische Kirchengebäude in der Münchner Altstadt war das Wahrzeichen der bayerischen Landeshauptstadt. Ein Monument aus Stein, Jahrhunderte alt.

Nun drang aus dem Inneren des Nordturms schwarzer Qualm. Zog durch die schmalen Scharten nach oben, vermischte sich mit den grellen Scheinwerfern der Feuerwehr und dem flackernden Blaulicht der Einsatzfahrzeuge zu einer bizarren Lichtshow. Dissonant und laut schlugen die Glocken dazwischen. Eine Szene wie aus einem Actionfilm. Nur leider allzu real.

»Obacht, in Deckung!«, brüllte ein Feuerwehrmann, als Splitter von oben herabregneten. Flammen schossen aus dem zerborstenen Buntglasfenster, züngelten an den alten Mauern empor. Die Scherben funkelten auf dem Pflaster vor dem Gotteshaus wie verstreute Juwelen. Unheilvoll strich der Wind um den Kirchplatz, als wollte er die alte Teufelssage zum Leben erwecken. Mit jeder Böe hauchte er dem Flammenmeer neuen Sauerstoff ein.

Clara zog fröstelnd die Schultern hoch. Die Windböen zerrten an ihrer Jeansjacke und fuhren ihr in die Hosenbeine. Man könnte meinen, der Wind käme von allen Seiten gleichzeitig. Demirci und sie waren zu Fuß über den Marienplatz hierher gelaufen. Nun standen sie ein paar Schritte hinter dem rot-weißen Absperrband, direkt neben dem Bronzemodell der Altstadt und warteten darauf, dass das Feuer unter Kontrolle gebracht wurde.

Clara bereute, ihren Parka schon im Keller verstaut zu haben. Nach der ersten warmen Frühlingswoche Ende April hatte sie den ganzen Winterkram dorthin verbannt. Ein klassischer Fall von zu früh den Parka weggepackt. Jetzt mitten im Mai schlugen die Eisheiligen noch mal mit frostigen Temperaturen zu und die kalte Sophie stand erst noch bevor. Es half nichts, sie würde ihre warme Jacke wieder ausmotten müssen. Dummerweise hatte der Freund ihrer Tochter inzwischen einen Haufen Kartons vorübergehend dort untergestellt. Da würde sie sich erstmal wie ein Maulwurf durchgraben müssen.

Demirci hielt sich ein Ohr zu, drückte das Handy ans andere. Zwei Leiterwagen der Feuerwehr hatten sich in Position gebracht, um direkt in das kaputte Fenster zu spritzen. Schwer zog der Geruch von nasser Asche und verbranntem Holz über die unten Stehenden hinweg. Der Qualm kratzte in Claras Kehle, unwillkürlich zog sie die Nase kraus. Und dann dieses verdammte Glockengeläut.

Löschwasser lief in kleinen Sturzbächen aus den riesigen offenen Holztüren des Hauptportals, floss die steinernen Stufen hinab und sammelte sich in dunklen Pfützen vor dem Eingang. Ein Feuerwehrhauptmann, der den Helm tief ins Gesicht gezogen hatte, brüllte lauthals Anweisungen. Das Blaulicht spiegelte sich in seiner Schutzbrille. Er hob den Arm und wies auf die Nachbarhäuser.

»Riegelstellung hinterer Bereich. Sofort! Wir müssen die Gebäude in der Augustinerstraße schützen.«

Vier Feuerwehrleute stürzten in Richtung Einsatzfahrzeug, zogen schwere Schläuche heraus, richteten die Düsen aus und brachten sich in Position. Schon peitschten die ersten Wasserstrahlen geradewegs auf die Augustinerstraße zu und legten sich wie eine Wand zwischen die Frauenkirche und die bedrohten Häuser.

Hinter Clara hatten sich ein paar Nachtschwärmer versammelt. Zwei Typen filmten mit dem Handy. Eine Frau im dicken Steppmantel versuchte umständlich, sich zusammen mit den qualmenden Kirchtürmen auf ein Selfie zu bekommen.

