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Fünf Monate nach seiner Versetzung hat sich Hauptkommissar Elias Schröder an Ostfriesland gewöhnt. Zumindest ein bisschen. Ständiger Nieselregen und gestohlene Kühe bringen ihn nicht mehr aus der Ruhe. Doch als eine Jugendliche beobachtet haben will, wie ein Mann eine Frau mit Baby bei steigender Flut auf einer Sandbank zurückließ, horcht Elias auf. Allerdings findet sich keine Spur von einem vermeintlichen Opfer – steckt überhaupt etwas hinter den Behauptungen der flatterhaften Zeugin?
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Veröffentlichungsjahr: 2015
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www.piper.de
Für Johanna, Michael, Mia und Mattis, ohne die ich verloren gewesen wäre.
ISBN 978-3-492-97011-2
Oktober 2015
© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2015
Covergestaltung: Eisele Grafik-Design, München
Covermotiv: Moment/GettyImages (Tropfen am Fenster), Stockbyte/GettyImages
(Stiefel) und Tetra Images/GettyImages (Bullauge)
Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe
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»Ich denke an Maiglöckchen«, sagte Olly. »Ein Regen aus Maiglöckchen. So ähnlich wie Schneeflocken, nur substanzieller.«
»Maiglöckchen?«, echote Elias.
»Irgendwie aus einer Kanone geschossen oder von einem Balkon geworfen.«
»Ehrlich?«
»Maiglöckchen gelten als Symbol für die Unschuld der Braut, Elias, deshalb. Es geht um die Symbolik.«
Als er schwieg, lachte Olly und boxte ihn scherzhaft zwischen die Rippen. Dann breitete sie die Arme aus. »Gott, ich liebe dieses Wetter! Ist das nicht kolossal?«
Elias blickte zum Himmel. Vor einer Stunde, als sie vom Parkplatz in Campen losmarschiert waren, hatte die Septembersonne den Deich mit goldenem Flitter getupft. »Ist das nicht kolossal?«, hatte Olly gefragt, und er hatte zugestimmt, weil es ja wirklich nett aussah. Dann, als sie den Leuchtturm passierten, waren Regenwolken aufgezogen. Schwarze Wolken über dem Rot der Sonne, die ihrerseits über dem goldenen Deich unterging. Ein Traumhimmel für Patrioten. »Ist das nicht kolossal?«, hatte sie wieder gefragt. Konnte man so sehen, klar.
Aber inzwischen hatte es zu regnen begonnen. Nicht der typische ostfriesische Niesel, auf den er gar nicht mehr achtete, nein, es war, als hätte der Herrgott beschlossen, das irdische Geschmeiß mit einer zweiten Sintflut hinwegzufegen. Ihre Windjacken waren nass und blähten sich im Wind, Blitze jagten punktgenau in den asphaltierten Weg, der sich am Deich entlangzog. Sie liefen durch Pfützen, die allmählich zu Seen wurden, die ihrerseits in Bächen den Hang hinabflossen. Um das noch kolossal zu finden, brauchte man schon ein besonderes Temperament.
Das Olly aber offenbar besaß.
Sie lief ein paar Schritte voraus und drehte sich begeistert im Kreis. »Boah! Da fängt man an, sich lebendig zu fühlen, da merkt man, dass man lebt, was?«
Elias zog die Schultern ein und versuchte, nicht gar zu laut mit den Zähnen zu klappern.
»Du musst dir für die Hochzeit einen Anzug kaufen. Meinetwegen in Pink, aber auf dem Anzug bestehe ich.« Olly ging jetzt rückwärts. Der Sturm fegte ihr die Haare aus dem Gesicht. Eine wilde Mähne, orangerot. Eigentlich kastanienrot, aber beim Färben fehlte ihr das Geschick. Ihre Beine steckten in engen schwarzen Stiefeln und appetitlichen Jeans, die rote Windjacke wirkte wie ein Fanal, wie ein Hinweis darauf, dass sich jemand auf keinerlei Kompromisse einließ. Und so war sie ja auch. Olthild Kellermann, knallharte Leeraner Staatsanwältin, die das Gesindel das Fürchten lehrte. Ihr Gesicht hob sich gegen den dunklen Himmel ab, sie sprudelte vor Energie, und überraschenderweise sprudelte es plötzlich auch in Elias, bei ihm allerdings vor Zärtlichkeit.
Er war vor fünf Monaten nach Leer gekommen. Strafversetzt sozusagen, aber voller Hoffnung, dass Brotmeier, sein Chef in Hannover, noch einmal ein Einsehen haben könnte. Man schob doch niemanden wegen ein paar Luftballons und eines verpatzten SEK-Einsatzes in die Einöde ab. Aber das mit dem Einsehen blieb aus, und so hatte Elias am Abend seines ersten Arbeitstages ohne Wohnung dagestanden. Ostern war Touristenzeit in Ostfriesland, kein Hotelzimmer frei, die Nacht im Twingo hatte ihm einen steifen Hals beschert. Da hatte Olly, unter deren rauer Schale ein butterweicher Kern steckte, ihn kurzerhand bei sich einquartiert. Seitdem lebte er bei ihr, und sie bildeten eine perfekte Wohngemeinschaft. Olly wusste, wo man die beste Schnittlauchleberwurst kaufte, Elias konnte einen passablen Linseneintopf kochen. Olly renovierte gern, Elias besaß ein Händchen beim Füllen und Glätten überzähliger Bohrlöcher. Von Gartenarbeit verstanden sie beide nichts.
Und jetzt? Wieso Anzug? Wieso Hochzeit?
»Für mich selbst muss ich noch gucken«, schrie Olly. »Kein Flitterflatter – ich steh auf schlicht.«
»Was?«
»Das Kleid!«
Ach so.
Ein Donnerschlag ließ den Deich erbeben. Der Blitz, der ihm seltsamerweise folgte, statt voranzugehen, beleuchtete die Wiesen. Ein Schaf stand auf dem Hang. Ein Einzelgänger oder ein zerstreutes Tier mit der Neigung, sich zu verlaufen. Es blökte. Noch ein Donnerschlag. Noch ein Blitz.
»Olly, wir sollten nach Hause gehen.«
Der Wind wehte seine Worte in Richtung Upleward. Olly legte die Hände hinter die Ohrmuscheln und brüllte: »Was denkst du über eine Kutsche?«
»Olly …«
»Oder ein Oldtimer – da bin ich nicht festgelegt.«
»Olly …«
»Hast du schon mal einen Zylinder getragen?«
Nein. »Olly, hör mal …«
Genau in diesem Moment fegte etwas den Hang herab. Es war ein menschliches Bündel mit Armen und Beinen, die ineinander verknäult waren. Elias sprang erschrocken zur Seite. Das Bündel rollte an ihm vorbei, direkt in Olly hinein. Rums – da lagen sie schon alle beide auf dem Betonpfad. Das Schaf blökte erschrocken, Paulus schickte einen weiteren Blitz vom Himmel.
Das Bündel entpuppte sich als Mädchen. Elias half ihm und dann Olly auf die Füße. Die Kleine war niedlich, vielleicht siebzehn Jahre alt, mit einem Pferdeschwanz, der am Rücken des durchsichtigen T-Shirts klebte, Schafdreck an den Schuhen, einem reizenden Grübchen auf der rechten Wange – und blankem Entsetzen in den Augen.
