Bürgerlich, christlich, sucht ... - Klaus Kelle - E-Book

Bürgerlich, christlich, sucht ... E-Book

Klaus Kelle

4,9

Beschreibung

Die Geschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg ist eine Erfolgsgeschichte. Das Land der Dichter und Denker steht bestens da: Nie waren so viele Menschen sozialversicherungspflichtig in Lohn und Brot, nie war das durchschnittliche Einkommen der Bürger so hoch, nie standen Bürgerrechte, Datenschutz, bewusstes und gesundes Leben so hoch im Kurs wie heute. Die Wirtschaft brummt, es herrscht Frieden, die Auftragsbücher der Unternehmen sind voll. Dennoch haben viele Deutsche das Privileg, in diesem Staat zu leben, zu schätzen verlernt. Warum? Klaus Kelle, seit über 30 Jahren Journalist in Deutschland, hat ein Wut-Buch geschrieben. Warum verachten so viele Bürger dieses Land, seine Institutionen und Repräsentanten? Warum sind immer weniger Menschen bereit, sich für Deutschland und seine Bürger zu engagieren? Ein Land, das weltweit berühmt ist für seine Organisationsfähigkeit, den Fleiß und die gute Bildung seiner Bürger, für Werte wie Anstand und Zuverlässigkeit, gibt sich zunehmend auf. Traditionsreiche Parteien sind auf rasender Talfahrt. Deutschland steht am Scheidepunkt. Wir schaffen das? Das ist noch längst nicht entschieden.

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Seitenzahl: 221

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Klaus Kelle Bürgerlich, christlich, sucht …

www.fontis-verlag.com

«Fast 40 Jahre lang bin ich meinen Überzeugungen treu geblieben. Bis heute! Aber die Partei und die Kirche, mit denen ich diesen Weg eingeschlagen hatte, die sind inzwischen links an mir vorbeigezogen ...»Klaus Kelle

Klaus Kelle

Bürgerlich, christlich, sucht …

Biete Meinung statt Mitte.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2017 by Fontis – Brunnen Basel

Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Foto Umschlag: Feng Yu / Shutterstock.com E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-454-7 ISBN (MOBI) 978-3-03848-455-4

www.fontis-verlag.com

Inhalt

Vorwort

1. «Sie sehen doch, dass da ein Schild steht!»

2. Von der Vision eines anderen Deutschlands

3. Ein Teil dieses Buches könnte Sie verunsichern

4. Am Wahltag ist Zahltag

5. Familie bleibt die letzte Verteidigungslinie

6. Deutschland und seine Partner in der Welt

7. Der «Kampf gegen Rechts» als Geschäftsmodell

8. Die Lehre vom zerbrochenen Fenster

9. Verschwörungstheorien: Bitte anschnallen!

10. Stinkreich und ohne das Feuer des Glaubens

11. Volkserzieher ohne Bildungsauftrag

12. König von Deutschland – was ich ändern würde

Anmerkungen

Für Menschen wie mich, und es gibt viele da draußen, ist es kalt geworden vor den

Vorwort

Dieses Buch entsteht in einer Zeit, in der der Irrsinn allgegenwärtig wütet. Am Tag, an dem ich diese ersten Zeilen schreibe, bangen wir um die Verletzten eines Selbstmordattentats im mittelfränkischen Ansbach. Der 27-jährige Syrer, den wir in diesem Land aufgenommen haben, wollte nach eigenem Bekunden «Vergeltung üben», weil Deutsche Muslime töten, wie es in einem Bekennervideo heißt.

Drei Tage zuvor hatte ein achtzehnjähriger «Deutsch-Iraner» in München mit einer Handfeuerwaffe die Jagd auf unbeteiligte Passanten eröffnet. Neun tötete er, bevor er sich selbst richtete. Sein jüngstes Opfer war vierzehn Jahre jung. Einen islamistischen Hintergrund dieses Mordens gab es nicht. Der Amoklauf eines depressiven Jungen war eher inspiriert durch den norwegischen Massenmörder Anders Breivik, der genau fünf Jahre vor der Bluttat vor dem Münchner Supermarkt am 22. Juli 2011 in Oslo und Utøya 77 Menschen tötete, davon 32 unter achtzehn Jahren.

Einen Tag später tötete ein 21-jähriger Asylbewerber aus Syrien in Reutlingen eine schwangere Frau und verletzte fünf weitere Menschen. Eine Beziehungstat, heißt es.

