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Wie beim 1. Fall "Chop Suey pikant!" besticht diese turbulente Milieustudie aus Hamburg mit viel Witz, Esprit und einer Menge "Wasser" in Form von Tränen. Wiederum kann sich Finns Familie mit Roland innerhalb eines komplizierten Falls extravertiert in Szene setzen, wobei die derbe und gar nicht spröde Wasserkante Hamburg mit ihrem kräftigen Wind einen speziellen Humor in die Geschichte hineinbläst. Die Aufklärung eines fünfzig Jahre alten Mordfalls an einem französischen Au-pair lässt das Herz des Neu-Forensikers Roland höher schlagen. Zur Aufklärung müssen sich die Ermittler ins Ausland nach Falaise, Frankreich begeben, um das vertrackte Verbrechen zu entwirren. Der Fall wartet mit ungeahnten Wendungen auf, die die Tragödie und Zerstörung einer Familie schonungslos offenlegen, wobei Machtbesessenheit, Gefühlslosigkeit, rücksichtsloser Egoismus bis hin zu Schizophrenie die Schicksale der Personen antreiben und zum Abgrund führen. Fingerspitzengefühl sowie französische Köstlichkeiten bringen Finn und Roland letztlich zur Lösung?
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Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Herbert von Lemgo
Bunker-Mord
Eine Kriminalkomödie in zwölf Abschnitten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Vorrede
Schwere Gedanken und schwere Glieder
Einzug und Rolands Bunker-Mordfall
Einzugsparty und Kopfschmerzen!
Harburg und der Hobby-Kommissar
Marias Probleme und die Falle
Neuigkeiten und erneute Völlerei
Das arrangierte Treffen oder Jakobsweg mit Menü
Intermezzo I
Fahrt nach Falaise, Frankreich
Die dritte Wahrheit oder die Lösung?
Intermezzo II
Die Lösung und ein französisches Finale
Anhang
Impressum neobooks
Ich sah einmal ein Kind die Hand ausstrecken,
um das Mondlicht zu haschen,
aber das Licht ging ruhig weiter seine Bahn.
So stehn wir da, und ringen,
das wandelnde Schicksal anzuhalten.
Es ist fast nicht möglich,
unverhüllt die schmutzige Wirklichkeit zu sehen,
ohne selbst darüber zu erkranken.
Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770 – 1843)
Für Anjelika, Daria, Conrad-Sebastian, Joachim Resch
Der zweite Fall des „Ermittlerpaars“ Finn und Roland beginnt wieder in Hamburg, wobei diesmal im Süden hinter den Elbbrücken der Auslöser zu finden ist: der Mord an einem Französischem au pair in Harburg in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts.
Dieser Stadtteil Harburg stellt für viele Hamburger eine „mentale Wettergrenze“ dar und wird eher als beschaulich grau wahrgenommen. Und auch der Harburger besitzt ein ähnliches Empfinden. Wenn er über die Elbbrücken fährt, so sagt er in der Regel: Ich fahre nach Hamburg! Ob dieses Empfinden von Stolz oder eher von Bescheidenheit oder gar Unterwürfigkeit zeugt? Ich weiß es nicht (und ich denke auch nicht weiter darüber nach!)?
Eines ist zu würdigen: Dieser Stadtteil besitzt viele „unentdeckte“ wunderschöne Ecken wie beispielsweise große Wald- und Grünflächen, einen Hafen und etliche reizvolle Inseln. Und genau aus diesem Grunde hat dieser Teil Hamburgs in den letzten Jahren zu Recht stark an Aufmerksamkeit gewonnen, leider wieder einmal von sogenannten „Investoren“ (auch Geldgierbauhaie genannt, wie mein Vater es ausdrückt). Dennoch: Die „große“ Politik wird in Hamburg gestaltet und eben nicht in dessen südlichen Stadtteil Harburg.
Der 2. Fall »Bunker-Mord« beschränkt sich diesmal nicht auf Hamburg, sondern führt Finn und Roland nach Falaise, Frankreich und zu den drei Zinnen in die Dolomiten. Dorthin, wo der Schlüssel des Verbrechens liegen soll! Mehr wird an dieser Stelle selbstverständlich nicht verraten!
Auch dieses Mal bezeichne ich den Fall mit Krimikomödie, worauf das Hauptaugenmerk des Autors liegt, und eben nicht den Leser in Blut baden lässt. Dieses Prädikat überlasse ich gern den berufenen Kollegen der schreibenden Zunft. Darüber hinaus verwöhnt Frankreich mit seinem Savoir-vivre (wörtlich: „verstehen, zu leben“), hier als Essenkultur verstanden, die beiden Ermittler, wovon sie sich beim Lesen überzeugen können.