»Alles in Ordnung, es ist alles gut«, beschwichtigte Elias sie reflexartig. Aber das Mädchen hörte ihm gar nicht zu. Es wandte sich an Olly, und was sich in den Augen schon angedeutet hatte, brach sich nun in einem Wortschwall Bahn: Die Frau, das Kind, die Flut, der Mann, das Kind, die Flut, die Flut, das Kind …
»Scheiße«, sagte Olly nervös. »Ist draußen auf dem Meer irgendwas passiert?«
Ein erneuter Tränenausbruch.
Sie erklommen den glitschigen Deich. Das Schaf folgte ihnen. Zu viert schauten sie auf die See hinaus. Es war ein unheimlicher Anblick. Die Nordsee bestand aus einer schwarzen, brodelnden Fläche, die in einen ebenso schwarzen Himmel überging. In der Mitte des Horizonts prangte eine goldene Sonne, die von einem glutroten Querbalken gekreuzt wurde, sodass sie wie ein Durchfahrt-verboten-Schild aussah. Neben der Sonne konnte man die Silhouette der Eemshavener Industrieanlagen erahnen.
»Da, auf der Sandbank!«, brüllte das Mädchen gegen das Unwetter an.
Elias starrte zu den knöchelhohen Wellenbrechern aus Beton, die in drei Reihen den Strand säumten, und folgte ihnen mit dem Blick. Das Land machte weiter hinten eine Krümmung, aber er konnte in der weitläufigen Bucht nirgendwo eine Sandbank entdecken.
»Sie stand drauf! Ich hab sie genau gesehen, um sie herum war nichts als Wasser!« In der Richtung, in die das Mädchen wies, befand sich ein Campingplatz mit einem Kiosk, einem Parkplatz, einem Spielplatz und einem Trockenstrand. Aber dort war bei diesem Sauwetter natürlich nichts los. Wahrscheinlich hatte der Kiosk längst geschlossen.
Elias zückte sein Handy.
Ostfriesland ist nicht Hannover. Auch in einem Notfall dauert es, bis Hilfe eintrifft. Der Hubschrauber kam zuerst. Sie standen auf dem Deich und winkten, um dem Piloten eine Orientierung zu geben. Er leuchtete mit einem Riesenscheinwerfer die Meeresoberfläche ab. Ein paar schwarze Holzstämme ragten aus der Flut, ansonsten war nichts zu sehen, nur die schäumende See, die gegen das Ufer brandete und gierig die letzten Reste des muschelbedeckten Strandes fraß. Wenn es tatsächlich irgendwo eine Sandbank gegeben hatte, musste das Meer sie verschluckt haben.
Elias machte sich mit Olly und seiner Zeugin auf den Weg zum Kiosk, einem Klinkerbau mit blauen Fenstern und Türen und einer windgeschützten Terrasse. Er suchte den Parkplatz ab, was rasch erledigt war, weil sich keine Menschenseele dort befand. Auch kein Auto.
Auf der Rückseite des Kiosks ging es zum Trockenstrand, einer ovalen Sandfläche mit einigen Körben zum Sitzen. Die findigen Uplewarder hatten ihren Strand hinter den Deich verlegt, damit das Meer ihnen nicht ewig den Sand wegtrug. Aber auch hier war niemand zu entdecken, ebenso wenig auf dem Spielplatz. Der Campingplatz war geschlossen, und Elias' Nervosität begann sich zu legen. So wie es aussah, hatte das Mädel ihnen was vorgesponnen. Welche Frau würde sich auch bei diesem Wetter mit ihrem Kind im Watt herumtreiben?
Er kehrte zum Spielplatz zurück. Olly und ihr Schützling waren in einem Spielzeugboot aus Holz untergeschlüpft. Ein gesunkenes Schiff. Links befand sich das Heck, rechts der Bug, dazwischen Sand, in dem die Kinder buddeln konnten. Eine Uplewarder Titanic sozusagen. Vielleicht ein Hinweis an die Kinder, wie man sich das Leben vorzustellen hatte. Die Ostfriesen galten ja als nüchternes Volk.
Olly und das Mädchen hatten sich ins Innere des Bugs verzogen, das Schaf stand tropfnass neben ihnen. Da im Boot kein Platz mehr war, hockte Elias sich vor das Einstiegsloch und begann seine Zeugin auszufragen. Sie hieß Imke Lüdemann, kam aus Rysum und war fünfzehn, nicht siebzehn Jahre alt.
»Was hast du hier draußen gemacht?«
»Bin spazieren gegangen. Sieht man doch.« Die größte Aufregung hatte sich gelegt. Das Mädchen begann herumzumotzen, weil es sich unbehaglich fühlte.
»Bei so einem Dreckswetter?«, fragte Olly streng.
»Ich find's toll.«
Olly brummte etwas Unverständliches.
»Und was war nun mit diesem Mann?«, hakte Elias nach.
»Ey, hab ich doch gesagt. Da war einer. Ich bin unten auf dem Weg langgegangen, und der kam vom Deich runter und ist rüber zum Parkplatz. An mir vorbei. Ich hätte ihn anfassen können!«
»Und die Sandbank? Die konntest du vom Weg aus doch gar nicht sehen.«
»Denken Sie, ich lüge, oder was?«
Elias seufzte.
»Also, der Mann ist an mir vorbeigerannt, mit einem ganz komischen Gesicht, und dann ich bin selbst hoch zum Deich. Und da hab ich sie stehen sehen.«
»Die Frau mit dem Baby.«
Imke schnüffelte.
»Gut, dann bräuchte ich jetzt eine Beschreibung.« Der frische Eindruck war ja immer der Beste. Elias zog einen nassen Einkaufszettel aus der Tasche, Olly steuerte einen alten Bleistift bei. »Wie sah er aus?«
»Wer?«
»Der Mann. Haare, Gesicht, Alter …«
»Figur, Kleidung …«, versuchte Olly die Erinnerung ihrer Zeugin auf Trab zu bringen.
Imke starrte Elias durch die Öffnung des Schiffes an. »Scheiße«, sagte sie hilflos.
Imke Lüdemann und die Frau mit dem Baby gingen die Leeraner Kripo eigentlich nichts an, denn der Strand bei Upleward gehörte zum Revier der Auricher Kollegen. Eine mollige und eine sehr mollige Frau, die so aussahen, als arbeiteten sie schon seit Jahrzehnten zusammen, waren mit dem Streifenwagen vorbeigekommen und hatten Imke mitgenommen. Vernehmung auf dem Revier in Aurich. Ein Protokoll. Punkt, Schluss. Für das K1 der Leeraner Polizeiinspektion war die Sache damit erledigt.
»Freut mich, dass du es so siehst, weil es nämlich genau so ist«, meinte Elias' Chef, der in seinem schmucklosen Büro über einem Abschlussbericht brütete. Es war Montagmorgen. Sie hatten in der vergangenen Woche eine Serie von Brandstiftungen aufgeklärt. Der Übeltäter war acht Jahre alt gewesen, und man stritt auf dem Revier noch, ob man die Eltern, das Kind oder die künftigen Kollegen bedauern sollte, die den Jungen einmal an der Backe haben würden, wenn er erwachsen war. Eigentlich schrieb Harm Oltmanns solche Abschlussberichte gern. Da konnte er endlich einmal sich und sein Team loben, ohne dass ihm jemand ins Gesicht gähnte.
