Burning Soul (Ein Königreich aus Feuer und Schatten  1) - Hanna Frost - E-Book

Burning Soul (Ein Königreich aus Feuer und Schatten 1) E-Book

Hanna Frost

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Beschreibung

**Jeder fürchtet sie, aber keiner weiß, wer sie ist** Jung, schön und tödlich wie eine scharfe Klinge – das sind die Eigenschaften einer begnadeten Assassinin, so wie Kaida eine ist. Doch seit der grausame Fae-König Oberon im ganzen Land nach rothaarigen Frauen fahndet, muss sie sich im Verborgenen halten und tötet nun Wesen dunkler Magie statt Krieger. Als sie einen neuen Auftrag annimmt, tappt sie ungewollt in eine Falle. Sie wird von einem Fae überwältigt und verschleppt. Kaida stockt der Atem, als sie erkennt, wer ihr Entführer ist: Jace, der Thronfolger der Fae. Der überhebliche Prinz ist im ganzen Land für sein eiskaltes Herz bekannt, aber ausgerechnet Kaidas Anblick scheint etwas in ihm zu schmelzen … Welchen Weg wirst du gehen? Den leichten oder den richtigen? //Dies ist der erste Band der magisch-fantastischen Dilogie "Ein Königreich aus Feuer und Schatten" von Hanna Frost. Alle Bände der Fantasy-Liebesgeschichte bei Impress:  -- Burning Soul (Band 1) -- Iced Ashes (Band 2 erscheint im Oktober 2021)//

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Impress

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Hanna Frost

Ein Königreich aus Feuer und Eis. Burning Soul

**Jeder fürchtet sie, aber keiner weiß, wer sie ist**Jung, schön und tödlich wie eine scharfe Klinge – das sind die Eigenschaften einer begnadeten Assassinin, so wie Kaida eine ist. Doch seit der grausame Fae-König Oberon im ganzen Land nach rothaarigen Frauen fahndet, muss sie sich im Verborgenen halten und tötet nun Wesen dunkler Magie statt Krieger. Als sie einen neuen Auftrag annimmt, tappt sie ungewollt in eine Falle. Sie wird von einem Fae überwältigt und verschleppt. Kaida stockt der Atem, als sie erkennt, wer ihr Entführer ist: Jace, der Thronfolger der Fae. Der überhebliche Prinz ist im ganzen Land für sein eiskaltes Herz bekannt, aber ausgerechnet Kaidas Anblick scheint etwas in ihm zu schmelzen …

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Vita

© privat

Hanna Frost wurde 2001 geboren und kann sich rückblickend an keine Nacht erinnern, in der sie nicht heimlich gelesen oder geschrieben hat. Mit 14 Jahren gründete sie ihren eigenen Literaturblog, fünf Jahre später schrieb sie ihr Debüt. Wenn sie nicht gerade an neuen Geschichten tüftelt oder in Tagträumen versinkt, verbringt sie gern Zeit mit ihrem Hund, plant ihre Reise ins All oder widmet sich ihrem Studium – übrigens in genau dieser Reihenfolge.

Für meine Uroma.Hier ist das Buch, das ich Dir versprochen habe. Ich hoffe, es würde Dir gefallen.

Kapitel 1

»Warum müssen Trolle bloß so verdammte Dickschädel sein?« Frustriert löste Kaida den Griff um ihren Schwertknauf und verschränkte die schmalen Arme vor der Brust. Argwöhnisch glitt ihr Blick über die silberne Klinge, die noch immer im kahlen Schädel des Ungeheuers feststeckte. »Beim nächsten Mal bringe ich dich mit einem Küchenmesser um«, brummte sie zerknirscht.

»Mit Dickschädeln müsstest du dich doch eigentlich auskennen«, rief eine Männerstimme hinter ihr spöttisch. »Im Übrigen macht es wenig Sinn, dem Troll noch zu drohen – der arme Kerl hat es deinetwegen schon lange hinter sich.«

Genervt verdrehte Kaida ihre blauen Augen und wandte sich seufzend zu dem breit gebauten Mann um, der einige Meter hinter ihr auf einem Baumstamm saß. Amüsiert grinste ihr der Dunkelhaarige entgegen, während er einen schmalen Dolch zwischen seinen Fingerspitzen tanzen ließ.

»Du bist so ein Klugscheißer, Elrik. Wenn du eh alles besser weißt, kannst du doch die Klinge für mich herausziehen.«

Lachend verstaute der Mann den Dolch an seinem Waffengürtel. »Bist du nicht diejenige, die immer mit ihrem Können prahlt? Ich dachte, du seist eine berüchtigte Assassine. Hast du bei deinen Aufträgen etwa immer einen geheimen Helfer dabei?«

Kaida schnaubte verächtlich. Der Troll zu ihren Füßen war nichts im Vergleich zu den anderen Wesen, die sie in den letzten Monaten unschädlich gemacht hatte. Hätte Elrik auch nur den leisesten Hauch einer Ahnung, würde er nicht so über sie spotten. Wahrscheinlich würde er stattdessen seine Beine in die Hände nehmen und um sein Leben rennen.

»Bleib sitzen, ich brauche deine Hilfe nicht«, antwortete sie schnippisch und wandte sich ab, um erneut auf den Troll zuzugehen. Ihr Blick glitt abschätzig über seinen ausgestreckten Körper, der ungefähr die Länge einer jungen Tanne besaß. Seine kugelrunden Augen waren so schwarz wie die aufziehende Nacht, sein blasser Körper hingegen verschmolz mit dem Schnee. Sein kolossaler Leib und die spitzen Zähne, die in seinem geöffneten Maul aufblitzten, ließen nach wie vor vermuten, wie gefährlich er einst gewesen sein musste. Kein Wunder, dass die Dorfbewohner ausgerechnet Kaida auf ihn angesetzt hatten. Vermutlich hatten sie bereits geahnt, wer von den beiden Monstern den Kampf für sich entscheiden würde.

Routiniert raffte die Assassine ihr kupferrotes Haar, das ihr in feinen Locken bis zur Taille reichte, in einem Zopf zusammen und knotete es am Hinterkopf fest. Entschlossen stemmte sie einen Fuß gegen den Schädel des Trolls und zog mit aller Kraft am Griff ihrer Waffe. Zunächst schien sich das Schwert keinen Millimeter bewegen zu wollen, doch schließlich brach die Klinge mit einem lauten Knacken heraus. Triumphierend drehte sich Kaida zu Elrik um, der ihren Blick spöttisch erwiderte. »Sein Kopf muss mittlerweile so durchgeweicht sein, dass selbst deine dünnen Ärmchen genug Kraft aufwenden konnten, um die Klinge herauszuziehen.«

»Das war pures Können«, entgegnete sie pikiert und befestigte ihr Schwert wieder an ihrem Waffengürtel, den sie wie immer locker um ihre Hüfte geschnallt trug. Beiläufig klopfte sie sich ein paar Schneeflocken von der schwarzen Lederhose.

»Wie dem auch sei, den Auftrag hätten wir damit wohl erledigt«, hörte sie Elrik hinter sich sagen. »Wir sollten nach Hause gehen, es wird bestimmt bald dunkel. Ich habe keine Lust darauf, noch einem weiteren Zauberwesen über den Weg zu laufen.«

»Wir?«, wiederholte Kaida spöttisch, während sie sich erneut zum Kopf des Trolls hinabbeugte. »Wenn ich mich recht erinnere, habe ich den Troll umgebracht, während du es dir auf dem Baumstamm gemütlich gemacht hast.«

Vorsichtig streckte sie ihre Hände nach dem Kiefer des Ungeheuers aus und zog ihn ächzend auseinander. Als sie sich über sein geöffnetes Maul beugte, stieg ihr ein fauliger Geruch in die Nase. Angewidert verzog sie den Mund und hielt die Luft an. Ein fader Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus und Kaida befürchtete, ihr Frühstück jeden Moment ein zweites Mal sehen zu müssen. Eilig machte sie sich mit dem Dolch an den gelblichen Zähnen des Ungeheuers zu schaffen.

»Was tust du da?«, fragte Elrik hinter ihr neugierig.

»Wonach sieht es denn aus?«, erwiderte sie reserviert.

»Diese Zähne könnten mir noch nützlich sein, zum Beispiel für die Herstellung eines Tranks, der das Gift eines Nixenbisses heilt.«

»Seit wann interessieren uns denn Nixenbisse? Die Viecher kommen doch normalerweise eh nicht hier hoch.«

Kaida schnaubte verächtlich. Normal war hier schon lange nichts mehr.

