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Die 30-jährige Kathi Sailer erfährt, dass ihr Vater an einem Herzinfarkt gestorben ist. Sie ist verstört, denn er war nicht herzkrank. Am nächsten Tag spricht sie mit Kriminalhauptkommissar Korbinian Kronfeld, der gleich ein Verbrechen wittert. Doch Kathi wiegelt ab. Wer sollte ihrem Vater etwas antun? Kurz darauf erhält Kronfeld einen merkwürdigen Anruf. Der Arzt, der den Totenschein ausgestellt hatte, ist plötzlich nicht mehr sicher, was die Todesursache betrifft. Der Kommissar ordnet eine Obduktion an, was der Witwe des Verstorbenen gar nicht gefällt. Kronfeld wird wieder misstrauisch und beginnt mit seiner Kollegin Sophie Landauer zu ermitteln. Dabei stoßen sie auf ein schreckliches Familiengeheimnis. Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Petra S. Korn
Das ehrbare Haus
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Impressum neobooks
Das Haus befand sich schon seit Generationen in Familienbesitz. Es war ein schmuckes Stadthaus in Lindenburg, Hausnummer 4 in der Webergasse, einer Nebenstraße des historischen Stadtplatzes. Das ›Poltz-Haus‹, wie es nach seinem Erbauer genannt wurde, war ein hohes, schmales Haus inmitten einer Zeile anderer hoher, schmaler Häuser. Über dem Erdgeschoss der Hausnummer 4, in dem ein Stoffladen nebst Schneiderwerkstatt untergebracht war, ragten drei Etagen empor, und in jeder dieser drei Etagen befand sich eine geräumige Vier-Zimmer-Wohnung.
Die Vorfahren der jetzigen Bewohner waren eine Dynastie von Tuchhändlern und Schneidern gewesen, die es schon in der Kaiserzeit zu Wohlstand und Ansehen gebracht hatten. Doch mit dem Ersten Weltkrieg begann der unausweichliche Abstieg. Es standen schwere Zeiten bevor. Während der großen Inflation 1923 gingen die Geschäfte in den Keller. Das gute Geld war nichts mehr wert, die schönen Stoffe wurden nicht mehr gekauft, niemand ließ sich mehr ein schickes Kleid oder einen eleganten Anzug schneidern. Als 1924 die Reichsmark eingeführt wurde, und die sogenannten Goldenen Zwanziger Jahre begannen, erholte sich die Wirtschaft und es kehrte auch im ›Poltz-Haus‹ wieder Normalität ein. Der Handel florierte. Allerdings nur bis 1929, als die Weltwirtschaftskrise die Menschen abermals in die Knie zwang. Lohnkürzungen, Massenentlassungen und Arbeitslosigkeit sorgten erneut für eine schwindende Kaufkraft. Anfang der Dreißigerjahre beherrschten wirtschaftliche Not und politische Unruhen den Alltag. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten schien es dann endlich aufs Neue aufwärts zu gehen. Doch der vermeintliche Aufschwung fand ein jähes Ende, als der große Krieg begann.
Die beiden Söhne der Familie Poltz mussten an die Front. Aus Angst vor Bombardierung verbarrikadierten die Eltern das Geschäft und flüchteten zu Verwandten aufs Land. Um Plünderungen vorzubeugen, lagerten sie ihre kostbaren Stoffballen kurzerhand in einem geheimen Raum hinter einem Vorratsschrank im Keller.
Anfang 1945, als die Bevölkerung schon auf das Ende der Kampfhandlungen hoffte, da die ›Befreier‹ bereits weite Teile des Landes besetzt hatten, fielen zu allem Unglück noch einige Bomben auf die schöne, mittelalterliche Altstadt. Das historische Tuchhändlerhaus musste ebenfalls einen Treffer hinnehmen, die Schäden hielten sich aber, wie durch ein Wunder, in Grenzen. Durch eine furchtbare Ironie des Schicksals wurde das alte Ehepaar Poltz, das just an diesem Tag in die Stadt zurückkehrte, von einer dieser Bomben getötet. Der älteste Sohn war schon ein Jahr zuvor in Stalingrad gefallen.
Josef Poltz, der jüngere Sohn und letzte Überlebende der Familie, befand sich zu dieser Zeit nicht weit entfernt in einem Sanatorium für Kriegsversehrte. Bei einem Einsatz an der Ostfront hatte er durch eine Granate ein Bein verloren, das nun in der Heilanstalt von einer Prothese ersetzt worden war. Seine Genesung machte gute Fortschritte, daher fürchtete er, nach seiner Entlassung wieder an die Front geschickt zu werden, was in der damaligen Phase des Krieges nicht so abwegig war. So beschlossen er und einige Kameraden in die nahe gelegenen Berge zu fliehen. Dort wurden sie von einem Bergbauern bis Kriegsende versteckt und versorgt.
Nach ihrer Rückkehr in die Stadt reparierten Josef Poltz und seine Nachbarn mit großem Fleiß und einfachsten Mitteln die Schäden an ihren Häusern, so dass sie bald wieder bewohnbar waren.
Poltz war, wie schon sein Vater und Großvater, gelernter Herrenschneider. So setzte er die Tradition seiner Familie fort und eröffnete bald darauf wieder einen neuen Stoffladen mit Schneiderei. Welch großes Glück war es, dass die Stoffballen im Kellerversteck unbeschadet überlebt hatten.
Als die Wohnung im ersten Stock eingerichtet war, heiratete er 1948 seine Jugendliebe Klara und zog dort mit ihr ein.
Doch das Geschäft lief nur schleppend. Die Menschen waren arm und konnten sich keinen Schneider leisten. Sie kauften lieber billigen Stoff und nähten sich die Kleidung selbst. Noch dazu kam, dass Josef Poltz zwar ein guter Schneider, aber ein lausiger Geschäftsmann war. Klara erkannte bald die Notwendigkeit, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Sie überredete ihren Mann, Nähkurse zu geben und verkaufte neben Stoffen auch Schnittmuster, Kurzwaren und allerlei Nähutensilien, eben alles was man zum selbst schneidern brauchte. Auf Nachfrage erweiterte Klara das Sortiment als Nächstes mit Strumpfwaren und Unterwäsche.
Mit der Zeit verdienten die Männer wieder gutes Geld und die Damenwelt sehnte sich nach neuer, modischer Kleidung. Um die Wünsche ihrer Kundinnen zu erfüllen, vergrößerte Klara ihr Warenangebot mit Strickwaren und eleganter Damenkonfektion. Klara hatte ein gutes Händchen bei der Auswahl ihres Angebotes und die Umsätze stiegen kontinuierlich.
