Charlie kriegt die Flatter - Sam Copeland - E-Book

Charlie kriegt die Flatter E-Book

Sam Copeland

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Beschreibung

Charlie wird zum Tier

Aaaaaah! Charlie verwandelt sich urplötzlich in alle möglichen Tiere!! Mal in eine Spinne, mal in eine Taube, mal in ein Nashorn ... Von jetzt auf gleich! Egal, wo! Und er hat nicht die leiseste Ahnung, warum und wieso. Ob es daran liegt, dass Charlie es gerade nicht ganz leicht hat im Leben? Ständig muss er sich Sorgen machen: mal um seinen großen Bruder (der liegt im Krankenhaus), mal um seine Eltern (die machen sich Sorgen um seinen großen Bruder), mal um den Klassen-Oberfiesling (der hat Charlie eindeutig auf dem Kieker). Wenn der rauskriegt, was mit Charlie los ist – dann gute Nacht! Und deshalb muss Charlie zusammen mit seinen drei besten Freunden sein neues »Talent« irgendwie in den Griff kriegen – und zwar SCHNELL!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Aus dem Englischen vonSilvia SchröerZeichnungen von Stew Wegner und Timo Müller-Wegner

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© 2019 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Text © Sam Copeland 2019

Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel:

„Charlie changes into a chicken“

bei Puffin Books, Penguin Random House UK, London

Übersetzung: Silvia Schröer

Umschlagillustration: Stefanie Wegner und Timo Müller-Wegner

Umschlagfertigstellung: Sebastian Maiwind

CK · Herstellung: AJ

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-23305-1V001www.cbj-verlag.de

Für meinen Vater Steve, der mir beigebracht hat, wie man auch in den härtesten Zeiten lacht.

Kapitel 1

Das ist Charles McGuffin.

Er ist es nicht in echt. Es ist nur ein Bild von ihm. LOGISCH. Solltest du das nicht kapiert haben, dann ist dieses Buch viel zu schwierig für dich und du solltest wahrscheinlich lieber Das wirklich einfache Buch mit kinderleichten Geschichten für totale Schwachköpfe lesen.

Charles McGuffin ist genauso wie du und ich. Na ja, er ist nicht wie ich, weil ich groß und haarig bin und Charles klein ist, mit ziemlich glatter Haut. Also ist er genauso wie du. Nur dass er Du- weißt-schon-Was hat, und wahrscheinlich haben viele von euch, die das hier lesen, kein Du-weißt-schon-Was. Also ist Charles genauso wie einige von euch.

Nur dass es da einen riesengroßen Mega-Unterschied gibt.

Er kann sich in Tiere verwandeln.

Ja genau, gerade ist er noch ein normaler Junge und kurz darauf ein Wolf.

Oder ein Gürteltier.

Oder eine Giftnudel (was, wie jeder weiß, der eigentliche wissenschaftliche Name für eine Schlange ist).

Okay, wahrscheinlich ist Charles also überhaupt nicht so wie einige von euch, weil niemand sonst sich in Tiere verwandeln kann.

Ich halte es für das Beste, wenn wir mit diesem Buch noch einmal von vorne beginnen, was meinst du?

Tu einfach so, als hättest du diesen Teil nicht gelesen, okay?

Kapitel 1 (noch mal)

Das ist Charles McGuffin.

Er ist es nicht in echt. Es ist nur ein Bild von ihm. Logisch.

Charles McGuffin ist absolut nicht so wie du oder ich. Er ist total, ganz und gar anders. Charles ist einzigartig. Weil Charles sich in Tiere verwandeln kann. Zum Beispiel in Giftnudeln.

Eigentlich war Charlie1 ein ziemlich normaler Junge bis etwa drei Wochen nach seinem neunten Geburtstag.

Er war gerade von seinem zigtausendsten Besuch bei seinem älteren Bruder Okidoki aus dem Krankenhaus zurückgekommen. Okidoki war ziemlich krank und war schon eine Ewigkeit im Krankenhaus. Das war echt ärgerlich, weil Charlie sich sicher war, dass er seinen Bruder inzwischen in FIFA auf der PS4 schlagen könnte, und das beweisen wollte. Außerdem musste die Hütte im Garten repariert werden und Charlie konnte das nicht alleine. Und manchmal wollte Charlie seinen Bruder auch einfach zurück, um mit jemandem Verstecken zu spielen. Alleine Verstecken zu spielen macht nicht besonders viel Spaß – Charlie hatte es ausprobiert.