Ihre Finger schlossen sich um einen der gelockerten Zähne und zogen ihn ruckartig heraus. Sie steckte ihn in die Höhe und drehte ihn langsam im Licht der untergehenden Sonne. Wie ironisch, dass ein Zahn eines Wesens den Biss einer anderen Kreatur unschädlich machen konnte. Ungewollt schweiften ihre Gedanken zu den schuppigen Bewohnern der Seen und Tümpel des Landes ab. Elrik hatte recht, normalerweise gab es hier wirklich keine Nixen. Das Wasser war viel zu kalt und aufgrund der zugefrorenen Seeoberflächen konnte auch keine Beute in die Seen gelangen, die nahrhaft genug für die Seebewohner wäre. So etwas wie ein Elch oder ein Bär zum Beispiel – oder ein Mensch. Zudem wurde der Norden von ihm kontrolliert, und es gab in ganz Tenebris kaum etwas, wovor sich die Nixen mehr fürchteten. Darum hielten sie sich seit dem Krieg vor rund fünfzehn Jahren ausschließlich im Süden des Landes auf. Kaida war sich jedoch nicht sicher, ob es sich unter der dortigen Herrschaft von Fae-König Oberon leichter leben ließ als hier. Der Norden war alles andere als lebensfreundlich, aber immerhin war man hier noch sein eigener Herr.

»Woran denkst du gerade?«, unterbrach Elrik ihre finsteren Grübeleien, doch Kaida schüttelte zunächst nur stumm den Kopf. Sie verstaute den Trollzahn in einem kleinen Beutel, der ebenfalls an ihrem Waffengürtel befestigt war, und drehte sich dann zu dem Schmied um. »Ich habe mich gefragt, ob ich freiwillig unter Oberons Herrschaft leben wollen würde.«

Elrik lachte trocken auf. »Das fragst du dich nicht wirklich, oder? Du würdest diesem arroganten Spitzohr doch bei der erstbesten Gelegenheit an die Gurgel gehen und ihn in das Loch zurückbefördern, aus dem er und seine Bagage gekrochen sind.«

»Stimmt«, erwiderte Kaida grinsend. »Ich würde mir nie wieder etwas zum Geburtstag wünschen, wenn ich dafür die Gelegenheit bekommen würde, mich persönlich an ihm zu rächen.«

»Würde dir sein Sohn auch reichen oder muss es gleich der König selbst sein?«, fragte Elrik eine Spur zu neugierig.

Kaida wusste, dass er den Prinzen noch weniger leiden konnte als dessen Vater. Er hatte ihr mal erzählt, dass ihn ein Mädchen abgewiesen hatte, mit der Begründung, dass sie lieber auf den Prinzen warten wolle. Kaida hatte darüber nur müde den Kopf geschüttelt. Das feine Prinzlein würde sich niemals in den Norden begeben, auf ihn zu warten war reine Zeitverschwendung. Außerdem gehörte er zum verhassten Volk der Fae, ganz zu schweigen von den miesen Charakterzügen, die ihm im ganzen Land nachgesagt wurden.

Trotzdem konnte sie den Mädchen des Dorfes nicht verübeln, dass sie den jungen Mann glorifizierten und mit naiven Träumereien umsponnen. Die meisten alleinstehenden Kerle im Dorf waren alt, außerdem verbrachten sie ihre Abende meist trinkend im Wirtshaus und die Tage pöbelnd in zwielichtigen Gassen. Bei dieser Auswahl war es irgendwie verständlich, dass die jungen Frauen darauf hofften, eines Tages von einem gut aussehenden und charmanten Prinzen gerettet zu werden – nur, dass es diesen Prinzen außerhalb ihrer Traumwelt nicht gab.

Im Gegensatz zu den anderen Mädchen kannte Kaida nicht nur die Gerüchte über das atemberaubende Aussehen des Prinzen oder die Geschichten über seine anziehende Aura. Sie kannte auch seine Beinamen und die furchteinflößenden Erzählungen, die sich um seine Gabe rankten. Soweit sie das beurteilen konnte, kam der Titel Prinz mit dem Herzen aus Eis nicht von ungefähr.

Vielleicht sollte sie den Frauen im Dorf noch mal ins Gewissen reden und ihnen raten, auf das Assassinen-Dasein umzuschulen. In Unabhängigkeit von Männern lebte es sich sowieso viel angenehmer – Kaida sprach da aus Erfahrung. Allerdings bezweifelte sie, dass ihr die Frauen Gehör schenken würden …

»Hey, Kaida, bist du noch anwesend?«

Überrascht hob sie ihren Blick und blinzelte Elrik an, der sich mit verschränkten Armen vor sie gestellt hatte. »Sag bloß nicht, dass du diesem Schönling ebenfalls verfallen bist.«

»Nein, natürlich nicht!«, erwiderte sie hastig. »Ich werde jeden Fae töten, der leichtsinnig genug ist, um sich in den Radius meiner tanzenden Klingen zu trauen – da mache ich gar keinen Unterschied. Aber Oberon wäre mir trotzdem am liebsten, schließlich haben er und ich noch eine Rechnung offen.« Sie zwinkerte Elrik verschwörerisch zu, ehe sie sich an ihm vorbeischob und auf einen schmalen Waldweg zuhielt, der seitlich von der Lichtung abging. Hinter ihr knirschte der Schnee unter den schweren Schritten des Schmiedes. Als sie sich kurz zu ihm umdrehte, fiel ihr Blick erneut auf den blassen Körper des Ungeheuers, der im untergehenden Licht der Sonne beinah golden schimmerte. Wie lange es wohl dauern würde, ehe jemand den Leichnam fand?

Kurz überlegte sie umzukehren und den Koloss in Flammen aufgehen zu lassen, doch je länger sie darüber nachdachte, desto sinnloser erschien ihr die Idee. Ihre Verfolger würden sowieso wissen, wer den Troll erlegt hatte. Eine riesige Rauchsäule in einem verschneiten Wald würde nur noch mehr Aufmerksamkeit erregen. Kopfschüttelnd drehte sich Kaida um und ließ die Lichtung hinter sich.

Sie hatten bereits ein gutes Stück Weg zurückgelegt, als Elrik sich mit einem Mal räusperte. »Wie oft willst du dich eigentlich noch umdrehen? Hast du Angst, der Troll steht von den Toten auf und verfolgt uns?«

Seine Worte sollten wohl lustig gemeint sein, doch Kaidas Verstand war zu scharf, um den besorgten Unterton in seiner Stimme zu überhören. Innerlich verfluchte sie sich dafür, dass sie sich ihre Nervosität so leicht anmerken ließ. Mit etwas Glück hielt Elrik vielleicht Oberon für den Grund allen Übels, schließlich hatte dieser seine Schergen ausgesandt und ein Preisgeld ausgesetzt, um Frauen wie Kaida aufzuspüren. Beim bloßen Gedanken an den Fae-König wurde ihr mulmig zumute und sie spürte, wie Gallenflüssigkeit ihren Hals hinaufwanderte. Oberon war nur eines ihrer zahlreichen Probleme, denn schon längst war er nicht mehr der einzige Herrscher, der seine gierigen Klauen nach ihr ausstreckte.

Elrik schien sich währenddessen damit abgefunden zu haben, dass ihm Kaidas Schweigen als Antwort genügen musste. Als ihr bewusst wurde, wie regelmäßig sie ihn mit dieser einfachen Reaktion abspeiste, bekam sie glatt ein schlechtes Gewissen. Dennoch war ihr klar, dass es so am sichersten für ihn war. Jedes noch so kleine Häppchen Wissen über sie und ihre Vergangenheit könnte ihrem Weggefährten den Kopf kosten. Auch wenn es im Moment so aussah, als hätten ihre Verfolger die Jagd aufgegeben, war Kaida nur allzu schmerzlich bewusst, dass die letzten Monate lediglich die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm gewesen sein mussten.

Sie wartete mittlerweile förmlich darauf, dass ihre Vergangenheit sie einholen würde und sie erneut bei Nacht und Nebel verschwinden müsste. So war es immer gewesen, seitdem sie ihm vor gut einem Jahr den Rücken gekehrt hatte. Wie so oft blieb ihr nur die Flucht nach vorn – wo auch immer das sein mochte.

