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"Friseurstraum" ist bereits der dritte Band der Serie "Finn und Roland". Ausgehend von Sankt Georg in Hamburg über Rostock und die reizende Ostseeküste verbreiten die Finns und Roland ihr unkonventionelles, turbulentes Chaos. Wiederum spannen sie dazu etliche bekannte Protagonisten in den Fall mit ein. Im Gegensatz zu den beiden ersten Bänden der Reihe sind sie diesmal selbst in den Fokus des Bösen geraten. Die Vergangenheit aus dem ersten Band hat sie unerwartet eingeholt. Unklarer und wirrer denn je ist der Fall gestrickt, der reichlich Anlass zu Vermutungen wie auch Spekulationen gibt. In Kurzform: Ein Autounfall, eine völlig verrückte Traumfolge, Drogengespinste, Hass, Neid, eine vermutete Leiche… sowie ein skurriles Drumherum gestalten den Fall. Jedoch löst sich vor der finalen Feier der Knoten und lässt den Leser nicht in Ungewissheit, sondern mit einem gewollten Schmunzeln zurück.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Herbert von Lemgo
Friseurstraum
Eine Kriminalkomödie in sechzehn Abschnitten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kundenrezensionen zur Reihe: Finn und Roland
Widmung
Vorahnung
Sebastians Traum I
Elphi und Rostock
Ostseeperlen
Kyras Schmetterlinge und Jims 40-Torten-Problem
Polizei I und meine Eltern
Sebastians Traum II
Ein Verdacht
Rostock II
Marias Problem
Sebastians Traum III
Die Drohung und Hartling
Bei meinen Eltern II
Sebastians Überdosis und der Einbruch
Das Lebenszeichen und die Lösung
Die Eröffnung
Nachtrag
Personenregister
Ein Hinweis
Impressum neobooks
Tolles Buch !Von csc am 28. Januar 2016Herrliche und treffsichere Beschreibung der Figuren, witzige Dialoge. Die Geschichte lässt einen nicht los... Immer wieder tauchen unvorhergesehene Situationen auf und werden Orte beschrieben, die ich aus meiner Kindheit in Hamburg kenne. Ich vergebe alle meine 5 Sterne dafür und auch für Hamburg!Ich hoffe, es folgt bald der zweite Fall. (amazon)
Es geht doch...
Von Lena Renneram 29. Januar 2016
ein kurzer und unterhaltsamer Krimi der nicht ins klischeehafte oder langweilige abdriftet. Ein etwas eigenwilliger Humor, das mag sein, dafür kann man einiges über Hamburg erfahren. Ich hoffe auf einen zweiten Teil. (amazon)
Ich glaube, diese Serie gehört zu jenen Büchern...
Von Frank Gruendel am 21. Juli 2016
...die man entweder gut oder entbehrlich findet. Ich finde sie gut. Das betrifft sowohl die Personen als auch die Dialoge und die Story an sich. Den fünften Stern gibt es nur deshalb nicht, um den Abstand zu der Handvoll sensationeller Bücher zu wahren, die einem im Laufe des Lebens so begegnen. Ich bin neugierig auf hoffentlich zu erwartende Fortsetzungen, und ich beglückwünsche Herrn von Lemgo zu seinem Talent. (amazon)
Für Anjelika, Daria, Conrad-Sebastian, Joachim Resch
Anstatt eines Vorworts:
„Ja, ich bin ein düsterer Mensch, ich verschließe mich fortwährend. Oft habe ich Lust, mich von den Menschen ganz und gar abzusondern. Vielleicht werde ich den Menschen auch Gutes tun, aber zumeist kann ich nicht den geringsten, einigermaßen einleuchtenden Beweggrund dazu entdecken… Ich glaube, schon in meinem zwölften Lebensjahr, also fast mit dem eigentlichen Erwachen meines Bewusstseins, begann ich, die Menschen nicht zu lieben.“
(Dostojewski, Der Jüngling)
„Die dort sind nicht dümmer als andere und nicht klüger; sie sind – geisteskranke Menschen wie alle.“„Sind denn alle geisteskrank?“ Ich wandte mich zu ihm und sah ihn mit unwillkürlicher Neugier an.„Von den besseren sind jetzt alle geisteskrank. In jubilo gelebt wird nur von der geistigen Mittelmäßigkeit und Unbegabtheit…. Übrigens, wozu davon reden, es lohnt ja nicht.“
(Dostojewski, Der Jüngling)
»Kyra«, schreie ich vom Fenster aus zu ihr nach unten, »fahre nicht los! Du bringst Dich um!«
Sie sendet mir einen verdutzten, verständnislosen Blick zu.
