Ulrike A. Kucera
Mordssommer
Kriminalroman
Personal und Handlung dieses Kriminalromans sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Geschehnissen, lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Alle Rechte vorbehalten • Societäts-Verlag
© 2008 Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH
Satz: Nicole Proba, Societäts-Verlag
Schutzumschlaggestaltung: Katja Holst, Frankfurt am Main
eBook: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
ISBN 978-3-95542-023-9
Macht ist die Angst der anderen.(Russisches Sprichwort)
Erstes Kapitel
Samstag, 12. April
Sie erwachte, durch ein Geräusch im Schlaf gestört. Noch war es dunkel draußen, doch die Lerchen trällerten bereits. Vera wandte sich nach links, blickte zum offenen Fenster und lauschte den Vogelstimmen. Vor ihr wölbte sich die andere Bettdecke, unter der ihr Mann ruhte. Die Silhouette seines Körpers zeichnete sich vor dem Fenster ab. Er gab einen seltsamen Laut von sich – wahrscheinlich war es das, was sie aus dem Schlaf geholt hatte. Leise legte sie eine Hand auf seinen Oberarm, und obwohl Thomas sonst einen leichten Schlaf hatte, rührte er sich nicht, sondern stöhnte nur.
Thomas, flüsterte sie behutsam.
Verhalten atmete er ein und aus, bewegte sich jedoch nicht. Liebevoll strich sie ihm über den Kopf, zog dann die Hand zurück und versuchte wieder einzuschlafen. Einen Moment lang spürte sie dem Kitzeln seines kurzen Haars auf ihren Handinnenflächen nach. Die Lerchen wurden leiser, allmählich dämmerte der Morgen. Amseln begannen ihre gefiederten Artgenossen beim Singen abzulösen. Vera schaute auf den Wecker und entschied, es sei zu früh, einen Samstagmorgen zu beginnen. Sie selbst hatte keinen Dienst, und Thomas mußte heute ohnehin nicht arbeiten. Um wieder in den Schlaf zu finden, zog sie die Decke über den Kopf, wie sie es schon als Kind getan hatte. Gestern Abend hatte Thomas gesagt, er wolle ausschlafen, und sie wußte, er würde wohl kaum vor Mittag aus den Federn kommen, nicht nach den deprimierenden Ereignissen seines gestrigen Arbeitstags. Es gab Tage, da schlief er bis zum Nachmittag, und wenn er endlich aufstand, behauptete er, trotzig wie ein kleines Kind, überhaupt nicht ausgeruht zu sein. Sie hörte schon sein gequältes Gähnen, einem alten Walroß ähnlich, wenn er gegen Mittag mühsam die Augen öffnen würde. Manchmal wollte ihr scheinen, Thomas verschliefe am liebsten sein Leben. Einerseits ärgerte es Vera, andererseits wußte sie, wie schwer die Anstrengungen der letzten Jahre auch auf ihm lasteten. Weder er noch sie wurden jünger, das Leben wurde in Wirklichkeit nicht leichter. Sein Körper und seine Seele schienen sich aus der Welt schlafen zu wollen, doch die Welt ließ es nicht zu. Abermals hörte Vera ihren Mann aufstöhnen, beinahe klang es, als habe er Schmerzen oder einen unangenehmen Traum. Manchmal sprach er im Schlaf, was er früher nie getan hatte, dann hörte es sich an, als stritte er mit jemandem. Oft wälzte er sich hin und her, bis er schweißnaß aufschreckte. Vera sorgte sich um Thomas, vor allem um seine Gesundheit, denn der über Jahre anhaltende Streß hatte sich auf seine körperliche Verfassung zerstörerisch ausgewirkt. Seit vier Jahren hatte er Bluthochdruck, schluckte Betablocker, Cholesterinsenker, Blutverdünner, etwas gegen die Überfunktion seiner Schilddrüse, diverse Vitamine, nahm darüber hinaus homöopathische Pillen und Kügelchen, deren heilende Wirkung unter Medizinern naturgemäß umstritten war. Eine Zeitlang hatte er beinahe täglich zu Beruhigungs- und Schlafmitteln gegriffen, und Vera hatte schon ernsthaft befürchtet, er würde davon abhängig werden. Sie warnte ihren Mann und bat ihn, die Tranquilizer wieder abzusetzen. Thomas war ein vernünftiger Mensch und befolgte ihren Rat, obwohl es ihm schwerfiel. Da er jedoch weiterhin die hochdosierten Blutdrucksenker nehmen mußte, verschrieb ihm sein ratloser Hausarzt obendrein Viagra, denn die Betablocker beeinträchtigten seine Manneskraft – und damit schloß sich der Teufelskreis der pharmazeutischen Zwänge. Äußerlich wurde er scheinbar erstaunlich gut mit seinen körperlichen Problemen fertig. Unter Freunden bewitzelte er freimütig sein potentielles Leiden, Vera wußte jedoch, wie sehr es ihn in Wirklichkeit demütigte. Es half ihm wenig zu wissen, daß Millionen von Männern unter diesen und ähnlichen streßbedingten Störungen litten. Bei einem guten Freund war das Burn-out-Syndrom diagnostiziert worden, seit einem Jahr befand er sich im Krankenstand, mehrere Wochen war er in einer Klinik gewesen und benötigte weiterhin psychotherapeutische Hilfe. Den Symptomen nach glaubte Thomas zeitweise, auch er sei davon befallen, verschwieg dem Arzt jedoch seine Beschwerden und Befürchtungen. Beide, Vera und Thomas, hielten es für Glück, nicht an Krebs erkrankt zu sein, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten zu haben, wie mittlerweile einige ihrer Kollegen, Freunde und Bekannten. Der Mensch, glaubte Vera, war nicht für diesen Streß ausgerüstet, für eine Welt, die nur noch aus Zeitnot, Geld, Druck und Zwängen zu bestehen schien – und der Druck war das schlimmste Übel, kaum jemand konnte sich ihm entziehen. Druck von außen und innen, wo Vera auch hinsah, die ganze Welt schien bedrückt zu sein. Und dieser Druck erzeugte Angst, und die Angst erzeugte Qualen.
Wie lange hielt ein Mensch das aus, überlegte Vera und horchte auf.
Thomas?
Bis auf seinen und ihren eigenen Atem herrschte Stille im Schlafzimmer, die Vögel pausierten. Es wollte ihr nicht gelingen, wieder einzuschlafen.
Seit dreiundzwanzig Jahren waren sie nun verheiratet, und im Laufe der Zeit hatten sie ihre Eigenheiten aufeinander abgestimmt und gelernt, den Fehlern und Seltsamkeiten des anderen mit Nachsicht zu begegnen. Allein dieser Lernprozeß hatte die ersten zehn Jahre ihrer Ehe in Anspruch genommen. Nicht immer waren sie glücklich miteinander gewesen, insofern waren sie ein ganz normales Paar. Die Schicksalsschläge, von denen auch sie nicht verschont geblieben waren, hatten sie gemeinsam durchgestanden, ohne ihre gegenseitige Zuneigung einzubüßen, sie war im Gegenteil daran gewachsen.
Vera ärgerte und schmerzte es, wenn Thomas, pessimistisch wie er nun einmal war, prophezeite, sie würde ihn sowieso überleben. Dieser Gedanke ängstigte sie mehr, als sie zugab. Veras Freundin, Anette, warnte Thomas scherzend vor sich selbst erfüllenden Prophezeiungen. Im Gegenzug verwies Thomas dann auf die Statistiken zur Lebenserwartung von Männern und Frauen. Er behielt eben gern das letzte Wort und immer recht, auch daran hatte Vera sich gewöhnt.
Sie seufzte und drehte sich auf die rechte Seite, in der Hoffnung, dort andere, weniger bedrückende Gedanken zu finden. Es hatten sich schon genug Menschen aus ihrem Leben gestohlen, und sie vermißte sie zutiefst. Die Erinnerungen drohten, sich schmerzhaft bei ihr einzunisten, deshalb stand sie auf, ging ins Bad und nahm, obwohl es bereits hell wurde, eine Schlaftablette. Zurück im Bett, atmete sie tief ein und blies die Luft zögerlich wieder aus, denn sie wollte nicht weinen. Ihr Leben, so empfand sie nicht zu Unrecht, war eingezwängt zwischen Toten, Särgen, Urnen und Beerdigungen. Thomas und ihr Vater waren die einzigen geliebten Menschen, die ihr geblieben waren. Mühsam versuchte sie, sich von diesen Gedanken zu befreien, preßte die Augenlider aufeinander und rollte sich unter den Federn zusammen. Anette hatte ihr damals, als David sie verlassen hatte, Atemübungen zur Entspannung gezeigt, und die versuchte sie jetzt anzuwenden. Dann begann das Mittel zu wirken, angenehm rasch breitete sich der Schlaf in ihrem Körper aus.
