Café Engel - Marie Lamballe - E-Book
SONDERANGEBOT

Café Engel E-Book

Marie Lamballe

0,0
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Der neue Band der Bestseller-Saga um das Traditionscafé!

Wiesbaden, 1961. Nachdem Hilde Koch das Café ihrer Familie liebevoll modernisiert hat und es nun mit großer Hingabe leitet, macht ihr völlig unerwartet ihr Bruder Wilhelm die Geschäftsführung streitig. Sein Lebenstraum von einer Karriere beim Film ist gescheitert, während seine Frau Karin als Schauspielerin große Erfolge feiert. Auch auf dem Weinberg von Hildes Ehemann Jean-Jaques steht es nicht zum Besten. Zur Hilfe eilt ihm ausgerechnet der unstete Mischa, der auf dem Weingut nicht nur eine Aufgabe findet, sondern auch unverhofftes Liebesglück. Als in Wiesbaden plötzlich ein böses Gerücht die Runde macht, müssen sie alle um die Existenz ihres Café Engel fürchten ...

Die mitreißende Geschichte einer Caféhaus-Dynastie im Wandel des 20. Jahrhunderts - Band 4 der SPIEGEL-Bestseller-Serie

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 736

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Hilde

Luisa

Jean-Jacques

Hilde

Petra

Wilhelm

Jean-Jacques

Hilde

Wilhelm

Mischa

Luisa

Karin

Hilde

Petra

Jean-Jacques

Karin

Luisa

Mischa

Karin

Hilde

Wilhelm

Petra

Mischa

Wilhelm

Luisa

Jean-Jacques

Hilde

Karin

Mischa

Petra

Wilhelm

Hilde

Petra

Wilhelm

Mischa

Karin

Über das Buch

Wiesbaden, 1961. Nachdem Hilde Koch das Café ihrer Familie liebevoll modernisiert hat und es nun mit großer Hingabe leitet, macht ihr völlig unerwartet ihr Bruder Wilhelm die Geschäftsführung streitig. Sein Lebenstraum von einer Karriere beim Film ist gescheitert, während seine Frau Karin als Schauspielerin große Erfolge feiert. Auch auf dem Weinberg von Hildes Ehemann Jean-Jaques steht es nicht zum Besten. Zur Hilfe eilt ihm ausgerechnet der unstete Mischa, der auf dem Weingut nicht nur eine Aufgabe findet, sondern auch unverhofftes Liebesglück. Als in Wiesbaden plötzlich ein böses Gerücht die Runde macht, müssen sie alle um die Existenz ihres Café Engel fürchten …

Die mitreißende Geschichte einer Caféhaus-Dynastie im Wandel des 20. Jahrhunderts – Band 4 der SPIEGEL-Bestseller-Serie

Über die Autorin

Marie Lamballe wuchs in einer Theaterfamilie auf – beide Eltern waren Schauspieler am Wiesbadener Staatstheater. Sie studierte Literatur und Sprachen und begann schon kurz nach dem Studium mit dem Schreiben von zunächst Kurzgeschichten, später Theaterstücken, Drehbüchern und Romanen. Inzwischen lebt sie als freie Autorin in der Nähe von Frankfurt am Main und hat unter verschiedenen Pseudonymen zahlreiche Romane – darunter mehrere Bestseller – veröffentlicht.

MARIE LAMBALLE

Café Engel

Ein frischer Wind

ROMAN

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2023 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Ulrike Strerath-Bolz, Friedberg Umschlaggestaltung: www.buerosued.de unter Verwendung von Motiven von © www.buerosued.de, Alamy Stock Foto: Lebrecht Music & Arts | United Archives GmbH, Arcangel.com: Ildiko NeereBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7517-4201-6

luebbe.delesejury.de

Wiesbaden, im Sommer 1961

HILDE

Ein Sonntag im August. Brütende Hitze liegt wie eine unsichtbare Glocke über der Stadt Wiesbaden. Nur wenige Autos befahren die Wilhelmstraße, die Spaziergänger bewegen sich gemächlich voran, man bevorzugt die Straßenseite längs des Warmen Damms, wo man unter dichten Platanenreihen angenehmen Schatten findet. Die Straßencafés auf der anderen Seite haben die Markisen tief heruntergezogen, um ihre Gäste vor Sonne und Straßenstaub zu schützen. Trotz der Hitze sind am Nachmittag alle Stühle besetzt, man genießt Kaffee und Kuchen, erfrischt sich mit »Bluna«, »Sinalco« und »Coca-Cola eisgekühlt« oder gönnt sich ein kleines Eis mit Sahne: Vanille, Schokolade und Erdbeer sind im Angebot. Die Damen tragen helle Sommerkleider, die Herren erlauben sich kurzärmelige Oberhemden unter dem Jackett. Die Anzugjacke wird trotz der Hitze nicht abgelegt – hemdsärmelig läuft man nicht über die Wilhelmstraße, das gehört sich einfach nicht.

Das Café Engel behauptet sich beharrlich gegen die überall in der Stadt aufblühenden neuen Cafés und Konditoreien. Vor allem das Café Blum gleich nebenan ist eine Herausforderung: Sie sind dreimal so groß, servieren im ersten Stock bis zum späten Abend anspruchsvolle Menüs, auch Tanzabende, Hochzeitsfeiern und andere Veranstaltungen finden dort Platz. Dafür punktet das Café Engel mit seinen exquisiten Torten, dem ausgezeichneten Kaffee und der familiären Atmosphäre. Die kleinen, aber leckeren Tellergerichte finden mittags bei den Büroangestellten viel Anklang, werden aber auch noch am Abend von den Sängern und Schauspielern des Staatstheaters gern geordert. Weil man nach der Vorstellung gemeinsam mit den Kollegen noch eine Kleinigkeit essen möchte und sich dazu eine Flasche »Engelströpfchen« genehmigt. Der Riesling stammt vom Weinberg des Herrn Perrier, dem Ehemann der Chefin, und gilt allgemein als Geheimtipp.

Nur die Stammgäste wissen, dass der heutige Sonntag für die Familie Koch ein ganz besonderer ist. Vater Heinz Koch sitzt am Stammtisch gleich bei der Kuchentheke, trinkt seinen Kaffee und unterhält sich mit lieben Gästen, die sich zahlreich bei ihm niederlassen und sogar Blumengebinde und kleine Geschenke mitbringen. Hilde hat in weiser Voraussicht alle Blumenvasen der Familie im Nebenraum deponiert, auch die Schwägerin Swetlana, die heute gemeinsam mit Luisa kellnert, hat etliche Gefäße mitgebracht.

»Was für schreckliche Pötte«, sagt Mutter Else kopfschüttelnd, als sie mit Hilde allein ist.

Hilde findet das Genörgel ihrer Mutter unpassend und zuckt die Schultern. »Über Geschmack lässt sich nicht streiten, Mama.«

Mutter Else zieht abschätzend die Augenbrauen in die Höhe und nimmt zwei der Vasen, um sie schon einmal mit Wasser zu füllen.

Hilde wird jetzt ungeduldig. »Was läufst du eigentlich dauernd durch die Gegend, Mama?«, meint sie gereizt. »An einem Tag wie heute solltest du drüben am Stammtisch an Papas Seite sitzen. Die Leute haben schon nach dir gefragt.«

»Du liebe Güte«, sagt Mutter Else abwehrend. »Da herumzusitzen und mich beweihräuchern zu lassen – das ist nichts für mich. Und überhaupt – muss man ein solches Theater um diese Sache machen? Schließlich ist das etwas ganz Normales.«

»Na, hör einmal, Mama!«, empört sich Hilde. »Wir geben uns solche Mühe, diesen Tag für euch beide so schön wie möglich zu gestalten. Freust du dich denn gar nicht darüber?«

»Ach, Hildchen …«, ruft Else beklommen. »So hab ich das doch nicht gemeint. Natürlich freue ich mich.«

Sie streichelt Hilde hastig die Wange, dann eilt sie, ungeachtet der töchterlichen Ermahnung, mit den beiden Vasen davon. Vier Buketts und mehrere Topfpflanzen schmücken schon den Nebenraum, und wie es ausschaut, werden es wohl noch einige mehr werden.

Hilde tut einen ärgerlichen Seufzer. Was ist in letzter Zeit nur mit Mama los? Ständig ist sie unzufrieden, meckert an allem herum, kann nicht still sitzen und muss überall ihre Nase hineinstecken. Dabei könnte sie sich doch endlich von der mühseligen Arbeit ausruhen und die Sorgen um das Café der jüngeren Generation überlassen. Alles ist bestens geregelt – Mama kann mit gutem Gewissen die Hände in den Schoß legen und es sich auf ihre alten Tage gemütlich machen. So, wie es Papa schon seit Jahren tut, und es bekommt ihm ausgezeichnet.

Aber nein – schon am frühen Morgen hat es Ärger gegeben. In strahlender Laune ist Papa zum Frühstück im Café erschienen, seinen besten Anzug hat er angelegt und den seidenen Schlips umgebunden, den Julia ihm letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hat. Weil Mama schon wieder in der Küche gesteckt hat, wo sie eigentlich nichts mehr zu suchen hat, musste er ein Weilchen auf sie warten. Als sie dann aber erschien, ist er zärtlich lächelnd und mit ausgebreiteten Armen auf sie zugegangen.

»Meine liebe, gute Else!«, hat er schwungvoll angesetzt. »Heute ist unser Ehrentag. Vierzig Jahre vollkommenes Glück!«

Daraufhin hat Mama den Mund verzogen und gemeint: »Na ja …«

Papas Schwung war daraufhin etwas beeinträchtigt.