Nun investierten die Poltz‘ ihren Gewinn in die oberen Etagen des Hauses. So waren die beiden Wohnungen bald instand gesetzt, konnten gut vermietet werden und die Familie brachte es allmählich erneut zu bescheidenem Wohlstand.
1950 kam ihre einzige Tochter Anna zur Welt.
Mai 2018
Kathi Sailer kam gerade nach Hause, als ihr Handy klingelte. Heute war Donnerstag und es war wieder mal spät geworden, schon kurz nach 21 Uhr. Aber schließlich war jeder Donnerstag ein langer Arbeitstag. Die 30-jährige Kathi war seit drei Jahren stolze Pächterin der Kantine des Polizeipräsidiums in Lindenburg. Donnerstags, nach der Sperrzeit um 19 Uhr, fand immer die wöchentliche Teamsitzung statt. Dabei besprach sie mit ihren zwei Mitarbeiterinnen vom Service und den beiden Köchen hauptsächlich die Menü- und Einkaufspläne für die kommende Woche.
Hastig warf sie die Eingangstür zu ihrem Appartement hinter sich ins Schloss und kramte das Telefon aus der Handtasche. Abrupt blieb sie stehen. Ein Blick auf das Display verriet ihr, wer die späte Anruferin war.
»Mom?«, fragte sie überrascht und etwas genervt, »ist etwas passiert?«
Es musste schon etwas passiert sein, wenn ihre Mutter anrief. Kathi hatte, seit sie mit 18 Jahren von zu Hause ausgezogen war, kaum noch Kontakt zu ihrer Familie.
»Ja Kathi, es ist etwas passiert, dein Vater ist tot«, sagte Anna Sailer knapp.
»Was … «, flüsterte Kathi. ›Was redest du denn da, wieso sagst du so etwas?‹, wollte sie fragen. Aber sie sagte nur: »Wann? Was ist passiert? Hatte er einen Unfall?«
»Es war das Herz. Herzinfarkt sagte der Arzt. Es ist ganz schnell gegangen. Sie haben ihn gerade abgeholt.« Die Stimme der Mutter klang kühl und gefasst. »Die Beerdigung ist am Montag. Ich sag‘ dir noch Bescheid, wann und wo.«
Was gab es noch zu sagen? Eigentlich nichts, im Moment. So beendete Kathi das Gespräch: »Danke für deinen Anruf, Mom. Gute Nacht.«
»Gute Nacht«, sagte auch die Mutter kurz und legte ohne weiteren Kommentar auf.
Kathi setzte sich langsam auf das Sofa und legte ihr Handy vor sich auf den Tisch. Sie hatte im Zimmer keine Beleuchtung eingeschaltet. Der Mond schien fahl am wolkenlosen Himmel, aber die Dunkelheit war wegen der Sommerzeit noch nicht ganz angekommen. Nachdenklich sah sie aus dem Fenster und versuchte zu ergründen, was sie jetzt fühlte. ›Nichts‹, stellte sie schuldbewusst fest, ›jedenfalls keine große Betroffenheit‹. Nur eine leise Melancholie breitete sich langsam in ihr aus. Und zugleich Verwunderung. Ihr Vater war doch erst 69 Jahre alt und durchaus gesund gewesen. Von einer Herzkrankheit hätte sie doch gewusst? Oder? Aber was wusste sie schon. Die Kommunikation mit ihrer Familie beschränkte sich auf einen Anruf an Weihnachten und kurze Telefonate an den Geburtstagen, nur unverbindliches Gerede ohne tiefere Bedeutung. Das letzte Mal waren sie sich bei Kathis Verlobungsfeier begegnet, und daran erinnerte sie sich nur ungern. Das Verhältnis zu ihrer Familie war nicht gerade herzlich.
Seufzend griff sie erneut nach ihrem Handy und wählte die Nummer ihres Verlobten Max.
»Bürger«, meldete der sich nach dem zweiten Klingelton.
»Hallo Max, ich bin‘s«, Kathi lehnte sich entspannt zurück. Es war gut, seine Stimme zu hören.
»Kathi, mein Herzblatt, schön dass du anrufst. Bist du schon zu Hause? Wollen wir noch ausgehen?«
»Ja, ich bin zu Hause, aber nach Ausgehen ist mir jetzt nicht.«
Sie erzählte ihm von der Unterhaltung mit ihrer Mutter. »Na ja, Unterhaltung ist wohl maßlos übertrieben, du weißt ja wie sie ist. Es war eher ein kurzer Wortwechsel. Wir hatten noch nie lange Gespräche«, fügte sie resigniert hinzu.
»Oh, das ist ja schrecklich«, rief Max aufgeregt, »ich komme sofort zu dir.«
»Nein nein, das ist wirklich nicht nötig. Es geht mir gut, ich wollte nur deine Stimme hören.«
»Du weißt, ich bin immer für dich da.«
»Weiß ich, danke. Komm doch morgen Mittag zum Essen in die Kantine. Ich lad‘ dich ein.«
Max zögerte. »Bist du sicher, dass du morgen arbeiten möchtest? Deine Crew wird auch mal einen Tag ohne dich auskommen.«
»Natürlich würden sie das, aber das ist nicht notwendig. Wozu sollte ich denn zuhause bleiben? Ich könnte natürlich zu meiner Mutter gehen, aber ich glaube, das wäre ihr gar nicht recht.«
»Hm … das glaube ich ehrlich gesagt auch. Zum Trost spenden braucht sie dich sicher nicht.«
»Eben. Auf mich kann sie gerne verzichten. Morgen gibt es dein Lieblingsgericht, Seelachs in Mandelkruste. Ich reserviere dir ein besonders schönes Stück.«
»Na ja, das klingt hervorragend. Und heute kann ich dir wirklich nichts Gutes mehr tun?«
»Das hast du schon mein Schatz«, erwiderte Kathi leise, »Bussi und gute Nacht.«
»Bussi mein Herzblatt, schlaf schön, bis morgen.«
Kathi seufzte wieder, aber diesmal mit einem glücklichen Lächeln in den Augen. Seit sie mit Max zusammen war, und das waren jetzt schon fast zwei Jahre, schien ihr das Leben so leicht. Das Gefühl, einen Menschen von ganzem Herzen zu lieben, und von ihm ebenso geliebt zu werden, war unbeschreiblich. Sie hatte einmal gelesen, wenn jeder Mensch auf der Welt nur einen anderen Menschen glücklich machen würde, wären alle Menschen glücklich. Was für ein wundervoller Gedanke. Kathi hatte in Max den Menschen gefunden, den sie glücklich machen würde. In ihrer Familie war Liebe ein Fremdwort.