»Warte!«, und bereits im nächsten Moment stürze ich die Treppen zu Ihr hinunter. Eben will sie ihren Helm aufsetzen, um im nächsten Moment loszufahren.
»Warte noch einen Augenblick, bitte!«, rufe ich ihr gehetzt zu und versuche nach ihr zu greifen.
»Finn, hast Du wieder ……«
»Väterliche Ängste! Meinst Du das?«
Sie lächelt mir zu, winkt noch einmal mit der rechten Hand und braust mit ihrem Roller davon. Nur wenige Sekunden später! Ich höre ich einen lauten, blechernen Knall von der nächsten Straßenecke. Kurz und eindringlich übertönt ein lautes Hupen den allgemeinen Verkehrslärm. Ich sprinte schnell an die Kreuzung Richtung Alster. Mehrere Autos haben angehalten und sich bereits ein kleiner Menschenauflauf gebildet.
»Kyra! Kyra!«, schreie ich laut auf. Ich stoße die Leute auseinander und finde liegend ein schluchzendes Häuflein Elend vor. Meine Tochter Kyra! Ihr Roller liegt quer auf der Straße auf dem Boden und sie nur wenig daneben. Ein Autofahrer muss sie eben gerammt und dabei zu Boden gestoßen haben. Halb benebelt, leise wimmernd kauert sie zusammenkrümmt dort. Etwas Blut hat sich über die Kleidung auf dem Boden verteilt. Ihr Helm sitzt leicht verrutscht auf ihrem Kopf, hat offensichtlich schlimmeres verhindert.
Ich rufe den Umstehenden zu: »Einen Krankenwagen!«
Bereits von Weitem ertönt eine Sirene, die sich schnell nähert. Ich lege meiner Kleinen eine Jacke unter die Füße, wende sie nach links und umarme sie. Nur ein schwaches „Papa?“ nehme ich von ihr wahr. Eng angeschmiegt warten wir zusammen auf den Arzt. Wenige Augenblicke später erfolgt bereits die erste Versorgung. Reaktionstest, Sauerstoff, Infusion…. und danach wird sie vorsichtig vom Boden angehoben und auf die bereitstehende Bahre gelegt. Während die Türen des Krankenwagens zuklappen, sitze ich seitlich zu ihren Füßen im Wagen und schaue besorgt den nächsten Handgriffen der Ärztin zu, die mir mehrfach einen neutralen, nichtssagenden Blick zusendet.
Wie ein Blitz hat es eben noch vor meinen Augen gestanden. Kyra ist in einen Unfall verwickelt! Eben noch flog ihr Körper durch die Luft und blieb regungslos am Boden liegen. Meine kleine Kyra. Gleichzeitig schoss mir die Hitze durch den Körper, sodass es in mir wie Feuer brannte, lichterloh loderte, um bereits im nächsten Augenblick in einen Eisschock überzugehen. Bitte lass es nicht wahr sein, flogen meine Gedanken. Lass es nur glühende Nerven sein, die überspannt zerreißen unter der väterlichen Besorgnis und die sich augenblicklich auch wieder beruhigen. Doch der Knall des Aufpralls brachte mein zweites Gesicht zur Gewissheit und gleichzeitig auch wieder zur Ungewissheit, weil gegenwärtig eine lähmende Ruhe eingetreten scheint. Eine schmerzvolle, täuschende Ruhe!
Die Ärztin nickt mir nochmals ermutigend zu. Sie will mir in etwa signalisieren: Alles halb so schlimm, wie es aussieht, oder auch: „Das bekommen wir wieder hin!“ Erst einmal atme ich tief durch. Dann frage ich sie: »Und wohin fahren wir?«
»Sankt Georg! Sie sind der Vater?« Ich nicke.
»Benötigen Sie etwas?«
»Nein, lassen Sie! Und ihr erster Eindruck?«
»Abschürfungen und ein Schock. Meine Kollegen werden sie gleich sorgfältig untersuchen. Es scheint nichts gebrochen zu sein. Gut, dass sie einen Helm getragen hat. Der hat einiges verhindert!«
»Danke, für Ihre schnelle Hilfe!«
Der Wagen hält an. Die Türen werden geöffnet und Kyra mit der Bahre zur Aufnahme gefahren. Ich hefte mich dicht an sie.