Schweigend liefen sie durch den immer dunkler werdenden Wald. Die Kälte fraß sich wie Gift durch Kaidas Knochen und ließ ihren Körper beben, obwohl sie sich schon bis zur Nasenspitze in ihrem Mantel verkrochen hatte. Elriks Blicke huschten immer häufiger zu ihr herüber, doch es dauerte trotzdem eine ganze Weile, ehe er den Mut fand, sie anzusprechen. Er kannte sie mittlerweile besser als jeder andere Mensch im Dorf, wusste, wann man sie lieber in Ruhe lassen sollte. Er war nicht nur einmal in den Genuss ihres feurigen Temperamentes gekommen, das ihrer Haarfarbe in nichts nachstand.

Dennoch war er nach wie vor an ihrer Seite, besuchte sie täglich und sorgte dafür, dass sie nicht von ihren eigenen Schatten aufgefressen wurde. Kaida war sich bis heute nicht sicher, warum er sie nicht einfach mied oder hasste, so wie es jeder im Dorf tat. Sie verstand nicht, warum ein so aufrichtiger Mann wie Elrik, der sein Herz auf der Zunge trug und so hilfsbereit war wie kein anderer, sich überhaupt mit ihr abgab. Es lag wohl eine Menge Wahrheit in dem Spruch, dass sich Gegensätze anzogen.

Als sie unauffällig zu ihm hinüberschielte, tauchte plötzlich das Bild einer Fliege in ihrem Kopf auf, die auf der Suche nach Licht orientierungslos in ein offenes Feuer flog. Hastig wandte sie ihren Blick wieder nach vorn.

»Kommst du heute Abend zum Essen vorbei?«, durchschnitt Elriks Stimme nach einiger Zeit die Stille des Waldes. »Meine Mutter wird sich sehr freuen, wenn du dich mal wieder blicken lässt. Sie macht sich große Sorgen um dich – und da ist sie ehrlich gesagt nicht die Einzige.«

Lächelnd schaute Kaida zu dem Schmied hinüber. Als ihr Blick auf seine braunen Augen traf, spürte sie ein kleines bisschen Wärme in ihrem Bauch aufkeimen. »Das ist wirklich lieb von ihr«, erwiderte sie ehrlich, »aber ich kann mich nicht schon wieder bei euch durchfuttern. Ich stehe sowieso für ewig in eurer Schuld, weil du und deine Eltern mich damals halb erfroren im Schnee aufgegriffen und irgendwie wieder zusammengeflickt habt.«

»Das hat doch nichts mit Schuld zu tun!«, entgegnete Elrik hörbar empört und zwickte Kaida leicht in die Seite, »das war doch selbstverständlich. Für meine Eltern bist du wie eine Tochter. Nun, für meine Mutter eher eine Schwiegertochter, aber das läuft ja fast auf das Gleiche hinaus.«

»Ach so? Und was bin ich für dich? Schwester oder – «

»Gute Freundin«, unterbrach der junge Mann sie hastig, doch die plötzliche Röte auf seinen Wangen verriet ihn.

Kaida wollte ihn nicht vorführen oder in eine unangenehme Situation bringen, doch je eher er lernte nicht mehr mit dem Feuer zu spielen, desto leichter würde es für ihn werden – und für sie.

»Weißt du, warum ich allein durch Tenebris ziehe?«, fragte sie nach einer Weile unvermittelt und blickte erneut zu ihrem Weggefährten hinüber, doch dieser zuckte nur mit den Schultern und hielt seinen Blick fest auf den verschneiten Waldboden gerichtet.

»Du wirst gejagt. Mindestens von den Fae, wahrscheinlich auch noch von jemand … jemand anderem.«

»Richtig«, antwortete Kaida dumpf. Ihre Stimme klang abgeklärter, als ihr lieb war. »Ich kann dir nicht mal sagen, wer von beiden das größere Übel ist«, fuhr sie fort und streckte ihre Hand nach Elriks aus, »aber ich weiß, dass beide sehr gefährlich sind. Tödlich, um genau zu sein. Und beide würden nicht einmal mit der Wimper zucken, ehe sie dir einen Dolch in die Kehle rammten. Du und deine Familie sind die einzigen Menschen in meinem Leben, die mir etwas bedeuten – dabei hatte ich mir fest vorgenommen, dass niemand mehr diesen Status in meinem Herzen einnehmen darf. Du hast es dennoch geschafft und nun habe ich fürchterliche Angst davor, dass sich dein Wohlwollen rächt und du meinetwegen Schaden erleidest.«

Zur Antwort seufzte Elrik nur gelangweilt und verstärkte seinen Händedruck. Zwar hatte auch Kaida mittlerweile den Überblick darüber verloren, wie oft sie diese kryptische Unterhaltung in letzter Zeit geführt hatten, aber dass Elrik so gänzlich unbesorgt schien, beunruhigte sie.

»Ich weiß mehr, als du denkst«, sagte er leise. »Meinst du, ich hätte noch nicht bemerkt, dass du keine gewöhnliche Frau bist? Dass es äußerst verwunderlich ist, dass du in der Lage bist, Trolle oder gar Schattenfresser zu töten? Ich bin nicht blind, Kaida. Trotzdem habe ich keine Angst, weder vor dir noch vor sonst irgendjemandem. Wenn es darauf ankommt, werde ich mich zu verteidigen wissen. Diese Muskeln kommen nämlich nicht vom Blumenpflücken, falls du das gedacht haben solltest. Es ist mir egal, was für zwielichtige Sachen du in der Vergangenheit angestellt hast oder wem du mal auf die Füße getreten bist. Jeder hat eine zweite Chance verdient, und das hier ist deine. Warum ergreifst du sie nicht einfach, hm?«

Kaida antwortete ihm nicht, was er wohl zum Anlass nahm, seinen Monolog ungefragt fortzusetzen. »Willst du die unbequeme Antwort hören? Ich denke, dass du dich einfach damit abgefunden hast, ›die Böse‹ zu sein. Aber wie wäre es, wenn du deine Komfortzone mal verlassen und aufhören würdest alles auf deine Vergangenheit zu beziehen? Was geschehen ist, kannst du eh nicht mehr ändern, und ja, unsere Leben sind leider nicht unendlich wie die der Fae. Aber ein paar Jährchen, für die sich ein Neuanfang lohnen würde, werden wir doch wohl noch haben – meinst du nicht auch?«

Schweigend starrte Kaida hinab auf ihre Stiefelspitzen. Ihre Familie hatte sie hinter sich gelassen, genauso wie die Gewalt und das Elend der Schwarzen Festung. Diese Schritte hatten sie unheimlich viel Kraft gekostet, aber sie waren es allemal wert gewesen. Vielleicht hatte Elrik ja doch recht und es gab da draußen noch mehr, für das es sich zu kämpfen lohnte. Aber dennoch …

»Du musst mir nicht antworten«, hörte sie seine ruhige Stimme neben sich. »Ich sehe in deinen Augen, dass du über meine Worte nachdenkst. Bei deinem Dickschädel ist das mehr, als ich zu hoffen wagte. Du wirst deinen Weg schon noch finden, Kaida. Und ich werde da sein, um dir den nötigen Schubs zu geben.«

Verächtlich schnaufte sie und beobachtete die kleine Kältewolke, die sich über ihre Lippen in die Luft absetzte. Gern würde sie seinen Worten glauben, doch die Erlebnisse der letzten Jahre saßen ihr noch immer tief in den Knochen. Niemals würde sie das Leid vergessen können, das ihr angetan wurde – genauso wenig wie das Leid, das sie selbst angerichtet hatte. Würde Elriks Mutter wissen, wen sie da zum Essen eingeladen hatte, würde sie Kaida garantiert mit erhobener Kochkelle vom Hof jagen.

Kapitel 2

Als sich der Wald endlich lichtete, war die Sonne bereits verschwunden. Sterne funkelten am Himmel und spiegelten sich in Kaidas leuchtenden Augen wider, als sie ihren Kopf in den Nacken legte und zum Himmelszelt hinaufblickte. Sie nahm einen tiefen Zug der kühlen Nachtluft und merkte sofort, wie sich das Gedankenkarussell in ihrem Kopf verlangsamte.

»Du hast mir immer noch nicht verraten, warum du so oft in die Sterne guckst«, bemerkte Elrik leise.

Lächelnd blinzelte Kaida zu ihm hinüber. »Stimmt.«

»Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?« Seine Stimme klang so quengelig, dass das Lächeln auf ihren Lippen zu einem breiten Grinsen anschwoll. »Ja, das ist alles.«

Elrik stieß ein empörtes Schnauben aus und verdrehte die Augen, ehe er wortlos an ihr vorbeistapfte. Schmunzelnd folgte ihm Kaida über das flache Terrain.