Nachdem sie sich ein Glas Rotwein eingeschenkt hatte, stand Kathi am Fenster und versenkte ihren Blick wieder in den tiefblauen Nachthimmel. Die Dunkelheit war mittlerweile unbemerkt über die Dächer der Stadt gekrochen. Ihre Gedanken wanderten wie von selbst zu ihrer Familie. Und diese Gedanken gefielen ihr gar nicht. Sie trank ihr Glas leer, schüttelte das Unbehagen, das sie mit einem Mal überfallen hatte, ab und ging erschöpft zu Bett. Doch der ersehnte Schlaf wollte sich nicht gleich einstellen. ›Nur nicht wieder grübeln‹, dachte sie, ›denk an etwas Schönes‹. Und sie dachte an Max, an ihre harmonische Beziehung und an eine himmlische Zukunft mit ihm. Darüber schlief sie ein.
Nach einer Weile schreckte sie plötzlich hoch und war mit einem Mal wieder hellwach. Sie hatte ihren Vater gesehen. Er stand vor ihrem Bett und schaute sie mit einem traurigen Hundeblick an.
Erschrocken schaltete sie die kleine Tischlampe an, rieb sich mit den Händen über ihre Augen und sah mit flatterndem Herzen umher. Aber da war natürlich niemand, sie hatte nur geträumt.
Irritiert sank sie wieder auf ihr Kissen nieder, doch an Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Sie konnte die Bilder der Vergangenheit, die wie Libellen in ihrem Kopf herum schwirrten, nicht mehr verscheuchen.
Anna und Wilfried
Anna Poltz und Wilfried Sailer heirateten im Frühjahr 1971. Anna war gerade 21 Jahre alt und schwanger.
Sie war die einzige Tochter von Josef und Klara Poltz und wuchs praktisch im Geschäft der Eltern auf. Der Laden, die schönen Stoffe und die elegante Damenmode faszinierten sie schon als Kind und es war ihr größtes Vergnügen, im Verkauf helfen zu dürfen. Mit 14 Jahren erlernte sie bereits das Schneiderhandwerk von ihrem Vater, absolvierte dann noch eine Ausbildung zur Fachverkäuferin, lernte in Abendkursen Buchführung und besuchte nebenher noch ein Geschäftsführer-Seminar. Die Mutter war stolz darauf, dass sich ihre Tochter so gründlich auf die spätere Übernahme des Geschäftes vorbereitete.
Mit 18 Jahren lernte sie Wilfried Sailer kennen. Er war Außendienstmitarbeiter einer Großweberei, kam regelmäßig mit Stoffmustern in den Laden und lieferte Klara Poltz dann die bestellte Ware frei Haus.
Anna freute sich immer, ihn zu sehen. Seine große, sportliche Erscheinung, der klare Blick seiner blauen Augen und die Geste, wie er mit den Fingern seine halblangen, blonde Haare zurück strich, die dann wieder locker in sein Gesicht zurückfielen, hatten es ihr angetan. Für Wilfried war es Liebe auf den ersten Blick. Anna, groß und schlank, mit langen, brünetten Haaren, war genau sein Typ. Wenn sie ihn mit ihren grau-blauen Augen anlächelte, setzte für einen Moment sein Herzschlag aus. Doch er war kein Draufgänger. In seiner eher zurückhaltenden Art warf er seiner Angebeteten nur schüchterne Seitenblicke zu, wenn er mit Klara Poltz verhandelte. Annas Mutter bemerkte natürlich seine Verliebtheit und ermunterte ihn:
»Warum gehen Sie nicht einmal mit Anna aus? Sie ist so fleißig bei der Arbeit, aber sie braucht auch hin und wieder eine Abwechslung.«
Das ließ sich Wilfried nicht zweimal sagen. Mit dem Segen der Mutter wurde er wagemutig und lud Anna schon am nächsten Tag ins Kino ein. Und seither trafen sich die beiden immer öfter. Wilfried holte Anna mit dem Auto ab, sie gingen zum Tanzen in die Disco, oder auf eine Pizza zum Italiener, sie spielten mit Freunden Bowling, besuchten Konzerte und liebten es, an den Wochenenden mit der Clique Ausflüge an den See, oder in die Berge zu machen. Mit der Zeit wurde Wilfried immer drängender. Wiederholt schlug er Anna vor, gemeinsam in den Urlaub zu fahren. Doch das lehnte sie konsequent ab.
Ihr gefiel das Leben, wie es jetzt war. Sie sah ihre Beziehung nicht so eng und fürchtete, wenn sie mit ihm schlafen würde, käme das schon einem Eheversprechen gleich. Doch sie dachte noch nicht daran zu heiraten und damit ihre Unabhängigkeit aufzugeben. Deshalb hatte sie Wilfried, selbst nach dem die beiden schon zwei Jahren miteinander ›gingen‹, nicht mehr erlaubt als Händchen halten und schmusen.
Jedenfalls bis zur letzten Silvesternacht. Die beiden zogen mit der Clique durch die Kneipen der Stadt. Um Mitternacht köpften sie einige Flaschen Sekt, die Stimmung wurde immer ausgelassener und schließlich endete die lange Nacht in Wilfrieds Bett.
Vier Wochen nach der Party stellte Anna fest, dass sie schwanger war.
»Ein uneheliches Kind?« Die Mutter war entrüstet gewesen. »Das geht nicht. Wie konnte das passieren?«
»Mach mir jetzt bloß keine Vorwürfe. Ich kann nichts dafür! So ein Mist«, jammerte Anna, »ich will noch kein Kind. Was mach‘ ich denn jetzt?«
»Keine Frage, es wird geheiratet und zwar so schnell wie möglich. Das fehlte noch, dass wir mit deinem dicken Bauch ins Gerede kommen. Ich mach dir keinen Vorwurf, aber das Kind muss ehelich geboren werden.«
»Ich will aber noch nicht heiraten!«
»Tja, ich könnte jetzt sagen, das hättest du dir vorher überlegen müssen. Aber es ist nun mal wie es ist. Du liebst doch deinen Wilfried, oder?«
»Ja, ich denke schon, aber ich fühl mich noch zu jung, um eine Familie zu gründen.«
»Da mach dir mal keine Sorgen, ich bin ja auch noch da.«
Nach einer Woche waren Anna und Wilfried verheiratet und acht Monate später kam die kleine Ruth zur Welt.