»Sie müssen draußen bleiben! Sie können nicht mit hinein!«, nehme ich eine scharfe Stimme wahr.
»…aber ich!«
»Der Vater?«
»Ja!«
»Nehmen sie im Wartebereich Platz. Wir rufen Sie auf!«
Wie roh das klingt? „Nehmen Sie Platz!“ Das ist meine Tochter und ich mache mir große Sorgen um sie. „Können Sie so etwas nicht verstehen?“, so denke ich mir, sehe aber wiederum ein, dass es schwerwiegende Verletzungen und Fälle gibt. Aber sollen mich diese vernünftigen Gedanken beruhigen? Nein! Missmutig gucke ich die Menschen in ihren weißen Kitteln an, wenn sie an mir in großer Eile vorbeirauschen. Schon stürze ich mich auf den nächsten Kittel, der augenblicklich aus dem Raum geeilt kommt.
»Das war eben meine Tochter«, rufe ich der Frau zu.
»Beruhigen Sie sich! Sie ist jetzt in guten Händen.« Doch ich höre gar nicht hin und frage: »Können Sie bereits näheres über ihren Zustand sagen?«
»Nein!«, kommt es viel zu schroff zurück.
»Erwarten Sie von uns Wunderdinge? Benötigen Sie ein Beruhigungsmittel?«
»Nein, nein! Ich komme schon zurecht!«
»Papa, Papa! Was ist mit Kyra?«, kommt plötzlich Hannah angestürmt und klammert sich sofort an mich.
»Was ich gesehen habe, ist offensichtlich nicht so schlimm!«, antworte ich besänftigend.
»Du weißt doch sonst immer alles!«, ruft sie wieder.
»Sie ist von einem Auto angefahren und von ihrem Roller gestoßen worden. Vermutlich Prellungen, Abschürfungen. Nichts scheint gebrochen zu sein, so sagte die Ärztin zu mir, Liebes!«, versuche ich sie und auch mich gleichermaßen zu beruhigen. Und so sitzen wir angespannt die nächsten zwei Stunden, bis sich ein junger Arzt mit einer Krankenakte in der Hand uns nähert und zu uns setzt.
»Sie sind der Vater von Kyra?«, fragt er mich.
»Und ich ihre Schwester«, meldet sich sofort Hannah zu Wort.
»Wir haben Kyra eingehend untersucht. Zur Sicherheit ihren linken Arm geröntgt. Ich kann Sie beruhigen. Nichts ist gebrochen. Hautabschürfungen, Hämatome sehen immer besorgniserregend aus. Außerdem hat sie eine leichte Gehirnerschütterung erlitten. Insgesamt hat sie viel Glück gehabt. Vernünftig, dass sie einen Helm getragen hat. Sie wohnen nur ein paar Schritte entfernt, habe ich gesehen? Sie können sie mitnehmen, wenn wir fertig sind.«
»Sie kann gleich mitkommen? Sind Sie sicher?«, fragen wir beide etwas verunsichert nach.
»Ja! Sollten sich kleine Komplikationen einstellen, wissen sie, wo wir zu finden sind.«
»Komplikationen? Wovon reden Sie?«
»Sie hat Schmerzmittel verabreicht bekommen. Eine Gehirnerschütterung kann Übelkeit verursachen. Wir geben ihr noch ein paar Tabletten und Tropfen mit. Meine Empfehlung: Sie sollte 1-2 Tage das Bett hüten. Na ja, das sollte sie selbst beurteilen können! Wird schon werden!«, und er nickt uns zu und wendet sich ab.
»Kyra!«, und schon läuft Hannah zu ihrer Schwester, die etwas zerrupft in Begleitung einer Pflegerin auf uns zukommt und sofort von ihr in ihre Arme genommen wird.
»Hannah! Papa!«, kommt es ein bisschen schwach aus ihr hinaus. Wir lächeln sie herzlich an.
