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Charlie macht den Affen
Oh nein! Müssen Charlie und seine Familie ihr Haus verkaufen und bei der schrecklichen Tante Brenda mit ihren siebzehn Katzen einziehen? Kein Wunder, dass Charlie vor lauter Panik wieder anfängt, sich in Tiere zu verwandeln. Doch was noch viel schlimmer ist: Er hat Schwierigkeiten, sich wieder zurück zu verwandeln! Charlie wird ständig zum Tier – doch wird er auch wieder ein ganz normaler Mensch? Ohne seine drei besten Freunde Flora, Wogan und Mohsen wäre Charlie ganz schön aufgeschmissen!
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2020
Aus dem Englischen von Silvia SchröerZeichnungen von Stew Wegner und Timo Müller-Wegner
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© 2020 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Text © Sam Copeland 2019
Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel: „Charlie turns into a T-Rex“
bei Puffin Books, Penguin Random House UK, London
Übersetzung: Silvia Schröer
Umschlag- und Innenillustration: Stefanie Wegner und Timo Müller-Wegner
Umschlagfertigstellung: Sebastian Maiwind
CK · Herstellung: AJ
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-23306-8V001www.cbj-verlag.de
Charlie McGuffin wurde verfolgt.
Ein böser Schatten beobachtete ihn. Wartete.
Etwas – oder jemand – folgte ihm durch die Schulkorridore. Eine dunkle Präsenz, bedrohlich, unsichtbar und unberechenbar …
„Hör mal, Dylan, ich weiß, dass du mir folgst. Ich kann dich da drüben sehen“, sagte Charlie und stemmte seine Hände in die Hüften. „Kannst du jetzt mal damit aufhören? Du siehst dabei einfach nur total albern aus. Im Ernst, Dylan – komm hinter dem Pfeiler vor.“
Dylan trat hinter dem Pfeiler hervor.
„Und nimm diesen lächerlichen Hut ab“, fügte Charlie hinzu.
Dylan nahm den lächerlichen Hut ab, einen schlabberigen Sommerhut, den er sich von seiner Mutter ausgeliehen hatte.
„Und die Sonnenbrille. Nimm die auch ab.“
Dylan nahm die Sonnenbrille ab.
„Und jetzt hör bitte auf, mir zu folgen.“
Dylan straffte die Schultern und trat einen Schritt vor. „Du kannst weglaufen, aber du kannst dich nicht verstecken, McGuffin. Du. Kannst. Dich. Nicht. Verstecken.“ Wie die Spur einer Nacktschnecke breitete sich ein Lächeln auf Dylans Gesicht aus. „Ich bin dein Schatten. Deine dunkle Hälfte. Wo auch immer du hingehst, ich werde da sein. Dich jagen. Um mich mit einem Satz auf dich zu stürzen wie ein … wie ein … Frosch.“
„Ein Frosch? Ein jagender Frosch? Frösche stürzen sich überhaupt nicht mit einem Satz auf etwas.“
„Doch, das tun sie. Sie stürzen sich auf Fliegen. Und du bist meine Fliege. Gefangen in meinem Netz.“
„Ein Froschnetz?“, sagte Charlie leicht verdutzt.
„Du hältst dich für so was von schlau, McGuffin, was? Tja, das bist du aber nicht. Deine dämlichen kleinen Freunde mögen dich für ein Genie halten …“
„Da wäre ich mir nicht so sicher, dass sie das tun. Eigentlich bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass Flora mich für das genaue Gegenteil hält. Gestern hat sie mir das sogar gesagt. Sie hat gesagt: Charlie du bist echt das genaue Gegenteil von einem Genie.“
„Stopp!“ Dylan hob eine Hand. „Es reicht, wenn du weißt, dass ich dich fangen werde.“ Dylan öffnete seine Hand. Darin lag eine Streichholzschachtel. Er schüttelte sie. Sie war leer. „Ich werde warten, bis du dich in ein Tier verwandelst. Und dann werde ich dich einfangen. Und dann wirst du nicht mehr lachen. Oder falls doch, wird dich niemand hören. Weil du in der Streichholzschachtel gefangen sitzt. In einem Streichholzschachtelgefängnis!“
Dylan lachte vor sich hin, und dann ging er, immer noch lauthals lachend, und ließ Charlie einsam im leeren Flur stehen.