»Was meinst du mit ›Na ja‹, meine Liebe?«

»So, wie ich es sage, Heinz. Gewiss, es waren schöne Jahre dabei …«

»Für mich waren es nur schöne Jahre, Else. Eines schöner als das andere. Und dafür will ich dir heute danken, mein Schatz!«

Er hat Mama in die Arme genommen und auf beide Wangen geküsst. Das hat sie sich gerade noch gefallen lassen. Als er aber versucht hat, sie zur Feier ihrer vierzigjährigen Ehe auch auf den Mund zu küssen, hat sie den Kopf weggedreht und gemeint: »Du liebe Güte, Heinz, lass das doch! Die Leute auf der Straße können uns sehen!«

Da hat Papa sie losgelassen und sich kopfschüttelnd auf seinen Platz gesetzt. Ganz betroffen ist er gewesen; Hilde hat es im Herzen wehgetan.

»Was ist denn schon dabei, Mama?«, hat sie gemeint. »Schließlich seid ihr beide verheiratet.«

»Misch du dich da nicht ein, Hilde!«

Weil in diesem Moment Swetlana und Luisa durch die Drehtür ins Café gekommen sind, ist die Diskussion nicht weitergeführt worden. Die beiden haben sich gleich auf das »Jubelpaar« gestürzt, es gab Umarmungen und Küsschen, Swetlana hat ein teures Parfüm für Mama und einen neuen Seidenschlips für Papa gekauft, Luisa hat ein Körbchen mit frisch gepflückten Erdbeeren aus dem Garten und einen selbst gebundenen Blumenstrauß mitgebracht. Außerdem hat sie angekündigt, dass es heute Abend zu Ehren der Jubilare eine musikalische Überraschung geben wird. Da war Mama gerührt, hat sich aufs Herzlichste bedankt und gleich von den Erdbeeren genascht.

»Ach, so ein Garten ist doch etwas Schönes«, hat sie geseufzt. »Das Obst und Gemüse schmeckt halt am besten frisch geerntet, nicht wahr? Deine Erdbeeren sind ein Gedicht, Luisa!«

»Ja, da hat du recht, Tante Else«, hat Luise lächelnd geantwortet. »Wir sind sehr froh, einen Garten beim Haus zu haben.«

Von der vielen Arbeit, die der Garten mit sich bringt, sagt sie nichts. Hilde macht sich oft Gedanken um Luisa, die meist abgehetzt und mit rissigen Händen zum Dienst im Café Engel erscheint. Wie es aussieht, ist die Ärmste völlig überlastet und hat außerdem eine Menge Sorgen. Aber wenn Hilde fragt, wie es bei ihnen so geht, meint Luisa immer: »Wie soll es schon gehen? Die Kinder sind gesund, und Fritz geht ganz in seiner Musik auf. Das ist die Hauptsache, nicht wahr?«

Nachdem Swetlana und Luisa sich mit Spitzenschürze und Häubchen in zwei Serviererinnen verwandelt hatten, ist es zu Hildes Erleichterung am Stammtisch versöhnlich zugegangen. Papa hat seinen Kaffee getrunken und die frisch gebackenen Sonntagsbrötchen genossen, die der Konditor Richy wieder einmal rechtzeitig gezaubert hat. Mama hat sich die gute Himbeermarmelade gegönnt, die ebenfalls aus Luisas Garten stammt. Gesprochen haben die beiden allerdings nur wenig miteinander; Papa macht ab und an eine freundliche Bemerkung, die Mama mit einem wohlwollenden Kopfnicken kommentiert.

Gegen zehn, als sie draußen die ersten Gäste bedient haben, ist Sofia Künzel aus ihrer Dachwohnung heruntergekommen, um zu gratulieren und danach ihr Frühstück einzunehmen. Die Künzel wohnt seit ewigen Zeiten oben im Haus. Früher ist sie Opernsängerin im Staatstheater gewesen, jetzt ist sie schon an die siebzig, gibt aber immer noch Klavierunterricht im Konservatorium und ist bei ihren Schülern sehr beliebt. Auch ihre Leidenschaft für auffällige Kleidung und grelle Farben hat sie nicht aufgegeben. Heute erscheint sie mit einem lilafarbenen Tuch, das sie als Turban um den Kopf gebunden hat, dazu trägt sie ein weinrotes Kleid und grüne Riemchensandalen.

»Vierzig Jahre!«, ruft sie durch das Café, dass man es bis auf die Straße hören kann. »Und dann auch noch in Liebe und Eintracht! Wie ich euch beide bewundere. Wo ich selber es nur auf drei Jahre Ehe gebracht und den Kerl dann in die Wüste geschickt habe!«

Die Künzel schafft es, sogar Mama zum Lachen zu bringen. Schließlich kennt man sich schon lange Jahre, hat harte Kriegszeiten miteinander durchgemacht und immer zusammengehalten. Es wird von dem lieben Addi geredet, den alle noch im Herzen tragen, von den Eintöpfen, die Mama Else von den wenigen Lebensmitteln für alle gekocht hat, von der Zeit, als die Künzel in der Ami-Bar Klavier gespielt hat und immer mal ein paar leckere Konserven mitbringen konnte. Hilde ist erleichtert, jetzt kommt die Sache in Schwung. Heitere Nostalgie ist angesagt, Mama schwatzt eifrig mit, Papa erzählt seine Lieblingsanekdoten. Als dann schließlich noch Hildes Zwillinge Frank und Andi in ihren Sonntagsanzügen erscheinen und den Großeltern brav zum Hochzeitstag gratulieren, scheint die Stimmung perfekt. Die Bengel haben es tatsächlich geschafft, sich einigermaßen pünktlich aus den Betten zu schälen und die von Hilde bereitgelegten Anzüge anzulegen – keine Selbstverständlichkeit bei zwei Fünfzehnjährigen. Natürlich sind Oma und Opa tief gerührt – überhaupt stehen die Enkel hoch im Kurs, dürfen sich alle möglichen Streiche und Frechheiten leisten, für die Hilde und ihre Brüder seinerzeit mit saftigen Ohrfeigen bestraft worden wären. So verkündet Frank denn auch ganz unbefangen, dass sie sich mit Freunden zu einer Radtour verabredet hätten und gleich aufbrechen müssten.

»Ausgerechnet heute, wo Oma und Opa ihren Ehrentag haben!«

»Oma hat gesagt, es macht ihr nichts aus«, behauptet Frank, der wie meist der Wortführer ist. »Und heute Abend zur großen Party sind wir ja wieder da.«

Immer diese englischen Wörter. Party! Neulich hat er sogar »Allright, Mama« zu ihr gesagt.

»Habt ihr überhaupt gefrühstückt?«, will Hilde von ihren Söhnen wissen.

»Klar, Mama.«

Als die beiden kleiner waren, hat Hilde ihnen am Morgen das Frühstück gemacht, während Mutter Else schon unten im Café zugange war. Inzwischen sind die Knaben selbstständig, nehmen sich aus dem Kühlschrank, was sie mögen, und kommen an den Schultagen nur noch zur »Endkontrolle« hinunter ins Café, wo Hilde nachprüft, ob sie anständig angezogen sind und das am Abend vorbereitete Frühstücksbrot eingepackt haben.

»Habt ihr die Milch wieder in den Kühlschrank gestellt?«, forscht sie.

Frank nickt eifrig, Andi zeigt eine bedenkliche Miene. Aha!

»Dann lauft schnell hoch und schaut noch mal nach!«

»Mensch Meier!«

Nachdem die Enkel verschwunden sind, ist auch Mamas Geduld erschöpft. Sie läuft in die Küche, um – wie sie behauptet – nachzuschauen, ob die Sahne gestern geliefert worden ist, dann muss sie sich mit den Blumensträußen beschäftigen und die neu angeschafften Kaffeelöffelchen mit dem eingestanzten »Café Engel« zurechtlegen. Als der Korrepetitor Alois Gimpel mit Sigmar Kummer vom Wiesbadener Tagblatt das Café betritt, hat Mama es auf einmal schrecklich eilig, weil sie oben in der Wohnung angeblich ihre Tropfen vergessen hat.

»Mama, der Herr Kummer will etwas für die Zeitung über euch beide schreiben!«, flüstert Hilde ihr hastig zu.

»Na und?«, zischt Else zurück. »Papa wird ihm schon ausführlich Auskunft geben, da muss ich nicht dabeisitzen. Ich brauche jetzt meine Tropfen, mir ist ganz schwindelig von all dem künstlichen Theater.«

Dass solch ein Zeitungsartikel auch eine hervorragende Reklame für das Café ist, scheint Mama nicht zu interessieren.

»Komm bitte gleich wieder runter, Mama. Herr Kummer hat den Fotoapparat dabei, er will bestimmt eine Aufnahme von Papa und dir machen.«

»Wie schön! Die beiden Jubilare, in Ehren ergraut und aufs Abstellgleis geschoben«, lässt sich Mutter Else unmutig vernehmen und enteilt ins Treppenhaus.

Hilde steht fassungslos vor der Küchentür – Swetlana, die eine Flasche Wein mit zwei Gläsern nach draußen trägt, wäre beinahe gegen sie gelaufen. Was hat Mama da eben gesagt? Abstellgleis? Wie kommt sie denn auf so etwas? Unglaublich! Da gibt man sich die allergrößte Mühe, den Ehrentag der Eltern so schön wie möglich zu organisieren, hat ein teures Geschenk besorgt, die Presse informiert und für heute Abend eine Familienfeier vorbereitet. Und dann das! Abstellgleis! Keine Spur von Dankbarkeit, dass sie sich kaputt arbeitet, um den Eltern einen geruhsamen Lebensabend zu gönnen. In Hilde schwillt der Zorn heftig an. Was für ein sturer Egoismus! Altersstarrsinn, jawohl, das muss es sein. Mama wird langsam komisch. Wenn sie ihnen nur nicht diese schöne Feier ruiniert. Vor allem Papas wegen wäre das sehr schade, er hat sich so auf diesen Tag gefreut.