Erst gegen ein Uhr mittags erwachte sie wieder. Ihr Kopf schmerzte, und nur mit Anstrengung gelang es Vera, die Lider zu heben. Durch das Fenster schien die Aprilsonne, der Himmel war reinblau. Thomas rührte sich nicht. Träge schob Vera ihre Decke beiseite, und als sie sich aufrichtete, spürte sie die Schwere ihres schlaftrunkenen Körpers. Bei diesem Wetter, dachte sie, sollten sie spazierengehen oder im Garten arbeiten. Morgen würden sie keine Zeit dazu finden, denn ihr Vater kam, wie jeden Sonntag, zum Essen. Punkt zwölf Uhr mittags fuhr Arnold Kohn in einem Taxi bei seiner Tochter vor und blieb bis zum Abend. Sie nannten es ihr sonntägliches Ritual, und Vera freute sich darauf, obwohl der alte Mann mehr und mehr zur Aufgabe geworden war. Seit einiger Zeit litt er an einer leichten Demenz, außerdem schien sich bei ihm eine Art Verfolgungswahn auszuprägen, dessen Ursprung, wie Anette sagte, in einer latenten, nicht erkannten Depression zu vermuten war. Einmal in der Woche ging Vera zu ihm, putzte die Wohnung, kaufte ein und erledigte die anfallenden Notwendigkeiten bei Bank, Versicherung und Krankenkasse, denn die komplizierten Papiere und Formulare überforderten Arnold Kohn inzwischen, und obgleich Vera nur wenig Zeit hatte, kümmerte sie sich darum. Sie liebte ihren Vater und war froh, daß er noch allein in seiner Wohnung leben konnte. Vor knapp dreißig Jahren war Veras Mutter auf tragische Weise gestorben. Aus Sorge um ihren trauernden Vater war Vera damals nicht in eine andere Stadt gezogen, um zu studieren, sondern war in Frankfurt geblieben. Sie konnte ihn doch nicht allein lassen, das würde sie niemals tun. Selten genug hatte sie in den letzten Jahren Grund zum Lachen gehabt, und wenn überhaupt, gab meist ihr Vater Anlaß dafür. Trotz seiner zunehmenden geistigen Verwirrung blieb er der liebenswerteste Mensch, den sie kannte, weder war er bitter noch bösartig. Kaum konnte sie sich entsinnen, ihren Vater schlecht gelaunt erlebt zu haben. Schwierigkeiten war er immer mit einem Trotzdem oder einem Scherz begegnet. Arnold Kohn war mit Humor begabt, und selbst wenn er einmal traurig oder verzweifelt war, so war er doch nicht mutlos oder resigniert. Außerdem strotzte er vor physischer Gesundheit, sein Herz lief wie ein unverwüstlicher Motor, er sah und hörte ausgezeichnet, seine Gelenke waren noch geschmeidig und beweglich, als habe er ein Leben lang Sport getrieben. Nur sein Erinnerungsvermögen und seine Wahrnehmung trübten sich mehr und mehr.
Wehmütig schaute Vera in den Spiegel und begann, das Nachthemd auszuziehen.
Leider besaß Thomas nicht diese Zuversicht und den Humor ihres Vaters. Für ihn gab es im Moment wenig zu scherzen, und jetzt erinnerte sie sich wieder daran, in welcher Verfassung Thomas gestern von der Arbeit nach Hause gekommen war. Als er sie begrüßte, wußte sie sofort, etwas bedrückte ihn. Sie hatten sich in den Garten gesetzt, denn dieser April war so wunderbar warm. Während er sich auf der Terrasse einen Tee einschenkte, bemerkte Vera, wie seine Hände zitterten. Nur zögerlich begann Thomas, ihr zu berichten, denn er selbst schien noch immer nicht fassen zu können, was ihm kurz zuvor in der Firma passiert war. Der Erste Geschäftsführer und der Personalchef hatten ihm mit Entlassung gedroht. Am Montag, meinte Thomas, werde er bestimmt seine Kündigung auf dem Tisch haben, denn sein Sinn für Gerechtigkeit und Wahrheit war stärker gewesen, als eine feige Vernunft, die ihm sagte, er solle besser den Mund halten und seinen Job nicht aufs Spiel setzen. Er hatte die Geschäftsleitung seiner Firma, noch dazu im Beisein anderer Kollegen, kritisiert und den Herren vorgeworfen, eine verhängnisvolle Entscheidung getroffen zu haben. Lange, die Sonne war inzwischen untergegangen, hatten Vera und Thomas noch auf der Terrasse gesessen, bedrückt und eher schweigsam. Was sollte werden, wenn Thomas wirklich seinen Job verlor …
Vera wollte diesen Faden nicht wieder aufnehmen und verbot sich den Gedanken daran. Heute war Samstag, Wochenende, und sie nahm sich vor, ihren Mann zu verwöhnen, ihn vergessen zu lassen, was geschehen war, wenigstens für Momente.
Draußen herrschten beinahe sommerliche Temperaturen, dieser April kam strahlend wie ein Juli daher. Schon im März hatten sie des öfteren im Freien sitzen können. Wie gut, dachte sie, daß wir damals das Haus gekauft haben, mit diesem großen Garten, obwohl der Kaufpreis eigentlich ihre finanziellen Möglichkeiten überstieg. Das Grundstück wurde damals zwangsversteigert, und der tatsächliche Wert war wesentlich höher einzuschätzen. Es war ihr Vater, der das Haus einen Glücksfall nannte und ihnen zum Kauf riet. Er gab seine gesamten Ersparnisse dazu, sonst hätten sie sich dieses Haus niemals leisten können, schon gar nicht in dieser Wohngegend. Die Lerchesberg-Siedlung war eines der besten und teuersten Frankfurter Wohnviertel, hier standen überwiegend Villen und prächtige Einfamilienhäuser mit riesigen Anwesen und Gärten. Wer hier wohnte, war gut betucht oder hatte geerbt.
Sie deckte den Tisch auf der Terrasse, dann ging sie zu Thomas ins Schlafzimmer, um ihn zu wecken, denn es war schon kurz vor zwei.
Tom, das Frühstück ist fertig, sagte sie leise.
Er rührte sich nicht.
Thomas, komm, aufstehen. Es ist schon spät.
Halb lag er auf der Seite, halb auf dem Rücken, das Gesicht dem Fenster zugewandt. Vera beugte sich von hinten über ihn und faßte ihn an der Schulter. Durch ihren Händedruck bewegte er sich in Rückenlage. Sie hielt die Luft an, schluckte.
Thomas?
Seine Augenlider blieben geschlossen, das Gesicht, die Hände waren kühl. Er atmete nicht, der Körper war starr. Rigor mortis. Sie wußte, doch sie glaubte es nicht.
Thomas! Tom! Bitte …, bitte nicht.
Jeder medizinischen Vernunft zum Trotz, warf sie sich auf den starren Körper, legte ihren Kopf auf seine Brust, horchte, prüfte mit den Fingern die Halsschlagader, den Puls und begann, auf ihm kniend, sinnlos mit Herzmassagen, obwohl die grauvioletten Flecken auf seiner Haut bereits zusammenzufließen begannen.
Tom, komm zurück! flehte sie und merkte nicht, wie ihr die Tränen über das Gesicht liefen, wie laut sie schrie, während sie noch immer versuchte, seine Herztätigkeit zu reanimieren. Plötzlich hörte sie es trocken knacken und begriff – in ihrer Verzweiflung hatte sie Thomas zwei Rippen gebrochen. Erst jetzt hielt sie inne und starrte ihn fassungslos an. Sein Gesicht wirkte friedlich, seine Züge waren entspannt. Es sah aus, als schliefe er endlich ohne Anstrengung, obwohl seine Hände in die Luft ragten, als wolle er wie ein kleines Kind gehalten werden.
In den frühen Morgenstunden, kurz nachdem Vera aufgestanden war, um ein Schlafmittel zu nehmen, war er vermutlich an einem Herzinfarkt gestorben – und sie hatte es nicht bemerkt. Erschüttert ließ sie sich neben ihn auf ihre Betthälfte sinken, kuschelte sich eng an ihn und umschlang seinen leblosen, ausgekühlten Körper. Lange blieb sie so liegen, taub vor Schmerz und Entsetzen. Erst Stunden später gelang es ihr, sich zu erheben und das Notwendige zu veranlassen. Bevor ihr Mann von Fremden angefaßt, abgeholt und in die Pathologie gebracht wurde, füllte sie im Bad eine Schüssel mit warmem Wasser, trug sie zum Bett und wusch Thomas sorgfältig, so gut sie eben konnte, denn die Leichenstarre und die Schwere seines Körpers erschwerten ihr diesen letzten Dienst. Währenddessen redete sie mit ihm, denn Vera wollte glauben, er könne sie hören. Entgegen jeder wissenschaftlichen Logik öffnete sie das Fenster weit, damit seine Seele sich nicht eingesperrt fühle und wie ein Vogel hinaus ins Freie gleiten könne. Es dauerte einige Zeit, bis sie wieder in der Lage war, klare Gedanken zu fassen. Dann, plötzlich, glaubte sie zu wissen, was sie tun mußte und faßte einen Entschluß, der ihr, angesichts ihres toten Mannes, die Ohnmacht nahm und in eine seltsam absurde Euphorie versetzte.