Auch diesmal ist Finns Familie mit etlichen Ein- und Ausfällen wieder an Bord. Ohne diesen familiären Anhang würde das Buch auch keine Komödie ergeben können.
Wer von ihnen den Finn und Roland 1. Fall: Chop Suey pikant! nicht gelesen hat, ich kann es nicht voraussetzen, findet hier einen abgeschlossenen 2. Fall vor. Dennoch findet sich zu den Akteuren eine kleine Einführung als Wiederholung am Ende des Buches.
Selbstverständlich besteht weiterhin die Möglichkeit, einen Blick in das eben erwähnte Buch zu werfen*.
Und nun wünsche ich viel Vergnügen allen Lesern beim Lesen!
Herbert von Lemgo / Autor
*An dieser Stelle gebe ich den Lesern/innen einen Hinweis auf meine bereits bei „neobooks“ erschienenen ebooks:
Herbert von Lemgo: Chop Suey pikant! (Eine Kriminalkomödie),
ISBN:978-3-7380-5406-4,2016
Der 1. Fall der Serie: Finn und Roland
Carsten Wolff: Weiß, Rot und Dunkel,ISBN:978-3-7380-5774-4, 2016
Carsten Wolff: ÜBER DIE LIEBE UND..WISSENSWERTES, UNBEKANNTES, ELEGIEN, APHORISMEN, UNVOLLKOMMENES RUND UM DAS THEMA LIEBE HERUMGEDACHT * Eine »Einweg-Blütensammlung«, ISBN: 978-3-7380-6086-7, 2016
Carsten Wolff: Der Geist der Djukoffbrücke (Ein Roman),
ISBN: 978-3-7380-6801-6, 2016
In den letzten Monaten hat sich in unserem Stadtteil St. Georg eine Menge verändert. Manchmal, wenn ich durch die Straßen laufe, kommt es mir vor, als spürte ich die Verwandlung in nahezu jedem Stein. Ob auf der Straße oder fest verankert in einer Fassade! Die Ungezwungenheit scheint einer Unruhe gewichen zu sein, die selbst Mineralien zu wandeln scheint, indem diese den Glanz der Vergangenheit mit der Schmucklosigkeit des Aufbruchs getauscht haben. Und auch an den Gesichtern der Nachbarn ist dieser Vorgang abzulesen. Zufriedenheit sieht anders aus! Ernüchterung scheint das Wort der Stunde im Jahre 2016 zu sein oder simple ausgedrückt: Der Bauwahn der Investoren hat in einer Geschwindigkeit um sich gegriffen, wie es kaum vorstellbar war und ist. Aus jedem Loch oder Ritze kriecht eine Schaufel, ein Bohrer, eine Ramme oder Ähnliches hervor, um wie ein wildes Tier sich auf alles Verwertbare zu stürzen und es verschlingen zu wollen. Dass dies nicht einvernehmlich vonstattengeht, ist leicht einsehbar. Staub, Dreck, Lärm und Erschütterungen kleben an meiner Fensterscheibe und lassen den Blick undeutlich werden. Vielleicht muss ich mich nach einer neuen Wohnung umsehen, so kreisen augenblicklich meine Gedanken in meinem Kopf herum.
Ein Schlüssel dreht sich in der Haustür. Gedankenverloren und träge wende ich meinen Kopf. Kyra ist von der Schule nach Hause gekommen.
»Sag mal, Finn! Du siehst aus, als wärest du gerade von deiner Beerdigung gekommen!«, sagt sie und mit einem harten Plumms platscht ihre Schultasche auf den Boden.
»Ich bin müde, Kleines!«
»Dagegen lässt sich etwas unternehmen«, deutet sie sibyllinisch an.
»Du hattest lange keinen Sex. Soll ich dir eine Frau besorgen?«, und sie streichelt meine Haare und gibt mir einen Kuss.
»Bitte nicht! Das würde meine Schwäche auch nicht aufrichten!«
»Wirf dir doch eine blaue Pille ein, dann geht’s wieder!«, grinst sie und setzt nach:
»Na ja, in deinem Alter braucht man sicherlich bereits Hilfsmittel! Hihi!«
»Danke für dein reizendes Mitgefühl! Und wie war dein Tag?«, frage ich sie.