Eigentlich war ihr bewusst, dass sie hier auf dem ebenen Feld zu leichte Beute für Angreifer waren. Der Feind würde sie schon von Weitem erspähen können, vielleicht sogar von den umliegenden Bergen aus. Sollte er mit Pfeil und Bogen bewaffnet sein, könnte ihr abendlicher Spaziergang ein jähes Ende finden. Trotzdem konnte sie dem Drang nicht widerstehen, alle paar Schritte verträumt in den Nachthimmel aufzuschauen. Routiniert suchte sie ihn nach bestimmten Himmelskörpern ab und atmete erleichtert durch, als sie alle entdeckt hatte. Plötzlich stieß sie mit jemandem zusammen.

Erschrocken senkte sie ihr Kinn und starrte Elrik an, der sie lachend von sich schob.

»Na, kleine Sternenguckerin?«, neckte er sie grinsend, »vielleicht solltest du öfters mal nach vorn schauen. Oder warnt dich der Mond normalerweise davor, in jemanden hineinzulaufen?«

»Sehr witzig«, erwiderte sie beleidigt und sah über Elriks breite Schultern hinweg zu den schiefen Holzhütten hinter ihm, die allesamt den Eindruck machten, als würden sie bei der nächsten Windböe wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

»Eine Schande, dass alles hier so verkommt«, sagte er leise.

Als Kaida zu ihm aufsah, bemerkte sie flammende Wut in seinen Augen – ein Ausdruck, den sie für gewöhnlich nie zu sehen bekam. Seine Augenbrauen waren so eng zusammengezogen, dass sich eine kleine Falte zwischen ihnen gebildet hatte. In Kombination mit seinen verschränkten Oberarmen, die beinah so dick waren wie Baumstämme, wirkte er fast schon bedrohlich.

»Als unser rechtmäßiger König noch lebte, wurde keines der nordischen Dörfer vergessen«, murmelte er grimmig, »er hat sich um uns gekümmert, uns mit Nahrung und Baumaterialien versorgt und Krieger zur Verteidigung unserer Heimat ausgesandt. Es ging uns gut.«

»Ja, bis Oberon über das Meer geschifft kam, euren König enthauptete und die Macht über Tenebris an sich gerissen hat«, erinnerte ihn Kaida schlicht. »Auch wenn ich damals noch ein Kleinkind war, weiß ich, wie dieses gierige Spitzohr an die Krone gekommen ist. Und ich weiß auch, dass er die Dörfer im Norden aufgegeben hat und sich nun ausschließlich auf die Aufrechterhaltung seiner Macht in der Hauptstadt konzentriert.«

»Eines Tages werden wir uns die Krone zurückholen«, verkündete Elrik mit solch einer Überzeugung in der Stimme, dass Kaida verwundert die Augenbrauen hob. Sie war sich nicht sicher, ob sie seine Ankündigung als naiv, mutig oder einfach nur dämlich betrachten sollte. Aber wer war sie schon, dass sie über die größenwahnsinnigen Pläne anderer Leute urteilen konnte? War sie nicht diejenige, die noch vor knapp einem Jahr mit einem Mann zusammengelebt hatte, der das gesamte Land im Alleingang unterwerfen wollte?

»Oh, sieh mal!«, rief Elrik plötzlich und deutete auf eine Hauswand, »wenn man vom Ungeheuer spricht … «

Als Kaida das Plakat bemerkte, welches nur noch mit einer Ecke an der Hauswand klebte, setzten sich ihre Beine wie von allein in Bewegung. Langsam streckte sie ihre Hand nach dem dünnen Papier aus und drückte es gegen die Wand. In schnörkeligen Buchstaben war WICHTIGE VERKÜNDUNG DES KÖNIGS auf das Papier geschrieben worden, dicht gefolgt von: SATTE BELOHNUNG!

»Hör dir das an«, schnaubte sie genervt an Elrik gewandt. »Seine Hoheit, König Oberon von Tenebris, fordert seine Untertanen dazu auf, rothaarige Frauen im Alter zwischen 18 und 22 Jahren bei ihm abzuliefern. Sollte der Untertan keine eigene Tochter anbieten können, auf welche diese Beschreibung zutrifft, so kann er sich dennoch eine satte Belohnung erhoffen, indem er den königlichen Soldaten Informationen über den Verbleib einer solchen Frau zuspielt. Der König verspricht pfleglich mit den Damen umzugehen; ihnen steht ein pompöses Leben im Palast bevor. Sollte er sich an ihnen sattgesehen haben, so werden die Frauen selbstverständlich unversehrt in ihre Heimat zurückgebracht.«

Wütend griff Kaida nach einer losen Ecke des Plakates und zog das Papier von der Hauswand ab. Sie zerknüllte es und warf das übrig gebliebene Häufchen in den Schnee vor ihren Füßen – so, wie sie es bisher mit jedem dieser Plakate getan hatte, die wie aus dem Nichts im Dorf aufgetaucht waren.

»Die Dorfbewohner werden es bereits gesehen haben«, drang Elriks Stimme leise an ihr Ohr.

»Ist mir egal. Entweder dieses Plakat, oder ich muss meine Wut an jemand anderem auslassen.«

»Ach, Kaida!« Behutsam schlang Elrik seine muskulösen Arme um ihre dünnen Schultern und zog sie an seine Brust. »Ich werde dich vor ihm beschützen«, versprach er leise, doch seine Worte konnten Kaida nur wenig Trost spenden. Sie kannte Oberon. Elrik hätte keine Chance. Am besten, er würde sich von Anfang an raushalten.

»Die Bewohner und ich haben einen Deal«, murmelte sie gedämpft an seiner Schulter. »Ich halte diese Mistviecher von euren Häusern fern, wenn ihr mich im Gegenzug unbehelligt hier wohnen lasst. Dieses Zusammenleben klappt doch schon seit einigen Monaten gut, warum sollte sich daran etwas ändern?«

»Vielleicht, weil die Vorräte des Dorfes immer knapper werden? Weil die Menschen mehr Angst vor dem Verhungern bekommen als vor Trollen, Schattenfressern und Nixen?«

»Danke für deine beruhigenden Worte«, brummte Kaida beleidigt. Als sie sich ein Stückchen zurücklehnte, um Elrik in die Augen sehen zu können, lächelte er ihr sanft entgegen. »Wir bekommen das hin. Selbst wenn dich jemand verraten wollen würde, müsste er erst einmal Kontakt mit Oberons Häschern aufnehmen. Die Kerle kommen ungefähr einmal im Monat vorbei, das letzte Mal – «

»Ist ziemlich genau einen Monat her«, beendete Kaida seinen Satz.

»Ganz genau. Darum müssen wir dafür sorgen, dass niemand von ihnen hier ankommen wird.«

»Du meinst, ich muss zusehen, dass kein Spitzohr hier ankommen wird«, korrigierte sie ihn schroff.

Grinsend fuhr Elrik durch ihr Haar. »Nein, mein liebster Sturkopf, du hast schon richtig gehört – wir werden uns darum kümmern.«

Kaida wollte etwas erwidern, doch der entschlossene Ausdruck in seinen dunklen Augen hielt sie davon ab. Sie würde sich keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn sie ihn für diesen Moment gewinnen ließe. Falls sie wirklich ein Spitzohr in der Nähe des Dorfes entdecken sollte, könnte sie ja einfach ohne ihn losziehen und das Problem allein beseitigen.

Lächelnd griff sie nach Elriks Hand. »Wie du meinst«, erwiderte sie versöhnlich. »Lass uns jetzt nach Hause gehen, wir haben uns beide eine Mütze Schlaf verdient.«

»Und was ist mit dem Abendessen?«

Aus dem enttäuschten Ton in seiner Stimme schloss Kaida, dass er die Antwort bereits kannte. »Nimm es mir bitte nicht übel, Elrik«, bat sie ihn und zupfte an seiner Hand, damit sie sich endlich wieder in Bewegung setzten, »aber ich bin wirklich furchtbar müde. Wir holen das irgendwann nach, versprochen.«

Während sie durch das Dorf schlenderten, bekam Kaida mehr und mehr das Gefühl, dass die Bewohner allesamt ausgeflogen waren. Nicht einmal ein Hund oder eine streunende Katze waren auf den Straßen zu sehen, ganz zu schweigen von Menschen. Anscheinend fürchteten die Dorfbewohner doch nicht nur den Hungertod, sondern nach wie vor auch die Ungeheuer, die sich nachts durch die Wälder und Gassen trieben. Gut so, dachte Kaida. Solange dies der Fall war, würden die Menschen sie bestimmt nicht verraten.

