Champagner zum Brunch - Petra S. Korn - E-Book

Champagner zum Brunch E-Book

Petra S. Korn

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Beschreibung

Eine gewaltige Explosion zerreißt die Stille der Nacht. Der Inhaber eines Geschäftsimperiums kommt auf grausame Weise ums Leben. Die Kleinstadt im idyllischen Voralpenland hat ihre große Sensation. Vier Kommissare, die eigens für diesen Fall eine SOKO bilden, müssen sich durch einen Wust von Habgier und Anmaßung, Überheblichkeit, Neid und Eifersucht kämpfen. Ihre Ermittlungen führen sie unter anderem in die Welt der Reichen und Schönen, und bescheren ihnen bald mehr Verdächtige, als ihnen lieb ist. Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Petra S. Korn

Champagner zum Brunch

Kriminalroman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Samstagnacht. Der See war spiegelglatt. Es war eine milde, sternenklare Sommernacht und der Vollmond glänzte schimmernd auf der Wasseroberfläche. Nach diesem heißen Sommertag hatte sich der Badestrand rasch geleert. Die erholungssuchenden Gäste, die Einheimischen mit ihren lärmenden Kindern und die tobenden Jugendlichen vom Beach-Volleyballplatz, alle waren nach Hause gegangen. Am See war nun mit der Dunkelheit auch die Ruhe eingekehrt.

Weit und breit war kein Laut zu hören, nur eine leichte Brise ließ das hohe Schilf in der einsamen Bucht leise rascheln. Aus der Segeljacht, die sanft schaukelnd in der Bucht vor Anker lag, fiel ein matter Lichtschein durch die Kabinenfenster. Es sah alles ruhig und friedlich aus. In der Ferne schlug eine Kirchturmuhr. Es war Mitternacht.

Plötzlich ertönte ein dumpfer Laut im Inneren des Bootes. Sekunden später zerriss ein ohrenbetäubender Knall die Stille am See. Eine meterhohe Stichflamme schoss empor und ließ die gespenstische Szenerie für einen kurzen Moment in grellem Licht erscheinen. Brennende Teile, die durch die Luft geschleudert worden waren, fielen klatschend ins Wasser. Die Jacht wurde durch die Wucht der Detonation förmlich in tausend Stücke gerissen.

2

Auf dem Campingplatz, nicht weit von der Bucht entfernt, saßen zwei junge Pärchen vor einem Wohnwagen. Die vier Studenten aus Norddeutschland waren erst am Nachmittag angekommen um hier, im schönen Oberbayern, ihren gemeinsamen Urlaub zu verbringen. Der Wohnwagen stand das ganze Jahr über hier am Dauercampingplatz, er gehörte Herberts Eltern. Mit seiner Freundin Lisa bewohnte Herbert nun für eine Woche das elterliche Feriendomizil. Ihre beiden Freunde Svenja und Jörg bezogen ein kleines Zelt, das sie gleich nach ihrer Ankunft neben dem Wohnwagen aufgeschlagen hatten. Nach dem Abendessen, es gab Currywurst mit Pommes in der Imbissbude, besorgten sie sich noch ein paar Flaschen Bier am Campingplatz-Kiosk, stellten Klappstühle und einen Klapptisch unter das Vorzelt des Wohnwagens und genossen den lauen Abend.

Zu später Stunde, es herrschte bereits Nachtruhe auf dem Platz, saßen sie immer noch da und planten ihre Urlaubstage. Herbert hatte sich bereits zu Hause im Internet informiert, was sie alles unternehmen könnten. Er breitete seine Wanderkarte auf den Knien aus und suchte, im schwachen Lichtschein einer Taschenlampe, die Route zu der Sommerrodelbahn, die Morgen ihr erstes Ziel werden sollte, als sich die gewaltige Explosion ereignete. Erschrocken sprangen die vier von ihren Stühlen.

»Himmel, was war das denn«, sagte Jörg.

»Mist, ich hab nichts gesehen, was ist passiert?«, fragte Herbert.

»Ein Begrüßungsfeuerwerk für uns war das sicher nicht«, bemerkte seine Freundin flapsig. Svenja lief näher ans Ufer.

»Das war eine Explosion, ich hab´s gesehen. Schaut mal, da drüben, sieht aus als würde es brennen«, rief sie den anderen zu. Die drei Freunde folgten ihr ans Ufer.

»Tatsächlich, da brennt´s auf dem See. Oder an Land?«

Alle versuchten, in der Dunkelheit irgendetwas zu erkennen, was aber unmöglich war.

Der laute Knall hatte auch die anderen Urlauber in ihren Wohnwägen geweckt, überall gingen die Lichter an und Köpfe erschienen an den Fenstern. Einige Leute kamen heraus, liefen durcheinander und fragten sich gegenseitig, was passiert war.

Auch Richy Gebauer, der übergewichtige Eigentümer des Campingplatzes, kam eilig angerannt. Er war gerade nach dem Genuss von zwei Flaschen Bier eingenickt, als er bei dem Getöse vor Schreck aus seinem Fernsehsessel fiel. Zielgerichtet wandte er sich direkt an die vier Neuankömmlinge.

»Was habt ihr angestellt«, schrie er die jungen Leute an. Die Studenten protestierten, sie hätten gar nichts angestellt. Sie beteuerten ihre Unschuld und erzählten ihm von ihren Beobachtungen. Als Gebauer sich davon überzeugt hatte, dass der ohrenbetäubende Lärm tatsächlich nicht von ihnen verursacht worden war, lief er zu den anderen Feriengästen, die am Ufer standen und gebannt über den See schauten. Alle redeten und gestikulierten wild durcheinander.