»Wir haben alles unter Kontrolle. Bitte halten Sie die Fenster geschlossen!«, quäkte es aus einem Megafon.

Clara bezweifelte, dass die Anwohner außer den Glocken, die jetzt wild und chaotisch schlugen, als kündigten sie das Jüngste Gericht an, überhaupt etwas hören konnten. In der Schule hatte sie gelernt, dass die Glocken Namen hatten, es waren zehn Stück, aber sie erinnerte sich nur an eine. Die Bennoglocke, zu Ehren von Sankt Benno, dem Schutzpatron Münchens.

Sie hob den Blick zu den Türmen. Keine Flammen mehr, der Qualm wurde heller. Hatten sie es geschafft? Drei uniformierte Polizisten standen bei den Schaulustigen, die sich immer weiter vorwagten.

»Bitte treten Sie zurück. Gehen Sie hinter die Absperrung. Seien Sie vernünftig. Es ist zu Ihrer eigenen Sicherheit.«

Claras Ärger darüber, dass Wolfram Reitmayer, ihr ungeliebter Vorgesetzter, sie per Handy-Ortung hatte aufspüren lassen, war noch nicht verflogen. Dafür war ihre romantische Stimmung schlagartig verpufft, als sie seine Stimme am Telefon gehört hatte. Vor zwei Jahren war er, wie sie fand, völlig unverdient, zum Kommissariatsleiter aufgestiegen. Nicht, dass sie selbst Ambitionen gehabt hätte, aber seine offensichtliche Nicht-Eignung für diese Führungsposition war kaum zu übersehen. Den Posten hatte er nur durch die Beziehungen bekommen, mit denen er so gerne prahlte, da war sie sicher. Kompetenz konnte dabei jedenfalls keine Rolle gespielt haben.

Ein außergewöhnlicher Fall erfordere ihre Anwesenheit, hatte er vorhin in den Hörer gesülzt. Verdammt, sie konnte unmöglich die Einzige in München sein, die sich um ein brennendes Auto hinterm Rathaus kümmern konnte. Zumindest war das ihr erster Gedanke gewesen, als sie mit Demirci gemeinsam aus dem Café über die Treppe hinuntergehetzt war. Und jetzt standen sie hier.

Okay, das war kein Autobrand, aber trotzdem. Erst wenn das Feuer gelöscht war, konnte man sich um die Ursache kümmern und das war nicht mal ihr Fachgebiet. Die Brandermittler würden es schon herausfinden. Selbst wenn ihr Autozündler dahintersteckte, konnte sie jetzt wenig ausrichten. Eine neue Abfolge donnernder Glockenschläge riss sie aus ihren Gedanken.

Sie beneidete Demirci um seine blaue Daunenjacke. Er hielt ihr sein Handy hin, auch er hatte eine Nachricht bekommen.

Dr. Demirci, einsatzbereit? Frauenkirche. Feuerwehr noch dran. Polizei sichert. Eilt.

Er zuckte mit den Schultern. Keine besonders aufschlussreiche Nachricht.

Aber wenn er angefordert wurde, musste es eine Leiche geben. Hatte der Brandstifter die Kontrolle über das Feuer verloren und war darin umgekommen? Wieder schlugen die Glocken.