Wilfried hatte als Junggeselle in einem möblierten Zimmer zur Untermiete gewohnt. Das war billiger als eine Mietwohnung gewesen, und ihm hatte es gereicht. Aber in dieser Unterkunft konnte er natürlich nicht mit Frau und Kind wohnen. Als er auf der Hochzeit mit seinem Schwiegervater an der Bar des Gasthauses, wo ungefähr 30 Gäste mit ihnen feierten, ein Schnäpschen trank, sprach er mit ihm über seine Pläne.
»Klara meinte ja, wir sollten bei euch wohnen, aber ich weiß nicht … das wird doch zu eng. Ich werde uns lieber eine eigene Wohnung suchen. Vielleicht finden wir etwas in eurer Nähe … «
»Was höre ich da?«, Klara Poltz gesellte sich gut gelaunt zu den Beiden, »das kommt ja gar nicht in Frage, mein Lieber. Ich hab mit Anna schon alles besprochen. Ihr wohnt natürlich bei uns, wenigstens bis das Kind da ist. Dann sehen wir weiter.«
Wilfried presste seine schmalen Lippen zusammen und sah den Schwiegervater inständig an, doch dieser meinte nur: »Lass gut sein Junge, gegen die zwei kommen wir nicht an. Es wird sich schon alles finden.«
Da Wilfried keine wirklichen Argumente gegen diese Wohngemeinschaft fand, arrangierte er sich. Aber nach der Geburt des Babys drängte er Anna wieder:
»Wir müssen uns jetzt eigene vier Wände suchen. Es wird zu eng hier.«
Im Grunde genommen war genug Platz in der großen Wohnung, aber Wilfried war das Zusammenleben mit den Schwiegereltern leid. Während der letzten Monate drehte sich alles nur um die Schwangerschaft, Anna steckte ständig mit ihrer Mutter zusammen und was die Mutter sagte, war Gesetz. Ein Privatleben mit seiner Frau fand praktisch nicht mehr statt und Wilfried fühlte sich ausgegrenzt. So hatte er sich die Ehe nicht vorgestellt.
»Das geht nicht«, widersprach Anna vehement, »wie stellst du dir das vor? Ich arbeite jetzt wieder und du bist den ganzen Tag unterwegs oder im Büro. Wer soll sich dann um das Kind kümmern? Mutter und ich haben schon alles besprochen. Ich übernehme ab sofort mehr Verantwortung im Geschäft und sie nimmt mir dafür die Kleine ab.«
»Das ist nicht dein Ernst«, versuchte Wilfried zaghaft einzuwenden, doch ihr Blick sagte ihm, es wäre besser, wieder mal den Mund zu halten.
Wilfried zog sich schmollend zurück, doch dann überlegte er: ›Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt. Mit Klara als Babysitter wären wir wieder frei. Wir könnten abends ausgehen, uns mit der Clique treffen, unser altes Leben wieder aufnehmen‹. Diese Gedanken versöhnten ihn ein weiteres Mal mit seiner Wohngemeinschaft.
Die Großmutter hielt ihr Versprechen. Sie zog sich mehr und mehr aus dem Geschäft zurück und kümmerte sich um die kleine Ruth als wäre sie ihr eigenes Kind. Die Kleine nannte sie Momi, was zugleich Mami und Omi bedeutete. Das gefiel Klara. Sie wollte der Enkelin die Mutter sein, die sie bei ihrer eigenen Tochter nicht sein konnte, weil sie wegen der Arbeit im Geschäft keine Zeit gehabt hatte. Sie wollte mit ihr all die Dinge erleben, die sie mit Anna versäumt hatte. Und die kleine Ruth liebte ihre Großmutter abgöttisch. Die Momi war immer für sie da, erfüllte ihr jeden Wunsch und gab ihr das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein. Wilfried und Anna erfreuten sich indessen ihrer wiedergewonnenen Unabhängigkeit und alles lief wunderbar.
Bis Anna zwei Jahre später wieder ein Kind erwartete. Wilfried war nicht sehr begeistert, aber Anna meinte, die Schwangerschaft geht auch vorüber und Momi würde sich dem zweiten Kind ebenso hingebungsvoll widmen wie der kleinen Ruth. Aber ihnen war auch klar, dass die elterliche Wohnung in Zukunft nun doch für die ganze Familie zu klein sein würde. Momi Klara musste dem widerwillig zustimmen. Doch sie wollte die Kinder nicht fortziehen lassen und entschied deshalb, dass die Mieter in der zweiten Etage zugunsten der wachsenden Familie ihrer Tochter ausziehen müssten. Bei der Gelegenheit, meinte sie praktischer Weise, könnte man gleich das ganze Haus renovieren. Daher mussten auch die Mieter in der dritten Etage ihre Wohnung räumen. Nach so einer Modernisierung konnte man schließlich einen höheren Mietzins verlangen.
»Wir statten jede Wohnung mit Zentralheizung, Parkettfußböden, neuen Bädern, modernen Küchen und energiesparenden Thermofenstern aus«, plante Klara Poltz großzügig, »auch unsere.« Dabei sah sie ihren Mann Josef an, der nur zustimmend nickte.
Die aufwändigen Umbauarbeiten zogen sich hin. Als im Sommer 1973 Annas zweite Tochter Walburga geboren wurde, war endlich alles fertig und die letzten Handwerker rückten ab. Die junge Familie bereitete ihren Umzug in die eigene Wohnung vor und die Großeltern freuten sich nach den Strapazen der Bauarbeiten auf einen unbeschwerten Urlaub. Wie jedes Jahr fuhren Josef und Klara Poltz mit ihrem Auto nach Italien.
»Wir sind ja bald wieder da und bringen dir auch etwas Schönes mit«, versprach die Momi feierlich, als Ruth beim Abschied bittere Tränen vergoss. Am liebsten hätte Klara ihre Enkelin mitgenommen, aber Anna meinte, das Kind sei noch zu klein für so eine lange Autofahrt.
Ruth fragte jeden Tag, wo denn die Momi bleibt. Und sie bekam immer die Antwort: »Die Momi kommt bald wieder.« Doch sie kam nie wieder.
Bei der Rückfahrt aus Italien geschah das tragische Unglück. Auf der Autobahn ereignete sich eine fürchterliche Massenkarambolage. Der Wagen der Poltz‘ fing Feuer, da kam jede Hilfe zu spät. Josef und Klara waren sofort tot.
Als die schockierende Nachricht kam, wussten Anna und Wilfried nicht, wie sie es dem Kind sagen sollten. Die Kleine verstand es ja noch nicht. Man müsste abwarten, würde es ihr später erklären. Aber Ruth fragte immer weiter und da erzählte Anna die übliche Geschichte: »Die Momi und der Opi sind jetzt bei den Engeln im Himmel. Irgendwann wirst du sie wieder sehen, aber das dauert noch sehr, sehr lang. Jetzt bin ich deine Momi.« Ruth sah ihre Mutter nur mit großen Augen an und nickte unsicher. Seitdem nannte sie ihre Mutter Momi und hing wie eine Klette an ihr.
