Carolines Bikini - Kirsty Gunn - E-Book
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Carolines Bikini E-Book

Kirsty Gunn

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Beschreibung

Liebe – schwarz auf weiß. Es hat gefunkt beim ersten Anblick. Evan ist in Liebe zu Caroline entbrannt. Alles Weitere soll seine gute alte Freundin Nin für ihn festhalten, auf dem Papier. Am besten als Roman. Den sie bei unzähligen Treffen in diversen Londoner Pubs bereden. Und sollte der Plot zu wünschen übrig lassen … Es gibt ja berühmte Vorlagen für diese Art von Liebe. Überraschend, herausfordernd, geistreich und witzig.

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KIRSTY GUNN

Carolines Bikini

Arrangement für einen Roman mit Intro und diversen Zugaben

Aus dem Englischen von Uda Strätling

OKTAVEN

Für Pamela

Inhalt

Cover

Titel

Intro

Auf die Plätze …

eins

zwei

drei

vier

fünf

sechs

Fertig …

eins

zwei

drei

vier

fünf

sechs

Los!

eins

zwei

drei

vier

fünf

sechs

Finish

Zugaben

Zitatnachweise

Impressum

Intro

Sommerhitze hat immer etwas von blitzblauem Wasser an sich. Es flirrt in den Worten «und sie erreichten schließlich das Meer», die ich mir ohne Weiteres in einer meiner Kurzgeschichten vorstellen kann. Oder in dem Satz «Vom Rand des Rasens schon roch sie den kühlen Swimmingpool», der hier in diesem Roman stehen könnte. Das hat etwas von Erfrischung, Erholung. Wasser als Erlösung, als Labsal nach der Glut der Sonne. Ist ein Ausgleich geschaffen, kann die Geschichte weitergehen.

Auch andere Sätze muten so an, etwa «Der Fluss zog einen leuchtend blauen Strich durch die karge Landschaft» oder «Am Ende der langen, heißen Fahrt lockte der See». Selbst dieser: «Der Gartenschlauch schnickte Wassertropfen gegen die Grashalme» – der wie der herrliche See fast sicher aus einer anderen Kurzgeschichte von mir stammen könnte. Erfrischung eben, nicht wahr? Erholung. Vor allem aber denke ich, noch vor den anderen Sinnbildern, an den vorhin zitierten Satz: «Vom Rand des Rasens schon roch sie den kühlen Swimmingpool». Und weiter: «Obwohl er nicht direkt vor ihr lag, der Pool, war sie in Gedanken längst mittendrin in den langen Sekunden, ehe sie hineinstieg, ehe seine blauen Seiden und Tiefen sie aufnahmen und ihr zu verschwinden erlaubten.»

Ja, ich sehe es vor mir. Sehe mich es hinschreiben. Mit Einzelheiten des Pools am Ende eines Gartens versehen, einer breiten dunkelgrauen Schieferumrandung. Etwas abseits steht ein dicht belaubter Baum, wie gemalt, kein Lufthauch bewegt unter der flachen Glocke sommerlicher Hitze die Zweige.

So lautet meine Einleitung zu dem, was folgt, denn im Zentrum des Geschehens wartet ein Wasser. Es wird Ihnen auf diesen Seiten zwischen den Häusern und Gärten von West London in diversen Abschnitten und Kapiteln begegnen, in einem ganz bestimmten Swimmingpool, groß und tief und penibel gewartet. Hinter einem ganz speziellen Haus, von dem schon bald viel die Rede sein wird und das auf vielerlei Art in dieser Geschichte eine zentrale Rolle spielt. Und deutlich später, wenn Sie das Ende dessen erreicht haben, was ich nun doch als «Roman» betrachte – trotz diverser Streitgespräche zur Abgrenzung dieser Form des fiktionalen Erzählens, wie sie bei verschiedenen Gelegenheiten im Verlauf von Carolines Bikini stattfinden –, werden Sie einige Zusätze und Nachträge finden, die Sie eventuell auch noch lesen mögen. Diese Zugaben bieten Hintergrundinformationen zu den Gestalten in diesem Buch – wer also mehr über sie erfahren will, was ja ganz amüsant sein könnte, nur zu. Es gibt in diesem hinteren Teil außerdem Anmerkungen zu Liebesgeschichten und wo sie herkommen und weshalb der «Roman», der nun folgt – eine unerlässliche Seite nach der anderen –, einer Tradition verpflichtet ist, die aus Sicht vieler die größte Liebesgeschichte von allen hervorgebracht hat.

Aber ich eile voraus.

Kehren wir zunächst zu der Idee eines Hauses mit großem Garten und kühlem, gechlortem Wasser zurück. Das Nass mag in einem Park liegen, auf einem Schulgelände, im Freizeitbereich irgendwelcher Sportanlagen oder aber, wie hier in unserer Geschichte, gleich dort in einem bestimmten Teil von London, wo die Straßen breit und die Gärten weitläufig sind. Ob so oder so, irgendwo gibt es im Sommer immer einen Swimmingpool. Und hier, jetzt, kommen wir eben in jemandes Garten zu gerade diesem Pool …

Es hat begonnen. Es beginnt:

Auf die Plätze.

Fertig.

Los!

Auf die Plätze …

eins

«Also gut», sagte ich. «Ich versuch’s …» Und dürfte gleich hinzugesetzt haben: «Aber ich habe so was noch nie gemacht», ganz sicher sogar, weil es mir immer noch seltsam erschien, mich auf diese Art von Textproduktion einzulassen, ein Projekt, wie es mir Evan gerade vorschlug.

«Ehrlich, Nin, du musst die Geschichte unbedingt für mich aufschreiben», erklärte er, ziemlich energisch, wenn ich es recht bedenke. «Ehrlich wahr …», und ja, doch, es war für mich ein ganz neuer Gedanke, die ganze Sache, eine vollkommen andere Art, mir die Zeit zu vertreiben. War es. Mir neu.

Denn ich habe zwar tatsächlich schon Verschiedenes veröffentlicht, das stimmt – Kurzgeschichten, Beiträge in Sammelbänden, Essays und so fort –, aber ich habe mir noch nie die Geschichte eines anderen vorgenommen, nie die Art Rolle übernommen. «Amanuensis» hätte man dazu in früheren Zeiten gesagt, und mir war die Vorstellung von Milton und seinen Töchtern immer lieb und teuer gewesen, die Szene am Bett: der Dichter und seine treuen Schreiberinnen; wie er mit einem ganzen Batzen im Laufe der Nacht erdichteter jambischer Pentameter nur darauf wartet, dass sie alles aufschreiben.1 «Ghostwriter» sagen heute manche dazu. «Biograf» womöglich. Aber keiner der beiden Begriffe trifft wirklich das, worum Evan Gordonston mich bat, eigentlich gar nicht.

Ich kenne Evan schon sehr lange. Genau genommen kenne ich sämtliche Gordonstons eine halbe Ewigkeit, na ja, jedenfalls fast mein ganzes Leben. Meine Mutter war eng mit Helen Gordonston befreundet, und ich bin mit Evans jüngerer Schwester Felicity zur Schule gegangen; seine ältere Schwester Elisabeth war zeitweilig, in der Oberstufe, mit meinem Bruder zusammen.

Also … «eine halbe Ewigkeit», ja, trifft zumindest mein Gefühl ziemlich genau, wie lange ich Evan schon kenne.2 Es gab natürlich zwischen damals und jetzt zu Beginn dieser Geschichte eine lange Pause, weil sie allesamt in die USA übersiedelt waren, die Gordonstons, als Tom, Evans imposanter Vater, dort einen neuen Posten übernahm. Nicht, dass irgendwas daran sonderlich relevant wäre; ich versuche hier wohl einfach ein bisschen Hintergrund zu liefern. Will sagen, Evan war mir nicht unbekannt, nicht in dem Sinne, wie etwa einem «Ghostwriter» der oder diejenige unbekannt ist, dessen oder deren Leben er erzählen soll, jedenfalls bis er mit der Arbeit beginnt und Dinge über die Person erfährt, die ihm diese näherbringen. Ich kannte Evan bereits.