»Weißt du, was mich so kribbelig …?«
»Wie schreibt man Delinquent?« Die Rechtschreibung war das Körnchen Sand im Getriebe, wenn Harm Berichte verfasste. Die neue Rechtschreibung war ein echter Aufreger für ihn. Mit der alten hatte er allerdings auch schon gehadert.
Elias buchstabierte.
»Mit n? Echt?«
»Ja. Also, was mich kribbelig macht …«
»Und Redochsredaktion?«
Da musste auch Elias passen. Sie schauten bei Wikipedia nach. Die Redochsredaktion hieß Redoxreaktion, hatte etwas mit Oxidation zu tun und die wiederum mit der Entstehung von Bränden. Interessant. Harm haute das Wort in den Bericht.
»Also, was mich umtreibt, ist die Tatsache, dass das Mädel dem Mann ins Gesicht geschaut hat, als er vom Deich runterkam. Sie standen einander direkt gegenüber. Auge in Auge sozusagen.«
»Na, dann haben die Auricher ja eine exzellente Personenbeschreibung.«
»Leider nicht«, sagte Elias. Denn darin bestand das Problem: Imke Lüdemann war gesichtsblind.
»Die medizinische Bezeichnung dafür lautet Prosopagnosie. Es gibt sie in unterschiedlichen Ausprägungen, und sie kann sowohl genetisch bedingt als auch durch eine Verletzung des Gehirns erworben worden sein.«
Elias teilte sein Zimmer mit Sven Neunaber. Svens Frau hatte vor anderthalb Jahren Drillinge bekommen, was dazu führte, dass er viel schlief und sich über fast nichts aufregte. Ihr Büro war also ein Ort der Stille, an dem man sich wunderbar konzentrieren konnte. Und Sven war sozusagen ein Traumkollege. Gerade jetzt goss er eine Plastikblume, die seine Kollegen ihm zum letzten Geburtstag geschenkt hatten.
»Diese Imke leidet an der sogenannten kongenitalen Prosopagnosie, das ist offenbar die mildere Form, und da sie die Störung von Geburt an hat, ist es der Familie zunächst gar nicht aufgefallen. Imke auch nicht. Sie dachte, sie kann sich eben schlecht Gesichter merken. Aber da sie in der Lage ist, das Geschlecht eines Menschen zu erkennen und sein Alter zu schätzen, und sich Personen außerdem anhand ihrer Kleidung oder anderer Kennzeichen wie einer Brille merken kann, ist sie immer gut über die Runden gekommen.«
»Willst du auch einen Tee?«, fragte Sven.
Elias sparte sich die Antwort. Jeder wusste, dass er das ostfriesische Nationalgetränk verabscheute. Sven auch. »Aber weißt du, was das bedeutet? Sie könnte diesem Mann im Bus gegenübersitzen, ohne ihn zu erkennen.«
»Woher weißt du das alles?«
»Ich hab mir aus Aurich das Vernehmungsprotokoll schicken lassen.«
»Hier, guck mal.« Sven reichte ihm seine Digitalkamera über den Schreibtisch. »Lena hat endlich Laufen gelernt. Sina und Dorothee können das ja schon seit vier Monaten, nee, Dorothee seit sechs. Aber jetzt hat Lena es auch drauf.«
Elias schaute sich das Bild an. Die Drillinge sahen identisch aus. Nicht einmal Sven konnte sie auseinanderhalten, obwohl es ihn kränkte, wenn man ihn darauf ansprach. »Toll.«
»Tja, das denkt man, wenn man keine Ahnung hat. Tatsache ist: Die kommen jetzt an alles dran, was auf dem Tisch oder dem Sideboard steht. Tanjas Deko ist für die Tonne.«
»Boah«, heuchelte Elias Mitgefühl und kehrte zu seinem Thema zurück. »Versuch mal eben, dir die vier Personen am Tatabend vorzustellen. Imke ist mit dem Rad gekommen, der Mann vermutlich mit einem Auto. Und da kein zweites Auto gefunden wurde, saßen die Frau und das Baby wahrscheinlich mit ihm im Auto.«
Sven stand auf und goss das kochende Wasser in eine Porzellankanne mit gemalten Seehunden. »Du willst echt nicht?« Er schüttete Teeblätter in die Kanne und schenkte sich eine Tasse voll ein. Eigentlich hätte er den Tee vorher noch ziehen lassen müssen. Zwei bis drei Minuten, damit er seine aufputschende Wirkung entfalten konnte. Und ein Sieb hätte ebenfalls gutgetan. Jetzt klebte an seinem Bart ein Teeblättchen. Wahrscheinlich hatte er seit Nächten nicht durchgeschlafen.
Elias griff nach dem Block mit den gelben Haftklebezetteln. Auf den ersten schrieb er: Priel? So wie er es verstanden hatte, war die Sandbank durch einen Priel vom Festland abgeschnitten worden. Aber ihm war noch nicht klar, wie man sich das konkret vorzustellen hatte. Offenbar handelte es sich bei Prielen um kleine Gräben, die sich durchs Watt zogen und sich bei Flut rasend schnell mit Wasser füllten und damit zur Gefahr für Wattwanderer wurden. Wie tief mochte so ein Priel dann wohl sein? Konnte man ihn mit einem beherzten Sprung überwinden? Aber vielleicht nicht mit einem Baby auf dem Arm?
Wenn es allerdings dem Mann gelungen war, sich an Land zu retten, weil er kräftiger und nicht durch ein Kind behindert gewesen war – warum hatte er dann keine Hilfe geholt? Weil er unter Schock stand? Oder weil er gar nicht wollte, dass die Frau und das Kind überlebten? Hatte er die beiden womöglich absichtlich in diese furchtbare Situation gebracht? Elias skizzierte auf einen zweiten Zettel einen Mann, der über einen Priel sprang, außerdem ein Handy und ein Fragezeichen.
Auf einen dritten schrieb er: Imke – Zeitung? Womöglich gab es im Lokalblatt einen Hinweis auf die Identität des Mädchens.
Auf Elias' Schreibtisch stand eine Lampe mit einem extralangen Stahlarm, der quer über den Tisch ragte. Dort pappte er die Zettel an. Nach seiner Philosophie bestand der effektivste Weg, einen Fall zu lösen, darin, Post-its mit Fakten zu füllen und die Informationen darauf wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Genügend Zettel – Fall gelöst. Er drehte den Lampenarm so, dass Sven seine Notizen lesen konnte. »Verstehst du, was mir Sorgen macht? Falls die Frau mit dem Baby absichtlich im Watt zurückgelassen wurde, würde Imke den Mörder nicht erkennen, wenn sie ihm ein zweites Mal begegnete.«
»Wer ist Imke?«, gähnte Sven.
»Umgekehrt«, sagte Elias, »wäre es aber vermutlich anders.«
»O Gott, du machst mich fertig«, seufzte Harm, als Elias kurz vor Feierabend noch einmal sein Büro aufsuchte. »Sie haben mich aus Aurich angerufen. Sie sagen, sie haben nur die Aussage einer durchgeknallten Fünfzehnjährigen, die dafür bekannt ist, dass sie Komasaufen für ein lässiges Freizeit-Event hält. Andere Zeugen gibt es nicht. Eine Leiche wurde bisher auch noch nicht angeschwemmt. Man glaubt an keinen Mordfall, Elias.«
»Es dauert manchmal, bis Leichen angetrieben werden. Oft bleiben sie auch für immer im Meer.« Elias hatte ebenfalls mit Aurich telefoniert.