Je länger sie durch die leeren Gassen liefen, desto mehr hob sich ihre Laune. Diese Ruhe und das Gefühl, sich etwas zu trauen, vor dem die meisten Menschen Angst hatten, beflügelten sie. Obwohl sie sich durchaus im Klaren darüber war, wer oder was in den umliegenden Schatten lauern konnte, verspürte sie nicht das kleinste bisschen Angst.

Die Kreaturen, vor denen sich die Dorfbewohner fürchteten, stammten aus den dunkelsten Ecken des Landes. Sie waren in den gleichen Schatten erschaffen worden, in denen Kaida unfreiwillig aufgewachsen war – zumindest ihr Name sollte diesen Wesen also wohlbekannt sein. Und wer ihren Namen kannte, wusste, dass sie nun wirklich die Letzte war, die sich in dunklen Gassen fürchten musste.

Trotz der feinen Schneeflocken, die sich mittlerweile zu Hauf in ihren langen Wimpern verfangen hatten, erkannte Kaida die kleine Hütte mit dem gepflegten Vorgarten sofort. Sie drückte Elriks Hand zum Abschied und wandte sich dann wortlos von ihm ab. Der Schnee knirschte leise unter ihren Stiefeln, während sie sich eilig davonmachte.

»Deine Verabschiedungen sind wirklich legendär«, hörte sie Elrik hinter sich rufen. Sie konnte nicht klar deuten, ob er amüsiert oder vorwurfsvoll klang – wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

»Nun gut, ich wünsche dir eine friedliche und erholsame Nacht, Kaida«, höhnte er nun eindeutig spöttisch. »Bis morgen!«

Kaida biss ihre Zähne fest aufeinander. Sie hasste Abschiede. Aber was sie noch mehr verabscheute, waren haltlose Versprechungen wie Bis morgen!. Zu oft hatte sie diese Worte aus den Mündern von Personen gehört, die sie danach nie wiedergesehen hatte. Sie selbst konnte ebenfalls nicht versprechen, dass sie Elrik morgen wiedersehen würde. Wer konnte schon garantieren, dass sich niemand bei Nacht in ihr Zimmer stahl und sie umbrachte?

Während sie durch den Schnee stapfte, kreisten ihre Gedanken immer wieder um Elriks Verabschiedung. Der letzte Mann, von dem sie gedacht hatte, er würde niemals, absolut niemals von ihrer Seite weichen, hatte sich auch mit einem harmlosen Bis morgen! verabschiedet. Darauf waren einsame Monate in den tödlichen Einöden des Nordens gefolgt. Kaida schnaubte abfällig.

Als sie plötzlich schwere Schritte im Schnee vernahm, spannte sich jeder einzelne ihrer Muskeln an. Während sie die zwei Gestalten anvisierte, die sich aus den Schatten der Häuser lösten und auf sie zukamen, wanderte ihre Hand langsam ihren Köper hinab zu ihrem Waffengürtel. Ihre Fingerspitzen fuhren über eine leere Lederschlaufe, und sie stöhnte innerlich auf – natürlich hatte sie ausgerechnet heute ihre Langschwerter im Wirtshaus vergessen.

Argwöhnisch betrachtete sie die zwei Gestalten, während diese in das helle Licht des Vollmondes traten. Als sie die Gesichter der beiden Männer erkannte, stieß sie erleichtert die Luft aus. Zwar waren die breit gebauten Kerle definitiv keine Freunde von ihr, aber direkte Feinde waren sie auch nicht. Mit zusammengekniffenen Lippen sah sie den Männern entgegen, von denen einer breiter grinste als der andere. »Was wollt ihr?«

»Auch dir einen schönen Abend, Kaida«, säuselte der Glatzköpfige spöttisch, »wir haben dich schon überall gesucht.«

»Ich wüsste nicht, warum ihr nach mir suchen solltet«, antwortete sie langsam. Sie brauchte mehr Zeit, um die Situation besser einschätzen zu können. Auf der Suche nach Waffen wanderte ihr Blick hastig über die Körper der beiden Männer, doch ihre schweren Mäntel hüllten sie beinahe vollkommen ein.

»Ach nein?«, riss der Glatzkopf das Wort erneut an sich. »Dann will ich deinem Köpfchen mal ein bisschen auf die Sprünge helfen: Du bist uns einen Gefallen schuldig, Püppchen. Es sei denn, du möchtest stattdessen in Oberons Schlafgemächern landen, oder wo auch immer dieser Bastard die Mädchen versteckt.«

Kaida schnaubte abfällig und reckte den Männern ihr Kinn entgegen. »Soso, ihr wollt mir also drohen. Na, wenn das so ist – lasst uns spielen!« Blitzschnell zog sie einen Dolch aus ihrem Gürtel und ließ ihn elegant vor ihrem Körper kreisen. »Glaubt mir, mit dieser Klinge habe ich schon ganz andere Bestien umgelegt.«

»Oh, das wissen wir«, erwiderte der zweite Kerl hastig und hob abwehrend die Hände. »Was anderes hätten wir von Neros Novizin auch nicht erwartet.«

Abrupt zuckte Kaida zusammen, um ein Haar wäre ihr der Dolch aus der Hand gefallen. Sie konnte spüren, wie die Kälte ihr Blut gefrieren ließ. Niemand hier wusste von ihrer Vergangenheit. Niemand hier durfte davon wissen. Ihre Finger legten sich noch fester um den Griff des Dolches. Die Männer hatten gerade unwissentlich ihr eigenes Todesurteil unterschrieben.

»Hör mal, Püppchen, wir wollen wirklich keinen Ärger mit dir. Du hast den Deal damals freiwillig geschlossen«, fuhr der zweite Mann fort und rieb sich über die Narbe in seinem Gesicht, unter der früher mal ein Auge gesessen haben musste. »Wir haben uns an die Abmachung gehalten und dich nicht an den Fae-König ausgeliefert, obwohl wir das Geld dringend gebrauchen könnten. Darum ist es nur fair, wenn du dich jetzt auch an deinen Teil der Abmachung hältst.«

Kaida schluckte trocken. Es missfiel ihr, es zuzugeben, aber der Kerl hatte recht. Sie sollte sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und Sprüche klopfen, wenn Oberons Männer auf dem Weg ins Dorf waren. Wer wusste schon, wofür sie die Kerle hier noch mal gebrauchen würde?

»Nun gut«, murmelte sie langsam. »Wen oder was soll ich denn für euch aus dem Weg schaffen?«

Der Glatzkopf verschränkte grinsend seine breiten Arme vor der Brust, während sein Blick fest auf Kaidas Gesicht gerichtet war. »Wir wollen, dass du eine Bedrohung von unserem Dorf fernhältst.«

»Der Auftrag ist schon fast ein Geschenk für dich«, stimmte der Einäugige nickend mit ein. »Wir wollen nämlich, dass du einen Fae umbringst.«

Für einen Moment wurde es so still, dass Kaida sogar glaubte zu hören, wie die Schneeflöckchen auf den Boden fielen. Auch wenn sie sich etwas dumm dabei vorkam, konnte sie die Kerle zunächst nur aus weit aufgerissenen Augen anstarren. Erst als ihr klar wurde, dass ihre Kinnlade heruntergeklappt war, besann sie sich darauf, ihre Mimik wieder in den Griff zu bekommen.

»Das kann unmöglich euer Ernst sein!«, presste sie mühevoll hervor. »Als ob ich mich unvorbereitet auf einen Kampf mit einem Spitzohr einlassen würde! Wer weiß, was für eine Gabe der Kerl beherrscht. Mal ganz davon abgesehen, dass ein Spitzohr selten allein kommt … «

»Also wir haben nur diesen einen Jungen gesehen«, mischte sich der Glatzkopf nachdenklich ein. »Wieso glaubst du denn, dass es mehrere sein könnten?«

»Weil die Fae seit dem Krieg vorsichtiger geworden sind«, entgegnete Kaida und verdrehte genervt die Augen. Wussten diese Kerle denn gar nichts über die Geschichte ihres Landes?