Von ihrem geplanten Umzug in die zweite Etage war jetzt nicht mehr die Rede, Ruth richtete sich mit ihrer Familie in der neu renovierten, elterlichen Wohnung ein.
Zu der unermesslichen Trauer mischten sich in diesen Tagen aber auch noch finanzielle Sorgen. Anna hatte außer dem Haus auch noch jede Menge Schulden geerbt. Der Umbau war teurer gewesen, als vom Architekten veranschlagt und auf dem Haus lag eine hohe Hypothek.
Das Familienunternehmen war zum Glück gut etabliert und die Stammkunden hielten ihr die Treue, doch der Vater fehlte in der Schneiderei, die Mutter bei der Kinderbetreuung, und die Last, den hohen Kredit abzutragen, lag allein auf Annas Schultern. Wie sollte sie mit all dem allein zurecht kommen? Ihr Mann Wilfried konnte sie finanziell nicht unterstützen. Sein Gehalt und ihre Erlöse aus dem Geschäft reichten zwar zum leben, doch für die Rückzahlung des Kredits brauchten sie zusätzliche Einnahmen. Und die waren nur mit den Wohnungen zu erzielen. Anna steigerte die Mieteinnahmen indem sie die Zimmer einzeln an Studentinnen vermietete.
Dann galt es, Betrieb und Familie neu zu organisieren. In die Schneiderwerkstatt, die den hinteren Teil des Geschäftes einnahm, stellte sie einen Stubenwagen für Walli und einen Laufstall für Ruth. Dann stellte sie Frau Kruse ein, eine Schneiderin die schon für ihren Vater in Heimarbeit genäht hatte.
Nun begann sie, das Geschäft umzugestalten. Die Stoff- und Kurzwarenabteilung musste verkleinert werden, denn die Aufträge für Neuanfertigungen waren zurückgegangen. Eine Bluse, ein Rock, ab und zu mal ein Kleid oder ein Anzug, sonst hauptsächlich Änderungen. Die Wäscheabteilung hingegen vergrößerte sie, denn die Nachfrage nach aufreizenden Dessous und zarten Negligees war gestiegen. Bei der Damenmode blieb sie der exklusiven Linie treu. Einige ihrer Kundinnen kamen aus den sogenannten besseren Kreisen, das heißt sie hatten Geld zur Genüge, reichlich Zeit und einen extravaganten Geschmack. Diesen noblen Kundenkreis galt es zu vergrößern. Nicht zuletzt änderte sie deshalb auch noch den Namen ihres Ladens in ›Noble Fashion Store‹.
Anna hatte letztendlich auch von ihrer Mutter gelernt, mit Geld umzugehen. So gelang es ihr, mit steigenden Umsätzen, einfallsreicher Buchführung, den höheren Mieteinnahmen und geschickter Umschichtung der Gelder, die Hypothek schon nach drei Jahren vorzeitig zu tilgen.
Nach weiteren drei Jahren stellte Anna Frau Mündel, eine junge Verkäuferin, ein.
Die Kinder gingen mittlerweile beide zur Schule und langweilten sich nachmittags im Laden, weil niemand sich mit ihnen beschäftigte. Die kleine Walli war aufsässig und hörte nicht auf die große Schwester, sie riss die Ware aus den Regalen und Ruth musste alles wieder aufräumen. Ruth beschwerte sich dauernd bei der Mutter über sie, und Anna war von der ständigen Unordnung und den Streitereien der beiden genervt. Die Kinder allein in der Wohnung zu lassen, war aber auch keine gute Idee, da kamen sie erst recht auf dumme Gedanken.
Frau Mündel war zwar für den Verkauf eingestellt, sie sollte aber gleichzeitig Walli im Auge behalten und sie davon abhalten, Unfug zu treiben. Und das klappte auch. Die junge Verkäuferin fand Walli ›unheimlich süß‹, die beiden spielten die meiste Zeit miteinander und Anna konnte sich wieder voll und ganz ihrer Arbeit widmen. Ruth war froh, ihre lästige Schwester los zu sein und die Mutter endlich wieder für sich allein zu haben. Sie hing ständig an Mutters Rockzipfel, was Anna aber nicht weiter störte, denn Ruth bemühte sich eifrig zu helfen, wo sie nur konnte. Sie sollte eines Tages das Geschäft übernehmen.
Eines Abends, Anna, Wilfried und die Mädchen saßen gerade gemeinsam beim Abendessen, eröffnete Anna ihrer Familie:
»Ich habe beschlossen, dass wir heuer alle zusammen in den Urlaub fahren.«
Ruth und Walli sprangen übermütig von ihren Stühlen und riefen durcheinander:
»Oh, toll. Wo fahren wir denn hin?«
»Darf ich meine Spielsachen mitnehmen?«
»Wann fahren wir los? Wie lang bleiben wir?«
»Fährt Frau Mündel auch mit?«
Anna lächelte die beiden an und sagte: »Wir fahren in den Sommerferien für zwei Wochen ans Meer und natürlich dürft ihr etwas zum Spielen mitnehmen. Aber Walli, Frau Mündel kann nicht mitfahren, sie muss auf den Laden aufpassen.« Dann klatschte Anna zweimal in die Hände und fügte munter hinzu: »Und jetzt ist Schluss mit dem rumgehopse. Ab ins Bett.«
Als die Mädchen sich aufgeregt tuschelnd davon gemacht hatten, sah Wilfried seine Frau fragend an.
»Du überrascht mich immer wieder«, sagte er, »bis jetzt hattest du ständig irgendwelche Einwände, wenn ich eine Urlaubsreise vorgeschlagen habe.«
»Ja, das stimmt«, sagte Anna abwägend, »aber ich musste mich ja schließlich in erster Linie um das Geschäft kümmern und Geld verdienen. Ein Urlaub mit zwei Kindern ist teuer. Außerdem waren sie noch zu klein. Jetzt sind sie acht und zehn Jahre alt, da geht das schon.« Sie sah Wilfried offen an. »Und jetzt stehen wir auch finanziell gut da. Das Konto mit den Mieteinnahmen ist ab sofort unsere Urlaubskasse.«
Wilfried hatte keine Ahnung, wie hoch die Summe auf diesem Konto war, die finanziellen Angelegenheiten regelte schon immer seine Frau. Wie damals seine Schwiegermutter. So lächelte er nur ergeben und vermutete:
»Du meinst also, jetzt sind wir reich genug?«
»Jedenfalls reichen die Einnahmen für unsere Urlaubsreisen. Und die Kinder sind alt genug.«
Die erste Reise ging nach Italien, nach Rimini, wo Annas Eltern immer ihren Urlaub verbracht hatten.