»Scheiße hoch 2!«
»Ich sehe es dir an. Natürlich sind wieder einmal die Lehrer schuld. Hab ich recht?«
»Woher weißt du das?«
»Die mussten bei mir auch stets als Ausrede herhalten!«
»Und was hast du dagegen getan?«
»Sport!«
»Habe ich doch gesagt: Du brauchst eine Frau!«, schon fummelt sie in ihrem Notizbuch herum und sprudelt im nächsten Moment heraus:
»Wie wäre es mit Emma? Die quatscht den ganzen Tag nur von Kerlen. Ich denke, die hat was drauf!«
»Ne, ne, lass man. Die quietscht doch noch, wenn man sie anfasst!«
»Die quietscht schon lange nicht mehr, was sie so spricht!«
»Sprechen und handeln sind zweierlei, Liebes!«
Und bereits im nächsten Augenblick wirft sich Kyra auf mich und springt herum und lacht und quiekt wie ein kleines Kind dabei. Ich wehre mich nur schwach und lasse sie gewähren. Kyra ist jetzt siebzehneinhalb und eigentlich keinen Tag älter geworden, seitdem sie nicht mehr „Steht“. Aufgeblüht ist sie und dazu noch schöner und reizender geworden. Auch hat sie ein paar Zentimeter an Länge zugelegt wie im gleichen Maße Babyspeck abgebaut. Mittlerweile fängt sie an, ihrer Schwester Hannah immer mehr zu gleichen. Gute neun Jahre trennen die beiden und bilden für mich das liebste und schönste Töchterpaar der Welt und den ganzen Stolz eines sogenannten „Papas“ dazu! Wenn ich es nur wäre!
Mit einem leichten Schubs drücke ich sie von mir weg:
»Weißt du, worüber ich eben noch nachgedacht habe?«
»Über die Fehlfunktion deines „Kleinen“ da?«, und sie deutet mit einem frechen Grinsen auf meine Leistengegend.
»Lass den Quatsch für einen Augenblick!«, grummel ich unzufrieden.
»Wir sollten von hier wegziehen. Mich nerven die Baustellen und der Lärm direkt vor dem Haus!«
»Aus St. Georg raus?«, antwortet sie entsetzt.
»Auf keinen Fall! Nur ein paar Meter weiter: Lange Reihe, Koppel, Schmilinsky, Gurlitt (Straßen in St. Georg) oder so!«, und ich fahre fort:
»Vielleicht ist es auch besser, dass du nicht täglich an deinen „Kolleginnen“ vorbeigehst!«
»Ex-Kolleginnen, Papa!«
»Meine ich ja auch!«
»Aber ich suche die Wohnung aus! Ein Penthouse, damit wir über die Alster gucken können!«
»Kyra! Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Und außerdem zu teuer?«
»Du kannst dich für mich ruhig von ein bisschen Kohle trennen, Papa! Und dann kann ich mit meiner Vespa direkt in die Wohnung fahren!«
»Dekadentes und verwöhntes Stück!«
»Kohlebewacher!«
»Ich muss auch an unsere Rente denken!«, und ich lache zum ersten Male wieder:
»Ich hab mich schon umgehört!«, fahre ich fort.
»Ich suche die Wohnung aus! Peng und fertig!«, bestimmt sie frech.
»Bestimmerin und Letzte-Wort-Haberin!«
»So sind Töchter nun einmal, Papa!«
»Aber ich habe dir noch nicht meine komplette Idee erzählt!«
»Sag schon!«, drängelt sie.
»Was hältst du davon, wenn Hannah…… «, weiter komme ich nicht.
»Juhuuuuuuuuuuu!«, quietscht sie in den höchsten Tönen und hat bereits im nächsten Augenblick ihre große Schwester angewählt.
»Hannah! Hast du sofort Zeit?«, schreit sie überglücklich ins Telefon.
»Ääääh, ja?«, kommt es ein bisschen träge von Hannah zurück.
»Dann treffen wir uns gleich im „The George“! Wir haben Neuigkeiten!«
»Bist du schwanger?«, fragt Hannah nach.
»Von wem denn? Höchstens mit Gedanken!«, und weiter:
»Du weißt doch: Hier im Hause herrscht die Keuschheit vor! Bis gleich!«
Wenig später im Hotel. Knallvoll und bunt wie immer dazu. Irgendwie quetschen wir uns dazu. Die große Schwester haben wir noch nicht entdeckt, aber das besagt nichts bei dem momentanen Gewusel. Doch da hat Kyra ihre Schwester bereits ausgemacht.
»Hannah, Hannah! Hier sind wir!«, schreit Kyra raus und winkt heftig dazu.
»Ist das nicht ein bisschen „un-apart für eine Dame“?«, schwallt der Nachbar.
»Sei nicht so schwuppig?«, gluckst Kyra zurück.
»Ehää, ehää!«, echauffiert sich dieser.
Doch bereits da treffen sich die Schwestern und küssen sich.
»Wie reizend die Schwestern!«, setzt der Nachbar nach und winkt aus dem Handgelenk dazu.
»Du wartest wohl noch auf deine Schwester, Kleiner!«, antwortet Kyra sofort taktlos.
