Caput Mortuum - Ulrike A Kucera - E-Book

Caput Mortuum E-Book

Ulrike A. Kucera

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Beschreibung

Ein grausamer Kindermord, der Frankfurt erstarren lässt, eine Frau, die ohne Erinnerung vor dem Hauptfriedhof gefunden wird, ein halbtoter Mann, der aus dem Krankenhaus flieht – aus beklemmenden Puzzlestücken setzt Ulrike A. Kucera in ihrem neuen Roman eine unbehagliche Kriminalgeschichte zusammen. In ihrem Zentrum steht Hauptkommissar Edgar Jaspersen, der vor allem ein Ziel hat: Keine weiteren Opfer. Doch je näher er dem Täter kommt, desto geringer werden seine Hoffnungen. Ulrike A. Kucera ist mit "Caput Mortuum" ein vielschichtiger, raffinierter Roman gelungen, der auf feine Weise die Psyche von Tätern, Opfern und Ermittlern seziert. Am Ende, wenn der Fall gelöst ist, bleibt die Trauer darüber, dass es trotzdem keine Gerechtigkeit gibt.

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Seitenzahl: 487

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ulrike A. Kucera
CAPUT MORTUUM
Die Personen und Handlungen dieses Romans sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit Lebenden oder bereits Verstorbenen ist rein zufällig.
Alle Rechte vorbehalten • Societäts-Verlag
© 2006 Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH
Satz: Sandra Diepolder, Societäts-Verlag
eBook: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
ISBN 978-3-95542-022-2
Meinem Sohn Sebastian zugedacht

Erstes Kapitel

10. Oktober, abends
Flug AF 3317 Moskau-Frankfurt am Main
Sind Sie in Ordnung, ist alles okay? Die Stimme der Stewardeß katapultierte Oleg zurück in die Wirklichkeit. Erschrocken riß er die Augen auf und erblickte die junge Frau in Uniform. Sie beugte sich über ihn und lächelte professionell besorgt. Alles, was er in diesem Augenblick verstand, war das Wort Okay. Er log, als er nickte, denn Oleg hatte den Eindruck, absolut nichts sei in Ordnung. Sein Herz hämmerte, seine Muskeln hatten sich verkrampft, und die Atmung ging stoßweise. Der Schweiß rann ihm unter dem Hemd am Körper herab, obwohl die Klimaanlage des Flugzeugs den Reisenden eher eine Gänsehaut bescherte. Seine Gesichtshaut wies rote Flecken auf, was die Stewardeß anscheinend bemerkt hatte. In seiner Phantasie war er gerade im freien Fall auf die Erde zugestürzt. Er fühlte sich miserabel, und deshalb zog er das zweite Fläschchen Wodka aus der Tasche, öffnete es und trank es bis zur Hälfte aus. Sicherheitshalber hatte er vor dem Abflug drei davon im Duty-free-shop auf dem Moskauer Flughafen erstanden. Als habe er eine Vorahnung von dem, was ihm bevorstand, versuchte er, sich zu betäuben. Bereits beim Start hatte er vor Aufregung die erste Flasche gezückt und sie hastig, mit wenigen Schlucken, geleert. Umsonst versuchte er sich vorzustellen, er säße nicht in einem Flugzeug, sondern reise in einem Zug, der die Bodenhaftung bewahrte. Noch gestern hatte er fest geglaubt, keine Angst vor dem Fliegen zu haben. Als er heute morgen frühstücken wollte, hatte er bereits keinen Bissen mehr zu sich nehmen können, sein Schluckmechanismus versagte. Es war Olegs erster Flug, und er war noch nie im Ausland gewesen. In der ersten halben Stunde nach dem Start war es ihm nicht gelungen, auch nur ansatzweise einen vernünftigen Gedanken zu fassen, denn die Angst hatte von ihm Besitz ergriffen. Er war gerade neunzehn Jahre jung und nicht erfahren genug, um die Zeichen seines Körpers richtig deuten zu können. Seine Furcht war im Grunde eine natürliche Reaktion, die er sich selbst als Schwäche auslegte. Das Fliegen hätte er nicht fürchten müssen, sondern das, was ihn in Deutschland erwartete. Oleg war ein einfacher, aufgeweckter Junge und nicht mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet. Schwach wollte er nicht sein, sondern cool wie Wassili, sein Cousin, der ihn in Frankfurt auf dem Flughafen erwartete.
Endlich tat der Wodka seine Wirkung. Tief atmete er ein und aus, nahm noch einen weiteren Schluck zur Stärkung. Ein wenig später wagte er, sich leicht vorzubeugen und für einen kurzen Augenblick aus dem Fenster zu spähen, ermutigt und etwas gelöster durch den Alkohol. Zuerst sah er nichts, denn es war beinahe schwarz hinter den Fenstern. Die Dunkelheit ermöglichte es ihm, sich vorzustellen, er träume nur vom Fliegen. Das gleichmäßige Brummen der Flugzeugturbinen klang wie die sonoren Bässe der Don-Kosaken, wollte ihm scheinen. Er lehnte sich in den Sitz zurück, schloß abermals die Augen und gab sich dieser Musik hin. Das Summen schien sein Blut wieder ruhiger durch die Adern fließen zu lassen, gleich einem Strom in der Weite Sibiriens. In seinem Kopf dümpelte nun wattige Leichtigkeit, und in der Magengegend verspürte er ein Gluckern, das er als angenehm mißdeutete. Ungefähr in einer Stunde würde Oleg seinen Cousin Wassili wiedersehen, aber er konnte nicht sagen, ob er sich auf ihn freute oder ob er dieser Begegnung lieber ausweichen würde. Seit sein Cousin in Frankfurt lebte, und das waren inzwischen vier Jahre, hatte Oleg ihn weder gesehen, noch mit ihm telefoniert. So eng waren die Familienbande nicht. Schon als Kind hatte er sich in diesem Zwiespalt befunden, Wassili einerseits zu mögen, ihm andererseits mit Abneigung und instinktivem Argwohn zu begegnen. Plötzlich fragte er sich, warum er in diesem Flugzeug saß und nach Deutschland flog. Weil Irina, seine Mutter, zu ihrem Bruder gerannt war und ihm diesen Auftrag verschafft hatte. Es war der erste richtige Job seines Lebens, und er wurde obendrein richtig gut bezahlt.
Du willst eine Chance? hatte sein Onkel Genadi gefragt. Hier ist sie. Mal sehen, ob du etwas taugst. Genadi Iwanowitsch händigte ihm ein One-Way-Ticket nach Frankfurt am Main aus und steckte ihm fünfhundert Euro zu. Das ist nur ein Vorschuß, wenn du zurück bist und alles geklappt hat, bekommst du noch einmal Fünfhundert, hatte Genadi seinem Neffen großspurig versprochen, während er ihm freundschaftlich auf die Schulter schlug. Auch jetzt, in zehntausend Metern Höhe und bereits über dem Staatsgebiet Polens, konnte Oleg es kaum fassen. So viel Geld hatte er in seinem Leben noch nicht in der Hand gehalten. Fünf Einhundert-Euro-Scheine, glatt, frisch und grün, als habe Genadi sie letzte Nacht aus der Druckerpresse gezogen. Wie ein kleines Kind, das sich mittels Tast- und Geruchssinn die Welt erobert, hatte er daran gerochen und das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger gerieben. Hätte sein Onkel ihm gesagt, auf welche Weise er sich das Geld erst noch verdienen mußte, er wäre niemals in das Flugzeug gestiegen.
Die Aeroflot-Maschine aus Moskau setzte am 10. Oktober, gegen 22.50 Uhr, mit einer Stunde Verspätung, auf dem Rhein-Main-Flughafen auf. Das Flugzeug landete weich, vom grellen Flutlicht geleitet. Erleichtert nahm Oleg seine Reisetasche und verließ zusammen mit den anderen Passagieren die Maschine. Inständig hoffte er, daß Wassili ihn wirklich in Empfang nahm, schließlich war er der deutschen Sprache nicht kundig. Genadi hatte ihm Wassilis Mobilfunk-Nummer aufgeschrieben, doch er wollte darauf nicht zurückgreifen müssen. Aufgeregt und unsicher folgte er seinen Landsleuten zur Passkontrolle und präsentierte den Beamten sein Touristenvisum und den nagelneuen Paß. Die Polizisten musterten ihn, betrachteten eingehend die Papiere und ließen ihn passieren. Oleg schnaufte, so einfach war das, dachte er froh. Er hatte sich vorgestellt, daß die gründlichen Deutschen, so hatte Genadi sie genannt, ihn bei der Einreise durchsuchen und wesentlich strenger kontrollieren würden. Jetzt wollte er glauben, seine Ängste seien kindisch und völlig überflüssig gewesen. Er war kein Kind mehr, sondern ein Mann – unterwegs, einen wichtigen, gut bezahlten Job zu erledigen. Daß er dazu in der Lage war, würde er Genadi Iwanowitsch und seiner Mutter beweisen. Und natürlich Wassili, der ab sofort nicht mehr nur sein Cousin, sondern auch sein Chef sein würde, hatte Genadi mehr oder minder gedroht.
Die automatische Glastür öffnete sich. Eine Schar von Wartenden stand davor, und es schien Oleg, als sähen all diese Menschen nur ihn an. Er suchte nach dem Gesicht seines Cousins, konnte es in der Masse jedoch nicht finden.
Oleg, Oleg! hörte er eine Stimme seinen Namen rufen.
Nervös wandte er seinen Kopf nach rechts und links, da spürte er schon eine Hand an seinem Oberarm.
Wassili, entfuhr es Oleg, überrascht und befreit zugleich.