Anscheinend nicht, denn sie warfen einander nur fragende Blicke zu. Seufzend stemmte sie ihre Hände in die Hüften. »Ihr wisst schon … der Krieg vor fünfzehn Jahren, bei dem die Fae auf ihrer Heimatinsel unterworfen und von dort vertrieben wurden? Der Krieg war doch der einzige Grund für die Spitzohren, ihre abgeschiedene Heimat zu verlassen und das Festland zu stürzen. Ich – «

»Das wissen wir«, entgegnete der Glatzkopf pikiert. »Aber warum sollten die Fae heute noch immer in Angst leben? Sie sind mächtiger denn je, sie haben keinen Grund mehr, nur noch in Gruppen vor die Mauern der Hauptstadt zu treten.«

»Doch, natürlich haben sie den. Ihre Arroganz und ihr Übermut haben sie damals ihre Heimat gekostet. Diesen Fehler werden sie nicht noch ein zweites Mal begehen«, erwiderte Kaida genervt. Sie hatte keine Zeit für so ein Geplänkel. Sollten sich die Kerle doch einfach ein Buch besorgen und selbst nachlesen – oder es sich vorlesen lassen. »Die Fae sind vorsichtiger geworden, aber keineswegs weniger gefährlich. Ich habe keine Lust, einem von ihnen zu begegnen, der meine Gedanken kontrollieren oder ein Feuer entfachen kann.«

»Das mag ja alles sein«, mischte sich der Einäugige ein, »aber du hast keine andere Wahl, Püppchen. Oberons Gesindel hat sich das letzte Mal vor gut einem Monat blicken lassen, um die Leute hier nach Informationen auszuquetschen. Bei ihrem letzten Besuch haben alle Bewohner geschwiegen, aber damals waren unsere Vorratskammern auch noch gut gefüllt. Heute sieht das ganz anderes aus. Ich wette mit dir, dass diesmal jemand singen wird – und dann landest du in Oberons Gemächern.«

Nervös begann Kaida an ihren Fingernägeln zu knabbern – eine Eigenschaft, die sie eigentlich längst abgelegt hatte. Die Mistkerle hatten natürlich recht, sie steckte in großen Schwierigkeiten. Selbst wenn das Spitzohr kein Spion sein sollte und allein unterwegs war, so wäre ein Kampf dennoch kein Kinderspiel. Ein Fae ließ sich nicht so leicht beseitigen wie ein Troll. Bei einem Aufeinandertreffen mit einem von ihnen wusste man nie, worauf man sich einließ – zumindest bis zu dem Punkt, an dem sie plötzlich ein Feuer entfachten oder Wassermassen auf ihren Gegner stürzten.

»Ich will euch nichts einreden, aber ich verstehe nicht ganz, wieso ihr mich überhaupt auf den Fae ansetzt«, brachte Kaida schließlich zögerlich über die Lippen. »Ihr tut mir doch eher einen Gefallen damit, indem ihr mich vor ihm warnt und mir die Chance gebt, den Typen auszuschalten, ehe er zu einer ernsthaften Bedrohung für mich werden kann. Warum nutzt ihr euer Wissen über ihn nicht einfach aus und seid die Ersten, die dem Spion von mir erzählen? Ihr könntet eine fette Belohnung einstreichen.«

Unsicher wechselten die Männer einen Blick. Der Glatzkopf begann sein Gewicht nervös von einem Bein aufs andere zu verlagern, während sich der Einäugige am Hinterkopf kratzte. Kaidas Bauch fühlte sich plötzlich so an, als hätte ihr jemand einen Stapel Backsteine hineingelegt. »Was habt ihr angestellt?«, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Nun«, druckste der Einäugige herum und schaute erneut zu seinem Kumpanen hinüber, der nickte und gleichzeitig mit den breiten Schultern zuckte. »Wir waren im Wald unterwegs, als uns plötzlich dieses Jungchen vor die Füße gestolpert ist. Wir haben … also … «

»Ja?«, knurrte Kaida ungeduldig. »Ihr habt … was?«

»Wir haben ihm eine ordentliche Abreibung verpasst«, spuckte der Glatzkopf endlich aus. »Wie du schon sagtest – man weiß nie, an was für einen Fae man geraten ist, bis seine Gabe zum Vorschein kommt. Auch wir hatten keine Lust darauf, das herauszufinden.«

Kaida wollte ihren Ohren zunächst nicht trauen, aber die Männer sahen durchaus so aus, als hätten sie ihre Worte ernst gemeint. »Ihr habt einen Fae angegriffen und ihn dann laufen lassen?«, wiederholte sie schrill. »Seid ihr eigentlich völlig von Sinnen? Wahrscheinlich hat der Kerl schon längst Alarm geschlagen und die gesamte königliche Armee mobilisiert! Warum habt ihr ihn nicht umgebracht?«

Die Männer wechselten erneut einen bedeutungsvollen Blick. Kaida konnte das Unbehagen in ihren Augen sehen. Natürlich hatten sie ihn nicht umgebracht, so viel Grips hatten sie zu zweit wohl gerade noch zusammenkratzen können. Einen Fae zu töten wurde mit öffentlicher Hinrichtung bestraft und die Spitzohren waren ziemlich gründlich damit, die Morde in ihren eigenen Reihen aufzuklären. Das bloße Attackieren eines Fae war jedoch ebenfalls mit der Todesstrafe belegt, die beiden Männer schwebten so oder so in großer Gefahr. Tja, und wer sollte diese Abwärtsspirale, in der man sowieso nur Fehlentscheidungen treffen konnte, lösen? Richtig. Sie. Weil ihr Leben ebenfalls auf dem Spiel stand.

Als Kaida realisierte, dass sie sowieso keine Wahl hatte, seufzte sie ergeben und verdrehte die Augen. »Also schön«, murrte sie, »wo ist der Bengel?«

»Wir haben ihn in der Nähe des kleinen Berges gefunden. Du weißt schon, der mit dem See.«

»Alles klar«, erwiderte Kaida knapp. »Muss ich sonst noch was wissen?«

Die Männer schüttelten eilig den Kopf. Zwar glaubte Kaida ihnen kein Wort, doch es war ja nicht so, als hätte sie eine Wahl gehabt. »In Ordnung«, sagte sie deshalb entschlossen. »Fae haben durch ihre scharfen Sinne einen Vorteil bei Kämpfen in der Dunkelheit, außerdem werde ich den Berg bei diesem Wetter sowieso nicht erklimmen können. Daher werde ich mich erst morgen mit eurem Problemchen beschäftigen.«

Die Männer nickten zustimmend. »Wie du meinst, Püppchen. Du bist der Profi, nicht wir. Also dann – einen schönen Abend noch«, verabschiedete sich der Glatzkopf spöttisch.

»Danke«, brummte Kaida und drängelte sich an den Typen vorbei. Ohne sich noch einmal nach ihnen umzudrehen, wechselte sie auf die Hauptstraße des Dorfes, an deren Ende der Dorfplatz lag.

Was hatte sie dem Schicksal nur angetan, dass es ihr regelmäßig solche Steine in den Weg warf?

Kaum war die Frage zu Ende gedacht, stahl sich ein ertapptes Schmunzeln auf ihre Lippen. Sie kannte die Antwort. Und wenn sie ihren Sumpf aus Selbstmitleid verließ und die Sache objektiv betrachtete, konnte sie es dem Schicksal nicht mal mehr verübeln.

Als sie sich dem Wirtshaus näherte, schallten ihr laute Stimmen entgegen. Die runden Fenster des Fachwerkhauses waren hell erleuchtet und es roch schon aus der Ferne nach Alkohol und verschiedenen Speisen. Kaida griff nach der rostigen Klinke und öffnete die Tür. Warme Luft schlug ihr entgegen. Als der alkoholische Gestank in ihre Nase zog und sich mit den Gerüchen von Schweiß und Rauch vermischte, stieg Übelkeit in ihr auf. Sie würgte ihre Empfindungen hinunter und zwang sich ruhig zu atmen, ehe sie den schummrigen Raum betrat.

Zuerst fiel ihr Blick auf die dunkle Tapete, die in groben Fetzen von den sonst kahlen Wänden hing. Die spärliche Beleuchtung durch die Kerzen, die der Wirt lieblos auf den runden Holztischen aufgestellt hatte, konnte das Flair nur geringfügig verbessern. Kaidas Augen wanderten über die vielen Köpfe der Besucher hinweg und hefteten sich schließlich auf die hölzerne Theke am anderen Ende des Raumes.

Sie stieg über einen am Boden liegenden Mann, der sich noch immer vehement an seinen Bierkrug festklammerte, und ließ sich schließlich auf einem der hölzernen Barhocker an der Theke nieder. Obwohl ihr Körper vor Erschöpfung und Kälte schmerzte, wollte sie sich noch nicht in die kleine Kammer im Dachgeschoss zurückziehen, die sie seit einigen Monaten ihr Zuhause nannte. Bei dem Gedanken an die bevorstehenden Albträume verging ihr jegliche Lust auf Schlaf, obwohl ihr müder Körper sich nach nichts anderem sehnte.