Fünf Tage zuvor kommt es in einer Regionalbahn nahe Würzburg zu einem Albtraum, wie ihn sich Horror-Autor Stephen King nicht grauenvoller hätte ausdenken können. Ein siebzehnjähriger Junge aus Afghanistan greift im Zugabteil mit einem Beil und einem Messer Fahrgäste an. Er hat eine Fahne des IS dabei, des sogenanntem «Islamischen Staates», wie sich die größte Serienmörder-Veranstaltung auf diesem Planeten nennt. Und er schreit «Allahu Akbar».

Das ist Arabisch, heißt «Allah ist groß» und ist der Schlachtruf der Mörder und Cheerleader Allahs, den seit dem 11. September 2001 jeder rund um den Erdball kennt. Man könnte sagen, dass «Allahu Akbar» es wert ist, in den deutschen Duden aufgenommen zu werden, so geläufig ist dieser Begriff inzwischen.

Im Namen Allahs glaubte auch Anis Amri zu handeln, ein junger Mann aus Tunesien, der in Deutschland als Flüchtling aufgenommen wurde, am 19. Dezember 2016 mit einem Lastwagen in die Menge am Berliner Breitscheidplatz raste und dabei zwölf Menschen tötete und etwa 50 teilweise schwer verletzte.

Amri lebte unter vierzehn verschiedenen Identitäten in Deutschland, wurde überwacht, war Gegenstand einer Besprechung im Terror-Abwehrzentrum der Bundesregierung in Berlin. Und niemand konnte ihn stoppen, bevor er mit dem Morden begann. Seine atemberaubende Geschichte wird in diesem Buch erzählt. Ein Dokument staatlichen Versagens und ein klarer Hinweis auf das, was unserem Land in Zukunft noch droht, wenn die Verantwortlichen nicht irgendwann endlich umsteuern.

Die Kuba-Krise habe ich – damals drei Jahre jung – nicht bewusst mitbekommen. Den «Deutschen Herbst», als der linksradikale Terrorismus unsere Gesellschaft und seine Repräsentanten bedrohte, herausforderte und viele tötete, habe ich begriffen. Doch richtig Angst hatte ich damals nicht. Ich war ja auch nicht das Ziel. Das ist jetzt anders.

Berlin, Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach – das sind nur Zwischenstationen auf einer langen Auseinandersetzung, die unsere Gesellschaft, ihre Art zu leben und zu glauben, auf Jahre bedrohen wird. New York und Washington, London, Dscherba, Moskau, Tel Aviv, Istanbul, Madrid, London, Bali, Paris, Brüssel, Nizza, Rouen … Die Liste scheint endlos. Und es gibt keinen Platz auf Erden, wo die Irren nicht jederzeit zuschlagen können, die meinen, im göttlichen Auftrag des Propheten Mohammed so viele Menschen töten zu können, wie es eben geht. Wahllos. Und das absolut Perverse dabei ist, dass die meisten ihrer Opfer selbst Muslime sind.

Ja, der islamistische Terror ist jetzt zweifellos die größte Herausforderung für uns Menschen in den westlichen Ländern. Weil er unbarmherzig ist, skrupellos und grenzenlos gewalttätig. Auch die Killer der linksradikalen Roten Armee Fraktion waren menschenverachtend, so wie die Schlägertrupps und Zündler der sogenannten Antifa, die heute in diesem Land auf Wohlwollen und finanzielle Unterstützung von Teilen des politischen Establishments rechnen können. Oder die Mörder vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), diese Herrenmenschen-Darsteller, die meinten, das Recht zu haben, Ausländer, bevorzugt hier lebende Türken, die einfach ein normales und friedliches Leben leben wollten, umzubringen. Peng! Einfach so …

Doch dieses Buch handelt nicht nur von den neuen und alten Bedrohungen unserer Gesellschaft und ihrer Bürger durch Extremisten und Gewalttäter. In erster Linie, und das drückt der Titel aus, handelt es von der zunehmend heimatlosen bürgerlichen Mitte. Von den Leuten, die einfach in Ruhe gelassen werden wollen, ein «kleines alltägliches Glück» leben wollen, wie das die niederländische Feministin Anja Meulenbelt in anderem Zusammenhang mal schön formuliert hat.