Charlie konnte nicht anders – Dylan hatte einen wunden Punkt getroffen. Er spürte, wie sein Stresspegel in die Höhe schnellte, kleine elektrische Schauder schossen durch ihn hindurch. Das war das erste Zeichen dafür, dass Charlie sich gleich verwandelte. Er schloss die Augen und atmete ein paarmal tief durch, konzentrierte sich auf seinen Atem. Dann riss er die Augen weit auf.
„Hey, Dylan!“, rief Charlie der kleinen Gestalt am anderen Ende des langen Gangs hinterher. „Dylan! Ich glaube, ich verwandele mich! Schnell!“
Dylan drehte sich um und rannte, so schnell er konnte, zurück.
„Schnell, Dylan! Es passiert!“
Dylan sprintete, so schnell er konnte. Keuchend kam er bei Charlie an.
„Oh, entschuldige“, sagte Charlie. „Falscher Alarm.“
Dylan funkelte Charlie böse an. „WAS?“
„Es tut mir leid!“, grinste Charlie. „Ich hätte schwören können, dass ich es gespürt habe. Ach, na ja, dieser ganze Verwandlungskrempel ist eben eine unvorhersehbare Wissenschaft. Vielleicht beim nächsten Mal. Wobei, es wird kein nächstes Mal geben. Du verschwendest deine Zeit. Ich habe herausgefunden, wie ich es kontrollieren kann, also kann ich mit hundertprozentiger Sicherheit garantieren, dass Charlie sich nie mehr in irgendetwas verwandeln wird.“
Charlie zwinkerte Dylan zu, und dann ging er, lachend wie ein Irrer, und ließ Dylan einsam im leeren Flur stehen.
Wenn du das erste Buch in dieser Serie, Charlie kriegt die Flatter, nicht gelesen hast, dann bist du wahrscheinlich gerade ziemlich verwirrt und fragst dich, was hier los ist.
Pech gehabt.
Du hättest Band eins kaufen sollen.
Du rumpelst hier rein und denkst: Oh, ich brauche den ersten Band nicht zu lesen. Ich bin sehr schlau und im Laufe der Geschichte werde ich bestimmt mitkriegen, worum es geht.
Tja, und wer schaut JETZT dumm aus der Wäsche? Du hast keinen blassen Schimmer, worum es hier geht, stimmt’s? Du weißt nicht, wer Charlie ist, oder Dylan, oder warum Dylan versucht, Charlie in eine Streichholzschachtel zu stecken. Dazu kann ich nur sagen: Viel Glück mit dem Rest des Buches, du Vollpfosten.
Der Verlag hat mich darüber informiert, dass ich meine ‚sehr geschätzten Leser‘ wohl nicht als ‚Vollpfosten‘ bezeichnen darf. Ich wurde daher angewiesen, mich bei euch zu entschuldigen. Also dann:
Es tut mir wirklich aufrichtig leid.1
Ich hoffe, ihr seid jetzt glücklich.2
Außerdem wurde ich angewiesen, euch kurz zusammenzufassen, was in Band eins passiert ist. Also dann, für diejenigen unter euch, die zu faul sind, zur Bücherei zu gehen, um sich das Buch auszuleihen:
Charlie McGuffin verwandelt sich immer wieder in Tiere. Mithilfe seiner Freunde Flora, Mohsen und Wogan kommt er dahinter, dass er sich immer dann verwandelt, wenn er gestresst und aufgeregt ist. Zusammen finden sie heraus, dass er es (mehr oder weniger) kontrollieren kann, wenn er sich entspannt und versucht glücklich zu sein. Außerdem hat Charlies Erzfeind Dylan, den ihr gerade kennengelernt habt, gesehen, wie Charlie sich verwandelt hat, und verhält sich seitdem im Großen und Ganzen sehr seltsam, ein bisschen so wie ein Schurke im Film, der entschlossen ist, Charlies Geheimnis der ganzen Welt zu offenbaren.
Okay, so jetzt wisst ihr Bescheid. Sollen wir mit der Geschichte fortfahren? Gut.
1 Es tut mir nicht wirklich leid. Ich habe gelogen. Ihr Vollpfosten.
2 Hoffe ich nicht.
Wow! Du bist dir also sicher, dass du diese ganze Sich-in-ein-Tier-verwandeln-Sache im Griff hast?“, fragte Mohsen.