Plötzlich knallte jemand einen hölzernen Krug vor sie hin. Kaida fuhr erschrocken auf. Als sie das Gesicht des älteren Mannes erkannte, stieß sie erleichtert den Atem aus. Der Wirt lächelte ihr aus seinen Knopfaugen entgegen und fuhr sich durch seine grauen Barthaare, die einen Großteil seines Gesichts bedeckten.

»Ich trinke nicht«, murmelte sie mit Blick auf dem Krug.

»Du siehst aber so aus, als könntest du einen Schluck vertragen. Aber gut, wenn du es nicht trinken willst, gebe ich es weiter.« Der grauhaarige Mann nickte ihr noch einmal knapp zu, dann verschwand er zwischen den vielen Tischen und Stühlen, die überall im Raum verteilt waren. Kaida blickte ihm nach und gähnte herzhaft. Ihre Lider fühlten sich schon ganz schwer an, vielleicht sollte sie doch lieber auf ihr Zimmer gehen.

»Auf den Roten Mond!«, durchschnitt eine laute Frauenstimme plötzlich das allgemeine Gemurmel. Als Kaida sich umdrehte, entdeckte sie eine großgewachsene grauhaarige Frau. Sie hatte sich auf ihren Stuhl gestellt und einen Bierkrug in die Luft gehoben, während ihr scharfer Blick jeden einzelnen Dorfbewohner in die Mangel nahm. Ohne zu zögern, erhoben sich die anderen Besucher ebenfalls und hoben ihr johlend ihre Krüge entgegen.

Als der Wirt wieder an die Theke trat, klebte Kaidas Blick noch immer an der Frau. Auf der Stirn des Wirts bildete sich eine tiefe Falte, während er Kaida argwöhnisch beäugte.

»Was guckst du denn so zweifelnd? Sag bloß, du hast noch nichts vom Roten Mond gehört?«

»Hm, ich bin mir nicht sicher. Ist das nicht diese Rebellenbewegung in der Hauptstadt?«

Der Wirt nickte hastig. »Der Rote Mond ist ein Zusammenschluss von Menschen, die ihr Land zurückerobern wollen«, erklärte er bereitwillig. »Nachdem der Hexenmeister die Fae-Insel unterworfen und von den widerlichen Spitzohren befreit hatte, fielen die Kreaturen über unsere Hauptstadt her. Totaler Irrsinn ihres Königs, schließlich waren wir Menschen im Krieg weitestgehend neutral geblieben. An dem Abend, an dem unsere Ländereien in Flammen standen und Oberon unsere geliebte Königsfamilie wie Tiere abschlachtete, wachte ein blutroter Mond am Himmel und beobachtete die Verbrechen der Fae. Er hat keine der Gräueltaten vergessen, die uns die Spitzohren angetan haben – genauso wenig wie wir. Die Legende besagt, dass wir uns unser Land in der Nacht zurückholen werden, in der der rote Mond erneut am Himmel wacht. In der Hauptstadt haben sich daher einige Menschen unter diesem Namen zu einer Rebellenbewegung zusammengeschlossen. Die Zahl ihrer Mitglieder wächst stetig und sie konnten schon einige bedeutende Erfolge gegen die vermaledeiten Spitzohren verzeichnen. In den Straßen der Hauptstadt wird gemunkelt – « Plötzlich hob er seinen Blick und sah sich etwas unruhig in seiner Kneipe um, ehe er sich rasch zu Kaida vorbeugte. »Es wird gemunkelt, dass der Hexenmeister ebenfalls seine Hände im Spiel hat und den Roten Mond direkt mit Waffen und Informationen versorgt«, flüsterte er aufgeregt.

Kaidas Augen weiteten sich. Fassungslos blickte sie zu dem Wirt auf und zwang sich mit aller Kraft ihren Mund geschlossen zu halten. Wie konnten die Menschen in der Hauptstadt nur so naiv sein? Sie konnte ja verstehen, dass sie eine Revolution gegen Oberon anzetteln wollten, um sich für all das Leid zu rächen, dass der Fae-König in den vergangenen Jahren über sie gebracht hatte. Aber sich mit dem Hexenmeister zu verbünden, glich schon fast einem unausgesprochenen Todesurteil. Natürlich hätte er großen Nutzen davon, die Rebellen zu unterstützen; doch waren die Menschen wirklich dumm genug, um zu glauben, er würde für ihre Sache kämpfen? Kaida hatte am eigenen Leib erfahren, wie selbstsüchtig und unberechenbar er war. Sollte er Oberon wirklich besiegen, würde er den Thron gewiss nicht einfach wieder an die Menschen übergeben. Der Hexenmeister war kein Wohltäter; er verfolgte seine eigenen Ziele.

»So richtig begeistert siehst du aber nicht aus«, unterbrach der Wirt ihre finsteren Gedanken.

Sie konnte ihm die Enttäuschung in seiner Stimme deutlich anhören und rang sich darum hastig ein Lächeln ab. Sie wollte den Dorfbewohnern nicht noch einen Grund geben, sie zu hassen. »Doch, doch, ich bin nur sehr überrascht.«

Zu ihrer Erleichterung rief ein Gast nach dem Wirt, weshalb sich dieser eilig verabschiedete und in der Menge verschwand. Kaida nahm das zum Anlass, um die Theke ebenfalls zu verlassen. Hastig rutschte sie vom Barhocker und hielt auf eine schmale Treppe zu, die etwas versteckt hinter der Garderobe lag.

Die morschen Stufen knarrten unter ihren Schritten. Als sie das Ende der Treppe erreichte, trat sie in einen schmalen Flur, welcher nur durch ein einziges kleines Fenster beleuchtet wurde. Sie lief an den Wohnungstüren der Wirtsfamilie vorbei und erreichte schließlich ihr eigenes Zimmer am Ende des Flures. Sie zog einen rostigen Schlüssel aus ihrer Manteltasche und drehte ihn im Schloss herum, bis schließlich ein leises Klick-Geräusch ertönte. Energisch drückte sie die Tür auf und betrat das kleine Zimmer.

Der Raum war nur spärlich eingerichtet. Abgesehen von einem schmalen Bett und einem Tisch befand sich nur eine Kleidertruhe darin, doch für Kaida reichte das Mobiliar völlig aus. Sie hatte sowieso nicht viel, was sie verstauen musste. Schon früh in ihrem Leben hatte sie lernen müssen, dass eine emotionale Bindung an Gegenstände nur Ballast war.

Auf dem Weg zum Bett ließ sie ihren Mantel achtlos von den Schultern gleiten und auf den Fußboden fallen, gefolgt von ihrem Waffengürtel und ihren Stiefeln. Seufzend setzte sie sich auf die Bettkante und zog ein schwarzes Nachthemd aus der Kleidertruhe hervor. Während sie sich umzog, begannen ihre Zähne vor Kälte zu klappern. Die kleine Kammer war schlecht isoliert und Kaida hatte noch keine Nacht erlebt, in der sie nicht gefroren hatte.

Kaum hatte sie sich umgezogen, schlüpfte sie eilig unter die dicke Bettdecke und zog sie mit zitternden Fingern bis zur Nasenspitze hoch. Doch trotz der Anstrengungen des heutigen Tages wollte ihr Geist einfach keine Ruhe finden. Das Gedankenkarussell in ihrem Kopf lief auf Hochtouren. Immer wieder musste sie an den Fae denken, der irgendwo vor dem Dorf sein Unwesen trieb. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn nicht doch noch in dieser Nacht zu jagen; vielleicht waren es gerade diese paar Stunden, die sie am Ende den Kopf kosteten.

Kapitel 3

Das kleine Mädchen hielt seine großen Augen fest auf den dunkelhaarigen Mann gerichtet, der nur wenige Schritte von ihr entfernt an einer Steinwand lehnte. Seine zitternden Hände waren mit einem dicken Seil zusammengebunden und an einem Eisenring über seinem Kopf befestigt worden. Kraftlos hing der Fremde in seinen Fesseln, sein Gesicht war gen Boden gerichtet.

Das Mädchen räusperte sich leise, doch der Gefangene reagierte nicht. Vorsichtig trat sie näher an ihn heran und strich ihm die feinen Haare aus dem Gesicht. Als ihr Blick auf seine spitzen Ohren fiel, tastete sie verwundert nach ihren eigenen.