»Was ist da los?«, fragte er einen dicken Mann, der auf den See zeigte und immer rief: »Es brennt, es brennt!«

Eine Frau schrie hysterisch: »Ein Bombenanschlag, Terroristen, sie wollen uns alle umbringen.«

Ihr Mann schimpfte: »Blödsinn, du siehst zu viel fern. Da ist nichts, los wir gehen wieder ins Bett.«

Ein älterer Mann versuchte die anderen zu beruhigen: »Das kam bestimmt vom Dorffest. Die haben da heute Böllerschützen. Das Krachen von den Böllern hört man meilenweit über das Wasser. Jetzt ist ja wieder Ruhe. Gute Nacht.«

Als nichts mehr zu hören und zu sehen war, verstummten die Neugierigen langsam und gingen wieder in ihre Wohnwägen zurück. Nur die vier Studenten standen noch diskutierend da. Richy Gebauer kam zu ihnen.

»Außer euch hat wohl keiner was gesehen. Könnt ihr euch erklären, was da los war?«

Jörg spekulierte: »Es war bestimmt eine Explosion und da war auch Feuer zu sehen, aber jetzt sieht man gar nichts mehr.«

»Tja«, meinte Gebauer, »da alarmiere ich am besten die Polizei. Sollen die schauen, was da los ist.«

Er stapfte zu seiner Baracke zurück. Dort befand sich neben seiner Wohnung auch das Büro des Campingplatzes. ›Nicht zu fassen‹, dachte er verdrießlich, ›was fällt den Leuten ein, mich mitten in der Nacht zu stören.‹

Seehausen, die nächstliegende und zugleich auch größte Ortschaft am See, mit ca. 8000 Einwohnern, verfügte über eine eigene Polizeidienststelle. Herzhaft gähnend wählte Gebauer die Nummer.

Eine halbe Stunde nach dem Anruf fuhren zwei Polizisten in ihrem Dienstwagen vor. Gebauer erwartete sie, leicht fröstelnd, nur mit Shorts und Unterhemd bekleidet, an der Schranke zum Campingplatz.

»Guten Abend Richy«, begrüßte Polizeiobermeister Rudi Schillinger seinen alten Schulfreund Gebauer, »jetzt erzähl nochmal in aller Ruhe, was da vorhin passiert ist. Aus deinem Gestammel am Telefon bin ich nämlich nicht schlau geworden.«

»Da fragst du am besten gleich meine neuen Gäste«, murrte Gebauer gereizt, »ich selbst hab ja nichts gesehen, bin nur durch den Riesenknall aus dem Stuhl gefallen.«

Sie gingen gemeinsam zum Wohnwagen der Studenten, die noch immer im Vorzelt saßen und auf die Polizisten warteten. Während Schillinger die Vier zu dem Vorfall befragte, nahm sein Kollege, Polizeiobermeister Anton Griesmaier, schon mal die Personalien auf. Die Zeugen konnten natürlich nur vage beschreiben, wo sich die Explosion ereignet hatte.

»Hm, das könnte in der Altwalchener-Bucht gewesen sein, was meinst du, Toni?«, überlegte Schillinger.

»Ja, könnte, oder auch nicht. Hilft nichts, da müssen wir rüberfahren und nachschauen«, antwortete Griesmaier griesgrämig. »Die anderen Gäste befragen wir morgen. Die haben ja offensichtlich nichts gesehen und schlafen sicher alle schon wieder.«

Damit verabschiedeten sich die Beamten. Die jungen Leute waren todmüde und froh, endlich ins Bett zu kommen. Genauso wie Richy Gebauer.

Der Polizeiwagen bog in die schmale, geschotterte Zufahrtstraße ein, die zur Altwalchener-Bucht führte. Die Landstraße war wenigstens mit Straßenlaternen beleuchtet gewesen, aber hier konnten sich die Polizeibeamten nur durch ihr Scheinwerferlicht und den Vollmond orientieren. An der Bucht angekommen, stiegen die beiden aus und schlichen, mit ihren Taschenlampen ausgerüstet, in Richtung Ufer.

»Da vorne glänzt irgendwas, da liegt etwas im Schilf. Siehst du es?«, fragte Schillinger seinen Kollegen.

»Ja, richtig«, antwortete Griesmaier, »das schauen wir uns mal näher an. Hoffentlich kommen wir trockenen Fußes dort hin«, gab er noch zu bedenken. Als die beiden näher kamen, stellten sie fest, dass der glänzende Gegenstand ein Teil einer abgerissenen Schiffsreling war. Verdutzt schauten sie sich an und versuchten weiter in das dichte Schilf vorzudringen.

»Es riecht hier irgendwie brenzlig oder verkohlt, findest du nicht?«, murmelte Schillinger.

»Ich würde sagen, hier stinkt´s gewaltig. Wir sind jedenfalls an der richtigen Stelle. Ich glaub, da im Schilf liegt noch so ein metallenes Teil.«

Nach zwei weiteren Schritten fluchte Griesmaier: »Oh, verdammt, jetzt krieg ich nasse Füße«, und hüpfte zurück.

»Wie sollen wir denn dahin kommen? Es gibt keinen Steg und es ist unmöglich, von hier aus mehr zu sehen. Außerdem ist es zu dunkel. Glaubst du, dass da tatsächlich ein Schiff explodiert ist?«

»Ja, das glaube ich, auch wenn es ziemlich unglaublich klingt. Ich kann mir jedenfalls nichts anderes vorstellen..., allerdings kann ich mir auch nicht vorstellen, wie so etwas passieren kann.

Es schien aussichtslos, einen Überblick zu bekommen und abzuschätzen, was eigentlich genau passiert war.

