Captain Future 7: Der Marsmagier - Edmond Hamilton - E-Book

Captain Future 7: Der Marsmagier E-Book

Edmond Hamilton

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Beschreibung

Der Marsmagier Ul Quorn überfällt diverse Wissenschaftseinrichtungen, denn er will mit allen Mitteln die Macht über das Sonnensystem an sich reißen. Dazu will er sich den sogenannten Unsichtbarkeitsgenerator zunutze machen. Doch Captain Future ist ihm bereits auf den Fersen … Die im Sommer 1941 in dem Pulpmagazin CAPTAIN FUTURE ? MAN OF TOMORROW erschienenen Romane werden hier erstmals vollständig auf Deutsch, mit sämtlichen Illustrationen und allen zur Serie gehörigen Materialien der Originalausgabe vorgelegt. Die Neuausgabe hat es sich zum Ziel gesetzt, Edmond Hamilton als Klassiker der Science Fiction ernst zu nehmen. Alle Texte wurden vollständig und mit größtmöglicher Werktreue ins Deutsche übertragen.

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Seitenzahl: 260

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Impressum

Edmond Hamilton

CAPTAIN FUTURE 7 – Der Marsmagier

Vorlage für die Übersetzung war der Erstdruck

»The Magician of Mars«

in CAPTAIN FUTURE MAGAZINE (Sommer 1941).

Den Anhang übersetzte Andreas Stöcker

Published in Arrangement with Huntington National Bank

as trustee of the Estate of Edmond Hamilton

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

© 2018 Golkonda Verlag GmbH, Berlin · München

Lektorat: Melanie Wylutzki

Korrektorat: Matthias Warkus

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.wordpress.com]

unter Verwendung eines Motivs von Earle Bergey

Innenillustrationen: H. W. Wesso

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Alle Rechte vorbehalten.

www.golkonda-verlag.de

ISBN 978-3-946503-36-1 (Buchausgabe)

ISBN 978-3-946503-37-8 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Inhalt

Vorbemerkung

DER MARSMAGIER

1. Kapitel: Gefängnismond

2. Kapitel: Der rote Torpedo

3. Kapitel: Die Futuremen

4. Kapitel: Die Universität des Sonnensystems

5. Kapitel: Mond voller Rätsel

6. Kapitel: Die Spur des Radits

7. Kapitel: Johnnys tollkühner Widerstand

8. Kapitel: Das Volk der Finsternis

9. Kapitel: Sprung durch die Dimensionen

10. Kapitel: Schatz unter fremden Sternen

11. Kapitel: Otho blamiert sich

12. Kapitel: Eine unglaubliche Welt

13. Kapitel: Die Stadt der unsichtbaren Menschen

14. Kapitel: Das Duell der Phantome

15. Kapitel: Die Zitadelle der Verbrecher

16. Kapitel: Solare Feuerbestattung

VORBEMERKUNG ZUM ANHANG

The Worlds of Tomorrow

Under Observation

The Future of Captain Future

Captain Future bei Golkonda

Vorbemerkung

Wie auch schon die bereits erschienen Bände derCAPTAIN FUTURE-Reihe hat es sich der vorliegende siebte Roman der Neuausgabe um Curtis Newton zum Ziel gesetzt, Edmond Hamilton als Klassiker der Science Fiction ernst zu nehmen. Alle Texte werden vollständig und mit größtmöglicher Werktreue ins Deutsche übertragen. Im Original auftretende Holprigkeiten und Widersprüche, die nicht selten den Entstehungsbedingungen der Texte geschuldet sind, werden übernommen. Allerdings bemüht sich die Übersetzung auch, die Eleganz, das gezielt eingesetzte Pathos und die unterschwellige Ironie der Sprache zu erhalten. Edmond Hamilton war einer der Begründer dessen, was wir heute als »Space Opera«, als große Weltraumoper kennen. Er hat diese Form der abenteuerlichen SF nicht nur mit begründet, er hat sie auch zu einem ersten Höhepunkt geführt. Dem möchten wir in jeglicher Hinsicht gerecht werden.

Die Redaktion

DER MARSMAGIER

1. Kapitel:Gefängnismond

Als die winzige Sonnenscheibe, hier draußen kaum größer als ein Stern, hinter dem kahlen, trostlosen Geröllfeld unterging, zerriss der schrille Klang einer Trillerpfeife die eisige Abenddämmerung.

»Achtung!«, blaffte ein großer saturnischer Wärter.

Hunderte von Sträflingen in grauer Häftlingskleidung beendeten ihre Arbeit, die darin bestand, in den Steinbrüchen nach Beryllium zu graben. Schwerfällig schlurften sie heran und stellten sich in Reihen auf. Dann warteten sie in düsterem Schweigen.

Es handelte sich um einen bunt zusammengewürfelten Haufen von Sträflingen jeder Welt des Sonnensystems. Da waren rothäutige Marsianer, brutal aussehende Erdenmenschen, mürrische Neptunier mit grauer Haut und verschlagen wirkende weiße Venusier.

Der Name dieser öden kleinen Welt lautete Cerberus. Sie war einer von drei Monden des Planeten Pluto und eine abgeriegelte Sperrzone. Hier befand sich das mächtige, ausbruchssichere Interplanetarische Gefängnis, wo die gefährlichsten Kriminellen aller neun Welten ihre Strafen verbüßten, als wären sie lebendig begraben.

»Abmarsch!«, befahl der Wärter dröhnend. Und in langen Reihen schlurften die Insassen auf die ferne, finstere Masse des Interplanetaren Gefängnisses zu.