Der Strand war zwar jeden Tag überfüllt, doch die Kinder waren begeistert. Sie planschten übermütig im Wasser, bauten Sandburgen und sammelten Muscheln, während Anna und Wilfried die Tage faulenzend in ihren gemieteten Liegestühlen verbrachten und die lauen Sommerabende bei Spaziergängen im Mondschein genossen. Der Urlaub ging für alle viel zu schnell vorbei.
Als sie wieder zu Hause waren, überraschte Anna ihre Familie aufs Neue:
»So ein Faulenzer-Urlaub ist ja ganz schön, aber ich habe mir überlegt, dass wir auch mal aktiv werden sollten. Im Winter werden wir Skiurlaub machen.«
»Aber von uns kann keiner Skifahren«, wandte Wilfried entgeistert ein.
»Dann lernen wir‘s eben.«
Damit war es beschlossene Sache. Von nun an machte die Familie jedes Jahr zweimal Urlaub. Im Sommer fuhren sie nach Italien ans Meer und im Winter nach Tirol zum Ski laufen.
Das alles lief jedenfalls so, bis Kathi im Frühsommer 1988 zur Welt kam. Von da an wurde alles anders.
Eines Tages sagte Anna zu ihren Töchtern:
»Wir fahren heuer erst im Oktober in den Urlaub.«
»Aber da kann ich nicht. Ich fange doch im September bei Kreitmeiers an«, wandte Ruth energisch ein. Kreitmeiers war das größte Kaufhaus in Lindenburg und Ruth sollte dort eine dreijährige Lehre zur Verkäuferin absolvieren.
»Ja richtig. Ich habe schon mit Herrn Kreitmeier gesprochen. Du wirst im Oktober zwei Wochen freigestellt, damit du dich um unser Geschäft kümmern kannst. Ich kann die Kruse und die Mündel nicht immer allein lassen. Da habe ich jedes Mal ein ungutes Gefühl. Du weißt ja, dass sie überall herumschnüffeln und im Lagerkeller haben sie nichts zu suchen. Ich vertraue dir und es ist eine gute Übung für dich. Haben wir uns verstanden?«
Ruth fiel aus allen Wolken, doch sie wusste, dass jeder Widerspruch zwecklos war, deshalb schwieg sie verbissen.
Walli sah ihre Mutter ebenso erstaunt an. »Und ich? Im Oktober sind keine Ferien!«
»Du musst auf das Baby aufpassen. Wir können nicht mit einem Säugling verreisen. Während du in der Schule bist, lässt du das Kind im Stubenwagen bei Frau Kruse.«
»Da ist nicht dein Ernst, ich soll Babysitter spielen?«
»Und du wirst dich um den Haushalt kümmern. Du bist alt genug dafür. Das ist auch für dich eine gute Übung.«
»Ach ja? Und was ist im nächsten Jahr? Fahren wir dann wieder alle zusammen?«
Anna sah sie achselzuckend an und sagte trocken: »Natürlich nicht. Ich hab doch gesagt, mit dem Baby fahren wir nicht in den Urlaub. Vater und ich verreisen in Zukunft alleine.«
»Was?«, rief Walli aufgebracht, »wegen der blöden Göre muss ich jetzt immer zu Hause bleiben? Das ist gemein!«
»Jetzt krieg dich wieder ein! In eurem Alter fährt man nicht mehr mit den Eltern in den Urlaub. In zwei Jahren bist du mit der Schule fertig und machst deine Schneider-Ausbildung. Wenn du erst mal im Geschäft mitarbeitest, können wir einteilen, wer wann Urlaub macht. Dann könnt ihr auch allein verreisen.«
Als Oberhaupt der Familie hatte Anna Sailer die berufliche Laufbahn ihrer beiden großen Töchter schon frühzeitig bis ins kleinste Detail geplant. Ruth sollte nach dem Willen der Chefin den Verkauf und die Buchhaltung übernehmen, Walli die Schneiderei. Nach einigen Jahren würde die Seniorin dann ihren Töchtern das Geschäft ganz übergeben und sich ruhigen Gewissens zur Ruhe setzen können.
»Es gibt kein größeres Glück, als ein florierendes Familiengeschäft zu übernehmen und damit einer gesicherten Zukunft entgegen zu sehen«, hatte sie ihren Töchtern stets eingeschärft, »andere müssen sich ein eigenes Geschäft hart erarbeiten und ihr bekommt praktisch alles in den Schoß gelegt. Dafür müsst ihr dankbar sein und eure Kinder werden es euch eines Tages auch danken.« Und um dem ganzen Nachdruck zu verleihen fügte sie immer hinzu: »Schließlich ist es euer Erbe und wir haben eine Familientradition zu wahren.«
Ruth hatte sich bereits dem Willen der Mutter untergeordnet und die Lehrstelle als Verkäuferin angenommen, aber Walli dachte gar nicht daran sich zu fügen. Sie stellte sich ihr Leben anders vor. Doch wie genau, wusste sie selbst noch nicht, deshalb hielt sie sich erst einmal bedeckt.
Anna und Wilfried verreisten also von nun an allein, und sie änderten auch ihre eingefahrenen Reiserouten. Statt überfülltem Kieselstrand in Italien waren nun menschenleere Sandstrände auf den Seychellen, Kulturreisen nach Mexiko oder Shoppingurlaub in Thailand angesagt, statt kleiner Pension in Tirol mietete man sich zum Skifahren in einem Chalet-Hotel in Sankt Moritz ein.
Die Töchter sahen den Planungen der Luxusreisen ihrer Eltern neidisch zu und hatten einen Grund mehr, ihre kleine Schwester zu hassen.
Das früher meist harmonische Familienleben der Sailers war seit diesem Sommer irgendwie abhanden gekommen. Die Töchter keiften sich gegenseitig an, stritten wegen jeder Kleinigkeit mit der Mutter und redeten kaum noch mit dem Vater. Die Eltern lebten lustlos und schweigsam nebeneinander her, ihre einzige Verbundenheit waren noch die gemeinsamen Reisen. Wilfried hielt sich aus allem heraus. Gegen seinen Weiberhaushalt kam er sowieso nicht an. Seine Frau hatte sich zu einer zweiten Klara entwickelt. Sie bestimmte, wo es lang geht, hatte immer recht und ließ sich von ihm nichts mehr sagen, sie hatte eindeutig die Hosen an. Ein einziges Mal hatte er versucht, sich einzumischen, da waren alle drei über ihn hergefallen. Deshalb zog er sich mehr und mehr zurück und interessierte sich fortan kaum noch für die Belange der Familie. Abends kam er oft spät von der Arbeit nach Hause um dann gleich im Schlafzimmer zu verschwinden, oder er hielt sich stundenlang in seinen Hobbykeller auf, wo er mit großer Hingabe an alten Radios oder seiner elektrischen Eisenbahn bastelte.