Dieses Buch handelt von der Entfremdung der viel zitierten «bürgerlichen Mitte» von ihren Parteien. Es handelt von der Entfremdung vieler ganz normaler Menschen von diesem Staat, aber besonders von seinen politischen Repräsentanten. Demoskopen haben schon vor langer Zeit festgestellt, dass Berufspolitiker eine der am wenigsten gelittenen Berufsgruppen im Ansehen unserer Mitbürger sind. Und gleich daneben Leute wie ich: «Systemjournalisten …»

Nicht wenige CDU-Politiker haben inzwischen festgestellt, dass nicht sie sich geändert haben, sondern das Koordinatensystem unter der Parteichefin Angela Merkel. Die ist zweifellos eine kluge Frau, aber sie «hat keinen politischen Kompass», wie wirklich oft in Runden konservativer Parteigänger überall im Lande zu hören ist, wenn über die Merkel'schen Transformationen der CDU zu einer «modernen Großstadtpartei» gesprochen wird, die «urbane Milieus» in den Fokus des Interesses rücken will.

Das Dumme dabei: All die Vertriebenen und Mittelständler, Landwirte und Katholiken, die der Partei jahrzehntelang die Treue gehalten, Plakate geklebt und brav ihre Kreuzchen in der Wahlkabine gemacht haben, tanzen gar nicht mit, wenn Stadtoberhäupter auf dem Wähler-Ticket der Union beim «Christopher Street Day» mit der Regenbogenfahne vorneweg schunkeln.

Zu den unumstößlichen Weisheiten der Parteistrategen der CDU in der Ära Merkel gehört immer, dass man sich beim Modernisieren um die abschmelzenden Konservativen nicht kümmern müsse, denn «die können ja nichts anderes wählen als uns». Das ist vorbei.

Mit der Alternative für Deutschland (AfD) ist eine neue politische Kraft in der Manege erschienen, die nach meiner Überzeugung auch eine weitere unumstößliche Wahrheit der hippen Partei-Strategen mit den Designerbrillen im Adenauer-Haus zerstören werden. Dort glauben nämlich immer noch manche daran, dass die AfD ein vorübergehender Unfall ist, laut und ärgerlich, aber keine Bedrohung auf lange Sicht. Das wird ein böses Erwachen bei den «Spin Doctors» in Berlin geben. Millionen Wähler in Deutschland suchen in unsicheren Zeiten etwas anderes. Und ihnen ist gleichgültig, ob die AfD irgendwie «rechts» ist oder welche Jacken ihre Repräsentanten zu tragen pflegen; sie werden sich kaum davon abhalten lassen, ganz einfach zu wählen, was sie wollen.

Und damit kommen wir zur FDP, der derzeit schwachbrüstigen liberalen Kraft, die aber unser Land meiner Meinung nach auch in Zukunft gut gebrauchen kann. Weil es wichtig ist, dass jemand gegen den allumfassenden Staat, seine Regeln, seine Vorschriften und seine Verbote ankämpft. Freiheit ist das Entscheidende, was eine Gesellschaft wie unsere ausmachen sollte.

Bei der Bundestagswahl 2013 stimmten etwa zwei Millionen Wähler mehr für CDU/CSU, FDP und AfD als für SPD, Linke und Grüne. Natürlich kann man diese Formationen nicht rein mathematisch betrachten. Aber es ist interessant, was der bekannte CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach in seinem aktuellen Buch über den Wahlabend in Berlin in diesem September 2013 schreibt:

«Daher habe ich mich über den grenzenlosen Jubel im Konrad-Adenauer-Haus mehr als nur gewundert. Hatte denn dort niemand bemerkt, dass wir unser wichtigstes Wahlziel – Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition – glatt verfehlt hatten? Nicht nur das: Unser Koalitionspartner FDP war aus dem Parlament herausgeflogen, und es gab im Bundestag plötzlich eine linke parlamentarische Mehrheit.»1

Und die gibt es auch heute noch, und wenn es schlecht läuft für die bürgerliche Mitte, wird es sie auch bei kommenden Bundestagswahlen geben.

Für Menschen wie mich, und es gibt viele da draußen, ist es kalt geworden vor den Toren der etablierten Politik. Wir sind noch viele, aber das aktuelle Establishment legt keinen Wert mehr auf uns verknöcherte Spießer, die jeden Sonntag bei Wind und Wetter in die Kirche gehen, die ihre eigenen Kinder noch selbst wenigstens ein Stück des Weges ins Leben begleiten möchten und dabei sein wollen, wenn sie die ersten Schritte gehen oder «Papa» sagen statt «Uschi aus der Kita». Die gut gelaunt auf einem Weihnachtsmarkt in Deutschland mit Freunden Glühwein trinken wollen, ohne im Hinterkopf daran zu denken, ob wohl gleich ein durchgeknallter Gast unseres Landes mit einem Lkw um die Ecke biegt oder ob eine bestens organisierte Bande aus Osteuropa in der Zwischenzeit unsere Wohnung ausräumt, während wir noch ein paar gebrannte Mandeln zu uns nehmen.