Freitag, 11. Juli
In den Gängen und Räumen des Polizeipräsidiums war es warm und stickig. Hauptkommissar Jaspersen schwitzte, sein Oberhemd klebte auf der Haut. Er betrat sein Büro und schloß verärgert die Jalousie. Die Putzfrau hatte sie gestern abend hochgezogen, stellte er gereizt fest, und diese Unachtsamkeit ärgerte ihn. Inzwischen, es war bereits Mittag, hatte die Sonne ungehindert sein Büro aufgeheizt. Den ganzen Vormittag war er unterwegs gewesen, um routinemäßige Ermittlungen durchzuführen, wobei die Umstände dieses Leichenfundes zu außergewöhnlich waren, um allein kühle Routine walten zu lassen. Weil seine Kollegin, Kommissarin Kluge, sich heute wegen eines Arzttermins frei genommen hatte, war Jaspersen gezwungenermaßen mit Hubert Schedlbauer, dem neuen Mitarbeiter, ins Gallusviertel gefahren, und Schedlbauer besaß nicht unbedingt seine Sympathie, im Gegenteil. Jaspersen hatte Schedlbauer während der Untersuchung des Fundorts mehr oder weniger ignoriert, was dieser ihm natürlich übelnahm. Doch das hatte Jaspersen gar nicht bemerkt, ihn beschäftigten einzig und allein die Fakten und nicht die Empfindlichkeiten eines übereifrigen Kriminalbeamten.
Am frühen Morgen war in einer Mietwohnung, in der Kriegkstraße, Feuer ausgebrochen. Nachbarn hatten die Feuerwehr alarmiert. Es war den Feuerwehrleuten nur mit größter Mühe und Atemschutzmasken möglich gewesen, durch den Flur in die anderen Zimmer und schließlich in die Küche zu gelangen, wo sie dann den Brandherd lokalisieren und löschen konnten. Bei ihrem Vordringen durch die vermüllte Wohnung entdeckten die Feuerwehrmänner eher zufällig in einem der Zimmer ein menschliches Skelett, das inzwischen mumifiziert auf dem Bett lag. In einem anderen Raum, vermutlich war es einmal das Wohnzimmer, fanden sie einen Schlafenden, stark alkoholisiert, der sich später als Sohn der Leiche zu erkennen gab. Er nahm die Feuerwehrmänner erst wahr, als sie in das Zimmer eindrangen und ihn unsanft von der Matratze zerrten. Noch völlig benommen und desorientiert, war der Mann in Tränen ausgebrochen, und es war den Feuerwehrleuten nur unter Anwendung von Gewalt möglich gewesen, ihn aus der brennenden Wohnung zu bugsieren. Der mumifizierte Tote wurde ins Gerichtsmedizinische Institut gebracht, wo er obduziert werden sollte. Die Leiche, schätzte Jaspersen, war bereits vor mindestens einem Jahr verstorben, soviel Erfahrung besaß er. Aber woran war der Mann tatsächlich gestorben? Den betrunkenen Sohn hatte Jaspersen umgehend ins Präsidium bringen lassen, um ihm, wenn er wieder nüchtern war, einige Fragen zu stellen und die Umstände zu klären. Vor Ort war Frank Berger nicht imstande gewesen, vernünftige Sätze zu formulieren. Lallend und sichtlich unter Schock hatte er immer wieder beteuert, seinen Vater nicht getötet zu haben, der alte Mann sei schwer krank gewesen. Jaspersen glaubte ihm.
Was für eine Geschichte, dachte er jetzt und schüttelte den Kopf. Natürlich gab es des öfteren kuriose Todesfälle, doch so etwas hatte auch Jaspersen noch nicht erlebt. Manch ein Fall entpuppte sich als derart absurd, daß die Kriminalbeamten nach Abschluß ihrer Ermittlungen kaum fassen konnten, wie einfach die Lösung letztlich war. Es gab die unglaublichsten Zufälle und Umstände, die zum unnatürlichen Tod eines Menschen führen konnten, und selten handelte es sich wirklich um Mord. Hin und wieder mußten die Ermittler im nachhinein über die Verwegenheit ihrer eigenen hochkomplizierten Theorien lachen. Dieser Fall war jedoch nicht lächerlich, dachte Jaspersen, er war eher bezeichnend. Wenn ein Mensch mit der Leiche seines Vaters mehr als ein Jahr lang in einer Wohnung hauste, war das weder kurios noch gewöhnlich. Hier schien sich wieder einmal der deprimierende Wahnsinn des Alltags zu offenbaren. In diesem Fall ging es nicht um die Frage, wozu jemand fähig ist, sondern um seine Unfähigkeit. Jaspersen überlegte, warum ein Mensch derart gleichgültig werden konnte und wie er überhaupt den Gestank hatte aushalten können? Allein der Gedanke, daß der tote Vater im Zimmer nebenan verweste, dürfte normalerweise unerträglich sein.
Hubert Schedlbauer hatte es übernommen, die anderen Hausbewohner zu befragen. Sie behaupteten, nichts gerochen und den alten Mann und seinen Sohn kaum oder nicht gekannt zu haben. Oft genug wurden Verstorbene in ihren Wohnungen gefunden, deren Tod bereits Tage, Wochen und Monate zuvor eingetreten war. Das war zwar keine Seltenheit, jedenfalls nicht in einer Großstadt, doch in diesem speziellen Fall konstatierte Jaspersen eine Steigerung der Qualität. Hier handelte es sich nämlich nicht um einen einsamen, alten Menschen, der allein in seiner Wohnung vegetiert hatte, den niemand vermißte, sondern sein Sohn hatte bei ihm gelebt. Er hätte den zuständigen Behörden den Tod seines Vaters melden und die Leiche bestatten lassen müssen, das wäre normal gewesen. In der Erinnerung sah sich Jaspersen nochmals in der verwahrlosten und verwüsteten Wohnung um. Soweit er am Fundort feststellen konnte, war die Leiche unversehrt, auch Kannibalismus konnte ausgeschlossen werden. Auf den ersten Blick lag hier kein Gewaltverbrechen vor. Trotzdem, und das war Vorschrift, mußten alle nötigen Untersuchungen eingeleitet werden, die tatsächliche Todesursache würden dann die Pathologen herausfinden.
Anscheinend war der Mann schon seit längerer Zeit arbeitslos und ohne staatliche Bezüge, denn beim Arbeits- oder Sozialamt war er derzeit nicht gemeldet, wie Jaspersen inzwischen erfahren hatte. Er war also mittellos, als sein Vater starb, und eine Beerdigung war nicht gerade billig. Indem er den Tod seines Vaters verschwieg, ergaben sich rein rechnerisch einige Vorteile für ihn. Wahrscheinlich hätte er noch jahrelang so weitergelebt, wenn er nicht vergessen hätte, die Gasflamme abzudrehen. Der Topf auf dem Herd hatte zu glühen begonnen und die danebenliegenden Handtücher entzündet. Von dort konnte sich das Feuer ungehindert durch die reichlich herumliegenden Papierreste und Zeitungen fressen. Wenigstens den Brand hatten die Nachbarn bemerkt, und die Feuerwehr hatten sie wahrscheinlich nur gerufen, weil sie um ihre eigene Sicherheit fürchteten.
Armer Teufel, sagte Jaspersen leise, während ihm jetzt sein Name wieder einfiel.
Frank Berger, ein Name, so unauffällig wie der Mann, der ihn trug. Die äußerliche Verwahrlosung Bergers hatte Jaspersen im ersten Augenblick nicht wirklich registriert, er hatte nämlich nichts anderes erwartet. Genau das schien ihm jetzt bedenklich, offenbar dachte auch er längst in fertigen Schablonen, die wie auf Knopfdruck in seiner Vorstellung automatisch eingeblendet wurden und entsprechend funktionierten. Ein Penner, und alle schauen weg, gesehen und vergessen. Berger war nur einer von vielen, die aus der Bahn geworfen und aus Selbstmitleid zum Säufer wurden. Resignation, Alkoholismus, Selbstmord, mit ein wenig Glück vielleicht die Psychiatrie – eine logische Abfolge tragischer Geschehnisse. Das halten wir wirklich für normal und logisch? fragte sich Jaspersen irritiert.
Keinesfalls konnte Berger in diese Wohnung zurück, denn abgesehen vom Müll waren die Zimmer vollkommen verrußt und durchnäßt. Also hatte Jaspersen vorhin eine Mitarbeiterin gebeten, für Frank Berger einen Platz in einem Obdachlosen-Wohnheim zu finden, wenigstens vorübergehend. Eine andere Lösung war verwaltungstechnisch nicht vorgesehen.
Verdammt, seufzte er und verließ sein Zimmer Richtung Kantine. Wenn er etwas gegessen hatte, wollte er mit der Befragung beginnen, denn soviel Zeit würde Berger sicher noch benötigen, um sich zu fangen, und er selbst hatte Hunger.