»Sie haben mich gefragt, ob wir an Langeweile leiden. Ich jedenfalls nicht, hab ich gesagt. Hör auf, sie zu nerven.«
Elias stellte sich hinter seinen Chef und las dessen Protokoll, das jetzt fast fertig war. Auf Seite achtzehn stand: Phyromane. Die rote Schlängellinie unter dem Wort hätte Harm als Hinweis dienen können, dass die automatische Rechtschreibkorrektur mit dem h in seinem Pyromanen fremdelte, aber Elias beschloss, nicht darauf rumzureiten. War ja auch nicht wichtig.
Diese verfluchte Sandbank. »Imke Lüdemann wohnt in einer betreuten WG für schwierige Jugendliche. Die Auricher glauben, sie hat sich die ganze Sache nur ausgedacht, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber ich bin anderer Meinung. Ich hab sie gesehen, kurz nachdem sie die Frau auf der Sandbank entdeckt hatte. Ich hab in ihr Gesicht geschaut. Die war völlig fertig.«
Harm lehnte sich zurück. Er sah erschöpft aus. Kein Wunder, in den letzten Wochen waren die Überstunden nahtlos in den normalen Dienst übergegangen. Elias zwickte das Gewissen, dass er ihm jetzt auch noch mit dem Auricher Fall auf den Wecker ging. Aber wenn es ihm doch keine Ruhe ließ?
»Du hast also in ihr Gesicht geschaut.«
»Ja«, sagte Elias fest.
»Und deshalb drängt es dich, unseren Kollegen in die Arbeit zu pfuschen. Weil du in ein Gesicht geschaut hast, halst du dir Arbeit auf, für die du gar nicht zuständig bist, und verbringst deinen Feierabend im Kommissariat statt bei Olly.«
»Na ja …«
Harm seufzte. Dann stand er auf und schnappte sich seine Jacke. »Ich glaube, wir müssen miteinander reden.«
Gegenüber von der Polizeiinspektion befand sich der Leeraner Hafen. Es war ein hübsches Gelände, das von einer Fußgängerbrücke überspannt wurde. Ein Hinweisschild an der Promenade informierte darüber, dass das Springen ins Wasser und das Schwimmen in demselben untersagt waren. Neben dem Schild hing ein Glaskasten mit einem Rettungsring, für den Fall, dass sich jemand über das Verbot hinwegsetzen sollte. Außerdem gab es mehrere Restaurants, und im Sommer ankerten an beiden Seiten des Hafens Segelboote und Motoryachten. Jetzt, Ende September, war es ziemlich ruhig hier.
Sie setzten sich auf die weiße Treppe vor den Schönen Aussichten und schauten aufs Wasser. Harm, dessen Familie seit Generationen Fischfang betrieb und der bis in die Knochen ein Küstenmensch war, entspannte sich bei diesem Anblick, das dauerte keine Minute. Aber Elias stellte bei sich plötzlich eine tiefe Abneigung gegen die Wellen fest, die harmlos an die Kaimauer glucksten, unter denen es aber eine nasse, lichtlose Tiefe gab – ein feuchtes Grab für jeden, der das Pech hatte, hineinzufallen. Unberechenbar, unergründlich, Untiefe, Untergang … Ihm fielen ausschließlich Wörter ein, die mit un… begannen. Unglück … Unbehagen …
Er wandte den Blick ab. Aus den Fenstern der Schönen Aussichten drang Licht, und unter dem Brückenauflager der Hafenbrücke tanzte ein Junge in violetten Hosen nach Musik aus seinem MP3-Player. Das war ihm schon angenehmer.
»Ich bin nicht blöd. Und du bist es auch nicht«, sagte Harm, nachdem sie ausreichend lang geschwiegen hatten. »Wir wissen, dass wir nicht jedes Verbrechen aufklären können und dass die Kollegen in Aurich nicht schlechter arbeiten als wir hier in Leer. Also ist klar, dass es dir in Wirklichkeit gar nicht um die ertrunkene Frau geht. Raus mit der Sprache: Was ist los?«
Jetzt war es Elias, der seufzte. Er stand auf und ging zu dem Jungen, dessen MP3-Player das gesamte Areal beschallte, um ihm zu sagen, dass er mit zwanzig taub sein würde, was den Jungen erwartungsgemäß nicht überraschte und ihn auch nicht dazu brachte, die Lautstärke runter zu regeln. Als junger Mensch glaubte man ja an die eigene Unverwundbarkeit. Elias kehrte zu Harm zurück und setzte sich wieder. Er gab sich einen Ruck. »Olly will heiraten.«
»Was?« Harm schien ehrlich überrascht.
»Glaube ich jedenfalls.«
»Etwa dich?«
Elias zuckte mit den Schultern.
»Echt? Ihr beiden feiert Hochzeit?« Harm versank in Schweigen. Möglicherweise in ein bestürztes? Elias war alarmiert. Sein Chef war erfahrener, was Beziehungen anging. Sah er womöglich eine Katastrophe heraufziehen, die Elias sich noch gar nicht vorstellen konnte? Eine Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere, die zwangsläufig in einen Rosenkrieg münden und zu einer Scheidung führen würde, die die Beteiligten in den Abgrund riss?
»Mann.«
Pause.
»Mann!« Dann ein heftiger Schlag auf die Schulter. »Meinen herzlichen Glückwunsch, ist ja klasse, Elias!«
»Im Ernst?«
»Klar, Olly ist ein Einzelstück, menschlich gesehen eine echte Rarität. Und du ja auch. Ich wünsch euch alles Glück der Erde, Kamerad.«
Harm war ein Mensch mit vernünftigen Grundsätzen. Als er merkte, dass Elias private Dinge quälten, versorgte er ihn mit Arbeit. Das funktionierte bei ihm selbst nämlich auch prima. Elias bekam also einen Viehdiebstahl auf den Tisch. War eigentlich Sache der Kollegen vom K2, die sich mit Raubdelikten befassten, aber das K1 hatte nach der Brandgeschichte nicht mehr viel auf dem Tisch. Nur einen Fall in Veenhusen, wo eine Frau ihren halbwüchsigen Sohn verdroschen hatte. So oder umgekehrt. Da konnte man aber kaum in Mannschaftsstärke auftauchen.
Der Viehdiebstahl war interessant. In der Nacht vom 5. auf den 6. September hatte jemand von einer Wiese in Backemoor siebenundvierzig Kühe entwendet. Wie stellte man es an, siebenundvierzig Kühe zu stehlen, ohne dass es jemandem auffiel? Osteuropäische Banden, die mit einem Konvoi Viehtransporter auf Raubzug gingen, auf die sie listig Tourismus auch für Vierbeiner geschrieben hatten?
Elias fragte beim K2 nach. Aber dort hatte man gerade einen Einbruch in einen Souvenirladen reinbekommen. Die Saukerle waren mit einem Geländewagen ins Schaufenster gerast, hatten die Auslagen an sich gerafft und waren wieder weg. Bei Juweliergeschäften kannte man das ja, aber Souvenirs? Sollten die putzigen Leuchttürme und die Schiffe in den Glasflaschen als exotische Kostbarkeiten in Dubai verhökert werden? Glanz in die russische Steppe tragen? Klar, dass es im K2 summte.