Ein wenig später zu Hause. Zuerst haben wir uns um die Kleine gekümmert. Hannah weicht nicht von ihrer Seite. Ich habe mich nochmals an den Unfallort begeben. Ihren Roller hat man mittlerweile auf den Seitenstreifen geschoben. Mehr ist nicht mehr von dem Unfall zu sehen. Auf der Polizeistation frage ich nach. Nach einigen Telefonaten händigt mir der Beamte seine Karte mit dem Aktenzeichen und der zugehörigen Telefonnummer aus. Auf meine Nachfrage hin bekomme ich zu hören, dass der Unfallfahrer flüchtig sei und dass man zurzeit auch nicht mehr wisse. „Aber das wird schon!“, höre ich von dem Beamten. Merkwürdig? Zum zweiten Mal höre ich heute den Satz: „Das wird schon (werden)!“. Na ja, alles wird schon, irgendwie und irgendwann wird es immer schon. So ein Blödsinn! Wie kann aus Nichts etwas werden! Aber es wird schon! Als ich die Tür aufschließe, höre ich meine Töchter sprechen.
»Hast Du den Arzt gesehen?«, fragt Kyra Hannah. Sie nickt wohl bejahend, was ich nicht sehen kann.
»Das war Alex! Der ist cool!«
»Ich höre, es geht Dir wieder gut, Kleines!«, mische ich mich ein.
»Besser. Der Schädel brummt. Was ist mit meinem Roller?«
»Der ist nicht so cool wie Alex. Der ist auf dem Weg zur Werkstatt.«
»Papa! Was ist mit mir passiert?«
»Das weiß ich nicht? Ich weiß nur, dass ich Deinen Unfall vorhergesehen habe!«
»Deswegen bist Du hinter mir hergelaufen?«, erkundigt sie sich zweifelnd.
»Ich versuchte Dich noch aufzuhalten. Du hast mir zugewinkt und bist dann losgefahren.«
Hannah hat die ganze Zeit schweigend zugehört und schüttelt ungläubig mit dem Kopf, nachdem sie sich den Vorfall hat schildern lassen. Kyra kann sich kaum an etwas erinnern, was offensichtlich mit der Gehirnerschütterung zusammenhängen muss. Jetzt klagt sie wieder über Schmerzen und auch Schwindelgefühl. Sofort legt sie sich wieder ins Bett zurück. Abends nach den aufregenden Ereignissen rufe ich meinen Freund Roland an.
»Finn«, ruft er gehetzt zurück, »bin eben vom Laufen zurück. Entschuldige, ich muss jetzt erst einmal unter die Dusche und anschließend melde ich mich bei Dir.«
Dann eben nicht, mein Freund, denke ich mir. Wird schon werden! Wieder dieser verflixte Satz. Der hat sich ja wie ein Ohrwurm in meinem Kopf festgesetzt, blödsinnigerweise. Es klingelt an der Haustür. Wer kann das denn jetzt sein? Maria? Mit einem Stoß fliegt mir die Tür entgegen. Na klar, Maria! Es fegt ja sonst gerade kein Sturm über Hamburg hinweg.
»Was ist mit Kyra?«, kräht sie im nächsten Moment bereits los. Doch Sturm?
»Sie schläft! Und wenn Du weiter so rumschreist, ist sie gleich wieder wach!«
Wie selbstverständlich drängelt sie sich an mir vorbei, läuft schnurstracks auf ihr Zimmer zu, öffnet die Tür, vergewissert sich und schließt sie vorsichtig und ohne Sturmgefahr.
»Ich habe Dir gesagt, dass Kyra schläft. Warum….«
»Darum, Finn. Was ist passiert? Sie hatte einen Unfall, nicht wahr?«
»Du kümmerst Dich doch sonst nicht um sie, Maria?«
»Lass den Quatsch, Finn! Ich hatte vorhin einen Migräneanfall, also musste etwas passiert sein.«
»Jemand hat dort vorn an der Kreuzung mit dem Auto ihren Roller gerammt. Jetzt hat sie einen Brummschädel und Hautabschürfungen. Aber wird schon werden!«
»Was wird schon werden?«
»Na ja, dass sie in ein bis zwei Tagen wieder aus dem Bett kommen wird.«
»Das ist doch furchtbar!«, würgt sie mich ab.
»Also, wenn Du hier weiterhin bleibst und rumschreist, wird sie bestimmt erst in einer Woche aus dem Bett kommen. Ihr liebt euch doch so sehr!«
»Finn!«
»Ja, Maria! Ich sagte doch gerade: Wird schon werden!«
»Einen Blödsinn redest Du wieder zusammen, Finn!«
»Daran bist Du schuld…«, gerade setze ich zum Luftholen an, klingelt der Rechner: Roland! Ich lege das Bild auf den großen Flatscreen. Roland hat sich umgezogen, sitzt auf der Couch und schenkt sich gerade ein Bier ein.