Auf dem Weg zum Fahrstuhl ertappte er sich bei dem Gedanken an seinen eigenen Vater, was überaus selten und nur fragmentarisch geschah. Wie sollte er sich auch an einen Vater erinnern, der in dieser Eigenschaft kaum in Erscheinung getreten war. Jaspersen hatte nur ein schemenhaftes Bild von ihm, denn sein Vater war wenig daheim gewesen und früh aus seinem Kinderleben verschwunden. Seine Mutter pflegte zu sagen, seine Braut war die See. Das hatte in Edgars Kinderohren abenteuerlich und rätselhaft, ja verwegen geklungen. Tatsächlich war Edgars Vater als Matrose auf Handelsschiffen zur See gefahren. Seine Mutter war eine einfache Frau gewesen, die sich und Edgar damit ernährte, anderer Leute Kleidung zu ändern und Wäsche auszubessern. Sie neigte dazu, ihre Vergangenheit mehr zu verschweigen als zu enthüllen. Nicht etwa, weil sie delikate Geheimnisse zu verbergen suchte, sondern weil sie sich nicht erinnern wollte. Was vorbei ist, ist vorbei, lautete ein weiterer Standardsatz Dörte Jaspersens, wenn Edgar sich getraut hatte, sie nach seinem Vater zu fragen. Auch zu hoffen, hatte sie ihm eingeimpft, sei Unsinn. Es kommt ohnehin nicht, wie du es dir wünschst. Am meisten ärgerte ihn noch heute die Weisung seiner Mutter, nicht soviel zu denken. Denken sei Verschwendung von Energie. Gab es denn etwas, überlegte Edgar, was seine Mutter gedacht oder gehofft hätte? Die Erinnerung an seine Eltern stimmte ihn jedes Mal merkwürdig traurig. Edgar wußte nicht einmal, ob sein Vater wirklich in jenem Grab auf dem Altonaer Friedhof lag. Vermutlich war er auf See oder in einem exotischen Land verschollen, das nahm er zumindest an. Niemand hatte ihm je darüber Auskunft gegeben, weder im Familienkreis noch im Umfeld seiner Mutter, die nur wenige Freunde gehabt hatte. Befreit von jeglicher Erinnerung, vom Denken und Hoffen, ruhte Dörte Jaspersen längst auf dem Friedhof, und auf dem Grabstein war neben ihrem der Name seines Vaters eingraviert, ohne ein Geburts- oder Sterbedatum. Immerhin ein Grab, dachte Edgar. Sie hatte ihren Mann Johnny genannt, obwohl er Heinrich hieß, was Edgar erst erfuhr, als er seine Mutter beerdigte und zum ersten Mal in seinem Leben vor diesem Grabstein stand. Heinrich und Dörte Jaspersen, schon zu Lebzeiten hatte sie ein Doppelgrab gekauft und ihren Namen hinzugefügt. Plötzlich durchsummte sein Gehirn die Melodie eines Liedes, das seine Mutter oft gesungen hatte. Johnny, wenn du Geburtstag hast, bin ich bei dir zu Gast, die ganze Nacht … Am Ende des Liedes pflegte sie jeweils und mit Verachtung zu sagen: Nimm doch die Pfeife aus dem Maul, du Hund. Lange Zeit hatte Edgar nicht gewußt, wer das Lied im Original gesungen hatte. Melodie und Wortlaut hatte sein Gehirn nur als verzerrte Echos konserviert, bis er seiner Frau davon erzählte und ihr vorsummte, was sein Gedächtnis noch beherbergte. Olga erkannte das Lied und wußte selbstverständlich, wer es gesungen hatte. Inzwischen kannte er verschiedene Versionen von Marlene, aber niemals forderte sie am Ende des Songs diesen Johnny auf, er solle doch seine Pfeife aus dem Maul nehmen. Edgar forschte nicht weiter danach, für ihn gehörte dieser letzte Satz zum Lied und entsprach seiner Vorstellung von einem pfeiferauchenden Johnny, der sein Vater gewesen war. Vollkommen organisch, wollte es Edgar scheinen.
Der Gong des Fahrstuhls erklang, die Tür öffnete sich, und Jaspersen stieg ein.
Gedankenversunken nickte er dem Kollegen von der Wirtschaftskriminalität zu, der bereits im Fahrstuhl stand. Seltsam, dachte er, es gibt Gräber ohne Leichen und Leichen ohne Grab.
In den letzten Wochen hatten nur wenige schwere Gewalttaten wie Mord und Totschlag auf der Frankfurter Tagesordnung gestanden. Insgesamt hatte die Mordkommission eine ruhige Zeit gehabt, während es in anderen Dezernaten hektischer zugegangen war. Jaspersen war endlich dazu gekommen, Protokolle zu lesen, Akten aufzuarbeiten, sich in Ruhe auf seine Aussagen bei laufenden Prozessen vorzubereiten. Er hatte genug Papierkram auf dem Tisch, um sich einige Wochen damit beschäftigen zu können. Den Fall Berger empfand er als willkommene Abwechslung, denn er saß nicht gern im Präsidium herum. Schreibtische hatten für ihn etwas Lähmendes, er brauchte Bewegung und frische Luft.
Stumm fuhren die beiden Beamten zur häßlichsten Kantine Frankfurts hinunter und stiegen nacheinander aus dem Fahrstuhl, ohne sich auch nur anzusehen. Der riesige Speiseraum war unwirtlich und kahl, nicht eine lebende Pflanze gab es dort, nichts, woran die Augen sich freuen könnten. Nackte weiße Plastiktische, rote Plastikstühle, ein kaltes Ensemble, das nicht gerade appetitanregend oder einladend wirkte. Gerade hier, dachte Jaspersen, wäre es doch angebracht, für Auflockerung und visuelle Entspannung zu sorgen, schließlich war der Polizeidienst an sich nicht besonders erfreulich, aber darüber schien der Betreiber niemals nachgedacht zu haben. Selbst vor dem Polizeipräsidium hatte das neue wirtschaftliche Denken nicht haltgemacht, der Kantinenbetrieb war an einen Pächter vergeben worden, der selbstverständlich darauf bedacht war, auch hier die Kosten zu minimieren. Das grandiose Wunder- und Allheilmittel, das inzwischen in fast allen Bereichen Einzug gehalten hatte, nannte sich Outsourcing und hatte erwiesenermaßen mehr Nach- als Vorteile. Und so wirkte der Raum wie ein Speisesaal in einer Justizvollzugsanstalt, was das Polizeipräsidium im übertragenen Sinne durchaus war.
Schon auf dem Gang roch es nach altem Kaffee und abgestandenem Küchendunst. Jaspersen hielt kurz die Luft an, weil es ihm stank. Er ließ dem Kollegen den Vortritt und trottete auf dem Flur hinter ihm her. Weder wußte er seinen Namen noch hatte er Lust, ein belangloses Gespräch anzufangen, er kannte ihn nur vom Sehen.
Wenigstens war die Kantine klimatisiert, eine erfrischende Kühle empfing ihn, und das tat ihm gut. Die ungewöhnliche Hitze der letzten Tage lähmte nicht nur den Bewegungsapparat, sie erweichte das Gehirn, und es fiel nicht nur Edgar Jaspersen schwer, konzentriert zu arbeiten und zu denken. Gerade als er sein Tablett mit einem Schnitzel, Kartoffelsalat und eiskalten Getränken beladen hatte und zu einem Tisch jonglierte, vibrierte sein Handy am Gürtel. Als er das Tablett abstellte, hörte es auf. Franz Bischoff, der Staatsanwalt, wollte ihn erreichen, FB stand auf dem Display. Er würde ihn später zurückrufen, beschloß Jaspersen und trank erst einmal ein Glas Wasser. Appetit hatte er nicht, aber sein Magen verlangte nach fester Nahrung, und er ließ sich Zeit beim Essen, denn es konnte dauern, bis Frank Berger ausgenüchtert und vernehmungsfähig sein würde.
Den Nachtisch, der aus drei gekühlten Negerküssen bestand, nahm er in seinem Büro ein. Allen guten Vorsätzen zum Trotz konnte er der süßen Verlockung nicht widerstehen. Er wurde beim Naschen unterbrochen, denn es klopfte an seiner Tür. Ein Beamter in Uniform fragte, ob sie den Mann jetzt bringen sollten. Berger sei einigermaßen klar, doch Jaspersen wehrte ab. Moment noch, bedeutete er dem Kollegen. Zuerst wollte er im Rechtsmedizinischen Institut anrufen und sich erkundigen, was die Beschau der Leiche ergeben hatte. Aus Gewohnheit wählte Jaspersen Professor Winters Nummer in der Pathologie, wohl wissend, daß Winter sich im Urlaub befand.
Rutloff, meldete sich eine Stimme.
Hauptkommissar Jaspersen. Tag auch. Wie sieht es mit der Berger-Leiche aus? Haben Sie schon konkrete Befunde?
Das dauert noch, Herr Jaspersen. Sie haben es selbst gesehen, der Zustand der Leiche ist für schnelle Untersuchungsergebnisse ungeeignet. Augenscheinlich liegt keine äußere Gewaltanwendung vor, Fremdeinwirkungen sind bisher nicht feststellbar. Der Tote war Diabetiker, was möglicherweise auch eine Todesursache sein könnte. Anscheinend ist der Mann letztendlich erstickt.
Erstickt, wiederholte Jaspersen.
Ja, dafür gibt es verschiedene Hinweise. Wir haben gerade begonnen, die Haut des Toten untersuchen zu lassen. Als wir sie unter dem Mikroskop betrachteten, fanden sich gewisse Eigentümlichkeiten.
Wann kann ich mit konkreten Ergebnissen rechnen?
Nicht vor morgen nachmittag.
Also starb der Mann eines natürlichen Todes, hakte Jaspersen nach.
Ich denke schon, ziemlich sicher. Eine Anfrage bei der zuständigen Krankenkasse und dem behandelnden Arzt sollte unsere Befunde untermauern.
Danke, sagte Jaspersen und legte auf.
Er hatte Dr. Rutloff, die rechte Hand Professor Winters, längere Zeit nicht gesehen, fiel ihm ein. Er hätte wenigstens fragen können, wie es geht. Manchmal war er wirklich ein unhöflicher Mensch, aber wer ihn kannte, wußte seine direkte Art auch zu schätzen.