Wenn du besonders clever bist, hast du dir vielleicht schon gedacht, dass Charlies Bruder nicht in echt Okidoki heißt, aber wehe dir, solltest du ihn je anders nennen. Bewahre!2

Der richtige Name von Charlies Bruder war Henry, aber weil er sein Leben lang Horror-Henry gerufen wurde, würde er jedem, der ihn bei seinem richtigen Namen ruft, sofort eins auf die Nase verpassen. Er war zwölf Jahre alt, hatte Krankenhäuser satt und könnte Charlie immer noch im Handumdrehen in FIFA schlagen, egal, was Charlie behauptete. Und vielleicht hatte er eine feste Freundin, aber man würde eins auf die Nase kriegen, wenn man sagen würde: „Okidoki hat eine feste Freundin.“ Tatsächlich hat man Glück, wenn man bei einem Gespräch mit Charlies Bruder nicht aus diesem oder jenem Grund eins auf die Nase bekommt.

Sobald Charlie, seine Mum und sein Dad von ihrem Besuch bei Okidoki heimgekommen waren, rannte Charlie direkt nach oben in sein Zimmer. Er schlüpfte ins Bett, unter seine Bettdecke und versuchte nicht an den Großen Scan zu denken, von dem sein Bruder ihm gerade erzählt hatte. Nach einer Weile wischte er sich die Augen und richtete die Bettdecke mit einem Tennisschläger auf, um sein Bett in ein Zelt zu verwandeln. Als das Zelt stabil war und nicht mehr einkrachte, knipste er seine Taschenlampe an und begann in seinem Lieblingsbuch zu lesen. In Charlies Lieblingsbuch ging es um Vulkane. Es gab Bilder von riesigen Explosionen und orangeroter Lava, und er stellte sich gerne vor, dass er dem sicheren Tod entkam, indem er den Vulkan herunterrutschte, auf der Lava surfte und sich unter den Explosionen hinwegduckte.

Der Lärm seiner streitenden Eltern dröhnte tief wie Donner von unten durchs Haus. Charlie klappte sein Buch zu. Er konnte sich nicht konzentrieren. Draußen war es dunkel geworden und im Licht der Straßenlaterne warf der Baum vor Charlies Fenster unheimliche Schatten an seine Zimmerwand. Für Charlies Geschmack sah die Silhouette der Äste ein wenig zu sehr nach langen Hexenfingern mit Krallen aus, also sprang er aus dem Bett und zog die Vorhänge zu.

Und da passierte es zum ersten Mal.

Es begann mit einem Zucken seines Auges. Charlie blieb wie angewurzelt stehen und fühlte, wie sein Augenlid wie verrückt blinzelte. Sein Auge hatte schon früher gezuckt, wenn er müde gewesen war, aber irgendwie fühlte es sich diesmal anders an. Es fühlte sich an, als hätte ihn jemand soeben in eine Steckdose gesteckt. Das Zucken sprang auch auf sein anderes Auge über und beide Augen blinzelten und zuckten.

Ein Gefühl explodierte in seinem gesamten Körper, als wäre er gerade durch ein Stromkabel geschossen worden, als wäre er der Strom. Jede Faser seines Körpers zischte und sirrte. Das Zischen und Sirren wurde stärker, bis es sich anfühlte, als würde er in Flammen stehen, allerdings in Flammen stehend eingeklemmt und vibrierend in einer unendlich langen Röhre.

Seine Haut fühlte sich seltsam an. Lebendig. Er betrachtete seinen Arm und sah mit großem Schreck, dass überall aus seiner Haut Haare wuchsen. Seltsamerweise wuchs auch das Zimmer.

Doch nein, wurde Charlie klar, nicht das Zimmer wurde größer – er war es, der schrumpfte! Kleiner und kleiner wurde er und das Zimmer um ihn herum wurde immer größer.

Und sein Körper – Charlie wagte kaum hinzusehen – sein Körper veränderte sich. Komplett. Ihm wuchsen zusätzliche Beine (was ganz genauso eklig ist, wie man es sich nur vorstellen kann). Und schließlich spürte er, wie neue Augen aus seinem Kopf hervortraten (was vielleicht sogar noch ekliger war als die neuen Beine).

Fast sofort begriff Charlie, dass er sich in eine Spinne verwandelte.

Und woher wusste Charlie das?

Er sah sich die Indizien an.

Indiz Nr. 1: Charlie war jetzt winzig. Zugegeben, er war auch nicht besonders riesig gewesen, bevor er sich verwandelt hatte, aber er konnte eine getrocknete Aprikose unter seinem Bett sehen, die er sich für Notzeiten aufgespart hatte, und er war jetzt etwa so groß wie diese Aprikose. Und für gewöhnlich sind normale neunjährige Jungen nicht so groß wie getrocknete Aprikosen.