Die beiden fielen sich in die Arme, lautstark begrüßten sie sich. Oleg freute sich doch, seinen älteren Cousin wiederzusehen. Wassili hatte sich in der Zwischenzeit verändert und wirkte auf ihn erwachsen und abgeklärt. Verdammt gut sah er aus, stellte Oleg neidlos fest.
Auf jungenhafte Weise legte Wassili seinen Arm auf Olegs Schulter und führte ihn durch die Ankunftshalle zur Tiefgarage, wo er sein Auto geparkt hatte. Den ganzen langen Weg redete er und überhäufte Oleg mit Erklärungen, als wolle er ihm eine Gebrauchsanleitung für Deutschland und Frankfurt geben. Es war nicht nötig, daß Oleg antwortete. Offensichtlich gefiel es Wassili, sich als Kenner zu präsentieren. Ab hier und jetzt hatte sein Cousin das Sagen, er war der Ältere, der Chef und kannte sich aus. Unbewußt begriff und akzeptierte er es, denn all das Neue, das seine Augen und Ohren wahrnahmen, besetzte seine Sinne. In Wirklichkeit hörte Oleg nicht richtig zu. Sie liefen durch nicht enden wollende unterirdische Tunnel. Oleg sah die Neonlichter, registrierte Betonwände und Glasschaukästen mit Werbung. Reisende mit und ohne Gepäckwagen hasteten an ihnen vorüber, überholten sie. Ich bin in Deutschland, dachte er und war dankbar, Wassili an seiner Seite zu haben, der ihn zielsicher durch das Tunnelsystem schleuste. Endlich erreichten sie das Parkdeck, wo ein Auto neben dem anderen stand. Audi, Mercedes, BMW, Peugeot, Nissan – Oleg betrachtete die ungeheure Anhäufung westlicher Karossen. Für ihn sahen sie alle nagelneu aus, was sie natürlich nicht waren. Wassili öffnete einen schwarzen Mercedes SL und sprang hinein.
Komm, Kleiner! rief er ihm zu.
Für einen kurzen Moment hielt Oleg den Atem an, noch nie hatte er in einem Mercedes gesessen, geschweige denn, war er jemals damit gefahren. Wahnsinn, frohlockte er und versuchte, sich die kindhafte Freude nicht ansehen zu lassen. Seine Kumpels hatten recht, dachte er, hier fährt jeder Zweite einen Mercedes. Mit Schwung warf er seine Tasche auf die Rückbank und drückte sich lässig in den ledernen Beifahrersitz. Obwohl es bereits halb Zwölf war, verspürte er keine Müdigkeit. Trotz Zeitumstellung und der eher ungewohnten Alkoholzufuhr während des Flugs, war er aufgekratzt und erregt. Das wattige Gefühl in Kopf und Magen war verflogen. Er stellte sich vor, wie die Jungs aus seinem Wohnblock ihn jetzt bestaunten und beneideten, könnten sie ihn sehen. Und das versetzte ihn in Hochstimmung.
Die Rushhour ist vorüber, bemerkte Wassili, als er auf die Autobahn fuhr.
Rushhour? Die gibt’s doch nur in New York, antwortete Oleg wissend. Wassili kreischte beinahe vor Belustigung.
Oleg, die gibt’s in jeder größeren Stadt, sogar in Moskau.
Die Unwissenheit seines Cousins amüsierte ihn, ein bißchen blöd schien Oleg noch immer zu sein, und er genoß seine Überlegenheit. Es war beinahe wie früher, wenn die beiden sich in Moskau zu Familienfesten oder in den Ferien im Dorf ihrer Großmutter bei Perm getroffen hatten. Innerlich trumpfte er auf, setzte den CD-Player in Gang und stellte auf volle Lautstärke, so daß der Wagen unter den Bässen vibrierte. Dazu trommelte er mit der Faust den Takt aufs Lenkrad. Oleg spürte die Bassklänge in der Magengegend, sein Trommelfell, das vom Sinkflug noch mitgenommen war, begann zu schmerzen. Trotzdem bewegte er seinen Körper im Rhythmus der Technoklänge. Das war Musik, die er auch zu Hause, am liebsten sehr laut, hörte. Stundenlang, wenn seine Mutter auf Arbeit war.
Wassili zeigte Oleg, was er aus dem Wagen herausholen konnte. Rasant beschleunigte er und überholte rechts. Mit einem Seitenblick konnte er Olegs Gesichtsausdruck sehen und war überaus befriedigt. Als die Frankfurter Hochhäuser in der Ferne aufleuchteten, drehte er die Musik leise, denn er wollte kurz antesten, ob Oleg von seinem Vater über den Job aufgeklärt worden war.
Hat Papa dir gesagt, was du zu tun hast? Hat er dir genug Geld gegeben? Genug, ja, sagte Oleg und grinste. Hat er. Und Grüße an dich, viele Grüße, auch von Baba Ala und meiner Mutter, log er.
Wie geht es Großmutter Ala?
Nicht so gut, sie kommt über die Runden. Sie hat ja den Garten und ein paar Schweine. Hungern oder frieren muß sie wohl nicht.
Scheißleben, nuschelte Wassili. Du hast es jedenfalls hinter dir. Ab jetzt wird alles anders. Geld, Weiber, Autos. Alles, was du willst.
Wirklich? fragte Oleg.
Versprochen.
Wassili lachte laut und schlug seinem Cousin auf den Schenkel, daß er zusammenzuckte.
Oleg bestaunte die erleuchteten Hochhäuser, die rechts der Autobahn auftauchten. Er fand sie weitaus beeindruckender als die Moskauer Betonklötze im stalinistischen Zuckerbäckerstil. Viel schneller, als er gedacht hätte, waren sie in der Stadt. Noch waren unzählige Autos und Menschen unterwegs. Und obwohl Moskau wesentlich größer als Frankfurt war, schien ihm hier alles imposanter und aufregender als daheim. Wassili fuhr auf den Alleenring, Richtung Ostend und Hanauer Landstraße. Am Ostbahnhof bog er von der Henschelstraße ab und fuhr durch ein Wirrwarr von dunkleren Straßen, in eine Seitengasse, wo er den Wagen parkte. Sie hatten Glück, Wassili fand tatsächlich einen Parkplatz in der Nähe seines Wohnhauses. Es gab Abende, da kreuzte er kleine Ewigkeiten durch die Straßen, um dann resigniert auf einem Fußweg oder in einer Einfahrt zu parken, den Strafzettel bereits einkalkulierend.
Was soll es, lieber zahle ich, statt mich verrückt zu machen, erklärte er Oleg, während er den Wagen abschloß.
Eine aufreizend gekleidete Dame stöckelte an ihnen vorüber. Ein Hauch von Mai und Glöckchen umwehte sie. Wow, dachte Oleg, das geht gut los. Er schaute ihr nach, sie drehte sich ebenfalls um, aber Wassili zog ihn am Ärmel weiter.
Komm, laß uns was trinken, drängte er. Auf Väterchen Genadi, den alten Fuchs. Und auf deine Karriere.
Oleg verspürte gar keinen Durst. Vom deutschen Bier hatte er zwar viel gehört, und er würde gern davon kosten, doch in diesem Augenblick überwog der Hunger. Wassili öffnete die Tür zu einer Kneipe und schob seinen Cousin hinein. Der Gastraum war schummerig beleuchtet, es roch nach abgestandenem Bier, Zigarettenrauch und Zwiebeln. Das Mobiliar wirkte alt und mißhandelt. Die Wände waren vom Nikotin gelbbraun gefärbt, und Oleg fand, daß es zu Hause mancherorts ähnlich aussah. Der Wirt begrüßte Wassili auf russisch und hieß auch Oleg willkommen. Er schaute sich um und bemerkte schnell, daß hier überwiegend Landsleute von ihnen verkehrten. Mit einer Geste, als sei er der König des Frankfurter Ostends, bestellte Wassili Bier und Stogramm für das ganze Lokal. Er gefiel sich in der Rolle des welterfahrenen, gönnerhaften Geschäftsmanns, die Taschen voller Geld. Offenbar lag ihm viel daran, Oleg und die anderen Gäste zu beeindrucken.
Das ist mein kleiner Cousin, frisch aus Moskau! rief er laut in den Raum. Na sdarowje!
Na sdarowje! echote es von verschiedenen Plätzen und vom Tresen.