Dann bat Jaspersen den Beamten, Berger in sein Zimmer zu bringen. Frank Berger, Jaspersen hatte ihn bei ihrer ersten Begegnung auf Anfang sechzig geschätzt, befand sich in einem bedauernswerten Zustand. Strähnig hingen die dünnen, ungepflegten Haare auf seine Schultern herab, und sein Gesicht war von unzähligen Falten zerfurcht. Laut Angaben in seinem Personalausweis, und es gab keinen Grund, an der Echtheit des Dokumentes zu zweifeln, war er jedoch erst siebenundvierzig. Wie Jaspersen unschwer bemerken konnte, war er weder rasiert noch gewaschen. Der Geruch wurde durch die schweißtreibende Hitze noch verstärkt. In gebeugter Haltung betrat der Mann das Zimmer, unsicher nahm er Platz, und Jaspersen sah, wie sehr er nach einer Zigarette jieperte, denn Berger fixierte die Zigarettenschachtel, die vor ihm auf dem Tisch lag. Aus Verlegenheit hustete er, was seine Bronchien in Aufruhr versetzte. Er brauchte eine Weile, um abzuhusten, es klang nicht gesund. Mitfühlend reichte Jaspersen ihm eine Gitanes. Dankbar nahm Berger sie an, wobei seine Hände stark zitterten. Jaspersen erhob sich, gab Berger Feuer und schaltete den Ventilator auf die höchste Stufe, was nicht viel half.
Bergers Kleidung sah aus, als habe er sie seit Monaten nicht gewechselt. Die Schlaghose, ursprünglich wohl eine Blue Jeans, glänzte braunspeckig. Ein Original aus den siebziger Jahren, nämlich eine Hose seines Vaters und die letzte im Haushalt, die vor Zeiten noch sauber gewesen war. Dazu trug Berger ein ehemals helles T-Shirt, dessen Farbe undefinierbar war. Es starrte vor Dreck und Flecken. Auf seinen Schultern hing eine abgewetzte Lederweste, deren zahlreiche Taschen so ausgebeult waren, als habe er Bleigewichte darin versenkt. In diesem Kleidungsstück bewahrte er sämtliche lebenswichtigen Utensilien auf. Unter anderem fanden die Beamten bei der Personen-Durchsuchung darin eine kleine Taschenlampe, mehrere Kugelschreiber, ein Schweizer Taschenmesser für eventuelle Notfälle, wie Berger betonte, ein Bandmaß, die Kündigung seines Arbeitgebers. Etwas Kleingeld, diverse Schlüssel, seine Geburtsurkunde, die EC-Karte und die letzten Kontoauszüge seines Vaters, zerschlissene Fotos, die ihn als jungen Mann mit Dauerwelle zeigten, seinen Personalausweis. Drei Glaskugeln zum Klickern und eine leere Packung Präservative. Sein ganzes unsortiertes Leben schien Berger mit sich herumzutragen.
Ich habe meinen Vater nicht getötet, sagte er mit brüchiger Stimme. Das schwöre ich. Er war krank, schon lange, berichtete er, ohne von Jaspersen gefragt worden zu sein.
Wie die Krankheit hieß, habe ich vergessen. Ehrlich, Herr Kommissar. Vater sagte, er müsse daran ersticken. In diesem Stadium gab es keine Hilfe mehr, das hatte der Arzt ihm verkündet.
Frank Berger sog an der Zigarette, als enthielte der Rauch ein lebenswichtiges Elixier, das tief inhaliert werden mußte. Jaspersen hörte ihm zu, während er sich selbst eine Zigarette anzündete, auch um den strengen Geruch, der sich in seinem Büro ausbreitete, zu überdecken. Frank Berger erzählte, er habe seinen Job als Teilkonstrukteur vor zwei Jahren zum zweiten Mal und damit endgültig verloren. Gerade ein halbes Jahr sei er erst wieder in der Firma gewesen, als der nächste massive Stellenabbau erfolgte. Berger war einer der ersten Mitarbeiter gewesen, die gehen mußten, streng nach dem Sozialpunkte-System.
Ich hatte wohl nicht genug Soziales vorzuweisen, fügte er bitter lachend hinzu.
Davor war er bereits längere Zeit arbeitslos gewesen. Und er war doch damals so froh, wieder in seinem Beruf, noch dazu in seiner alten Firma arbeiten zu dürfen. Nach der zweiten Entlassung, erklärte er, war für ihn alles zusammengebrochen. Zu jenem Zeitpunkt hatte er angefangen, zu trinken, zu zocken und zu wetten, um sich abzulenken. Schneller, als er begreifen konnte, war er hoch verschuldet und zahlungsunfähig. Auch deshalb trennte sich seine langjährige Verlobte von ihm und schmiß ihn aus der Wohnung.
Das hat mir den Rest gegeben, bemerkte Berger und hob die Schultern. Sie wissen schon, Herr Kommissar.
Jaspersen wußte es nicht, jedenfalls nicht aus eigener Erfahrung, und er war froh darüber.
Nüchtern schien Berger ein intelligenter Mensch zu sein, sogar zu kritischer Selbsteinschätzung fähig. Ein Mann also, mit ganz normalen Voraussetzungen, einer Schul- und Berufsausbildung und realistischem Blick auf die Dinge. Berger sagte, er habe seine Selbstachtung auf dem Schlachtfeld des globalisierten Arbeitsmarktes verloren. Bis zu einem gewissen Punkt konnte Jaspersen Berger verstehen, er war nicht der erste und einzige, dem es so erging. Aber er hatte zuvor noch nie von jemandem gehört, der seinen toten Vater ein Jahr lang nebenan im Schlafzimmer verwesen ließ, um von dessen Rente zu leben.
Reichlich makaber, dachte Jaspersen und räusperte sich.
Nachdem seine Verlobte ihn rausgeschmissen hatte, erklärte Berger, war er kurzerhand zu seinem kranken Vater gezogen, der sich darüber freute, denn die Krankheit ging gerade ins akute Stadium über, er brauchte dringend Pflege und Hilfe, ins Heim wollte sein Vater auf gar keinen Fall. Er hatte damals ohnehin nichts anderes zu tun gehabt, und wohin hätte er denn gehen sollen? Freunde hatte er keine, nie gehabt, nur ein paar Bekannte aus dem Sportverein und seiner Stammkneipe, denen schuldete er allerdings Geld. Aus der gemeinsamen Wohnung hatte er nichts mitgenommen, bis auf seine Papiere und einen Koffer mit Klamotten, den Moni, seine Ex-Verlobte, ihm vor die Tür gestellt hatte. Wohin auch mit dem Kram, bei seinem Vater hatte er doch alles, was er brauchte. Schlimm war, meinte Berger, mitansehen zu müssen, wie sein Vater über Wochen hinweg erstickte, das Sterben hatte ewig gedauert. Und als er endlich erlöst war, hatte er sich nicht getraut, den Todesfall zu melden. Die Hausverwaltung hätte ihn auf die Straße gesetzt, einen Umzug konnte er sich nicht leisten, auch das Begräbnis nicht bezahlen, und er wollte für seinen Vater ein richtiges Grab, mit einem schönen Stein und Blumen drauf, wie es sich gehörte.
Haben Sie denn keine Arbeitslosen- oder Sozialhilfe bekommen? Hätten Sie nicht wenigstens Wohngeld beantragen können? fragte Jaspersen.
Berger schniefte abfällig durch die Nase, als hätte Jaspersen überhaupt keine Ahnung. Hartz IV – er sei doch kein Bettler, betonte er. Überhaupt nichts wollte er mit Ämtern zu tun haben, mit diesen Sachbearbeitern. Berger hatte seinen Stolz, einen abwegigen Stolz, den Jaspersen schlichtweg für ruinös hielt.
Einige Tage nach dem Tod seines Vaters fiel ihm ein, daß die bescheidene Rente automatisch weiter auf das Konto überwiesen wurde. Miete, Gas- und Stromkosten wurden abgebucht, wenn Berger alles beim alten beließ. Mit der EC-Karte seines Vaters konnte er das nötigste vom Konto abheben, mal einen trinken gehen. Auf der Straße, bei den Pennern, sagte er, wollte er nicht landen. Dann hätte er sich gleich einen Strick nehmen können.
Hat es Ihnen denn nichts ausgemacht, mit der verwesenden Leiche, in diesem Gestank zu leben? fragte Jaspersen.
Der Mensch gewöhnt sich an alles, antwortete Berger und sah über diese Feststellung bekümmert aus.
Am Ende lande ich doch dort, wo ich niemals hin wollte. In einem Obdachlosen-Heim, unter einer Brücke, dann lieber an einem Baum …
Jaspersen schluckte, er empfand Mitgefühl für Berger, was er sich in seinem Beruf nur selten leistete. Für ihn stand fest, dieser Mann hatte den Tod seines Vaters nicht verschuldet oder billigend in Kauf genommen. Trotzdem mußte er den endgültigen Bericht der Autopsie abwarten, bevor er die Akte schloß und Bergers Vater anonym beigesetzt werden konnte.
Leider haben wir Ihnen nur einen Platz in einem Wohnheim besorgen können, sagte Jaspersen zum Abschluß. Er vermied das Wort obdachlos in jeglicher Zusammensetzung.