„Oh ja. Absolut“, antwortete Charlie.
Sie hatten Pause, aber er saß mit Flora und Mohsen in einem lauten Klassenzimmer, während kalter Eisregen gegen die Fenster prasselte. Gedankenverloren blätterte Flora in einer Zeitschrift mit dem Titel Die kuscheligsten todbringenden Tiere der Welt. Der Herbst näherte sich dem Ende und alle dachten bereits an Weihnachten. Die Klasse hatte den Vormittag damit verbracht, Weihnachtssterne zu basteln, die nun an den Fenstern klebten.
Auf der anderen Seite des Zimmers unterhielt Wogan sich mit der Neuen, Daisy. Daisy hatte lange braune Locken und am liebsten auf der Welt mochte sie Einhörner. Und Ponys. Aber vor allem Einhörner. Wogan hatte die letzten Tage vor allem damit verbracht, jedem, der es hören wollte oder nicht, zu erzählen, dass er Daisy nicht hübsch und Einhörner wirklich schon immer ‚cool‘ fand.
„Bist du dir da ganz sicher?“, sagte Flora zu Charlie und musterte ihn argwöhnisch.
„Ja! Auf jeden Fall. Oh, Mann! Ich hab’s euch doch erzählt. Gerade eben erst hat Dylan versucht, mich im Flur dazu zu kriegen, dass ich mich verwandle, aber ich habe es gestoppt. Darum bin ich mir absolut und hundertprozentig sicher, dass ich diese ganze Sich-in-ein-Tier-verwandeln-Sache im Griff habe und es nicht wieder passieren wird. Das kann ich euch garantieren.“
Charlie konnte das nicht garantieren.
Tatsächlich war Charlie sich in seinem tiefsten Inneren überhaupt nicht sicher, ob er diese ganze Sich-in-ein-Tier-verwandeln-Sache im Griff hatte. Aber er wollte mutig erscheinen vor Flora, die es geschafft hatte, ihren Beliebtheitsgrad seit dem ersten Buch um etwa sechs Prozent zu steigern, nachdem sie die Rap-Battle-Stadtschulmeisterschaften mit ihrem Rap „Top Flor“ gewonnen hatte.
„Charlie, du weißt, dass du vor mir nicht mutig erscheinen musst. Du kannst mir die Wahrheit sagen“, erklärte Flora und legte Charlie eine Hand auf die Schulter.
„Hör auf, ständig dieses Ding auf mich zu legen“, sagte Charlie und schubste die Plastikhand von seiner Schulter. „Echt jetzt, das ist einfach gruselig.“
„Na ja, es ist nur … es ist nur … du musst da ein Riesending in den Griff kriegen und vielleicht dauert es eine Weile, bis du den Dreh raushast“, sagte Flora, nahm ihre Spielzeughand und steckte sie in ihre Tasche. „Sei nicht enttäuscht, wenn du dich doch wieder verwandelst.“
„Hm“, machte Charlie.
Mohsen schlenderte herüber. „Hey, Charlie“, sagte er. „Hast du dich wieder in ein Tier verwandelt?“
„Nein! Habe ich nicht! Ich hab es im Griff, okay?“, fauchte Charlie.
Mohsen und Wogan rückten von Charlie ab.
„O-kay“, sagte Mohsen und hob die Hände. „Das ist toll. Gut für dich.“
„Jungs!“, flüsterte Flora. „Nicht so laut! Wir wollen doch nicht, dass es alle hören!“
„Es ist echt ziemlich erstaunlich“, sagte Mohsen leise, „dass du, ein Junge im zarten Alter von 10 Jahren, es geschafft hat, diese geheimnisvollen und außergewöhnlichen Kräfte, welche die Menschheit noch nie zuvor gesehen hat, einfach so komplett zu beherrschen.“
Charlie verengte seine Augen zu Schlitzen. „Du glaubst mir nicht! Du glaubst nicht, dass ich sie beherrsche! Tja, tue ich aber. Es wird nicht wieder passieren“, sagte Charlie bestimmt.
***
Tja, dachte Charlie später am selben Abend, als er sich sauber leckte, ich hatte eindeutig unrecht.
Und warum leckte Charlie sich sauber?