»Ehää, ehää!«, echauffiert sich dieser ein zweites Mal.
Schon zieht Kyra ihre Schwester zu sich und beide drängeln sich zu mir durch.
»Hallo, Finn!«, und sie gibt mir ein Küsschen.
»Was drängt denn so?«, fragt sie erwartungsvoll.
»Das musst du unsere Kleine fragen? Sie ist heute wieder so spontan!«
»Und du bist von deiner Beerdigung gekommen, Finn! Und denkt an deine Keuschheit!«, kichert sie frech.
»Ehää, ehää!«, gluckst wieder Nachbar.
»Selbeeeer!«, antworte ich diesmal ihm und füge eine ausschwingende Handbewegung dazu.
Kyra sitzt auf dem Schoß von Hannah und flüstert ihr ins Ohr. Ich beobachte ihre Augen, wie sie immer größer werden und auch wie sie mit dem Kopf schüttelt, während ich noch vor mich hingrinse. Nur wenige Sekunden später sagt sie etwas zu Kyra, drückt sie zur Seite, springt auf und rennt aus dem Raum auf die Straße. Sofort erhebe ich mich von meinem Platz und will ihr nachlaufen. Kyra schüttelt mit dem Kopf und hält mich fest.
»Uns Frauen muss man nicht verstehen, Finn, nur lieben!«
»Ehää, ehää! Wie wahr, Schwester!«, räuspert der Nachbar von links dazwischen.
Jetzt meldet sich auch der noch, denke ich.
»Neugierde ist eine Sache, lauschen ist unhöflich!«, wende ich mich an ihn.
»Ehää...«, und er verschluckt sich an seinem Kaffee, sodass sich etliche Tropfen über den feinen Zwirn ergießen. Ungehalten springt er auf, um zu retten, was nur durch eine Reinigung zu beheben geht. Natürlich lässt er mir einen vorwurfsvollen Blick zukommen. Habe ich ihm etwa das Getränk über das Jackett geschüttet, lächele ich vielsagend zurück, was so viel bedeuten soll: „Jetzt hast du erst einmal zu tun, dir ein neues Outfit zu besorgen, und wir haben deinen Platz für uns!“
»Ihr habt euch nicht gestritten?«, frage ich Kyra vorsichtig.
»Oh Mann, Papa, du begreifst wieder gar nichts!«, antwortet sie kopfschüttelnd.
»Deswegen bin ich ja auch der liebe Papi!«
»Das stimmt! Nein, sie will nur allein sein!«
»Und was bedeutet das?«
»Du wieder! Allein sein bedeutet, nicht zu zweit oder dritt sein!«
»Ah ja, jetzt habe ich verstanden!«, antworte ich.
»Gar nichts hast du verstanden, Finn!«
»Sagte ich ja eben!«, lächele ich zurück.
»Das wird mit dir heute nichts mehr, Papa!«
»Jetzt kapiere ich Null! Erst versuche ich zu verstehen, kapier aber nichts. Dann denke ich, verstanden zu haben, habe ich aber offensichtlich nicht, und zum Schluss ernte ich von dir ein Kopfschütteln. Ich gebe es auf!«
»Vergiss es, Papa! Was sagte ich vorhin zu dir?«, und sie wedelt mit dem Handy und zeigt gleichzeitig auf meinen Hosenstall.
»DU BRAUCHST SEX!«
Darüber ist der kurzweilige Nachbar zurückgekehrt. Er hat sich umgezogen und trägt jetzt ein sehr kräftig blaues Jackett, ein farblich abgestimmtes, dezent kariertes Hemd darunter, eine helle Hose und abgerundet mit glänzenden braunen Schuhen dazu. Passend hat er sich ein seidenes Halstuch umgebunden. Sehr modisch miteinander kombiniert, vielleicht ein wenig zu auffallend nuanciert für sein Alter, so denke ich. Die frische Tasse Kaffee balanciert er in seinen Händen und steuert direkt und wieder gut gelaunt auf seinen alten Platz zu. Offensichtlich hat er nur den letzten Satz von Kyra mit angehört und möglicherweise nun auf sich bezogen (reine Spekulation!), denn nun stutzt er, die Tasse mit dem duftenden Kaffee darin verliert ihre stabilen physikalischen Eigenschaften augenblicklich und ergießt sich mit einem herrlichen Schwupps über sein wunderschönes neues Outfit! Wir hören nur noch ein lautes „Oh Gott!“ aus seinem Munde und schon stürzt er auch aus dem Raum ins Freie.