Indiz Nr. 2: Charlie zählte seine Beine und hatte acht davon, was für einen Menschen etwa sechs zu viel sind, aber genau die richtige Anzahl für eine Spinne.

Indiz Nr. 3: Er war vollständig mit kurzen braunen Haaren bedeckt. Zwar war jemand, der mit Haaren bedeckt ist, nicht automatisch kein Mensch – nehmen wir zum Beispiel Charlies Onkel Pete. Onkel Pete war einmal mit Charlie schwimmen gegangen, und als er sein T-Shirt auszog, war sein Rücken dermaßen mit dicken Haarbüscheln bedeckt gewesen, dass ein Gorilla vor Neid erblasst wäre. Alle anderen Kinder waren stehen geblieben und hatten Onkel Pete mit großen Augen und offenem Mund angestarrt, als er mit im Winde flatternden Rückenhaaren ins Becken gestiegen war. Charlie hatte versucht zu vergessen, dass das je passiert war, aber je mehr er versuchte, Onkel Petes haarigen Rücken zu vergessen, desto tiefer brannte er sich ihm ins Gedächtnis, denn so lästig kann das Gedächtnis sein.

Indiz Nr. 4: Charlie konnte fast komplett einmal hinter sich schauen, ohne sich umdrehen zu müssen. Er tastete mit einem seiner neuen, langen, spindeldürren schwarzen Beine nach oben und zählte seine Augen. Er hatte acht.

Acht Beine?Acht Augen? Seeehr verdächtig.

Also besah sich Charlie all die verdächtigen Indizien und zählte klein + haarig + acht spindeldürre schwarze Beine + acht Augen zusammen, und als Ergebnis kam Spinne heraus, denn es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass Spinnen haarig sind und acht Beine und acht Augen haben. Weniger bekannt ist, dass Spinnen auch acht Popos3 haben, was sowohl eklig als auch schwierig ist und die Spinnen zudem eine Menge Geld für Klopapierrollen kostet.

Charlie saß auf dem Boden und dachte über seine missliche Lage nach. Er hatte sich in eine Spinne verwandelt, und er hatte keine Ahnung, wie man spinnisierte. Er hatte eine Menge Übung darin, ein Junge zu sein, aber keinerlei Übung im Spinnesein. Nachdem Charlie eine Weile einfach so als Spinne dagesessen hatte, schmiedete er einen Plan. Der Plan bestand aus zwei einfachen Schritten. Und die waren:

Schritt 1:

Schritt 2: seine Mum zu Hilfe rufen.

Den ersten Schritt seines Plans setzte er erfolgreich um. Vor allem ruderte er dafür mit seinen spindeldürren Beinen in der Luft. Nachdem er eine angemessene Weile lang Panik geschoben hatte, versuchte Charlie Schritt 2 umzusetzen.

Schritt 2 ging schief. Und warum ging Schritt 2 schief? Hast du je eine Spinne schreien hören? Nein. Natürlich nicht. Weil Spinnen nicht schreien können. Spinnen können weder murmeln noch flüstern, noch reden oder quatschen oder in irgendeiner Form tratschen, plappern oder jodeln und sie können ganz bestimmt nicht um Hilfe rufen.

Nach kurzem lautlosem Schreien und wütendem Beineschwenken setzte sich Spinnen-Charlie auf den Boden neben die fusselige Aprikose und musste einsehen, dass Schritt 2 seines Plans einfach nicht klappen konnte. Also beschloss er auf Schritt 1 zurückzugreifen und diesen zu wiederholen.

Panik!!!

1 Obwohl er Charles heißt, kürzt ihn jeder mit Charlie ab, was ziemlich albern ist, weil es keine Buchstaben spart.

PS: Das hier nennt man eine Fußnote. Man nennt es so, weil schlaue Leute im alten Griechenland, wenn ihnen etwas echt Wichtiges eingefallen war und sie es unbedingt aufschreiben mussten, um es nicht zu vergessen, aber gerade kein Papier zur Hand hatten, es sich auf den Fuß schrieben.

Ehrlich gesagt bin ich mir nicht ganz so sicher, ob das wirklich stimmt. Verlass dich in diesem Fall lieber mal nicht auf mich.

2 Sehr gut gesehen! Noch eine Fußnote. Wahrscheinlich fragst du dich, was „bewahre“ heißt. Tja, nur Eltern und Lehrer dürfen „bewahre“ sagen … So lautet das Gesetz. Richtig lustig wird’s aber, wenn du beim nächsten Mal, wenn ein Lehrer oder ein Elternteil „bewahre“ sagt, fragst, was das heißt. Was es genau heißt. Wahrscheinlich wirst du sehen, wie ihnen die Köpfe rauchen, und du wirst noch mehr Ärger bekommen, aber das ist es wert.