Also ja, doch, «Amanuensis», der Begriff käme infrage. Ich stand der Hauptfigur näher als sonst vielleicht üblich. Wie eine der Töchter Miltons, gewissermaßen, obwohl das, was Evan mich aufschreiben sehen wollte, nämlich alles über seine unerfüllte Liebe zu der Frau, deretwegen sein Leben «wie verwandelt war», wie er sich mir gegenüber zunächst ausdrückte, und zwar von dem Moment an, als er ihr Untermieter in dem Haus in Richmond wurde, kaum der Stoff war, aus dem Meisterwerke wie Das verlorene Paradies gemacht sind.

Trotz der Nähe aber hatte ich zu Evan selbst über die Jahre den Kontakt verloren. Doch, den hatte ich weitgehend verloren, obwohl meine Familie der seinen noch immer eng verbunden war, inklusive Weihnachtsgrüße und Anrufe und dergleichen mehr. Meine Mutter verbrachte beispielsweise mal einen Sommer bei Helen auf Cape Cod, mein Bruder meldete sich in seinem Postgraduate-Jahr in San Francisco bei Elisabeth, mein Vater schickte Tom weiterhin schwierige Kreuzworträtsel und hochanspruchsvolle Fachliteratur zur Zeitgeschichte, weil das stets ihr Gesprächsthema gewesen war – «ich schätze Tom sehr», sagte mein Vater immer, «obwohl eigentlich in erster Linie Helen und Margaret befreundet sind» –, das heißt, die Familien hielten sich auf dem Laufenden. Doch, ja. Tatsache ist dennoch, dass ich persönlich Evan in der ganzen Zwischenzeit nicht gesehen noch mit ihm gesprochen, noch ihm auch nur gemailt hatte, oder jedenfalls kaum, als er unlängst, viele, viele Jahre später, beschloss, nach London zurückzukehren. Und ja. Er war irgendwie schon ein anderer, denn bei unserer letzten Begegnung war er noch fast Kind gewesen3, und bei meinem einzigen USA-Besuch hielt sich Evan gerade in Japan auf, und seine Mutter hatte mir erzählt, wie wohl er sich dort, in den Staaten, fühle und dass er vielleicht nie heimkehren werde – was damals zu einer wieder intensiveren Korrespondenz zwischen mir und Felicity führte und dem, was sie dazu meinte … Nichtsdestotrotz, da waren wir nun, wir beide, erwachsen und schon etwas älter und natürlich in vieler Hinsicht ganz anders, aber im Grunde auch ganz genauso. Weil unsere Familien eben so konstant waren, vermutlich. Sich auf dem Laufenden gehalten hatten.

Da war er also nun, zum ersten Mal wieder in London, will sagen vor dem tatsächlichen Umzug – als er noch vor der Entscheidung stand, ob er den Sprung wagen sollte «in die alte Heimat», wie er mir auf seine neue, amerikanisch gefärbte Art zu reden sagte4, auch wenn seine Stimme – als wir unseren ersten Gin Tonic miteinander tranken, den Longdrink, der leitmotivisch die Ereignisse und Entscheidungen der kommenden Monate begleiten sollte – in meinen Ohren eigentlich ziemlich klang wie früher und mir war, als wäre er nie fort gewesen. Erst einmal war er nur ein, zwei Tage in der Stadt; er strecke «die Fühler» aus, so nannte er sein Sondieren, ob ihm die Aufgaben zusagen könnten, die ihm seine Finanz-Headhunter-Firma übertragen wollte. Damit fange ich aber lieber gar nicht erst an – denn Hintergrunddetails der Art will ich in diese Geschichte nicht auch noch einbauen müssen.

Wie ich nämlich schon zu Evan sagte, als er mir die Idee zu dem Projekt überhaupt unterbreitete: «Ich lege keinen gesteigerten WERT auf die Vorgeschichte», großgeschrieben, wie man sieht, «ich INVESTIERE» – ebenfalls großgeschrieben und in Anspielung auf seine Tätigkeit – «doch in so was keine kostbare Zeit», sagte ich. Das Ganze durch einen irgendwie gearteten beruflichen Werdegang und/oder ökonomischen bzw. finanziellen Kontext zu grundieren … «kommt NICHT infrage, Evan», dürfte ich ihm wohl gesagt haben, «ich habe nicht die geringste Ahnung von Banken oder Finanzen oder Leuten, die in dem Bereich arbeiten; da kann ich nichts beitragen» – und das, obwohl meine Familie die seine, die Gordonstons, wie erwähnt, seit Jahren kannte, und Tom schließlich Banker war, Himmel noch mal, also war es eigentlich keine große Überraschung, dass sein Sohn in seine Fußstapfen getreten war, und umso mehr fragte sich, wie unsere beiden Familien sich überhaupt so gut verstehen konnten – aber so war es eben, also bitte, wir verstanden uns einfach, als Familien, die Banker und die Silbenstecher, waren befreundet, sind es noch, eben «auf dem Laufenden». Also begleitet diese kuriosen Aufzeichnungen wahrscheinlich doch, letztlich, ein gewisser Einblick in jenes andere Leben, das unsichtbar unter diesem mitläuft, in diese andere Welt – des schnöden Mammons.

Ich schreibe – das Schreiben liegt in der Familie – Rezensionen. Belletristik, Sachbücher, bewege mich mehr auf literarischem Gebiet. Mein Vater und meine Mutter dagegen sind Akademiker, Geschichtswissenschaftler, auch sie schreiben, und mein Bruder, der, der einmal mit Elisabeth Gordonston zusammen war und ebenfalls Historiker ist, verfasst populärwissenschaftliche Schwarten über Sowjetrussland. Ich selbst schreibe neben Besprechungen nach Möglichkeit Kurzgeschichten und kann gelegentlich auch eine verkaufen. Vor ein paar Jahren war ein Sammelband erschienen, und es gab inzwischen einen weiteren. Hin und wieder wird etwas in der einen oder anderen Zeitschrift abgedruckt oder mal im Rundfunk gesendet, dazwischen aber bespreche ich weiter Bücher. Ich habe auch andere Arbeit, so zum Beispiel in einer Skulpturen-Galerie in East London – da gehe ich, wie oft, hin? Alle paar Wochen so ungefähr, um Katalog- und Werbetexte zu schreiben und an der Rezeption auszuhelfen –, und daneben gibt es die Werbetexte für eine kleine Agentur, Aufträge, die mir meine in der Branche sehr gefragte Freundin Marjorie seit Jahren zuschanzt, weil ich das Geld weiß Gott brauche, auch wenn ich kein Profi bin, denn erwartet werden laut Marjorie Texte, die «den Absatz fördern», während meine tendenziell etwas verspielt sind. Nun, ich schweife ab, denn ja, doch, Evan hatte schon recht. Meine Mitarbeit an dem Projekt war nicht abwegig. Keineswegs. Schließlich denke ich mir ständig ganze Romane aus, plotte Geschichten, die wahrscheinlich keinen Menschen interessieren, das ist mir schon klar und sagen auch meine Verleger, also war vielleicht, wie hier, ein Thema, das nicht auf einer Fiktion beruhte, sondern die Geschichte eines anderen erzählte … Nun, vielleicht lag Evan mit der mir zugedachten Rolle «am Ende des Tages», wie er, leicht amerikanisiert, hätte sagen können, gar nicht so falsch.

«Hör mal», hatte ich ihm ein paar Wochen zuvor gesagt und damit indirekt wahrscheinlich den Anstoß zu der ganzen Geschichte gegeben: «Ich hab da eine Idee.»

Wir hatten uns im Pub bei mir an der Ecke getroffen, direkt an der Underground, weil Evan damals bei seinem ersten London-Besuch, als er «die Fühler ausstreckte», wie er meinte, etwas gehetzt war, Bewerbungsgespräche führte, glaube ich, oder zu klären suchte, wie sein Job bei der Londoner Zweigstelle seiner New Yorker Firma denn genau aussehen sollte, und nur den einen Abend hatte.