»Hahahahaha!«
»Hihihiihihihihi!«
Und ganz unschuldig frage ich Kyra:
»Sag mal, hat er etwas mit deiner Schwester?«
»Papa! Du bist nur peinlich!«
»Verstehe! Ich verstehe schon wieder nichts!«
»Wir sollten gehen!«, sagt Kyra und zieht mich aus dem Sessel.
Von Hannah und dem Sitznachbarn ist nichts zu sehen. Aber wie gesagt: Ich kapiere ja nichts! Nur wenige Schritte vom Hotel entfernt treffen wir auf einen Freund.
»Hallo, ihr Süßen!«
»Hallo, Chris!«
»Also!«, so fängt er an, »was ich eben gesehen habe, ist zum Totlachen!«
»Was gab es denn so Spannendes, Chris?«
»Erst rennt so ne nette Schwester an mir vorbei, völlig verheult und wenige Augenblicke später kommt Helmut mit nassen Klamotten aus der Tür. Ich wusste gar nicht, dass der jetzt auf Mädels steht? Kopfschüttel!«
»Papa! Du hältst jetzt den Mund!«, bestimmt Kyra.
»Sag ich ja, ich verstehe nichts, selbst wenn ich verstehen wollte!«, und ich grinse meinen Bekannten an.
»Versteh es, wer es will!«, antwortet dieser und fragt:
»Was habt ihr Süßen vor?«
»Lass uns ins Café Gnosa gehen, etwas essen! Im „The George“ hat es nicht geklappt. Vielleicht kapier ich mit Etwas-im-Magen wieder?«, brummel ich unzufrieden.
Auf dem kurzen Weg zum Gnosa.
»Weißt du«, sage ich zu Chris, »die beiden sind eben auch an uns vorbeigerannt! Hahaha!«
»Papaaaa!«, ermahnt mich Kyra.
»Kyra, schreib deiner Schwester, dass wir sie lieben!«
»Hab ich schon gemacht!«
»Danke! Aber nicht, dass ich nichts verstehe!«
»Hab ich auch bereits geschrieben!«
»Frag sie, ob sie zu uns kommen möchte? Könnte interessant werden. Wird sich gleich herausstellen!«, und ich wende mich an Chris.
»Ich habe mit Kai (seinem Freund) über eure Wohnung gesprochen. Ihr wollt sie aufgeben?«
»Kai, ja, ich nicht!«, und er fährt fort:
»Ihm ist sie zu groß geworden. Er sucht was schnuckeliges kleines für uns!«
»So was hat er auch zu mir gesagt!«, nicke ich ihm zu.
»Ach Finn, dann bist DU der, der sich dafür interessiert?«
»So kann man das auch nicht ausdrücken«, und ich deute auf Kyra neben mir: »Sie ist die Auswählerin und Bestimmerin! Ich zahle nur!«
Kaum sitzen wir im Café, stößt Hannah dazu. Wieder gut drauf und gut gestylt.
»Das ist ja die Schwester, der Helmut nachger……«, jauchzt Chris auf.
»Beruhige dich, Chris. Nicht, dass du auch damit noch anfängst! Haha!«
»Ne, ne, ich steh nicht auf diesen Sport!«
»Wenn ich vorstellen darf: Hannah, die große Schwester von Kyra!«
»Also Schwester Schwester!«, äußert er.
»Jo!«
Schon kommt der Kellner und bringt uns ein paar Kleinigkeiten zu essen und tönt sofort heraus:
»Habt ihr das schon von Helmut gehört?«
»Ne, was denn?«, fragt Chris unwissend grinsend zurück.
»Kenne ich gar nicht von ihm. Irgendeine Schwester muss ihn umgedreht haben, denn er ist wie verrückt hinter einer hergerannt! Haha?«
»Oh Mann! Was ist denn hier heute los? Ich versteh gar nichts mehr?«, und ich zeige diskret auf Hannah. Offensichtlich hat er mein Zeichen verstanden, denn er mustert Hannah von oben nach unten und lacht:
»Könnt ich mir auch vorstellen, würde ich auf Mädels stehen!«
»Ihr seid ja noch schlimmer als wir!«, zwitschert Kyra dazwischen:
»Muss ja eine echte Sensation sein, wenn ein Typ hinter meiner Schwester her ist!«
»Sie nun wieder! Aaaaaah!«, und er verabschiedet sich kopfschüttelnd vieldeutig.
»Nun reicht’s aber langsam!«, bestimme ich, aber kann es selbst nicht lassen, zu sagen:
»Ich sehe schon die Schlagzeile im Hamburger Abendblatt von morgen: Sankt Georg! Mann rennt Frau hinterher! Hahaha!«
»Gähn! Papa ist wieder soooo witzig!«, kommt es aus Kyras Mund.
Hannah hat die ganze Zeit ruhig zwischen uns gesessen und nur mit dem Kopf geschüttelt und sich fraulich zurückgehalten. Ist ja auch die ältere von beiden.