Plötzlich gab der Gefesselte ein schmerzvolles Stöhnen von sich, seine von Schmutz verklebten Lider begannen zu flattern. Abrupt riss er sie auf und starrte das Mädchen aus seinen leeren Augen an. Sie erschrak so sehr, dass sie einige Schritte zurückwich und sich eine Hand vor den Mund schlug.

Langsam drehte sie ihren Kopf und blickte über ihre Schulter hinweg in das blasse Gesicht eines alten Mannes. »Kannst du ihn bitte gesund machen?«, fragte sie zaghaft.

Sein eisiger Atemzug streifte über ihren Hals und ließ ihren ganzen Körper erzittern, während sich seine kalten Augen tief in ihre Seele bohrten. »Du willst, dass wir ihn gesund machen?«, fragte er knurrend.

Schüchtern nickte das Mädchen.

»Dann bist du wirklich die dümmste Göre, die mir je untergekommen ist. Du hast Glück, dass ich so viel Potenzial in deinem Bruder sehe und er so an dir hängt, sonst hätte ich dich meinen Schattenfressern schon längst zum Fraß vorgeworfen!«

»Bitte nehmt es ihr nicht übel, Nero«, schaltete sich plötzlich ein weiteres Kind ein, welches wie aus dem Nichts neben dem Mädchen aufgetaucht war. Der Junge hatte das gleiche feuerrote Haar wie seine Schwester und war ihr auch sonst wie aus dem Gesicht geschnitten – mit dem Unterschied, dass er einen ganzen Kopf größer war als sie.

Das Mädchen streckte eilig ihre kleine Hand nach ihm aus und klammerte sich an seinem Hemdsärmel fest.

»Wir können den Mann nicht gesund machen, er hat es verdient zu sterben«, flüsterte er ihr zu.

»Aber warum denn?«

»Na, siehst du denn nicht seine spitzen Ohren? Er ist ein Fae!«

»Na und?«, fragte das Mädchen verwirrt. Der Mann war sichtlich geschwächt, er brauchte Hilfe! Als sie auf seine zitternden Hände schaute, fiel ihr ein, dass sie ihm ja ihre Lieblingsdecke leihen könnte. Vielleicht –

»Die Fae haben Mama und Papa getötet«, unterbrach der Junge ihre Gedanken und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich. Er hockte sich vor sie hin, um ihr besser in die Augen sehen zu können, und drückte eindringlich ihre Hand. »Weißt du nicht mehr, dass sie es waren, die unser Haus zerstört haben? Die Papa den Kopf abgeschlagen haben? Ihretwegen ist Mama ertrunken! Hast du das etwa alles vergessen?«

Kaum hatte er fertig gesprochen, tauchte das Bild eines Schiffes im Köpfchen des Mädchens auf, gefolgt von Wasser – so unendlich viel Wasser!

»Nein«, murmelte die Kleine traurig und schrumpfte ein wenig in sich zusammen. Trotz ihres zarten Alters hatte sie verstanden, was damals passiert war. Warum ihre Mama nicht mehr da war, um ihr abends vorzulesen. Warum Papa nicht mehr mit ihr und Callum im Garten Fangen spielte. »Ich weiß es.«

Der Alte schnaubte verächtlich. »Aber wenn du es doch eigentlich besser weißt, wieso willst du dem Ungeheuer dann trotzdem helfen? Sein Volk hat deine Familie zerstört und deine lieben Eltern getötet. Ich gab ihnen damals das Versprechen, auf euch Kinder achtzugeben und König Oberon zu beseitigen. Ich – «

»Aber der da ist doch gar kein König, oder?«, unterbrach ihn das Mädchen hastig und deutete aufgeregt auf den Fae. Vielleicht hatte der Alte ihn nur mit diesem Oberon verwechselt und aus Versehen gefangen genommen. Plötzlich sah sie im Augenwinkel einen Schatten auf sich zurasen. Als die kalte Hand auf ihre Wange schlug, stiegen ihr Tränen in die Augen. Zaghaft betastete sie ihr brennendes Gesicht.

»Du sollst sie doch nicht schlagen!«, rief der Junge aufgebracht und nahm das Mädchen tröstend in die Arme.

»Und sie soll mich nicht unterbrechen«, zischte der Alte zurück. Er drehte sich wieder zu seinem Gefangenen um und griff nach dessen gefesselten Händen.

»Kaida, sieh her!«, befahl er wütend und zog an den Fesseln des Fae. »Siehst du seine blauen Fingerspitzen? Was hat das zu bedeuten?«

»Ähm … «, murmelte das Mädchen und rieb sich erneut über ihre Wange, »er ist vergiftet worden?«

»Durch welches Gift, Callum?«

»Nixengift, das bei einem Biss übertragen wird«, antwortete der Junge hörbar stolz. »Es kann Dunkle Magie zeitweise verstärken, aber Wesen mit Heller Magie gehen daran kläglich zugrunde. Menschen können durch das Gift ebenfalls kurzzeitig übermäßig stark werden, aber letztendlich werden auch sie an den Nachwirkungen sterben.«

»Sehr gut, Callum.« Der Alte ließ die Hände des Fremden los und deutete den Kindern mit einer Handbewegung an, ihm zu folgen. Der Junge reagierte sofort und lief eilig hinter ihm her, doch das Mädchen blieb zunächst wie erstarrt stehen. Schließlich blinzelte es ein paarmal, lief langsam auf den Fae zu und streckte ihre kleine Hand nach ihm aus. Als sie seine Wange berührte, schloss der Mann erschöpft die Augen.

»Tut mir leid, dass ich dich nicht gesund machen kann«, flüsterte sie beschämt.

Als sie den Alten ihren Namen knurren hörte, schluckte sie trocken und eilte den beiden hinterher. Doch das Gesicht des Fae hatte sich bereits genauso tief in ihren Kopf eingebrannt wie die erbarmungslosen Fluten des Meeres.

***

Japsend fuhr Kaida hoch. Ihr Atem ging viel zu schnell und ihr Herz hämmerte wie wild gegen ihren Brustkorb. Außerdem konnte sie spüren, wie ihr kleine Schweißperlen die Schläfe hinunterrollten. Immer diese blöden, verdammten –

»Sind deine Albträume wieder schlimmer geworden?«

Kaidas Herzschlag setzte aus. Mit weit aufgerissenen Augen drehte sie ihren Kopf zur Seite und blickte in ein ihr wohlbekanntes Gesicht. Ein junger Mann saß auf ihrer Bettkante und lächelte ihr sanft entgegen. Mit leuchtenden Augen streckte er seinen Zeigefinger nach Kaida aus und strich behutsam über ihre feuchte Wange. Erst jetzt bemerkte sie das Zittern ihrer Unterlippe und die Tränen, die ihr in kleinen Bächen über das Gesicht flossen.

Nie hätte sie gedacht, dass er ihr Herz zweimal brechen würde; doch genauso fühlte es sich gerade an. Ihre Selbstbeherrschung verpuffte und mit ihr all die vernünftigen Argumente, die sie sich für genau dieses Szenario zurechtgelegt hatte. Anstatt ihn also ohne Umschweife aus dem Fenster zu stoßen, warf sie sich wimmernd in seine Arme. Wie erbärmlich.

Als sich seine warmen Hände auf ihren Rücken legten und sie beruhigend tätschelten, warf sie auch das letzte bisschen Vernunft über den Haufen. »Alles gut, Prinzessin, ich bin ja da«, murmelte der Mann tröstend in ihr Ohr. »Hätte ich gewusst, dass du mich so sehr vermisst, wäre ich schon viel früher bei dir vorbeigekommen.«

»Wo warst du so lange? Wie hast du mich gefunden?«, fragte Kaida schniefend an seinem Hals.

Er lehnte sich ein Stückchen zurück, um in ihre Augen blicken zu können, die im gleichen Blauton erstrahlten wie seine eigenen. Behutsam strich er ihr die feuchten Haarsträhnen aus dem Gesicht und klemmte sie hinter ihr Ohr. »Dachtest du wirklich, ich würde meine kleine Schwester allein und unbeobachtet durchs Land reisen lassen? Ich muss immer wissen, wo du dich aufhältst, andernfalls würde ich vor Sorge durchdrehen.«

»Du hättest ja auch einfach mitkommen können. Damals, als – «

»Als du von zu Hause weggelaufen bist und alles zurückgelassen hast, wofür wir und unsere Eltern unser ganzes Leben lang gekämpft haben? Wofür sie gestorben sind?«