»Alkoholfreies Hefeweizen!«, legt er nach. »Tut richtig wohl nach dem Laufen!«
Jetzt erstarrt sein Blick. Augenblicklich hat er Maria entdeckt.
»Hallo Maria, nett Dich zu sehen!«
»Spar Dir Dein Gesülze, Bulle!«
»Also war das vorhin von Dir ein Notruf, Finn!«, legt er grinsend nach.
»Ähmmm..«, grummel ich raus und verdrehe die Augen.
»Arschloch, Bulle!«, schreit Maria dazwischen.
»Nun bekommt euch wieder ein, ihr beiden!«
»Nein, Roland, ich wollte Dir…«, weiter komme ich wieder nicht. Denn jetzt kommt Brummschädel Kyra angelaufen und beschwert sich über uns drei.
»Ich kann nicht schlafen, wenn ihr so laut seid!«
»Kyra, Liebling!«, bekomme ich gerade noch raus, denn schon fuhrwerkt Maria dazwischen, nimmt die Kleine in den Arm und zwitschert: »Mein Täubchen!! Wie geht es Dir? Geht es Dir wieder besser?«
»Sag mal, Finn«, fängt Roland an, »was ist denn bei euch los? Kann ich meinen Augen und Ohren trauen? Diese Liebe?«
»Ja, Roland, manchmal geschehen wunderliche Dinge!«
»Aber…«
»Blödmann, Bulle«, faucht Maria ihn an, die wieder zurück ist.
»Ich habe mich doch vorhin getäuscht, liebe Maria!«
»Hört endlich auf!«, klagt Kyra.
»Hallo, Kyra! Ich hoffe, es ist nichts Ernstliches mit Dir?«
»Ein Auto hat mich angefahren, Roland. Das war auf einmal da, obgleich ich Grün hatte. Mehr weiß ich nicht!«
»Du hast eine Gehirnerschütterung. Dann hat man diese Aussetzer. Die Erinnerung kommt aber sehr schnell wieder zurück.«
»Roland! Ich war bei der Polizei. Ich denke, der Beamte kommt in den nächsten Tagen bei uns vorbei und befragt Kyra zu dem Hergang. Der Kollege hat mir nicht erzählt, ob sie etwas über den Fahrer herausgefunden haben. Datenschutz!«, informiere ich ihn.
»Soll ich den Kollegen anrufen, Finn?«
»Warte ein paar Tage. Vielleicht nachdem der bei uns gewesen ist!«
»Keine schlechte Idee. Kyra, Dein lieber Roland kommt Dich bald besuchen. Gute Besserung und tschüs.«
»Ja, danke!«
In den nächsten Tagen kommen immer wieder Freunde zu Besuch. Jedenfalls ist Kyra wieder „an Deck“, wie man so nett formuliert. Auch einer der ermittelnden Beamten ist wie vermutet in der Zwischenzeit bei uns gewesen, konnte jedoch noch nichts zu dem Unfallfahrer sagen, außer: „Wir suchen Zeugen per Facebook!“ Mal sehen, was sich daraus ergeben wird. Vielleicht gibt es ein Handyvideo oder ähnliches?
*
Kyra ist mittlerweile achtzehneinhalb Jahre alt, besitzt den Abschluss der Mittleren Reife und überlegt, ob sie das Abi nachholen will. Hannah und ich haben ihr zugeraten, jedoch Kyra ist noch nicht wild entschlossen, obgleich sie in den Polizeidienst möchte. Erst einmal hat sie sich um einen Platz auf dem Gymnasium bemüht und ist dann mit Freunden in den Urlaub gefahren. Ursprünglich war eine Motorradtour durch Frankreich geplant. Jedoch nach ihrem Unfall hat sie davon klugerweise Abstand genommen. Zu frisch sind die Erinnerungen an dieses Unglück. Und so wurde aus dem Motorradurlaub ein sogenannter Lastminute-Gähnurlaub (ihre Worte!) auf Gran Canaria. Ach! Ihr geliebter Roller ist nur noch Schrott und deshalb ist ein neuer bereits geordert, der ihr voraussichtlich nach dem Urlaub zur Verfügung stehen wird.