«Wenn du nach London zurückziehst», sagte ich also in meinem Eck-Pub zu ihm, «wirst du Zeit brauchen. Zeit, dich wieder mit Leuten bekanntzumachen, wieder Fuß zu fassen, dich einzuleben. Das dauert in London, wenn man so lange weg war; London ist nicht mehr die Stadt, die du früher kanntest. Aber das wird schon», fuhr ich fort. «Und jetzt mein Vorschlag: Die Freundin einer Freundin hat ein großes und angeblich ziemlich tolles Haus in Richmond. Ich selbst kenne sie nicht – die Freundin oder vielmehr Rosies Freundin –, aber Rosie meint, sie nehme Untermieter auf und das sei eine ‹muntere Szene› da draußen. Das ist übrigens ein wörtliches Zitat, das mit der ‹munteren Szene›», sagte ich. «Das hat Rosie wörtlich über diese Freundin gesagt, beide charakterisieren sie die Atmosphäre so. Ich glaube, sie meinen damit, dass sie da draußen dauernd Party machen», fuhr ich fort, «aber auch, dass es recht lässig zugeht. Es gibt Kinder, drei Jungen, die sollen aber gut erzogen sein und auch ziemlich lässig, wenn du verstehst. Kein strenges, durchgetaktetes Tigermutter-Regime oder so, nein, die Freundin ist lässig und glamourös und lernt immer gern neue Leute kennen. Das alles weiß Rosie deshalb», sagte ich, «weil sie aus London wegzieht und kurz daran gedacht hat, dort selbst einzuziehen – ein Zimmer zu mieten und sich dafür auf dem Land eher was mit Atelier leisten zu können …» So redete ich auf ihn ein, wahllos, als würde Evan Rosie kennen, was nicht der Fall war, obwohl sie sehr wahrscheinlich gemeinsame Bekannte hatten.5 «Sie hat gesagt», fuhr ich fort, «‹Meine Freundin nimmt Untermieter auf, und es ist eine muntere Szene.› Natürlich weiß ich, dass man immer denkt, als Untermieter –»

«Yeah», unterbrach mich Evan. «Genau.»

Weil wir natürlich alle wissen, dass wir, wenn wir an Untermieter denken, nicht annähernd so etwas wie eine «muntere Szene» erwarten. Wir glauben ganz im Gegenteil, dass Untermieter zu sein alles andere als eine «muntere Szene» bedeutet, nämlich ein eher einsames, abgeschnittenes Dasein. Eine Szene vielmehr, die einen abseits stellt, einen an der Peripherie der Leben anderer lungern und unter ihrem Dach im hintersten Winkel darben lässt, ohne ihre Leben teilen zu dürfen, dass man zwar womöglich einen Job hat und sogar Freunde, aber wenn man abends in sein «Logis» zurückkehrt, tatsächlich weit vom Schuss und jeglichen tragfähigen Beziehungen ist.

«Yeah.»

Der Untermieter zieht also zu einer Familie, die nicht seine Familie ist, schlüpft still und leise die Treppe hoch, während es unten in der Küche hoch hergeht; er schleicht leise die Treppe hinauf in sein Zimmer, in sein Einzelbett.

Kein Wunder also, dass Evan «Yeah» sagte. Kein Wunder, dachte ich.

Was wir aber nicht wussten, Evan und ich, nicht annähernd wussten, als wir an jenem Abend im Cork & Bottle bei einem Drink zusammensaßen, der Symbolcharakter annehmen sollte, sprich Gin Tonics der verschiedensten Sorten und Stärken und Mengen, und über Wohnmöglichkeiten sprachen, dass das eines Tages dazu führen würde, dass ich diese Worte schreibe und Evan anscheinend permanent am Telefon habe, der wissen will, wie ich vorankomme, jetzt, da er mich damit beauftragt hat und ich den Auftrag angenommen habe, alles aufzuschreiben, die Geschichte dessen, was ihm in Richmond widerfahren sollte. Denn wer hätte es schon ahnen können? Kommen sehen? Dass meine eigentlich so beiläufigen Worte über Untermieter zu einer Liebesaffäre führen würden, einer gewaltig großen Liebe, wie sie, literatur historisch gesehen, ihren Niederschlag in einer der reichhaltigsten und kunstvollsten Ausprägungen der Liebesdichtung6 überhaupt gefunden hat, die mehr als andere Darstellungsformen einem Liebesideal huldigt, das die Ergründung eines Lebens in allen wesentlichen, allen ebenso fesselnden wie belanglosen Details verlangt. Wir beide wussten, als ich Evan zu dem Arrangement drängte, das er schließlich treffen sollte, nachdem er sich zunächst mit Rosie zusammengesetzt hatte, oder vielmehr wir uns zu dritt, um die Möglichkeit ausführlich zu besprechen, und Rosie dann den entsprechenden Anruf getätigt hatte, um die Sache in Gang zu setzen, nicht annähernd, dass das Gerede über Untermieter der Auftakt zu etwas sein würde, einer Erzählung, einer Bewegung zu auf eine Geschichte, die sich auf derart seltsame, fast unmerkliche Weise entfalten würde, dass mancher meinen könnte, es geschehe so gut wie gar nichts.

«Also gut», hatte ich gesagt, nicht wahr? Nach der ersten Unterhaltung mit Evan über eine Idee, auf die mich meine alte Freundin Rosie gebracht hatte, die in der Folge Anlass zum nächsten Gespräch gab und zum übernächsten und die von der Erwähnung des Hauses in Richmond zu den Beresfords und zu Caroline Beresford selbst führte … So fing die ganze Geschichte an.

zwei

Es gibt Aufzeichnungen, die Evan mir überließ, als er, zugegebenermaßen anders als ursprünglich gedacht, beschlossen hatte, das alles – über seine Rückkehr nach London, den Einzug in Richmond und die Erkenntnis, dass sich in seinem Leben etwas tat, etwas enorm Wichtiges, etwas, das sich «groß» anfühlte, wie er meinte – nicht selber zu schreiben, weil er es letztlich besser fand, mich hinzuzuziehen und mich die Geschichte «zu Papier bringen» zu lassen, so umschrieb er meine Rolle, als er sich von der Idee verabschiedete, selbst zu erzählen, um sich stattdessen lieber auf seinen Part als Akteur zu konzentrieren.

Das erste Konvolut brachte der Fahrradkurier einen Tag, nachdem Evan mir anvertraut hatte, er sei in Caroline Beresford nicht nur verliebt, sondern so verliebt, dass er an nichts anderes mehr denken, kaum essen, nicht richtig schlafen könne. Er zeigte, anders gesagt und wie von ihm selbst festgestellt, sämtliche Symptome desjenigen, der geradezu außer sich ist in seinem Liebestaumel, kaum Herr seiner selbst, vom Schicksal niedergestreckt, so sahen es die antiken Dichter7, wie von einem Bogengeschoss des Gottes Amor. Petrarca fällt einem ein, seine Liebe zu Laura, und ähnlich Dante, bei ihm war es Beatrice, beide Prototypen eines kulturellen Phänomens, das vom frühen Mittelalter durch die gesamte Renaissance hinweg grassierte und allegorisch nachwirkt bis in die Tage der Zahnpasta-Spots der frühen Achtzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts: Das strahlend weiße Lächeln einer hübschen jungen Frau genügt, um einen jungen Mann im hohen Bogen vom Fahrrad auf die Nase fliegen zu lassen.8 Genau so hatte es Evan erwischt. Das hatte er mir einige Wochen zuvor erzählt, ja gebeichtet.