Draußen unter der Markise sitzen jetzt Herrenrunden, das sind die Ehemänner, die sich nach dem Gottesdienst noch einen kleinen Schoppen genehmigen, während die Ehefrauen mit den Kindern nach Hause geeilt sind, um das Sonntagsessen zu richten. Hilde denkt an ihren Jean-Jacques, der versprochen hat, sein Weinlokal bei Eltville gegen Mittag den Angestellten zu überlassen, um im Café Engel den Ehrentag der Schwiegereltern zu feiern. Ein paar Kisten Wein will er auch mitbringen – allerdings ist seine klapprige Goélette bisher noch nicht aufgetaucht. Drinnen am Stammtisch geht es hoch her. Papa und Sigmar Kummer vom Tagblatt sind in eifrigem Gespräch, die Künzel hat sich dazugesellt, und auch Jenny Adler, die ehemalige Soubrette vom Theater, wartet mit heiteren Anekdoten auf. Wo bleibt nur Mama? Wie lange braucht sie, um ihre Tropfen zu nehmen? Jetzt erscheint auch noch Kantor Firnhaber mit einem gewaltigen Blumenstrauß, den er unbedingt der »hochgeschätzten, lieben Frau Koch« überreichen möchte, weil man Blumen doch immer der Dame und nicht dem Herrn gibt.

»Setzen Sie sich zu uns, lieber Freund«, lädt ihn Papa ein. »Meine Else ist geschäftig wie immer und wird gleich wieder hier sein.«

Luisa schenkt Wein ein, dazu hat Hilde Schnittchen mit Schinken, Ei und feinen Gürkchen vorbereitet, denen eifrig zugesprochen wird. Schließlich erscheint auch Mama, frisch onduliert und im neuen Sommerkostüm. Aha – auf dem Foto will sie gut aussehen. Tatsächlich nimmt sie den Blumenstrauß huldvoll entgegen, und als Sigmar Kummer das Jubelpaar vor die Drehtür bittet, um eine Aufnahme zu machen, zieht sie rasch die Bluse glatt und befeuchtet mit der Zunge die Lippen, bevor sie ein Zeitungslächeln aufsetzt. Da schau einer an – solch eine Schauspielerin!

Um die Mittagszeit leeren sich die Plätze unter der Markise. Die Herren wandern froh gestimmt nach Hause, wo der Tisch gedeckt ist und der Sonntagsbraten lockt. Ein Essen im Restaurant gönnt man sich nur selten – mit Kindern kommt es halt teuer, da hält man sein Geld doch lieber zusammen und spart auf neue Anschaffungen. Das Wirtschaftswunder macht es möglich, in den Wohnungen stehen Fernseher, Radio und Plattenspieler, die Hausfrau träumt von einer Waschmaschine mit integrierter Schleuder und einem modernen Staubsauger, aber an erster Stelle steht natürlich das Auto. Der Verkehr in Wiesbaden hat sprunghaft zugenommen, überall stehen reihenweise geparkte Autos am Straßenrand, leider auch in der Wilhelmstraße vor den Cafés, wo sie den Gästen die Sicht auf Theater und Kuranlagen nehmen.

Hilde sitzt wie auf heißen Kohlen. Wo bleibt Jean-Jacques? Die große Überraschung für die Eltern muss vorbereitet werden, das hat er übernehmen wollen. Wenigstens erscheint jetzt ihr Bruder August, Swetlanas Ehemann, der vermutlich den Vormittag wieder in seiner Kanzlei verbracht hat, um einige Sachen aufzuarbeiten, die die Woche über liegen geblieben sind. Umarmung, Gratulation – die Eltern freuen sich, Mama ist guter Dinge. Ausgezeichnet. Hilde schaut rasch in der Küche nach dem Rechten, dort ist Richy, der Unermüdliche, mit den kalten Platten für den Abend beschäftigt, Luisa geht ihm zur Hand, Svetlana wärmt die mitgebrachte Gulaschsuppe auf.

»Ich habe gute Suppe gekocht, weil wir doch zu Mittag eine Kleinigkeit essen müssen«, sagt sie.

»Ach, Swetlana!«, sagt Hilde und nimmt sie in den Arm. »Was würden wir machen, wenn wir dich und deine Kochkünste nicht hätten! Wann fängst du bei uns an?«

»Gestern«, lacht Swetlana. »Ich würde gern kochen für die Gäste vom Café Engel. Aber du weißt ja – August will das nicht. Ich soll nur kochen für ihn und für Sina. So ist er nun einmal.«

Natürlich. Dem Herrn Rechtsanwalt und Notar gefällt auch nicht mehr, dass seine Ehefrau im Café Engel die Gäste bedient, weil es ihm vor seinen Klienten peinlich ist. Dabei war er selbst es, der Swetlana vor Jahren die Anstellung als Bedienung im Café Engel verschafft hat. Aber zum Glück hängt Swetlana mit großer Freude an ihrer Arbeit.

»Du musst denken, dass es Familie ist, August«, hat sie zu ihm gesagt. »Ich tue es nicht um das Geld, sondern weil ich deinen Eltern und deiner Schwester helfen muss.«

Gegen zwei Uhr trifft Fritz Bogner, Luisas Ehemann, mit drei kleinen Mädchen im Gefolge ein. Die siebenjährige Petra, das angehende Wunderkind, trägt den Geigenkasten auf dem Rücken, ihre neunjährige Schwester Marion schleppt die Notentasche, und hintendrein kommt Sina, die ebenfalls neunjährige Tochter von August und Swetlana, mit der Hündin Laika.

»Sperrt den diebischen Zottelhund gleich oben in unsere Wohnung!«, ruft Hilde ihnen entgegen.

Laika ist der reinste Staubsauger, sie kriecht unter alle Tische, um herabgefallene Kuchenreste zu ergattern, und hat es zu Richys Entsetzen schon zweimal bis in die Küche geschafft. Die drei Mädchen laufen mit der kläffenden Laika die Treppe hinauf, während Fritz dem Jubelpaar höflich gratuliert und sich dann mit Instrumenten und Notenständern im Nebenraum einnistet.

»Wird die Presse anwesend sein?«, fragt er Hilde an der Tür und wischt die dicke Brille mit dem Taschentuch sauber.

»Die Gerda Weiler will kommen.«

»Sehr gut!«

Fritz Bogner selbst ist der bescheidenste Mensch der Welt. Aber wenn es darum geht, seine begabte Tochter zu präsentieren, stellt er alles Mögliche auf die Beine. Als gleich darauf der Cellist Benno Olbricht, ein Kollege von Wiesbadener Theaterorchester, mit seinem Instrument eintrifft, wird Petra hinunter in den Nebenraum beordert, um mit Benno gemeinsam für den Abend zu proben.

»Das ist doch ganz leicht«, sagt sie und wirft die roten Zöpfe nach hinten. »Das spiele ich im Schlaf.«

Inzwischen treffen die ersten Kaffee-und-Kuchen-Gäste ein, die Plätze draußen unter der Markise füllen sich wieder, Hilde beordert Luisa an die Kuchentheke und hilft selbst beim Bedienen. Papa hat sich zu einem Mittagsschläfchen zurückgezogen, dafür sitzt jetzt Bruder Wilhelm neben Mama am Stammtisch und unterhält die Runde mit Charme und Witz. Gut so – Mama ist heiter und lacht mit den anderen. Hildes jüngerer Bruder ist von Beruf Schauspieler und hat vor zwei Jahren seine Kollegin Karin geheiratet, die eine kleine Tochter mit in die Ehe gebracht hat. Leider ist auch Karins Mutter mit in die gemeinsame Wohnung eingezogen, eine – milde gesagt – schwierige Person, die der jungen Ehe nicht guttut. Hilde hätte diese Frau um alles in der Welt nicht in ihrer Nähe haben wollen – aber Willi muss wissen, was er tut.

Endlich sichtet sie Jean-Jacques’ »Goélette«, die ganz gemütlich die Wilhelmstraße heraufzuckelt und neben einem vor dem Café Engel geparkten Mercedes anhält.

»Fass mal mit an, Willi!«, ruft sie ihrem Bruder zu, als Jean-Jacques beginnt, die Weinkisten abzuladen.

»Hätte ich gewusst, dass ich als Lastenträger missbraucht werde, wäre ich in Arbeitskluft gekommen«, witzelt Bruder Willi und zieht die Jacke aus.

»Pass auf deinen Rücken auf, Willi!«, ermahnt Mama besorgt und fügt hinzu, dass Jean-Jacques den Wein ruhig schon gestern hätte liefern können.

Zur Erheiterung der sonntäglich gekleideten Gäste schleppen die beiden Männer die Kisten ungeniert durch die Drehtür ins Café und tragen ihre Last in den kühlen Keller hinunter.

»Sonntagsarbeit bringt keinen Segen!«, ruft ein Gast Wilhelm spöttisch zu.

»Aber doppelten Lohn!«, gibt der keuchend zur Antwort.

Er hat die Lacher auf seiner Seite, das kann er, es ist sein Talent, mit dem er sein Geld verdient. Wobei er momentan leider nur im Kabarett auftritt, mit dem erhofften Engagement am Staatstheater hat es nicht geklappt. Dafür ist seine Frau Karin im Filmgeschäft erfolgreich, sie war schon in zwei Fernsehfilmen zu sehen und ist momentan zu Aufnahmen in Hamburg.

»Endlich kommst du«, flüstert Hilde ihrem Ehemann zu. »Papa hält oben Mittagsschlaf, ihr müsst leise sein. Nimm Willi mit, der kann ihn notfalls ablenken.«

Jean-Jacques lässt sich nicht hetzen. Braun gebrannt ist er von der Arbeit im Weinberg, das schwarze Lockenhaar müsste längst wieder geschnitten werden, die dunklen Augen haben einen unternehmungslustigen Glanz. Er schaut gut aus, ihr Ehemann. Und er weiß es.