Noch einmal zurück zum Unfall. Fast alle Freunde haben mich gefragt, wie es angehen könne, dass ich diese Vorahnung gehabt habe, worauf ich mit den Schultern gezuckt und geantwortet habe: „Keine Ahnung! Es war eben so!“
Heute Nachmittag kommt Roland über das Wochenende zu uns. Irgendetwas hat er hier dienstlich in Hamburg zu erledigen. Was genau, hat er noch nicht von sich gegeben: Datenschutz! Aber ganz ehrlich: So wild bin ich auch nicht auf die Info. Mittlerweile befinde ich mich seit fünf Jahren außer Dienst und habe mich mental deutlich davon entfernt. Und zum zweiten: Wenn er von seinen aktuellen Fällen erzählt, höre ich nur noch mit einem halben Ohr zu, sehr zu seinem Bedauern! Doch daran ist im Wesentlichen die Thematik seines Jobs Schuld: Forensik! Es mag sicherlich für viele spannend klingen, doch sich mit irgendwelchen Würmern zu beschäftigen, ist wirklich nicht mein Ding. Zu meiner Dienstzeit mochte ich mehr die Aktion, anstatt „gelästert“ gesprochen, Würmer zu zählen. Aber das ist für mich mittlerweile belanglos geworden. Zu viele andere Gedanken schwirren ständig in meinem Kopf herum, schließlich bin ich zweifacher „Vater“ von anstrengenden Töchtern. Jetzt erst einmal kommt mein Freund, Roland. Und da ich Freunde mit einem gepflegten Äußeren empfange, laufe ich noch schnell um die Ecke zum Friseur.
Sebastian ist ein guter Bekannter von mir. Sein Laden befindet sich nur zwei Straßen weiter von meiner Wohnung entfernt. Seit Jahren lasse ich mir von ihm die Haare schneiden. Anfangs noch im alten Laden, den er mit ein paar Kollegen betrieben hat, und der, wie er stets betont, sehr gut gelaufen ist. Nach etwa drei Jahren hat er dann die Lust verloren, teilen zu müssen, und es ist eine Entscheidung erfolgt, bei der ich kräftig mitgewirkt habe. Sebastian ist einen Tag bei mir erschienen und hat mich gefragt, ob ich Zeit hätte, mir etwas mit ihm gemeinsam anzusehen. Warum so zurückhaltend, habe ich ihn gefragt, worauf er mir geantwortet hat: „Ich will Deine Meinung hören!“ Dann hat er mich an die Hand genommen, wir sind die eben bereits erwähnten zwei Straßen weitergelaufen und haben vor einem Geschäft gestanden. Einem kleinen Handwerkskunstladen. Dass ich ihn fragend angeschaut habe, ist vermutlich leicht nachvollziehbar. Das Geschäft lief offensichtlich schlecht und die Betreiberin suchte einen Nachfolger. Insgesamt nur etwa 25 Quadratmeter groß, zusätzlich mit einer Toilette und einem Sozialraum ausgestattet und ebenerdig in einem Gründerzeithaus gelegen. Dazu mit Holzdielen und etwas verbliebenen Stuck ausgestattet, machte das Geschäft einen netten Eindruck. Klar, dass ich verstanden hatte: „Du willst Dich selbstständig machen?“, habe ich ihn gefragt. „Jo, Finn“, war seine knappe Antwort. Und weiter und gar nicht zurückhaltend: „Und wenn Du mir 20 Mille Startkapital leihst, bekomm ich das hin!“ Bums! Das hat erst einmal gesessen, schließlich bin ich auch nicht vorbereitet gewesen. Schnell habe ich mich gefasst:
„Mein Lieber, ich bin doch keine Bank und will auch kein Eigentümer eines Friseurgeschäftes werden!“, sagte ich zu ihm. „Ach komm, Finn, lass uns das mal bei einem Bierchen kalkulieren!“, war als Antwort seinerseits erfolgt. „Aber das spendierst Du, Basti!“ „Jo, geht klar!“.
Wer jetzt fragt, was dabei herausgekommen ist? Wir sind dann zu seiner Bank, er mit einem kleinem Businessplan unter dem Arm und mich als andere Stütze. Die Haspa (Hamburger Sparkasse) fand die Idee nicht schlecht, jedoch wollte diese den Laden nicht allein finanzieren. So habe ich eine Bürgschaft in Höhe der 20 Mille (seine Ausdrucksweise) hinterlegt und Sebastian ist daraufhin eigener Friseurchef geworden. Und ich muss feststellen, sein Laden läuft wirklich gut. Ich schaue mir seine monatlichen Auswertungen an und bin sehr zufrieden. Genauso hat es sich in etwa vor einem Jahr zugetragen. Augenblicklich laufe ich gerade zu ihm, wie gesagt, um mich empfangsbereit und präsentabel gestalten zu lassen.