Es war ein winterlicher Morgen gewesen, ein Montag, und ich entsinne mich, es merkwürdig gefunden zu haben, dass Evan so früh anrief und vorschlug, wir sollten uns auf einen Kaffee treffen, und zwar draußen in Richmond am Stadtrand in einem wirklich netten Café, wie er meinte. Ich entsinne mich, gefragt zu haben, ob es nicht etwas zentraler ginge, damit ich einen kürzeren Weg hätte und anschließend schneller wieder zu Hause wäre – ich musste noch eine Buchbesprechung für eine der großen Zeitungen abschließen, und die war wichtig; ich wollte die guten Leute nicht verprellen, indem ich auf den letzten Drücker lieferte.9 Und ich entsinne mich, das überhaupt an einem Montagmorgen merkwürdig gefunden zu haben – und Evan nicht auf der Arbeit.

«Bitte, Nin», sagte er. «Richmond ist dabei wichtig. Bitte komm hier raus in die Gegend, in der ich jetzt lebe und zur Untermiete wohne. Das ist wichtig für das, was ich dir zu sagen habe, Nin. Richmond, verstehst du. Das spielt eine entscheidende Rolle.»

Nin dies, Nin das. Für Evan bin ich immer Nin gewesen, obwohl mich alle sonst Emily nennen, so, wie ich getauft wurde, aber mir nicht unbedingt lieber ist. Da haben Sie’s, das ist typisch Evan Gordonston: hält an einem Kindernamen fest, weil er mich eben schon so nennt, seit er mich als Vierjährige kennenlernte.

«Es spielt bloß eine Rolle», sagte ich zu ihm, «weil du dort jetzt wohnst, verzeih, ‹logierst›. Es spielt eine Rolle, weil es Richmond ist. Wichtig ist es nur, weil dort Caroline Beresford lebt. Aber gut, dann komme ich eben raus», sagte ich. «Ich werde die District Line nehmen, oder vielleicht einen Bus. Aber glaub ja nicht, dass ich nicht weiß, weshalb du darum bittest. Du willst mir Hintergrund liefern. Den Kontext zu alledem, was du mir über diese Frau erzählt hast und die eben dort wohnt. Ich habe Rosie übrigens nichts davon erzählt, das wolltest du ja nicht und das werde ich auch nicht. Aber das Ganze nimmt langsam überhand», sagte ich. «Na gut, meinetwegen. Auch wenn ich glaube, schon alles über die Umstände da draußen zu wissen, komme ich meinetwegen nach Richmond in dein Café da am Stadtrand.»

Es stimmt, das glaubte ich wirklich, weil Evan mir sukzessive, lange vor der großen Beichte, gefühlt alles über sich und darüber erzählt hatte, «wo» er, wie er sich ausdrückte, in Sachen Caroline Beresford «stand». Das war schon so gewesen, als wir Kinder waren. Ich weiß noch von damals, dass er nie irgendwas für sich behalten konnte, sondern mir alles immer sofort brühwarm erzählte: von der Party zu seinem achten Geburtstag, als seine Mutter versprochen hatte, er dürfe sieben Freunde als Überraschung in den Thorpe Park mitnehmen, das Ausflugsziel würden wir aber erst dort erfahren, nur war ich natürlich doch eingeweiht10; von dem Kätzchen, das er mal aus einem Müllcontainer gerettet hatte und in seinem Schrank verstecken wollte, bis er ein gutes Zuhause fand, was niemand wissen durfte, nur ich, die prompt meinte, er müsse seinen Eltern auf der Stelle von dem Kätzchen erzählen, wenn er es behalten wolle; es gab diverse Geschenke und Ausflüge, von denen ich, eigentlich, nichts wissen sollte, die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Jetzt, wo er erwachsen und wieder in London war, wurde ich genauso gebrieft: «Ich führe Kollegen am kommenden Donnerstag zum Essen ins Nobu aus, der Sushi-Chef wird für uns alles direkt am Tisch zubereiten, und ich möchte, dass du mich begleitest, Nin, aber du darfst kein Wort davon sagen, weil niemand Bescheid weiß …» Um es dann allen gleich beim Aufbruch lauthals zu verkünden … so in der Art. Das heißt, so war es, bevor er sich in Caroline verliebte, bevor er ihr begegnet war. «Ich habe dein Geburtstagsgeschenk zehn Monate im Voraus besorgt», wäre ein weiteres Beispiel, kaum zwei Tage nach seiner Ankunft in London bei unserem ersten Wiedersehen nach … wer weiß wie vielen Jahren, und prompt verfiel er wieder in die alte Kindheitsgewohnheit impulsiver Geschenkkäufe zu Weihnachten oder zu Geburtstagen, wie auch in die Unart, mir lange vorher zu verraten, was. Nach dem Motto: «Ich habe dir besondere Schuhe gekauft, Nin, die werden dir gefallen. Eine ungewöhnliche und interessante Farbe. Das verrate ich dir, weil ich mir vorstellen kann, wie du dich über sie freuen wirst, wenn du dann Geburtstag hast.» Also wusste ich natürlich auch alles darüber, wie er sich in Caroline Beresford verliebt hatte. Oh ja, ich wusste Bescheid.

Passiert das einem Untermieter einfach besonders leicht?, frage ich mich. Einem einsamen Menschen, der kommt und geht, der quasi an der Peripherie lebt, einen Job hat, der ihn nicht unbedingt so begeistert, dass er sich auf eine eigene Wohnung oder ein Haus festlegen will, oder der ihn im Gegenteil so fordert und vereinnahmt, dass er gar keine Gelegenheit zur Wohnungssuche findet, immer zu viel zu tun, und er somit auf der Stufe des Untermieters hängen bleibt, quasi Zaungast? Das frage ich mich schon. Denn Evan war in den ersten Wochen seines Londoner Neubeginns nach den langen Jahren in Amerika einer Kombination dieser Umstände ausgesetzt. Zwar hatte er mich, aber das war’s dann auch schon so ziemlich. Die anderen Freunde aus den lange zurückliegenden Jahren waren vom Radar verschwunden, hatten geheiratet, hatten Familie, waren aufs Land oder gar nach Schottland oder Wales gezogen, getrieben von dem Gefühl, dass London inzwischen einfach untragbar teuer geworden sei, von den Superreichen gekapert und eigentlich nicht mehr so lustig, oder hatten aus diesen und ähnlichen Gründen einfach Veränderungen in ihrem Leben vorgenommen.11 Selbst ich musste mich ranhalten, um dem finanziellen Druck eines Lebens in der Metropole standzuhalten, durfte mit der Arbeit für die Galerie und die Werbekampagnen nicht in Rückstand geraten, hatte daneben meine Kurzgeschichten zu schreiben und so fort, Ideen für Romane zu entwickeln und fruchtlose Gespräche mit meinen Verlegern zu führen – sodass Evan, obwohl ich immer prompt auf seine Anrufe, Mails oder Schreiben reagierte, trotzdem das Gefühl gehabt haben dürfte, mit Kontakten nicht eben reich gesegnet zu sein, und die zu Freunden meiner Freunde, wiewohl auch meine Freunde, wären nicht so ganz leicht anzubahnen. Rosie zum Beispiel war inzwischen aufs Land gezogen und selten geneigt, in die Stadt zu kommen; ein anderer Freund, Christopher, hatte sich auf die Lokalpolitik und auf eine gruselige rechtsstehende Organisation eingelassen, die dezidierte Positionen zum Fällen von Bäumen und zur Sauberkeit der Straßen vertrat, beides wichtige Anliegen, keine Frage, aber mir behagte nicht recht, wie sich Christophers politische Einstellung im Zuge dieses Engagements langsam verformte, und ich wusste, Evan würde das befremden. Dann gab es noch meine Freundin Marjorie, aber sie war ein bisschen wie ich, immer vollauf mit dem Schreiben beschäftigt – auch wenn es in ihrem Fall Werbetexte für einen Tierfutterkonzern waren, der ihr unmögliche Abgabetermine aufzwang, die nicht einzuhalten sie sich keineswegs leisten konnte, weil die Honorare die Hypothek für ihre ausgesprochen hübsche Zweizimmerwohnung in Chelsea bezahlten –, weshalb ich sie kaum zu sehen bekam, geschweige denn ein Treffen mit ihr, Evan und anderen organisieren konnte. Immerzu Hunde und Katzen und bei Hochdruck die an mich weitergereichten Aufträge, und Hochdruck herrschte immer.