Ein Anruf bei einem Viehtransportunternehmen brachte Aufklärung, wie viele Kühe in einen Transporter passten. Dreiunddreißig bis fünfunddreißig. Die Diebe hatten also nur zwei Transporter benötigt. Vielleicht hatten sie das Vieh auch in einen einzigen gequetscht. Der Mann, mit dem Elias telefonierte, beförderte nicht nur Schlachtvieh, sondern bot auch einen Daf XF 95/480 Superspacecup zum Verkauf. Ein Schnäppchen für unter zwanzigtausend. Vollalu, ausfahrbares Dach, Lüfter, Tränken für das Viehzeug, Staukisten … Der LKW habe einen kleinen Unfall gehabt, erzählte er, aber nichts Schlimmes. Er sei in der Nähe von Düsseldorf in einen Heuwagen gerasselt. Dabei seien die hinteren Türen rausgekracht, und hinterher seien die Bullen überall auf der Straße gewesen. Was? Nee, echte Bullen, vierbeinige. Der Mann lachte herzlich. »Da ist was los gewesen! Alle Bauern ringsum waren auf den Beinen, um das Viehzeug wieder einzufangen. Aber zum Glück ist man ja versichert.«
»Wie kam es denn zu dem Unglück?«
»Na, Mensch, alles kriegste mit Kaffee auch nicht hingebogen.« Der Mann lachte kumpelhaft, und Elias notierte sich die Telefonnummer für die Düsseldorfer Kollegen. Beifang nannte man das hier.
»Wir müssen los«, sagte er zu Sven, als er fertig telefoniert hatte.
»Wohin?«
»Uns schlau machen.«
»Vierzehn Minuten vor Feierabend?«
»Überstunden«, sagte Elias. Sven protestierte der Form halber, aber man sah ihm an, dass er froh war, die Rückkehr in den Schoß der randalierenden Familie noch ein wenig hinausschieben zu können. Konnte man allerdings schlecht drüber spotten, wenn man selbst gerade von Albträumen in Form von Zylinderhüten heimgesucht wurde und das eigene Zuhause deshalb ebenfalls zu meiden suchte.
Der Bauernhof, von dem das Vieh gestohlen worden war, gehörte einem Mann namens Jakob Siefken und lag am Ortsrand von Backemoor neben einem Gewässer, das auf dem Navi als Schatteburger Sieltief eingezeichnet war. Siefken war ein wettergegerbter Kerl, der intensiv nach Rasierwasser duftete. Rosenholz, schätzte Elias. Als Elias und Sven kamen, wollte er gerade seinen Viehstall ausspritzen. Da ging man als Kriminaler mit jährlichen Schulungen in Sachen Bürgerfreundlichkeit natürlich mit. Ins Rosenholz mischte sich der würzige Geruch von Kuhfladen und Gülle. Siefken drehte den Wasserhahn auf, und Elias fragte nach dem gestohlenen Vieh.
Die Sache ging dem Bauern sichtlich unter die Haut. »En Scheet ok. Verbreker! Kanallje!« Er spritzte Wasser in die leeren Boxen, die Tröpfchen umwirbelten sie. Sein Vokabular war umfangreich, er versorgte sie mit plattdeutschen Flüchen, bis er den Stallboden sauber hatte. Als der Boden blitzte, erkundigte Elias sich nach den genauen Umständen des Diebstahls. Aber Jakob Siefken hatte sich wohl leer geredet. »Fragen Se mien Ollske«, meinte er mürrisch.
»Seine Frau«, soufflierte Sven. Die war nur leider gerade bei Edeka.
»Gut, dann kommen wir eben morgen wieder.«
Es dunkelte bereits, als Elias auf Ollys Haus zusteuerte. Sie wohnte an der Küstenstraße in der Nähe von Cirkwehrum. Ein alter Gulfhof mit Reetdach. Drumherum viel Wiese und viel Himmel, sonst nichts. Den nächsten Nachbarn, der drei Kilometer weiter wohnte, hatten sie noch nicht kennengelernt. »Ich bin ein geselliger Mensch«, pflegte Olly zu sagen, »aber nach dem Rummel bei Gericht braucht man ein bisschen Ruhe.«
Als Elias nach Hause kam, saß sie gerade am Esstisch hinter einer Nähmaschine. Er war verblüfft. Olly und Nähen? Das hätte er nicht vermutet. Er ging in die Küche und schaute in den Kühlschrank. Dort, wo gewöhnlich die Leberwurst lag, entdeckte er ein Paket geschnittenen Gouda. Aus Gründen, die er selbst nicht ganz begriff, beunruhigte ihn diese Ernährungsumstellung ebenfalls. Half ja aber nichts. Er schmierte sich eine Käsestulle. »Du auch?«
Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass Olly den Kopf schüttelte. Die Nähmaschine ratterte.
»Ein Bier?«
»Nö.«
Er machte es sich auf dem Ostfriesensofa mit den hohen Lehnen bequem und sagte: »Imke Lüdemann war wirklich in Panik.«
Ratter … ratter …
»Das Mädchen vom Uplewarder Strand neulich. Die wollte nicht nur Aufsehen erregen.«
Olly nickte.
»Die sah aus, als wäre ihr der Teufel erschienen.«
»Jep. Glaub ich auch.«
Er war erleichtert über die Bestätigung. Auf Ollys Scharfblick war Verlass.
»In ihrem Zustand war das aber auch kein Wunder«, meinte Olly. »Sie hatte sich nämlich völlig zugedröhnt.«
»Bitte?«
Olly blickte über den Rand ihrer Nähmaschine. »Hab ich dir gar nicht erzählt? Dass sie unserer Kleinen auf dem Revier in Aurich Haschkekse abgenommen haben?«
»Die verursachen aber keine Halluzinationen.«
»Kann sein. Aber wir wissen ja nicht, was sie vorher schon geschluckt hat.«
»Hat man sie danach gefragt? Drogentest?«
Olly brummte und setzte erneut die Maschine in Gang. »Geh mir nicht auf die Nerven, Elias. Zum einen ist das gar nicht mein Fall. Und zum anderen: Was soll ich denn machen? Es gibt keine Leiche. Es gibt keinen Täter. Wir haben nichts als eine bekiffte Zeugin, die sich eingebildet hat, eine Frau und ein Baby auf einem Sandstrand gesehen zu haben. Sollen wir dafür Steuergelder verbraten?«
»Und einen Mann.«
»Den sie nicht beschreiben kann. Gefällt's dir?« Sie hob etwas Zartes, Rüschiges, Cremefarbenes hoch, ein langes Kleid, dessen unterer Teil elegant über die Tischkante floss.
Elias biss hastig in sein Käsebrot.
Dass es in einem Kommissariat stressig wird, wenn sich die Arbeit häuft, ist allgemein bekannt, aber in diesen Herbsttagen konnte Elias beobachten, dass auch das Gegenteil, nämlich Langeweile, auf die Stimmung schlug. Zunächst bemerkte er es an sich selbst. Als er zwei Tage später bei Harm hineinschaute und erfuhr, dass Jakob Siefken angerufen und seine Anzeige wegen des gestohlenen Viehs zurückgezogen hatte, war er enttäuscht. Er hatte sich auf die Fahrt nach Backemoor gefreut.