Der Verdacht
Am Freitagmorgen kam Kriminalhauptkommissar Korbinian Kronfeld gut gelaunt in die Kantine des Polizeipräsidiums. Der geschiedene Endvierziger hatte sich angewöhnt, sein Frühstück im hauseigenen ›Gourmettempel‹, wie die Gäste die Kantine respektvoll nannten, zu holen. Sein Kühlschrank zu Hause füllte sich leider nicht von allein. Schnurstracks marschierte er zu dem Buffet, wo die leckeren, frisch belegten Semmeln, die von der Chefin morgens selbst zubereitet wurden, schon bereit lagen.
»Einen wunderschönen guten Morgen Sternchen«, lächelte er Kathi an, »meine übliche Leberkässemmel bitte.«
Viele ihrer Gäste nannten Kathi ›Sternchen‹. Kathis Kochkünste wurden sehr geschätzt. Irgendwann hatte mal einer gesagt, sie hätte längst einen Gourmet-Stern verdient. Da kamen einige Stammgäste auf die Idee, ihr eine Urkunde für ›Die beste Sternchenköchin‹ zu verleihen. Der dazugehörige selbstgebastelte Stern hing seitdem stolz neben dem Eingang zur Kantine.
»Guten Morgen«, lächelte Kathi matt, »wie immer, eine Leberkässemmel.«
»Du meine Güte, du siehst aus, als hättest du die Nacht durchgemacht. Habe ich eine Party verpasst?«
»Nein, keine Party, nur schlecht geschlafen.«
»Kathi, du arbeitest zu viel. Ich glaube, ich muss mal mit deinem Max ein ernstes Wörtchen reden. Ihr solltet Urlaub machen. Obwohl, vielleicht bekommst du da noch weniger Schlaf?«, zwinkerte Kronfeld grinsend. Er nahm sein Frühstück entgegen und gab ihr einen 5 Euro Schein. Sie kramte in der Kasse nach dem Wechselgeld.
»Kathi, was ist passiert?«, fragte Kronfeld plötzlich besorgt.
»Nichts, wie gesagt, nur schlecht geschlafen.«
»Das glaub ich dir nicht. Kathi, schau mich an und erzähl mir was los ist.«
Als sie aufblickte, sah sie die Sorgenfalten auf seiner Stirn, das Lächeln war verschwunden.
»Wie kommst du darauf … «
»Auf der Leberkässemmel fehlt der Leberkäs«, rief er erstaunt, »du bist ganz schön durch den Wind. Also, was ist passiert?«
Da musste Kathi doch lachen. »Entschuldige bitte, das ist mir noch nie passiert. Ich bin wohl tatsächlich etwas geistesabwesend. Es ist nur so … « Sie wurde wieder ernst. »Mein Vater ist gestern ganz plötzlich verstorben. Und ich weiß nicht warum. Verstehst du? Er war doch nicht krank.«
»Oh, das tut mir leid.« Verlegen gab er ihr die Semmel zurück. »Da kann es natürlich schon sein, dass man mit den Gedanken nicht ganz bei der Sache ist. Herzliches Beileid.« Er überlegte kurz, seine kriminalistische Neugier war erwacht. »Aber was meinst du mit deiner Bemerkung ›du weißt nicht warum‹, glaubst du, mit seinem plötzlichen Ableben stimmt etwas nicht?«
»Oh, nein … nein, es kam nur so überraschend. Es würde ihm doch niemand etwas antun … nein, das ist abwegig.«
»Gut, aber wenn ich dir irgendwie helfen kann … «
»Sag ich es dir, danke.« Sie belegte die leere Semmel mit einer extra Scheibe Leberkäs und reicht ihm sein Frühstück schmunzelnd zurück.
In Gedanken versunken ging Korbinian Kronfeld in sein Büro. Er kannte Kathi seit acht Jahren, seit sie bei Frau Sedelmayer, der früheren Kantinen-Pächterin, als Jungköchin angefangen hatte.
Maria Sedelmayer hatte ihm auf ihrer Abschiedsparty, als sie vor drei Jahren in den Ruhestand ging erzählt, dass sie die Kathi schon seit ihrer Kindheit kennt.
»Ich betrieb damals einen Imbiss Ecke Webergasse und Stadtplatz, ganz in der Nähe, wo die Kleine wohnte. Das Mädchen war nach der Schule oft allein auf der Straße unterwegs, sie ging nicht gern nach Hause. Es kümmerte sich ja auch keiner um sie. Ich glaube ja bis heute, mit der Familie stimmt etwas nicht. Der Mutter war sie lästig, die duldete sie nicht in ihrem Geschäft. Und ihre beiden älteren Schwestern … denen war sie vor allem im Weg. Ich habe da aus der Nachbarschaft hässliche Dinge gehört, das kann ich Ihnen sagen. Diese widerlichen Gören haben regelrecht versucht, die Kleine los zu werden. Das war zu der Zeit, als Kathi noch kleiner war, bevor sie zur Schule kam. Einfach abgeschoben haben sie sie, ja direkt ausgesetzt. Und dabei geriet Kathi nicht nur einmal in Lebensgefahr. Sie hätte ja auch entführt werden können. Abscheulich sage ich nur. Was da alles hätte passieren können!«
»Das ist ja unglaublich«, Kronfeld stellten sich die Nackenhaare auf, »wenn die Nachbarn das wussten, warum hat niemand die Familie angezeigt? Das war zumindest Verletzung der Aufsichtspflicht. Ganz abgesehen vom moralischen Standpunkt.«
Frau Sedelmayer seufzte: »Was glauben Sie denn! Man hatte natürlich den Eltern erzählt, was die arglistigen Schwestern trieben, aber die Mutter stellte sich immer schützend vor sie und wiegelte ab, es sei nur ein Versehen, nicht böse gemeint, eine dumme Nachlässigkeit und so weiter. Was sollte man da machen? Immerhin hörten diese Gemeinheiten ja auf, als Kathi in die Schule kam. Zu der Zeit habe ich sie dann auch kennengelernt. Sie kam auf dem Weg von der Schule immer an meinem Imbiss vorbei. Mir war aufgefallen, dass sie ständig vor meinem Laden trödelte und neugierig herüber sah und ich hatte das Gefühl, sie sucht Ansprache. Da habe ich nicht lange gezögert und sie zu mir geholt.« Mit einem glücklichen Lächeln erzählte sie weiter: »Sie war so ein liebes Mädchen. Und ich bin fest überzeugt sie hat mich gesucht und gefunden. Deswegen habe ich sie unter meine Fittiche genommen. Sie war für mich die Tochter, die ich mir gewünscht hätte. Zuerst war sie eher schüchtern und immer ein wenig traurig. Aber wir haben viel miteinander geredet und mit der Zeit wurde sie zutraulicher. Sie erzählte mir von ihrem Aschenputteldasein und ich meinte, dann komm doch einfach nach der Schule zu mir. Von da kam sie jeden Tag. Wir hatten viel Spaß miteinander. Sie blühte auf und irgendwann kam sie mit ganz neuen Ideen für den Imbiss. Eine neue Speisekarte, neue Dekorationen ... ja, sie war so begeistert. Damals war sie schon fest entschlossen, Köchin zu werden und irgendwann ein eigenes Restaurant zu führen.«
Gleich nach dem Abitur begann Kathi zielstrebig ihre Ausbildung zur Köchin. Dieser lange gehegte Berufswunsch war nicht nur ein Kindertraum gewesen, sie hatte damals schon gefühlt, dass es ihre Berufung war.