Also ja, doch, Evan verbrachte viel Zeit allein. Er hätte sicherlich über den Job Freunde finden können – aber sind Job-Freunde wahre Freunde? Zumal in dem Bereich, in dem Evan arbeitete, der mörderischen Welt der Finanzen und Manipulation. Gab es dort Kollegen, die Kumpel werden konnten? Da bin ich mir nicht so sicher. Und ja, er traf vermutlich, wie wir alle, im täglichen Umgang auf Leute – den Krämer an der Ecke, Reinigungspersonal oder wie in meinem Fall Postboten, mit denen ich schon meines Jobs12 wegen regen Kontakt pflege –, aber im Großen und Ganzen blieb er jemand, der abends nach der Arbeit unauffällig in ein Einfamilienhaus in Richmond heimkehrte, den Trubel in der Küche hörte, das fröhliche Chaos des Familienlebens, möchte ich sagen, was nach Klischee klingt, aber in Wahrheit keines ist, und dann gleich nach oben verschwand, der sich still wie eine sich nicht mucksende Hausmaus, einsam und voller Angst, nach oben in sein von ihm allein bewohntes «Logis» unterm Dach zurückzog.

Denn Angst, das halte ich hier fest, hatte er. Angst vor den Regungen seines eigenen großen Herzens. Von der ersten Begegnung mit Caroline an, vom Augenblick an gar, da er erstmals ihre Stimme hörte, schon am Telefon, als er die Nummer wählte, die Rosie über mich an ihn hatte weitergeben lassen, war die Lunte gelegt und gezündet. «Oh, hi!», hatte sie gesagt. «Sie sind Evan! Ja, ich habe schon mit Ihrem Anruf gerechnet …» Und ihm hatte, sagte er mir, der Atem gestockt, das Herz. Er hatte gestammelt: «Ich …» Aber die betörende Stimme hatte schlicht und souverän gesagt: «Schauen Sie jederzeit gerne vorbei. Vielleicht mal nach der Arbeit? Ich bin immer da. Ich gehe nie aus» – was tatsächlich eine dicke, fette, charmante Lüge war, weil Frauen wie Caroline nie «immer da» sind, sondern ständig unterwegs, sie können gar nicht anders. Menschen wie Caroline Beresford sind genau die, um die sich alle reißen.

Natürlich änderte sich das. Wie ich feststellen sollte. Als die Wochen verstrichen und die Geschichte voranschritt. Als aus den ersten Tagen des Einzugs Evans in Richmond viele, viele Tage und dann Wochen wurden, aus der einen Jahreszeit die nächste und die übernächste, blieb Caroline immer häufiger zu Hause, abends, tagsüber, teils auch am Wochenende … Geschichten wandeln sich, sie gehen wie das Leben weiter. Das macht sie zu Geschichten.

«Ständig sehe ich Caroline im Haus, und ich kriege sie kaum mehr aus dem Kopf», sagte mir Evan, als schon sein Äußeres verriet, dass er schwer, schwer verliebt war.13 «Sie sagt ‹Hi, wie wär’s mit einem Kaffee? Komm doch in die Küche› – und dann ist es um mich geschehen. Ich muss einfach bei ihr sein. Ich muss den vielen Kaffee schlucken. Versuchen, mich normal zu geben. Ach, Nin. Ich muss.»

Und so, indem nämlich die Anfälligkeit des gerade erst nach Jahren der Abwesenheit wieder in London eingetroffenen Evan und Carolines wunderbar ungezwungene Art und Anmut aufeinandertrafen … fing es für ihn an, das ist mir klar. Und sofort begann er mir typischerweise alles über sie zu erzählen, sukzessive kam es alles bei den Gin Tonics in diversen Pubs und Bars heraus, verdichtete sich die Geschichte in so vielerlei Hinsicht um diesen speziellen Cocktail herum, ob Tanqueray oder Gordon’s, Bombay Sapphire, Sipsmith oder eine der zahllosen Ginsorten mit und ohne Markennamen samt den Designer-Tonics, die heute zum Sortiment aller verspiegelten Regale aller Bars in West London und anderswo gehören, dass die Intensität seiner Liebe zu Caroline sich an ihnen hätte abmessen lassen, gleich mit seinen ersten Bemerkungen über sie, mit jedem Drink, nicht wenige davon doppelte, und den Gläsern, die sich aneinanderreihten, zu Chips oder einem Schälchen Nüsse.

Er war, nachdem er die Nummer gewählt hatte, die Rosie mir per SMS für ihn geschickt hatte, Carolines Vorschlag am Telefon entsprechend rausgefahren, um sich vorzustellen. «Es wird ihm gefallen», hatte Rosie mir versichert, als ich berichtete, er habe Caroline angerufen. Es gab dort schließlich ihrer Beschreibung nach eine «muntere Szene», nicht wahr? Rosie kannte Richmond gut, sie war dort aufgewachsen – und gewiss war Richmond nicht Chelsea oder Notting Hill oder Knightsbridge, Viertel, in denen Evan dank seines Nobelunternehmens ebenso gut hätten landen können, aber immerhin das gediegene Richmond mit einem eleganten, offen geführten Haus, mit Partys und Drinks und geselligen Zusammenkünften und Dinners. Und Evan war, wie gesagt … vorgewarnt. Durch Carolines Ton. Ihr Luftholen. Ihre Stimme. Deren Klang. Er wählte für seinen ersten Besuch, für die Fahrt nach Richmond auf der District Line, einen Donnerstagabend. Es war früher Winter, er gerade eine Woche wieder in London. Es lag kein Schnee, aber es war bitterkalt.

Zu dem Zeitpunkt hatte er – im Connaught, wohlgemerkt, so sind diese Finanzriesen eben – noch nicht einmal seine Koffer ausgepackt, könnte man sagen. Er ließ sich’s dort in einer Junior Suite mit Blick nach vorne wohl sein, hatte eine kleine Sitzgruppe und einen Esstisch für vier. In den ersten paar Tagen seiner «Heimkunft», wie ich das nenne, bestellte Evan chinesisches Take-away; wir aßen mit Blick auf den Carlos Place scharf gewürzte Garnelen mit Nudeln, tranken chinesisches Bier, und selbst ich kam mir ungemein glamourös vor, alles wegen seines merkwürdigen Jobs und der Art, wie solche Unternehmen ihre Leute umhegen. Jedenfalls brach er nach kaum einer Woche dieses Luxus von dort auf, nahm erst ein Taxi und dann, des Verkehrs wegen, die District Line nach Richmond zu der «munteren Szene», und es machte ihm eines der Kinder auf, der Jüngste, Freddie, «der zwölf ist», erzählte mir Evan, gleich gefolgt von Caroline, die ihm die Hand reichte. «Hi, ich bin Caroline», hatte sie gesagt. Und – PENG.14

Sie trug – und trägt in meiner Vorstellung bis heute – ein weißes T-Shirt und einen dieser Röcke, die gewickelt und verknotet werden und einfach toll aussehen. Sie war groß und schlank, Caroline ist groß und schlank, und sie trug nur das, den Rock und das T-Shirt, war barfuß und ihre langen, sonnengebräunten Beine nackt, obwohl Januar war. Sie hatte nicht einmal eine Jacke an.

«Hereinspaziert», sagte sie zu Evan, und er trat in die Diele.

Der Duft, der Duft im Haus, Carolines Duft, erinnere an Orangen, sagte er später. Das ganze Haus erfüllt von dieser Köstlichkeit. Orangen. Orangenbäume. Orangenblüten. Sommer im Winter, Fruchtfülle in der dunklen, kalten Jahreszeit. Evan spazierte zur Haustür des Heims in Richmond hinein und dann, nun ja, das halte ich hier mal fest, ich habe es schwarz auf weiß in seinen frühen Notizen, war sein Leben «wie verwandelt».