Wassili schob Oleg zu einem Tisch, ganz hinten, in der Ecke des Lokals. Oleg zwängte sich auf die Bank, deren schmutzige Bezüge sich klebrig an seine Hose hefteten. Er schaute sich um, während er versuchte, Wassilis Redestrom zu folgen. Lieber wäre er in ein Restaurant gegangen, wo er etwas typisch Deutsches oder etwas ganz Abwegiges essen könnte, was er sich in Moskau niemals leisten konnte. Zum Beispiel indisches oder französisches Essen. Von dem vielen Geld, das Genadi Iwanowitsch Oleg im voraus gegeben hatte, hätte er Wassili natürlich eingeladen. Noch nie in seinem Leben war er in der Lage gewesen, jemanden zum Essen einladen zu können. Seit er die Schule verlassen hatte, war er arbeitslos und hatte nur wenige Kopeken zur eigenen Verfügung. Seit drei Jahren lungerte er zu Hause herum und langweilte sich vor dem Fernseher. Vergeblich hatte er versucht, in Moskau einen Ausbildungsplatz zu finden. Irgendwann hatte er es aufgegeben, weil er weder Lust noch die Ausdauer hatte, fortwährend Bewerbungen und Lebensläufe zu schreiben. Es war ihm zu anstrengend, und die Resultate waren deprimierend. Bei seiner Mutter hatte er sein Auskommen, ein Bett, den Fernseher, seine Musik, Essen und Kleidung. Eigentlich ging es ihm gut, bis Irina über diesen Zustand vor einigen Monaten derart wütend geworden war, daß sie ihren Stolz überwand und beschloß, die berufliche Zukunft ihres Sohnes selbst in die Hand zu nehmen. So konnte es keinesfalls weitergehen, hatte sie entschieden und Oleg als Schmarotzer beschimpft. Obgleich sie es als tiefe Demütigung empfand und sie ihre Prinzipien aufgeben mußte, war sie zu ihrem Bruder Genadi Iwanowitsch gegangen, um ihn um Hilfe zu bitten. Genadi war nach der Wende Unternehmer geworden und lebte im Überfluß, war ein angesehener Bürger und hatte gute Verbindungen in Wirtschaft und Politik. Jeden Luxus konnte er sich leisten, während Irina, genau wie ihre Mutter Ala, sparsam haushalten mußte, um halbwegs über den Monat zu kommen. Mit unglaublicher Schnelligkeit war es Genadi gelungen, sich den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen im neuen Rußland anzupassen, wobei er seine alten Beziehungen geschickt zu nutzen wußte. Natürlich hatte Irina keine Ahnung, wie und womit ihr Bruder es geschafft hatte, innerhalb weniger Jahre ein Vermögen zu verdienen. Noch vor kurzem hatte sie sich über Genadis gewendete politische Gesinnung und seinen neu erworbenen Reichtum ungeheuer aufgeregt. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau, Wassilis Mutter, hatte sie aus Empörung jeglichen Kontakt zu ihm abgebrochen, auch um ihrer Schwägerin Solidarität zu bekunden. Doch als Irina nicht mehr wußte, wovon sie sich und Oleg ernähren und kleiden sollte, hatte sie ihren Stolz über Bord geworfen und beschlossen, ihren Bruder um Hilfe zu bitten.
Was kann dein Sohn? hatte Genadi herablassend gefragt, und Irina mußte gestehen, daß er nichts gelernt hatte, jedenfalls nichts Besonderes. Aber, beteuerte sie, mein Oleg ist nicht auf den Kopf gefallen.
Er besaß immerhin einen Führerschein, den Großmutter Ala ihm zum achtzehnten Geburtstag finanziert hatte. Für ihren Enkel im fernen Moskau hungerte sie sogar, gab Irina ihrem Bruder, mit einem Vorwurf in den Augen, zu verstehen.
Oleg ist jetzt Neunzehn, ohne Ausbildung, ohne Aussicht auf Arbeit. Genadi, hilf uns. Er ist dein einziger Neffe, wir sind doch eine Familie, beschwor sie ihn. Du hast Beziehungen, Kontakte, Möglichkeiten…
Dieses Gespräch hatte vor acht Wochen stattgefunden – und jetzt saß Oleg mit Wassili in Frankfurt, in einer Kneipe, und hatte fünfhundert Euro unter dem Hemd. Er fühlte sich gut und merkte gar nicht, daß er leise vor sich hin lächelte.
Also, sagte Wassili, jetzt zum Geschäft. Mein Vater hat dir also erklärt, worum es geht?
Verdutzt blickte Oleg Wassili an.
Nein, hat er nicht, gestand Oleg. Genadi hat nur gesagt, ich soll deine Anweisungen befolgen und keine dumme Fragen stellen.
Wassili seufzte, sein Vater hatte es wieder einmal ihm überlassen, einen Neuling einzuweihen und anzulernen. Die Drecksarbeit blieb immer an ihm hängen, während sein Vater in Moskau die sauberen Hände neuerdings zum Gebet faltete oder in irgendeinem teuren Mieder versenkte. Genadi Iwanowitsch Rukow, der Heilige, der Wohltäter, der väterliche Freund, der respektable Geschäftsmann. Und er, Wassili, sollte sich bescheiden, zurückhaltend leben, nur nicht auffallen, um den Schein zu wahren. Verärgert spuckte er aus und wischte mit dem Fuß den Schleim in die Ritzen des ohnehin schmierigen Holzfußbodens.
Der Wirt kam, stellte einen Teller mit Brot, Zwiebeln und Speck auf den Tisch. Enttäuscht, aber hastig griff Oleg zu, sein Magen brauchte dringend Nahrung. Vor Hunger und Aufregung war ihm, jetzt merkte er es, bereits übel.
Morgen früh, wenn wir ausgeschlafen haben, fahren wir erst mal los, um die passenden Objekte zu finden, sagte Wassili.
Was für Objekte? Unschuldig staunend blickte Oleg seinem Cousin in die Augen.
Autos, du Idiot. Wir handeln mit Autos. Mein Vater bestellt, und ich besorge sie. Du bringst sie dann rüber. Verstanden? Ist doch ganz einfach, Oleg. Oder hast du etwa keinen Führerschein?
Doch, doch, hab’ ich dabei, nuschelte Oleg mit vollem Mund. Er wußte nicht, was „rüber“ zu bedeuten hatte, fragte aber auch nicht nach. Wassili würde es ihm schon sagen, dachte er.
Prima. Wenigstens etwas, Kleiner.
Hör endlich auf, mich Kleiner zu nennen, begehrte Oleg plötzlich auf.
Er haßte es, Kleiner genannt zu werden. Das tat schon seine Mutter zur Genüge, nur um ihm zu beweisen, daß sie das Sagen hatte und er abhängig von ihr war – und nun fing Wassili wieder damit an wie früher, als sie noch Halbwüchsige waren.
Komm, trink noch einen Wodka. Heute feiern wir. Wassili zwinkerte und winkte abermals dem Wirt.
Noch eine Runde.
Na sdarowje!
Wie ein havarierender Fischkutter bei rauer See schwankte Oleg, als er mit Wassili gegen zwei Uhr morgens die Kneipe verließ. Er war es nicht gewohnt, Bier und Wodka durcheinander zu trinken. An der frischen Luft wurde ihm übel, und er übergab sich in hohem Bogen. Wassili lachte ihn aus.
Am nächsten Tag erwachte er in einem unbequemen Bett. Vergeblich versuchte er sich zu erinnern, wie er hierher gekommen war. Rücken und Kopf schmerzten entsetzlich. Es fühlte sich an, als seien seine Schädelknochen geschrumpft und das Gehirn wolle sich mit enormem Druck ausbreiten. Er blinzelte gegen die Zimmerdecke. Langsam wurde es hell, und er erkannte das Muster der alten Tapeten. Großformatige, stilisierte Blumen glotzten von den Wänden, in rosa und grün auf vergilbtem Untergrund. Noch immer war ihm schlecht. Er stand auf, um das Fenster zu öffnen und frische Luft zu atmen, aber er fand den Öff-nungs-Mechanismus nicht heraus. Bestimmt gab es einen Trick, den er nicht kannte. Es erschien ihm zu riskant, an den Hebeln herumzuspielen, denn das Fenster, fürchtete er, könnte ihm entgegenfallen. Die braune Gardine faßte sich klebrig an und stank. Er schaute auf sein Nachtlager, und es wollte ihm scheinen, als hätten in dieser Bettwäsche bereits mehrere ungewaschene Personen ihren Rausch ausgeschlafen. Oleg ekelte sich. Hätte Wassili ihm nicht frische Bettwäsche aufziehen können? Und wie es hier roch. Leise ging er zur Tür, um seinen Cousin zu suchen. Er konnte sich nicht erinnern, wie die Wohnung geschnitten war, wo Wassili schlief oder sich die Toilette befand. Ein Tee, dachte er, würde ihm jetzt gut tun, glühend heiß, frisch aus dem Samowar, mit viel Zucker darin. Der Flur, bemerkte Oleg, sah nicht einladender aus als das Zimmer, in dem er genächtigt hatte. Die ganze Wohnung wirkte verkommen, verdreckt und seit Jahren war sie nicht renoviert worden. Das gab es in Moskau auch, nur dort hatte kaum jemand Geld genug, seine Wohnung anständig herzurichten, zumindest die Leute, mit denen Oleg verkehrte. Hier, in Deutschland, war doch angeblich alles ganz anders: sauber, ordentlich, appetitlich, hatte Onkel Genadi versprochen. Bestimmt war er niemals hier gewesen, vermutete Oleg. In Wassilis Wohnung lagen überall Sachen herum. Ungeleerte Müllsäcke waren am Ende des Flurs, neben der Eingangstür, aufgehäuft. Kartons, uralte Magazine und Zeitungen waren an den Wänden hochgeschichtet. Hier und dort standen leere Flaschen herum, in denen bereits Kulturen heranwuchsen.
Nur mit Mühe gelang es Oleg, sich einen Pfad durch all das versiffte Zeug zu bahnen.
Wassili ist ein Ferkel, konstatierte er. Irina würde ihn aus der Wohnung prügeln, ließe er sein Zimmer derart verkommen.
Zaghaft klopfte er an eine Tür und obwohl ihm niemand antwortete, schob er sie langsam auf. Es war die Küche. Oleg erkannte einen Herd, unter allerlei Töpfen und Pfannen. Auf sämtlichen Ablagemöglichkeiten stapelte sich schmutziges Geschirr. Ihm kam der Gedanke, Ordnung zu schaffen und abzuwaschen, das gehörte zu Hause zu seinen Aufgaben. Seine Mutter hatte ihn zum Küchendienst und zum Aufräumen verurteilt, weil er den ganzen Tag, wie sie sagte, auf der faulen Haut lag, während sie hart arbeiten mußte. Irina verlangte von ihrem Sohn, gefälligst den Haushalt in Ordnung zu bringen, zu putzen und den Müll zu entsorgen. Sonst, hatte sie ihm angedroht, würde sie ihn auf die Straße setzen. Ohne Pardon! In dieser Hinsicht, das wußte Oleg, scherzte seine Mutter nicht.