Dieses Buch handelt von all dem, was derzeit schrecklich in die falsche Richtung läuft. Es beschreibt die Irrwege der politisch Verantwortlichen in unserem Land. Das aufflammende Denunziantentum gegen alles, was nicht irgendwie «links» ist. Mit Messer und Gabel essen – Rechtspopulist! In einen Gottesdienst gehen – religiöser Fanatiker! Zuwanderer – alles Lehrer und Ingenieure!

Dieses Buch handelt von der latent wachsenden Bedrohung unserer Freiheit, vom Verlust der Werte, von lähmender politischer Korrektheit, von einem selbst verschuldeten Vertrauensverlust etablierter Medien (nicht allen!) und vom Versagen der Verwaltungskirchenapparate, denen in Deutschland sichtbar jegliches Feuer für die Lehre des Zimmermanns namens Jesus Christus abhandengekommen ist. Auch wer – frei nach Habermas – religiös nicht musikalisch ist, sollte sich über dieses Thema Gedanken machen angesichts anderer Religionen, die bei uns an Boden gewinnen.

Seit meinem sechzehnten Lebensjahr bin ich politisch interessiert und engagiert. Als Deutschland unter Willy Brandt mit der sozialliberalen Koalition die Öffnung nach Osten einleitete. Ich war strikt gegen diese Politik und bekämpfte sie mit Flugblättern und Aufklebern an Straßenschildern. Seit 32 Jahren bin ich mit großer Leidenschaft Journalist, habe wie so viele als Lokal- und dann als Polizeireporter, als politischer Berichterstatter in Berlin und Düsseldorf gearbeitet.

Aufgewachsen bin ich in der ostwestfälischen Provinz in einem kleinbürgerlichen Elternhaus. Ganz unspektakulär und normal, ein Kind dieser Zeit eben. Ich war immer bürgerlich und auch tolerant, obwohl … gegen den ein oder anderen Sozi nicht. Aber es war eine anständige Gegnerschaft, die noch Platz ließ für gemeinsame Abende mit Andersdenkenden beim Weizenbier.

Schnell wurde mir klar, dass ich wohl eher ein Konservativer in der Mitte unserer Gesellschaft war. Und bei manchen Themen auch ein Liberaler. Und ein Christ. Alles, was mal zur Mitte gehörte. Ich habe meine wesentlichen Prinzipien in all diesen Jahren nicht verändert. Damit war seit vierzig Jahren die CDU immer meine eigentliche politische Heimat. Doch heute fühle ich mich heimatlos. Nicht, weil ich meinen Standpunkt geändert hätte, sondern andere ihren. Und sehr viele Menschen da draußen haben genau die gleiche Erfahrung gemacht wie ich.

Ich bin ein Freund der offenen westlichen Gesellschaften. Ich mag die Freizügigkeit hier, die Marktwirtschaft und vor allem die Freiheit zu sagen, zu schreiben und zu lesen,

Kapitel 1 «Sie sehen doch, dass da ein Schild steht!»

Ich bin Patriot. Ich bin froh, in diesem Land leben zu dürfen. Bürgerlich? Liberal-konservativ? Stecken Sie mich gern in irgendeine Schublade! Das bin ich gewohnt. Linken bin ich in der Regel zu rechts, Konservativen bin ich viel zu liberal, Evangelischen bin ich zu katholisch und katholischen Traditionalisten bin ich zu unkonventionell. Damit kann ich gut leben.

Ich bin ein Freund der offenen westlichen Gesellschaften. Ich mag die Freizügigkeit hier, die Marktwirtschaft und vor allem die Freiheit zu sagen, zu schreiben und zu lesen, was ich möchte. In demokratisch verfassten Staaten wie Deutschland kann ein Bürger gegen die eigene Regierung klagen und sogar gewinnen.

Genau das ist der Grund, warum ich unser politisches System vom Grundsatz her als das beste auf diesem Planeten ansehe. Freiheit ist mein persönliches Leitmotiv für alles andere, und Kollektivismen sind mir ein Gräuel. Der Staat, in dem ich lebe, soll einen Rahmen für das Zusammenleben seiner Bürger schaffen. Aber er soll seine Bürger nicht bevormunden, nicht erziehen, nicht gängeln.

Ich brauche keine Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamtes, die ungefragt in unserer Mülltonne schnüffeln, ob Familie Kelle den Abfall entsprechend den Vorschriften trennt. «Müll-Stasi», so bezeichnete «Spiegel TV» diese Praxis in einem Beitrag über mehrere Kommunen einmal treffend.