»Was ist das für eine Begrüßung, mon chou?«, lacht er und küsst sie auf die Wange. »Erst einmal muss ich Maman gratulieren.«

Er begibt sich zum Stammtisch, umarmt Mutter Else und drückt ihr mehrere Küsschen auf, auch August wird umhalst, und weil er schon dabei ist, macht Jean-Jacques gleich mit Sophie Künzel, Kantor Firnhaber und Jenny Adler weiter. Nein, hinsetzen kann er sich nicht – er hat noch eine »surprise« für Papa und Maman, die muss er jetzt vorbereiten.

»Ach, du lieber Gott«, sagt Mama misstrauisch. »Denk bitte daran, dass wir nicht geschlossen haben, Jean-Jacques.«

Das ist Mamas Bedingung für die Feier gewesen: Auch wenn ein Familienfest stattfindet, werden draußen an den Tischen weiterhin die Gäste bedient. Wobei viele der Stammgäste seit Jahren ohnehin eng mit der Familie Koch verbunden sind und mit ihnen feiern werden.

Aus dem Nebenraum dringen Geigenklänge, untermalt von Olbrichts Cello. Sie spielen Trios von Bach und Brahms. Hoffentlich ist das Programm nicht zu lang, denkt Hilde besorgt. Mama mag eigentlich lieber etwas Heiteres, Papa kommt eher auf seine Kosten, er ist begeisterter Liebhaber klassischer Musik. Willi wird auch etwas vortragen wollen, und die kleine Sina hat vermutlich wieder ein Gedicht geschrieben. Und dann wollen wir auch alte Fotos anschauen, und Papa wird wieder eine Rede halten … Ach, herrje – wo habe ich den Zettel mit meiner Rede gelassen? Oben im Schlafzimmer natürlich. Wenn sich die Künzel ans Klavier setzt, können wir vielleicht sogar tanzen. Das würde Mama gefallen.

Jean-Jacques läuft in der Küche herum, weil Richy den Werkzeugkasten nicht wieder in die Kammer zurückgetragen hat, wo er hingehört. Hilde vernimmt einen kurzen, unfreundlichen Wortwechsel, der mit einem geknurrten Fluch auf Französisch endet. Jean-Jacques kann den braven kleinen Konditor aus Leipzig nicht ausstehen. Auch nachdem ihm klar geworden ist, dass Richy keineswegs seiner Hilde nachstellt, ist das Verhältnis nicht besser geworden.

»Où sont les garçons?«, will er von Hilde im Vorbeigehen wissen.

»Fahrradtour.«

»Encore? Schon wieder? So geht das nicht weiter«, grummelt er und verschwindet im Treppenhaus. Dort trifft er mit Papa zusammen, der sein Schläfchen beendet hat und voller Tatendrang und guter Laune dem Stammtisch entgegenstrebt. Noch einmal eine herzliche Umarmung, Schulterklopfen, Küsschen à la française.

Hilde ist erleichtert – jetzt, wo Papa wieder hier ist, hat Jean-Jacques oben in der Wohnung freie Hand.

Zwanzig Kuchenportionen, achtzehn kleine Eisbecher und unzählige Tassen Kaffee später erscheint ihr Ehemann verschwitzt und zufrieden im Café und meldet: »C’est fait! Funktioniert parfaitement, ma colombe.«

»Eine ziemliche Fummelei«, knurrt Wilhelm, der sich den Finger geklemmt hat.

»Wunderbar!«, freut sich Hilde. »Willi, du gehst jetzt zu Mama und Papa und sagst, dass oben in ihrer Wohnung eine Überraschung auf sie wartet.«

Es dauert ein Weilchen, bis sich Papa von dem anregenden Gespräch mit den Damen Alma Knauss und Ida Lenhard losreißen kann. Mama bemerkt stirnrunzelnd:

»In unserer Wohnung? Ich hoffe, ihr habt mir da oben keine Unordnung gemacht!«

Kann sie nicht einmal, wenigstens ein einziges Mal mit ihrer Nörgelei aufhören, denkt Hilde. Aber Jean-Jacques nimmt Mamas Bedenken auf die leichte Schulter, er bietet ihr galant die Hand und meint grinsend: »Wir haben nur die Möbel zerschlagen, die Gardinen abgerissen und die Teppiche ruiniert, Maman. Sonst ist alles bien rangé.«

»Ach, du immer mit deinen Witzen, Jean-Jacques!«

Sie gehen zu sechst hinauf. Hilde voran, dann Mama und Papa, Willi, August und Jean-Jacques folgen. Im Wohnzimmer auf der Kommode steht die große Überraschung, das teure Geschenk, für das sie alle zusammengelegt haben. Ein Fernsehgerät.

»Ach, herrje!«, sagt Mama. »Wozu brauchen wir denn so was?«

Es klingt kein bisschen begeistert. Eher kritisch. Ablehnend. Wie kann man für so etwas Überflüssiges nur so viel Geld ausgeben! Hilde ist den Tränen nahe, Willis Miene zeigt Enttäuschung, August schaut Hilde mit einem Blick an, der sagt: »Hab ich es nicht gewusst?«

Nur Jean-Jacques lässt sich nichts anmerken. Er geleitet Mama zum Sofa, schiebt Papa den Sessel zurecht und verkündet, dass jetzt die Vorführung beginnt. Schließlich hat er das großartige Geschenk vorhin gemeinsam mit Willi aus Hildes Wohnung ins Wohnzimmer der Schwiegereltern geschleppt und es an die Antenne, die auf dem Dach steht, angeschlossen. Die Antenne haben sie schon vor einem Jahr setzen lassen, weil Richy und die Künzel auch einen Fernseher haben. Die Antennenschnur zur elterlichen Wohnung baumelt einstweilen noch am Haus herunter und findet durchs Fenster Eingang ins Wohnzimmer. Dass alles noch anständig verlegt und ein Loch durch das Mauerwerk gebohrt werden muss, haben sie den Eltern verschwiegen.

Jean-Jacques dreht den Schalter auf der rechten Seite des Apparats – es tut sich vorerst nichts. Dann flackert es auf der grauen Scheibe, seltsame zackige Linien tanzen herum, fügen sich zu einem Bild. Schwarz-weiß-grau. Man erkennt einen Herrn im Anzug, gut frisiert, distinguiert, er spricht. Jetzt kommt auch der Ton, wächst an, man kann die Worte verstehen. Jean-Jacques dreht am linken Schalter, da wird es lauter.

»Die Nachrichten«, sagt August. »Ist es schon acht? Meine Güte, wie die Zeit heute rast!«

August und Swetlana besitzen schon seit drei Jahren ein Fernsehgerät, daher kennt er sich mit dem Programm aus. Jeden Abend gibt es um Punkt acht Uhr die Nachrichten.

»Seid doch mal still!«, beschwert sich Mama. »Man versteht ja nichts. Was hat er eben gesagt?«

Aha! Hilde ist ein wenig erleichtert. Mama scheint sich immerhin für die Nachrichten zu interessieren. Man sieht ein Foto. Nein, einen Film, es bewegt sich. Leute stehen herum, schauen zu, wie andere in der Erde hacken und schaufeln. Da sind auch Soldaten mit Gewehren, die auf und ab gehen.

»Seit heute Nacht, ein Uhr, rattern an der Sektorengrenze in Berlin die Pressluftbohrer. Stacheldraht durchzieht die Stadt. Volkspolizisten halten die Menschen in Westberlin mit Maschinengewehren auf Abstand …«

»Was machen die da?«, fragt Papa entsetzt.

»Ich fasse es nicht! Die wollen eine Mauer bauen«, sagt Willi dumpf. »Mitten durch die Stadt. Damit keiner mehr vom Ostsektor rüber in den Westen kann.«

»Incrédible! Was für Idioten!«, regt sich Jean-Jacques auf.

Mama starrt auf die Mattscheibe, wo jetzt wieder der distinguierte Sprecher zu sehen ist.

»Das ist doch alles Unsinn«, sagt sie kopfschüttelnd. »Das hätte doch in der Zeitung gestanden.«

»Wann denn, wenn sie erst heute Nacht damit angefangen haben?«, bemerkt Hilde.

»Schrecklich!«, stöhnt Willi. »Die armen Berliner. Da werden ganze Familien zerrissen, stellt euch das einmal vor!«

»Das sind Maschinengewehre. Ich will das nicht sehen, der Krieg ist doch vorbei!«, ruft Mama aus. »Mach das Ding aus, Jean-Jacques!«

»Aber, Maman …«

Mutter Else steht entschlossen auf und dreht den rechten Knopf des Geräts. Es knackt. Das Bild auf der Mattscheibe fällt in sich zusammen, es flimmert, dann ist das Gerät ausgeschaltet. Betretenes Schweigen herrscht daraufhin im Wohnzimmer.

Dann lässt sich Papa vernehmen. »Aber, Else. Sie haben es doch gut gemeint!«

Mama betrachtet feindselig die graue Mattscheibe, dann besinnt sie sich und wendet sich ihren Kindern zu.

»Sehr lieb von euch, dass ihr uns ein Geschenk zum Hochzeitstag gekauft habt«, sagt sie. »Aber eine von den neuen Waschmaschinen wäre mir persönlich lieber gewesen.«

LUISA

Es klingelt an der Haustür. Luisa wischt den Schweiß von der Stirn und trocknet sich eilig die Hände ab. Es ist unerträglich heiß in der Waschküche, aus dem Kessel steigt Dampf auf. Fritzens weiße Hemden, die Bettwäsche und die Handtücher liegen im brodelnden Seifenwasser.