Ein Sträfling in der letzten Reihe schaute verstohlen zu den Wachen hinüber. Dann flüsterte er dem Mitgefangenen neben ihm etwas zu.

»Heute Nacht. Haltet euch bereit.«

Der andere Sträfling, ein wild aussehender Erdenmensch mit unbarmherzigen Augen, stöhnte überrascht auf.

»Sie sind verrückt, Ul Quorn!«, murmelte er erregt. »Ich weiß nicht, was Sie ausgeheckt haben, aber wir werden alle draufgehen, wenn Sie das wirklich versuchen!«

Quorn antwortete nicht, doch seine im Schatten der Kapuze kaum sichtbaren Augen umspielte ein zuversichtliches Lächeln.

Ul Quorn unterschied sich von allen anderen Sträflingen. Er war ein schlanker, kleiner Mann mit der blassroten Haut und hohen Stirn eines Marsianers. Doch seine zierlichen Handgelenke und Fußknöchel und seine attraktiven Gesichtszüge waren venusisch. Und er hatte das glatte schwarze Haar und die dunklen Augen eines Erdenmenschen. Ul Quorn war ein Mischling und der gefährlichste Häftling, der jemals im Interplanetarischen Gefängnis eingesessen hatte.

Von der monatelangen schweren Arbeit in den Beryllium-Minen waren Quorns Hände schwielig. Niemand hätte in dieser still dahinschlurfenden Gestalt das Verbrechergenie wiedererkannt, das einst mit seinen meisterlichen wissenschaftlichen Fähigkeiten und seiner Schläue das System in Angst und Schrecken versetzt hatte – den legendären Marsmagier!

Quorn und seine Kameraden marschierten schweigend durch das eiskalte Dämmerlicht, streng bewacht von mit schweren Atomgewehren ausgerüsteten Wärtern. Die Dämmerung wich völliger Dunkelheit. Am sternenübersäten Himmel thronte der Pluto, die eisbedeckte äußerste Welt des Systems, umgeben von seiner hellscheinenden weißen Sphäre. Jenseits von Pluto schimmerten Charon und Styx, seine beiden anderen Monde.

Vor ihnen ragten düster die mächtigen Mauern des Interplanetarischen Gefängnisses auf. Die riesigen Flügel der dicken Metalltore waren geöffnet. Im gleißend hellen Licht der Kryptonlampen gingen die mürrisch vor sich hin blickenden Sträflinge über den Innenhof zu den Zellenblöcken. Über ihre Köpfe dröhnten die wie Fische geformten Kreuzer der Planetenpolizei hinweg, die den Mond überwachten.

Ul Quorns Reihe trottete in ihren Zellenblock, über einen kahlen, von Kryptonlampen erhellten Betonkorridor. Unter den strengen Augen der Wärter betraten die Sträflinge ihre kleinen Einzelzellen.

»Abschließen!«, bellte der Oberaufseher.

Die Wärter gingen durch den Korridor und verriegelten jede Zellentür. Das geschah elektrisch, mit dem winzigen Strahl ihrer Schwingungsschlüssel.

»Aura einschalten!«, ertönte der letzte Befehl des Offiziers.

Ein sanftes Leuchten füllte den Korridor. Es kam aus flachen Tafeln in der Decke. Bei diesem Leuchten handelte es sich um eine photoelektrische Aura, die sofort Alarm auslöste, sollte ein Gefangener aus seiner Zelle in den Korridor entkommen.

Quorn hörte, wie die Wärter davongingen. Zwei von ihnen würden am Eingang des Zellenblocks Wache halten. Dort befanden sich, wie er wusste, auch die Aura-Alarmmelder. Der Mischling setzte sich auf seine Pritsche und wartete. Es wurde still. Außer dem leisen Tuckern der Lüftungsanlage war kein Geräusch zu hören.

Ul Quorn stand leise auf und ging zum Lüftungsschacht seiner Zelle. Es handelte sich um eine etwa fünfzehn Zentimeter große, mit einem Gitter bedeckte Öffnung. Geschickt entfernte er das Gitter und zog vier Objekte aus dem Schacht, die dort mit Schnüren befestigt gewesen waren.

Einer der vier Gegenstände war ein verblüffend kompaktes Televisorgerät. Bei dem zweiten handelte es sich um ein kurzes Metallrohr mit einer Quarzlinse an einem Ende. Dann gab es ein würfelförmiges Kästchen und, viertens, eine etwas primitiv aussehende Atompistole. Quorn betrachtete die vier Objekte voller Stolz.

»Und sie haben geglaubt, sie könnten den Marsmagier hier für alle Zeiten wegsperren!«, flüsterte er selbstzufrieden.

Ul Quorn hatte das nahezu Unmögliche geschafft und diese vier Werkzeuge heimlich gebaut. Über zwei Jahre lang hatte er daran gearbeitet. Er hatte immer wieder kleine Metall- und Mineralstücke aus dem Minen geschmuggelt, sie mithilfe seiner geradezu magischen wissenschaftlichen Fähigkeiten geformt und daraus die Einzelteile angefertigt, die er benötigte.

Er drückte auf die Ruftaste des winzigen Televisors und wartete angespannt. Das Gerät hatte keinen Bildschirm, aber schon bald ertönte aus seinem Inneren eine Stimme.