Ich brauche auch keine Super-Behörde in Brüssel, die mir vorschreibt, welche Glühbirnen ich benutzen darf und wie die Krümmung von Gurken oder die Größe von Fischfangnetzen zu normieren ist.

Ich brauche keinen Staat, der mir beim Bau eines Hauses nicht nur vorschreibt, wie viele Bäume ich auf meinem eigenen Grundstück pflanzen muss, sondern auch noch, welche Art von Bäumen es denn sein darf.

Und wenn ich nach einigen Jahren meinen eigenen, von mir gepflanzten und bezahlten Baum fällen möchte? Dann kommt ein von meinem Steuergeld bezahlter Staatsdiener aus dem Rathaus und entscheidet darüber, ob ich das mit dem von mir gekauften, bezahlten und gepflanzten Baum machen darf oder nicht.

Es ist nur ein kleines Randthema hier, aber wir haben verlernt, über den alltäglichen Irrsinn in unserem Land überhaupt noch nachzudenken. Was lassen wir alles hierzulande widerspruchslos zu, wo es in Frankreich oder den Vereinigten Staaten brennende Mülltonnen und Barrikaden auf den Straßen gäbe, wenn dort Verwaltungen auch nur darüber nachdenken würden, ihre Bürger mit solchen Vorschriften zu behelligen.

In meiner wöchentlichen Kolumne «Politisch inkorrekt» in der Tageszeitung Rheinische Post schrieb ich als Beispiel für solche Idiotie einmal ein Erlebnis vor einer Sparkassen-Filiale im beschaulichen Städtchen Tönisvorst am Niederrhein auf. Weil der benachbarte Parkplatz mit zehn Stellflächen komplett besetzt war, stellte ich mein Auto direkt vor der Sparkasse ab, wo es ein eingeschränktes Halteverbot gab. Ich eilte an den Auszugsdrucker, nahm dreißig Sekunden später meine Kontoauszüge in Empfang und hastete aus dem Gebäude. Der Gesamtvorgang dauerte maximal neunzig Sekunden. Neben meinem Auto hatte sich inzwischen ein Mann, an der Kleidung erkennbar vom Ordnungsamt, aufgebaut und schrieb ein «Knöllchen» wegen Falschparkens. Auf meine höfliche Frage, ob das wegen einer solchen Lappalie wirklich nötig sei, da ich niemanden behindere oder zuparke, zeigte er sich uneinsichtig mit einem unschlagbaren Argument: «Sie sehen doch, dass da ein Schild steht!»

Ja, das sah ich. Und irgendwer hatte es da aufgestellt. Aber warum dort ein Schild steht, demzufolge Kunden der Sparkasse ohne jeden erkennbaren Grund nicht parken dürfen, das wusste auch der Knöllchen-Mann nicht. Ich nahm mein Schicksal an und zahlte auch zwei Wochen später die zehn Euro Bußgeld. Man ist ja schließlich Staatsbürger.

Aber als Journalist habe ich wenigstens das Privileg, über solche Erlebnisse einem größeren Publikum erzählen zu dürfen. Und was passierte? Ich wurde überschüttet mit empörten Mails, was für ein Verkehrsrowdy ich wohl sei. Ich wurde ernsthaft persönlich beleidigt, man wünschte mir beim nächsten Mal den gebührenpflichtigen Abschleppdienst an den Hals, Bußgelder nicht unter 150 Euro. Und hätte jemand meine öffentliche Auspeitschung gefordert, es wäre bei vielen Mitbürgern wohl mehrheitsfähig gewesen.

Ja, so ist unser sympathisches Deutschland eben auch. Wenn da ein Schild steht, muss man gehorchen. Hätte auf dem Schild gestanden: «Zünden Sie bitte Ihr Fahrzeug an!» – ich bin sicher, mancher hätte es getan. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Politiker und Verwaltung den Bürgern dienen und sie nicht mit möglichst vielen Regeln einschränken, gängeln und drangsalieren.

Als ich Kind war und Jugendlicher wurde – vielleicht gibt es da einen genetischen Zusammenhang zum beschriebenen Freiheitsdrang –, begriff ich irgendwann, dass die Kelles eine FDP-Familie waren. Mein Vater war, so wie alle anderen Onkels von mir, selbständig. Kein Mittelständler mit ein paar Dutzend Angestellten, sondern ein Gewerbetreibender, wie man das in Verwaltungsdeutsch nennt. «Ernst Kelle Industrievertretungen» stand auf dem Briefkopf des Ein-Mann-Betriebes, der Stahl und Lacke für Industrie-Betriebe handelte.