»Ich komme!«

Gottlob – der Installateur. Luisa kennt ihn bereits, weil er schon mehrfach Reparaturen im Haus hat ausführen müssen. Dieses Mal ist es mehr als dringend. Im Badezimmer hat sich eine breite Pfütze auf dem gekachelten Boden ausgebreitet – ein Wasserrohr muss defekt sein.

»Guten Tag, Herr Bäumler«, sagt sie und streicht sich eine nasse Strähne aus der Stirn. »Wie schön, dass Sie so schnell gekommen sind.«

»Das muss schon sein, wenn’s pressiert«, sagt er grinsend. »Oben im Badezimmer, wie? Hab ich Ihnen schon beim letzten Mal gesagt, dass Sie da noch Ärger kriegen. Na, dann wollen wir mal …«

Er kennt den Weg und steigt mit dem Werkzeugkasten in der Hand die Treppe hinauf. Neulich hat er ein neues WC setzen müssen, weil das alte Ding einen Sprung bekommen hatte. Ach ja – das Haus ist ein Fass ohne Boden, ständig ist irgendwo etwas kaputt. Und leider hat ihr Fritz, wenn es ums Handwerkliche geht, zwei linke Hände.

»Eieiei!«, hört sie ihn oben stöhnen. »Wo kommt das denn her?«

Sie hat das Badezimmer mit Putzlappen ausgelegt, aber die sind inzwischen alle voll Wasser gesogen, ein Rinnsal ist unter der Tür auf das Linoleum des Flures durchgesickert.

»Hier unter der Badewanne kommt es heraus, Herr Bäumler.«

»Soso«, meint er sachverständig. »Haben Sie den Zulauf abgedreht?«

Nein, das hat sie nicht getan. Schließlich braucht sie Wasser in der Waschküche, und dann war es ja vorhin nur eine kleine Pfütze im Bad.

Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Während sie die Flut mit alten Handtüchern einzudämmen versucht, verkündet Bäumler, dass er leider die Kacheln über der Badewanne zerschlagen muss, um das defekte Wasserrohr zu finden.

»Bringen Sie ein paar Eimer, da können Sie den Schutt gleich runtertragen, Frau Bogner …«

Die Arbeiten ziehen sich in die Länge. Das undichte Wasserrohr ist nicht dort, wo vermutet, sondern links neben der Badewanne in der Wand. Bäumler zerdeppert eine mattgelbe Kachel nach der anderen, bis er endlich fündig wird.

»So ist das halt«, meint er gleichmütig, während Luisa die Scherben und den Mörtel aus der Badewanne sammelt. »Wasser sucht sich seinen Weg.«

Der Haupthahn wird abgestellt und das undichte Rohr geflickt. Dabei erklärt er Luisa, dass die Rohre nicht viel taugen und sich vermutlich noch öfter ein Löchlein bemerkbar machen wird.

»Aber wir sind ja da!«, wirft er sich in die Brust. »Jetzt ist erst mal alles dicht. Sie können das alles mit Mörtel ausfüllen und die Kacheln wieder dranmachen, Frau Bogner. Aber vorher gut austrocknen lassen, damit nix schimmelt.«

Tatsächlich erweist sich die Reparatur als erfolgreich, kein Tröpfchen quillt mehr aus der geflickten Stelle, als er den Haupthahn wieder aufdreht. Zufrieden packt er sein Werkzeug ein, trinkt den angebotenen Kaffee mit Milch und Zucker und verabschiedet sich dann.

»Rechnung kommt per Post. Schönen Tag noch, Frau Bogner.«

»Auch Ihnen einen schönen Tag, Herr Bäumler … Und vielen Dank noch mal … Auf Wiedersehen.«

Warum bedanke ich mich eigentlich, denkt sie, als er draußen in seinen dreirädrigen Lieferwagen steigt. Er wird wieder eine fette Rechnung schicken. Und ausgerechnet in diesem Monat hat Fritz wegen der Sommerferien nur wenig Geld für seinen Unterricht im Konservatorium zu erwarten. Warum haben wir nur keine Hausratversicherung abgeschlossen? Das hätte sich inzwischen trotz der hohen Prämien gelohnt.

Mit einem Blick auf die Uhr stellt sie fest, dass es schon halb elf ist. Jetzt rasch noch die Wäsche im Kessel fertig machen, die Flecken, die nicht rausgegangen sind, mit Kernseife nacharbeiten, die Wäschestücke auswringen und in den Bottich werfen, wo sie zweimal mit klarem Wasser gespült werden. Dann kann sie die Buntwäsche schon einmal im Kessel einweichen, das Feuer, das den Kessel heizt, ist inzwischen niedergebrannt, für das Bunte langt die Temperatur. Um eins kommen die Mädchen mit dem Bus aus der Schule, da muss das Mittagessen fertig sein. Sie läuft in den Garten, um ein Bündel Karotten aus dem Beet zu ziehen, pflückt ein paar grüne Bohnen und trägt das Gemüse ins Haus. Alles muss gewaschen und geputzt werden, dann Kartoffeln und Zwiebeln schälen, ein wenig geräucherter Schinkenspeck ist noch da, den kann sie mit Zwiebeln anbraten. Heute gibt es wieder mal Eintopf mit Gartengemüse, für Fleisch reicht das Budget bis Monatsende nicht mehr aus. Aber sie wird rasch noch einen Vanillepudding kochen und in eine Schüssel mit kaltem Wasser stellen, damit er abkühlt. Den können sie mit Himbeersoße zum Nachtisch essen.

Nein, hungern müssen sie nicht. Die Mahlzeiten sind reichlich, es gibt gute Hausmannskost, und im Winter haben sie eingemachtes Obst und Gemüse aus dem Garten. Sonntags leisten sie sich einen kleinen Braten, wochentags manchmal Bratwurst, meist kauft sie aber Kochfleisch, das in die Suppe kommt. Sie können sich zwar keine größeren Anschaffungen gestatten, eine Waschmaschine oder gar ein Fernseher sind in weiter Ferne, aber dafür wohnen sie im Grünen, sehen am Morgen durchs Küchenfenster die fernen Hügel des Taunus, und sie haben den Garten. Der ist inzwischen einigermaßen in Schuss, nur vorn ist es noch ein wenig chaotisch, aber hinter dem Haus haben sie in mühevoller Arbeit die Wildnis bezwungen und Gemüsebeete angelegt. Noch vorletztes Jahr hat sie geglaubt, es gar nicht schaffen zu können, da musste Wurzelwerk ausgegraben und Mist gefahren werden, das Unkraut ist hochgeschossen, kaum dass man sich umgedreht hatte, und die Ernte ist trotz all der vielen Arbeit recht mager gewesen. Inzwischen haben sie viel dazugelernt. Leider hängt die Gartenarbeit vor allem an ihr, denn Fritz muss als Berufsgeiger auf seine Hände achten. Petra drückt sich vor dem Unkrautjäten, sooft sie kann, und hat immer die Ausrede, dass sie Geige üben muss. Nur die brave Marion hilft bereitwillig mit, aber Luisa darf die Neunjährige nicht über das Maß belasten, das Kind ist sowieso viel zu ernst und hat in der Schule zu kämpfen, weil sie langsamer lernt als die Mitschülerinnen.

Als die Mädchen fröhlich schwatzend über den Gartenweg zum Haus hinüberlaufen, hat sie schon den Tisch in der Küche gedeckt und die Flasche mit dem Apfelsaft bereitgestellt. Aufgeregt fallen die beiden mit ihren Schulerlebnissen über sie her.

»Mama, ich hab schon wieder eine Fünf im Diktat …«

»Im Bus hat eine alte Frau gesagt, dass wir zu laut wären. Rotzgören hat sie uns genannt. Dabei waren wir ganz brav …«

»Die Petra hat ihre Zopfspange verloren …«

»Ich will kurze Haare, Mama! Bitte, bitte! Sag Papa, dass ich Läuse habe, dann darf ich die Haare abschneiden …«

Schultaschen im Flur abstellen, die Brottaschen in die Küche bringen. Petra hat wieder mal das Leberwurstbrot nicht gegessen.

»Ich mag keine Leberwurst, Mama. Das weißt du doch! Sina hat immer Kochschinken. Und Brötchen. Die kriegen sie am Morgen vom Bäckerjungen gebracht. Warum kriegen wir keine Brötchen gebracht, Mama?«

»Wascht euch bitte die Hände, bevor ihr euch an den Tisch setzt.«

»Och – schon wieder Eintopf!«

»Hurra! Vanillepudding!«

»Mama, heute Nachmittag will Sina mit Laika kommen.«

»Erst werden die Schularbeiten gemacht, Marion. Und Petra muss Geige üben.«

»Kommt Papa nicht zum Mittagessen?«

»Er gibt Unterricht im Konservatorium, das weißt du doch, Petra.«

»Dann übe ich später«, entscheidet die Kleine eigenmächtig. Luisa seufzt. Fritz will, dass Petra mindestens zwei bis drei Stunden täglich Geige übt, aber Petra hat meistens keine Lust dazu.

Marion schlingt den Eintopf hungrig in sich hinein, Petra löffelt bedächtig und schiebt jedes Stückchen Zwiebel, das sie entdecken kann, an den Tellerrand. Auch den ausgebratenen Schinkenspeck mag sie nicht, die Sammlung am Tellerrand wird immer umfangreicher. Luisa schimpft, schließlich schiebt sie die verschmähten Bestandteile der Mahlzeit auf den eigenen Teller. Wenn Fritz mitessen würde, hätte das jetzt wieder eine lange Geschichte gegeben. Er ist der Ansicht, dass man alles essen muss, was auf den Teller kommt. Marion gehorcht brav, aber Petra sträubt sich hartnäckig. Zweimal schon hat sie stundenlang in der Küche vor ihrem Frühstücksbrot sitzen müssen, weil sie den Honig nicht mag, den Fritz ihr darauf geschmiert hatte. Schließlich hat sie das Brot mit Todesverachtung heruntergewürgt, aber das »Mäkeln« lässt sie trotzdem nicht. Fritz kann das nicht verstehen. Er kommt aus einer Bauernfamilie, da herrschte strenge Zucht. »Extrawürste«, wie Petra sie verlangt, wurden da nicht gebraten.