»Ul Quorn?«, flüsterte eine seidige Frauenstimme. Man hörte, dass sie angespannt und aufgeregt war. »Das Schiff ist bereit.«

»Gut, N’Rala!«, murmelte der Mischling. »Heute Nacht ist es so weit. Komm genau zur dritten Stunde hierher.«

»Ich habe mir alle deine Anweisungen genau eingeprägt«, sagte die angespannte Frauenstimme. »Ich werde nicht versagen.«

Quorn schaltete den Televisor aus und steckte ihn in seine Jacke. Er ging zur Zellentür. In der Hand hielt er sein zweites Instrument – das Metallröhrchen mit der Quarzlinse.

Es handelte sich dabei um einen mit einfachen Mitteln gebauten Schwingungsschlüssel, ähnlich denen, die von den Wärtern zum Verriegeln der Zellen benutzt wurden. Quorn hatte sein ganzes wissenschaftliches Genie aufbieten müssen, um die exakte Schwingungsfrequenz hervorzubringen, mit der sich die Zellentüren öffnen ließen.

Er spähte hinaus in den Korridor, wo die Alarm-Aura weich leuchtete. Niemand war zu sehen. Quorn schob seinen improvisierten Schwingungsschlüssel durch die kleine vergitterte Öffnung in seiner Zellentür. Dann richtete er den elektrischen Impulsstrahl auf das Schloss.

Klick! Die Tür war entriegelt. Lautlos ließ Quorn sie aufgleiten. Doch wagte er sich noch nicht in den Korridor. Wäre er hinaus in die leuchtende Aura getreten, hätte das sofort einen Alarm ausgelöst.

Quorn nahm sein drittes Instrument, das würfelförmige Kästchen, auf dem oben eine kleine Glaskugel befestigt war. Er betätigte einen Schalter an der Seite des Kästchens. Die Glaskugel sandte nun ein sprühendes weißes Leuchten aus, das rings um den Marsmagier mehrere Meter weit ausstrahlte. Erst jetzt betrat Quorn kühn den Korridor.

Es ertönte kein Alarm. Alles blieb ruhig. Das Gerät mit der Glaskugel strahlte eine »Gegenaura« aus. Dadurch wurden die Strahlen der Alarm-Aura rings um Ul Quorn abgeleitet und eine Unterbrechung des photoelektrischen Schaltkreises der Anlage verhindert.

Lautlos wie eine marsianische Sandkatze schlich Quorn den Korridor entlang auf den Eingang des Zellenblocks zu. Er spähte in die Wachstube am Eingang. Zwei uniformierte Wärter saßen darin und unterhielten sich, ihre Atompistolen auf den Knien. Sie verließen sich darauf, dass sofort die Aura-Alarmanlage aktiviert werden würde, wenn ein Häftling aus seiner Zelle ausbrach.

Quorn hob seine primitive kleine Atompistole. Einer der beiden Wärter, ein junger Venusier mit sehr guten Ohren, blickte plötzlich auf.

Der nadelartige Strahl aus Quorns Waffe traf ihn genau zwischen die Augen. Eine Sekunde später fiel auch der andere Wärter tot zu Boden.

»Eine leichte Nummer«, flüsterte Ul Quorn eiskalt. Er ging zur Wand und schaltete die Aura-Alarmanlage ab. Dann hob er die Atompistolen der beiden ermordeten Wärter auf und eilte durch den Korridor zurück.

Der Verbrecher öffnete mit seinem selbstgebauten Schwingungsschlüssel ein Zellenschloss. Die Tür glitt auf. Der Erdenmensch in der Zelle, ein bulliger Kerl mit brutalem Gesicht, keuchte vor Überraschung.

»Quorn! Wo zum Teufel haben Sie den Schlüssel her?«

»Keine Zeit für Gerede«, sagte der Mischling rau. »Wir müssen die anderen befreien, ohne das ganze Gefängnis aufzuwecken.«

Die beiden Sträflinge handelten lautlos. Gray Garson, der Erdenmensch, half Quorn dabei, zehn weitere Zellen in dem Korridor aufzuschließen. Es handelte sich um die Sträflinge, die Quorn in seine Fluchtpläne eingeweiht hatte. Schweigend versammelten sie sich in einer der Zellen.

Quorn betrachtete ihre harten, angespannten Gesichter. Neben Gray Garson gab es noch einen zweiten Mann von der Erde, einen fetten Kriminellen namens Lucas Brewer. Dann war da Thikar, ein riesiger, brutal aussehender, grüner, jovianischer Raumpirat; Lu Sentu, ein verschlagen blickender, runzeliger merkurianischer Dieb; AthorAz, ein verschlafen aussehender venusischer Mörder; Xexel, ein alter Verbrecher vom Saturn mit einem faltigen blauen Gesicht und wässrigen, bösen Augen; zwei finstere marsianische Killer; ein übellaunig aussehender Neptunier; und ein haariger, hochgewachsener Plutonier.

»Was ist Ihr Plan, Quorn?«, flüsterte Lucas Brewer heiser. Sein fettes Gesicht zitterte. Sie haben uns aus unseren Zellen geholt, aber ich sehe nicht, wie wir aus diesem Gefängnis entkommen könnten.«

»Genau! Die Planetenpolizei überwacht Cerberus Tag und Nacht«, brummte Gray Garson. »Kein Schiff kann hier landen und uns abholen.«

»Die einfältige Polizei wird uns nicht erwischen«, sagte Ul Quorn leise. »Aber bevor wir aufbrechen, müssen Sie sich über Eines im Klaren sein: Sobald wir ausgebrochen sind, gebe ich die Befehle, und Sie alle werden gehorchen.«

Er sah ihnen an, dass ihnen das überhaupt nicht gefiel.