»Wir verständigen am besten gleich die Kollegen von der Kriminalpolizei und die Spurensicherung. Das heißt allerdings auch, dass wir hier warten müssen, bis die ankommen. Und das kann dauern.«

»Okay, ich sag in der Dienststelle Bescheid.« Griesmaier ging zum Auto, »und dann machen wir´s uns hier so richtig gemütlich. Hast du deine Spielkarten dabei?«

Als die Kripobeamten und ihre Kollegen von der Spurensicherung aus der 30 Kilometer entfernten Kreisstadt endlich an der Bucht eintrafen und ihre Arbeit aufnahmen, dämmerte schon der Morgen. Die Bergungsarbeiten dauerten bis zum Nachmittag. Es wurden jede Menge Einzelteile der zerfetzten Jacht aus dem Wasser gefischt und auch vom Grund des Sees geborgen.

Vom Schiffseigner aber fehlte jede Spur.

3

In ›Karlshöhe‹, dem Prominenten-Viertel der Kreisstadt Lindenburg, reihten sich die Villen der Reichen und Privilegierten aneinander. Hier residierte der Geldadel. Unternehmer, Schauspieler, Politiker und sonstige Promis wohnten dort Tür an Tür.

In ihrer Villa saßen Helmuth Pfortsheimer und seine Frau Verena beim Brunch. Es war am späten Sonntagvormittag. Die beiden nahmen gewöhnlich ihren Brunch um diese Tageszeit ein, man konnte es sich ja leisten. Genauso wie das Glas Champagner, das natürlich dazu gehörte. Von der windgeschützten Terrasse mit der schattenspendenden Markise hatten sie einen herrlichen Blick auf ihren wunderschönen Garten. Am Ende der Terrasse führten drei Stufen auf einen gepflasterten Weg. Rechts und links davon hatte der Gärtner, der zweimal wöchentlich kam, bunte Blumenrabatten angelegt. Im hinteren Teil des Gartens, hinter einer sorgfältig geschnittenen Buchshecke, befand sich der standesgemäße Swimmingpool nebst Liegewiese und Gartenpavillon. Das große Grundstück war außerdem von einer Zweimeter hohen Thujen-Hecke umgeben, so dass die Bewohner vor neugierigen Blicken geschützt waren.

Pfortsheimer, ein untersetzter Mittfünfziger mit leichtem Bauchansatz und beginnender Glatze, war hauptberuflich Politiker und teilte sich seine Zeit ein, wie es ihm gefiel. Dank seiner Stellung und der Protektion seines Schwiegervaters war es ihm ein Leichtes, nützliche Bekanntschaften und einträgliche Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Deshalb liebte er seinen Beruf. Weniger der Politik wegen, eher des Einflusses wegen, den er auch durch die Mitarbeit in verschiedenen Ausschüssen erlangte. Der Gedanke an die Möglichkeiten, die sich ihm boten, jagte ihm stets einen wohligen Schauer über den Rücken. Die Aussicht Macht, Einfluss und Reichtum zu vermehren war für ihn erregender als eine nackte Schönheit in seinem Bett.

Man verkehrte mit seinesgleichen im elitären Golfclub, traf sich im Jachtclub, begegnete sich bei Vernissagen, auf Charity-Partys oder bei Benefiz-Konzerten. Bei diesen Treffen ging es freilich nicht nur um Wohltätigkeit und Freizeitgestaltung. Dort lernte man die wichtigen Leute kennen, knüpfte neue Verbindungen und erhoffte sich, natürlich so ganz nebenbei und auf Gegenseitigkeit, Begünstigungen und Bevorzugungen geschäftlicher oder gesellschaftlicher Art.

Pfortzheimer hatte die Möglichkeiten und den Einfluss die Anliegen seiner neuen Freunde zu verwirklichen, und er nutzte jede Gelegenheit. Ganz nach dem Motto: ›Wer kann, der kann.‹ Als Gegenleistung dafür flossen reichlich Spendengelder, die man durch geschickte Buchungen auf geheime Konten umleitete. Auch mit ›kleinen Aufmerksamkeiten‹, wie Urlaubsreisen, prozentualen Beteiligungen oder mittelgroßen Aktienpaketen drückte man seine Dankbarkeit aus. Es war für alle Seiten ein einträgliches Geben und Nehmen, leben und leben lassen. So war sein monatliches Einkommen durch die ›außerordentlichen Zuwendungen‹ mit der Zeit enorm gestiegen.

Unter diesen Voraussetzungen ließ sich das Leben auf angenehmste Weise genießen.

Gut gelaunt bestrich der Hausherr sein Croissant dick mit Butter und Marmelade. Seine Frau Verena saß ihm mit einem grimmigen Gesichtsausdruck gegenüber.

»Was ist los?«, fragte der Hausherr.

»Wie kannst du nur so gelassen sein!«, warf sie ihm verärgert vor.

Verena war mit Ende Vierzig noch eine sehr schöne Frau. Sie ging dreimal die Woche zu ihrer Kosmetikerin und ins Fitnessstudio, um sich ihr makelloses Aussehen und die schlanke, straffe Figur möglichst lange zu erhalten. Da sie aus reichem Hause kam hatte sie es noch nie nötig gehabt zu arbeiten.