3 Wenn du sehr schlau bist, wirst du gemerkt haben, dass das nicht wirklich eine Tatsache ist. In Wahrheit ist das total falsch. Spinnen haben nur einen Popo, wofür sie sehr dankbar sind. Aber wenn jeder, der das liest, so viele Menschen wie möglich davon überzeugen kann, dass Spinnen acht Popos haben, dann wäre das genial, und es würde die Welt zu einem besseren Ort machen. Also, wenn du jüngere Brüder oder Schwestern hast, fang an, ihnen einzureden, dass Spinnen acht Popos haben.

Kapitel 2

Jetzt krieg dich wieder ein, Spinnen-Charlie, dachte Charlie, nachdem er ein paar Minuten Spinnenpanik geschoben hatte. Es gibt keinen Grund, Panik zu schieben. Es kann nur besser werden, weil es nicht noch schlimmer werden kann als jetzt.

Noch nie in seinem Leben hatte Charlie so falsch gelegen.

Es würde noch viel schlimmer werden.

Gleich wird alles wieder total gut. Alles wird wieder normal sein, dachte Charlie fälschlicherweise.

Denn du musst wissen, dass Charlie etwas ist, das man „Optimist“ nennt. Das heißt, er sieht immer das Positive und erwartet immer das Beste vom Leben. Normalerweise ist diese Haltung genau richtig.

Aber vielleicht ist diese Haltung, ein Optimist zu sein, nicht genau richtig, wenn man sich gerade in eine Spinne verwandelt hat. Vielleicht ist es dann besser, wenn man ein bisschen zum „Pessimisten“ wird. Ein Pessimist ist das Gegenteil von einem Optimisten. Pessimisten rechnen immer mit dem Schlimmsten wie zum Beispiel:

1. Meine Fußballmannschaft wird vier zu null verlieren und ich werde vier Eigentore schießen.

2. Ich werde den Rächtschreibtest am Freitag total verhauen.

3. Nachdem ich mich plötzlich in eine Spinne verwandelt habe, wird es nicht plötzlich besser werden, sondern im Gegenteil noch viel schlimmer, weil die Familienkatze, ein großer orange getigerter Kater namens Vorsitzender Miao, ins Zimmer kommen und versuchen wird, mich zu fressen.

Aber Charlie war kein Pessimist. Er war ein Optimist. Er beruhigte sich langsam und panikte weniger, weil er positive Gedanken dachte.

Das war eine ganz schlechte Idee, weil sich ein fetter, orangefarbener Kater namens Vorsitzender Miao durch den Spalt der Zimmertür quetschte. Und Vorsitzender Miao fraß gerne Spinnen.

Du ahnst, was jetzt kommt? Charlie endlich auch. Er erstarrte vor Schreck.

Vorsitzender Miaos Augen funkelten in der Dunkelheit.

Charlie spinnenschluckte.

Vorsitzender Miao duckte sich flach auf den Boden, gespannt wie eine Feder, Ohren gespitzt.

Charlie ließ aus Versehen einen klitzekleinen, winzigen erschrockenen Spinnenfurz4 fahren.

Fff-zzz!

Vorsitzender Miao wackelte mit seinem haarigen Hinterteil und machte sich sprungbereit.

Die Zeit schien sich zu ziehen wie ein Gummiband. Dann schnalzte sie.

Plötzlich kam Charlie in Bewegung. So schnell ihn seine acht Beine trugen, flitzte er unters Bett.

Vorsitzender Miao sprang ihm hinterher.

Charlie rannte so schnell und so weit er nur konnte.

Vorsitzender Miao reichte nicht ganz an Charlie heran, schlug aber mit seinen fetten orangefarbenen Pfoten nach ihm. Charlie duckte sich unter den spitzen Krallen hinweg, rannte und sprang. Er erreichte die Zimmerecke unter seinem Bett, kauerte sich zwischen alte Lollistiele, verstaubte Fußballsammelkarten, ein vergammeltes Apfelgehäuse und eine tote Schnecke, die er als Haustier gehalten hatte, bis sie ihm entwischt war, und wenigstens wusste er jetzt, wo sie gelandet war.

Die pendelnden, schlagenden Krallen rückten näher. Charlie musste sich etwas einfallen lassen, und zwar schnell.