Wir lebten gut von den Provisionen meines Vaters, ohne wirklich reich zu sein. Wir hatten ein ordentliches Leben und ich eine schöne Kindheit. Wir besaßen einen Volvo, freitags schauten wir gemeinsam «Aktenzeichen XY … ungelöst» im ZDF, ab und zu kamen befreundete Familien vorbei, und wir aßen zusammen Käsewürfel und belegte Brötchen. Im Sommer fuhren wir mit dem Wohnwagen nach Norderney. So ähnlich, wie es damals in den Siebzigern in Deutschland bei vielen Familien war.

Ich hatte eine schöne Kindheit, oder andersrum: Waltraud und Ernst waren gute Eltern. Okay, als ich Journalist werden wollte, waren sie nur zurückhaltend begeistert. Eigentlich hatten sie sich für ihren einzigen Sohn eine Rechtsanwaltskanzlei gewünscht. Jurist – das ist schon was … oder so.

Und als ich in den Achtzigern nach reiflicher Überlegung und Prüfung beschloss, meine Eltern beim Mittagessen darüber zu informieren, dass ich als Einziger in einer seit Jahrhunderten evangelischen Familie zum Katholizismus konvertieren werde, ließ mein Vater – kein Witz – im gleichen Augenblick Messer und Gabel fallen. Sie waren bis auf den Gottesdienst-Besuch am Heiligen Abend in der kleinen reformierten Kirche von Sylbach (Bad Salzuflen) nicht sonderlich religiös. Dass aber ihr einziger Sohn nun Papst Johannes Paul II. persönlich für sich entdeckt hatte, behagte ihnen überhaupt nicht. So etwas «macht man nicht» im protestantischen Lippe. Und was würden die Nachbarn dazu sagen? Zur Heiligen Messe anlässlich meiner Aufnahme in die römische Kirche drei Jahre später kamen sie trotz meiner Einladung nicht.

Meine Eltern wählten regelmäßig die Liberalen. Meine Mutter sorgte dafür, dass ich anständig erzogen wurde, morgens pünktlich zur Schule ging und meine Hausaufgaben machte. Mein Vater war stolz auf seinen Jungen und gewährte mir viele Freiheiten, die andere Kinder nicht hatten, etwa wenn es darum ging, abends meine Lieblingsserie im Fernsehen («Solo für O.N.C.E.L.») bis zum Schluss sehen zu dürfen, eine Agenten-Schmonzette, die wohl meine spätere Vorliebe für die James-Bond-Reihe vorbestimmte.

Dauerhaften Streit bei uns zu Hause gab es nur bei einem Thema: der Länge meiner Haare. Mein Vater, Weltkriegs-Teilnehmer, Stuka-Pilot und nach dem Krieg drei Jahre in sibirischer Gefangenschaft, hatte sich nie so in seinen Überzeugungen und in unserer spießbürgerlichen Art zu leben bedroht gefühlt wie während der Studentenrevolte der sogenannten Achtundsechziger.

Rudi Dutschke und die Seinen, das waren für ihn «Revoluzzer», Kommunisten, «Hasch-Brüder» und … ja, Langhaarige. Mein Vater hat immer zu mir gehalten. Hätte ich ein Auto geknackt, eine Bank überfallen oder ein Haus angezündet – ich bin bis heute überzeugt, er hätte sich zu mir gestellt und mir den Rücken gestärkt. Aber lange Haare? Das ging gar nicht.

Ohne Spaß: Ich habe eine Zeitlang wirklich darunter gelitten, dass alle meine Freunde auf dem Schulhof coole Frisuren wie Winnetou oder Che Guevara hatten, während ich so einen Kurzhaarschnitt mein Eigen nennen musste.

Als ehemaliger russischer Kriegsgefangener war mein Vater in einer Überzeugung festgelegt, die auch bei mir unbestreitbar eine gewisse Prägung hinterließ. Russland kann man nicht trauen, und da wir gleich dabei sind: Willy Brandt auch nicht, weil (O-Ton meines Vaters damals) der «uns an die Russen verkauft».

Mein Vater starb vor sechzehn Jahren, und ich bin nicht mehr dazu gekommen, ihm zu sagen, dass ich heute überzeugt bin, dass der Kniefall Brandts 1970 in Warschau eine absolut richtige und großartige Geste des deutschen Bundeskanzlers vor den Augen der ganzen Welt gewesen ist. Und ich hätte auch gern noch versucht, ihn davon überzeugen, dass die Ostpolitik Brandts mit der sozialliberalen Koalition der erste große und richtige Schritt der Bundesrepublik auf dem langen Weg zur deutschen Wiedervereinigung war. Ich weiß nicht, ob er meine Meinung dazu geteilt hätte, aber ich halte es für möglich.