»Narren!«, zischte er. »Ohne mich werden Sie im Nullkommanichts wieder hier einsitzen.«

Lu Sentu entgegnete: »Und was ist, wenn sie Captain Future auf uns ansetzen?«

Bei der Erwähnung dieses Namens flackerte wilder Hass in den Gesichtern der Sträflinge auf. In Ul Quorns schwarzen Augen glomm ein düsteres Feuer, als er mit harter Stimme antwortete: »Ich hoffe, dass sie das tun werden – denn ich habe mit Captain Future noch eine alte Rechnung zu begleichen! Und das gilt ja für Sie alle, denn die meisten von Ihnen verdanken es schließlich ihm, dass sie hier sind. Nachdem wir unsere Freiheit zurückgewonnen und uns den Schatz geholt haben, den ich heben will, werden wir mit Captain Future abrechnen.«

»Schatz?«, flüsterte Lucas Brewer. Seine kleinen Augen glitzerten. »Was für einen Schatz?«

»Den größten Schatz aller Zeiten!«, erklärte Ul Quorn. »Und wenn wir frei sind, werde ich Ihnen zeigen, was ich meine. Er wird uns reich, mächtig, unbesiegbar machen!«

Nun funkelte die Gier in den Augen des ganzen verschlagenen Haufens.

»Aber was ist das denn für ein Schatz? Juwelen, Edelmetalle?«, fragte Gray Garson.

»Etwas viel Größeres«, erwiderte Quorn. »Etwas von geradezu unvorstellbarer Faszination. Es wird nicht leicht sein, uns diesen Schatz zu beschaffen, denn er befindet sich an einem beinahe unzugänglichen Ort. Aber wir werden es schaffen, wenn ihr mir gehorcht.«

Garson antwortete für sie alle.

»Wir folgen Ihnen, Quorn! Aber wie sollen wir von Cerberus entkommen?«

»Wir haben jetzt fast die dritte Stunde«, sagte der Magier leise. »Wenn mein Plan funktioniert, sind wir bald frei.«

Er gab den großen grünen Jovianer eine der Atompistolen.

»Sie sind ein guter Schütze, Thikar. Jetzt folgen Sie mir, und zwar leise.«

Sie gingen gerade auf den Eingang des Zellenblocks zu, als plötzlich laute Alarmsirenen die Stille der Nacht zerrissen.

»Sie haben unserem Ausbruch entdeckt!«, rief Gray Garson entsetzt.

Quorns dunkle Augen funkelten. »Offenbar gibt es in der Wachstube noch einen verborgenen Sensor. Das hatte ich befürchtet. Schnell, raus hier!«

Quorn war nun klar, dass es in der Wachstube ein elektrisches Kamerasystem gab, mit dem der Chefaufseher vom Verwaltungsgebäude aus in regelmäßigen Abständen jeden Zellenblock überprüfte. Dabei waren offensichtlich die beiden getöteten Wachen entdeckt worden.

Immer mehr Alarmsirenen ertönten, und draußen im Gefängnishof hörte man das Trappeln vieler Füße. Als Ul Quorn und seine Bande durch den Korridor zum Eingang rannten, wachten die Sträflinge in den anderen Zellen auf und stießen verblüffte Rufe aus.

Quorn und seine Kumpane stürzten aus dem Zellenblock hinaus in die Nacht. Das graue Planetenlicht des Pluto fiel auf eine Gruppe Wärter, die auf die Flüchtigen zu rannte.

»Erledigen Sie sie!«, befahl Quorn dem riesigen Jovianer. Im nächsten Moment schoss der Mischling aus der Hüfte mit seiner eigenen schweren Atompistole.

Die sengenden Strahlen aus den beiden Waffen zuckten durch den Hof und mähten die Wärter nieder, noch ehe sie den Angriff überhaupt bemerkten.

»Wir sind erledigt!«, jammerte der alte Xexel hinter Quorn. »Unsere Chance, hier rauszukommen, liegt jetzt bei eins zu einer Million!«

Jeder, der nicht über Ul Quorns eiserne Willenskraft verfügte, hätte jetzt die Nerven verloren. Die Alarmsirenen heulten pausenlos, immer mehr Wärter rannten aus dem Verwaltungsgebäude, und das Geschrei der aufgewachten Häftlinge wurde ohrenbetäubend.

Von den Wachtürmen aus strichen die blauen Strahlen der Krypton-Suchscheinwerfer über den Hof. Und jetzt ertönte auch noch dröhnender Triebwerkslärm, als schwarze Polizeikreuzer aus dem Himmel auf das Gefängnis herabstießen.

»Die Planetenpolizei!«, schrie Gray Garson.

Ein Suchscheinwerfer erfasste die Gruppe und tauchte sie in blaues Licht.

»Schießen Sie auf die Lampe!«, rief Quorn.

Thikars Atomstrahl zerstörte den Scheinwerfer. Doch weitere Kryptonstrahlen richteten sich auf sie, und jetzt eröffneten die Wärter von der anderen Seite des Hofes das Feuer. Lu Sentu taumelte, als ihn ein Streifschuss an der Schulter erwischte.

Ul Quorn beachtete es nicht. Seine dunklen Augen suchten die Umgebung ab. Dann sah er, was er erwartet hatte.

In einer dunklen Ecke des riesigen Gefängnishofes tauchte plötzlich wie durch Magie ein kleines, torpedoförmiges Raketenschiff aus dem Nichts auf. Es schwebte dort dicht über dem Asphalt, getragen von seinen flammenden Kieldüsen.