»Ich habe genau gehört, wie du mit diesem Kerl gestritten hast. Er hat gesagt, er hätte dich wegen irgendwelcher Unterlagen in der Hand und kann uns ruinieren«, sagte sie gereizt, »was hat er damit gemeint, was sind das für Unterlagen?«

»Sei unbesorgt«, erwiderte ihr Mann ruhig und lächelte siegessicher, »ich habe bereits Schritte in die Wege geleitet. Glaub mir, der Fall hat sich bald erledigt. Uns wird gar nichts passieren, ich hab mich nämlich abgesichert. Sollte er tatsächlich versuchen uns hinzuhängen, ist er selbst dran. Das weiß er und das kann er sich nicht leisten.«

»Ich mag diesen Mann nicht. Er ist mir zu überheblich. Und jetzt bedroht er uns auch noch. Sag mir gefälligst, was das für Unterlagen sind. Womit hat er dich in der Hand? Macht ihr etwa illegale Geschäfte?«

»Schluss jetzt!«, sein Lächeln erstarb und er wurde ungehalten, »ich hab gesagt, dass ich alles im Griff habe, mehr brauchst du nicht zu wissen und damit basta.«

Sie sah ihn gekränkt an. Nach einer Weile lenkte er ein und sagte lächelnd zu ihr: »Komm schon, mach nicht so ein Gesicht«, er wusste genau, wie er sie von ernsten Themen ablenken konnte, »fahr lieber in die Stadt, kauf dir ein schönes Kleid und freu dich auf die Party heute Abend.«

4

Am Montagmorgen strahlte die Sonne bereits am Himmel, als Hauptkommissar Korbinian Kronfeld in die Dienststelle fuhr. Der übliche Stau, den der morgendliche Berufsverkehr täglich mit sich brachte, konnte ihn heute nicht im Mindesten aufregen. Erst gestern war der sportliche Endvierziger von einem wohlverdienten Urlaub in die Stadt zurückgekommen. Er verbrachte seine freien Tage stets in den nahegelegenen Bergen. Ein Bekannter besaß dort eine kleine Hütte, die er dem Freund zur Verfügung stellte. Dort streifte Kronfeld den ganzen Tag in freier Natur umher und ging seinem Hobby, der Fotografie, nach. Er liebte die Einsamkeit in den Bergen. Er liebte aber auch den gemütlichen Dorfgasthof mit seinem schattigen Biergarten. Dort pflegte er abends einzukehren. Die einheimischen Stammgäste des Gasthofs zählten schon seit langem zu seinen Freunden und er saß oft mit ihnen bis in die Nacht hinein am Stammtisch.

Gut gelaunt vor sich hin pfeifend und voller Tatendrang ging Kronfeld durch die breite Eingangstür des Polizeipräsidiums. Im Flur begegnete er seinem Freund und Kollegen Werner Deininger vom Einbruchsdezernat.

»Na, alter Bergfex, wieder zurückgefunden ins Tal?«, begrüßte ihn dieser.

»Hallo Störtebeker«, erwiderte Kronfeld lachend. Deininger war begeisterter Segler und wurde von allen nur Störtebeker genannt. »Ich find immer zurück in die Stadt, das weißt du doch, aber irgendwann kauf ich mir selbst eine Hütte und bleib oben am Berg, darauf geb´ ich dir mein Wort. Wie sieht´s aus? Heute Abend Stammtisch im Biergarten?«

»Sowieso«, sagte Deininger, winkte und ging davon.

Auch wenn sie ihre Freizeit mit gegensätzlichen sportlichen Aktivitäten verbrachten, war der Besuch des Biergartens eine Leidenschaft, die sie gern gemeinsam genossen.

Als Kronfeld seine abgewetzte Aktentasche auf den Schreibtisch in seinem Büro legte, fiel sein Blick auf einen handgeschriebenen Zettel, darauf stand ›Erwarte Sie sofort bei mir, Lackner‹.

Kriminalrat Lackner war Kronfelds Vorgesetzter. ›Naja, das Verbrechen macht halt keinen Urlaub‹, dachte Kronfeld. Er verzichtete auf seinen obligatorischen Dienstantrittskaffee und machte sich auf dem Weg zum Chef.

»Guten Morgen, gut dass Sie zurück sind Kronfeld, ich habe gleich einen neuen Fall für Sie«, begrüßte der Chef den Kommissar. »Wie war übrigens der Urlaub?«, fragte Lackner noch der Höflichkeit halber.

Da Kronfeld wusste, dass der Chef sicher keine Einzelheiten hören wollte, sagte er nur knapp: »Schön, friedlich und zu kurz.«

»Na dann kann´s ja wieder mit voller Kraft losgehen. Der Fall ereignete sich vorletzte Nacht am Wiedsee. Die Jacht von Dieter Haingruber, dem Tabakgroßhändler, ist in die Luft gejagt worden. Auf den ersten Blick sieht es nach Versicherungsbetrug aus. Allerdings könnten wir es auch mit Mord zu tun haben. Laut Aussage der Ehefrau hat Haingruber am Samstagmorgen das Haus verlassen und ist seither nicht mehr aufgetaucht. Andererseits haben wir noch keine Leiche gefunden«, erzählte Lackner, »die Berichte der Aussagen von den Leuten am Campingplatz und von einer ersten Befragung im Jachtclub habe ich hier.« Er überreichte Kronfeld die Handakte. »Die ersten Ermittlungsergebnisse von der KTU sind auch schon dabei.«

»Der Haingruber?«, fragte Korbinian Kronfeld. Er nahm die Akte in Empfang und schaute seinen Chef erstaunt an, »Multimillionär und Großkotz?«

Lackner schaute ihn mit einem leichten Lächeln von der Seite an. Als Chef der Kriminalpolizei genoss er ein hohes Ansehen und wegen dieser Stellung erhielt auch er gelegentlich Einladungen zu den Veranstaltungen der sogenannten ›High Society‹. Allerdings machte er sich nicht viel aus dieser Gesellschaft. Die Herrschaften waren ihm zu versnobt.

