Butter bei die Fische - Levke Winter - E-Book

Butter bei die Fische E-Book

Levke Winter

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Beschreibung

Kommissar Elias Kröger wurde von der Großstadt in die ostfriesische Einöde versetzt. Alle sprechen Platt, trinken Tee, und Elias fühlt sich so fehl am Platz, wie es nur geht. Doch als eine offenbar geistig verwirrte Frau meldet, ihre Tochter sei von einem buckligen Männlein entführt worden, kommt Leben in das beschauliche Polizeirevier. Denn es stellt sich heraus, dass Steffi tatsächlich verschwunden ist…

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2013

ISBN 978-3-492-96116-5

© 2013 Piper Verlag GmbH, München

Umschlaggestaltung und Artwork: Martina Eisele, Eisele Grafik-Design, München,

unter Verwendung der Fotos von Datacraft Co Ltd /Getty Images und reinobjektiv /gotolia

Datenkonvertierung: Greiner & Reichel, Köln

Montagmorgen, steifer Nacken, leerer Magen – es war nicht schön. Außerdem hatte er immer noch das Gespräch mit Brotmeier im Kopf. Und nun als Krönung das Schiff. Es hing gegenüber an der weiß verputzten Wand. Schwere See, geblähte Segel, Gischt, dräuender Horizont … ungefähr so. Der Maler, der definitiv zur Amateurfraktion zählte, hatte einen schweren goldenen Rahmen erstanden, und die Kollegen von der Polizeiinspektion Leer hatten sein Werk im Eingangsbereich angebracht. Nagel. Peng.

Im Grunde war das nicht weiter schlimm. Das Gemälde verlieh dem kargen Wartebereich mit der Bank, den Stühlen und dem abgeschabten Fliesenboden etwas Menschliches. Aber genau das war es auch, woran Elias sich störte. Dieses Bild hatte in seinen Augen etwas Umarmendes, Intimes. Es wirkte, als wollte es den Betrachter in eine Gruppe integrieren. Und das nervte ihn. Schon im Kindergarten und in der Schule hatte er seine Probleme mit Gruppen gehabt. Und Brotmeier hatte es ihm auch auf den Weg mitgegeben: »Sie sind kein Gruppenmensch, Schröder, das kriegen Sie nicht hin. Sie sind ein notorischer Einzelgänger.«

Mit einem unterdrückten Seufzer schaute Elias auf die Uhr, die über dem Glaskasten hing, in dem seine künftige Kollegin den Publikumsdienst versah. Es war fünf vor neun. Er wartete bereits seit fünfunddreißig Minuten. Verstohlen beobachtete er die Polizistin. Sie sah nett aus. Jung, blonde Haare im Zopfgummi, mit Haarklemmen gebändigt. Gerade eben verzweifelte sie an ihrem Computer. Er hörte, wie ihr ein »Verdoomt noch mal!« entschlüpfte. Wahrscheinlich füllte sie ein Formular aus. Dass sie dabei »Verdoomt noch mal!« sagte, machte sie ihm sympathisch. Er mochte Formulare auch nicht. Sie hob den Kopf und lächelte ihn an. Er lächelte zurück.

Dann wanderte sein Blick wieder zum Bild und schließlich zu der Bank darunter. Dort saß eine Frau mittleren Alters mit einem Jungen. Sie hatte schon gewartet, als er angekommen war. Jetzt stand sie auf, ging zur Pferdeschwanzpolizistin und sagte etwas. Allerdings auf Platt, deshalb verstand er kein Wort. Was hatten die sich in Hannover nur dabei gedacht, ihn in einen Winkel der Welt zu versetzen, wo er sich nur mithilfe eines Dolmetschers verständigen konnte? War das Brotmeiers Rache für all die Formulare gewesen, die Elias ihm zu spät oder gar nicht auf den Schreibtisch gelegt hatte? Schicken wirden Saukerl sprachlich in die Wüste! Brotmeier war das zuzutrauen.

Das Mädchen hinterm Tresen erhob sich und sagte: »Mensch, Frau Coordes, ich verstehe Sie ja, aber leider ist der zuständige Kollege vom Einbruchsdezernat noch immer nicht im Haus. Wenn er kommt …«

»Bucklig«, schnitt die Frau ihr das Wort ab. Die beiden sprachen hochdeutsch miteinander. Vielleicht war das auf Ämtern üblich. Elias schöpfte Hoffnung. Frau Coordes hatte krause, blonde Haare, die sie in ein Stirnband geklemmt hatte. Dazu trug sie eine beige, wattierte Steppjacke, die aussah wie vom Flohmarkt. Für das momentane Wetter – es war Anfang April und ziemlich warm – war sie viel zu dick angezogen. »Ein buckliges Männlein!«, erläuterte sie.

»Ich weiß, ich habe das aufgeschrieben.«

»Wo?«

Die Polizistin deutete auf den Computer. Frau Coordes schob den Kopf durch das Loch im Trennglas und beäugte misstrauisch das Gerät, als überlegte sie, ob sie veräppelt würde. »Er war bucklig und ist erst in mein Zimmer gekommen und dann zu Steffi rüber«, erklärte sie.

»Das hab ich in der Anzeige notiert. Bucklig. Ins Zimmer. Sonst wissen Sie aber nichts?«

»Und schwarz.«

»Das nehme ich noch auf. Meinen Sie seine Kleidung? Also was er anhatte? Oder ist das der ethnische Hintergrund?«

»Was?«

»Wohl die Kleidung, hm?«

Die Frau nickte energisch, stieß sich den Kopf und zog ihn wieder auf ihre Seite der Glasabtrennung.

»Wollen Sie vielleicht einen Tee?«

»Nee.« Frau Coordes sah der Polizistin in dem kurzärmligen, weißen Hemd beim Tippen zu. Der Tee, den man ihr angeboten hatte, blubberte in einem Teekocher, der sich alle paar Minuten abschaltete und dann wieder ansprang.

Elias blickte erneut auf die Uhr. Viertel nach neun. Dann wanderte sein Blick zu dem Jungen, der die Frau in die Polizeiinspektion begleitet hatte. Es war ein spilleriger Kerl, etwa zwölf Jahre alt, mit einem blassen, runden Gesicht, in dem eine Schürfwunde verheilte. Abgewetzte Jeans, ein T-Shirt, auf dem ein bulliger Roboter mit einer Art Antenne auf dem Kopf zu sehen war. Im Gegensatz zu der Frau, bei der es sich wohl um seine Mutter handelte, wirkte er ziemlich intelligent. Er war still, einer von denen, die den Mund halten, aber dabei hellwach bei der Sache sind. Dass er sich seiner Mutter schämte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Was ihn aber wirklich beschäftigte – er stierte regelrecht drauf –, waren der Computer und die Polizistin. Warum? Interesse an der Technik? An den beiden aparten Hügelchen unter dem weißen Hemd? Aber dann hätte er anders aussehen müssen. Irgendwie … entspannter.

War er aber nicht. Hände verkrampft, Blick ängstlich, dabei hoch konzentriert, registrierte Elias. Hätte er seinen Block mit den gelben Klebezetteln dabeigehabt, auf die er nach alter Gewohnheit Ermittlungsergebnisse notierte, hätte er diese Stichworte aufgeschrieben. War es dem Jungen wichtig, dass die Polizistin die Beschreibung des Buckligen korrekt in den Computer eingab?