«Na gut», sagte ich zu ihm, allerdings geschah das, als dieses erste Konvolut Notizen mir längst überbracht worden war und meine Beteiligung an dem Projekt zwischen uns bereits zu Unstimmigkeiten geführt hatte. «Nehmen wir mal an, ich erkläre mich bereit, eine erste Fassung des Ganzen zu Papier zu bringen, insgesamt, wie alles anfing, sogar die Orangen. Und wie der Moment, wo sie dir die Hand gab und ‹Hi› sagte, den Anfang einer … sagen wir ruhig ‹großen› Sache markierte. Nehmen wir also an …»

«Ja», fiel mir Evan, und hier bin ich geneigt zu sagen «begierig», ins Wort – mir ist die Faulheit von Umstandswörtern zwar zuwider, aber Umstände machte er unverkennbar an jenem Abend, an dem er mir faktisch die Geschichte antrug, die ich an seiner Statt schreiben sollte, die Geschichte seiner Liebe, so zugewandt, flehentlich, wild waren seine Bemühungen. Etwa als er das erste Mal davon anfing, von der Idee eines gemeinsamen literarischen Projekts, als er sagte: «Nin, Nin, Nin, du MUSST das einfach für mich tun. Bitte. Ich habe dich noch nie um so einen großen Gefallen gebeten …»

«‹So einen großen Gefallen›»?, zitierte ich ihn. «Du hast mich überhaupt noch nie um etwas gebeten. Wir haben uns Jahrzehnte nicht gesehen, Evan. Also komm mir nicht mit deinem ‹Nin›», sagte ich. «Sei nicht so dramatisch, so rhetorisch. Wir haben uns ja bloß unser gesamtes Erwachsenenleben nicht gesehen, da wüsste ich gern erst mal, was Sache ist, und wie ich das in den Griff bekommen soll. Klingt ja interessant, aber … ich weiß nicht, Evan. Ob ich dem gewachsen bin, meine ich. Schreiben, und zwar richtig, dich drin haben, Caroline reinbringen …»

«Klar, bist du. Wirst du. Du kriegst das alles schon hin», versicherte er. «Solange du Ja sagst, Nin. Bitte. Sag Ja.»

«Sag dies, sag das», murmelte ich zwischen besserwisserisch und weise. Im Pub war es kalt. Im Cork & Bottle war es immer kalt, und ich überlegte, ob wir uns nicht ein anderes Lokal suchen sollten.

Aber vorerst sagte ich: «Nehmen wir noch einen G & T.»

drei

Die Aufzeichnungen, die mir Evan drei Wochen nach dem erwähnten Treffen als «Hintergrundmaterial» überließ, waren unzureichend, das lässt sich nicht anders sagen. Ich werde einiges davon, wie versprochen, in das Buch integrieren – was ich eigentlich nicht vorhatte, weil ich annahm, dass er angesichts seiner Stellung im Unternehmen, seines Verhältnisses zu den Beresfords und so weiter eher unsichtbar würde bleiben wollen –, obwohl ich mich andererseits entsinne, dass er zu Beginn der ganzen Affäre noch vorhatte, «das verdammte Ding» selbst zu schreiben, also wollte er genau genommen vielleicht doch gar nicht so unsichtbar sein. Trotzdem hätte ich es, da ich nun mal für eine tragende Rolle bei dem Projekt «gewonnen» war, wie die Filmleute sagen, und für größere Distanz sorgen würde, wohl vorgezogen, ihn wenigstens einigermaßen zu schützen, indem ich hier und da ein paar Namen änderte. Läuft das in Romanen nicht so? Dass man die Fakten fiktionalisiert? Zwischendurch hatte ich sogar einen Ortswechsel erwogen – die Verlegung des ganzen Locus amoenus, gewissermaßen, nach South London, zum Beispiel, nach Australien oder Texas oder auf die neuseeländische Nordinsel, irgendwohin, wo es mehr Sonne gibt –, besonders den Teil gegen Ende, bei dem es immerhin um einen Swimmingpool geht, Wasserspiele, einen Bikini etc. pp.

Aber nein, Evan sagte: «Ich will drin sein, Nin – durchweg den Blicken ausgesetzt, mit vollem Namen und allen Gefühlen», und ich dachte, na gut, dann also «Hintergrundmaterial»; hier folgt deshalb nun ein Teil der Notizen, die er sich laufend machte, obwohl sie für mein Gefühl zu wenig erzählenswerten Stoff und zu viel Evan enthalten, weshalb sie aus meiner Sicht keinen Roman hergeben:

«Vor etwa sechs Wochen», schrieb Evan, «bin ich wieder nach London gezogen, in eine Gegend, die manch einer vielleicht vorstädtisch nennen würde. Den Begriff ‹vorstädtisch› wähle ich ganz bewusst – denn London sieht sich nicht als Metropole mit suburbanem Einzugsbereich –, obwohl es in Magazinen gelegentlich von diesem oder jenem Viertel heißt, es sei letztlich ‹ein Dorf›; trotzdem, kaum jemand würde zum Beispiel Richmond in derselben Weise als suburban bezeichnen, wie Menschen in New York von den burbs reden. Hier kennt man die Bezeichnung nicht. In anderen Großstädten, in denen ich gelebt habe – New York, Tokio eine Zeitlang, Chicago –, gibt es selbstverständlich solche Vororte, i.e. –»

An der Stelle, bei diesem «i.e.», dachte ich: Oje, Evan, das wird heikel! Kein Mensch wird deine Geschichte so lesen wollen. Nicht mal in der Werbung oder in Kurzgeschichten sieht man irgendwo ein «i.e.», geht gar nicht, noch übrigens in der Art von Texten, von denen ich glaube, etwas zu verstehen, und mit Sicherheit nicht in einer Liebesgeschichte, einem Liebesroman, wie er dir vorschwebt, Evan, oder? Nun, ich lasse ihn trotzdem erst einmal so weitermachen.

«Die Idee der Großstadt», holte er in seiner furchtbaren Handschrift aus, «die sich selbst genügt, während der Rest drum herum sich verbissen an die Peripherie klammert, an Vorstellungen wie ‹City›, ‹reinfahren› zum Essen, ins Theater, zu einem Konzert … ist Londonern fremd. Hier werden Vororte nicht als solche empfunden. Ich aber habe festgestellt, dass es auch hier SEHR WOHL diese suburbanen Zonen gibt, Ecken, die der Erscheinung und dem Wesen … der Lebensart nach … Vorstädte sind. Und genau auf die ‹Lebensart› will ich hinaus; als meine liebste und älteste Freundin Emily Stuart mir erzählte, ihre Freundin Rosie wiederum habe eine Freundin mit einem großen Haus in Richmond und die nehme Untermieter auf, weil so viel Platz sei, als daher diese Freundin einer Freundin Nins sagte, die Frau habe in ihrem Haus etwas frei und es sei eine ‹muntere Szene› da draußen, so drückte sie sich aus … schien mir das keine schlechte Idee, ein solches Arrangement, das mir den Entscheidungsdruck nehmen würde, während ich mich nach so vielen Jahren im Ausland langsam in London wieder einlebte.

Dabei fiel das», fuhr er fort, «eher aus dem Rahmen. Die Firma hätte mich ja leicht viel zentraler unterbringen können, bis ich etwas Passendes fand, und zwar in fast jeder Lage. Aber irgendwas in mir machte bei dem Untermieter-Vorschlag ‹ping!›. Ich persönlich glaube, da meldete sich das Schicksal.»

Das «Ping» fand ich klasse. Zu Evan sagte ich: «Das ‹Ping!› da in deinen Aufzeichnungen fand ich klasse. Wie du dich damit ein bisschen hast gehen lassen, fand ich klasse, aber …» – das alles im Cork & Bottle, gut zwei Wochen, nachdem ich seine Geschichte in Angriff genommen hatte – «eins kann ich dir gleich sagen …» Und ich musterte ihn ziemlich streng. «Eins musst du wissen, Evan, und zwar, dass wir Zeug wie ‹Schicksal› und ‹Mythos› stark zurückfahren müssen. Das ist zu viel. Zu wuchtig. Das wird die Leute abschrecken.»