Thorwald von Weidecke kam auf sie zu gelaufen. Der junge Kommissar war groß und dünn. Er hatte seine Pudelmütze fast bis zur Nasenwurzel heruntergezogen, sodass sein kurzes dunkles Haar vollkommen darunter verschwand. Über Mund und Nase trug er eine Filtermaske. Bei jedem Glockenschlag verzog er leidvoll das Gesicht. Ursprünglich stammte er aus Norddeutschland und war seit drei Jahren in Claras Team. Thorwalds Onkel, der einige Jahre Polizeipräsident in Leverkusen gewesen war, hatte sich wenig begeistert darüber geäußert, dass sein Neffe eine Laufbahn im Polizeidienst eingeschlagen hatte. Seiner Ansicht nach war Thorwald ein verkopfter Weichling. Anfangs hatte Clara genauso gedacht, inzwischen wusste sie es besser. Thorwald war brillant, aber auf eine Art, die ihn zum Außenseiter machte. Er verstand keine Ironie, nahm jeden Scherz wörtlich und reagierte auf Gerüche oder Lärm wie andere auf Folter. Stundenlang konnte er sich in sein Cosplay-Hobby vertiefen und als Spiderman auf Conventions die Welt retten. Dafür vergaß er ein Gesicht, das er einmal im Leben gesehen hatte, nie wieder. Doch nicht nur seine Super-Recognizer-Fähigkeiten waren unverzichtbar für sie. Sie schätzte auch seine exzellente Merkfähigkeit und die Gabe, komplizierte Zusammenhänge schnell zu erfassen. Das alles machte ihn unersetzlich fürs Team. Nur an seinen Sozialkompetenzen haperte es, genauso wie an seinen Bayerisch-Kenntnissen.

»Das Feuer ist unter Kontrolle. Es war eindeutig Brandstiftung«, rief er, um sich gegen den ohrenbetäubenden Lärm der Kirchenglocken durchzusetzen. »Die Feuerwehr hat einen Kanister in der Kirche aufgefunden. Jetzt suchen sie nach Glutnestern. Es dauert noch ein bisschen, bis wir rein können.«

Ein weiterer Glockenschlag dröhnte durch die Nacht und vibrierte dumpf in der Luft.

»Was für ein exorbitanter Lärm.« Thorwald schloss kurz die Augen, als könnte er die wummernden Schwingungen so aus seinem Kopf verjagen. »Ich versuche, jemanden aufzutreiben, der die Fähigkeit besitzt, diese Glocken abzustellen.« Aus der Manteltasche fischte er seinen Finder. Klein und flach wie eine Kreditkarte, war die technische Spielerei für Thorwald ein unentbehrlicher Begleiter geworden. Eines der Geschenke seines FBI-Freundes. Der Finder war ein vollfunktionstüchtiger Minicomputer, mit dem er im Internet recherchieren, telefonieren und sich mit einem Eingabestift Notizen auf dem Minidisplay machen konnte.

»Wer hat die Glocken eingeschaltet?« Demircis Stirn lag in Falten, er beobachtete den Nordturm.

»Durch die Hitze hat es offenbar einen Kurzschluss in der Anlage gegeben, daher auch der unchristliche Klang.« Thorwald sah ebenfalls hoch. »Man würde die Gläubigen wohl kaum mit solch Ohren beleidigenden Tonfolgen quälen. Oder vielleicht doch?« Thorwald lachte über seinen eigenen Scherz und wischte mit dem Finger auf dem Display.

»Und warum sind wir hier?« Clara war immer noch schlecht gelaunt, dass ihr Date so Knall auf Fall geendet hatte. Und das schräge Glockengeläut, das sie beim ersten Schlag für Schmetterlinge in ihrem Bauch gehalten hatte, verbesserte nicht gerade ihre Stimmung.

»Es ist nicht der Brand.« Thorwalds Stimme war kaum mehr als ein raues Murmeln, doch bevor er weitersprechen konnte, ließ ein gewaltiger Glockenschlag die Nacht erbeben. Er zog den Kopf zwischen die Schultern und streckte Clara einen Beweismittelbeutel entgegen, so vorsichtig, als hätte er Angst, das Ding könnte in seiner Hand explodieren.

»Das hier ist das größere Problem.«

Clara nahm den Beutel. Das angekohlte Plastik eines Personalausweises glänzte darin im Licht der Scheinwerfer. Verzogene Ränder, geschwärzte Flecken. Die rauchige Luft brannte in ihren Augen, aber das war nicht der Grund, warum ihr plötzlich flau wurde.

4

»Scheiße.« Clara hielt Demirci den Beutel hin. Der griff mehr nach ihrer Hand als nach dem Ausweis.