»Über seine Charaktereigenschaften möchte ich mich nicht äußern, aber vielleicht spielen die bei dem Fall sogar eine Rolle?«, meinte Lackner lakonisch, »finden Sie raus, womit wir es hier zu tun haben. Ich erwarte morgen Ihren ersten Bericht.«

Das Unternehmen Haingruber kannte jeder in der Stadt. Es war vom Vater des jetzigen Inhabers gegründet worden. Den Anfang hatte der Geschäftsmann mit einem Bahnhofskiosk gemacht, den er mit seiner Frau betrieb. Es dauerte nicht lange, da eröffnete er seine erste Filiale, ein kleines Geschäft mit Tabakwaren und Zeitungen. Die zweite Filiale war schon ein etwas größerer Laden, dann kamen die dritte, vierte und fünfte Filiale. Schließlich gründete er sein Großhandelsunternehmen. Der ehrgeizige Aufsteiger erwarb im Gewerbegebiet der Stadt ein großes Grundstück, baute dort ein riesiges Lagerhaus und ein eigenes Bürogebäude.

Als er schließlich vor Jahren seinem Sohn Dieter die Firma übergab, war durch seine außergewöhnliche Geschäftstüchtigkeit und hervorragenden geschäftlichen Verbindungen ein stattliches Unternehmen entstanden.

Und der inzwischen 60-jährige Haingruber Junior verstand es ausgezeichnet, die geschäftlichen Beziehungen zu nutzen, die Firma weiter auszubauen und die Umsätze noch zu steigern. Allerdings hatte er den Ruf, ein knallharter Geschäftsmann zu sein und wenn es sein musste, über Leichen zu gehen.

Zurück in seinem Büro setzte sich Kommissar Kronfeld an seinen Schreibtisch und studierte die Berichte. Es war in der Nacht von Samstag auf Sonntag passiert, ziemlich genau um Mitternacht. Er überflog kurz die Zeugenaussagen.

Dann las er die Aussage der Ehefrau. Die Beamten hatten am Sonntagmorgen das Schiff anhand der Wrackteile identifiziert und Name und Adresse des Schiffseigners im Jachtclub erfahren. Am späten Vormittag suchten die Polizisten dann die Adresse des Mannes auf, trafen dort aber nur seine Ehefrau an.

Nachdem ihr berichtet wurde, was geschehen war, gab Frau Haingruber an, ihr Mann wäre am Samstag allein zum Segeln gefahren. Seitdem habe sie nichts mehr von ihm gesehen oder gehört. Dass ihr Mann in der Nacht nicht nach Hause gekommen war, wunderte sie nicht, es kam öfters vor, dass er auf dem Schiff übernachtete. Warum die Jacht nicht ordnungsgemäß am Steg vertäut war, sondern in einer einsamen Bucht ankerte, konnte sie nicht erklären.

Der Bericht der kriminaltechnischen Untersuchung war noch sehr dürftig. Man hatte bisher immerhin mit Sicherheit festgestellt, dass eine gewaltige Detonation stattgefunden hatte. Die vorläufige Vermutung ging davon aus, dass im Inneren des Schiffes eine Bombe explodiert war, die die Jacht völlig zertrümmerte. Im Wasser schwamm jede Menge Kleinholz, was die Aufgabe der Kriminaltechniker nicht gerade einfach machte. Aber die Sachverständigen arbeiteten weiterhin beharrlich und fieberhaft am Tatort.

Nachdenklich schaute Kronfeld aus dem Fenster. Wenn der Mann auf dem Boot gewesen war, würde man seine Leiche sicher bald irgendwo im See finden. Wenn nicht, musste er ja irgendwann wieder auftauchen.

Er beschloss, erst mal in die Kantine zu gehen. Ohne Wurstsemmel und Kaffee zum Frühstück konnte er sich nicht konzentrieren. Er hasste es, unterwegs schnell eine Kleinigkeit zu essen, wie es einige der Kollegen taten. Bei ihm löste das nur schlechte Laune und Stress aus.

Nach seinem Imbiss, auf dem Weg zum Parkplatz, entschied er, die Ermittlungen mit der Befragung von Frau Haingruber zu beginnen. Anschließend wollte er zum See rausfahren und den Tatort besichtigen.

Als er gerade in sein Auto stieg, ertönte der Klingelton seines Handys. Der Chef war dran.

»Hören Sie Kronfeld. Frau Haingruber hat gerade angerufen. Sie hat einen Einbruch in ihre Villa gemeldet, der wohl letzte Nacht passiert ist. Die Streifenbeamten sind schon dort und die Spusi ist auch schon unterwegs.«

»Ich bin gerade auf dem Weg zu ihr«, bestätigte Kronfeld und fuhr los.

5

Kommissar Kronfeld fand das vornehme Landhaus der Haingrubers in ›Karlshöhe‹ auf Anhieb. Ein Streifenwagen stand vor der Einfahrt. Die Beamten waren schon dabei, die Nachbarn zu befragen.

Die Haustüre stand offen und er ging, ohne anzuläuten, hinein. Schon in der Diele, die eher einem kleinen Vestibül glich, zeugte die erlesene Einrichtung von Reichtum und gutem Geschmack.

Zwei Mann von der Spurensicherung waren in ihren weißen Schutzanzügen im Eingangsbereich beschäftigt. Kronfeld winkte ihnen zu und einer der beiden sagte: »Da hinten, zweite Tür links.«

Dort befand sich das Arbeitszimmer von Dieter Haingruber, wo drei weitere Mitarbeiter der Spurensicherung bei der Arbeit waren. Er begrüßte die Kollegen, sah ihnen kurz bei der Arbeit zu und fragte dann: »Wo ist die Dame des Hauses?«

»Im Wohnzimmer«, sagte Ralf Krüger, mit dem Daumen hinter sich deutend, im Vorbeigehen. Krüger, ein Freund von Kronfeld und außerdem Chef der Spurensicherung, ließ es sich nicht nehmen, höchstpersönlich an den Tatorten zu erscheinen. Er liebte seinen Beruf und fand die Arbeit auch nach über 20 Dienstjahren noch aufregend und spannend.