Frau Coordes schlurfte zu ihrem Stuhl zurück und brummelte ein Wort, das wie »Boris« klang. Wohl der Name des Jungen. Dann folgte ostfriesisches Kauderwelsch. Boris zog den Daumen, an dem er geknabbert hatte, aus dem Mund und setzte sich drauf, es war offenbar eine Ermahnung gewesen. Der gute Vorsatz hielt zwei Sekunden, danach war der Daumennagel wieder im Mund.

Notiz auf den imaginären Klebezetteln: Boris ist nervös.

»Vielleicht wäre es besser, wenn Sie später noch mal wiederkämen, Frau Coordes. Der Kollege ist offenbar …« Die Polizistin hinter dem Tresen brach ab, weil die Tür aufging. Eine Frau in einem Patchworkmantel kam herein. Mitte dreißig, schätzte Elias, eins achtzig groß, drahtig gebaut. Sie trug Jeans und enge Stiefel. Die Haare waren lockig, in einem Farbton zwischen Rot und Orange, als hätte sie sich beim Färben nicht entscheiden können. Noch eine beunruhigte Bürgerin?

Die Polizistin sprang auf. »Frau Staatsanwältin! Gut, dass Sie da sind. Herr Ippen hat ’nen Zettel hiergelassen, dass er Sie sprechen muss, wegen der Sache …«

»Weiß ich«, brummte die Staatsanwältin griesgrämig.

»Er sagt, es sei eilig.«

»Isses doch immer, oder?« Die Frau wollte weiter. Sie hatte ein Pferdegesicht und wirkte nicht besonders verbindlich, aber auch nicht unsympathisch. Unterm Arm trug sie eine Kladde. Elias versuchte sie sich in einer schwarzen Robe vorzustellen. Das war schwer wegen der rotorangen Haare. Die sahen eher nach Leck mich aus als nach Paragraf zweihundertfünfzehn b Absatz römisch drei. Als sie seinen Blick auffing, zögerte sie.

»Der neue Kollege«, erklärte das Mädchen hinter dem Tresen hilfsbereit. »Herr Schröder aus Hannover. Der von der Fallanalyse.«

»Ach, nee.« Die Staatsanwältin reichte Elias die freie Hand. »Kellermann.« Ihr Händedruck war ein Mittelding zwischen Schraubstock und Pressluftramme und passte zum Pferdegesicht. »Sie sind also der, den man sozusagen … versetzt hat?«

Strafversetzt. Es war offenbar schon durch sämtliche Flure gegangen. Elias nickte.

»Wegen … Luftballons?«

»Na ja.«

Die Staatsanwältin musterte ihn, sagte: »O Gott!« und eilte weiter. Elias merkte, dass die Frau in der beigen Jacke ihn anstarrte. Ihre Lippen bewegten sich, als würde sie einen Gedanken durchkauen. Jetzt, da sie wusste, dass er ebenfalls von der Polizei war, erwog sie vielleicht, sich lieber an den Spatz in der Hand zu halten, statt auf die Taube zu warten, die nicht kommen wollte. Sie zuckte zusammen, als der Junge etwas fallen ließ. »Bumskopp!«, schnauzte sie. Bei dem Gegenstand handelte es sich um eine kleine Metallbox, auf der Kosmos und Geheimschrift stand. Der Junge hob sie auf und steckte sie in die Tasche zurück. Seine Hand zitterte. Elias beugte sich vor. Eigentlich ging ihn die Sache ja nichts an, aber immerhin war er Bulle. »Wie war das denn mit dem Buckligen? Erzähl mal.«

»Der kam mitten in die Nacht, als ich grad die Flimmerkiste ausgeschaltet hab«, antwortete Frau Coordes für ihren Filius. »Ich war eingeschlafen und wieder aufgewacht und wollte ins Bett und halt die Fernbedienung in der Hand – also, die neue jetzt. Die hab ich von meiner Schwester, weil die alte kaputt ist – da ging der Lautknopf nicht mehr richtig.«

»Und dann?«, fragte Elias und schaute Boris an.

»Da steht er auf einmal im Zimmer«, sagte die Mutter. »Wie ’n Zombie. Das war vielleicht gruselig. Ich hab ’n schwaches Herz, ich hätte glatt tot umfallen können.«

»Ein buckliges Männlein?«

»Sag ich doch.«

»Und wer war das?«

Hinter dem Tresen wedelte das Pferdeschwanzmädchen mit dem Arm, um Elias’ Aufmerksamkeit zu erregen. »Frau Coordes wird oft belästigt«, erklärte sie. »Mal im Zug, mal beim Einkaufen, und dann wirft jemand eine Zigarettenschachtel über ihren Zaun oder klebt Kaugummi auf den Briefkastenschlitz … Wir haben schon einen ganzen Ordner mit Anzeigen.«

Elias sah, wie Boris knallrot anlief.

Junge ist intelligent – versteht den Subtext, notierte er im Kopf. »Und du? Hast du das bucklige Männlein auch gesehen?«

Boris starrte ihn an.

»Er schläft doch mit Steffi im selben Zimmer«, platzte Frau Coordes heraus, genervt, weil der blöde Polizist gar nichts wusste.

»Wer ist Steffi?«

»Na, zu ihr ist er doch von der Stube aus hin. Rüber zu den Kindern. Und dann zu Steffi ans Bett. Sag ich doch. Ich will ’nen Polizeischutz.«

Die Kollegin hinterm Tresen rollte mit den Augen.

Frau Coordes bemerkte Elias’ skeptisches Gesicht und erklärte noch mal von vorn. »Also – erst war er bei mir. Ich hab die Flimmerkiste ausgemacht, mit der Fernbedienung, die Gitta mir geschenkt hat. Weil bei der alten ja der Lautknopf klemmte. Und dann ist er rübergegangen.«

»Kannten Sie die Person?«

»Ein buckliges Männlein.« Sie sprach es wie einen Namen aus – und zwar wie einen, der Elias bekannt vorkam. Buckliges Männlein … Er begann zu grübeln, aber bevor er draufkam, ging schon wieder die Tür zur Straße auf.

Der Mann, der sich mit dem Hintern voran in den Eingangsbereich schob, trug eine Aktentasche und einen Margeritenstrauß. Er legte die Blumen auf den Tresen und sagte: »Weißt schon, wofür. Bist ’n Schatz, Frauke, ehrlich.« Es war ein großer Kerl, mindestens eins neunzig, mit breiten Schultern und einem perfekt rasierten Gesicht, dem man ansah, dass er gern lächelte. Anfang vierzig, schätzte Elias. Typ Frauenschwarm mit starker Schulter. Lässig, souverän. Sicher mordsmäßig begabt, wenn es ums Thema Gruppe ging.

Frauke hauchte ihm ein Küsschen zu und sagte: »Versuch’s kein zweites Mal.« Sie wies zu Elias. »Das ist übrigens Herr Schröder. Der Kollege aus Hannover, der von der Fallanalyse …«

»Na, so was. Gut Anker geworfen, Schröder?« Der Mann streckte Elias die Linke entgegen, weil er in der Rechten die Aktentasche trug. »Harm Oltmanns. Leiter des K1. Einfach Harm, wenn’s dir recht ist. Wir werden ja in Zukunft viel miteinander zu tun haben. Sag mal, Frauke, wo steckt Ulf überhaupt?«

»Oben«, antwortete die Kollegin am Tresen.