Mit spitzen Fingern und von Neuem gegen die Übelkeit ankämpfend, begann er, das verdreckte und angeschimmelte Geschirr aus der Spüle zu räumen, um Platz zu schaffen. Nie zuvor hatte er so viele verschiedene Pilzkulturen gesehen. Grün, braun und schwarz wuchsen sie über die Tellerränder, aus Gläsern und Töpfen. In den Tassen und Flaschen hatten sich bereits gummiartige Gewächse gebildet und manch ein Topf verfügte über ein reges Innenleben. Es stank entsetzlich. Sein Magen stülpte sich um, aber er war leer. Ein Krampf ließ ihn schmerzhaft würgen. Mit tränenden Augen hielt er sich an der dreckigen Spüle fest und versuchte, tief ein- und auszuatmen.
He, was soll das? Was machst du da? hörte er plötzlich Wassili bellen und erschrak.
Splitternackt stand sein zerwühlter Cousin in der Küche und griff ihn unwirsch am Arm. Es schmerzte.
Laß den Scheiß, rühr hier bloß nichts an. Geh in dein Zimmer, hol deine Klamotten. Wir gehen frühstücken, fügte er schon milder hinzu.
Ich wollte doch bloß …
Finger weg von meinen Sachen, klar? Wütend funkelte Wassili ihn an.
Oleg nickte. Natürlich wußte er nicht, was er falsch gemacht hatte. Woher sollte er Wassilis Eigenheiten kennen? Er wollte doch bloß ein bißchen Ordnung machen. Beleidigt trabte er zurück in diesen Saustall von einem Zimmer und begann, seine Sachen unter dem Bett hervorzuklauben. Seine suchende Hand erspürte noch andere Dinge unter dem Bett. Er fand einen Schuh und betrachtete das Exemplar, Marke Nike Air. Die hätte Oleg auch gern, aber er konnte sie nicht bezahlen. Als er unter das Bettgestell spähte, fand er einen zweiten Turnschuh. Leider viel zu klein für ihn. In Moskau könnte er sie auf dem Flohmarkt verkaufen, ein paar Rubel würden schon dabei herausspringen. Er äugte nochmals unter das Bett, und nachdem er die Dreckflusen zur Seite gewischt hatte, fand er einige Spielzeug-Autos. Wie kindisch, dachte er.

Zweites Kapitel

3. Dezember
Frankfurt am Main – Untersuchungs-Haftanstalt
Das kleine, vergitterte Fenster oben in der Wand ließ ein wenig Himmel und viele Wolken ahnen. Die Scheibe tränte. Sie fühlte sich eingepfercht und ausgeliefert. Nichts war ihr schwerer, als zu begreifen, warum sie sich hier befand. Der Ermittlungsrichter, so hatte eine Bedienstete gesagt, hielt sie für eine mutmaßliche Schläferin, denn ein terroristischer Hintergrund könne nicht ausgeschlossen werden. Darüber hinaus wurde ihr gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Sie sei böswillig und gewalttätig, wahrscheinlich sogar gestört. Unter Anwendung brutaler Gewalt war sie von mehreren Polizeibeamten festgenommen worden, daran erinnerte sie sich vage. Noch gelang es ihr nicht, die Bilder in ihrem Kopf mit konkreten Ereignissen zu verbinden.
In zunehmendem Maße beunruhigte es sie, daß Bruno sich nicht bei ihr meldete. Wußte er überhaupt, was inzwischen mit ihr geschehen war? Er mußte sich doch fragen, warum sie nicht nach Hause kam. Himmel und Hölle würde er in Bewegung setzen, wenn er wüßte, wo sie sich befand. Alles würde er für sie tun, wie schon seit siebzehn Jahren. Das war eine beachtliche Zeit. Bruno sagte, er und sie lebten in einer perfekten Symbiose. Sie waren aneinander gewöhnt und trennten sich nur selten.
Einige Tage hatte sie nutzlos damit verbracht, in ihrer Zelle darauf zu lauern, daß die Stunden verstrichen. Die Zeit dehnte sich, türmte sich zu einem gewaltigen Gebirge, wollte nicht vergehen. Seit sie begonnen hatte zu schreiben, glaubte sie, einen Tunnel in den Fels der Zeit zu schlagen. Mühsam versuchte sie, Erinnerungen heraufzubeschwören, um zu erfassen, was geschehen sein könnte, aber es mißlang. Die vergangenen Wochen, oder waren es Monate, vermochte sie kaum zusammenzusetzen. Seit gestern besaß sie ein Schreibheft und verschiedene Stifte. Sie versuchte, die bruchstückhaften Momentaufnahmen ihrer Erinnerung in Worte zu fassen. Ihr Schweigen vertraute sie dem Heft an, denn das Sprechen hatte sie sich verboten. Sie schrieb gegen die Unzulänglichkeit ihres Gedächtnisses, gegen das erzwungene Alleinsein hier im Untersuchungsgefängnis an. Bruno sagte, Schreiben erlöst von der Trägheit des Geistes, befreit von der Maßeinheit Zeit, von der banalen Alltäglichkeit des Lebens. Schreiben sei das Maß aller Dinge und bewahre vor der Auslöschung.
Was war mit ihr geschehen? Bevor sie in die Untersuchungshaft überstellt wurde, war sie auf richterliche Anordnung in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen worden, zur Beobachtung und Abklärung, hieß es. Warum nur? Emma war davon überzeugt, nichts Böses getan zu haben. Vielleicht war ihr Temperament mit ihr durchgegangen. Was wußten Polizisten und Staatsanwälte schon von Gefühlen und inneren Befindlichkeiten, kurz – von ihrer Seele? Sie wollte zurück zu Bruno, nach Hause. Sie sei unberechenbar, aber zurechnungsfähig. Paranoia oder Schizophrenie hatten die Ärzte ausgeschlossen, nichts Pathologisches also. Eher eine psychogene Amnesie, möglicherweise durch einen Schock ausgelöst, spekulierten die Ärzte. Die Patientin konnte sich und anderen Gewalt antun, soviel stand fest. Da ein terroristischer Hintergrund nicht auszuschließen war, bestimmte der Haftrichter, sie nach der Entlassung aus der Psychiatrie nicht nach Hause, sondern in die Untersuchungs-Haftanstalt zu überführen. Bei der angeordneten Durchsuchung ihrer Wohnung waren arabische Wörterbücher und Schriftstücke gefunden worden. Das allein war Verdachtsmoment genug. Eine Übersetzung der beschlagnahmten Schriften stand noch aus.
Emma konnte ihre Schuld nicht sehen. Sie war ein harmloses Wesen, ein ganz normaler Mensch. Polizisten und Juristen, sagte Bruno einmal zu ihr, sind Lumpen und Verbrecher. Sie werden von uns bezahlt, um dann auf uns einzuprügeln, uns zu bestrafen, in den Knast zu stecken. Brunos Jugend war bewegt, er hatte Erfahrung. Die Staatsgewalt ist brutal, die Beamten, die Politiker, die Polizei, allesamt, sagte Bruno.
Jetzt und in ihrer Situation mußte sie Bruno recht geben. Drei Polizisten hatten sich auf sie geschmissen, ihren Kopf auf die Erde geschlagen, bis rote Funken unter ihrer Schädeldecke explodierten, ein wahres Feuerwerk. Ein Polizist hatte sich auf ihr Rückgrat gekniet, ihr die Arme verrenkt und sie mit Handschellen gefesselt. Ein anderer hatte ihre Beine festgehalten. Brutalstmöglich, schrieb sie in ihr Heft, wie es in Deutschland seit einiger Zeit üblich war. Emma hatte sich gewehrt, geschrieen, um sich geschlagen, bis ihre Handgelenke blutig, ihr Gesicht von den Schlägen aufgequollen und ihr Körper mit Prellungen übersät waren. Bis sie von Angst und Schmerz erschöpft und betäubt war. Anschließend, und daran erinnerte sie sich inzwischen wieder, wurde sie in eine Zelle gesteckt. Seit es die neuen Sicherheitspakete gab, die Schily-Care-Pakete, waren die gesetzlichen Bedingungen bei mutmaßlichem Terrorismus verschärft worden. Bin Laden lauert überall, hieß es. Achtundvierzig Stunden später wurde sie in eine psychiatrische Klinik überstellt. Zuvor hatten sie ihr Blut und ihr Haar labortechnisch untersuchen lassen, um zu erforschen, ob eventuell bewußtseinstrübende Stoffe im Spiel waren. Fehlanzeige.
Der Terrorismus verbirgt sich insbesondere in harmlos wirkenden Personen, beharrte der Richter. Unter dem Mantel der Harmlosigkeit, warnte er, gärte das teuflisch Böse. Diese Frau war zuvor niemals auffällig oder aktenkundig geworden, führte ein scheinbar normales Leben. Aus welchem Grund also weigerte sie sich, bei einer polizeilichen Überprüfung ihre Papiere vorzuweisen. Warum wollte sie Fahrerflucht begehen und war gegen die Beamten gewalttätig geworden? Das war mehr als verdächtig, das war ein Straftatbestand.
Emma nahm keine Drogen, sie hatte niemals welche ausprobiert. Drogen, notierte sie in ihr Heft, sind Engelmacher. Wer das auf Dauer nimmt, ist hin, sagte Bruno. Erst wird das Gehirn löchrig wie ein Schweizer Käse, und dann fliegst du gen Hölle, mit Riesenflügeln. Bruno wußte wovon er sprach, er hatte alles probiert, und er war nirgendwo angekommen. Nicht im Himmel und nicht in der Hölle. Wenn du Pech hast, bleibst du ewig in einem Dazwischen hängen, sozusagen in der Warteschleife. Das ist das Leben. Vorhimmel, Vorhölle, sagte Bruno. Orte im Nirgendwo. Die Psychiatrie ist so ein Ort, schrieb Emma auf.