»Sag mal, Chris, hat sich Kai gemeldet?«, frage ich ihn.
»Wenn ihr wollt, könnt ihr gucken kommen, hat er geappt!«
»Nach dem Essen, bitte!«
»Hab ich ihm gesagt!«
Irgendwie ist das heute nicht mein Tag, so spreche ich zu mir. Da rennt ein Mann hinter einer Frau her (oder auch nicht?) und wird zum Tagesgespräch. Ich möchte meinen Töchtern möglicherweise eine Freude bereiten, wenigstens andeuten, und schon wird losgeheult und so weiter. Ich verstehe wie immer nichts! Na ja, ist irgendwie auch nichts Neues. Bei den Töchtern. Eigentlich fehlt nur noch Chaos-Maria, meine Ex-Frau, um das Ei zum Rührei zu quirlen und Roland, dem in dieser Situation nur sein „ihr seid alle durchgeknallt“ einfallen würde.
Roland! Gutes Stichwort. Was macht der eigentlich? Ich hab auch schon seit vier Wochen nichts mehr von ihm gehört. Schon fummel ich mein Nokia raus und wähle seine Nummer.
»Hallo, Finn! Kann im Augenblick nicht!«, flüstert er.
»Stell dich nicht so an, du bist doch am Schlafen! Oder sitzt dir der Alte gegenüber?«
»Das nicht! Bin im Meeting!«
»Dann hast du ja Zeit für mich. Ist doch eh rein geistige Verschwendung!«, behaupte ich.
»Weißt du, hier herrscht wieder das normale Chaos und da hab ich sofort an dich gedacht und dass du jetzt hier fehlst! Haha!«
»Ja? Finn, ich kann wirklich jetzt wirklich nicht! Bis später heute Abend!«
»Tschüs!«
»Oh Mann!«, stöhne ich, »kann mir denn keiner helfen?«
Natürlich ist die vorwitzige Kyra sofort zur Stelle und deutet wedelnd mit ihrer rechten Hand etwas an:
»Die kleine „Blaue“ und Emma?«, und bricht sofort in ein Kichern aus.
»Bloß nicht!«, antworte ich ihr, »ansonsten mach ich noch den „Helmut“!«
Chris hat das nun in den falschen Hals bekommen und fragt nach:
»Finn! Was hast du denn mit Helmut? Wusste ich ja gar nicht? Muss ich gleich Kai erzählen!«
»Untersteh dich, Chris!«, antworte ich ihm.
Hannah, die weibliche Stille, sitzt mit großen Augen zwischen uns und ihr Blick pendelt ständig zwischen uns Dreien hin und her und wirkt dabei doch abwesend.
»Danke, Hannah, für die rege Beteiligung!«, fällt mir jetzt ein.
Doch anstatt den Ball aufzunehmen, fragt sie:
»Wollten wir nicht zu Kai?«
»Dann lasst uns aufbrechen!«, und ich stehe auf.
Kais Wohnung liegt in einem umgebauten alten Schulgebäude, ein bisschen nach hinten versetzt zur Langen Reihe (Straße in St. Georg). Das Dach hat man seinerzeit beim Umbau für neuen Wohnraum angehoben und mit Kupfer beschlagen. Dazu wurden riesige, großflächige Fenster eingesetzt, die die Raumhöhe von nahezu sechs Metern mit Licht durchfluten lassen. Eine Terrasse gibt es nicht. Dafür einen bequemen Erker über die gesamte Breite der Fensterfront. Auf der anderen Seite, die zur Alster hin ausgerichtet ist, wurden seinerzeit Balkons angesetzt. Der Umbau muss circa fünfzehn Jahre zurückliegen und so strahlt das Kupfer nicht mehr rötlich glänzend, sondern beherrschend mit seiner grünlichen Patina auf den Stadtteil hinab. Da das Gebäude nordöstlich ausgerichtet ist, fallen die frühen Sonnenstrahlen auf den Balkon und in die hinteren Zimmer, wohingegen die großen Fenster ab vormittags bis zum Abend hin mit Licht überflutet werden. Knallt die Sonne den ganzen Tag auf das Kupfer, wird es dort mehr als behaglich warm. Doch lässt sich die Wärme durch Dämmung ganz gut beherrschen. Jedenfalls, die paar Male, die ich bei Kai verbracht habe, ließ es sich dort gut aushalten. Im Alstertrakt befinden sich drei Räume und das große Bad. Dort beträgt die Deckenhöhe nur ungefähr 2.8 Meter, weil darüber eine kleine Wohnung eingebaut worden ist, wohingegen der vordere Teil über die gesamte Höhe reicht, der zur Hälfte von einer Zwischenebene geteilt ist. Zu dieser Fläche führt eine Treppe, die ihr Licht von den großen Fenstern und einem seitlichen Fensterband erhält. Dort befindet sich das sogenannte kleine, zweite Bad, das Duschbad. Begrenzt wird die Galerie zum Raum hin durch ein Glasgeländer. Unter der Galerie liegt die Küche, die damit auch den Mittelpunkt der Wohnung bildet und zum Wohnraum und Flur offen gestaltet ist. Insgesamt müssen sich schon mindestens hundertachtzig Quadratmeter zusammensammeln. Einen sehr dunklen Holzfußboden mit Heizung hatte sich Kai seinerzeit ausgewählt, und ich muss gestehen, die Wahl war richtig. Die Helligkeit und sehr hohen Wände bilden einen sehr edlen Gegensatz, oder wie es Kai immer ausdrückt, ein „schwüles Ambiente“, was immer das auch bedeuten soll.