»Wieso das denn? Ich hab ihm doch gesagt …«

»Er meint, Herr Schröder will vielleicht erst mal mit Herrn Jensen sprechen. Aber der ist ja noch nicht da.«

Harm Oltmanns murmelte verdutzt »Soso« und schüttelte den Kopf, während er Elias die Tür aufhielt. »Dann komm mal mit rauf. Pass auf, es wird dir hier gefallen, Mann. Eigentlich sind das alles nette Leute hier.«

Sollte das heißen, dass dieser Ulf nicht zu den Netten gehörte? Wer war das überhaupt? Der Kollege, mit dem Elias künftig das Zimmer teilen würde? Er folgte Harm Oltmanns zum Treppenhaus. »Der Chef ist also nicht da?«, vergewisserte er sich.

»Jensen musste nach Osnabrück. Für heut und morgen. Geht um Strukturprobleme und so. Das hat Ulf wohl nicht mitgekriegt.«

Ulf hatte es ganz sicher mitgekriegt. Vermutlich war er ein Kotzbrocken, dem es Spaß machte, dem Neuen Reißnägel auf den Stuhl zu legen. Na schön. Durch die offenen Türen am Flur entlang sah Elias seine künftigen Kollegen. Einige hoben die Hand, als sie ihn sahen.

»Du hast also als Fallanalytiker gearbeitet?«, wollte Harm wissen.

»Ja.«

»Wow.«

»Hm.« Elias sprach nicht gern über die Fallanalyse. Wer das Wort hörte, dachte an Profiler und hatte das Bild aus den amerikanischen Fernsehserien vor Augen, wo geheimnisvoll dreinschauende Kerle erklärten, dass der Verbrecher, den sie suchten, Majoran im Balkonkasten zog, als Baby auf Kermit, dem Frosch, gekaut hatte und nachts von Zahnseide träumte. Hatte natürlich nichts mit der Realität zu tun. In Wirklichkeit sammelten Fallanalytiker Fakten, puzzelten damit herum und versuchten sich mit den Kollegen von der Ermittlung und einem Psychologen oder Gerichtsmediziner bei Unmengen Kaffee gemeinsam einen Reim zu machen. Mehr war da nicht. Allerdings auch nicht weniger. Ihre Aufklärungsquote konnte sich sehen lassen.

Harm öffnete eine Tür. »Komm erst mal rein. Das hier ist mein Zimmer. Da drüben sitzt sonst Sven, aber der hat sich was am Kreuz geholt. Ist mit dem Kinderwagen ’ne Treppe hoch. Bandscheibe oder so.« Das Zimmer war hell. Auf Harms Schreibtisch stand ein gerahmtes Bild von ihm und einer hübschen, mütterlich wirkenden Blondine, die ein Holzscheit auf die Schulter gewuchtet hatte. Sah nett aus.

»Willste ’nen Tee?« Harm kramte eine Flasche unter seinem Schreibtisch hervor und goss Mineralwasser in einen Stahlkessel, der auf einer Kochplatte stand. Daneben war es dekoriert wie bei Omas Kaffeeklatsch: eine Porzellandose, eine Schale mit weißen Zuckerstückchen, eine blau geblümte Teekanne, ein paar ebenfalls geblümte Tassen.

Elias sank auf Svens Stuhl und sah zu, wie Harm den kleinen Papierstapel auf seinem Schreibtisch zu sichten begann. »Nee, was?«, brummelte sein Chef und hob eines der Papiere auf. Das Geschriebene schien ihn zu ärgern, und Elias überlegte, ob er ein kollegiales »Stress?« beisteuern sollte, aber er ließ es lieber sein. Das Teegeschirrambiente irritierte ihn genauso wie das Schiff in Öl unten im Eingangsbereich. Sehnsüchtig dachte er an sein einsames Zimmer im Dachgeschoss des LKA in Hannover zurück, wo dieser ganze Gruppenkram keine Rolle gespielt hatte. Wo ihn abseits der Sitzungen nur Menschen aufsuchten, die mit ihm irgendwelche Sachfragen diskutieren wollten. So etwas wie die Angelegenheit mit dem buckligen Männlein zum Beispiel. Buckliges Männlein … In welchem Zusammenhang hatte er das nur gehört?

Harm legte den Papierkram beiseite, füllte Teeblätter in die Kanne, goss Wasser hinein und stellte die Kanne auf dem Schreibtisch ab. »Weißt du, Ulf Krayenborg ist in Ordnung. Umsichtig, korrekt. Man muss ihn nur zu nehmen wissen. Er hat …«

»Kennst du den Ausdruck buckliges Männlein?«, unterbrach Elias ihn.

»Was?«

»Buckliges … egal. Ich hab nur gerade daran gedacht.«

»Der Glöckner von Notre-Dame hatte einen Buckel«, erklärte Harm hilfsbereit.

»Den mein ich nicht.«

»Ach so.« Harm wartete noch einen Moment mit halb offenem Mund. Als Elias sich nicht weiter äußerte, schloss er den Mund und fuhr seinen Computer hoch. »Wo wohnst du eigentlich?«

»Bin ich mir noch nicht sicher.«

Harm hob die Augenbrauen. »Heißt das, du hast noch keine Bleibe?«

»Wird schon noch.« Es war Elias blöd vorgekommen, sich nach einer Wohnung umzusehen, wo er doch bis zum letzten Moment gehofft hatte, dass Brotmeier es sich anders überlegen würde. War ja oft genug vorgekommen. Er hatte die Formulare verschlampt, Brotmeier hatte sich aufgeregt, dann glätteten die Wogen sich wieder. Aber diesmal …

»Also, einen Überfluss an Wohnungen haben wir hier momentan gerade nicht«, sagte Harm. »Und in den Osterferien hast du’s auch schwer, kurzfristig ein Zimmer zu kriegen. Da kommen nämlich die Touristen. Das kannste dir nicht vorstellen. Wie die Ameisen. Plötzlich hast du sie überall.«

»Hm.«

Harm versenkte sich in die Neuigkeiten aus seinem Computer. »Aber man hat seine Ruhe hier. Also, wenn die Touristen wieder weg sind. Dann ist es nicht so hektisch wie in Hannover«, meinte er geistesabwesend. »Hat’s dir dort gefallen?«

»Ja, schon.«

Harm machte sich eine Notiz und stand dann auf, um Tassen zu holen. Er goss Tee hinein und schob Elias seine Tasse über den Schreibtisch. »Vier Minuten, okay?«

»Was?«

»Der Tee. Ich hab ihn vier Minuten ziehen lassen. Vier ist gut, um die Lebensgeister zu wecken. Ab sechs Minuten beruhigt er. Ich glaube, vier wär jetzt prima, was? Ich muss grad mal weg.«

Er verschwand im Flur, und Elias starrte in die Tasse. Zu Hause hatte es in seiner Kindheit jeden Abend Pfefferminztee gegeben, unerbittlich, wegen der Gesundheit. Kein Wunder also, dass er so was nicht mochte. Er lehnte sich zur Seite und kippte das Gebräu in einen Ficus, der in der Ecke neben Svens Schreibtisch wucherte. Ficusgewächse vertrugen bekanntlich eine Menge.