Ja, wir waren doch wieder in meinem Eck-Pub gelandet. Offenbar kriegten wir trotz meiner diversen, überwiegend unausgesprochenen Gedanken zu Alternativen keinen anderen Treffpunkt hin. Wir beide, Evan und ich, waren, wie gesagt, umgehend in alte Muster verfallen, alte Gewohnheiten. Nicht, dass wir damals in Pubs gegangen wären, natürlich nicht, als Kinder, aber wir hatten schon immer gern das, was wir gerade machten, wiederholt, wieder und wieder dieselben Spiele gespielt, uns an bestimmten Orten getroffen, uns etwas vorgenommen und tagaus, tagein daran festgehalten. Waren wochenlang zu ihm gegangen, beispielsweise, wo uns Helen immer das Gleiche zu essen gab. Oder hatten ungefähr ein Jahr lang Tag für Tag nach der Schule das Victoria & Albert besucht und waren durch die Renaissance-Säle gewandert, um deren grandiose Ausstattung dann im Detail in besonderen Notizbüchern abzuzeichnen. Oder hatten, als meine Mutter uns ihren Wintergarten als Atelier überließ, dort ein halbes Jahr lang Tomaten gezogen und diese dann in Fresken verewigt.15 Wir mochten das Vertraute. Und es war ja auch nicht so, als hätten wir jetzt nicht versucht, es anders zu machen. Es hatte zu Beginn des Projekts den Vormittag in dem Café am Rande von Richmond gegeben, als Evan mich des «Kontexts» wegen dorthin zitiert hatte.16 Nicht, dass Evan je einen zweiten Besuch dort vorgeschlagen hätte, aber er sprach oft davon, dass wir uns zum Mittagessen treffen, ich nach Mayfair reinkommen und ihn in der Nähe seiner Firma treffen könnte, wir würden ein vornehmes Lokal aufsuchen und uns dort in Ruhe unterhalten und Notizen zu dem machen, was wir unterdessen «unser Projekt» nannten und noch nicht «Roman», und wir könnten uns auch ein komplettes Menü leisten, die Firma käme dafür auf. Ständig sagte er das. Aber immer schien ich einen Abgabetermin zu haben oder was weiß ich – die Galerie mich für einen Katalog zu brauchen oder Marjorie mir eine Tierfutterkampagne aufgeschwatzt zu haben –, und außerdem hatte ich nichts Passendes anzuziehen. An dem Abend im Cork trug ich einfach meine übliche alte Jeans und ein Flanellhemd, und das war vollkommen in Ordnung, aber gehen Sie mal ins West End, da sehen alle so umwerfend aus. Haben die richtigen Frisuren, maßgeschneiderte Klamotten. Schicke Taschen. Und ja, doch, ich besitze zwar das eine oder andere Kleid, einen Rock, trage aber solche Sachen eigentlich nie, bloß Jeans und Hemden, wozu also, letztlich, vom Gewohnten abweichen?

«Treffen wir uns doch einfach hier», sagte ich demnach zu Evan und meinte damit meinen Stadtteil, meine Ecke, und er kam dann auch. Eigentlich, dachte ich, könnte ich ihm zu Hause mal was kochen, sagte es aber vermutlich nicht, damals am Anfang17, denn mal ehrlich, wo wir so viel zu besprechen hatten, schien aufwendiges Essen gleich welcher Art nicht angebracht, oder dachte, wir könnten irgendwo in der Nähe zu Abend essen – was hatten wir nicht alles für Ideen, Evan und ich. Aber letztlich hatten wir unser Muster längst gefunden und blieben dabei. Es gab das erwähnte Leitmotiv des Gins. Die Chips und die Nüsse. Wozu etwas anders machen, wenn wir uns doch an den Ablauf längst gewöhnt hatten. Statt also etwas Besonderes zu unternehmen, holte ich Evan einfach nach der Arbeit bei mir an der Ecke an der Underground ab, und da war er dann, löste sich seine so sehr vertraute Erscheinung aus der Menge, die mir von unten entgegenstieg, und erstrahlte sein herrliches Lächeln: «Hey!», als hätte er nie mit mir gerechnet und wäre verblüfft. Und: «Auf in den Pub!», nach dem Motto: «Was sonst?», und auch wenn dem Cork & Bottle gleich an der Ecke jeglicher Glamour abging, ebenso wie dem Elm Tree oder dem Walker’s Friend, unseren späteren Anlaufstellen während der dunklen Jahreszeit, war es eben das, was wir taten, wo wir uns trafen, wer wir waren.

«Mir gefällt aber, dass mir alles wie Schicksal vorkam», sagte Evan. «Und das war es doch, Nin. Warum sonst habe ich mir nicht von der Firma eine Wohnung stellen lassen? Warum bin ich, wenn es – ‹muntere Szene› hin oder her – nicht Schicksal war, überhaupt auf die Idee gekommen, bei einer Familie einzuziehen, als Untermieter?»

«Du warst noch nicht orientiert», sagte ich.

Ich musterte ihn nachdenklich, während er sprach. «Du hattest noch Jetlag», sagte ich, um Worte verlegen, denn mir fiel auf, dass er etwas mitgenommen, etwas blass wirkte.

«Ha! Dann wohl Dauer-Jetlag», bemerkte er. Er fischte den Zitronenschnitz vom Grund seines Glases und kaute daran wie an einem Mini-Sandwich. «Hör zu», sagte er, nachdem er einen kleinen Bissen hinuntergeschluckt hatte. «Der Schicksalsaspekt muss unbedingt rein.» Er überlegte. «Vorsehung. Schicksal eben. Ob es uns gefällt oder nicht. Was ich den Big-Bang-Effekt nenne, Nin. Es war gewaltig. Ich bin da in Richmond durch die Tür spaziert, und alles war auf einen Schlag anders …»18

Ich holte aus meinem Glas ebenfalls den Zitronenschnitz und riss ihn entzwei. Ich dachte noch über seine Garderobe nach. Er trug einen schicken Anzug, Schlips und alles, aber er sah irgendwie welk aus, gemindert.

«Das könnten die Leute dir schlicht als Einsamkeit auslegen», sagte ich. «Dass dir das Haus in Richmond da ganz am Ende der District Line warm und einladend erschien und du schließlich erst kürzlich wieder aus –»

«Aber wie könnte ich einsam sein?», sagte Evan und nahm meine Hand, die immer noch einen halben Zitronenschnitz hielt. «Wo ich doch dich habe, die ich so lange schon liebe?», meinte er.

Das konnte ich ihm erst mal nur so durchgehen lassen. Manchmal läuft das beim Schreiben so, die Worte stehen da, du kannst sie nicht «überschreiben». Wie das «Ping!» aus seinen Notizen, das mir so gefiel. Ich konnte es ihm nicht verwehren. Ich konnte es beim besten Willen nicht tilgen, und nun stand es da. Also musste ich es wohl auch mit dem «Schicksal» so halten, dem «Mythos», wie Evan auf bedenkliche Weise zu nennen begann, was zunächst ein «Projekt» gewesen war.19 «Okay», sagte ich also in dem Moment und aß meinerseits von dem Zitronenschnitz; das sollte ich fortan, falls mitgeliefert, immer tun. Und so folgen hier nun weitere Notizen von ihm, die Gedanken, von denen er glaubte, wir könnten aus ihnen geradezu eine Fabel, einen «Mythos» schmieden. Denn zu mehr als diesem «Okay» war ich nach dem Gesagten nicht imstande. Brachte mehr nicht hervor und nur mit Mühe und Not meinen Zitronenschnitz herunter.