»Als Kind sagte sie immer, sie will in meinen Laden kommen und bei mir arbeiten. Aber dann musste ich den Imbiss aufgeben, weil der Hausbesitzer meinen Vertrag nicht verlängerte. Er baute das ganze Haus um und jetzt ist dort so ein Schicki-Micky-Cafe drin.« Sie rümpfte die Nase. »Aber nichts Schlechtes, wo nicht auch was Gutes drin steckt«, strahlte sie zwinkernd, »kurz darauf war die Ausschreibung für die Polizeikantine und ich hab den Zuschlag bekommen. Und als Kathi mit ihrer Ausbildung fertig war, stand sie einen Tag später vor meiner Tür.« Frau Sedelmayer hatte feuchte Augen bekommen. »Sie machte dann auch noch eine ›Aufstiegsfortbildung‹ zurKüchenmeisterin und jetzt übernimmt meine Kleine schon den Laden«, fügte sie stolz hinzu.
»Ich glaube, darüber sind wir alle sehr glücklich«, hatte Korbinian ihr lächelnd bestätigt. Diese Geschichte hatte ihn sehr berührt und machte ihm Kathi nur noch sympathischer.
Kathi war immer gut gelaunt und freundlich zu ihren Gästen. Sie sprach nie über ihrer Familienverhältnisse. Keiner ihrer Gäste wussten mehr als das Wenige, das Frau Sedelmayer drei Jahre zuvor im kleinen Kreis erzählt hatte. Es war aber allgemein bekannt, dass die junge Frau verlobt war und die Hochzeitsglocken bald läuten sollten. Ihr Lebensgefährte, der 35-jährige Steuerberater Maximilian Bürger, hatte schon Frau Sedelmayer geschäftlich betreut und war von Kathi quasi mit Haut und Haar übernommen worden.
›Jetzt hab ich nicht mal gefragt, wann die Beerdigung ist‹, dachte Kronfeld zerknirscht, ›aber da muss ja keiner von uns hin, wir haben den Mann ja nicht mal gekannt. Ich rede gleich mit den Kollegen und wir werden der Kathi eine Kondolenzkarte schicken‹.
In seinem Büro setzte er sich an den Schreibtisch, aß genüsslich seine belegte Semmel und sinnierte weiter. ›Bei einem Todesfall in der Familie eines Bekannten weiß man nie genau, was man sagen soll‹, überlegte er, ›das ist fast schwieriger als fremden Leuten eine Todesnachricht zu überbringen. Wird Kathi sehr trauern? Mm, eher nicht, sie hatte ja wohl keine enge Beziehung zu ihren Eltern … ‹
Das Telefon riss ihn aus seinen Gedanken.
»Hauptkommissar Kronfeld«, meldete er sich dienstbeflissen.
»Hier spricht Doktor Seeberg, guten Tag«, erklang die brüchige Stimme eines älteren Herrn am anderen Ende, »ich hoffe, ich bin bei Ihnen richtig, ich bin etwas durcheinander.«
»Guten Tag, Herr Doktor Seeberg«, sagte Kronfeld freundlich, »worum geht`s denn? Was kann ich für Sie tun?«
»Also, es ist so: Ich bin der Hausarzt der Familie Sailer, das sind die mit dem Modegeschäft in der Webergasse. Vielleicht kennen Sie die Leute? Na ja, ist ja auch egal. Jedenfalls rief die Frau Sailer mich gestern am frühen Abend wegen eines Notfalls an. Sie sagte, ihrem Mann ginge es nicht gut und ich sollte schnell kommen. Ich bin natürlich sofort hingefahren. Keine 15 Minuten habe ich gebraucht, bis ich dort war, aber als ich ankam, war der Mann tot.« Hörbar erschöpft und schwer atmend machte der Arzt eine Pause.
»Nun«, meinte Kronfeld geduldig, »das ist sicher schlimm für die Familie. Was war denn die Todesursache? Er war doch sicher krank?«
»Tja, wie soll ich sagen ... eigentlich nicht«, stopselte der Arzt unbeholfen herum.
Plötzlich stutzte der Kommissar. Er war nicht krank? Das hatte er doch heute schon mal gehört. Richtig, Kathi hatte das gesagt!
»Herr Doktor Seeberg«, wie elektrisiert sprang er von seinem Stuhl auf, »wie sagten sie ist der Name der Familie?«
»Sailer. In der Webergasse, die mit dem Laden, sie wissen schon.«
Ja natürlich, dämmerte es dem Kommissar, Kathis Nachname war Sailer. Der Arzt sprach von Kathis Vater.
»Das müssen Sie mir jetzt genau erzählen«, ereiferte er sich. Nun schenkte er dem Arzt seine ganze Aufmerksamkeit.
»Na wie gesagt, als ich dorthin kam, war der Mann bereits tot. Seine Frau meinte, er saß auf seinem Stuhl, hätte plötzlich über Schmerzen in der Brust geklagt und ist dann einfach zusammengesackt. Herzinfarkt. Ich sollte gleich den Totenschein ausstellen, sie hatte nämlich schon ein Beerdigungsinstitut angerufen, die wollten die Leiche gleich abholen.«