Nach dem Essen spült Luisa das Geschirr, und Marion trocknet ab. Petra drückt sich wie meist, sie ist hinauf in ihr Zimmer gelaufen und spielt Klavier. Sie improvisiert, spielt eigene Melodien oder solche, die sie irgendwo gehört hat, und erfindet eine Begleitung dazu. Ist das nicht dieses unsägliche »Heißer Sand und ein verlorenes Land …«, das man öfter im Radio hören kann? Ein Radio haben sie mittlerweile angeschafft, darauf hat Fritz bestanden, weil dort klassische Konzerte übertragen werden. Wie unbeschwert und begeistert Petra Klavier spielt, obgleich sie keinen Unterricht mehr hat, da sie sich ganz und gar ihrer Geige widmen soll. Mal nimmt sie sich ein viel zu schweres Werk vor, dann wieder hat sie Vergnügen an der »Petersburger Schlittenfahrt«, die sie in rasendem Tempo herunterschnurrt, oder sie erfindet eigene Musik. Vielleicht liegt es daran, dass sie hier ohne Zwang und Ehrgeiz einfach nur musizieren darf?

Nach dem Abwasch schickt Luisa Marion nach oben in ihr kleines Zimmer, wo sie ihre Schularbeiten erledigen soll. Auch Petra muss ermahnt werden, endlich an die Aufgaben zu gehen. Im Sommer ist es in den Kinderzimmern drückend heiß, weil sie unter dem Dach liegen, aber man kann sich dort wenigstens aufhalten. Im Winter müssen sie die Schularbeiten unten am Küchentisch machen, weil die Zimmer oben nicht heizbar sind.

Luisa hat jetzt das Gefühl, einen toten Punkt erreicht zu haben. Wie gern würde sie sich wenigstens ein halbes Stündchen hinsetzen und ausruhen. Aber sie muss die Weißwäsche spülen und auswringen, damit sie sie auf die Leine hängen kann. Bei diesem schönen Wetter bekommt sie die Hemden und Laken bis heute Abend noch trocken.

Besonders das Auswringen der großen Betttücher ist mühsam, ihre Hände werden dick und rot dabei. Wenn sie wenigstens eine elektrische Wäscheschleuder hätte, wie sie im Café Engel schon seit einigen Jahren in Betrieb ist. Aber dafür ist kein Geld vorhanden. Nachher muss sie sich die Hände eincremen, weil das Waschmittel die Haut trocken und schuppig macht. Morgen hat sie Dienst im Café Engel, da ist Fritz am Nachmittag zu Hause und kümmert sich um die Mädchen. Das Servieren im Café ist eine angenehme Abwechslung, beinahe eine Erholung von der anstrengenden Haus- und Gartenarbeit. Vor allem kommt sie dann unter Menschen, kann sich mit Hilde und dem netten Herrn Koch unterhalten, dem Treiben der Reichen und Schönen auf der Wilhelmstraße zusehen, und zusätzlich verdient sie noch ein wenig Geld, das sie dringend brauchen. Ach ja – eigentlich wollte sie schon längst um eine kleine Lohnerhöhung bitten, aber es ist ihr unangenehm, weil die Kochs so liebe Menschen sind und weil sie dann ja auch Swetlana mehr zahlen müssten. Aber die braucht das Geld gar nicht, sie arbeitet nur als Bedienung, weil sie sich sonst langweilt.

Sie hängt gerade das letzte Laken auf die Leine, da hört sie ein Auto kommen. Swetlana fährt jetzt einen Opel Kadett, weiß mit schwarzem Dach, ein schnittiges Auto, um das sie sogar von Hilde Koch beneidet wird, die immer noch ihren VW Käfer besitzt. Aber August Koch, der inzwischen auch ein Notariat führt, verdient eine Menge Geld, und er lässt es Swetlana und der kleinen Sina an nichts fehlen. Luisa gönnt der Freundin den Wohlstand. Swetlana hat es verdient nach den schlimmen Zeiten, die sie als russische Zwangsarbeiterin mit dem unehelichen Sohn Mischa durchmachen musste. Aber dass Swetlana nun so ganz und gar sorglos im Luxus leben kann, während Luisa und ihre Familie jeden Pfennig dreimal herumdrehen müssen, erscheint ihr doch ein wenig ungerecht. Schließlich arbeitet ihr Fritz doch auch vom Morgen bis zum Abend, aber sein Gehalt und das Geld für den Unterricht am Konservatorium reichen kaum aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, weil sie ja die Schulden für das Haus abtragen müssen.

Kaum hat Sina das Gartentor geöffnet, da stürzt schon die zottelige Laika in den Garten, rennt wie besessen dreimal um die große Tanne im Vorgarten herum und fegt dann unter der Wäscheleine hindurch, wobei sie beinahe eines der nassen Laken herunterreißt.

»Laika! Nein! Komm hierher. Hörst du nicht?«, ruft Sina aufgeregt und läuft dem Hund nach, was Laika jedoch keineswegs beeindruckt. Weder Swetlana noch Sina sind in der Lage, einen Hund zu erziehen. Nur wenn August nach Hause kommt, gehorcht Laika aufs Wort.

Swetlana ist wie immer mit Taschen und Paketen bepackt, und Luisa muss ihr helfen, all die Dinge ins Haus zu tragen.

»Ach, du hast große Wäsche«, sagt Swetlana. »Soll ich helfen, Tücher aufhängen? Schau mal, ich habe gekauft neuen Korb für Wäscheklammern. Den kannst du an Wäscheleine hängen und geht nicht kaputt, weil ist aus Plastik.«

Immer bringt sie Geschenke mit. Luisa ist es unangenehm, so großzügig bedacht zu werden, denn sie kann sich ja nicht revanchieren. Aber Swetlana ist unbelehrbar, sie hat ein großes Herz und ist überglücklich, wenn sie jemandem eine Freude machen kann. Mit Begeisterung streift sie durch die Kaufhäuser »Hertie« und »Karstadt«, das Geld sitzt ihr locker, sie kauft ein, was immer ihr gefällt, und denkt dabei schon daran, wem sie diese wunderschönen, neuen und praktischen Dinge schenken könnte. Was sie Luisa anschleppt, ist oft recht überflüssig, manchmal ist jedoch etwas dabei, was sie wirklich dringend benötigt. Heute packt Swetlana stolz ein elektrisches Bügeleisen aus, eine Neuheit auf dem Markt, die bei Hertie von einem jungen Herrn vorgeführt wurde.

»Es ist leicht wie Feder, Luisa. Du kannst es so hinstellen auf Kante, es fällt nicht um und braucht keinen Untersatz aus dickem Eisen. Und hier du kannst Temperatur einstellen. Ganz klein für Hemden aus Nylon und feine Unterwäsche aus Seide, mittel für Baumwolle und Stufe drei für Leinen. Ist das nicht großartig? Ich habe auch für Frau Wegener, die mir Wäsche bügelt, neues Bügeleisen gekauft.«

Tatsächlich freut sich Luisa über dieses Geschenk, auch wenn es ihr peinlich ist, weil es sicher teuer gewesen ist. Aber das alte elektrische Bügeleisen ist bleischwer, und die Schnur war schon ein paar Mal defekt.

Sina ist inzwischen mit Laika die Treppe hinaufgelaufen, und man hört, wie die Mädchen oben aufgeregt miteinander reden, wobei Laika ständig dazwischenkläfft.

»Das hab ich nicht verstanden, Sina … Hilfst du mir?«

»Ich muss noch drei blöde Kästchen rechnen …«

»Gib mal den Bleistift, ich mach es schnell …«

Luisa lässt Swetlana stehen und geht eilig in den Flur. »Hier wird nicht abgeschrieben!«, ruft sie hinauf. »Petra und Marion machen ihre Schularbeiten allein!«

Stille folgt der energischen Ermahnung. Dann hört man Flüstern, die drei verkrümeln sich in Petras Zimmer.

Sina fällt die Schule leicht, nach dem Wunsch ihrer Lehrerin sollte sie eigentlich eine Klasse überspringen und gleich ins Mädchengymnasium überwechseln. Aber Swetlana ist der Meinung, dass die Tochter ruhig mit den anderen die vierte Volksschulklasse durchmachen soll.

»Schau sie dir doch an, Luisa«, hat sie gesagt. »Klein ist sie, die anderen Kinder sind alle größer gewachsen. Wenn sie kommt in übernächsten Jahrgang, dann schaut sie zwischen anderen Schülerinnen aus wie Zwerg.«

Tatsächlich ist Sina vom Wuchs her ein wenig zurückgeblieben, dafür ist sie pummelig und bekommt in Turnen immer nur eine Vier, weil sie zu langsam ist. Inzwischen muss sie zu Swetlanas Leidwesen eine dicke Brille tragen, was ihr einen altklugen Nimbus gibt.