Verschiedene Ärzte und ein Kommissar hatten vergeblich versucht, Gespräche mit ihr zu führen. Was wollten Sie auf dem Friedhof? Lautete die wiederholte Frage. Warum haben Sie das Grab verunstaltet? Emma wußte es nicht. Was für ein Friedhof? fragte sie sich. Nur das Wort Grab löste ein leichtes Flattern in ihren Nervenenden aus. Stumm verweigerte sie die Aussage. Noch während sie sich im Polizeigewahrsam befand, hatte sie beschlossen, von jetzt an zu schweigen. Jedes Wort, dachte sie, konnte sich gegen sie wenden. Das Schweigen war ihre Art der Verteidigung und ihr Schutz. Wie ein Raum, in dem nur sie existierte – und Bruno natürlich. Er war immer anwesend, als sei er ihr Schatten oder besser, in ihr. Sie hatte das Schweigen von Bruno gelernt. Und er konnte schweigen, dachte sie. Schweigen – wie ein Grab. Das Grab. Nein, es hatte nichts mit Bruno zu tun.
In der Psychiatrie war sie mit Medikamenten vollgestopft worden. Sie hatte sich nicht dagegen wehren können. Das Zyprexa schaltete die Gefühle aus, weder Glück noch Leid waren spürbar. Allmählich hatte sich ein Filter auf Augen, Ohren und Gehirn gelegt. Sie empfand nichts mehr. Kein Laut, kein Leise, kein Weh oder Ach. Eine Glocke, die das Leben fernhielt, hatte sie umschlossen. Einzig die Automatik des Atmens, Essens und Trinkens funktionierte. Und Schlaf. Im Wachen konnte sie nicht ruhig sitzen. Ständig litt sie unter einer zwanghaften, inneren Unruhe. Sie sabberte, spürte wie der Speichel aus ihren Mundwinkeln rann. Emma war den Pflegern hilflos ausgeliefert, beinahe wie ein Säugling. Sie bewegte sich auf Schaumstoff, fühlte ihre Beine nicht mehr. Selbst das Verlangen nach Bruno war durch die Medikamente ausgeschaltet worden. Als sei Emma hinter einer Nebelwand verborgen oder befände sich in einem Käfig aus weichem Milchglas. Sobald sie versuchte, das Glas zu berühren, gab es nach und verschob sich, als wäre es aus Gummi. Jegliches Licht schmerzte in den Augen, ständig mußte sie eine Sonnenbrille tragen, die die Welt zusätzlich verdunkelte. Jede Bewegung kostete Mühe und schien nicht enden zu wollen. Während die äußere Welt scheinbar stillstand, begann ihr Herz zu rasen. Gefangen in diesem Zustand, setzte bei Emma die Panik ein. Wieder und wieder rannte sie mit dem Kopf gegen die Wand, bis diese sich rötete. Sie tat es, um überhaupt etwas zu fühlen. Der betreuende Neurologe war entsetzt, die Psychologen waren erstaunt, die Pfleger reagierten auf Befehl. Sie bewaffneten sich mit Spritzen, die sie ihr in die Venen stachen, verabreichten ihr die doppelte Dosis. Sie steckten sie in eine Zwangsjacke, schnallten sie auf ein Bett. Entmündigt und gedemütigt, hoffte sie, soweit sie überhaupt in der Lage dazu war, auf Brunos Hilfe. Doch entgegen ihren Erwartungen erschien ihr Ehemann nicht, um sie aus den Klauen dieser Unmenschen zu befreien. Verzweifelt entschloß sie sich nach einiger Zeit so zu tun, als sei sie vollkommen ruhig und normal oder was die Ärzte sich unter normal vorstellen mochten. Es hatte funktioniert.
Sie sind dumm, dachte Emma, sie glauben, was sie sehen, was sie hören. Für die Ärzte war die Seele ein Apparat. Wenn er nicht funktionierte, wurden die kaputten Teile ausgewechselt oder er wurde mit probaten Mitteln stillgelegt und später entsorgt. Weil sie nach einiger Zeit aufgehört hatte, sich zu verletzen und zu rasen, war das fest verschnürte Paket, auf richterliche Anordnung, in die Untersuchungs-Haftanstalt überführt worden. Sie, die Zeitbombe Emma, die Schläferin, tickte. Emma hatte terroristische Anschläge stets als grausam empfunden, egal wo sie auf dieser Welt stattfanden, egal wer sie verübte oder gegen wen sie sich richteten. Sie lehnte Gewalt gegen Menschen und Dinge ab. Das war wider die Natur, glaubte sie.
Obwohl die Medikamente inzwischen aufgehört hatten zu wirken, vermochte Emma nicht einzuschätzen, wie lange sie in der geschlossenen Psychiatrie festgehalten worden war. Sie glaubte, allmählich wieder denken zu können. Das zeichnet den Menschen aus, pflegte Bruno zu sagen. Auch diesen Satz notierte sie in ihr Heft. Wieder fragte sie sich, warum Bruno sie weder in der Psychiatrie noch hier besuchte. Nichts, gar nichts hatte sie von ihm gehört, und das konnte Emma nicht verstehen. Sie fragte sich, ob ihm etwas zugestoßen war. Vielleicht war er auch auf Reisen, und sie hatte es, wie so vieles, vergessen. Tage und Nächte waren an ihr vorübergezogen, ohne einen Abdruck zu hinterlassen, als sei sie eine Zeit lang nicht existent gewesen. Nur allmählich kehrten Bilder in ihr Bewußtsein zurück. Verschwommen tauchte Brunos Gesicht vor ihr auf, zuerst seine Augen, dann die Nase, der Mund. Sein Grinsen, typisch Bruno. Gestern hatte sie der Schließerin einen Zettel gegeben, auf dem sie fragte, ob ihr Mann angerufen hatte und ob er über ihren Aufenthaltsort informiert war. Die Frau hatte mit den Schultern gezuckt. Emma nahm sich vor, später zu fragen, ob sie mit ihrem Mann telefonieren durfte. Die müssen mich doch telefonieren lassen, schrieb sie. Das müssen die doch. Oder?
Die Neonröhre flackerte lila an der Decke. Alles hier drin empfand sie als fremdbestimmt, nur ihr Schweigen war selbst gewählt. Es war das einzige, was ihr blieb, und das Heft, in das sie ihr Schweigen notierte. Selbst die Kleidung, die sie trug, gehörte nicht ihr. Das Bett, auf dem sie es sich leidlich bequem gemacht hatte, quietschte bei jeder Veränderung ihrer Lage. Die schmuddeligen Wände stierten sie an. Fremde Finger, von Schmutz und Kot besudelt, hatten sich hier verewigt. Mörder, Betrüger, Diebe. Wäre Bruno hier, dachte sie, würde er sie trösten oder sie ermuntern, drauflos zu weinen oder gegen die Tür zu hämmern. Der Klang seiner Stimme konnte bewirken, was kein Psychiater oder Therapeut zu Wege brachte: Unverkrampftes Sich-Gehen-Lassen. Bruno wußte, worauf es ankam. Sie vermißte ihn so. Bruno war nicht nur ihr Mann, er war ihre Ergänzung, vielleicht dem platonischen Ideal entsprechend, schrieb sie. Als sie heirateten, wußte Emma, es war für immer – und über den Tod hinaus. Das klang kitschig, aber so fühlte sie es. Liebe, Glaube, Hoffnung, inklusive Religion – alles romantischer Kitsch, und darum auch gefährlich, hatte Bruno betont. Nein, sie konnte sich nicht vorstellen, ohne ihn zu leben. Auch wenn Bruno behauptete, der Tod sei die einzige freundliche Variante des Lebens. Ein fürsorglicher Freund, das einzig einlösbare Versprechen. Nur er spendet befreiende Stille, Gewißheit und Erleichterung, schwärmte Bruno. Der Tod ist absolut, die Ewigkeit vollkommen. Gibt es etwas Tröstlicheres? hatte Bruno gefragt. Emma wußte es nicht. Der Gedanke an den Tod ängstigte sie. Allerdings hatte sie niemals gewagt, Brunos Behauptungen in Frage zu stellen. Im Gegensatz zu Bruno hing sie am Leben. Er, so schien es ihr manchmal, wollte alles hinter sich haben. In manchen Momenten hatte sie den Eindruck gehabt, Bruno sei in den Tod verliebt. Sie fürchtete in ihm einen Rivalen. Wenn Bruno vom Tod sprach, verklärte sich sein Blick, schweifte in die Ferne, von zerstörerischer Sehnsucht geleitet. Natürlich bestritt er, mit dem Tod zu kokettieren. Wenn das Gespräch darauf kam, lachte er, nahm sie in den Arm und zitierte Rilke. Der Tod ist groß, wir sind die Seinen … Emma brauche sich keine Sorgen machen. Nicht zu Unrecht fürchtete sie, daß durchaus eine Diskrepanz zwischen Brunos Sagen und Denken bestand. Sie hatte den Eindruck, daß er ihr oft genug verschwieg, was er tatsächlich dachte oder fühlte. Sie, Emma, hatte stets gesagt, was sie dachte, sie hatte keine Geheimnisse, schon gar nicht vor ihm. Das sei ihre Achillesferse, behauptete Bruno. Deshalb versuchte sie sich jetzt im Schweigen. Sie konnte denken, was sie wollte. Niemand hörte es. Sie konnte schreiben, was sie wollte. Niemand las es. Sie konnte fühlen, was sie wollte. Niemanden interessierte es. Bruno beherrschte die Kunst des Verschweigens, überlegte Emma, ein schweigsamer Mensch war er nicht. Er redete gern und viel, denn die Gedanken brauchten Auslauf, Licht, Luft und Bewegung, erklärte er ihr. Der Vorgang des Denkens gleicht einem Hürdenlauf, entweder du überwindest die Hindernisse oder du landest auf dem Bauch. Jeder Sturz birgt eine neue Erfahrung, der Schmerz gehört dazu. Seit ihrer gewaltsamen Festnahme konnte sie beobachten, wie ihre Gedanken gegen eine unsichtbare Wand anrannten, abprallten oder zerschellten. Ihre Erinnerung mußte sie bruchstückweise zusammensetzen, was ihr kaum gelingen wollte.