Da Harm seinen Computer hochgefahren hatte, konnte er sich auch gleich mal umsehen, was so los war in Ostfriesland. Elias wechselte den Schreibtisch. Auf dem Bildschirm war die Aufzeichnung einer Zeugenvernehmung zu lesen. Ein Kerl namens Maik Hindemissen war belehrt worden, dass er seinen Namen und die Anschrift korrekt angeben müsse. Außerdem stand da, dass Maik freiwillig seine Telefonnummer rausgerückt und bestätigt habe, dass er kein Verhältnis zum Beschuldigten besaß, das ein Zeugnisverweigerungsrecht begründet hätte. Alles korrekt. Bestens.

Harm hatte die Kästchen gewissenhaft ausgefüllt und unter Beruf aufgelistet, wo Maik in den letzten drei Jahren gearbeitet hatte. Erst für eine Spedition. Dann bei einem Taxiunternehmen. Schließlich bei einer Firma namens Frugenia, wo er bei der Spargelernte ausgeholfen hatte, und zwar von Mai bis Ende August. Spargel? Im August? Elias runzelte die Stirn. Mensch, Harm!

Er öffnete ein neues Fenster und gab bei Google »buckliges Männlein« ein. Gleich das erste Ergebnis verriet ihm, dass die Formulierung aus einem Volkslied stammte.

Will ich in mein Gärtlein geh’n, will mein Zwieblein gießen, steht ein bucklig Männlein da, fängt gleich an zu niesen. Will ich in mein Küchel geh’n, will mein Süpplein kochen, steht ein bucklig Männlein da, hat mein Töpflein brochen …

»Und da ist er schon«, tönte es von der Tür.

Elias hob den Kopf. Harm schob jemanden durch den Türrahmen. Das musste Ulf Krayenborg sein. Der Mann sah aus wie Bill Clinton, nur mit Bauch. Keinem gewaltigen. Eher eine Wohlstandswölbung. Über dem Bäuchlein trug er eine weite blaue Strickjacke.

»Hallo, Profiler«, meinte Ulf grinsend und ließ sich auf der Tischkante neben dem Kopiergerät nieder. Er verschränkte die Hände über der Brust und spitzte angriffslustig die Lippen. Auch ohne Profiler zu sein, konnte man sich denken, was er damit ausdrücken wollte. »Schon eingewöhnt, Schröder?«

Elias zuckte mit den Schultern.

»Aber gleich an die Arbeit ran, was?«

Elias wurde bewusst, dass er am falschen Schreibtisch und am falschen Computer saß. Harm starrte mit gerunzelter Stirn auf den Ficus.

»Schon was rausgefunden über die ostfriesischen Serienkiller? Huhu …« Ulf hob die Hand und wirbelte damit kindisch durch die Luft. »Der Verdächtige rammelte eine Kuh – hat also als Kind zu viel Lebertran bekommen und würde gern der Mama den Hals umdrehen. Ha ha ha. Ich halt übrigens viel von Psychologen, ehrlich, obwohl ich mich nicht erinnern kann, dass jemals einer hier bei uns geholfen hätte, einen Fall aufzuklären.«

»Ich bin kein Psychologe«, sagte Elias.

»Also mehr ’ne Art Medium? Bin ich auch für offen. Wie teilen wir die Arbeit auf? Ich renn rum und verhöre und mache den routinemäßigen Kleinkram, der so anfällt, und der Profiler zaubert inzwischen die Lösung aus der Tasche?«

»Fallanalytiker«, sagte Elias. »Es heißt Fallanalytiker. Profiler gibt es nur im Fernsehen.«

Harms Stirn hatte sich umwölkt. Auf der dunklen Blumenerde schwamm ein Zuckerstückchen in einer bräunlichen Pfütze. Mist. Ulf ließ immer noch Dampf ab. »Ooooh, da muss ich mich ja entschuldigen. Tut mir leid, wir leben hier ’n bisschen hinterm Mond. Fallanalytiker! Hoffentlich wird’s dir nicht langweilig. In Ostfriesland gibt’s nämlich nicht viele Serienverbrechen. Hier wohnen schlichte, arbeitsame Menschen, die einfach in Ruhe gelassen werden wollen, und fertig. So ist das bei uns! Stimmt es eigentlich, dass sie dich in Hannover rausgeschmissen haben?«

»Jemand sollte sich um Frau Coordes und das bucklige Männlein kümmern, von dem sie redet«, sagte Elias zu Harm.

Der riss endlich seinen Blick vom Ficus los. »Was?«

Ulfs Gelächter hinderte Elias an der Antwort. »Ach nee, da legt er schon los, der Diplomprofiler! Er meint die bescheuerte Alte, Harm, die hier ständig aufkreuzt, weil ihr angeblich jemand was Böses will. Die sitzt unten bei Frauke, haste nicht gesehen? Schröder, Mensch«, meinte er von oben herab, »die ist wirklich plemplem. Nur brauchen wir keinen Psychologen, um das zu kapieren. Die segelt hier im Stundentakt durch und macht ’ne Anzeige, und wir nehmen’s auf und versenken’s im Papierkorb. Früher hat man solchen Leuten ’ne Glocke um den Hals gehängt, damit …«

»Wie wär’s, wenn ihr das bei euch im Büro ausdiskutiert?«, schlug Harm vor. Er wirkte sauer.

Ich hätte ihm sagen sollen, dass ich keinen Tee mag, dachte Elias. Eine Kindheit voller Pfefferminztee. Das hätte er sicher verstanden. Aber nun war es zu spät. Er erhob sich.

»Ach«, sagte Harm zu Ulf, der zur Tür strebte. »Lässt es sich einrichten, dass wir die Urlaubswochen tauschen? Imogen will im August zur Hochzeit ihrer Cousine, aber die findet unten in Italien statt, in Bologna, und so ’ne lange Reise lohnt ja nicht, wenn man nur zwei Tage …«

»Gesetzt ist gesetzt, hast du selbst gesagt. Was gesetzt ist, wird nicht mehr geändert«, erklärte Ulf, ohne sich drum zu scheren, dass Harm in der Hierarchieleiter über ihm stand. Wahrscheinlich hatte Ulf in seinem Urlaub nichts weiter vor, als den Rasen zu wässern, aber jemandem eins reinwürgen, das tat er offenbar gern – selbst wenn es sein Chef war.

Elias wollte Ulf folgen, sah dann aber einen Tesaabroller auf Harms Schreibtisch stehen. Nach kurzem Zögern riss er einen Zettel vom Zettelblock, notierte Spargelernte bis Ende Juni und klebte Harm den Zettel mitten aufs Display seines Computers.

Er erwachte vom Bellen eines Hundes. Das war am nächsten Morgen, und im ersten Moment wusste er gar nicht, wo er sich befand. Der Köter hatte die Pfoten gegen die Wagentür gestemmt und kläffte die Seitenscheibe an. Elias schlug mit dem Kopf an den Spiegel, als er auffuhr. Neben der rasenden Töle erschien das Gesicht einer clownartig bemalten älteren Dame mit lila Dauerwelle, die das, was sie durch die Scheibe erspähte, offensichtlich missbilligte. Sie zerrte den Hund vom Wagen weg, als könne er sich anstecken.