Jetzt wurde ihr klar, warum Reitmayer so versessen darauf war, dass sie den Fall übernahm. Sicher hatte die Einsatzleitung der Feuerwehr ihn direkt informiert, wer hier tot in der Kirche lag. Demirci beugte sich ganz nah zu ihrem Ohr. »Was meinst du mit Scheiße? Weil sie tot ist oder Scheiße, weil du sie kennst?«

»Jeder kennt sie. Sabine Restring. Eine Lokalpolitikerin, berühmt und berüchtigt, könnte man sagen. Sie ist Vorsitzende der BPZ, der Bayerischen Partei für Zukunft.«

»Und deren Motto lautet Bayern First«, ergänzte Thorwald. »Vor Kurzem hat sie es sogar in den Stadtrat geschafft und sie will noch höher hinaus.«

»Wollte, falls sie unsere Leiche ist.« Demirci starrte auf den Personalausweis in seiner Hand und zuckte mit den Schultern. »Nie gehört, den Namen.«

»Du weißt doch sonst alles über München, vom Brezenreiter bis zu den unterirdischen Katakomben. Und ausgerechnet der Skandal um die Restring ist dir entgangen?« Clara grinste.

»Ich hatte anderes im Kopf.« Demirci zwinkerte ihr zu. »Und Politik ist nicht so meins, ich hoffe, das stört dich nicht.« Er setzte sein jungenhaftes Lächeln auf.

Thorwald mischte sich ein. »Warum sollte uns das stören? Ist ja deine Angelegenheit. Allerdings ist Politik ein wichtiges Thema. Falls du Orientierung suchst, kann ich dir gerne behilflich sein. Ich habe mich ausführlich mit den kommunalen Parteien und deren Programmen auseinandergesetzt.«

Wieder schlugen die Glocken dazwischen. Demirci ließ den Moment verstreichen, dann antwortete er Thorwald, sah dabei jedoch Clara an. »Danke, aber ich bin orientiert. Sehr sogar.« Und etwas leiser fügte er hinzu: »Nicht unbedingt politisch.«

Clara entfuhr ein amüsiertes Schnauben. »Nur ging es bei dem Skandal gar nicht um Politisches, sondern darum, dass sie eine Brandstifterin war.«

»Ah, ein Feuerwerk für die Brandstifterin. Das Schicksal hat Sinn für Ironie und einen Hang zu Pyrotechnik.« Der Rechtsmediziner grinste.

»Nur zündet das Schicksal keine Kirchen an.« Clara sah dem Rauch nach, der in den Nachthimmel stieg.

Eine halbe Stunde später waren die Löscharbeiten komplett abgeschlossen. Einer nach dem anderen verließen die Feuerwehrleute das Kirchenportal, ihre Stiefel tönten dumpf auf dem nassen Pflaster. Durch die Feuchtigkeit wirkte die rötliche Backsteinfassade der Frauenkirche dunkler als sonst.

Schläuche wurden aufgerollt, Äxte und Vorschlaghämmer klirrten, als sie in den Einsatzfahrzeugen verstaut wurden. Anweisungen hallten jetzt leiser, erschöpfter durch die Nacht. Dazwischen immer wieder das Knistern von Funksprüchen. Doch abseits der Aufräumarbeiten lag eine eigentümliche Ruhe über dem Platz, fast so, als hielte die Stadt den Atem an. Selbst die Schaulustigen hatten sich inzwischen verstreut. Es gab nichts mehr zu sehen. Jetzt fing ihre Arbeit an.

Matthias Brauhofer winkte ihr von den Stufen vor dem Hauptportal zu. Einen gelben Helm auf dem dunkelblonden Schopf war er in eine Diskussion mit zwei Männern verstrickt. Mit seinem bayerischen Charme und dem unermüdlichen Arbeitseifer war er der Fels in der Brandung. Er gehörte von Anfang an zu ihrem Team, der Bodenständige, der in jeder Lage die Ruhe behielt. So auch jetzt.