»Morgen Ralf, kannst du mir schon was sagen?«

»Morgen Korbinian«, Krüger blieb stehen, »ja, kann ich. Offensichtlich hat der Einbrecher etwas Bestimmtes gesucht, es wurde nur der Schreibtisch im Arbeitszimmer durchwühlt und der Safe ist aufgebrochen. Im Haus sind jede Menge Wertgegenstände, die haben den Kerl aber wohl nicht interessiert«, sagte er und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

»Sieht nach Auftrag aus«, rief er Kronfeld noch über die Schulter zu, als dieser sich schon auf dem Weg zum Wohnzimmer befand.

Frau Haingruber saß blass auf einem der drei Sofas, die vor dem offenen Kamin gruppiert waren und zerknüllte nervös ein Taschentuch in ihren Händen. Sie war etwa Mitte fünfzig, elegant gekleidet und machte einen sehr gepflegten Eindruck.

Kronfeld schaute sich kurz um. Der große Raum sah aus wie das Prunkzimmer eines Schlosses. Für seinen Geschmack etwas zu klotzig und total übertrieben, wenngleich die Möbel sicher ein Vermögen gekostet hatten.

Neben der Hausherrin stand eine kleine, unscheinbare Frau mittleren Alters. Sie kam mit forschen Schritten auf den Kommissar zu und stellte sich vor: »Emmi Neumann. Guten Tag, Ich bin die Haushälterin.«

»Kommissar Kronfeld, grüß Gott«, sagte der Ermittler höflich und lächelte sie an. Dann wandte er sich der Sitzgruppe zu.

»Frau Haingruber?«, sprach er die Dame an, »können Sie mir ein paar Fragen beantworten?«

Sie blickte ihn leicht verwirrt an und sagte weinerlich: »Was geht hier eigentlich vor? Gestern hat man unsere Jacht in die Luft gejagt, mein Mann ist verschwunden und heute Nacht der Einbruch. Ich kann mir das alles nicht erklären.«

»Sie haben also den Einbruch heute früh selbst entdeckt?«

»Jaja, das hab ich doch schon am Telefon gesagt. Jemand ist ins Haus eingebrochen und hat uns bestohlen.«

»Können Sie mir mehr zu dem Einbruch sagen? Haben Sie in der Nacht irgendetwas gehört oder ist etwas Ungewöhnliches vorgefallen?«, begann Kronfeld seine Befragung.

»Nein, natürlich habe ich nichts gehört«, sagte sie gereizt, »ich habe fest geschlafen und war heute früh völlig überrascht und total schockiert, als ich das Durcheinander im Büro meines Mannes entdeckte.«

»Warum gingen Sie denn in das Arbeitszimmer? Was wollten Sie da?«

»Nichts wollte ich da, die Tür stand einen Spalt offen, gestern Abend war sie aber zu. Da bin ich ganz sicher. Das hat mich stutzig gemacht und ich hab eben nachgesehen.«

»Haben Sie auch schon nachgesehen was gestohlen wurde? Oder können Sie sich vielleicht vorstellen, wonach der Einbrecher gesucht hat?«

»Keine Ahnung. Ihre Leute wollten, dass ich hier warte, bis sie mit der Arbeit fertig sind. Oh Gott, wo ist bloß mein Mann.« Sie rang verzweifelt die Hände. »Er wird sich fürchterlich aufregen wenn er sieht, was hier los ist.«

»Frau Haingruber«, sagte der Kommissar eindringlich, »gestern ist die Jacht ihres Mannes in die Luft gejagt worden und womöglich war er zu dem Zeitpunkt an Bord. Es könnte etwas Schreckliches geschehen sein. Sind Sie sich darüber im Klaren?«

Als sie sich abwandte, sprach der Kommissar weiter: »Sie haben gestern ausgesagt, dass Sie Ihren Mann am Samstag zum letzten Mal gesehen haben. Sind Sie ganz sicher, dass er auf das Boot wollte? Vielleicht hatte er ja noch wo anders eine Verabredung?«

»Aber ja…, ich meine nein…, also Sie bringen mich ganz durcheinander. Ich nahm jedenfalls an, dass er auf sein Boot gegangen war. Er ist ja fast jedes Wochenende dort. Das hab ich doch gestern schon ihren Kollegen gesagt. Wann immer er Zeit hat, zieht sich mein Mann auf seine Jacht zurück um Ruhe zu finden. Er hat so viele geschäftliche Termine, da braucht er das um Stress abzubauen und neue Kraft zu tanken, sagt er immer.«

Sie stand auf, ging zum Fenster und meinte nachdenklich: »Aber vielleicht hatte er doch noch einen anderen Termin und hat nur vergessen, es mir zu sagen.«

»Gehen Sie denn niemals mit auf die Jacht?« wunderte sich Kronfeld.

»Nein verdammt nochmal. Hören Sie nicht zu? Er will dort allein sein und seine Ruhe haben. Ich brauch jetzt erst mal frische Luft«, sagte sie verärgert, drehte sich um und ging hinaus auf die Terrasse.

»Frau Neumann«, wandte sich Kronfeld an die Haushälterin, »haben Sie letzte Nacht irgendetwas mitgekriegt?«

»Nein, ich wohne ja nicht hier.«

»Aha, und wann sind Sie heute früh ins Haus gekommen?«

»Wie jeden Tag um sieben Uhr.«

»Jeden Tag?«, fragte Kronfeld erstaunt.