»Das ist nur, weil sie ständig ein Buch vor Nase hat!«, schimpft die Mutter. »Wie soll sie später Ehemann finden? Wer will eine Brillenschlange heiraten?«

Eine halbe Stunde später hat Swetlana zwei Blumenübertöpfe, eine neue Kaffeekanne mit passendem Filter und mehrere durchsichtige Tücher aus Perlon ausgepackt, die in Hellblau, Rosa und Lindgrün leuchten und bei den Mädchen heiß begehrt sind. Luisa kocht Kaffee, und natürlich hat Swetlana auch an Kuchen gedacht – ein ganzes Papptablett voller Tortenstücke aus dem Café Engel prangt auf dem schön gedeckten Wohnzimmertisch. Petra und Marion haben ihre Hefte mit den Schulaufgaben vorgezeigt, und Luisa hat sie akzeptiert, obgleich ihr klar ist, dass Sina im Hintergrund dabei mitgewirkt hat. Jetzt schmausen die drei Mädchen Schokotorte und Moccaröllchen. Danach werden die hübschen Perlontücher eingeweiht. Petra gibt wie immer das Spiel vor – sie sind orientalische Prinzessinnen, die sich verschleiern müssen. Swetlana steckt die Schleier mit Haarklemmen geschickt fest, dann schwärmen die Prinzessinnen aus, um sich mithilfe des Sonnenschirms und zweier alter Wolldecken eine »Palasthöhle« zwischen dem Wildwuchs im Vorgarten zu bauen. Laika ist mit dabei, man hört die Mädchen aufkreischen, weil der Hund in den Palast eingedrungen ist und die Decke eingerissen hat.

Luisa und Swetlana sitzen am Kaffeetisch im Wohnzimmer, wo es angenehm kühl ist. Ab und zu kommt eines der Mädchen, um nach Apfelsaft, Gläsern, Wäscheklammern oder Keksen zu fragen; dann steht Luisa auf und holt das Nötige herbei. Swetlana erzählt, dass sie am Vormittag im Café bedient hat und es wieder zu Streitereien zwischen Hilde und Mutter Else gekommen ist.

»Ich verstehe Hilde nicht«, sagt sie kopfschüttelnd. »Alles will sie selbst tun, die alte Frau Koch darf nicht einmal an Kuchentheke stehen und Tortenstücke auf Teller legen.«

Luisa kennt den Zwist, der schon seit einiger Zeit ein Thema im Café Engel ist. Mutter Else schneidet die Torten nach Hildes Ansicht zu knapp, sechzehn Stücke pro Torte, während Hilde findet, dass es zwölf Stücke sein sollten. Was soll man da sagen? Am besten mischt man sich nicht ein, das ist eine Sache zwischen Mutter und Tochter. Inzwischen beklagt sich Swetlana über ihren August, der immer so lange in seiner Kanzlei sitzt und oft zum Abendessen zu spät kommt.

»Das tut er, weil er hat eine neue Sekretärin eingestellt«, sagt sie zu Luisa. »Helga Schuster … oder Schneider, ich habe vergessen den Familiennamen.«

»Da muss sie vielleicht erst eingearbeitet werden«, vermutet Luisa.

»Wozu eingearbeitet? Sie hat Sekretärinnenschule abgeschlossen – muss nicht mehr lernen. Aber mein August ist gutmütiger Mensch, macht sich viel Arbeit mit dem neuen Mädchen in Kanzlei …«

Schwingt da etwa Eifersucht mit? Luisa ist amüsiert. Ausgerechnet August Koch, der ein so ernster und kluger Mensch und ein kreuzbraver Ehemann ist! Nein, da befindet sich Swetlana ganz sicher auf dem Holzweg. Luisa wird langsam nervös, weil ihr die Zeit davonläuft. Petra hat noch keinen Strich Geige geübt, die Wäsche muss von der Leine, in der Waschküche wartet die Buntwäsche, sie muss das Abendessen für Fritz richten und den Gemüsegarten ausgiebig gießen, sonst werden sie bei dieser Trockenheit nicht viel ernten können. Aber Swetlana hat Zeit. In ihrer schönen Villa in der Biebricher Landstraße muss sie weder putzen noch bügeln, den Garten versorgt ein Gärtner, und das Abendessen für August ist sicher schon vorbereitet. Später wird sie sich mit ihrem Ehemann auf die Terrasse setzen und ein Glas Wein trinken oder auch fernsehen.

»Entschuldige, ich muss rasch die Wäsche abnehmen …«

»Warte, ich helfe dir …«

Nein, sie hat keinen Grund, Swetlana böse zu sein. Gemeinsam nehmen sie die Wäsche von der Leine, der Kaffeetisch wird abgeräumt und das Bügeltuch darauf ausgebreitet.

»Du musst Bügelbrett haben, Luisa«, sagt Swetlana. »Ich werde kaufen. Dann du musst nicht immer Tisch abräumen.«

»Ach, das geht schon …«

Als sie gerade das neue Bügeleisen ausprobieren, das tatsächlich sehr leicht ist und wunderbar in der Hand liegt, hören sie draußen im Garten erregte Diskussionen. Oh weh – Fritz ist nach Hause gekommen.

»Hast du Geige geübt, Petra?«

»Will ich nachher machen …«

»Nachher? Es ist schon fast Abend. Habe ich nicht gesagt, dass du gleich nach den Schularbeiten eine Stunde Etüden spielen sollst?«

»Aber wir haben eine Palasthöhle gebaut, Papa! Schau doch mal. Es gibt Kekse und Apfelsaft …«

»Das kannst du alles tun, aber vorher wird Geige geübt, Petra!«

»Aber Sina ist doch gekommen …«

»Das hat damit nichts zu tun. Erst die Pflicht und dann das Vergnügen. Komm jetzt sofort herein und wasch dir die Hände!«

Luisa schaltet das Bügeleisen aus, bevor sie in den Garten eilt. Swetlana folgt ihr schnaufend, sie hat in letzter Zeit wieder einige Pfündchen zugelegt. Gemeinsam wird die Palasthöhle abgebaut, Decken und Geschirr werden ins Haus getragen, und Fritz geht mit Petra hinauf in ihr Zimmer.

»Ach Gott«, seufzt Swetlana. »Ich finde, Musik soll machen Freude und nicht sein schwere Pflicht für Kind.«

Luisa ist der gleichen Ansicht, aber sie weiß, dass Fritz es anders sieht. Er will seiner begabten Tochter alles das ermöglichen, was ihm durch seine Herkunft und die harten Kriegsjahre versagt geblieben ist. Qualifizierter Unterricht, frühzeitige Auftritte und fleißiges Üben sollen ihr eine glänzende Karriere als Solistin ermöglichen. Unerbittlich treibt er sie an. Petra fügt sich dem Diktat des Vaters; das Ziel, eine berühmte Geigerin zu werden, allein vor dem Orchester zu stehen, schmeichelt ihrem Ehrgeiz. Freude macht ihr das regelmäßige Üben allerdings nicht – aber Fritz ist der Ansicht, das sei ganz normal. Jetzt gälte es, bei der Stange zu bleiben, nicht nachzulassen, auch wenn es schwerfällt.

»Später wird sie uns dafür dankbar sein, Luisa.«

Swetlana hat es nun eilig, Tochter und Hund einzusammeln und in ihr Auto zu steigen. Schließlich kommt August bald aus der Kanzlei, und sie will es ihm gemütlich machen. Luisa lauscht beklommen auf die zornigen Geigentöne, die von oben herabdringen, und weil sie sich nicht einmischen will, geht sie mit Marion den Garten gießen.

Beim Abendbrot sitzt Petra mit verkniffenem Gesicht am Tisch, Marion schweigt verschüchtert, Fritz ist verschlossen und wortkarg. Auch der Rest Torte, den Luisa für ihn in den Kühlschrank gestellt hat, heitert ihn nicht auf. Nach dem Essen muss Petra mit ihm gemeinsam mehrere Stücke proben, Marion hilft beim Abwaschen und darf das neue Bügeleisen ausprobieren.

»Das ist ganz toll, Mama. Von jetzt an bügele ich immer die Wäsche!«

Um acht liegen die Mädchen in ihren Betten, Fritz liest Marion eine Geschichte vor, Petra will, dass Mama ihr vorliest. Die »Bremer Stadtmusikanten« findet sie am besten.

»Schlaf schön, mein Schatz«, sagt Luisa und gibt der Kleinen einen Gute-Nacht-Kuss.

Danach bügelt sie die Wäsche mit dem neuen Bügeleisen, während Fritz von den unbegabten Geigenschülern im Konservatorium erzählt. Dass der Installateur eine dicke Rechnung schicken wird, nimmt er auf die leichte Schulter. Fritz ist ein Traumtänzer, um Geld macht er sich selten Gedanken. Es wird schon irgendwie reichen, es hat doch bisher immer gereicht.

»Im Herbst kriege ich drei neue Schüler, Luisa«, meint er. »Da verdiene ich mehr als jetzt.«

»Und wenn das herauskommt?«

»Ach was – andere Kollegen geben auch Unterricht.«

Eigentlich darf er – laut Dienstvertrag – nur eine gewisse Zahl an Privatstunden geben, weil die Theatermusiker sich auf die Orchesterarbeit konzentrieren sollen. Diese Stundenzahl hat Fritz jetzt schon überschritten. Wenn das nur gut geht! Zu Luises Entsetzen plant er im Herbst verschiedene Auftritte für Petra, er hat Firmen, Vereine und die Kirchen angeschrieben, nicht nur in Wiesbaden, sondern auch in der weiteren Umgebung. Luisa wird schwindelig. Es müssen neue Kleider und Schuhe für das Mädchen angeschafft werden, auch ein guter Wintermantel, denn bei solchen Auftritten kann sie sich nicht in den von Marion geerbten Sachen zeigen. Dazu kommen die Fahrtkosten, die natürlich nicht übernommen werden. Und selbstverständlich hat ihr Fritz noch nie daran gedacht, für diese Auftritte ein Honorar zu verlangen.

»Nächstes Jahr veranstaltet die ARD einen Musikwettbewerb, Luisa«, erzählt er. »Die Endausscheidungen werden im Fernsehen übertragen. Da werde ich Petra auf jeden Fall anmelden …«

Er sieht so glücklich aus, dass sie es nicht übers Herz bringt, ihre Bedenken anzumelden. Vielleicht hat er ja recht, Petra ist begabt, sie könnte es schaffen. Aber es könnte auch sein, dass die Siebenjährige an den harten Anforderungen zerbricht.