«Ich war immer kontaktfreudig, aber eben auf zurückhaltende Art», schrieb Evan. «Ich hatte Freunde, Freundinnen … Nur langweile ich mich tendenziell recht schnell und schaffe es nicht, Beziehungen in Gang zu halten. Ich höre dummerweise im Kopf eine Art Summen, jedenfalls bei den meisten Leuten, es erinnert mich an meinen Vater. Prompt muss ich daran denken, wie er daheim immer summte, wenn Freunde meiner Mutter kamen, wie er rastlos durchs Haus strich und summte. Nur wenn sein bester Freund von nebenan kam, Alastair Stuart, der Historiker – die beiden lösten zusammen Kreuzworträtsel oder unterhielten sich über Geschichte und Geschichtsphilosophie, die entsprechende Literatur und was immer Alastair gerade schrieb –, war er ganz bei der Sache, bei anderen gab es meist nur das Summen. Und so wussten wir Kinder eben deswegen immer genau, dass jemand kam, der nicht Alastair war, weil unser Vater plötzlich leise, aber sehr vielsagend und absichtsvoll zu summen begann. Nun, in meinem Fall gab es bei der Begegnung mit Caroline Beresford nichts dergleichen. Keinerlei Summen.»

Caroline. «Sweet Caroline», sang ich leise vor mich hin, privat, aber das war natürlich kein Summen, oh nein, mitnichten. Es war der Song, der komplette Text. «Sweet Caroline» im Kopf, weil ich mittlerweile selbst daheim, wenn ich gar nicht mit Evan zusammen war oder seine Notizen las, mich so daran gewöhnte, ihn von der Begegnung mit einer Person namens Caroline, Caroline reden zu hören – dem Namen in dem fantastischen Song von Neil Diamond, den alle Welt bis heute liebt. Ich sang ihn damals, am Anfang, von vorn bis hinten leise durch, so ganz für mich, sogar das Crescendo mit dem «hands … touching hands», das alle so mitreißt.

Damals, gestand ich Evan, hatte ich nach der ersten Durchsicht seines ersten Konvoluts an Notizen tatsächlich aufstehen und die CD «The Best of Neil Diamond» auflegen müssen, diesen einen Song. Ich hatte voll aufgedreht, mitgesungen und getanzt.

«War toll», sagte ich zu Evan. «Es ist so ein toller Song.»

«Wir sollten tatsächlich mal tanzen gehen», erwiderte er. «Was für eine gute Idee. Und der Refrain – der ist ideal für uns! Wir suchen uns ein Lokal mit Jukebox oder einem DJ-Veteranen, der das Stück für uns auflegt, und dann tanzen wir und singen mit …»

«Der Song wäre aber auch als Titel denkbar, den Kids für eine Party auf der Playlist haben», sagte ich und ließ mich wunderbar von der Idee anstecken, dass Evan sich von unserer längst festen Routine lösen und tanzen gehen könnte. «Weißt du, und ihn dann auf ironisch-postmoderne Art spielen …»

Wir sahen uns im Pub um, gleichzeitig. Dachten dasselbe: Steht hier vielleicht eine Jukebox? War aber natürlich nicht der Fall.

Der Pub, in dem wir an dem Abend saßen, The Elm Tree, war eben nicht die Art Pub. Ich hatte ihn entdeckt, als mir klar wurde, dass es im Cork & Bottle einfach zu kalt war. The Elm war mehr ein Dorfpub; als würden wir alle vorgeben, irgendwo in Oxfordshire zu hocken, denn er lag an einem Park, kaum fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt, einem Park, der einem vorkommt wie ein ganz anderer Teil von London, weil er ein bisschen an einen Dorfanger erinnert, sozusagen, und dort Herrchen und Frauchen in Gummistiefeln und Barbours ihre Hunde mit reinbringen dürfen. Er lag nicht ganz so dicht an der Underground wie der Cork, der Elm Tree, und womöglich spielte der Weg eine Rolle. Der Blick auf den Park. Drinnen war es jedenfalls ruhig und hübsch altmodisch, und das leitete eine neue Phase in unserem Vorgehen ein, eine leichte Verschiebung der Stimmung.

«Keine Jukebox», sagten Evan und ich unisono. Und mussten lachen.

Das alles war schon wieder einige Zeit her, dachte ich mittlerweile, die vielen trotz Neil Diamond über Evans Notizen verbrachten Abende. Die frühen Gespräche. Die allerersten Gedanken. Inzwischen lag sogar der Elm Tree hinter uns und hatte uns das Schreibprojekt, Evans Niederschrift, fest im Griff. Also «Caroline», las ich – beschwor den günstigen Verlauf des Songs. Weiter im Text:

«Ich dachte sie mir sogar als ‹meine Caroline›», schrieb Evan, «obwohl an ihr gar nichts ‹mein› war.» Seine Handschrift war wirklich haarsträubend. «Sie sagte ‹Hi›, sie streckte mir die Hand entgegen. Aber für mich reichte das schon. Das war’s. Dann sagte sie, da ich ja gerade erst wieder in London sei, solle ich doch zu ihnen kommen und so lange bleiben wie nötig, um Fuß zu fassen. Sie sagte: ‹Kann ich Ihnen etwas anbieten, Kaffee, Tee? Bevor wir einen kleinen Rundgang machen?› Und ich sagte Ja, und wir tranken zusammen Kaffee, standen vor den großen Verandaschiebetüren – in den USA reden sie von ‹Ranch Style› – mit Blick in den riesigen Richmonder Garten.»

Evans Beschreibungen waren klar, sie waren gut. Solche Passagen waren tadellos, sie gefielen mir.

«Das Haus war wirklich riesig», schloss er diesen ersten Teil seiner Notizen ab, «genauso, wie es Rosie und Nin gesagt hatten. Überhaupt war alles in großem Stil gehalten. Die Küche, Carolines Küche, wo sie den Kaffee gemacht hatte, wo wir standen und auf einen Rasen von den Abmessungen eines Bowlinggrüns hinausblickten, mit altem Baumbestand und Blumenbeeten und so …

‹Absurd, nicht wahr?›, meinte Caroline. ‹Aber wir sind ja hier im Vorort, da ist das nicht ganz so verrückt.›

‹Ich finde es wunderschön›, sagte ich da zu Caroline. Eigentlich wollte ich sagen: ‹Du bist wunderschön.›»

«Aber das hast du nicht», sagte ich.

«Aber nein!», sagte Evan. «Das würde ich niemals tun.»

vier

Die Beresfords hatten Rosie zufolge zunächst eine sehr glückliche Ehe geführt. Die Hochzeitsfeier, eine richtig große, glanzvolle Sache – mehr eine Riesenparty, meinte sie, als eine Hochzeit –, hatten sie nach Thailand verlegt, zu Zeiten, da alle Welt noch richtige Ferien machte und auch zu großen Festen und Anlässen anreisen konnte, ohne ständig am Handy zu hängen und E-Mails beantworten oder wegen eines Abgabe- oder sonstigen Termins wenige Tage drauf schon wieder nach London zurückhetzen zu müssen. Die beiden hatten zu einer Zeit geheiratet, fand Rosie, da die Leute noch vergleichsweise locker drauf waren.

Caroline war damals PR-Chefin eines Unternehmens gewesen, das vor allem Rennställe und Vollblutzüchter in Irland vertrat, und obwohl selbst nicht Irin, war sie immerhin «tief in den Home Counties» mit Ponys großgeworden, meinte sie, als Evan fragte, und ritt seit ihrem dritten Lebensjahr, sodass man ihr «bei Pferden nichts vormachen» könne, so beschrieb es mir Evan, der mir Caroline unbedingt näherbringen wollte bei unseren anfänglichen Treffen, als wir noch regelmäßig den Cork & Bottle aufsuchten, den ersten Pub gleich bei mir an der Ecke. Ja, dort war das, dort hörte ich, während er uns am Tresen den dritten Gin Tonic bestellte, die «wesentlichen Eckdaten», so Evan, zu Caroline Beresfords Erziehung, Herkunft, Familie und zum gegenwärtigen Stand