»Ja. Sehen Sie Herr Kommissar, ich lebe allein und ich bin froh, dass ich diesen Job habe. Da macht mir eine Sieben-Tage-Woche nichts aus. Ich gehe ja auch schon am frühen Nachmittag wieder nach Hause. Abends brauchen mich die Herrschaften nicht.«

»Und worin genau besteht Ihre Tätigkeit?«

»Zuerst bereite ich den Herrschaften das Frühstück, anschließend räume ich auf und koche das Mittagessen. Ich selbst darf auch hier essen. Und wenn ich in der Küche mit dem Abspülen fertig bin, gehe ich heim. Da ist es meistens so gegen zwei Uhr nachmittags.«

»Stehen die Herrschaften am Wochenende auch immer so früh auf?«

»Herr Haingruber schon, er geht zwar am Wochenende nicht in die Firma, aber zu Hause bleibt er auch selten. Frau Haingruber schläft normalerweise länger. Aber heute war sie schon auf, als ich kam. Das hat mich eigentlich ziemlich gewundert.«

»Und warum sie heute früher dran war, hat sie nicht gesagt?«

»Nein, sie kam mir gleich ganz aufgelöst entgegen, als ich hereinkam und hat mir von dem Einbruch erzählt. Kurz darauf waren auch schon Ihre Leute da.«

»Wie lange arbeiten Sie schon bei den Haingrubers?«, wollte der Kommissar noch wissen.

»Oh, das sind mittlerweile acht Jahre«, sagte sie und lächelte ihn an.

»Dann kennen Sie die beiden doch einigermaßen. Wie war denn die Ehe so?«

»Ach, ich weiß nicht. Die große Liebe war es sicher nicht«, nachdenklich schaute sie zur Terrassentür, »oder vielleicht nicht mehr. Gelegentlich haben sie auch gestritten. Ansonsten gingen sie ziemlich förmlich miteinander um. Aber vielleicht ist das nach so vielen Ehejahren normal?«

»Das habe ich bisher noch nicht herausgefunden«, seufzte der Kommissar.

»Korbinian, kommst du bitte mal kurz.« Ralf Krüger stand in der Tür und deutete mit einer Kopfbewegung Richtung Arbeitszimmer. Kronfeld folgte ihm dorthin.

»Schau mal«, fing Krüger an, »hier am Fenster haben wir Einbruchspuren. Es gibt zwar eine Alarmanlage, die hat aber nicht funktioniert. Warum nicht, müssen wir noch rausfinden. Der Safe ist aufgebrochen worden. Altes Modell, dürfte für einen Fachmann nicht schwer gewesen sein. Wenn du mich fragst, hat der Täter Unterlagen gesucht und wahrscheinlich auch gefunden. In den anderen Zimmern deutet nichts auf einen Diebstahl hin.«

»Danke Ralf. Dann schicke ich euch gleich die Dame des Hauses, vielleicht kann sie feststellen, was gestohlen wurde. Ich fahr jetzt erst mal zum Tatort an den See. Wenn ich nicht im Büro bin, leg mir den Bericht bitte auf meinen Schreibtisch.«

Frau Haingruber stand noch auf der Terrasse und rauchte hektisch eine Zigarette, als der Kommissar ins Wohnzimmer zurück kam. Er blieb stehen und schaute sie durch die Glastür an. ›Für ihr Alter sieht die Dame noch sehr gut aus,‹ dachte er bei sich ›blond, sportliche Figur, allerdings reichlich nervös, was aber auch verständlich ist‹.

Dann trat er zu ihr auf die Terrasse.

»Frau Haingruber, würden Sie bitte ins Arbeitszimmer gehen und soweit es Ihnen möglich ist überprüfen, was gestohlen wurde?«

»Ich weiß doch nicht, was mein Mann im Safe hatte. Wie soll ich da wissen, was fehlt«, sagte sie aufbrausend und kehrte ihm den Rücken zu.

Er griff in seine Jackentasche und überreichte der Frau seine Visitenkarte.

»Noch wissen wir nicht, was mit Ihrem Mann ist. Vielleicht geht es ihm ja gut. Hier ist meine Telefonnummer. Bitte rufen Sie mich an, wenn sich Ihr Mann meldet oder nach Hause kommt.«

Sie drehte sich zu ihm und schaute ihn traurig, mit Tränen in den Augen an.

»Hoffentlich ist er bald wieder da«, fügte sie noch etwas kleinlaut hinzu.

6

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Kommissar Kronfeld sein Ziel erreichte. Die etwa 30 Kilometer auf der Autobahn, die von der Stadt hier heraus führte, hatte er schnell hinter sich gebracht. Nun fuhr er am Südufer des Sees entlang bis nach Seehausen.

Den Weg kannte er gut. Der See war für ihn wie für die meisten Städter ein beliebtes Ausflugsziel, nicht nur im Sommer zum Baden. Da waren große und kleine Gruppen Spaziergänger am Seeufer unterwegs, ältere und jüngere sportbegeisterte Leute trafen sich dort regelmäßig zum Beach-Volleyballspielen, zum Radeln und natürlich auch zum Nordic-Walking.

Die Gemeinde Seehausen, die von den Einheimischen immer noch als ›Dorf‹ bezeichnet wurde, verdankte dem imposanten Jachthotel mit Segelschule nahezu jedes Jahr eine hervorragende Sommersaison. Außerdem gab es noch zwei Viersternehotels mit Wellness- und Fitnessangeboten und eine Schönheitsklinik, die ganzjährig zahlungskräftige Gäste anzogen.

Der Jachtclub, unweit des Jachthafens, war seinen elitären Mitgliedern vorbehalten.