Doch etwas, sie wußte es, war geschehen. Sonst wäre sie nicht hier.

Drittes Kapitel

Mittwoch, 18. Dezember – abends
Frankfurt am Main, Bornheim
Hauptkommissar Edgar Jaspersen hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Draußen stürmte es. Genüßlich lauschte er dem Wind, der um die Häuser pfiff. Er liebte dieses Geräusch, vor allem wenn er in seinem gut geheizten Wohnzimmer saß und die Zeitung überflog. Während der Regen an die Scheiben prasselte und ein heftiger Sturm durch die Betonschluchten tobte, fühlte er sich in seinen vier Wänden geborgen. Das war ein Wetter, das seinem norddeutschen Naturell entsprach.
In diesem Jahr hatten die Herbststürme früh eingesetzt. Die Bäume waren von einem Tag auf den anderen entlaubt worden. Jetzt strich der Wind durch die kahlen Äste und verursachte Jammertöne. Obwohl Edgar die Dezember- Stimmung genoß, fiel es ihm heute schwer, sich zu entspannen, nicht allein, weil Olga ihm fehlte. Das Wohlsein wollte sich nicht einstellen. Angestrengt streckte er die Beine aus, räkelte sich und entfaltete die Zeitung, worauf sein Kater nur gewartet zu haben schien. Mit einem Satz landete er auf Jaspersens Bauch. Edgar erschrak, acht Kilogramm Lebendgewicht drückten sich jäh in seine Magengrube.
Zorbas, spinnst du? schnaufte Jaspersen ärgerlich, während er versuchte, die Zeitung wieder zu entknittern.
Sein Kater baute sich, jetzt auf seinen Oberschenkeln sitzend, vor ihm auf und funkelte ihn aus gelbgrünen Augen an. Was willst du, hast du dich etwa immer noch nicht daran gewöhnt? schien er zu fragen. Seine Pupillen weiteten sich, zwei schwarze Krater fixierten Jaspersen. Zorbas drehte den Kopf, das Licht der Leselampe wurde von seinen Pupillen reflektiert. Wie kleine Scheinwerfer begannen seine Augen zu glühen. Ganz leicht drehte er die Ohren nach hinten, legte sie ein wenig an und plusterte sein schwarzes Fell. Jaspersen wußte, das war das Zeichen. Gleich würde Zorbas auf ihn losstürzen, um sein Spielchen mit ihm zu treiben. Angriffslustig schob der Kater die Brust vor. Seine imposante Erscheinung nötigte Jaspersen wieder einmal Respekt ab.
Nein, Zorbas. Jetzt nicht. Laß mich lesen, bitte. Der Tag war scheußlich genug.
Wenn er jetzt die Hand nach seinem Kater ausstreckte, um ihn beruhigend zu streicheln, würde Zorbas die freundliche Geste mißdeuten und schonungslos die Reißzähne in seinem Fleisch versenken. Es wäre nicht das erste Mal. Erwartungsvoll schlug der Kater mit dem Schwanz gegen Edgars Schenkel. Vorsichtig ließ Jaspersen mit der linken Hand die Zeitung los und tastete unter dem Tisch nach der Fernsehzeitschrift, die ihm, allein wegen ihres handlicheren Formats und der Festigkeit, wirkungsvoller schien als die Rundschau. Seine Hand fand, was sie suchte. Keinesfalls durfte er jetzt wegschauen. Es galt, Auge in Auge Zorbas‘ Attacke abzuwehren. Wer zuerst wegsah, war der Unterlegene. Behutsam nahm Jaspersen die Fernsehzeitschrift, zog sie unter dem Tisch hervor und hielt sie dem Kater drohend entgegen. Augenblicklich begriff das Tier, daß sein Mensch einfach in der besseren Position war. Er zuckte zurück und verließ auf der Stelle die Couch, nicht ohne ihm beim Absprung seine Krallen in den linken Oberschenkel zu graben.
Autsch, fluchte Edgar, froh die Bedrohung abgewandt zu haben. Eins zu Null, sagte er und lachte. Er konnte Zorbas einfach nicht böse sein.
Heute Abend hatte er wirklich keine Lust, auf die Launen seines Katers einzugehen oder ein Kräftemessen zu veranstalten, dafür reichte seine Geduld nicht mehr aus. Vormittags war er im Präsidium von Hilmar Krott, seinem Dienststellenleiter, und nachmittags von Journalisten belagert worden. Der Tag war lang und anstrengend gewesen. Jaspersen wollte sich ausruhen und nach der Zeitungslektüre vielleicht einen Krimi im Fernsehen anschauen. Einen Fall, der gelöst wurde, in dem die Täter gestellt und bestraft wurden. Und das alles in eineinhalb Stunden, ohne Werbung. Geradewegs an der Wirklichkeit vorbei. Neben ihm, auf dem Tisch, dampfte der Kamillentee.
Rückblickend war es ein schmachvoller Tag für ihn gewesen. Von allen Seiten war er bedrängt und kritisiert worden, weil er und seine Kollegen den falschen Mann verdächtigt und festgenommen hatten. Als sei so etwas zum ersten Mal geschehen. Sein Chef hatte ihn der Unfähigkeit bezichtigt, die Journalisten hatten ihren Hohn und andere Unverschämtheiten über ihn gegossen. Trotzdem hatte er sich für seine Wohnung und Kamillentee entschieden, anstatt seiner ersten Eingebung zu folgen, sich gleich nach Feierabend in Henners Weinladen, seiner Stammkneipe, zwei Schluck zu gönnen. Letztlich hätte das nicht den erwünschten Effekt gehabt, und bei zwei Schluck Wein wäre es natürlich nicht geblieben. Nur zu gut kannte er seinen Zustand am Morgen danach, und diese Einsicht hatte ihn von seinem Vorhaben Abstand nehmen lassen. Trotzdem: Am liebsten würde Edgar sich total betrinken.
Der Mord an Clemens Bruckner war eine widerliche, sadistische Tat. Nur Menschen mit kranken Gehirnen konnten derartig abscheuliche Verbrechen begehen, noch dazu an einem Kind, dachte Edgar. Und er hatte den Mord nicht aufklären können, denn der Verdächtige hatte sich als unschuldig erwiesen. Dieser Mißerfolg nagte an seinem Selbstbewußtsein. Beinahe jede Einzelheit, jedes Indiz, hatten mit größtwahrscheinlicher Sicherheit darauf hingedeutet, daß dieser Mann Clemens Bruckner getötet haben mußte. Dann, gestern abend, kam mit unglaublicher Verspätung das Ergebnis der DNA-Analyse. Sie hatten geschlampt im Labor, sie hatten das Material verlegt. So hatte es Doktor Geibel, die Leiterin des rechtsmedizinischen Labors, ausgedrückt. Jaspersen war explodiert. Nun hatte die Geibel etwas bei ihm gutzumachen, und das war der einzige Vorteil, der sich für ihn daraus ergab.
Es war nicht gerade professionell von ihm gewesen, den Täter zu seinem persönlichen Feind zu erklären. Er wollte, daß dieser Verdächtige, den sie nach relativ kurzer Zeit festgenommen hatten, der Schuldige war. Jaspersen, er gab es notgedrungen zu, hatte sich verrannt. Um dem Mann ein Geständnis zu entlocken, hatte er das Gesetz und einige Dienstvorschriften verletzt. Das war weder fair, noch legal, es sollte der Aufklärung dienen. Während der letzten Vernehmung hatte Jaspersen sich hinreißen lassen, physischen Druck auf den Verdächtigen auszuüben und war handgreiflich geworden. Erfolglos, denn der Mann hatte sich davon nicht beeindrucken lassen. Heute morgen war er entlassen worden und hatte gedroht, Jaspersen anzuzeigen. Der Anwalt, ein ebenso unangenehmer Mensch wie sein Mandant, hatte sich enorm aufgeplustert. Sollte es tatsächlich zu einer Anzeige kommen, mußte Jaspersen mit einem Disziplinarverfahren rechnen. Und das wäre mehr als nur unangenehm, es könnte unter Umständen sogar seine Suspendierung bedeuten. Andererseits bedauerte er nicht im geringsten, diesem schmierigen Typ die Paragraphen zwischen die Zähne geschoben zu haben, wie er es vor sich selbst bagatellisierte. Angesichts seiner unangenehmen Lage nahm Jaspersen sich vor, einen Tag zu Hause zu bleiben und zu versuchen, sich von diesem Tiefschlag zu erholen. Der Zeitpunkt war günstig, denn zum einen war er von dem Mordfall abgezogen, zum anderen hatte er keinen Bereitschaftsdienst.
Unwillkürlich schossen ihm erneut diese entsetzlichen Bilder durch den Kopf. Die mißhandelte Leiche des Jungen. Der Fundort, ein Keller in einer fünfzehngeschossigen Mietskaserne, in Niederrad, unten am Main. Ein Ort, wo sich kaum ein Mieter hinwagte, wo der Sperrmüll sich stapelte und das elektrische Licht längst aufgehört hatte, zu funktionieren. Kaum ein deutscher Name an der Klingelanlage, deren trauriger Anblick darauf schließen ließ, daß hier des öfteren gezündelt wurde. Ein Sozialwohnungsbau, in dem Deutsche nicht mehr wohnen wollten, der in Ödnis und Dreck verkam, um wieder nur Ödnis und Dreck hervorzubringen.