Der Größere neben ihm, ein hagerer Mann mit eingefallenen Wangen und tief liegenden Augen, musste der Dompfarrer sein. Er trug einen offenen dunklen Mantel über seiner schwarzen Soutane und ein schlichtes, silbernes Kreuz an einer Kette um den Hals.

»Können wir schon rein zu der Leiche?«, brüllte Clara Thorwald zu, um gegen die Glocken anzukommen, die jedoch genau in diesem Moment verhallten.

Der Dompfarrer sah sie fassungslos an. »Es ist jemand zu Tode gekommen? Oh, Herr Jesus.« Er bekreuzigte sich und wandte sich zum Eingangsportal.

»Naaa, Hochwürden, tut mir leid.« Matthias legte dem Pfarrer die Hand auf den Arm. »Sie können jetzt noch net rein. Es ist ein Tatort. Des müssen wir uns zuerst anschauen. Und Sie sollten besser des anziehen.« Er hielt ihm eine Filtermaske hin. »Hier direkt bei der Kirch könnte es noch ungesund zum Atmen sein, auch wenns nimmer brennt.«

»Aber wir müssen den Schaden ansehen, wissen Sie schon, ob das Chorgestühl und das Kenotaph von Kaiser Ludwig unversehrt geblieben sind? Es ist notwendig, dass ich umgehend den Erzbischof informiere.« Die Wangen des Dompfarrers wirkten jetzt noch eingefallener, betroffen schüttelte er den Kopf. »Schrecklich, dass ein Mensch zu Tode gekommen ist.«

Der Mann neben ihm, dessen korpulente Erscheinung im Kontrast zu seinen langen schlanken Fingern stand, mit denen er ihnen vor der Nase herumfuchtelte, trat einen Schritt auf Matthias zu.

»Oh mei, oh mei, hoffentlich wurde der Brand nicht durch einen Defekt an den elektrischen Leitungen ausgelöst.« Sein schütteres Haar war streng zurückgekämmt und der schmale, kurze Oberlippenbart ging nicht über die Mundwinkel hinaus.

»Verzeihung, ich habe mich gar nicht vorgestellt«, sagte er auf den irritierten Blick von Clara hin. »Ich bin der Kirchenmeister Luis Wertschall. Und ich habe schon vor Wochen gesagt, dass eine Wartung fällig ist.« Seine runden Backen waren krebsrot und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. »Mir kann man keinen Vorwurf machen«, sagte er, als würde ihm die Luft zum Atmen fehlen. Zitternd fummelte er die Schlingen der Maske hinter die Ohren und zog sie sich übers Gesicht. »Die Sicherungskästen sind im Versorgungsraum«, fügte er hinzu, als wäre dies die einzige Erklärung, die die Situation noch retten konnte.

»Okay, danke. Am besten gehen Sie nach Hause, Sie können hier im Moment nichts tun. Sobald die Ursache des Feuers ermittelt ist, informieren wir Sie darüber.«

»Wir bleiben«, entschied der Dompfarrer mit fester Stimme. »Hier ist jetzt unser Platz.«

Matthias verdrehte die Augen, sodass der Pfarrer ihn nicht sehen konnte, hielt dann aber einen Kollegen von der uniformierten Polizei an und bat ihn, Pfarrer und Kirchenmeister mitzunehmen und zumindest vorerst in einem Einsatzfahrzeug zu parken. Er zog eine weitere Atemschutzmaske heraus und reichte sie Clara. »Hast schon gehört, wer die Tote ist?«

Sie nickte und zog die Maske an, es half ein wenig gegen den beißenden Gestank.