Als in der Sowjetunion Gorbatschow «ans Ruder kam», wie man das in meiner lippischen Heimat sagen würde, war mein Vater das einzige Mal überhaupt fasziniert von Russland. Eigentlich hatte er sich angewöhnt, russischen Politikern grundsätzlich kein Stück weit über den Weg zu trauen. Aber Gorbatschow und seine wirklich bezaubernde Frau Raissa waren so weltgewandt, so charmant und auch so freundlich gegenüber Deutschland und seinen Einwohnern, das beeindruckte ihn und dann zunehmend auch mich zutiefst.

Zwischendurch gab es noch ein anderes Ereignis, das mein weiteres Leben prägen sollte, obwohl ich es als Zehnjähriger noch gar nicht wusste. Die erste Koalition aus SPD und FDP zerstörte das Grundvertrauen meines Vaters in die Liberalen. Erich Mende, Vorsitzender der Freien Demokraten von 1960 bis 1968, war bei uns zu Hause lange ein Held. Offizier, stellvertretender Regimentskommandeur einer Infanterie-Division im Zweiten Weltkrieg, Träger des Ritterkreuzes, des Eisernen Kreuzes. Das gefiel meinem Vater, der als Soldat selbst ein paar Auszeichnungen überreicht bekommen hatte. Bis zu seinem Tod hingen die Urkunden an der Wand unseres Esszimmers.

Als nach der Bundestagswahl 1969 aber die FDP unter ihrem neuen Vorsitzenden, dem 2016 verstorbenen ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel, eine Bundesregierung mit der SPD Willy Brandts formierte, brach in unserer Familie eine Welt zusammen. Die furchtbare Vision eines Kanzlers, der Deutschland «an die Russen verkauft», schien Wirklichkeit zu werden. Nun, wurde es nicht, und ich habe nicht zuletzt aus diesem damaligen Erleben gelernt, dass «nichts so heiß gegessen wird, wie man es kocht». Auch eine dieser Binsenweisheiten. Aber Kelles, und ich bin sicher: auch die Familien einiger Onkels, wurden zu Überläufern. Fortan wurde bei uns die CDU gewählt.

Dieser kleine Einblick in meine Familie ist gleichzeitig der Spiegel eines ganz normalen Milieus, in dem die Jahre nach dem Krieg für meine Eltern und viele andere Deutsche zu einem goldenen Zeitalter wurden. Der Krieg war vorbei, der Wiederaufbau unter schweren Bedingungen wurde zu einer großen Erfolgsgeschichte.

Das «Wirtschaftswunder» brachte im Zusammenspiel mit der von Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) zur Praxisreife entwickelten Sozialen Marktwirtschaft und der Unterstützung des ehemaligen Kriegsgegners von jenseits des Atlantiks den Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten zurück.

Man fuhr nach Italien oder Österreich in den Urlaub, liebte den schrägen Humor Heinz Erhardts («Hinter eines Baumes Rinde lebt die Made mit dem Kinde …») und Hans-Joachim Kulenkampff, der in den Augen meiner Eltern zwar ein Sozi, aber auch ein begnadeter Moderator der Fernsehshow «Einer wird gewinnen» war … Deutschland war zurück auf der großen Bühne. Das «Volk der Täter», wie manche Historiker sagten, hatte die Kriegsjahre zumindest wirtschaftlich besser überstanden als manche der Siegermächte.

Erst sehr spät am Ende seines Lebens begann mein Vater, mir ein wenig vom Krieg und seiner Gefangenschaft zu erzählen. Nicht viel und schon gar nichts über seine politischen Gedanken als Neunzehnjähriger. Aber dann im Sommer vergangenen Jahres passierte, was so manchmal halt passiert. Ein Onkel aus dem Ausland, einer der Brüder meines Vaters, ruft an und bittet mich, ein lange verschollenes Dokument zu suchen, das er benötige. Zusammen mit meiner damals neunzigjährigen Mutter setzten wir uns an alte Kisten, die ich aus dem Keller peu à peu heraufschleppte.

Das Dokument, das sich mein Onkel erhoffte, fanden wir nicht. Aber ein anderes, das meinen Vater betraf.