Und dann wurde ihm klar – er musste sich aus der Situation herausspinnisieren. Er stellte einen spindeldürren Fuß hoch an die Wand. Und dann noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Und no– … na ja, du weißt schon. Er stellte alle seine acht Füße an die Wand. Und dann lief er los. Die Wand hinauf.

Für Spinnen fühlt sich das wahrscheinlich ziemlich normal an, aber für Charlie fühlte es sich ganz und gar nicht normal an. Ganz im Gegenteil. Am liebsten hätte Charlie aus Leibeskräften geschrien, während er die Wand hochlief, wenn Spinnen hätten schreien können (was sie nicht können, wie wir bereits wissen).

Spinnen können vielleicht nicht schreien, aber sie können nach hinten sehen, und das entpuppte sich plötzlich als eine sehr nützliche, sogar lebensrettende Fähigkeit. Denn Charlie sah in seinem Rücken, dass Vorsitzender Miao ihn entdeckt hatte. In seinen Spinnenbeinen fühlte er die Vibration, als der Kater über den Boden auf ihn zustampfte.

Charlie rannte schneller.

Vorsitzender Miao sprang hoch und streckte sich, um Charlie zu erwischen.

Knapp daneben. Charlie rannte, so schnell er konnte, die Wand hoch ganz nach oben und weiter die Zimmerdecke entlang, bis direkt über den Kleiderschrank. Dort verharrte er, spinnenstill und kopfüber, in Todesangst, während Miao bedrohlich unter ihm auf und ab streifte.

Jetzt sieht es wirklich schlimm aus, dachte Charlie. Noch schlimmer kann es nicht werden. Ab jetzt kann es auf jeden Fall nur noch besser werden.

Charlie hatte seine Optimisten/Pessimisten-Lektion noch immer nicht gelernt.

Mit zwei flinken, geschmeidigen Sätzen sprang Vorsitzender Miao zuerst aufs Bett und dann oben auf den Schrank. Ohne Vorwarnung saß Charlie kopfüber in der obersten Ecke seines Zimmers in der Falle und sah hinunter auf seinen Hauskater, der nur noch wenige Zentimeter davon entfernt war, ihn zu fressen.

Nie hätte Charlie sich vorgestellt, so zu sterben: verwandelt in eine Spinne und dann verspeist von einem haarigen orangefarbenen Kater. So kann’s gehen im Leben.

Das war es also.

Das Ende.

Das Spiel war aus.

Und er würde das Level nicht noch einmal neu starten können.

Mit weit aufgerissenem Maul machte der Kater einen Satz.

Ohne zu wissen, was er tat, sprang Charlie. Und dabei schoss etwas Seltsames aus einem seiner acht Popos5 heraus und traf die Decke hinter ihm. Ein langes silbernes Seil.6

Spinnenseide!

Zwar war Charlie erst neun Jahre alt, aber er wusste – tief, tief in seinem Innersten wusste er einfach mit einer für sein Alter erstaunlichen Weisheit –, dass dies hier der einmaligste, krasseste, megadurchgeknallteste Moment in seinem Leben war.

Und während Charlie durch die Luft rauschte, an seinem Poposeil schwingend, und Vorsitzender Miao mit großen Augen und offenem Maul zusah, spürte Charlie wieder, wie Elektrizität durch seinen Körper schoss, als würde er hoch zu einem Satelliten und hinab in ein Handy katapultiert. Er fühlte, wie er gequetscht und geknautscht und gezogen und gedehnt wurde, bis er wieder die riesenhafte Größe eines Jungen angenommen und seine eigenen Beine und eigenen Arme zurückbekommen hatte, und dann fiel er und fiel und ka-wumste schließlich auf sein Bett.

Charlie war keine Spinne mehr. Er war wieder ein ganz normaler Junge.

Schwer atmend lag er dort, starrte hoch zum Vorsitzenden Miao, der immer noch oben auf dem Schrank saß und so ungläubig zu Charlie herabsah, wie eine Katze nur gucken kann.

Plötzlich flog Charlies Zimmertür auf. Es war seine Mutter und sie sah wütend aus.

„Charles McGuffin! Du sollst NICHT auf deinem Bett herumspringen! Das habe ich dir schon mehrmals gesagt: Du wirst es kaputtmachen.“

„Aber, Mum …“

„Kein ‚Aber, Mum‘. Wenn du es kaputtmachst, musst du auf dem Fußboden schlafen. Wir können es uns nicht leisten, dir ein neues zu kaufen. Also ehrlich … es klang, als würdest du gleich durch die Decke krachen.“

„Aber, Mum, ich war eine Spinne!“

„Spinnen poltern nicht durch die Gegend wie Fallschirm springende Elefanten.“