»Des war net unser Autozündler, oder?«

»Das hier ist eine ganz andere Hausnummer. Und bisher hat er auch noch nie Menschenleben in Gefahr gebracht. Sein Feuer war immer kontrolliert, fast schon mathematisch genau abgestimmt auf die Fahrzeuge. Aber das hier?« Sie ließ den Blick über die bunten Scherben neben der Treppe auf dem Boden gleiten. »Das hier ist ein verdammtes Inferno.«

»Und nach dem Skandal, der vorgestern wieder aufgekommen ist, wär es schon ein sauberer Zufall, wenn die Restring aus Versehen umgekommen wär. Mir fallen auf Anhieb drei Leute ein, die ihr ans Leder gewollt hätten.«

»Echt? Wer?« Demirci war aufgerückt und schaute ihn neugierig an.

»Liest du keine News, Zugereister?« Matthias reichte ihm eine Gesichtsmaske.

»Nachrichten über Mord und Totschlag sind mir zu deprimierend.« Demirci setzte die Maske auf. »Und die Ergebnisse der grausigen Schlagzeilen landen ja doch früher oder später auf meinem Obduktionstisch. Wozu mir also schon beim Frühstück die Laune verderben?«

»Ausgerechnet du interessierst dich net für tote Leut? Des wär ja fast witzig, wenns net so grausig wär.«

»Ich sagte deprimierend, nicht uninteressant. Das ist ein Unterschied.«

Matthias winkte ab. »Passt schon. Unser Opfer hatte jedenfalls Feinde. Und net zu knapp. Erst vor ein paar Tagen hat ein Abgeordneter, ein gewisser Arnold Herzsprung, ihr öffentlich gedroht, nachdem sie ihn einen flügellahmen Geier genannt hatte. Des war ein gescheiter Schlagabtausch im Stadtrat. Live übertragen, beste Abendunterhaltung. Kann ich nur empfehlen. Und dann die Schlagzeile in der Bildzeitung. Dass des mit dem Brand von damals noch mal aufkommt, hätt auch keiner gedacht.«

»Was ist da passiert?«, fragte Demirci, nun doch interessiert.

»Du bekommst echt nix mit, oder? Man könnte meinen, du lebst unter einem Stein, da in deinem Institut.« Matthias schüttelte den Kopf. »Die Restring soll vor elf Jahren mit ihrem Tschamsterer, also mit ihrem damaligen Freund, die Bar ihrer Eltern in Dachau angezündet haben, so hats immer geheißen, aber es gab nie einen Beweis.«

»Und jetzt schon?«

»So schauts aus, aber was des für ein Beweis ist, hat in dem Artikel nicht gestanden. Also nix Genaues weiß man net. Und die gute Frau Restring war für eine Stellungnahme bisher net zu haben.«

»Tja, jetzt wird es damit wohl auch nichts mehr.« Demirci zuckte mit den Schultern.

Clara erinnerte sich noch gut an den Fall. Es gab ein großes Medieninteresse vor elf Jahren, gerade weil Restring schon damals für den Stadtrat kandidierte. Sie hatte vehement bestritten, in die Tat verwickelt zu sein. Doch jetzt gab es Beweise für ihre Schuld, zumindest, wenn man den Schlagzeilen der Bildzeitung trauen durfte. Und zwei Tage später war die Brandstifterin selbst zum Opfer der Flammen geworden. Zufall? Oder hatte ihr Tod etwas mit der Sache von damals zu tun?

»Hey, jetzt fällt es mir erst auf.« Matthias begutachtete Demirci von oben bis unten. »Du hast gar net deinen feschen Ganzkörperanzug an. So habe ich dich ja noch nie an einem Tatort gesehen.«

Demirci schürzte die Lippen. Er hatte seinen Koffer und die anderen Materialien im Institut gelassen. »Ich war zufällig in der Nähe«, antwortete er entspannt, doch sein Blick wanderte zu Clara.

Ich auch, dachte sie, und ich war verdammt nah dran, endlich mal wieder ein aufregendes Privatleben zu haben. Sie seufzte.