»Hallo Basti!«, begrüße ich ihn.
»Na, Finn, musst ein Augenblickchen warten. Mach Dir einen Kaffee und setz Dich!«, fordert er mich auf.
»Roland kommt nachher zu mir!«, rufe ich ihm zu.
»Kannst ihn gleich bei mir vorbeischicken. Er mit seiner Bullenfrisur. Das ist doch peinlich!«
»Erzähl es ihm selbst. Er will bestimmt alles runter haben. Er trainiert für Berlin!«
»Will er ein Läufchen machen oder windschnittige Kriminelle jagen? Nicht, dass Du auch noch auf die Idee kommst! Ich brauch die Kohle für den Kredit! Hab leider keine Spalte für „Kopf polieren!“ auf der Preisliste.«
»Haha, der war gut!«, und mein Daumen zeigt nach oben.
»Ich hab gleich Pause, dann gehen wir ins Gnosa auf ein Käffchen. Ich muss Dir unbedingt noch etwas erzählen!
»Gern, wenn es mich nicht wieder 20 Mille kostet«, scherze ich.
»Grrrrrrr! Schneiden geht bei Dir schnell. Deine Haare sind bereits ausgedünnt!«
Einige Minuten später im Gnosa.
»Bitte lach mich nicht aus«, so fängt er an. »In der letzten Zeit habe ich nachts ständig Träume.«
»Das soll vorkommen, Seb!«
»Jo, aber ist bei mir irgendwie anders«, behauptet er.
»Du machst es heute wieder spannend.«
»Weißt Du, eigentlich ist es nur ein einziger Traum, der immer wiederkehrt und sich entwickelt.«
»Hä? Versteh ich nicht!«
»Mein Traum geht so wie in einem amerikanischen Studentenfilm, wo die in einem Wald herumrennen und man als Zuschauer ahnt, gleich wird einer von denen ermordet!«
»Konkreter, Seb«, und ich schaue ihn irritiert an.
»Sofort. Also! Beim ersten Mal lief ich durch einen Wald und vor mir bewegte sich eine verschwommene Figur. Keine Ahnung, wer das sein sollte? Ich konnte nicht mal erkennen, ob es ein Weibchen oder ein strammer Bursche ist. Jedenfalls, so ging der Traum weiter, versuchte ich diese Figur einzuholen…«
»Und? «
»Ist mir nicht gelungen. Wurde ich schneller, wurde es auch dieses Etwas. Es sprang um mich herum, versteckte sich ab und zu hinter einem Baumstamm, kam dann wieder zum Vorschein, hüpfte weiter und weiter…«
»Und weiter?«
»Nichts weiter. Damit endete der Traum, weil ich durch ein Geräusch aufgewacht bin. Autohupe oder sowas!«
»Seb, das sagt mir gar nichts! Und Dir?«, worauf er mit den Schultern zuckt und wieder zu erzählen anfängt.
»Ein paar Tage später. Wieder die gleiche Szene. Wieder die Figur vor mir und wir beide laufen hintereinander durch den Wald. Diesmal winkt sie mir, zu folgen. Also hechel ich hinter diesem unbekannten Etwas her.«
»Du meinst, dieser Typ will Dir etwas sagen?«
»Ja, aber dazu ist es nicht gekommen. Wieder bin ich aufgewacht.«
»Und das hast Du jetzt einige Male geträumt und die Geschichte entwickelt sich nicht?«, frage ich nach.