Das Gasthaus ›Zur Seerose‹ lag etwas abseits, aber in Sichtweite des Jachthafens, direkt an der Uferpromenade. Kronfeld war dort schon oft eingekehrt. Das Lokal war im ganzen Landkreis bekannt für seine gute Küche und natürlich für den herrlichen Kastanien-Biergarten. ›Da kann ich ja das Nützliche gleich mit dem Angenehmen verbinden‹, freute er sich. Zuerst wollte er allerdings den Tatort aufsuchen.

Er parkte sein Auto auf dem großen, öffentlichen Parkplatz, der an diesem Montagvormittag noch fast leer war, und ging zum Jachthafen. Dort wartete am Steg schon das Boot der Wasserschutzpolizei auf ihn. Kronfeld hatte von unterwegs angerufen und sein Kommen angekündigt.

Polizeiobermeister Rudi Schillinger, einer der Polizisten die in der Unglücksnacht vor Ort waren, lief ihm schon entgegen.

»Kommen Sie schnell«, sagte er aufgeregt, »ich glaube, die Kollegen haben eine Leiche gefunden.«

Die beiden kletterten an Bord des Polizeibootes und Kronfeld bemerkte: »Nur keine Hektik, wenn er schon tot ist, läuft er uns ja nicht mehr davon. Ist die Rechtsmedizin schon da?«

»Nein, oder vielleicht, ich weiß nicht. Sie haben die Leiche ja gerade erst gefunden«, murrte Schillinger beleidigt und startete das Boot. Verwundert schaute Kronfeld den Kollegen an und fragte:

»Warum sind Sie denn so schlecht drauf? Beschweren sich die Badegäste?«

»Im Gegenteil«, Schillinger klang schon wieder versöhnlicher, »wir haben alle Hände voll zu tun, um die Neugierigen von der Bucht fernzuhalten. Sowas passiert ja nicht jeden Tag. Für Sie ist das vielleicht Routine. Aber für uns Landgendarmen ist das auch ziemlich aufregend.«

»Tut mir leid, ich hab´s nicht bös gemeint«, lächelte Kronfeld, »aber ich dachte, hier am See werden jedes Jahr Tote aus dem Wasser gezogen, da seid ihr sowas gewöhnt.«

»Ja, schon. Tod durch Ertrinken, weil manche Leute zu unbekümmert sind. In diesem Jahr ist schon ein kleines Mädchen ertrunken, weil die Eltern nicht aufgepasst haben. Und ein Rentner, der wohl seine Kräfte überschätzt hat. Aber die Explosion eines Schiffes hat es hier noch nie gegeben. Und wie´s aussieht, ist es ja nicht von allein in die Luft geflogen. Da hat offensichtlich jemand nachgeholfen.«

»Ja, sieht so aus«, antwortete der Kommissar, »und der Tote ist höchstwahrscheinlich der Schiffseigner, der seit Samstag nicht mehr gesehen wurde.«

Als das Boot die Bucht ansteuerte, sahen die beiden, etwa 50 Meter von der Explosionsstelle entfernt, wie Polizeitaucher gerade den Leichnam, den sie aus dem dichten Schilf geborgen hatten, auf eine Bahre hievten. Kronfeld deutete auf die Stelle und Schillinger lenkte das Polizeiboot in diese Richtung.

Auf der schmalen Zufahrtsstraße, die hinter dem Schilfgürtel verlief, stand schon der Leichenwagen. Doktor Ruhsam, der Rechtsmediziner war tatsächlich auch schon eingetroffen. Er winkte dem Kommissar zu und balancierte dabei auf einem kurzen, wackeligen Steg, den sich einige Jugendliche aus dem Dorf im letzten Jahr selbst gebaut hatten.

»Tag, Herr Kommissar«, rief der Doktor, »ich habe erst einen kurzen Blick auf den Toten werfen können, aber wie es aussieht, handelt es sich wohl um den Vermissten. Der Körper ist durch die Explosion ganz schön zugerichtet worden. Ich werde ihn mir gleich auf den Tisch legen. Bericht spätestens morgen Vormittag.«

Mit einem kurzen Winken verschwand er Richtung Leichenwagen.

»Danke«, rief Kronfeld ihm noch hinterher.

»Was war das denn«, staunte Schillinger, »ist der immer so schnell?«

»Ja, der gute Doktor Ruhsam«, erwiderte Kronfeld, »immer in Eile, obwohl seine Patienten alle Zeit der Welt haben. Fahren wir zurück, zur Bergungsstelle.«

Auch dort waren noch Taucher der Spurensicherung bei der Arbeit. Doch von der Jacht war nichts mehr zu sehen. Die abgesprengten Teile waren größtenteils geborgen und den Rumpf hatte man in den Hafen geschleppt, um ihn dort genauer zu untersuchen.

»Hier gibt es nicht mehr viel zu sehen, außerdem habe ich Hunger«, stellte der Kommissar fest, »fahren wir zurück.«

Auf dem See tummelten sich Urlauber und Einheimische in kleinen Schlauchbooten, auf Surfbrettern oder Luftmatratzen. Alle versuchten, dem Tatort so nahe wie möglich zu kommen und einen Blick darauf zu erhaschen. Zum Glück hatte die Polizei die Bucht mit Bojen und rot-weißen Bändern so weit abgeriegelt, dass keiner der Schaulustigen durchkam. Aber es war nicht einfach für Schillinger, sein Boot zum Hafen zurück zu manövrieren. Doch er war ein erfahrener Schiffsführer und schaffte es, ohne Zusammenstöße wieder am Steg festzumachen.

7

»Was dagegen, wenn ich Sie begleite?«, fragte Schillinger, als die beiden von Bord gingen, »ich könnte auch einen Happen vertragen.«