Ach, sagte Berger. Und wo?
Im Ostpark, in der Natur. Wir haben leider keine anderen Möglichkeiten, Herr Berger. Bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung, bis wir den abschließenden Obduktionsbericht erhalten haben. Die Kollegin in Zimmer 2013 wird Ihnen alles Weitere erklären.
Wortlos schlich Frank Berger aus dem Zimmer, während Edgar sich abwandte, um aus dem Fenster hinunter auf den Alleenring zu sehen. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, aber er konnte Berger nun wirklich nicht mit nach Hause nehmen.
Inzwischen war es früher Abend, die Pendler strömten stadtauswärts, andere kehrten nach Frankfurt zurück. Nachdem er noch eine Zigarette geraucht hatte, nahm er das Tonband aus dem Gerät und legte es beiseite, damit die Vernehmung protokolliert werden konnte. Dann öffnete er die Tür zum Gang. Auch die anderen Kollegen hatten ihre Türen und Fenster aufgerissen und sie mit Keilen oder anderen Gegenständen fixiert. Viel Durchzug entstand dabei nicht. Drückend lag die Schwüle auf der Stadt, in den Straßen, hielt sich im Gemäuer.
Der neue Mitarbeiter, Hubert Schedlbauer, der ursprünglich Sabine Kluge im Mutterschutz hätte ersetzen sollen, schlurfte an Jaspersens offener Tür vorüber. Jaspersen war unsagbar erleichtert gewesen, als Sabine unerwartet schnell einen Krippenplatz für ihre Tochter erhalten hatte, nur ein halbes Jahr hatte er auf sie verzichten müssen. Hubert Schedlbauer war nicht nach seinem Geschmack, wie er es ausdrückte. Aber wer war schon nach Jaspersens Geschmack? Bei Sabine hatte es schließlich auch längere Zeit gedauert, bis er sich an sie gewöhnt hatte. Dabei ließ Jaspersen völlig außer Betracht, wie schwer es für andere sein könnte, sich an ihn und seine Eigenarten zu gewöhnen.
Es war immer noch ruhig beim K 11, und das hatte nicht nur Jaspersen gutgetan, auch seine Kollegen waren weniger hektisch und gestreßt. Einige, von denen er es nie erwartet hätte, waren freundlich und lächelten, wenn sie grüßten. Selbst sein Dienststellenleiter, Hilmar Krott, schien milder gestimmt. Jaspersen erinnerte sich nicht, wann es schon einmal eine derartige Flaute gegeben hatte, sogar die Selbstmörder pausierten. Wie angenehm, dachte er und hoffte, dies sei nicht die Ruhe vor dem Sturm.
Eben weil es schon seit Ende Mai so ruhig war, hatte Edgar unbesorgt drei Wochen lang mit seiner Frau in Urlaub fahren können. Sie waren in Griechenland gewesen und hatten sich ausgiebig erholt und antike Stätten besucht. Olga hatte auf Griechenland bestanden, er wäre lieber nach Norwegen oder Finnland gereist, schon wegen der Temperaturen. Sie wollte Kultur und Natur miteinander verbinden, außerdem bestand sie auf Sonne und Hitze, schon wegen ihrer Gelenkschmerzen. Als sie in Igoumenitsa an Land gingen, blühte und grünte es überall. Der griechische Winter und das Frühjahr waren kalt und regnerisch gewesen, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Edgar hatte sich Griechenland trocken und spröde vorgestellt. Die üppige Vegetation überraschte ihn, und er verliebte sich auf Anhieb in diese reizvolle Küstenlandschaft. Das blieb jedoch nicht die einzige Überraschung dieses Urlaubs. Nach zwei Wochen der Entspannung, an einem Abend in einer Fischtaverne und nach einigen Gläsern Wein, gestand Olga ihrem Mann endlich, daß sie ihrem Agenten gekündigt hatte. Grund dafür waren ihre gesundheitlichen Probleme, die sie bis dahin ihrem Agenten und, in ihrem ganzen Ausmaß, auch Edgar verschwiegen hatte. Der Arzt hatte Olga geraten, sich eine Zeitlang zu schonen, er sprach von einem Jahr Pause, einer Kur und nachhaltiger Medikation gegen die Arthrose. Dann, erklärte Olga, könne sie auch gleich aufhören, schließlich sei sie nicht mehr die Jüngste, und ein Jahr Unterbrechung sei eine lange Zeit in ihrem Beruf. Sie werde nicht wieder dort beginnen können, wo sie jetzt aufhöre, nämlich auf dem Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere. Ohne Edgar einzuweihen oder sich mit ihm zu besprechen, hatte sie ihren Vertrag gekündigt. Daraufhin hatte der Agent ihr angedroht, sie zu verklagen. Edgar Jaspersen wußte zwar, daß Olga unter Gelenkschmerzen, vor allem in den Schultern und Händen litt, trotzdem überrollten ihn ihre Offenbarungen. Über ihre Kündigung hatte er sich keineswegs geärgert, insgeheim hatte es ihn sogar gefreut. Nur die vom Agenten angedrohte Klage hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Für Edgar bedeutete es vor allem, Olga würde nicht mehr dauernd auf Konzertreisen sein, er sähe sie jeden Tag, und ihr Kater würde auch davon profitieren. Er und Zorbas wären weniger allein. In diesen angenehmen Gedanken vertieft, grinste Jaspersen vor sich hin, als plötzlich Ralf Möller, Chef der Spurensicherung, in sein Büro kam. Möller wollte ihm die vorläufigen kriminaltechnischen Ergebnisse zu Bergers Wohnung übergeben.
Sehe ich aus wie ein Witz? fragte Möller, der sich Jaspersens Grinsen nicht erklären konnte.
Nicht wirklich, erwiderte Jaspersen.
Möller machte eine abfällige Handbewegung und schmiß ihm die Mappe auf den Tisch. Der ewig gestreßte Möller wirkte heute, trotz seiner Fahrigkeit, ausgeglichener als sonst auf ihn. Er war nun einmal ein Griesgram, was Jaspersen ihm nicht übelnahm, denn in gewisser Weise waren sie sich ähnlich. Sie schätzten und respektierten einander, vor allem auf fachlichem Gebiet.
Das war eine Schweinerei in der Wohnung, sagte Möller. Ich denke, es wird bei dem bleiben, was wir bereits wissen.
Denke ich auch, meinte Jaspersen. Der Mann hat genug Probleme. Wenn wir den Bericht aus der Pathologie haben, können wir den Fall abschließen.
Möller nickte zustimmend.
Ach, bevor ich es vergesse, wir haben in der Wohnung einige Ampullen Insulin gefunden.
Hmh, machte Edgar und nickte. Frank Bergers Vater soll Diabetes gehabt haben, Dr. Rutloff hatte es erwähnt.
Möller verabschiedete sich ins Wochenende, und Edgar hob müde die Hand zum Gruß.
Jetzt fiel ihm wieder ein, daß Franz Bischoff angerufen hatte und heute Freitag war. Wahrscheinlich wollte Franz sich noch einmal vergewissern, ob sie am Abend Skat spielten, wie jeden Freitag, wenn der Dienstplan es zuließ. Dazu müßte Edgar erst Sabine Kluge fragen, denn ob sie heute abend zur Verfügung stand, war nicht sicher. Sie hatte ihm noch keine Nachricht zukommen lassen, wunderte sich Jaspersen. Ohne Sabine und Hans Winter, der sich noch in Island befand, wären sie nur zu zweit. Er stellte sich mit der Brust vor den Ventilator und ließ sich bedüsen, während er Bischoffs Nummer wählte. Den Wind und die norddeutsche Küste vermißte Edgar sehr, obwohl er schon seit mehr als dreißig Jahren in Frankfurt lebte. Bischoff meldete sich, und Jaspersen flunkerte, er habe Sabine noch nicht erreicht. Das sei nicht mehr nötig, erklärte Franz, er habe mit ihr gesprochen. Sie kommt, sie hat einen Babysitter.
Du hast mit ihr gesprochen? fragte Edgar erstaunt.
Ja, vor zehn Minuten, bestätigte Franz.
Wieso?
Wieso nicht? entgegnete Bischoff.
Jaspersen war mehr als überrascht, seit wann telefonierte Franz Bischoff privat mit Sabine Kluge? Sie war schließlich seine Partnerin und Kollegin. Wie kam er dazu? Sabine wollte ihn, Edgar, anrufen. So und nicht anders war es ausgemacht.
Na denn, sagte Jaspersen und legte abrupt auf.
Was er empfand, war anscheinend Eifersucht. Aber er wollte es nicht so nennen, denn das konnte keinesfalls im Zusammenhang mit Sabine stehen. Und doch war es so.
Samstag, 12. Juli
In der Lerchesberg-Siedlung duftete es nach frisch gesprengtem Rasen und feuchtwarmer Gartenerde. Rosen, Jasmin und Levkojen entfalteten hemmungslos ihre Düfte. Über den Gärten der Häuser schwebte zudem der Geruch gegrillter Würstchen und Steaks – eine aufreizende Mischung grundverschiedener Aromen. Hier und da waren Stimmen und das Lachen von Männern und Frauen zu hören. Matthias Schwandt bemerkte nichts von alldem, er saß in seinem vollklimatisierten Mercedes, die Scheiben hochgefahren, die Türen verriegelt. Frankfurt glich einem Treibhaus, selbst in den Randgebieten, wo es normalerweise etwas kühler war, brütete der Sommer. Jedes Kleidungsstück war eine Last, die Frankfurter schliefen nackt. Und obwohl es bereits nach zweiundzwanzig Uhr war, verzeichnete das Thermometer noch 30 Grad Celsius.