»So geht das seit etwa drei Wochen. Doch letzte Nacht kehrte der Traum plötzlich zurück. Wieder laufen wir hintereinander her. Wieder winkt mir diese Figur zu, jetzt ist sie aber ein bisschen deutlicher geworden. Ich kann erkennen, dass es sich um einen Mann handelt. Wenn Du mich jetzt fragst, wer das ist? Ich weiß es nicht. Der Kerl besitzt kein Gesicht!«
»Kein Gesicht? Was bedeutet das?«
»Sportschuhe, Jeans, T-Shirt, alles ganz klar und deutlich. Nur wenn er sich umdreht und mir zuwinkt, ist sein Gesicht undeutlich verschwommen. In etwa, wie im Internet die Leute verpixelt werden.«
»Komisch!«
»Ja, ein bisschen gruselig ist das schon! Und ich habe versucht, diesen Mann mit Namen anzurufen, aber meine Stimme versagte augenblicklich. Aber der Traum ging dann weiter. Er winkt mir wieder zu und irgendwann kommen wir aus dem Wald raus auf eine Wiese. Eine riesige Grasfläche, die nicht enden will. Das wars!«
»Und das war letzte Nacht, richtig?«
»Genau! Das war heute Nacht!«
»Klingt für mich komisch und unheimlich. Irgendwie sehr bedrückend«, schüttele ich mit dem Kopf. »Na ja, ich bin kein Psychologe. Vielleicht solltest Du zu einem hingehen!«
»Hab ich mir zuerst auch gedacht. Aber dann habe ich mir gesagt, erst einmal warte ich ab, was weiter passiert. Vielleicht will der mich verführen? Ist bestimmt nett, so ein Abenteuer im Traum! Haha!«
»Das habe ich lieber im Wachem, mein Lieber. Du scheinst ja unter sexueller Flaute zu leiden, Basti.«
»Stimmt. Läuft bei mir nicht viel in der letzten Zeit. Ich bekomme zwar immer wieder eindeutige Angebote im Laden, aber ganz ehrlich: Hab ich keinen Bock drauf!«, erzählt er, während er noch an seinem Kaffee schlürft.
»Stimmt! Dein Freund Kevin ist auch weg, Hast Du mir beim letzten Mal erzählt!«
»Auf Bali und dann will er noch nach Vietnam. Er will sich dort mit Mai treffen.«
»Mit wem?«
»Mai! Kennst Du doch. Die kleine Vietnamesin aus dem alten Laden.«
»Ach die! Die süße Kleine von euch! Ist die nicht mehr da?«, frage ich nach.
»Nö, die ist nach Düsseldorf und hat ein Topangebot von Schwarzkopf angenommen. Da hat sie sofort zugegriffen. Kann man ihr auch nicht verdenken. Wir haben alle im Laden nicht so viel verdient! Aber Kevin…… Oh, guck mal, wer da kommt!«, und er deutet mit dem Finger auf die Straße.
»Überraschung!«, ruft Roland und umarmt uns im nächsten Augenblick. »Wo kann man euch sonst finden als im Cafe Gnosa. Finn, ich komme gerade von Dir. Ist niemand zu Hause. Darauf habe ich meine Tasche unten im Lokal gelassen und bin hierhin.«
»Du siehst richtig windschnittig aus, Roland«, scherzt Sebastian.
»Jo, ich trainiere auch für Berlin! Den schlappen Finn konnte ich nicht überzeugen, mitzumachen. Sitzt lieber beim Labern im Gnosa, ganz offensichtlich!«
»Na, na! Ist auch eine anstrengende Tätigkeit, mein Bester. Aber lass Dich erst einmal anschauen. Du hast ja wirklich einige Kilo verloren. Sportlich, sportlich, mein Freund. Ich hatte Dich erst für später auf dem Zettel.«
»Tschüs, ihr Süßen! Ich muss jetzt wieder schuften gehen!«, verabschiedet sich Seb von uns.
»Wir können gleich einmal auf die Runde, Finn. Wenn Du nichts vorhast?«, meldet sich Roland zurück.
»Da bin ich bei Dir. Erst einmal den letzten Schluck Kaffee und dann runter an die Alster.«
Gesagt, getan. Zuerst nach oben zu mir, rein in die Sportsachen und ab an die Alster. Und tatsächlich, habe ich sonst Roland immer im Sack gehabt, legt er bereits nach einigen hundert Metern ein paar Steigerungsläufe ein, worauf ich nur noch seine Hacken wahrnehmen kann. Respekt und gleichzeitig oh, denn er erinnert mich auch wieder mehr zu tun. In der nächsten Zeit! Na klar, er scheint meine Gedanken gehört zu haben, denn sofort dreht er sich mir auffordernd zu und lacht. Bekomme ich gerade ein Déjà-vu aus Sebs Traum von vorhin?
Später zu Hause.
»Sag mal, Finn! Gibt es etwas Neues zu Kyras Unfall?«
»Nicht so wirklich außer, dass es sich um einen hellen Golf aus Dänemark handeln soll. Der Halter heißt Erik Rasmussen. Er hat sein Auto hier in HH als gestohlen gemeldet. Ansonsten Fehlanzeige! Nichts.«
»Wollen wir zu dem Kollegen später hingehen, oder jetzt gleich?«
»Können wir erledigen. Es sind ja nur ein paar Schritte.«