»Los, kommen Sie!«, rief Ul Quorn und rannte auf das Raumschiff zu.

»Götter des Saturn! Wo kommt denn dieses Schiff her?«, keuchte der alte Xexel. »Einfach da, wie aus dem Nichts …«

Die Wärter rannten, so schnell sie konnten, um die Bande noch abzufangen, ehe sie das geheimnisvolle kleine Raumfahrzeug erreichte. Quorn schoss im Laufen, mit geradezu unheimlicher Treffsicherheit, und die drei vordersten Wärter stürzten zu Boden, zu Asche verbrannt.

Die Tür des kleinen Schiffs öffnete sich. Eine zierliche junge Marsianerin erschien. Sie war wunderschön, und ihre dunklen Augen funkelten aufgeregt.

»Gute Arbeit, N’Rala!«, rief Quorn ihr zu. »Los, Männer, Beeilung!«

Seine kriminellen Gefolgsleute sprangen hinter ihm in das kleine Raumschiff. Suchscheinwerfer und Atomstrahlen richteten sich auf das Schiff. Doch dann, wie von Zauberhand, verschwand es plötzlich spurlos!

Die Kreuzer der Planetenpolizei suchten die gesamte Umgebung des Gefängnismondes ab, entdeckten jedoch keine Spur des geheimnisvollen kleinen Raumschiffs, mit dem die Gefangenen entkommen waren.

2. Kapitel: Der rote Torpedo

Zwei Nächte waren seit dem Ausbruch vergangen. Monoton heulte bitterkalter Nachtwind über die riesigen Eisfelder im Norden Plutos. Unter den drei Monden des arktischen Planeten erstreckten sich die glitzernden gefrorenen Massen endlos bis zum Horizont. Nur an einer Stelle deutete freundliches Licht auf die Anwesenheit von Menschen hin.

Es handelte sich um eine Glaskuppel auf einem Hügel. Das Gebäude war ein abgelegenes Ingenieurlabor, wo eine große technische Entwicklung kurz vor ihrer Fertigstellung stand. Die vier Mitarbeiter des Labors waren gerade damit beschäftigt, voller Bewunderung die kürzlich installierten sechs überschweren Zyklotrone zu betrachten.

Das Ingenieursteam bestand aus einem jungen Erdenmenschen, einem Venusier und zwei großen, haarigen Plutoniern.

»Diese Zyklos können eine ganze Welt mit Energie versorgen!«, rief der Erdenmensch aus. »Damit haben wir genug Energie, um mit unserer elektrothermischen Strahlung Eisfelder zu schmelzen, die Hunderte von Quadratmeilen groß sind.«

»Ich hoffe, unser Plan funktioniert«, sagte einer der Plutonier nüchtern. »Für mein Volk wäre es von großer Bedeutung, wenn wir all dieses Eis schmelzen können.«

Als er auf die glitzernden, mondbeleuchteten Eisfelder zeigte, die sich außen vor der Glasitwand erstreckten, erstarrte er plötzlich vor Überraschung.

»Sehen Sie dort«, sagte er. »Ein Raumschiff …«

Gebannt schauten die Männer hinaus. Draußen vor dem Laboratorium war plötzlich wie aus dem Nichts ein kleines Raketenschiff aufgetaucht.

Männer mit Atompistolen rannten aus dem Schiff. Sie drangen in das Labor ein. Ihr Anführer war ein schlanker, rothäutiger Mann mit einem glatten, gutaussehenden Gesicht. Er trug einen gestreiften Marsturban und eine lange, violette marsianische Robe mit gelben Ärmeln.

Angst blitzte in den Augen des jungen Erdenmenschen auf, als er den Anführer der Neuankömmlinge erkannte.

»Sie sind Doktor Ul Quorn, der kriminelle Wissenschaftler, der aus dem Cerberus-Gefängnis ausgebrochen ist!«, rief er. »Der, den sie den Marsmagier nennen!«

Ul Quorn verneigte sich spöttisch.

»Wie ich sehe, eilt mir mein Ruf voraus.«

»Was wollen Sie hier?«, fragte der Erdenmensch.

Quorn schaute die sechs schweren Zyklotrone an.

»Wir haben von Ihren Zyklotronen gehört. Die brauchen wir.«

»Ausgeschlossen!«, rief der Erdenmensch wütend. »Wir haben Jahre gebraucht, bis ihre Entwicklung abgeschlossen war. Wir geben sie nicht her!«

Mit ausdruckslosem Gesicht erschoss ihn Ul Quorn. Der Atomstrahl aus der Waffe des Mischlings verwandelte den Erdenmenschen in einen Aschehaufen.

Die anderen drei Ingenieure starrten ungläubig auf ihren toten Kollegen. Dann sprang einer der beiden Plutonier zu dem Televisor und aktivierte ihn.

»Achtung, Planetenpolizei!«, rief er. »Quorns Bande ist hier im Nordpluto-Labor …«

Ein Atomstrahl aus Thikars Waffe streckte den Plutonier nieder, ehe er mehr sagen konnte. Zwei weitere krachende, wie Blitzeinschläge wirkende Schüsse töteten die beiden anderen Ingenieure.

»Los, schaffen Sie die Zyklotronen ins Schiff! Schnell!«, befahl Quorn seinen Gefolgsmännern.

»Das wird eine Plackerei«, brummte Thikar und betrachtete die mächtigen Apparate.