Elias zog eine Grimasse, während er sich aufrichtete und seinen Hals streckte. Verdrossen kurbelte er seinen Sitz hoch. Sein alter Twingo stand am Hafen neben der Touristinformation. Ein Angestellter, der die Tür aufschloss, warf einen verstohlenen Blick zu ihm herüber und sah dann rasch zur Seite. Möglich, dass der Mann jetzt bei der Wache anrief, von wegen verdächtige Gestalt auf dem firmeneigenen Parkplatz und so.

Obwohl – in Ostfriesland gab’s ja nur anständige Leute. Das hatte Ulf ihm gestern nämlich auch noch erklärt. Grundsolide Leute quer durch die Bevölkerung. Wenn es Knatsch gab, waren das garantiert Ausländer. Ulf war Kassenwart in der Partei »Wir für Ostfriesland« und damit Experte für das ostfriesische Seelenleben und alles, was davon abwich. Die Leute – also die Einheimischen – waren bodenständig, wortkarg und ehrlich. Gelegentlich tranken sie mal einen über den Durst, aber nur am Wochenende. Dann fuhr wohl auch mal einer gegen einen Gartenzaun, Gott ja. Aber richtige Kriminalität gab es erst, seit die Ausländer da waren. Da wurden ständig welche zusammengeschlagen, weil die das nämlich gar nicht anders kannten. Das sah man in seiner Partei glasklar, und da nahmen sie auch kein Blatt vor den Mund.

Elias überlegte, ob Ulf ihn ebenfalls zu den Ausländern zählte. Das Wort Landesgrenzen, das er benutzt hatte und das sich auf eine imaginäre Linie zwischen Bad Zwischenahn und Oldenburg bezog, sprach dafür. O Mann. Er legte den Kopf auf das Lenkrad. Wenn er sich nur nach einem Zimmer umgesehen hätte. Harm hatte nämlich recht behalten: In Leer und Umgebung gab es nirgends ein freies Bett. Alles von Urlaubern belegt, die Ostern an der Nordsee genießen wollten. Hatten sie hier wenigstens ein Schwimmbad? Keine Ahnung. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihm, dass er aussah wie einer, den sie gerade aus einem verschütteten Bergwerkstollen gerettet hatten.

Er beugte sich zum Rücksitz und angelte den Rasierapparat und das Zahnputzzeug aus seinem Koffer. Kamm war sicher auch nicht verkehrt. Er verstaute alles im Rucksack und ging dann hinüber zur Polizeiinspektion.

Elias gestand sich ein, dass ihm vor dem Tag graute. Den vergangenen hatte er an seinem neuen Schreibtisch verbracht, während Krayenborg im Nebenzimmer versackt war und die Zeit mit Kollegen verbrachte, wobei sie Platt sprachen, ganz gemütlich, und Tee tranken. Er hätte sich dazusetzen können, aber er hatte keine Lust gehabt, wo er doch kein Wort verstand und vom Tee einen Würgereiz bekam und bei Small Talk sowieso unvermeidlich gegen die Wand fuhr.

Aber den Kopf hängen lassen half auch nichts. Den neuen Tag musste er eben intelligenter beginnen. Also holte er sich die elektronische Akte von Frau Coordes auf den Computer. Er hatte das Zimmer wieder für sich, denn Ulf war auf den Fluren unterwegs und sammelte bei den Kollegen für einen Wal, der auf einer der Inseln angespült worden war und präpariert werden sollte.

Elias blätterte sich durch die Seiten. Er fand nichts, was Ulfs Beschreibung widersprochen hätte. Bärbel Coordes beschäftigte die Wache mit Anzeigen, die etwa im Monatstakt eingingen. Dabei litt sie an einem Mangel an Intelligenz und einem Übermaß an Zeit, was vermutlich miteinander in Zusammenhang stand und was man ihr, wie er fand, nicht vorwerfen durfte, weil der Herrgott sie halt so geliefert hatte. Gut.

Nach dem Aktenstudium ging Elias in die Innenstadt, aß ein Fischbrötchen, dort, wo er schon am Vortag eines gegessen hatte, und besorgte sich dann im Kaufhaus ein Set gelber Haftzettel, um seine Erkenntnisse zu Boris festzuhalten. Wieder im Büro, begann er zu schreiben:

Boris nervös.

Boris intelligent.

B. findet Mutter peinlich.

B. will, dass buckliges Männlein von der Polizei zur Kenntnis genommen wird.

Und, mit rotem Kuli umkreist: Boris hat Angst.

Aber wovor? Elias starrte auf den Zettelsalat. Wenn er wirklich Psychologe gewesen wäre, hätte er vielleicht angenommen, dass er sein eigenes Unbehagen vor dem neuen Lebensabschnitt auf den Jungen übertrug. Aber er war Fallanalytiker und betrachtete ganz einfach die Fakten. Und das waren: ein Kindergesicht mit flackernden Augen, zittrige Hände, eine Metallbox, die zu Boden schepperte. Nur, rief Elias sich zur Ordnung, war das alles ohne Bedeutung, denn es war kein Verbrechen begangen worden, außer eventuell ein Fall von Hausfriedensbruch. Frau Coordes war weder bedroht noch verletzt oder bestohlen worden.

Das Fischbrötchen rumorte im Magen, und Elias machte sich auf die Suche nach einem WC. Im Flur traf er auf einen Kollegen mit einer Fliege, den er mit einem forschen »Moin« begrüßte. So machte man das hier, und er hatte beschlossen, sich anzupassen. Es half ja nichts. Das »Moin« kannte er übrigens aus Oldenburg, wo er drei Jahre lang die Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege besucht hatte. Nur dass sein Gruß hier mit einem Schwall unverständlicher Wörter beantwortet wurde. »Ich komme aus Hannover«, sagte Elias, um klarzumachen, dass man mit ihm hochdeutsch sprechen musste.

»Och wat! Der Profiler!« Der Fliegenmann legte seine Brotdose auf einem Tischchen mit Flyern ab und schüttelte ihm die Hand. »Dann mal viel Spaß bei uns. Ich bin Reinert. Zwei Zimmer weiter. Wenn du willst, kannste nachher auf einen Tee zu mir kommen.«

Im Männerklo war es ruhig. Eine behagliche Stille wie in seinem Dachstubenbüro in Hannover. Elias entsorgte das Fischbrötchen vom Vortag, dann ging er zum Waschbecken und begann sich die Zähne zu putzen. Er beugte sich vor und starrte auf sein Spiegelbild. Ein übernächtigtes Gesicht. Schwarze, dünne Krauslocken, die wie Pusteblumenfäden abstanden. Irgendwie italienisch sah er aus, das hatte man ihm schon öfter gesagt. Auch, was den üppigen Bartwuchs anging. Er passte nicht hierher, wo die Schultern breit und die Schöpfe blond waren. Um das zu kapieren, brauchte er keinen Ulf. Er spülte den Mund aus und packte sein Zahnputzzeug wieder zusammen.

Da Ulf sich auch in den nächsten beiden Stunden nicht blicken ließ, war Elias weiter arbeitslos. Er spielte eine Weile Solitär, langweilte sich, weil er die Päckchen immer gar zu rasch auf den Stapeln hatte, und ging runter zum Empfang, um Frauke nach dem Chef zu fragen. Der war aber immer noch in Osnabrück.