Wieder sah Jaspersen die Eltern des Jungen in jenem Augenblick vor sich, als er ihnen die Nachricht vom gewaltsamen Tod ihres Sohnes überbringen mußte. Nicht immer war ihm sein fotografisches Gedächtnis von Vorteil, zu gut erinnerte er sich an die fassungslosen Gesichter, hörte das Weinen der Mutter beim Anblick ihres Sohnes im Gerichtsmedizinischen Institut. Der Junge könne auch anderweitig identifiziert werden, hatte er sie beschworen. Doch sie bestand darauf, ihren Sohn noch einmal zu sehen, um sich von ihm zu verabschieden. Das konnte er der Frau nicht verwehren. Obwohl die Assistenten von Professor Winter das Kind fürsorglich abgedeckt hatten und nur sein Gesicht zu sehen war, brach bei seinem Anblick aus der Mutter ein Weinen hervor, wie Jaspersen es in seinem Leben nicht gehört hatte. Als wolle es ihn auf ewig begleiten, vibrierte der Klang wie ein Tinnitus aurium nachhaltig in seinen Gehörgängen. Jammervolle Töne, die nicht enden wollten, die auf- und abschwollen. Daneben stand der erschütterte Vater, ein junger, kräftiger Mann, der zu zittern begann und dann plötzlich in sich zusammenfiel wie ein altes, baufälliges Haus. Während seiner Laufbahn als Kriminalhauptkommissar der Mordkommission beim K11 hatte Jaspersen einiges erlebt und ansehen müssen, doch die Entsetzlichkeit dieser Tat überstieg beinahe die Grenzen seiner eigenen Belastbarkeit. Der siebenjährige Clemens war grausam mißhandelt, verstümmelt und mißbraucht worden. Vermutlich war der Junge bereits an den Qualen gestorben, besagte der Obduktionsbericht. Das Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Eine Art finaler Selbstrettung, erklärte der Chef des Pathologischen Instituts, Professor Hans Winter.
Der für diesen Fall vom BKA abgestellte Psychologe, Doktor Regenfuß, hatte ein Täterprofil erstellt. Jaspersen hatte es so ausgelegt, daß es auf den Verdächtigen paßte, den er unbedingt als den Mörder sehen wollte. Schon oft hatte er mit Regenfuß zusammengearbeitet, und immer war diese Zusammenarbeit ausgesprochen fruchtbar gewesen. Die Profiler leisteten phantastische Arbeit, in beinahe achtzig Prozent aller Fälle lagen sie richtig. Regenfuß ist der Beste, dachte Jaspersen. Er hätte auf ihn hören sollen, denn Regenfuß war skeptisch geblieben und hatte bezweifelt, daß der von ihm Verdächtigte wirklich der Täter war.
Ich weiß nicht, Edgar, hatte Regenfuß eingewandt, das Verhaltensmuster paßt nicht recht. Das soziale Umfeld, seine Intelligenz – ich befürchte, ihr habt den falschen Mann im Visier. Der, den wir suchen, ist ein psychisch Kranker, wahrscheinlich ein sehr gebildeter Mensch. Für seine Familie und seine Freunde dürfte er vollkommen unauffällig sein. Er lebt in zwei verschiedenen Welten. Ich tippe, sagte Regenfuß in seiner vorsichtigen Art, möglicherweise auf eine multiple Persönlichkeit. Und dieser Mann, den ihr jetzt verdächtigt, ist nicht schizophren, auch wenn er brutal und sadistisch wirkt. Zugegeben, ein unangenehmer Mensch, mit einer gehörigen Portion krimineller Energie ausgerüstet. Aber weder ist er ein Mörder, noch ist er pädophil. Es gibt keine Beweise für seine Schuld, ihr habt nichts als Vermutungen, einige Indizien und schwammige Zeugenaussagen. Es sollte mich wundern, wenn der genetische Fingerabdruck, den der Täter an dem Jungen erstaunlicherweise hinterlassen hat, mit dem des Beschuldigten übereinstimmt. Warte das Ergebnis der DNA-Analyse ab, hatte Regenfuß ihm dringend geraten, und er sollte recht behalten. Doch zu diesem Zeitpunkt war Jaspersen allzu überzeugt, daß dieser und kein anderer Clemens Bruckners Peiniger war. Und dann passierte die Schlamperei im Labor, eine Ewigkeit hatte es gedauert, bis sie die Speichelprobe endlich wiedergefunden hatten und das Ergebnis vorlag.
Nur zu gut erinnerte sich Edgar daran, wie nachdrücklich Regenfuß darauf hingewiesen hatte, der Junge müsse nicht zwingend das erste Opfer des Täters gewesen sein – und auch nicht das letzte. Es war ein Kind, das gefunden und identifiziert worden war. Bundesweit waren ungefähr zweitausend Jungen und Mädchen im Alter zwischen fünf und siebzehn Jahren vermißt gemeldet, Jaspersen kannte die Statistik. Die meisten Vermißten lebten mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr. Manche Leichen fanden sich nie, und die Täter blieben unentdeckt. Zwar war die Aufklärungsrate bei Mord hoch, dennoch konnten niemals alle Fälle aufgeklärt werden. Hunderte Kinder blieben über Jahre, für immer, spurlos verschwunden, und diese Vorstellung war ihm entsetzlich.
Der Mörder von Clemens Bruckner lief frei herum und konnte wieder ein Kind quälen und töten. Jaspersen hatte den Eltern des Jungen und sich selbst geschworen, er werde dieses Untier zur Strecke bringen. Hilmar Krott hatte ihm heute mittag den Fall entzogen und Hauptkommissar Hanisch übertragen. Von Suspendierung hatte Krott nicht gesprochen, aber von einem Nachspiel. Auch Siegfried Hanisch würde nicht weiter kommen als er. Notgedrungen würde er auf sein Wissen und seine bisherigen Erkenntnisse zurückgreifen müssen, ohne ihn würden die Ermittlungen stagnieren, davon war Edgar überzeugt. Sie hatten die DNA des Täters, sein psychoanalytisches Profil und verschiedene Hinweise aus der Bevölkerung, die noch einmal unter anderen Aspekten ausgewertet werden sollten, grübelte er und mußte sich dann selbst Einhalt gebieten, denn es war nicht mehr sein Fall. Und diese Tatsache konnte er nur schwer akzeptieren. In seiner gesamten Dienstzeit, es waren jetzt beinahe dreißig Jahre, hatte er keinen derartigen Fehler begangen. Noch unerfreulicher war die Tatsache, daß er und seine Kollegen keine weitere Spur hatten. Wieder standen die Kollegen der Mordkommission am Anfang. Doch irgendwann, versprach Jaspersen, würde er den Mörder finden. Selbst wenn die Ermittlungen in diesem Fall demnächst eingestellt werden mußten. Und das war leider absehbar, wenn nicht irgendetwas passierte … War es nicht geradezu zynisch von ihm zu hoffen, daß dies nicht das einzige Verbrechen des Mörders blieb und er beim nächsten Mal einen Fehler beging?
Scheiße, sagte Jaspersen laut, stand auf und zündete sich eine Zigarette an. Sein Beruf verlangte eine schizoide, perverse Art des Denkens, manchmal sogar des Handelns. Einerseits sollte er das Verbrechen bekämpfen, aufdecken oder verhindern. Andererseits mußte er hoffen, es würde wieder geschehen, um den Täter zu entlarven und seiner Strafe zuzuführen.
Es gibt noch andere Verbrechen, die darauf warten, aufgeklärt zu werden, sagte er leise, um die Gedanken von seinem Fehlschlag abzulenken. Was sonst konnte er nach den niederschmetternden Entwicklungen des heutigen Tages tun, als sich anderen Straftätern und Straftaten zu widmen? Er hatte die Arbeit an den anderen Fällen zurückgestellt und vernachlässigt. Der Mord an Clemens Bruckner hatte absoluten Vorrang gehabt. Zum Beispiel sollte er sich endlich und erneut dem Fall Emma Weiß zuwenden. Staatsanwalt Franz Bischoff hatte ihn vor drei Tagen darauf hingewiesen, daß die Sache keinen Aufschub mehr duldete. Soweit er sich daran erinnerte, war der Tatbestand unklar. Es handelte sich nicht um Mord, und die verschiedenen Straftaten, die diese Frau innerhalb weniger Stunden begangen haben sollte, ließen sich nicht eindeutig einem Dezernat zuordnen. Deshalb hatte Bischoff Hauptkommissar Jaspersen und seine Mitarbeiterin Sabine Kluge beauftragt, den Fall Weiß, obwohl er nicht in ihr Aufgabengebiet fiel, zu übernehmen. Das kam manchmal vor, und Jaspersen war durchaus damit einverstanden, nicht immer nur Morde aufklären zu müssen.
Er hatte Franz Bischoff zwar versprochen, sich eingehend mit Frau Weiß zu beschäftigen, hatte den Fall jedoch vor sich hergeschoben. Kommissarin Kluge hatte sich zeitweise damit befaßt, wußte Jaspersen. Soweit er sich erinnerte, hatten sich die ersten Ermittlungen schwierig gestaltet. Ganz abgesehen von dieser Frau Weiß, der kein Wort zu entlocken war. Seit Wochen schwieg sie beharrlich.