»Schwachkopf, wir brauchen sie!«, blaffte ihn Quorn an. »Ohne sie haben wir nicht die Spur einer Chance, an den Schatz zu kommen, den ich Ihnen versprochen habe.«

Die Erwähnung des mysteriösen Schatzes spornte die Verbrecher an. Sie begannen mit der schweren Arbeit, die Zyklos in ihr kleines Raketenschiff zu schleppen. Ul Quorn beobachtete sie wachsam. Neben ihm wartete die kleine Marsianerin, die er N’Rala nannte. Schließlich war auch das letzte der sechs Zyklotrone verstaut.

»Nichts wie weg, bevor die Polizei-Patrouille kommt!«, befahl Quorn.

Ihr kleines Raketenschiff stieg von dem Eisfeld auf. Dann verschwand es wie durch Magie.

Das wogende Meer, das den größten Teil des Planeten Neptun bedeckte, schimmerte im Sonnenlicht. Es umspülte die Klippen einer kleinen, kahlen Inselgruppe, fünfhundert Meilen südlich der Schwarzen Insel.

Auf einer dieser einsamen Inseln befanden sich die Labors und Docks der Neptunischen Meeresforschungsstation. Ein pompöser, grauhäutiger, turmschädeliger Neptunier leitete dort ein aus einem halben Dutzend Forschern bestehendes Team.

Gerade verkündete er kopfschüttelnd: »In diesen Metallbarren steckt eine Menge Geld.«

Er und einer seiner Untergebenen betrachteten eine große Menge bläulich schimmernder Metallbarren, die in einem der Vorratsschuppen lagerten.

»Ja, diese Legierung ist kostbar«, pflichtete ihm sein Assistent bei. »Aber schließlich ist es ja auch eine der stärksten Legierungen, die die Wissenschaft bisher entdeckt hat. Damit werden wir ein Tauchboot bauen, das in die tiefsten Zonen unseres Ozeans hinabtauchen kann. Überlegen Sie nur, Sir, was das bedeutet! Zum ersten Mal können wir die gewaltigen Tiefseeschluchten erforschen.« Große Begeisterung schwang in seiner Stimme mit.

»Ja, ich weiß«, sagte der ältere Neptunier ungeduldig. »Aber dieses Zeug ist so wertvoll, dass wir vor Dieben auf der Hut sein müssen. Erst vor ein paar Tagen hat die Bande von Ul Quorn das Nordpluto-Labor überfallen.«

Der jüngere Mann reagierte mit mildem Spott auf die Sorgen seines Vorgesetzten. »Ach, Quorns Verbrecher haben sich die Zyklotronen bestimmt geholt, um ihr Raumschiff schneller zu machen. Was wollen sie mit diesen Metallen hier?«

Er irrte sich. Noch an jenem Abend tauchte plötzlich ein kleines Raketenschiff aus dem Nichts auf und landete hinter der Station der neptunischen Meeresforscher. Die Wissenschaftler hörten es nicht kommen, und auch nicht, wie Ul Quorn und seine Männer ihr Schiff verließen.

Mit erbarmungslosem Augen befahl Quorn: »Sorgt dafür, dass sie keine Gelegenheit bekommen, Alarm zu geben. Tötet sie sofort.«

Die Neptunier hatten keine Chance. Als die Verbrecherbande über sie herfiel, waren sie gerade mit den Planungsarbeiten für ihr neues Unterseeboot beschäftigt.

Das schreckliche Knistern und Krachen der Atompistolen ertönte nur kurz. Dann lagen alle neptunischen Wissenschaftler am Boden, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

»Gute Arbeit!«, lobte Ul Quorn seine Leute. »Jetzt schafft die Barren dieser kostbaren Legierung in unser Schiff!«

Thikar, der Jovianer, klagte gegenüber Gray Garson: »Erst haben wir die Super-Zyklos gestohlen, jetzt diese Metallbarren. Warum erbeuten wir nichts Wertvolles, zum Beispiel Gold oder Radium?«

»Quorn weiß, was er tut«, erwiderte Garson. »Er will einen Schatz an sich reißen, der wertvoller ist als alles Gold und Radium im Sonnensystem.«

»Das behauptet er. Aber er verrät uns nicht, worum es geht«, beschwerte sich der Jovianer. »Er sagt immer nur, es wäre eine große Sache.«

Als die Barren verladen waren, startete das Schiff von der Felseninsel. Es schwebte einem Moment in der Abenddämmerung, und dann verschwand es.

Während sich die Nacht herabsenkte, regte sich in der Station einer der grässlich verbrannten Neptunier. Mit letzter Kraft versuchte der Sterbende, mit seinem blutüberströmten Finger etwas auf den Boden zu schreiben. »Quorn hat …« Aber er starb, ehe er seine Botschaft beenden konnte.

Hoch oben im Turm der Regierung in New York befand sich die polizeiliche Zentrale. Von hier, also der Erde, wurde die riesige Polizeibehörde geleitet, die im ganzen Sonnensystem über Recht und Gesetz wachte. Hier lagen die Hauptquartiere der vier Divisionen der Planetenpolizei – irdische Polizei, koloniale Polizei, Geheimdienst und die berühmte Planetenpolizei-Truppe.

Halk Anders, oberster Polizeichef, marschierte ruhelos in seinem Büro auf und ab. Er war ein Gebirge von einem Mann, mit mächtigem Schädel und einem ernsten, narbigen Gesicht.

Er drehte sich um und schaute eine junge Frau und einen älteren Mann an. Die junge Frau war Joan Randall, Topagentin des Geheimdienstes, und bei dem älteren Mann handelte es sich um Marschall Ezra Gurney, den berühmten Polizeiveteranen.