Der hatte sich am 20. Februar 1938 an die Verwaltung seiner Heimatstadt Lage gewandt und um eine Stelle im Öffentlichen Dienst beworben. Am 18. März 1938 schickte der Bürgermeister, ein Nazi, die Bewerbungsunterlagen zurück. Mein Vater werde nicht eingestellt, erfuhr er im Brief des Bürgermeisters, weil er «nicht gewillt und bereit» sei, «jederzeit rückhaltlos für den heutigen nationalsozialistischen Staat einzutreten». Wer zu den «Formationen der nationalsozialistischen Bewegung rückhaltend oder abwartend» stehe, dürfe eben in öffentlich-rechtlichen Betrieben nicht beschäftigt werden.

Ich habe den Brief noch mal gelesen und noch mal, und ich war posthum ungeheuer stolz auf meinen alten Herrn.

Sicher wird es einzelne Leute geben, die jetzt denken: Wenn der da nicht eingestellt wurde, dann gab es dafür wohl auch einen Grund. Aber keine Spur davon. Er war einfach nicht in «der Partei». In keiner. Mein Vater war als angehender Erwachsener, wie ich erfuhr, überhaupt nicht politisch, sondern ein junger Mann, den man wie Millionen andere in einen wahnsinnigen Krieg geschickt hat. Er war Pilot, hatte sich den Traum vom Fliegen als Segelflieger erfüllt und fand sich irgendwann im Cockpit eines Kampfbombers an der Ostfront wieder. Am Himmel über der Krim. Ausgerechnet. Dann Kriegsgefangenschaft. Wie so viele.

Unvergessen ist mir ein Satz, den er mir, als ich noch ein Junge war, mal sagte. Sinngemäß: «Wir wussten schon 1944, dass der Krieg verloren ist. Aber wir haben weiter unseren Dienst gemacht, damit die Rote Armee nicht bis an den Rhein durchmarschiert.»

Ein Soldat, einer von Millionen Soldaten. Junge Männer aus Deutschland, aus England, Frankreich oder Russland. Wollten sie in den Krieg ziehen? Viele erst mal sicherlich. Aber ich glaube, es ging den meisten nicht um Politik, um eine mörderische Ideologie, sondern um ihr Verhältnis zum eigenen Land. Man dachte, man müsse eine Pflicht erfüllen. Man wollte ein Patriot sein, der sein Vaterland liebt. Und das ist wahrlich nichts grundsätzlich Schlechtes, auch wenn diese jungen Männer in Deutschland von einem Verbrecherregime missbraucht wurden.

Deutschland heute, die moderne und in Sachen politischer Partei-Farbspektren und «Alles geht»-Mentalität inzwischen vielleicht schon allzu bunte Republik mit 82 Millionen Einwohnern im Herzen des europäischen Kontinents, ist wirtschaftlich ein Riese, vor dem keiner mehr Angst haben muss. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass nun auch Feinde Deutschlands keine Angst mehr vor uns haben. Die Feinde von außen wie etwa die Fanatiker von Al-Kaida oder des IS, die uns alle im Westen zurück in die Steinzeit bomben wollen. Und die Feinde im Innern, die traditionelle Strukturen und Überzeugungen politisch zerstören wollen.

Von den vielen Themen, die da zu nennen sind, ragt eines heraus: der Großangriff auf die traditionelle Familie, die zu Recht als Keimzelle einer funktionierenden Gesellschaft bezeichnet wird. Mit der leise und lange unbemerkt in die freien Gesellschaften des Westens und damit auch in unser Land eingesickerten Gender-Ideologie ist die Axt an die Wurzel unserer Gesellschaft(en) gelegt worden.

Das letzte Bollwerk gegen die Allmacht eines Staates, der seinen Bürgern nicht mehr dienen, sondern sie erziehen und verändern will, sind Ehe und Familie. Viele politische Aktivisten arbeiten daran, diese zu banalisieren, sie herabzuwürdigen und zu zerstören. Und fast das Schlimmste: Wir alle finanzieren und organisieren das mit. Deutschland ist wohl das einzige Land auf der Welt – naja, zusammen mit Österreich –, wo Staat und Steuerzahler ihre schlimmsten Feinde fördern. Und anderen die Grenzen öffnet. Aber dazu später mehr.

Als mein erstes Buch Politisch inkorrekt 2013 erschienen war, veranstaltete die Rheinische Post in ihrem Verlagshaus in Düsseldorf eine Lesung mit mir. Ein gut aufgelegter Moderator und ein bestens gelauntes 120-köpfiges Publikum hörten zu und beteiligten sich rege mit Fragen und eigenen Kommentaren zu diesem und jenem Thema. Anschließend wurden Bücher signiert.