In diesem Augenblick bog Matthias Schwandt vom Letzten Hasenpfad in den Bertha-von-Suttner-Ring ab, noch war er guter Dinge und ahnungslos. Der Himmel über Frankfurt war sternenklar. Kein Blatt bewegte sich im Wind, träge floß der Main durch die Stadt. Seine Ufer waren selbst um diese Uhrzeit noch bevölkert von unzähligen Menschen, die sich dort Kühlung erhofften. Auf den Wiesen am Main campierten die Frankfurter Hinterbacke an Oberschenkel gedrängt. Geschäftstüchtige Leute hatten provisorische Stände aufgebaut, wo sich die ausgelaugten Großstädter Erfrischungen und Würstchen kaufen konnten, manche brachten ihren eigenen Grill, Kohle, Fleisch und Getränke mit. Beinahe war es ein Treiben wie beim alljährlich stattfindenden Mainuferfest, nur der Lärm, die Bands und die massenhaft aufgebauten, professionellen Verkaufsbuden fehlten. Ein Feuerwerk gab es auch nicht. Einige Verwegene wagten sich in den Main und badeten. Es war die bisher wärmste Nacht des Jahres und so schwül, daß allein das Atmen Schweißausbrüche hervorrief. Seit zwei Wochen hatte es nicht geregnet.
Matthias Schwandt erreichte sein Grundstück, per Knopfdruck ließ er das Tor zur Garageneinfahrt und die Garagentür auffahren. Beschwingt schlug er die Autotür zu, schloß den Wagen ab und verließ die Garage. Die Wärme schlug ihm entgegen, als habe er eine Tür aufgerissen, hinter der sich eine Sauna befand. Zuerst bekam er eine Gänsehaut, danach begann er sofort zu schwitzen. Heute war er in bester Laune, und das lag nicht nur an seinem neuen Firmenwagen, einem Mercedes der S-Klasse, den er für eine Offenbarung hielt. Obwohl die anderen Firmenwagen erst zwei Jahre gelaufen waren, hatte er darauf bestanden, für die Mitglieder der Geschäftsleitung neue Dienstwagen anzuschaffen. Nötig wäre es nicht gewesen, doch endlich fuhr er das gleiche Modell, das der große Joachim Altdorf seiner Frau als Zweitwagen geschenkt hatte. In beinahe jeder Hinsicht war Joachim Altdorf maßgeblich für Matthias Schwandt. Seinem Vorbild nacheifernd, setzte Schwandt sich durch, denn er besaß wie Altdorf alle Eigenschaften, die einen hochdotierten Manager ausmachten. Auch bei der Neuanschaffung der Dienstwagen hatte er seinen Willen konsequent durchgedrückt. Durchsetzungsvermögen war eine seiner hervorragendsten Eigenschaften, auch deshalb war er von Altdorf und den anderen Vorstandsmitgliedern als Erster Geschäftsführer der neu eingekauften Tochterfirma eingesetzt worden. Obwohl es um die Finanzen der Firma momentan nicht allzu gut stand und es fraglich war, ob die Gehälter der Angestellten in diesem Monat ausgezahlt werden konnten, hatte Schwandt auf der Neuanschaffung bestanden, denn er war sich sicher, er würde eine Bank finden, die bald schon neue Kredite bewilligte. Wenn es um Verhandlungen mit Banken ging, war er unschlagbar. Er rechtfertigte den Kauf der neuen Autos mit dem Erscheinungsbild eines erfolgreichen Geschäftsführers, und dazu gehörte insbesondere der Wagen, mit dem er bei Banken und potentiellen Auftraggebern vorfuhr. Es kam schließlich nicht nur auf eine geschickte Verhandlungsstrategie an, sondern vor allem auf das Auftreten, der erste Eindruck war maßgeblich. All dieser Dinge war sich Schwandt stets bewußt, in jedem Augenblick seines Berufslebens. Niemals würde er sich gehenlassen oder Unsicherheit zeigen, was eine große Anstrengung bedeutete, von der die wenigsten etwas ahnten, nicht einmal Anita, seine Frau. Tatsächlich war er auch in seinem Privatleben ein souveräner Mensch, der seine Gefühle unter Kontrolle hatte. Nur manchmal, er mußte es zugeben, war es ungeheuer schwer, nicht die Beherrschung zu verlieren.
Bestens aufgelegt schleifte er seine Golftasche über den Rasen zum Hauseingang. Die Schläger klapperten leicht aneinander, als er die Stufen hinaufging. Die Fenster der geräumigen Villa waren dunkel, denn Anita war mit den beiden Söhnen nach Freiburg gefahren. Die Kinder hatten Schulferien, und wie in jedem Sommer brachte Anita die Jungs für zwei Wochen zu ihrer Mutter. Das Wochenende gehörte also ihm, Anita wollte erst am Dienstag oder Mittwoch zurückkommen. Den genauen Zeitpunkt ihrer Rückkehr hatte er vergessen, froh, endlich allein im Haus zu sein. Seine Frau und die Kinder nach Freiburg zu begleiten, hatte er unter dem Vorwand abgelehnt, in der Firma dringende Arbeiten erledigen zu müssen. In der nächsten Woche lagen tatsächlich mehrere wichtige Verhandlungen und Entscheidungen vor ihm, und er sollte sich am Wochenende intensiv darauf vorbereiten. Schwandt freute sich auf ein paar stille Tage ganz für sich, ohne Kinderlärm und Wochenendprogramm, denn die angespannte Situation in der Firma forderte seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Für Mittwoch war von Joachim Altdorf eine außerordentliche Sitzung anberaumt, dort sollte er den Vorstandsmitgliedern und dem Aufsichtsrat des Mutterkonzerns über seinen Geschäftsbereich Rede und Antwort stehen. Ungünstigerweise lagen die letzten abgewickelten Aufträge seiner WABCO fast ausnahmslos im Minus, aber mit etwas gutem Willen und Überzeugungskraft konnte er die roten Zahlen schönfärben, auf seinen Hauptbuchhalter und die anderen beiden Geschäftsführer konnte er sich verlassen.
Darüber hinaus hatte er einfach keine Lust verspürt, mit der Familie das Wochenende bei seiner Schwiegermutter in Freiburg zu verbringen, zumal sein Verhältnis zu ihr nicht gerade gut zu nennen war. Stundenlang konnte sich Anitas Mutter über ein Thema auslassen, alles wußte sie, er brauchte nur einen Satz zu beginnen, schon führte sie ihn weiter, selbst wenn sie ihn fragte, wie es ihm ging, beantwortete sie selbst diese Frage. Ständig ermahnte sie ihn, sich bewußt zu ernähren, zu leben, zu atmen, bewußt zu pinkeln. In ihrem Haus hatte sie sogar ein Humusklo einbauen lassen – das allein genügte ihm, dieses ökologisch durchkomponierte Haus, wie sie es bezeichnete, wenn es irgend ging zu meiden. Kein Wunder, daß sein Schwiegervater, er nannte ihn nur armer Erwin, sich nach siebenunddreißig Jahren Ehe hatte scheiden lassen, dachte Schwandt und zog ein abschätziges Gesicht. Wäre er an Erwins Stelle gewesen, hätte er diese gekünstelte Natürlichkeit von vornherein unterbunden. Das ganze Geschwätz und Getue zeugte für ihn nicht von Bewußtheit, sondern von Bewußtlosigkeit. Wenn Anita damit anfinge, ihn ständig zu indoktrinieren, würde er vielleicht doch die Beherrschung verlieren. Solange sie nach ihrem Mondkalender nur den Garten malträtierte, ließ er sie gewähren. Um den Garten und die Kinder konnte er sich ohnehin nicht kümmern, dazu fehlte ihm die Zeit, außerdem war es für ihn naturgemäß Anitas Aufgabe. In gewisser Hinsicht war er eben altmodisch oder, wie Anita sagte, ein Macho. Na und, er verdiente schließlich das Geld.
Er kramte in seinen Taschen und suchte den Hausschlüssel. Wo hatte er ihn verstaut? Endlich fand er ihn in seiner Golftasche. Grinsend steckte er den Spezialschlüssel in das obere Sicherheitsschloß, das gleichzeitig die Alarmanlage außer Betrieb setzte. Eigentlich brauchten sie für das Haus keine derartig aufwendige Sicherung, aber Joachim Altdorf hatte ihm geraten, genau diese Anlage installieren zu lassen. Die Firma hatte die Kosten dafür übernommen, denn es galt das Leben einer wichtigen Persönlichkeit zu schützen. Schwandt war Topmanager und trug Verantwortung, irgendwann in den nächsten Jahren oder noch früher, wenn Altdorf sich aus dem Geschäft zurückzog, würde er sein Nachfolger werden. Das hoffte er nicht nur, er wußte es, denn Altdorf hatte die Vorstände und die Aufsichtsräte der Anlagenbau-Gesellschaft bereits in diese Richtung eingestimmt und den Weg geebnet. Es gab nur einen Risikofaktor, der diese Zukunft in Frage stellen konnte, und das waren die finanziellen Engpässe der Gesellschaft in einer unsicheren wirtschaftlichen Situation. Die Banken, die Bürgschaften, die laufenden Verbindlichkeiten, die Auftragslage, der Ärger mit dem neuen Hauptaktionär der ABG – all diese Faktoren waren momentan nicht optimistisch einzuschätzen. Die ABG hatte eine milliardenschwere Altlast zu tragen, die der Vorgänger Altdorfs zu verantworten hatte. Ein risikoreiches Termingeschäft an der Börse war fehlgeschlagen, und die Banken hatten keine weitere Geduld gezeigt, sondern den Geldhahn zugedreht. Hätten sie noch drei Monate gewartet, wäre es das Geschäft des Jahrhunderts geworden, auch für die Banken.