»Wir müssen das nicht tun!«, sagte Halk Anders wütend zu der jungen Frau. »Seit Quorns Bande aus dem Gefängnis ausgebrochen ist, liegen Sie mir damit in den Ohren, dass ich den Präsidenten ersuchen soll, Captain Future um Hilfe zu bitten. Ich kann das nicht mehr hören. Nur weil Sie und Ezra für die Zusammenarbeit mit Future zuständig sind, wollen Sie, dass wir ihn bei jedem Fall hinzuziehen.«

Joan Randall schaute ihren verärgerten Chef ruhig an. Sie war schlank, hatte dunkles Haar und leuchtende, braune Augen und trug Jacke und Hose aus grauer Weltraumseide.

»Aber, Chef, die Planetenpolizei kann es allein nicht mit Quorn aufnehmen!«, protestierte sie. »Dieser Mischling ist der zweitgrößte Wissenschaftler im ganzen System. Dass sein Schiff in der Lage ist, sich wie aus dem Nichts zu materialisieren, zeigt, was er kann.«

»Ich denke, Joan hat recht, Halk«, sprang ihr der alte Ezra bei. »Vergessen Sie nicht, dass wir Quorn beim ersten Mal auch nur mit Captain Futures Hilfe fassen konnten.«

Ezra Gurney war ein weißhaariger alter Mann mit zerfurchtem Gesicht und verblassten blauen Augen, der Rial-Blätter kaute, während er sprach.

»Nein, diesmal werden wir Quorn ohne fremde Hilfe fassen«, erwiderte Anders dröhnend. »Er ist von Cerberus entkommen. Nach dem Überfall auf Pluto ist er uns entwischt. Aber diesmal schnappen wir ihn!«

»Wieso sind Sie sich da so sicher?«, hielt ihm Ezra Gurney entgegen.

Halk Anders erklärte es ihm: »Als ich von Quorns Überfall auf die neptunische Forschungsstation erfuhr, ließ ich den ganzen Raumsektor von Kreuzern durchkämmen. Sie haben ihr Netz immer enger um ihn geschlossen. Zwar kann Quorn auf diese rätselhafte Weise verschwinden, aber er muss zwangsläufig irgendwo in dem überwachten Sektor wieder auftauchen. Ich rechne jeden Augenblick mit der Nachricht, dass sie ihn verhaftet haben.

Ah, bestimmt kommt da die Nachricht!«, fügte er hinzu, als ein marsianischer Polizeioffizier hereinkam und salutierte. »Haben wir ihn, Mako?«, fragte Anders.

Der marsianische Polizeibeamte schüttelte den Kopf.

»Ich bedaure, Sir – Quorn ist Ihnen schon wieder entwischt. Ich erhielt gerade die Nachricht, dass Quorn in der Nähe des Saturn den Raumfrachter Eros überfallen hat. Die Bande hat eine wertvolle Fracht gestohlen: atomare Werkzeugmaschinen. Dann sind sie wieder wie üblich mit ihrem Raketenschiff verschwunden.«

»Okay, Halk«, sagte der alte Ezra trocken, »wie’s aussieht, ist Quorn der Planetenpolizei wieder durch die Lappen gegangen.«

Halk Anders’ Gesicht lief purpurrot an.

»Bei allen Raumgöttern, ich gebe mich geschlagen! Ich kann gewöhnliche Kriminelle oder Piraten fangen, aber dieser gerissene Kerl taucht auf und verschwindet, wo er will, und das ist zu viel für mich!«

»Dann werden Sie den Präsidenten bitten, einen Hilferuf an Captain Future zu senden?«, fragte Joan Randall mit leuchtenden Augen.

»Ja, verdammt nochmal, das werde ich«, sagte der wütende Polizeichef. »Kommen Sie mit.«

Die Büros von James Carthew, dem grauhaarigen Präsidenten der Regierung des Sonnensystems, lagen in der obersten Etage des Regierungsturms. Er hörte ernst zu, wie Halk Anders sein Hilfsersuchen vorbrachte. Mit bitterer Stimme schloss der Polizeichef: »Daher bitte ich Sie, einen Hilferuf an Captain Future zu senden, auch wenn ich damit mein eigenes Versagen eingestehen muss.«

»Nein, Commander«, widersprach der Präsident ruhig. »Sie haben getan, was Sie konnten. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass Ul Quorns ins Böse verzerrter wissenschaftlicher Genius ihn gegenüber herkömmlichen Polizeimethoden unverwundbar macht. Das System verfügt nur über einen einzigen Wissenschaftler, der es mit ihm aufnehmen kann.«

Carthew stand auf.

»Captain Future hält sich zurzeit nicht auf dem Mond auf. Er und die Futuremen befinden sich seit Wochen auf einer Forschungsexpedition. Sie haben uns nicht mitgeteilt, wohin sie gereist sind. Wir müssen sie also mit dem roten Torpedo herbeirufen!«

Carthew führte sie zu einer schmalen Treppe, über die man auf eine kleine, quadratische Landeplattform gelangte, die sich am höchsten Punkt des Regierungsturms befand. Nur zwei Männern war es gestattet, mit ihren Schiffen auf dieser Plattform zu landen – dem Präsidenten und Captain Future.

Es war herrlich hier oben, umgeben von Wind und Sternen, während sich tief unten die leuchtende Pracht der größten Stadt des Systems ausbreitete. Die großen Avenuen wirkten wie Flüsse aus blauweißem Kryptonlicht, die Richtung Norden flossen, zum Weltraumhafen.