»Funkenstein bringt meine Sachen gleich mit.«

Dr. Robert Funkenstein war Demircis junger Assistent, ein merkwürdiger Typ. Er hatte den Hang, selbst die übelsten Mordfälle mit der Begeisterung eines schlecht bezahlten Stand-up-Comedians zu kommentieren. Und immer sprach er davon, ein Buch über seine Arbeit zu schreiben. Den Titel hatte sie vergessen, irgendwas mit furchtbare Fälle oder so. Furchterregend würde das sicher werden.

»Fein, aber besser, wir gehen net vor Rambo rein. Wo bleibt denn die Spusi?« Matthias sah sich um.

Seit er den 3D-Scanner hatte, war der Spitzname von Malik Weidmann, dem Leiter der Spurensicherung, Rambo. Weil er sich an den Tatorten nun aufspielte, als wären sie für ihn und seine Geräte persönlich geschaffen worden. Zweifellos waren die eingescannten Bilder hilfreich und mehr als einmal hatte Clara die Möglichkeit genutzt, die Orte des Geschehens später digital zu begehen. Doch Weidmanns Verhalten nahm zunehmend bizarre Formen an. Und keiner wollte von seinem Zorn getroffen werden. Kaum zu glauben, dass er privat Orchideen züchtete. Bei der Einweihungsparty seiner neuen Wohnung vor ein paar Jahren war sie bei ihm zu Hause gewesen, er hatte die zarten Pflanzen überall auf seinen Fensterbänken stehen.

Aus dem Kirchenportal kam ein Feuerwehrmann. Er zog seine Sauerstoffmaske ab. »Servus Brauhofer, zu hundert Prozent Brandstiftung. Da wurde großzügig mit Benzin gearbeitet, der Kanister liegt noch drin. Ihr könnt jetzt rein, aber aufpassen, der Boden ist rutschig.«

»Dank dir!« Matthias klopfte ihm auf die Schulter, der Mann nickte ihnen zu und ging in Richtung Einsatzfahrzeug weiter.

»Trauen wir uns schon rein, bevor Rambo da ist? Ich möchts mir net mit ihm verscherzen.«

»Jetzt komm, sei keine Memme.« Clara nahm die letzten zwei Stufen des Eingangsportals auf einmal. »Wir werfen nur einen Blick auf die Leiche und dann verschwinden wir wieder.« Für sie war es entscheidend, den Tatort möglichst unverstellt zu sehen, ihn mit allen Sinnen zu erfassen und ein Gespür für den Ablauf der Ereignisse zu bekommen. Auch wenn die Löscharbeiten bereits viele Spuren zerstört hatten und Malik Weidmann in dem weitläufigen Gebäude sicher Drohnenaufnahmen machen würde. Sie musste selbst rein.

Matthias hob resignierend die Hände. »Na gut. Aber holt euch bittschön noch was für den Kopf.« Er deutete auf eine Metallkiste, die neben einem der Einsatzfahrzeuge stand und in der sich einfache gelbe Helme stapelten. Ein Schild hing daran. Gebäude nur mit Helm betreten. Gefahr durch herabstürzende Teile.

»Das ist nicht gerade vertrauenerweckend.« Thorwald äugte in die Kirche.

»Ach was, das ist halt Vorschrift.« Clara drückte ihm einen Helm in die Hand.

Wenig später standen sie behelmt, maskiert und mit Taschenlampen bewaffnet im Vorraum des Hauptportals. Die warme Feuchtigkeit schlug ihnen entgegen. Lampen brauchten sie gar nicht. Mehrere leistungsstarke Einsatzstrahler tauchten den unteren Teil des in Mitleidenschaft gezogenen linken und mittleren Kirchenschiffs in ein grelles Licht. Die Ventilatoren der von der Feuerwehr aufgestellten Belüftungsgeräte summten bei ihrer Arbeit, den giftigen Rauch zu vertreiben.

Unter der Maske staute sich die Hitze, Schweiß sammelte sich in den feinen Härchen über Claras Oberlippe. Verbranntes Holz, beißender Ruß, feuchte Asche, der Gestank kroch ihr in die Nase. Und noch etwas mischte sich darunter. Sie bemerkte es sofort.