Zurück in seinem Büro, verharrte er kurz vor dem Haftzettelnotizblock. Welchen Wert mochten siebenundvierzig Kühe besitzen? Das war bestimmt kein Pappenstiel. Er googelte und veranschlagte fünfzigtausend Euro. So eine Menge Geld kloppte ein Landwirt einfach in die Tonne? Stirnrunzelnd machte er sich eine Notiz.
Dann hörte er Lärm aus dem Büro gegenüber. Dort hatte der Stress offenbar noch stärker zugeschlagen. Als er rüberging, erfuhr er, dass man wegen eines Kindes stritt. Das Kind hatte geweint. »Und das ist normal!«, brüllte Ulf Kreyenborg, der sich in seiner Freizeit als Kassenwart bei der Partei Wir für Ostfriesland engagierte und deshalb alles über Ostfriesen wusste und natürlich auch über ostfriesische Kinder.
»Es ist also normal, wenn ein kleines Kind sich die Seele aus dem Hals weint. Das ist normal, ja? Weil Kinder keine echten Menschen sind, du Penner, oder was?«, brüllte Sven zurück. Seine schwarzen Ringe um die Augen sahen aus, als hätten Sina, Dorothee und Lena mit einem Kajalstift auf ihm herumgemalt.
»Schreien stärkt die Lungen!«, schrie Ulf.
»So ein Blech«, fauchte Hedda, die chronisch schlechter Laune war, seit sie mit Ulf das Büro teilen musste.
Sven war zu müde, um zu kapieren, dass sie sich auf seine Seite geschlagen hatte. »Da redet eine, die noch nie ein Kind auf dem Arm hatte! Toll. Das ist hier ja die reinste Expertengruppe. Noch nie was von frühkindlichen Traumata gehört, oder was?«
»Ich hab auch noch keinen Mord begangen und weiß trotzdem, wie man einen aufklärt«, blaffte Hedda zurück.
Ein Mann vom Streifendienst stand mit einem älteren Herrn in einer Ecke und freute sich, als Elias in der Tür auftauchte. »Verletzung der Fürsorgepflicht. Kümmere dich mal drum«, bat er flüsternd.
Elias brachte den Zeugen, der sich wahrscheinlich fühlte, als hätte er versehentlich den Dritten Weltkrieg losgetreten, hinüber in sein eigenes Büro. Der Mann atmete auf, als die Tür ins Schloss fiel.
Elias kramte ein Protokollformular aus der Schublade und nickte ihm zu. »Dann mal los.«
Sein Zeuge hieß Mateusz Kowalski, er kam ursprünglich aus Polen, lebte aber bereits seit vierundzwanzig Jahren in Ostfriesland. Er hatte als Jurist in einer Leeraner Anwaltskanzlei gearbeitet und war vor sechs Wochen in den Ruhestand gewechselt. Seitdem machte er lange Spaziergänge. »Irgendwas muss man ja tun, nicht wahr?« Er wohnte in Wybelsum und ging von dort aus gern Richtung Leuchtturm. Seine Frau war derzeit nach einem Schlaganfall in der Reha. »Wenn ich einfach nur im Haus rumsitze, werde ich verrückt.«
»Klar.«
Mateusz Kowalski mochte die Windkraftanlagen, die in der Nähe des Leuchtturms errichtet worden waren, auch wenn die meisten Menschen sich darüber aufregten. »Aber sie haben so etwas Graziles, finde ich. Und sind natürlich wegen der Umwelt unverzichtbar.«
Elias nickte.
»Außerdem gibt es dort neben der Treppe eine Rampe. Da kann ich meine Frau später vielleicht auf meine Spaziergänge mitnehmen.«
»Und das Kind?«, fragte Elias, der sich zu langweilen begann.
Auf dem Weg zum Leuchtturm befand sich ein Häuschen. Es war die meiste Zeit unbewohnt und wurde nur gelegentlich als Ferienhaus oder Wochenendhäuschen genutzt. »Aber als ich dort spazieren gegangen bin, stand kein Auto davor. Und deshalb hab ich mich gewundert, als ich das Kind weinen gehört hab.«
»In dem Haus?«
»Genau. Und als ich vom Leuchtturm zurückgekommen bin …«
»Wann war das?«
»Eine gute Stunde später, würde ich sagen. Und da hat es immer noch geschrien. Ich bin also hin und habe durch das Fenster geschaut.«
»Sie haben nicht geklingelt?«
»Ich wollte die Leute ja nicht belästigen. Das Kind schien in einem Kinderbett zu liegen. Sehen konnte ich es nicht. Aber es war niemand bei ihm, der sich kümmerte. Man sollte Kinder nicht stundenlang schreien lassen. Allein wegen der Blähungen. Ich bin sicher, sie kriegen davon Blähungen. Ich habe selbst zwei Enkelkinder.«
Gut. Elias unterdrückte ein Gähnen. Ein weinendes Kind. Keine Sensation. Wenn man Sven glauben durfte, taten sie es Tag und Nacht. »Und dann?«
»Habe ich doch geklingelt.«
»Und dann?«
»Tja«, sagte der Mann unglücklich.
Die Kollegen hatten sich mittlerweile wieder über die Büros verteilt und brühten Tee oder muffelten über alten Akten. Sven war natürlich sofort bereit, mit nach Wybelsum zu fahren. Kind in Not, da kannte er nichts. Er wäre auch dann gefahren, wenn Elias ihn nicht gefragt hätte. Harm gab ihnen seinen Segen und ließ sie mit Kowalski ziehen.
Das Haus, das ihr Zeuge meinte, lag an einer schnurgeraden Straße und machte nicht sonderlich viel her. Fünfzigerjahre, schätzte Elias. Dunkelrote Klinker, moosbesetztes Dach. Staubige Kunststofffenster. Der Garten bestand vor allem aus Bodendeckern und Obstbäumen. Eine graue, verwitterte Bank strahlte Tristesse aus. Neben der Bank stand ein Gartenzwerg im Unkraut und streckte ihnen frech den Stinkefinger entgegen.
Kowalski stieg aus seinem Wagen und zeigte ihnen das Fenster, an dem er gestanden hatte. Dahinter war jetzt alles still. Das Bettchen stand an der rückwärtigen Wand des Zimmers. Ein Schaumstoffding mit aufgedruckten Kätzchen, das oberhalb der Matratze vor die Gitterstäbe gelegt worden war, versperrte ihnen die Sicht. »Man nennt das Nestchen«, klärte Sven sie auf. »So etwas braucht man, damit die Kinder sich im Schlaf nicht stoßen. Die wühlen doch immer.«
Sie klingelten. Niemand öffnete.
»Und jetzt?«, fragte der Zeuge.
»Wir werden den Schlüsseldienst holen«, sagte Elias.
»Ach, so gehst du vor, wenn ein Kind in Schwierigkeiten steckt, ja?« Sven trat mit entschlossener Miene zurück, atmete tief ein und warf sich gegen die Holztür. Sie bestand aus solider ostfriesischer Eiche und rührte sich um keinen Millimeter. Sven jaulte, und Elias ging mit Kowalski ums Haus herum. Er fand eine Terrassentür und suchte nach einem Gegenstand, um das Glas einzuschlagen. Aber da merkte er, dass die Tür nur angelehnt war. Das war wohl der Augenblick, in dem ihm mulmig wurde, denn der Tag war nass und kalt.
Er ging in ein altmodisches Wohnzimmer. Alles war still. Er rief. Niemand reagierte.