Carthew ging zu einem Gebilde, das auf einer speziellen Rampe am Geländer der Plattform ruhte. Es handelte sich um einen knapp zwei Meter langen Torpedo, der wie ein Miniaturraumschiff aussah.

»Captain Future hat uns diesen Torpedo gegeben«, erklärte der Präsident den Polizisten. »Er sagte, wenn er sich nicht in seinem Mondhaus aufhält und daher nicht durch unser Nordpol-Signalfeuer gerufen werden kann, wird dieses Ding hier ihn finden.«

Er drückte auf einen Knopf an der Seite des Torpedos. Dann trat er hastig einen Schritt zurück, und im nächsten Augenblick fauchte ein roter Feuerstrahl aus dem hinteren Ende der kleinen Rakete.

Auf der zischenden Flamme rauschte der Torpedo empor, mit unglaublicher Geschwindigkeit. Wie ein kleiner roter Komet raste er über den Himmel. Einen Augenblick später war er schon außer Sichtweite.

Joan Randall schaute ihm fasziniert nach. »Ich frage mich, wohin er fliegt«, sagte sie leise. »Wo mögen Curt und die Futuremen jetzt sein?«

Der alte Ezra meinte zuversichtlich: »Wo immer sie sind, sie werden uns schon bald zu Hilfe eilen.«

Halk Anders richtete mit zweifelndem Blick eine Frage an den Präsidenten: »Wer ist Captain Future eigentlich? Natürlich, ich habe mit ihm und seinen drei Futuremen zusammengearbeitet, dem Gehirn, dem Roboter und diesem Androiden, und zwar schon bei einigen Kriminalfällen. Aber nie habe ich erfahren, wer er ist, woher er stammt und wie er zu seinen enormen wissenschaftlichen Fähigkeiten gelangt ist.«

James Carthew zögerte, ehe er antwortete.

»Das ist eine Geschichte, die bis jetzt nur Ezra, Joan und ich kennen – und noch eine weitere Person. Aber ich denke nicht, dass Captain Future etwas dagegen hat, wenn ich sie Ihnen erzähle.«

Der Präsident schaute hinaus in die windige Dunkelheit und begann zu sprechen: »Vor einer Generation lebte hier auf der Erde ein brillanter junger Wissenschaftler. Er hieß Roger Newton. Er machte einige sehr wertvolle wissenschaftliche Entdeckungen, auf die es ein skrupelloser Mensch namens Victor Corvo abgesehen hatte. Um Corvos heimtückischen Plänen zu entkommen, floh der junge Newton in die Wüstenlandschaft des Mondes. Dabei begleiteten ihn seine junge Frau und sein Kollege Simon Wright.«

»Simon Wright?«, wiederholte Halk Anders. »Sie meinen das Gehirn?«

Carthew nickte. »Ja, das Gehirn. Wright war hier auf der Erde ein sehr berühmter Wissenschaftler, dem inzwischen jedoch das Alter und eine unheilbare Krankheit zu schaffen machte. Newton entnahm Wrights altem, sterbenden Körper das Gehirn und setzte es in einen mit Nährlösung gefüllten Kasten, in dem es bis heute weiterlebt.

Roger Newton, seine Frau und das Gehirn erbauten auf dem Mond unter dem Krater Tycho ein Wohnhaus mit angeschlossenem Forschungslabor«, fuhr der Präsident fort. »Dort schufen sie zwei intelligente Kreaturen – Grag, den Roboter aus Metall, und Otho, den synthetischen Androiden. Und dort auf dem Mond wurde Curtis geboren, Newtons Sohn.

Doch Victor Corvo spürte sie auf dem Mond auf. Er ermordete Newton und seine Frau, wurde aber von dem Gehirn, dem Roboter und dem Androiden getötet. Danach zogen diese drei nichtmenschlichen oder übermenschlichen Wesen den kleinen Curtis Newton groß. In diesem Haus in der wilden Einsamkeit des Mondes reifte er zum Mann. Dank der Ausbildung, die er durch seine drei Gefährten erhielt, wurde er zum besten Wissenschaftler und geschicktesten, stärksten Abenteurer im ganzen Sonnensystem. Und seit er erwachsen ist, widmet er sich seiner selbst gewählten Lebensaufgabe.«

James Carthew hing einen Moment seinen Erinnerungen nach, dann sagte er: »Ich erinnere mich gut an die Nacht, als Curtis zum ersten Mal hierherkam. Er sagte mir, er wolle sein Leben der Bekämpfung solcher interplanetarer Verbrecher widmen wie jenen, die seine Eltern ermordet hatten. Er sagte, er würde sich von nun an Captain Future nennen. Und wenn ich in Zukunft seine Hilfe benötigte, bräuchte ich nur das Signal aussenden, dann würden er und seine drei Futuremen sofort kommen. Und seitdem ist er uns immer wieder zu Hilfe geeilt, schon viele Male. Er hat viele Verbrecher besiegt. Doch was Quorn angeht, hat er einen ganz besonderen Grund, ihn mit aller Härte und Entschlossenheit zu jagen.«

»Warum?«, fragte Halk Anders. »Ich weiß, dass er Quorn schon einmal am Schlafittchen gehabt hat. Aber wieso hegt er gegen den Mischling einen besonderen Groll?«

Carthew antwortete bedrückt: »Ul Quorn ist der Sohn von Victor Corvo, der den Mord an Futures Eltern beging! Zwischen diesen beiden Männern besteht eine Feindschaft auf Leben und Tod.«

3. Kapitel: Die Futuremen