Kai betreibt eine Agentur und weiß bestimmt, was hinter seiner Idee steht. Zur Wohnung hinauf führt ein großer Fahrstuhl, von dem recht bald noch etwas zu hören sein wird. Zum Schluss: Die Wohnung ist wirklich nett, aber auch sehr teuer!
Chris und ich laufen die paar Schritte voraus, während die Töchter eingehakt hinter uns her trippeln. Augenblicklich hat die „Wortlosigkeit“ Hannah die Stimmbänder reaktiviert, denn die beiden kichern und glucksen, was das Zeug hält. Augenblicklich kommt der bereits erwähnte Fahrstuhl ins Spiel, der mindestens doppelt so groß ist, wie bei uns im Hause. Doch bevor wir ihn betreten, gucke ich nach draußen in sämtliche Richtungen.
»Was machst du denn?«, fragt Chris etwas verunsichert.
»Ich sichere die Lage! Nicht, dass der Helmut hier gleich angerannt kommt!«
»Papa ist wieder witzig! Gähn!«, schüttelt Kyra ihren Kopf. Doch kaum öffnen sich die Türen des Lifts, schreit sie sofort los:
»Papa! Da passen ja zwei Roller rein!«
Ahnte ich es bereits zuvor, so denke ich mir.
»Oder ich stelle meine Maria schräg rein! Was haltet ihr davon? Wie viel Belastung lässt er denn zu?«
»1800 kg!«, kiekst sie zurück.
»Jo, passt!«
»Sorgen habt ihr?«, schaltet sich jetzt Chris ein.
»Du hast keine Ahnung, Chris!«, und Kyra stößt ihn an.
»Ehää, ehää!«, kommt es eher schrill zurück.
»Oh, Mann! Jetzt fängt der auch so an?«, schrillt Kyra und imitiert ihn treffend.
Doch bevor dieses Thema wieder bei Helmut endet, haben wir bereits das oberste Stockwerk erreicht. Kai empfängt uns leicht genervt.
»Stören wir?«, frage ich.
»Nein, nein! Immer Ärger mit den Leuten! Die begreifen nichts!«, und mit einer hippen Handbewegung wehrt er ab und verdreht die Augen dabei:
»Alles gut! Kommt rein!«
»Wollt ihr Bionade, MonaVie, Weleda, Aurica, Biotta oder Wasser?«, fragt er gelangweilt und fügt hinzu:
»Braucht man heutzutage für das Personal!«
Und schon steht er vor uns in einer leicht konvexen Körperhaltung, die rechte Hand unter sein Kinn gesteckt.
»Chris! So hol doch was!«, befiehlt er weiterhin genervt.
Während ich seine Schauspielerei mit Schmunzeln ertrage, kichern die Schwestern ganz unverhohlen.
»Du bist die Schwester mit dem Helmut!«, und er deutet auf Hannah.
Doch bevor sie antworten kann, frage ich ihn:
»Kommt der etwa auch?«
»Nein, nein! Hat man mir gerade zugetragen!«, und weiter:
»Chrissy-Maus! Nun bring doch etwas! Warum dauert es wieder solange?«, ruft er ungehalten und verdreht wieder die Augen und schüttelt mit dem Kopf dazu:
»Aber setzt euch doch erst einmal!«, und schon lässt er sich geschmeidig in einen Sitzsack gleiten.
»Ist cool, das Ding!«, fügt er hinzu.
»Weiß nicht! Hatten meine Eltern auch schon!«, antworte ich ihm.
»Bestimmt aus Holz!«, stößt Kyra dazwischen.