Frauke sah ihn mitfühlend an. »Ulf ist nicht einfach, was? Das Blöde ist, dass niemand mit ihm kann. Und deshalb haben sie ihn dir aufgehalst. Weil du neu bist. Das war ganz sicher nicht bös gemeint.«

Er fand es nett, dass sie ihn tröstete. Die Welt sah nicht mehr ganz so trübe aus. »Hat Frau Coordes dir noch was Interessantes erzählt?«, fragte er. Sie schüttelte den Kopf, und er kehrte in sein Büro zurück. Dort saß er eine weitere Stunde und blickte zum Fenster hinaus. Dann ging er erneut in die Innenstadt und kaufte zur Sicherheit einen weiteren Haftzettelblock. Man konnte ja nie wissen. Als er wieder in der Polizeiinspektion war, richtete Frauke ihm aus, dass Harm ihn gern sprechen würde.

Elias machte sich gleich auf den Weg zu seinem Chef.

»Ah, prima, dass du da bist!« Harm starrte auf den Computerbildschirm und leckte mit der Zunge über die Lippe. »Nicht übel, gar nicht übel.«

»Was?« Elias ließ sich auf Svens Stuhl sinken.

»Das mit der Spargelernte. Ich hab ein bisschen rumtelefoniert, drüben in Osnabrück und beim LKA. Offenbar hat Maik Hindemissen sich ein schickes kleines Unternehmen für Versicherungsbetrug aufgebaut. Ist so ’ne Art Familienbetrieb. Die Frau, die Brüder, der Onkel …« Harm lehnte sich zurück und lächelte. »Die haben Unfälle provoziert. Kennst du sicher. Du bringst jemanden dazu, dir reinzufahren, und dann gehst du hin und kassierst bei seiner Versicherung ab. Nur hat das Maik finanziell wohl so weich gebettet, dass er keine Lust mehr auf Arbeiten hatte. Aber weil er einen nagelneuen Astra Cabrio fuhr, dachte er wohl, er müsse uns ein paar reguläre Einnahmequellen präsentieren. Spargelernte im August, was? Einmal zu viel schlau gewesen. Den kriegen wir dran.«

Elias freute sich, dass Harm sich freute. Er beugte sich vor, nahm den Merkzettel von Harms Schreibtisch und versenkte ihn im Papierkorb.

»Läuft es gut mit dir und Ulf?«, wollte Harm wissen.

Dass es beschissen lief, war sicher ebenso durch die Büros gegangen wie die Sache mit den Luftballons. Ulf machte aus seinem Herzen ja nicht gerade eine Mördergrube. »Geht schon.«

»Willste ’nen Tee?«

Das Gebräu dampfte in Harms Tasse, und es sah so aus, als sei die blau geblümte Kanne noch voll. Elias schüttelte den Kopf, aber Harm nahm trotzdem eine zweite Tasse und goss sie voll. »Ich hab ihn sieben Minuten ziehen lassen.«

»Warum?«

»Ich sag doch, das entspannt. Mit Kluntjes?«

»Was?«

»Zucker.«

Elias starrte auf das Pöttchen mit den durchsichtigen, kieselartigen Zuckersteinchen. »Bei mir zu Hause gab’s früher abends immer Pfefferminztee. Mir wird davon schlecht.«

»Pfefferminztee ist doch kein Tee. Das ist Kräuterpampe«, sagte Harm, ließ ein Steinchen in die Tasse plumpsen und setzte sie Elias mit Nachdruck auf den Tisch. »Also: Die gute Nachricht ist, dass meine Freundin Imogen sich in die Idee verrannt hat, wir müssten zur Hochzeit ihrer Cousine.«

Nach Italien, klar. Elias nickte.

»Das hat mich unter Druck gesetzt.«

»Und was ist daran gut?«

»Für mich gar nichts, aber für dich. Ich hab dich nämlich eingetauscht.«

»Hä?«

Harm grinste gut gelaunt. »Bei Ulf. Gegen den Augusturlaub. Er gibt mir die beiden Wochen vom Dritten bis zum Siebzehnten. Und dafür nehm ich dich in mein Büro. Die Sache läuft allerdings nur ein paar Wochen, bis Sven zurück ist. Na ja, bis dann hast du dich sicher eingewöhnt.«

»Du hast mich getauscht?«

»Sag ich doch: Glückspilz!« Harm räkelte sich behaglich auf seinem Stuhl.

»Eingetauscht – so wie ein Sammelbild?«

»Exakt.«

»Und ich hab einen Wert von vierzehn Urlaubstagen?«

»Ich glaub, ich hätte auch drei Wochen rausschlagen können«, meinte Harm selbstzufrieden.

»Na toll!« Elias nahm seine Teetasse, zog sich den Ficus heran und goss den Tee in einem dünnen Strahl auf die Blumenerde.

Harm sah ihm dabei zu. Sein Gesicht verdüsterte sich. Als die Tasse leer war und Elias sie auf den Schreibtisch zurückstellte, schwieg er zunächst. Dann setzte er an, etwas zu sagen. Wahrscheinlich wäre das der Punkt gewesen, an dem Elias’ ostfriesisches Abenteuer ein Ende genommen hätte. Nehmt euren Querulanten zurück. Er strengt an. Er kommt nicht klar mit der ostfriesisch gemütlichen Mentalität. Lasst ihn in einem Keller Akten sortieren.

Aber in diesem Moment kam der Anruf wegen der Explosion, und da wurde alles andere erst mal nebensächlich. In einem Dorf namens Marienchor hatte nämlich jemand eine Bombe gezündet.

»Eine Bombe?«, fragte Elias, während er hinter Harm den Flur hinunterrannte.

»Japp.«

»Marienchor?«

»Japp.«

»Und weiß man schon …«

»Nix«, sagte Harm.

Sie schnappten sich das nächste Dienstfahrzeug und rasten los. Ihr Puls war auf hundertachtzig. In Ostfriesland explodierte schließlich nicht jeden Tag eine Bombe. Doch allmählich verlor sich ihre Aufgeregtheit. Das lag vielleicht an der Landschaft. Das Wort Unendlichkeit bekam nämlich, wenn man durch Ostfriesland fuhr, eine ganz neue Bedeutung. Sobald sie die Stadt verlassen hatten, sah es aus, als führen sie über eine grüne Platte, die sich bis in die Unendlichkeit fortzusetzen schien. Elias konnte spüren, wie ihn Lethargie erfasste. So viel Garnichts. Obwohl, die Ostfriesen hatten sich Mühe gegeben, die Platte ein wenig aufzuhübschen. Sie hatten Wälle quer über die Wiesen gebaut und darauf Bäume gepflanzt. Sie hatten schiefe Kirchen errichtet, mit separaten Türmen. Es gab auch Bauernhöfe und Einfamilienhäuser, die mit Schildern nach Urlaubsgästen angelten. Aber im Grunde war alles grüne Platte.

»Nix weiß man«, sagte Harm und wich einer Katze aus, »außer dass es Tote gab.«

»Tote?«

»Sag ich doch.«

Elias musste sofort an Boris und seine Mutter denken. Es gab keinen Hinweis darauf, dass die Explosion etwas mit den beiden zu tun hatte, aber er besaß ein Gespür. Und dieses Gespür sagte ihm, dass etwas im Busche war.