Von einem Anfall plötzlicher Arbeitswut getrieben, erhob er sich und ging vom Wohnzimmer hinüber in sein Arbeitszimmer, das momentan als Abstellkammer diente, um den Ordner „Weiß“ zu suchen. Hin und wieder nahm er Unterlagen mit nach Hause, obwohl es offiziell untersagt war. Aber wer hielt sich schon daran? Er schob die verschiedenen Mappen hin und her, weiter unten fand er den Vorgang endlich. Die Beschäftigung mit diesem Fall war eine willkommene Möglichkeit, seinen Mißerfolg zu verdrängen. Sofort begann er zu blättern und zu lesen. Obenauf lag die Kopie eines Zeitungsartikels.
Frankfurter Rundschau, Mittwoch, 14. Oktober
Polizisten attackiert
Falschparkerin biß kräftig zu
Eine Frankfurter Autofahrerin, die ihren Wagen vor dem Bornheimer Friedhof auf einem Fußgängerüberweg abgestellt hatte, fuhr am Dienstag früh erst einen Polizisten um, dann zerkratzte sie seinem Kollegen die Hand und biß ihn in Nacken und Schulter. Wie die Polizei berichtet, wurde die Frau wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte festgenommen.
Die Auseinandersetzung nahm ihren Lauf, als eine Streifenwagenbesatzung kurz nach 8 Uhr ein Auto entdeckte, das auf dem Fußgängerüberweg parkte. Kurz bevor die Abschleppwagen eintrafen, tauchte die Halterin des Fahrzeugs auf; die Kontrolle ihrer Papiere lehnte sie aber ab. Die Polizisten weigerten sich darauf, sie losfahren zu lassen. Darauf setzte sich die Frau ans Steuer und schloß die Fahrertür.
Als einer der Beamten nun hinter das Fahrzeug trat, um die Autonummer abzuschreiben, startete sie den Wagen, setzte rückwärts und fuhr dem Mann in die Beine. Er landete auf dem Kofferraumdeckel und wurde ein paar Meter mitgerissen. Seinem Kollegen gelang es, den Wagenschlag zu öffnen; als er nach dem Zündschlüssel griff, zerkratzte die Fahrerin erst seine Hand und biß ihm dann in Schulter und Nacken. Die Polizisten erklärten die Frau darauf für festgenommen. Da sie immer noch nicht bereit gewesen sei, auszusteigen, habe man die 45jährige per „Armhebelgriff“ nach draußen befördert. Die Beamten mußten Verstärkung anfordern, um die Frau festzunehmen. Während der verletzte Polizist ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte, wurde die Halterin des Fahrzeugs abtransportiert. In einer Klinik wurde festgestellt, daß die Frau „weder unter Alkohol noch unter anderen bewußtseinstrübenden Stoffen stand.“
Jaspersen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Nicht nur die Zeitungsnotiz zeugte von einer gewissen Unbeholfenheit. Weitaus dilettantischer und fehlerhafter erschien ihm das Vorgehen der Deppen vom 6. Revier. Noch abstruser lasen sich die Berichte der drei Streifenbeamten. Denn es waren nicht nur zwei Beamte gewesen, wie es normalerweise üblich war und in der Zeitung stand. Sie waren zu dritt gewesen und hatten es nicht geschafft, eine Frau zur Räson zu bringen. Was auch immer sie zu verbergen suchte, diese Emma Weiß schien über einen energischen Willen zu verfügen. Im Extremfall, wußte Jaspersen, waren Menschen imstande, unglaubliche Fähigkeiten zu entwickeln und überwältigende Kräfte freizusetzen. In ausweglosen Situationen konnten sie Dinge vollbringen, die dem logischen Menschenverstand unvorstellbar waren. Professor Winter hatte dieses Phänomen als finale Selbstrettung bezeichnet. Der eine stirbt vor Entsetzen und Schmerz, ein anderer wächst über sich selbst hinaus. Letzteres traf wohl bei Emma Weiß zu.
Hmh, brummte Edgar und ging zurück ins Wohnzimmer, den Ordner in der Hand.
Einmal hatte er Emma Weiß bereits aufgesucht. Soweit er sich erinnerte, war er Anfang November in die Psychiatrie gefahren, weil sie dort zwangsweise für längere Zeit eingewiesen und behandelt worden war. Jaspersen blätterte und suchte seine Notizen dazu. Zwar hatte er sich mit den Ärzten unterhalten, doch es war unmöglich gewesen, auch nur ein Wort mit ihr zu wechseln. Apathisch hatte sie dagesessen und teilnahmslos auf die Fensterscheibe gestarrt.
Er hatte den Eindruck gehabt, daß sie ihn, ihre Umgebung oder ihre mißliche Lage gar nicht wahrnahm. Als er fragte, weshalb sie Fahrerflucht begehen wollte und die Beamten angegriffen hatte, sah sie ihn das erste Mal an. Eine Regung war in ihrem Gesicht oder ihren Augen jedoch nicht zu entdecken gewesen.
Auffällig war, daß ihr Ehemann seit dem Tag ihrer Verhaftung verschwunden war. Manchmal verschwanden Ehemänner eben, manchmal auch Ehefrauen, dachte Jaspersen. Das mußte nicht bedeuten, daß ein Verbrechen vorlag. Trotzdem hielt er diese Tatsache für bemerkenswert. Staatsanwalt Bischoff übrigens auch, erinnerte er sich. Möglicherweise war es gerade das Verschwinden ihres Ehemanns, das Bischoff bewogen hatte, ausgerechnet ihm und Sabine Kluge den Fall zu übergeben, also der Mordkommission.
Der betreuende Psychologe in der Klinik hatte ihm damals erklärt, Frau Weiß könne ihn nicht verstehen, wahrscheinlich hatte sie einen Schock erlitten. Es sei nicht ungewöhnlich, meinte er, wenn ein Mensch aufgrund eines traumatischen Erlebnisses ganz oder teilweise die Sprache oder das Gedächtnis verlor.
Natürlich hatte Jaspersen die Frau gefragt, ob sie wisse, wohin oder warum ihr Mann verschwunden sein könnte. Sie hatte ihn verständnislos angeblickt.
Sprache und Gedächtnis? wollte Jaspersen damals wissen.
Schon möglich, erwiderte der Psychologe.
Jaspersen hatte herumgerätselt, was diese Frau so nachhaltig schockiert oder traumatisiert haben könnte, und er tat es jetzt wieder. Da ihr Mann zum Zeitpunkt ihrer Festnahme oder kurz vorher verschwunden war, könnte ihr Schock damit im Zusammenhang stehen, nicht wahr? Die Ärzte hatten seine Frage mit einem Schulterzucken beantwortet. Möglich war alles.
Warum bekommt die Frau Psychopharmaka? hatte er vom behandelnden Neurologen wissen wollen.
Sie rast gegen die Wände, greift das Pflegepersonal an. Es ist zu ihrem eigenen und unserem Schutz, Herr Kommissar. Wir haben schließlich eine Verantwortung, entrüstete sich der Arzt.
Ja, dachte Jaspersen, möglich war wirklich alles, und nahm einen Schluck Kamillentee.
Trotzdem merkwürdig, flüsterte er und rieb sich das Kinn. Schon damals wollte er nicht glauben, daß die Frau aus heiterem Himmel durchgedreht und straffällig geworden war. Und die Terrorismus-Theorie des Ermittlungsrichters hatte er schon Ende Oktober für unwahrscheinlich gehalten. Allerdings konnte dieser Verdacht noch immer nicht entkräftet werden, sonst wäre sie von der Psychiatrie nicht in die U-Haftanstalt überstellt worden.
Augenblicklich, Edgar merkte es nicht einmal, tauchte er in diesen Fall ein und drängte damit den Mord an Clemens Bruckner in den Hintergrund seines Denkens. Sein Unterbewußtsein war, wie bei anderen Menschen auch, mit einem finalen Selbstrettungsmechanismus ausgerüstet, es war ihm nur nicht klar. Er trank einen Schluck Tee, blätterte weiter in den Unterlagen, vergaß die Zeit und seinen Wunsch, sich im Fernsehen einen Krimi anzusehen.
Routinemäßig hatten die Beamten die Wohnung der inhaftierten Emma Weiß und ihres verschwundenen Ehemanns durchsucht, die Post durchgesehen, das gefundene Adreßbuch sichergestellt und gesichtet, die Nachbarn befragt. Das übliche Procedere. Sie hatten arabische Schriftstücke gefunden und diese sofort als Indiz dafür gewertet, daß Verbindungen zum islamischen Terrornetzwerk bestünden. Die Übersetzungen lagen noch immer nicht vor. Spezialisten der neu gegründeten Antiterroreinheit waren damit befaßt, die Entschlüsselung vorzunehmen. Welch eine Verschwendung, dachte Jaspersen. Nie und nimmer ist die Frau eine Terroristin, einzig die Umstände ihrer Verhaftung schienen anfänglich den Terrorismusverdacht durchaus zu rechtfertigen.
Er blätterte weiter und stieß auf Fotos. Stimmt, die hatte er vollkommen vergessen. Wie konnte ihm das passieren? Ausgerechnet diese Fotografien, die eigentlich den interessantesten Aspekt des ganzen Falles dokumentierten. Es handelte sich um Aufnahmen des verunstalteten Grabes auf dem Bornheimer Friedhof. Die Friedhofsverwaltung hatte Strafanzeige gestellt, wegen Vandalismus und Grabschändung. Dieses Delikt war Emma Weiß zusätzlich zur Last gelegt worden. Allem Anschein nach hatte sie innerhalb weniger Stunden mehrere Straftaten begangen. Ein Zeuge hatte eidesstattlich erklärt, er habe Emma Weiß einige Augenblicke vor ihrer Verhaftung an jener Grabstelle beobachtet. Kommissarin Kluge hatte eine Notiz an die Fotos geheftet: Vandalismus, satanische Rituale???
Edgar ging zurück zu seinem Schreibtisch, knipste die Arbeitslampe an und betrachtete eingehend die Aufnahmen.