»Hannah! Dich kenn ich von irgendwoher. Arbeitest du nicht für Robyn?«
»Nicht direkt, sondern für Kathrin!«
»Sag ich doch für Robyn! Chrissy-Schätzchen! Wo bleibst du denn? Was sollen die Gäste von mir denken?«
Und da biegt der Angesprochene um die Ecke und balanciert ohne jede Grazie ein Tablett voll beladen mit den zuvor aufgezählten Getränken. Um ganz ehrlich zu sein, kenne ich bis auf Bionade keines davon. Doch da empfiehlt Kai bereits dieses MonaVie.
»Ist super das Zeug. Stammt aus Südamerika. Wird aus Acai-Beeren hergestellt und soll gegen Übergewicht, Krebs und Impotenz helfen und selbst die Haut pflegen! Wer es glaubt, wird selig! Hähä! Aber vor allem: Ist Scheiße-teuer! Hähä!«, und er setzt nach:
»Red Bull ist was für Proleten und Acai für Künstler! Hähä! Das eine ist Bullenpisse und das andere Bullenscheiße! Egal, wenn’s hilft! Hähä!«
»Mein Chef trinkt das auch!«, wirft Hannah ein und hat offensichtlich ihre Stimme wiedergefunden.
»Habe ich ihm empfohlen! Hähä! Ist ein bisschen schwabbelig in der letzten Zeit geworden! Hähä!«
Kyra, die sich die ganze Zeit zurückgehalten hat, gluckst:
»Also ist das Zeug was für alte Männer!«
»Hähä! Die kleine Schwester! Der war gut!«, kullert es aus Kai hinaus und weiter:
»Sag mal, Finn, hat sie dich damit gemeint! Hähähähä!«
»Frag sie, nicht mich! Kai, ist immer wieder nett mit dir zu plaudern. Aber eigentlich wollen meine Töchter deine Wohnung angucken!«
»Deine Töchter? Nice, Finn! Hähä!«, und ihm stockt die Stimme.
»Bitte? Schwest… äh, Töchter! Hähä! Chris!!! Nun mach schon!«
Und schon schwirren die drei ab. Ihr Getuschel ist bis zu uns zu hören. Ich ahne, worüber die beiden Töchter ihre Faxen machen und wen sie nachahmen: Kai ist das Ziel ihrer Begeisterung. Nach einigen Augenblicken.
»Papa!«, kommen sie rufend zurückgelaufen.
»Hörst du ja, Töchter!«, grinse ich Kai an und weiter:
»Warum willst du die Wohnung eigentlich verkaufen, Kai?«
»Ist mir zu groß, wenn ich mit meinen Arbeitssklaven umziehe. Ich hab mir unten an der Alster ein Büro gemietet! Die latschen mir den ganzen Tag in der Wohnung rum. Ist mir zu nah und zu vertraulich, schließlich will ich die ja nicht heiraten!«
»Papaaa!«, rufen wieder beide.
»Und wohlerzogen sind die Töchter dazu!«, bemerke ich.
»Ja, was ist denn?«
»Die Wohnung ist cool!«
»Ganz nett!«, erwidere ich.
»Dagegen ist unsere Bude… «, rufen die beiden.
»Eine Bude! Habt ihr gerade gesagt! Hat uns bislang aber gereicht! Und MonaLisa oder wie das Zeug heißt, müssen wir auch nicht trinken!«
»Hähä! Sag nichts gegen das Zeug!«, meldet sich sofort Kai.
»Ist Bullenscheiße!«
»Jau! Und soll einen „Beitrag zur normalen Kollagenbildung und zur normalen Knorpelfunktion leisten“, steht da irgendwo auf der Flasche«, philosophiert Kai.
»Ah, jetzt verstehe ich das auch mit der Impotenz: Knorpel bildend? Oder hab ich mich eben verhört?«
»Ehää, ehää!«, kichert sofort Chris los.
»Du verwöhnst uns ja wirklich, Kai!«, grinse ich ihn an:
»Das ist aber preismindernd für deine Wohnung!«
»Willst du denn meine Lustkuhle haben?«, fragt Kai etwas beleidigt.
»Da musst du die Töchter fragen, nicht mich! Nur natürlich ohne MonaLisa!«
Beide nicken hektisch und machen Zeichen dazu.
»Papa! Jaaaaaa!«
»Nice! Die Schwest…. äh Töchter!«, gluckert es aus Kai heraus.
»Dann ist das jetzt deine Bude!«
»Und Kohle?«, hake ich nach.
»Kommen wir klar!«
Doch nun mache ich einen auf dekadent.
»Die Wohnung nehme ich, weil meine Töchter sie wollen und weil der Fahrstuhl groß genug ist!«
»Hä! Was hat das mit dem Fahrstuhl zu bedeuten?«
»Weil ihre Vespas reinpassen und sie mit in die Wohnung nehmen können, deshalb!«