Beunruhigt durchquerte er das Zimmer und suchte, bis er den Raum mit dem Bettchen fand. Es lag tatsächlich ein Kind darin. Das Kleine trug einen rosa Schlafanzug mit einem weißen Schleifchen und rührte sich nicht.
Hatte Elias seinen Kollegen jemals belächelt? Jetzt stand er still da und bewunderte ihn. Sven war der Gott der Kinderpflege. Er trug das kleine Mädchen, das zu wimmern begann, als er es aufnahm, in die Küche. Er mixte mit leisem Summen einen Shake aus Milchpulver, das er im Küchenschrank gefunden hatte. Während Elias zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage einen Hubschrauber orderte, überredete er die Kleine, ein wenig zu schlucken. Dann befreite er den wunden Hintern vor einer Windel, die wegen des getrockneten Kots starr wie eine Rüstung wirkte. Dem Mädchen ging es schlecht. Um das zu sehen, brauchte man kein Medizinstudium.
Elias entdeckte drei leere Fläschchen im Bettchen. Er berührte sie nicht, weil ihm klar war, dass die Spurensicherung das Haus durchkämmen würde, und fragte nur nach: »Kann sie die ohne Hilfe ausgetrunken haben?«
Sven kam mit der Kleinen, die leise weinte, zu ihm. »Mann, sie ist zwei oder drei Jahre alt. Was denkst du? Sie hätte sogar aus dem Bettchen rausklettern können.«
»Warum hat sie das nicht getan?«
»Weil es ihr nichts gebracht hätte. Guck mal die Klinke an.«
Verflucht, ja. Sie war aus dem Schloss genommen und hochkant wieder eingesetzt worden. Erwachsene hätten die Tür damit öffnen können, ein Kleinkind nicht.
»Wie lange überlebt denn so ein Kind mit …«, Elias versuchte zu schätzen, »… vierhundert Millimeter Flüssigkeit?«
»Weiß ich nicht. Da war nur Tee oder Saft drin.« Sven kämpfte plötzlich mit den Tränen. »Bleib wach, mein Goldstück, na komm, nur noch ein kleines Schlückchen.« Er ruckelte an dem Fläschchen. Tatsächlich öffnete das Kind die Augen und schaute ihn, immer noch wimmernd, an. »Welcher Arsch tut so was?«, meinte er empört.
Kowalski ging zum Winken an die Straße, damit der Rettungshubschrauber sie nicht lange suchen musste, und Elias begann sich im Haus umzusehen. Oben befand sich ein Bad mit Handtüchern und einer großen und einer kleinen Zahnbürste. Er schluckte. Nebenan lag das Schlafzimmer. Als er es öffnete, sank sein Herz weiter. Der Schiebetürenschrank und das Bett – Kunststoff, dunkle Eiche imitiert – hatten so viele Jahre auf dem Buckel wie das Haus. Die Kommode und der Rest der Möblierung ebenfalls. Das Bettzeug war mit kleinen Blüten bedruckt, altrosa, frisch und hübsch. Alles ganz normal. Was ihm den Stich versetzte, war ein Kinderwagen mit einem Schnuller auf dem Kissen. Vom Verdeck baumelte ein Mobile aus gelben Sternen.
Hier hatten eine Mutter und zwei Kinder Urlaub gemacht, von denen sich nur das ältere im Haus befand. Man musste nicht besonders scharfsinnig sein, um an eine Sandbank im Meer zu denken.
Sie saßen im Konferenzzimmer des Kommissariats. Die Langeweile war verschwunden, in den Köpfen herrschte konzentrierte Aufmerksamkeit. Da Wybelsum zur Polizeiinspektion Leer gehörte, lag der Fall jetzt auf ihrem Tisch. Und sie waren begierig, ihn zu lösen. Sie kochten geradezu vor Eifer. Welcher Schweinehund riskierte es, ein kleines Kind verhungern und verdursten zu lassen? Sie wollten ihn erwischen und ihm das Herz rausreißen. So war die Stimmung.
Olly hatte sich ebenfalls eingefunden. Sie war jetzt offiziell mit der Leitung des Falls betraut worden oder hatte ihn wegen ihres schlechten Gewissens an sich gerissen, das wurde nicht ganz klar.
Ulf, der verdeutlichen wollte, dass er Kinder zwar zum Wohl ihrer Lungen brüllen ließ, aber keinesfalls dulden würde, dass man ihnen ein Leid antat, sagte laut: »Es ist ungeheuerlich!«
Ihm schlug ätzendes Schweigen entgegen. Wenn man von einem Unglück ins Herz getroffen wird, ist es ja immer hilfreich, es jemandem anlasten zu können. Ulf schluckte.
Elias fühlte Erbarmen und brachte ihm einen Tee. Und dann begannen sie Fakten zu sammeln, um sich einen Überblick zu verschaffen.
Das Haus gehörte einer gewissen Almuth Freese, die es von ihren Eltern geerbt hatte und dort gelegentlich mit ihrer Familie Urlaub machte. Zeugin: Elke Kamerun, die Nachbarin zur Linken.
Frau Freese besaß ein Kind und einen netten Ehemann. Ein zweites Kind? Nee, da wusste die Nachbarin nichts von.
Das Ehepaar Freese wohnte in Lüdenscheid. Da war die Nachbarin absolut sicher. In der Kantstraße oder so.
»Nö, nicht Lüdenscheid, sondern Leverkusen«, widersprach Koort-Eike, der gerade am Computer das Melderegister durchging. Er las die Adresse vor. Olly trug Hedda auf, die dortigen Kollegen zu alarmieren, damit sie eine Streife vorbeischickten.
Das Ehepaar Freese besaß doch zwei Kinder. »Das eine ist ein Baby«, sagte Koort-Eike. »Vier Monate alt. Heißt Oliver. Paula ist zweieinhalb Jahre alt. Der Vater heißt Jann.«
Alle hofften, dass sich Oliver und Almuth in Leverkusen befanden, doch niemand glaubte so recht daran.
Das Kind, das sie gefunden hatten, befand sich in kritischem Zustand in der Kinderklinik in Oldenburg. Es musste innerhalb der letzten fünf Tage mehr zu trinken bekommen haben, als in die drei leeren Fläschchen gepasst hätte. Und offenbar auch ein paar Kekse, man hatte nämlich Krümel im Bett gefunden.
»Also hat sie jemand zwei- oder dreimal versorgt und sie schließlich im vollen Bewusstsein, dass sie verdursten würde, zurückgelassen«, sagte Harm.
Man merkte, dass die Leute im Besprechungszimmer kurz vor der Explosion standen. Elias hielt nichts von Wut bei der Arbeit. Sie nebelte den Verstand ein und führte auf falsche Fährten. Man war effektiver, wenn man nüchtern die Fakten sammelte und sie miteinander in Zusammenhang brachte. Professionell bleiben, egal was kam. Das war seine Arbeitsphilosophie. Also riss er sich zusammen.
»Der Mann, der Almuth Freese und ihr Baby auf der Sandbank zurückgelassen hat, könnte Paula gefüttert haben und dann selbst umgebracht oder anderweitig gehindert worden sein, sich weiter um sie zu kümmern.«
Er blickte in skeptische Gesichter. Das war zwar möglich, schien aber reichlich weit hergeholt. Nein, sie mussten sich an den Gedanken gewöhnen, dass ein Riesenschwein eine Frau und ein Baby ins Watt verschleppt und ein zweites Kind hilflos in seinem Bettchen zurückgelassen hatte. Sie jagten ein Monster.