Marienchor entpuppte sich als ein Nest, das aus drei Bauernhöfen bestand. Der Schauplatz des Verbrechens war leicht auszumachen: Es hatte einen Stall erwischt. Die Bauern standen drum herum, kratzten sich die Köpfe und begutachteten den Schaden. Es herrschte keine Panik, wie Elias feststellte, aber entspannt war man auch nicht gerade. Grimmiges Schweigen, so konnte man es am besten beschreiben.

Harm parkte den Wagen neben dem Tatort. Elias stieg aus – und trat auf einen Hühnerkopf.

»Der Hühnerstall ist in die Luft gegangen, und du zermatschst gerade die Opfer«, erläuterte Harm und grinste hochzufrieden, wohl weil er fand, dass damit die Teegeschichte gerächt sei. Elias merkte, wie ihm beim Anblick all der verstreuten Kadaverreste schlecht wurde, aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Mit flauem Magen nahm er seine Digitalkamera aus dem Rucksack, um das Elend auf dem Treckerwendeplatz und in den angrenzenden Ackerfurchen festzuhalten. Auch wenn er Hochachtung vor der Spurensicherung hatte, fotografierte er gern selbst. Man hatte ja immer einen unterschiedlichen Blick auf das, was wichtig war. Besonders gut gefiel es ihm, den Hühnermatsch an Harms Sommerschuhen abzulichten.

Sein Chef redete mit einem älteren Mann, dem der Hof offenbar gehörte und der den Verdacht hegte, dass die Nazis für das Massaker verantwortlich seien. »Ik gah de Saak up de Grund!«, schwor der Alte. Da die beiden Platt sprachen, bekam Elias den Rest leider nicht mit. Aber Harm hatte es drauf, die Leute zu beruhigen, das musste man ihm schon lassen. Die Nachbarn verkrümelten sich, und der Bauer lud sie in die Küche des Wohnhauses ein.

Blau-weiße Kacheln aus Uromas Tagen, von denen mindestens die Hälfte gesprungen war, schufen Ambiente. Der Herd wurde noch mit Kohlen beheizt. Auf einer der Platten stand eine Kanne.

»Klar mögen wir Tee, wer mag den nicht«, sagte Harm, als die rundliche Bauersfrau mit den murmeltiefen Grübchen Tassen aus dem Schrank holte. Sie goss Sahne auf das Gebräu, vergaß aber, ihnen einen Löffel zum Umrühren zu reichen.

Elias verdrückte sich mit seiner Tasse zur Fensterbank, und während Harm sein Notizbuch herauszog und auf hochdeutsch, mit offizieller Miene, die Befragung begann, stellte er den Tee diskret neben einer Hortensie ab.

»Ik murks dat Gesocks ab«, dröhnte der Bauer über den Küchentisch. »Wusstest du, dass Göring sich in Wirklichkeit gar nicht umbracht hett, sondern ein Doppelgänger dran glauben musste? Dat is belegt. Da steckte dat Militärgericht hinter. Ihn selbst hamse laufen lassen. Oberflächlich hamse nämlich entnazifiziert, die Alliierten, aber die Großen kommen immer davon. Mein Opa hamse in Engerhafe interniert. Wegen ’nem Lied, das er beim Schützenfest gesungen hat.«

»Is’ wahr?«, fragte Harm. »Wann genau haben Sie denn gehört, dass Ihr Stall explodierte?«

»Aber da kümmert sich die Polizei nicht drum. Ihr kriegt euern Mors nicht hoch für die wirklich wichtigen Sachen, weil ihr nur bei den Blitzern abkassieren wollt. Du auch.«

»Nö«, sagte Harm.

»Ach, wat. Geht doch immer alles ums Geld.«

»Die Explosion war also heute Mittag«, brachte Harm ihn wieder auf den Kern der Angelegenheit zurück. »Da bräuchte ich noch die möglichst genaue Uhr…«

»Mittags schläft der Kerl.«

»Was?«

»Wir ham hier auch ein’ Nazi«, erklärte der Alte grimmig. »Davon red ich doch. In einem der Ferienhäuser. Aber mittags schläft der immer. Ik hebb dat beobachtet. Der war’s nich.«

»Gut. Dann schreib ich mal ein Uhr?« Harm begann zu kritzeln, und Elias, der merkte, dass die Bäuerin ihn beobachtete, nahm die Tasse auf, lächelte genießerisch und schob das Porzellan gegen die fest geschlossenen Zähne.

»Haben Sie das mit dem Nazi auch aufgeschrieben?«, wollte der Bauer wissen.

»Wir vertiefen diesen Punkt im Verlauf unserer Ermittlungen«, sagte Harm und klappte das Notizbuch zu.

Anschließend machten sie sich auf den Weg zu den beiden Nachbarhöfen. Von einem Düsseldorfer Rentner, der den kleinsten der Höfe gekauft und renoviert hatte, erfuhren sie, dass der Sohn von Fokko de Vries – das war der andere Nachbar ganz hinten mit dem blauen Güllefass – in letzter Zeit mit Autolack und Diesel rumgemacht hatte.

»Kann man mit Autolack einen Hühnerstall in die Luft jagen?«, erkundigte sich Elias bei seinem Chef, als sie über die Wiese mit den Kuhfladen stapften.

»Autolack, Diesel und ein Eimer Kuhpisse. Geht prima. Hast du so was früher nie gemacht? Rauchbomben gebastelt?«

»Ich hab Cello gespielt.«

»Im Ernst?«, fragte Harm. Er klang schon wieder ganz verträglich, als habe er die Sache mit dem Ficus hinter sich gelassen. Elias linste auf seine Schuhe und versuchte sie am ersten Kantstein, den sie erreichten, sauber zu putzen, aber das Zeug klebte wie verrückt. Wahrscheinlich stank er inzwischen genauso wie das Güllefass hinter dem Hof.

Es stellte sich heraus, dass der Düsseldorfer mit dem Autolack ins Schwarze getroffen hatte. Nach ein bisschen gutem Zureden zeigte ihnen ein Junge, dessen Haar mit so viel Gel verklebt war, dass es ihm wie ein Horn vom Kopf ragte, eine Kiste unter seinem Jugendbett. Dort fanden sie eine Blechdose Standox Basislack und eine zerkratzte Tupperdose, auf der Dicyandiamid stand, was, wie Harm erklärte, die Kuhpisse ersetzte. »Mensch, du Döskopp, du!«, sagte er zu dem Jungen.

Der Döskopp erwies sich als redselig. Er erklärte Elias, den die Sache interessierte, wie seine Bombe genau funktionierte, und erzählte, dass er sogar Hilfestellung in einem Internetforum gegeben habe, wo solche Fragen diskutiert wurden. Wobei er natürlich keinem Idioten, der nicht wusste, wie man sich vorsah, eine Bastelanleitung an die Hand gab. »Ich bin ja nicht verantwortungslos«, erklärte er.

Harm wies zum Fenster, hinter dem der demolierte Stall sichtbar war, und der Bombenbastler errötete. »Das war ein Versehen.«

»Du wolltest also nicht, dass was kaputtgeht«, stellte Elias fest, der für den Bombenbastler Sympathie empfand.

»Was sollte das denn eigentlich heißen – er wollte nicht?«, fragte Harm, als sie später wieder ins Auto stiegen.

»War mir einfach wichtig, es festzuhalten«, sagte Elias.

»Aber du weißt schon, dass das bescheuert ist?«

»Wieso?« Elias ließ sich in den Sitz des Polizeiautos fallen.