Nun, um das herauszufinden, müssen wir die Zeit ein wenig zurückdrehen …
Charlie war ziemlich aufgekratzt nach Hause gekommen. Es war ein guter Tag gewesen: Seine Klasse hatte den ganzen Tag Vertretung gehabt, weil ihr eigentlicher Lehrer Arthur Wind für drei Tage zu einer intensiven Strategiebesprechung mit der Schulleiterin Miss Fyre auf einem Boot in den Norfolk Broads war.
Mr Tretung, der Vertretungslehrer, hatte sie sitzen lassen, wo sie wollten, und hatte sie im Unterricht machen lassen, was sie wollten, solange sie sehr leise waren und ihn nicht störten. Er hatte fast den ganzen Tag lang mit geschlossenen Augen vorne im Klassenzimmer gesessen und seinen Kopf in die Hände gestützt, außer zwei Mal, als er plötzlich ganz blass wurde und aus dem Zimmer rannte.
Doch mit Charlies guter Laune war es vorbei, kurz nachdem er zu Hause war. Er und Okidoki (Charlies großer Bruder, der krank gewesen war, dem es jetzt aber viel besser ging) hatten ihr Mittagessen heruntergeschlungen und lagen nun im Schein der Lichterketten vom Weihnachtsbaum vor dem Fernseher und spielten FIFA 19.
Wie gewöhnlich verlor Charlie gerade.
Sie hörten den Schlüssel in der Haustür. Es war ihr Vater, der ungewöhnlich früh nach Hause kam. Er steckte seinen Kopf nicht ins Wohnzimmer, um Hallo zu sagen, und das war auch ungewöhnlich.
Charlie und Okidoki hörten, wie ihre Mum und ihr Dad sich leise in der Küche unterhielten. Am Tonfall ihrer Eltern war zu erkennen, dass etwas nicht stimmte. Okidoki und Charlie sahen sich an.
„Was ist da los?“, fragte Charlie.
„Keine Ahnung“, antwortete Okidoki. „Wahrscheinlich langweiliges Erwachsenenzeug.“ Er zuckte mit den Achseln und wandte sich dann wieder dem Spiel zu, aber eine nervöse Spannung lag weiterhin zwischen ihnen in der Luft.
Kurz darauf rief ihre Mum sie beide in die Küche. Sie marschierten rein. Ihre Mum und ihr Dad saßen am Küchentisch, sahen beide ernst aus und hatten beide die Arme verschränkt.
„Bitte setzt euch“, sagte Charlies Dad. „Wir müssen eine Familienkonferenz abhalten.“
Eine Familienkonferenz bedeutete, dass es sich um etwas Wichtiges handelte, das wusste Charlie. Entweder ging es dabei um etwas gutes Wichtiges oder um etwas schlechtes Wichtiges. Und wenn Charlie sich nicht komplett irrte, dann kündigte der Gesichtsausdruck seiner Eltern etwas schlechtes Wichtiges an. Sein erster Gedanke war, dass wieder etwas mit Okidoki nicht stimmte. Aber sein Bruder saß ihm gegenüber und sah gesund und genauso ratlos aus wie er selbst. Das konnte es also nicht sein.
„Ich muss euch leider sagen“, verkündete sein Dad, „dass wir unsere Gürtel für eine Weile ein wenig enger schnallen müssen.“
„Warum? Nehmen wir ab?“, fragte Charlie.
„Nein, Charlie. Das ist nur eine Redewendung. Es bedeutet, dass wir Geld sparen müssen. Eine Menge Geld, um ehrlich zu sein.“
Charlie fand, dass das ziemlich schreckliche Nachrichten waren, vor allem da Weihnachten rasch näherrückte.
„Ihr müsst wissen“, fuhr sein Dad fort, „dass es etwas Ärger auf der Arbeit gab und dies ein ziemlich ernstes Nachspiel haben könnte.“
Charlie fand, dass das spannend klang, und fragte sich, ob seine Lieblingsmannschaft mitspielte, aber nach einem Blick ins Gesicht seines Dads wusste er, dass das nicht der richtige Zeitpunkt war, um nachzufragen.
„Welche Art von Nachspiel, Dad?“, fragte Okidoki.
„Nun ja, es sieht so aus, als müssten wir uns verkleinern.“
„Verkleinern? Wie meinst du das?“, fragte Charlie.