Die Fahrt nach Leverkusen war über den Ostfrieslandspieß, der das Rheinland mit der Küste verband, ein Katzensprung. Drei Stunden. Oder gute zwei Stunden, wenn man ein verdurstendes Kind vor Augen hatte. Die Streife, die Olly sich erbeten hatte, wartete vor dem Haus der Freeses, als Sven und Elias eintrafen. Die beiden Kollegen hatten sich gerade etwas vom Chinesen geholt und baten Sven und Elias auf die Rückbank, wo Sven ihnen erklärte, was sie wussten. Die kleine Paula. Die Fläschchen. Die dreckige Windel.
Die beiden Männer leerten ihre Pappgefäße mit den Bratnudeln ohne Genuss und starrten grimmig auf die Tür. Es war kurz vor acht und schon dunkel. »Vielleicht ist doch jemand zu Hause, aber macht nicht auf«, meinte einer der beiden.
Elias blickte sich um. Sie befanden sich in einer besseren Wohngegend. Die Straßenlaternen beschienen weiße und hellgelb verputzte Häuser mit farblich abgesetzten Fenstern – sah aus wie eine Musterhaussiedlung. Solarlampen auf Eisenstäben schlugen heimelige Bögen um Beete, auf denen die letzten Astern blühten. »Warum glaubt ihr, dass vielleicht doch jemand zu Hause ist?«, wollte er wissen.
»Keine Ahnung, ist nur ein Gefühl.«
»Habt ihr bei den Nachbarn geklingelt?«
Nein, hatten sie nicht. Also machten Elias und Sven sich auf den Weg zu dem Haus, das dem der Freeses gegenüberlag, und klingelten. Der Mann, der ihnen öffnete, hieß Strauß, er arbeitete beim Arbeitsamt und erklärte ihnen, dass er Herrn Freese am vergangenen Tag hatte Sträucher beschneiden sehen.
»Was ist das denn für einer?«, fragte Sven.
»Er züchtet japanische Fische. In einem Teich hinter seinem Haus.«
»Kois?«
»Was weiß ich, wie die sich schimpfen. Aber glauben Sie im Ernst, dass so ein verdammtes Vieh tausend Euro wert ist? Wie lange leben die denn? Und man zahlt doch nicht ein paar tausend Euro für etwas, das normale Leute mit Zwiebeln in die Pfanne hauen.«
»Na ja, diese Kois …«
»Außerdem haben Katzen einen natürlichen Jagdtrieb. Was ist das denn für ein Tierliebhaber, der erwartet, dass andere Leute ihre Katzen einsperren, nur weil seine verfluchten Fische … Ich reg mich nicht auf. Ich rege mich nicht darüber auf. Zahlt schließlich die Versicherung. Aber ich sage Ihnen, eine Katze hat einen Verstand und Gefühle. Ein Fisch ist nichts als Gräte mit ein bisschen Drumherum«, sagte Strauß und ging ins Haus, um etwas gegen den Blutdruck zu schlucken, für den Fall, dass er sich doch gerade aufgeregt haben sollte.
Elias merkte ihn sich als aufmerksamen Zeugen. Er öffnete die Gartenpforte und wollte gerade in den Garten gehen, um sich die Kois anzusehen, als ein Wagen unter Freeses Carport rollte.
Jann Freese stutzte nur kurz, dann bat er sie ins Haus. Er war ein Mann um die vierzig mit blondem, leicht gewelltem Haar, Lachfältchen um die Augen und einem sensiblen Gesicht, in dem nur eine Narbe, die vom Seitenscheitel quer über die Augenbraue zum Ohrläppchen hinunterlief, den angenehmen Gesamteindruck störte.
Sein Haus wirkte so sympathisch wie er selbst. Weiße Sofas, auf denen bunt bestickte Kissen lagen, Bücher, flauschige Teppiche. Und überall Fotos. Das meiste Familie. Einige zeigten Freese in einer Feuerwehruniform. Offenbar engagierte er sich bei der freiwilligen Feuerwehr.
War er beunruhigt? Er bat sie, sich zu setzen, und erklärte, dass er rasch nach seiner Mutter schauen müsse. Warum fragt er nicht nach dem Grund unseres Kommens?, dachte Elias. Vielleicht weil er etwas ahnte? Jeder, der fernsah, wusste, dass es Böses bedeutete, wenn die Polizei klingelte und fragte, ob sie hereinkommen dürfe. Vielleicht wollte er die Nachricht hinausschieben. Sich noch ein paar Minuten Seelenfrieden retten, ehe das eigene Leben zusammenstürzte. Ein Instinkt aus archaischen Zeiten. So etwas gab es.
Die Kollegen nahmen in den Ledersesseln Platz, Elias folgte Freese. Der Mann ging durch einen Flur in ein Zimmer, aus dem leise Radiomusik dudelte. Es gehörte einer alten Frau mit verwuschelten weißen Haaren, die in einem Bett lag und ihnen angespannt entgegenblickte. Freese half ihr zum Sitzen auf und dann, nachdem er ihr eine Jacke gereicht hatte, in einen Sessel. »Tut mir leid, Mama, dass es so lange gedauert hat. Willst du was zu trinken? Ich mache gleich Abendbrot.«
Frau Freese starrte zu Elias. »Was sind denn das für Leute?«
»Der Herr ist von der Polizei.«
»Aber wieso …?«
»Ich weiß es nicht, Mama.«
»Aber wieso …?«
»Ich weiß es nicht.« Freese war ein geduldiger Mann. Er breitete eine Decke über ihren Knien aus und füllte ein Glas mit Mineralwasser, das er ihr reichte. Dann öffnete er das Fenster, weil es ein wenig müffelte. Er schüttelte das Bett auf und fragte seine Mutter, ob sie zur Toilette wolle. Er tat alles, um nicht in die Stube zurückzumüssen. Ja, er ahnte, was kommen würde. Als rein gar nichts mehr zu erledigen war, folgte er Elias zum Rest der Truppe zurück. Er blickte sie mit reglosem Gesicht an und wollte sie mit Getränken versorgen. »Nicht nötig«, sagte Elias und bat ihn, sich zu setzen. Half ja nichts, wenn der Mann ihnen auch noch zusammenklappte.
Sven hatte ein Foto von der Anrichte aus Kernbuche genommen. Er reichte es Elias. Die kleine Paula war deutlich wiederzuerkennen. Freese hielt das Mädchen auf dem Bild an der Hand. Seine Frau – Jeans und weiße Bluse – trug einen Säugling auf dem Arm. »Scheiße«, flüsterte Sven unprofessionell.
Elias gab sich einen Ruck. »Ihre Tochter ist im Krankenhaus.« Freese schlug die Hände vors Gesicht. Er gab einen erstickten Laut von sich. Dann sackte er im Zeitlupentempo vom Sessel aufs gewienerte Buchenparkett.
Glücklicherweise wusste seine Mutter den Namen der Hausärztin. Einer der Polizisten rief bei ihrer privaten Telefonnummer durch, und sie war in weniger als fünf Minuten zur Stelle. Frau Dr. Greta Scheffner war eine hagere, energische Frau, die nicht viel Federlesen machte. Sie lagerte Freeses Beine hoch, gab ihm eine Spritze und eine Decke und der Polizei die Anweisung, ihren Patienten mit Fragen zu verschonen.