Schwandt wollte jetzt nicht weiter darüber nachdenken, es vermieste ihm die Stimmung, denn er fühlte sich gut heute abend, ja befreit. Zwar hatte er beim Golfen nicht das ganz große Glück gehabt, doch ein paar interessante Schläge waren ihm gelungen. Sechs Stunden hatte er auf dem Platz verbracht, dann hatte er mit seinen Mitspielern im Club ausgiebig zu Abend gegessen. Es hatte ihm gutgetan, einmal abzuschalten, nicht an die geschäftlichen Probleme zu denken, ganz er selbst und zufrieden sein zu dürfen, sogar seine Kopfschmerzen, unter denen er ständig litt, waren verflogen. Mit seinen achtunddreißig Jahren meinte Schwandt, dort angekommen zu sein, wo er hingehörte, dafür hatte er hart gearbeitet. Joachim Altdorf zählte zu seinen persönlichen Freunden, soweit er überhaupt Freunde hatte. Neunzig Prozent seines Lebens gehörten der Karriere, dem Beruf, entsprechend wenig Zeit blieb für Persönliches.
Als er den weiträumigen Vorplatz im Erdgeschoß seines Hauses betrat, beschloß er, es sich heute abend richtig gutgehen zu lassen und nicht mehr zu arbeiten, wie er es noch auf der Rückfahrt vom Golfplatz vorgehabt hatte. Schwandt schaltete in der holzgetäfelten Diele das Licht ein, schmiß seine Tasche in die Ecke und freute sich über die Ruhe im Haus.
Ich schaffe das trotzdem, rief er leise und von Ehrgeiz durchdrungen, bis Mittwoch würde ihm eine vorteilhafte Interpretation der Bilanzen einfallen. Ab und an mußte er sich selbst anfeuern, jeder Motor brauchte einen Antrieb, und heute abend gönnte er sich eine Auszeit.
Relax, schrie er durch das Haus, hob den Arm und ballte die Faust. Gut, daß ihn niemand sehen konnte.
Anitas Parfümduft schwebte wie immer in der Luft. Beschwingt öffnete er die Fenster in Wohn- und Speisezimmer und die Küchentür, die in den Garten führte, um im Untergeschoß Durchzug zu erzeugen. Wie eine bauschige Wolke hing die Wärme des Tages in den Zimmern. Der Schweiß lief ihm aus dem rotblonden, leicht schütteren Haar. Mit Schwung entledigte er sich seiner Schuhe und rief noch einmal: Relax! Dann ging er die Treppe hinauf, um sich Badewasser einlaufen zu lassen. Wenn es heiß war, sollte er nicht kalt duschen, sondern sich in ein lauwarmes Bad legen, das kühlte den Körper dauerhaft herunter, auch das hatte er gelernt, allerdings von Anita und nicht auf einem Seminar für Führungskräfte. Und sie hatte recht, es wirkte viel nachhaltiger als eine kalte Dusche. Obwohl er vor dem Diner im Club geduscht hatte, war er schon wieder durchgeschwitzt, er roch seinen eigenen kräftigen Körpergeruch. Als unangenehm empfand er ihn nicht, doch in seiner Position, auch das hatte er verinnerlicht, roch Mann nicht.
Im Badezimmer öffnete er ebenfalls das Fenster. Im Haus gegenüber, etwa achtzig Meter von seinem Haus entfernt und durch die weitläufigen Gärten getrennt, wurde gerade das Licht gelöscht. Er nahm es wahr, ohne es zu registrieren, wie er unwichtige Dinge eben wahrnahm und sofort wieder vergessen konnte. Er hatte sein Gehirn trainiert, Wichtiges von Unwichtigem zu scheiden und sofort auszusortieren. In dieser Siedlung, wo er jetzt seit ungefähr einem dreiviertel Jahr wohnte, standen die Häuser und Villen weit genug voneinander entfernt, um sich nicht eingezwängt zu fühlen. Von jeher haßte Schwandt die kleinbürgerliche Idylle der Reihenhaussiedlungen, wo er selbst aufgewachsen war. Er wollte keinesfalls Zeuge sein, wenn sein Nachbar schnarchte, hustete oder die Toilettenspülung betätigte, von den anderen Geräuschen ganz zu schweigen. Zumutungen, die er endgültig hinter sich gelassen hatte. Das Badewasser rauschte in die Wanne, während er sich entkleidete. Die Tür zum oberen Flur ließ er aufstehen, denn sie bezeugte mit ihrer Offenheit sein Alleinsein im Haus. Weder Anita noch Jan oder Jonas würden gegen die Tür hämmern und ihre Bedürfnisse anmelden oder laut johlend durch das Haus toben. Stunden konnte er im Bad verbringen, es entspannte ihn kolossal, doch es ärgerte Anita, weil er die einzige Badewanne im Haus blockierte, die anderen beiden Bäder hatten nur Duschkabinen. Dieses weiträumige Bad war der einzige Raum, wo er sich richtig entspannen konnte, denn oft genug, er gab es zu, zerrten die Jungs an seinen Nerven. Mit ihren sieben und neun Jahren erzeugten sie eine Menge Lärm und Unbequemlichkeiten. Rücksichtnahme blieb für sie ein Fremdwort, was er Anitas Erziehungsmethoden zuschrieb. Nicht selten war er zu gestreßt, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Er hatte die Kinder wirklich gewollt, eigentlich hatte er sich sogar vier Söhne gewünscht, doch da hatte Anita gestreikt. Gut so, dachte Schwandt. Damals hatte er nicht ahnen können, was Kinder zu haben bedeutete. Er war ein Einzelkind, deshalb wollte er möglichst viele Söhne. Manchmal jedoch fragte er sich, ob Kinder überhaupt in diese Zeit oder in sein Leben paßten. Sie kosteten eine Menge Anstrengung – und was bekam er zurück? Nörgelei, Streit und Forderungen, je älter sie wurden. Er nahm die Brille ab, woraufhin die Welt um ihn herum weichere Konturen annahm. Andererseits, dachte er, konnte er zufrieden und stolz auf seine Söhne sein, sie wußten, was sie wollten, und sie bekamen es auch. Es waren eben seine Söhne und seine Gene. Genau wie er würden sie ihren Weg gehen – und er hatte das Optimale aus seinem Leben und aus sich herausgeholt. Gleich nach seinem letzten Staatsexamen in Jura hatte er promoviert. Noch bevor sein Dr. jur. beurkundet worden war, wurde ihm eine gutdotierte Stelle in der Anlagenbau-Gesellschaft angeboten. Damals ein bekanntes, solides Unternehmen, mit zwölftausend Angestellten weltweit, inzwischen zwar angeschlagen durch das mißglückte Börsentermingeschäft, doch immer noch Marktführer. Dank Joachim Altdorfs Weitsicht waren sechstausend Stellen abgebaut und verschiedene Bereiche verkauft oder ausgegliedert worden. Er war der knallharte Sanierer, den die ABG dringend gebraucht hatte. Nach Altdorfs rigorosem Durchgreifen war der Aktienkurs wieder in die Höhe geschnellt, und er wurde zweimal in Folge zum Manager des Jahres gekürt. Das hatte Matthias Schwandt nachhaltig beeindruckt, doch er selbst hatte auch einiges vorzuweisen. Innerhalb von zwei Jahren war er erst in die Personal- und dann in die Rechtsabteilung der Anlagenbau-Gesellschaft aufgestiegen. Seine unorthodoxen Ideen und Methoden hatten auf Joachim Altdorf Eindruck gemacht, denn sie waren effizient. Schwandt besaß die Gabe, das Recht und die Paragraphen auf eine Art und Weise zu interpretieren, die den Interessen der ABG zuträglich war. Vor fünf Jahren hatte die ABG eine mittelständische Firma aufgekauft, weil sie eine ernst zu nehmende Konkurrentin auf dem Markt war. Altdorf berief Schwandt zum Geschäftsführer der neuen Tochter, um die Interessen der Gesellschaft durchzusetzen. Plötzlich war er Chef von damals zweihundertvier Angestellten und zwei weiteren Geschäftsführern, bezog ein ansehnliches Jahreseinkommen, kaufte dieses Haus und fuhr jetzt das neueste Mercedes-Modell. Es gab keinen Knick in seiner Laufbahn, er war konsequent und strebsam, was er anpackte, gelang. Die Angestellten hatten Respekt vor ihm, die anderen Geschäftsführer steckte er in die Tasche oder er ließ ihnen hier und da einen Sonderbonus zukommen, das gestatteten ihm seine Befugnisse.