JEAN-JACQUES

Er stellt den Eimer ab und schaut noch einmal zufrieden an der schnurgeraden Reihe seiner Weinstöcke entlang. Viel ist nicht mehr zu tun – ein paar Blätter entfernen und faule Trauben abschneiden –, den Rest besorgt die Natur. Vor allem die Sonne, die seine Trauben verschwenderisch verwöhnt. Es ist Anfang September; in diesem Jahr wird er so früh wie nie zuvor mit der Lese beginnen können, vielleicht schon in vierzehn Tagen. Der Burgunder wird ein paar Wochen länger brauchen, aber wenn das heiße Wetter anhält, bekommt er in diesem Jahr einen Rotwein, der sich mit dem seines Bruders drüben in Frankreich messen kann. Dann hat sich die Beharrlichkeit, mit der er die Weinstöcke immer wieder gehegt und gepflegt hat, endlich gelohnt. Spätburgunder gedeiht hier nicht, haben ihm die Winzer in Eltville und Umgebung erzählt. Das musst du »Schneckenfresser« doch endlich einmal einsehen. In Frankreich, da ist das etwas anderes. Da ist halt mehr Sonne.

Er hat sich an die Scherze seiner Nachbarn erst langsam gewöhnen müssen. »Schneckenfresser« nennen sie die Franzosen, weil die Weinbergschnecken zubereiten und mit Knoblauchsoße servieren. Für die Deutschen ist das Ungeziefer, so was isst man nicht. Inzwischen nimmt er solche Dinge gelassen und gibt auch gern zurück, erklärt den Deutschen, dass sie in Frankreich »boches« genannt werden. Mit seinem Nachbarn Jupp Herking hat er ein gutes Verhältnis, der kommt oft zu ihm herüber, und sie sitzen beieinander. Zwei seiner erwachsenen Töchter bedienen abwechselnd in Jean-Jacques’ Weinschänke.

Er stemmt die Hände ins Kreuz und ärgert sich, dass er im unteren Rücken schon wieder dieses lästige Ziehen spürt. Nicht schlimm, es sind keine richtigen Schmerzen, aber es gefällt ihm nicht. Früher hat er so was nicht gehabt, auch der Vater, der bis ins hohe Alter seinen Weinberg unten in der Provence bearbeitet hat, kannte keine Rückenschmerzen. Wahrscheinlich Verspannungen. Geht vorbei. Ça va passer.

Er nimmt den Eimer wieder auf, leert ihn am Komposthaufen aus und stellt ihn in der Hütte an seinen Platz. Was für ein Weinjahr ist das! Der Frühling zu kalt, dann hat es im Mai und Juni während der Weinblüte öfter geregnet, was für die Bestäubung der Weinstöcke fatal sein kann. Zum Glück ist es hier am Rhein nicht so schlimm gekommen wie in anderen Gegenden, wo man heftige Ernteausfälle verzeichnen musste. Hier gibt es zwar weniger Reben, aber dafür hatten sie den restlichen Sommer über jede Menge Sonne. Allerdings ist es sehr trocken gewesen, er hat die Weinstöcke bewässern müssen – aber der Zuckergehalt der Trauben verspricht Ausnahmeweine.

Er schließt die Hütte ab und steigt in seine staubige »Goélette«, die immer noch treu und brav ihren Dienst tut, auch wenn sie ein paar Macken hat und der Rost an ihr nagt. Aber er hängt an seinem alten Auto, es ist so praktisch, ausgesprochen geländegängig, und er bekommt jede Menge Zeug im Laderaum unter.

Im Dorf haben sich ein paar Touristen eingefunden, die das malerische Rheinufer genießen und sich später auf die zahlreichen Weinschänken verteilen werden. Momentan ist unter der Woche nicht viel los, es ist zu heiß, die Leute kommen von der Arbeit und setzen sich ermattet ins kühle Wohnzimmer. Auch in den Sommerferien, wo früher ganze Familien über den kleinen Ort hergefallen sind, war der Andrang der Gäste in diesem Jahr wieder mäßig. Die Deutschen haben die Auslandsreisen entdeckt: Wer etwas auf sich hält, fährt mit der Familie nach Italien, um sich dort in der Sonne grillen zu lassen und Oma neben dem schiefen Turm von Pisa zu fotografieren. Tant pis! Er ist Winzer und kein Schankwirt. Die Weinschänke betreibt er nur, weil es sein Vorgänger auch getan hat und weil es einen kleinen Nebenverdienst garantiert.

Im überdachten Innenhof des alten Anwesens, das er vor Jahren zusammen mit dem Weinberg gekauft hat, sind die Tische hübsch mit karierten Tüchern gedeckt, Aschenbecher und Weinkarten liegen darauf – nur die Gäste fehlen. In der Küche wirkt die stämmige Meta Rubik, eine Ostpreußin, die der Krieg hierher verschlagen hat und die seit Jahren für seine Gäste kleine Gerichte zum Wein zubereitet.

»Da sind Sie ja, Herr Perrier«, ruft sie ihm durchs Küchenfenster zu. »Ich brauch noch den Sack Zwiebeln aus dem Keller. Kartoffeln für die Pommes frites können Sie auch gleich mitbringen …«

»Kommt sofort, Madame!«

Er schleppt das Gewünschte herbei und stellt es in der Speisekammer ab, dann bleibt er ein Weilchen stehen und reibt sich den Rücken. Meta schneidet Essiggurken und Zwiebeln für den Kartoffelsalat, die hart gekochten Eier hat sie schon gepellt und in einer Schüssel bereitgestellt, die Kräuterbündel für den gesalzenen Quark warten noch darauf, gewaschen und geschnitten zu werden. Er schaut auf die Uhr: In einer knappen halben Stunde wird Edith, die älteste Tochter seines Nachbarn Jupp Herking, zur Arbeit antreten – höchste Zeit für den Chef, Staub und Dreck loszuwerden und sich in einen gut gelaunten, sauber gekleideten Wirt zu verwandeln.

Oben in dem kleinen Badezimmer fällt ihm ein zerknülltes buntes Heft auf, das hinter die Kloschüssel gefallen ist. Er angelt es heraus und stellt grimmig fest: Micky Maus. Eine Hinterlassenschaft seiner Söhne, die während der Sommerferien drei Wochen bei ihm auf dem Weingut verbracht haben. Dieses Mal hat er sich schwer zurückgehalten, ist nur ein paar Mal mit ihnen im Weinberg gewesen, wo sie beim Bewässern helfen mussten. Natürlich haben sie Blödsinn getrieben, mit den Schläuchen herumgespritzt und mehr sich selbst als die Weinstöcke bewässert. Aber er hat inzwischen eingesehen, dass er den beiden die Liebe zum Beruf des Winzers nicht durch Zwang und harte Arbeit eintrichtern kann. Auch seine begeisterten Vorträge über Bodenbeschaffenheit, Sorten, Öchslegrade und die Pflege der Rebstöcke haben selten den gewünschten Erfolg erzielt. Seine Hilde hat wieder einmal recht gehabt. Es kommt, oder es kommt nicht – erzwingen kann man es nicht.

In diesem Jahr durften sich Frank und Andi nach Herzenslust in der Gegend herumtreiben, mit der Dorfjugend zelten, Radtouren unternehmen und das schöne Sommerwetter genießen. Sie haben es weidlich genutzt, vor allem Frank, den Jean-Jacques nur selten zu Gesicht bekommen hat. Andi hat er hin und wieder oben im Weinberg in einer schattigen Ecke entdeckt, wo er Weintrauben gegessen und in seinen Büchern und Heftchen geschmökert hat. Einen ganzen Rucksack davon hat er mitgebracht, dicke Romane waren dabei, die er in erstaunlicher Geschwindigkeit verschlingt. Leider auch ein ganzer Stapel dieser albernen Mäuse- und Entengeschichten, die die Jungen sich jede Woche von dem Geld kaufen, das die Großeltern ihnen zustecken. Auch Frank, der niemals freiwillig in ein Buch schauen würde, ist ganz verrückt nach diesem Zeug. Er liest die Hefte auf dem Klo, was dazu geführt hat, dass das Badezimmer des Öfteren blockiert war.

Sie sind unterschiedlich, seine Zwillinge. Äußerlich ähneln sie einander zwar, das gleiche krause schwarze Haar, die dunklen Augen, die Haut, die schon beim ersten Sonnenstrahl im Frühling einen Braunton annimmt. Allerdings hat Andi im vergangenen Jahr einen kräftigen Schuss getan und hat seinen Vater beinahe eingeholt. Frank lässt sich mit dem Wachsen noch Zeit, er wirkt momentan recht kompakt, ist aber viel beweglicher als sein überschlanker Bruder. Charakterlich sind die beiden ohnehin wie Tag und Nacht. Andi ist still, in sich gekehrt, redet wenig, denkt sich aber vieles. Frank ist laut und fröhlich, findet rasch Freunde, ist der Tonangeber, der Macher, der andere mitreißt und im Dorf einen Schwarm junger Leute an sich zieht. Auch Mädchen sind inzwischen darunter, blonde, lebenslustige Gewächse der Gegend, die vermutlich über gewisse Dinge, die zwischen Junge und Mädchen passieren können, sehr viel besser Bescheid wissen als seine beiden naiven Dummköpfe. Zumindest ist Jean-Jacques der festen Ansicht, dass seine Söhne bisher recht wenig Interesse am weiblichen Geschlecht zeigen und die eindeutigen Annäherungsversuche der Mädchen bei ihnen eher auf Unverständnis stoßen. Es ist nicht das Schlechteste, schließlich sind sie erst fünfzehn und haben noch viel Zeit.