»Weil wir auf der Seite des Rechtsstaats stehen, und ich will, dass das jeder im Kommissariat vor Augen hat.« Harm wedelte mit der Hand. »Hier: wir, die Guten. Da: ihr, die Bösen. Und dazwischen läuft eine eiserne Linie. Wir biedern uns nicht an.«

»Aha.«

»Ich sag nur: Luftballons.«

»So.« Elias lehnte sich im Sitz zurück und starrte auf die grün bepinselte Einöde, während Harm anfuhr. Das Auto roch penetrant nach Kuhfladen.

Zeugenvernehmung stand oben auf dem Blatt, das in Dateiform den Computerbildschirm füllte. Schön. Man musste sich einfach durcharbeiten. War gar nicht so schlimm. Machten seine Kollegen täglich. Starb man nicht dran.

Elias nahm sich einen Käsekräcker und konzentrierte sich wieder auf das Formular, in dem es einiges an Leerstellen auszufüllen galt. Elias trug als Örtlichkeit Marienchor ein und blätterte dann im Notizbuch, das Harm ihm überlassen hatte, um den Namen des Bauern nachzuschlagen, Everhardus Brunke. Aus Interesse googelte Elias, was es über Hermann Göring zu wissen gab. Nichts Schönes. Auch in Engerhafe hatte sich während des Tausendjährigen Reiches ein eher trübes Kapitel deutscher Geschichte abgespielt. Aber das hatte man sich ja denken können.

Die Tüte mit den Käsekräckern hatte sich geleert. Elias trug das schmutzige Zellophan zum entsprechenden Mülltrennbehälter auf dem nächtlichen Flur und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. Also weiter.

Man sollte sich per Ankreuzen entscheiden, ob die Zeugenvernehmung unaufgefordert geschehen war oder nicht. Wie war das eigentlich genau gewesen? Hatte Everhardus Brunke sie gebeten zu kommen, oder hatte einer der Nachbarn die Polizei alarmiert? Und wenn sie ein Nachbar alarmiert hatte, waren sie dann unaufgefordert gekommen, weil das Formular sich ja auf Brunke bezog?

Elias starrte auf den Bildschirm. Auf jeden Fall hatte Brunke nichts dagegen gehabt, dass sie bei ihm erschienen waren. Andrerseits hatte seine Bemerkung über die Knöllchen der Polizei angedeutet, dass er keine gute Meinung von den Ordnungshütern hatte. Vielleicht hätte er sich doch lieber selbst in der Nachbarschaft umgehorcht. Konnte sogar sein, dass er mit dem Bombenleger verwandt war, wo sie doch im selben Dorf wohnten. Spielte das eine Rolle? Quatsch. Aber warum sollte man ein Kreuz machen, wenn es unwichtig war?

Wenn ich wirklich ein Profiler wäre, dann wüsste ich, warum ich nicht einfach irgendwo ein Kreuzchen hämmere, um das Ganze möglichst schnell abzuschließen, dachte Elias. Er wandte den Blick zum Fenster seines Büros. Draußen war es dunkel. Keine Chance mehr, ein Schwimmbad aufzusuchen. Oder ein Hotelzimmer zu ergattern. Aber was half’s! Er konzentrierte sich wieder auf das Bildschirmformular.

Unaufgefordert ja () Sein Zeigefinger kreiste über der Taste mit dem X. Als die Frau in der beigen Jacke ins Polizeirevier gekommen war, war das unaufgefordert geschehen, aus ihrem eigenen Antrieb. Da hatte es keinerlei Zweifel gegeben. Sie hatte ein Anliegen gehabt, von dem sie wollte, dass es ernst genommen wurde. Elias angelte sich einen der Heftklebeblocks.

Buckliges Männlein – Beobachtung eines realen visuellen Eindrucks? Assoziation, hervorgerufen durch Gerüche oder Geräusche wie Musik? Traumhafte Erinnerung an etwas gerade im Fernsehen Wahrgenommenes?

Sein Unbehagen kehrte mit Wucht zurück. Die Familie, die von dem buckligen Männlein heimgesucht worden war, machte ihm Sorgen, und die kribbelten ihm unter der Haut. Vielleicht war diese Frau Coordes wirklich Dutzende Male in der PI erschienen, um sich grundlos zu beschweren. Aber die Furcht des kleinen Bengels musste ernst genommen werden.

Elias wünschte, er hätte eine weiße Magnetwand, um seine Zettel daraufzupappen und sich einen Überblick zu verschaffen. Aber in Harms Büro gab es keine Tafeln. Ihm blieb nichts übrig, als den Zettel zu den anderen zu kleben, die er an seiner Schreibtischlampe befestigt hatte. Die sah jetzt aus wie ein Wimpel.

»Was haben Sie denn angestellt, dass man Sie hier an den Fels geschmiedet hat?«

Elias drehte sich um. Die Staatsanwältin vom vergangenen Morgen stand in der Tür. Ihr rötliches Haar war zu einem Gestrüpp geworden, als hätte sie es stundenlang zerrauft.

»Welchen Fels?«, fragte er.

Sie kam gähnend ins Zimmer. »Kennen Sie nicht diesen Burschen, den man an einen Felsblock gekettet hatte? Aus der griechischen Sage? Und der den Felsblock dann immer wieder auf den Berg hinaufschieben musste?«

»Sisyphos.«

»Den mein ich.«

»Der war aber nicht angekettet. Angekettet war ein anderer. Keine Ahnung. Ich glaube, bei dem mit der Kette handelte es sich um eine Sexgeschichte.«

Beim Wort Sex runzelte die Staatsanwältin die Stirn. Na klar. Bei Sex konnte man sich natürlich alles Mögliche denken, vor allem, wenn man sich nachts allein mit einem Kerl in einem halbdunklen Büro befand. Und wenn man tagsüber mit anderen Kerlen zu tun hatte, die beim Stichwort Sex reflexartig Mist bauten. Frau Kellermann kam trotzdem ins Zimmer und blickte ihm, einen Aktenstapel auf dem Arm, über die Schulter. Argwöhnte sie, dass er sich heimlich Pornos reinzog? Sie studierte das Formular und sagte: »O Gott.«

Obwohl er nicht empfindlich sein wollte, kränkte ihn die Bemerkung. »Ich bin erst am Anfang«, verteidigte er sich.

»Seit wie vielen Stunden denn schon?«

Er murmelte etwas Unverständliches.

»Und wie soll es weitergehen auf dem Blatt? Ich meine, wenn Sie das Datum und die Dienststelle eingegeben haben?« Sie beugte sich über seine Schulter. Er konnte riechen, dass sie etwas getrunken hatte. Diese Tatsache wäre eine Bemerkung auf einem gelben Zettel wert gewesen, für den Fall eines Falles, den es hier aber nun mit Sicherheit nicht gab. Auch die Uhrzeit, zu der sie arbeitete, und die Tatsache, dass sie sich in der PI in Leer aufhielt statt im Gebäude der Staatsanwaltschaft, das sich in Aurich befand, war merkwürdig. Ging ihn aber nichts an.

»Ist es die Sache mit der Selfmade-Bombe?«, fragte sie.

»Ja, Frau Kellermann, und ich glaube …«

»Olthild. Nenn mich einfach Olly.«

»Ich heiße Elias«, sagte Elias, überrumpelt von so viel Intimität.

Ende der Leseprobe