„Ich meine, es könnte sein, dass wir das Haus verkaufen müssen“, antwortete sein Dad.
Stille senkte sich über die Küche. Charlie starrte seinen Dad an.
„Und was dann?“, fragte Okidoki. „Wo sollen wir wohnen?“
„Na ja, es könnte sein, dass wir bei Tante Brenda einziehen müssen. Nur für kurze Zeit. Bis wir eine dauerhafte Lösung gefunden haben.“
„Tante Brenda!?“, schrie Charlie. „Wir können nicht bei Tante Brenda einziehen!“
Tante Brendas Haus war am komplett anderen Ende der Stadt und roch nach Katzenpipi.
Tante Brenda hatte siebzehn Katzen und ein Bein. Sie weigerte sich, eine schicke, moderne Beinprothese zu tragen, und wenn sie in ihrem Haus herumlief, klopfte ihr Holzbein auf die Dielen wie auf das Deck eines Piratenschiffes.
„Also es ist nicht sicher“, fuhr sein Dad fort. „Noch steht nichts fest. Drücken wir die Daumen, dass wir die Angelegenheit auf der Arbeit regeln können. Dann bleibt alles beim Alten. Aber bis dahin müssen wir ein bisschen sparen.“ Charlies Dad lächelte schwach in die Runde am Tisch.
„Aber versucht euch keine Sorgen zu machen, Kinder. Wir als Familie werden zusammenhalten“, sagte Charlies Mum. „Und im schlimmsten Fall können wir immer noch einen von euch verkaufen“, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.
„Oh, das ist eine gute Idee!“, sagte Dad und ein freches Grinsen tauchte auf seinem Gesicht auf. „Da würden wir wirklich Geld sparen. Allerdings wäre die Entscheidung, wen von euch zwei wir behalten sollen, sehr schwierig, also müsstet ihr Jungs Schere-Stein-Papier spielen und den Verlierer stellen wir dann auf Ebay.“
Alle lachten und die Anspannung löste sich ein wenig.
Aber auch wenn sein Dad wieder lächelte, sah Charlie doch deutlich die dunklen Schatten, die immer noch die Augen seines Vaters verschleierten. Und diese dunklen Schatten senkten sich wie ein Stein in seine Magengrube.
Nach einer Mahlzeit voller gezwungenem Gelächter stapfte Charlie die Treppe nach oben, der Stein in seinem Magen wog noch schwerer. Er warf sich auf sein Bett, legte die Arme seitlich neben sich und starrte zur Decke. Was genau war auf Dads Arbeit passiert? Warum war es so ernst?
Wenn Charlie ganz ehrlich war, war er sich nicht einmal sicher, was genau sein Dad eigentlich machte. Irgendetwas mit Computern? Vielleicht Sachen erfinden? Charlie hatte ihn schon unzählige Male gefragt, aber jedes Mal, wenn sein Dad seine Antwort begann mit: „Na ja, mein Sohn, ich glaube, ich habe dir das schon mehrmals erklärt, aber egal, mein Job ist …“, hatte Charlie einfach abgeschaltet. Er konnte nichts dafür. Seine Ohren hörten auf zu funktionieren. Und jetzt passierte gerade etwas auf der Arbeit seines Dads, was dazu führen konnte, dass sie vielleicht ihr Haus verkaufen und bei Tante Brenda einziehen mussten?! Charlie stöhnte.
Ein Gefühl und vielleicht doch kein Gefühl – eine Erinnerung an ein Gefühl – durchrieselte unmerklich seinen Körper.
Würde er ein Zimmer mit Okidoki teilen müssen?
Charlie war so sehr damit beschäftigt, sich Sorgen zu machen, dass er gar nicht bemerkte, wie seine Finger vor lauter statischer Energie zu kribbeln und sein rechtes Augen zu zucken begannen.
Denn Okidoki stank fürchterlich. Er wechselte nie die Socken. Charlie konnte auf gar keinen Fall ein Zimmer mit ihm teilen – er würde eine von diesen Gasmasken tragen müssen, die er im Geschichtsunterricht über den Ersten Weltkrieg gesehen hatte.
Sein linkes Auge zuckte. Beide Augen zuckten.
Und was, wenn sie nicht bei Tante Brenda einziehen konnten? Was, wenn sie in ein anderes Stadtviertel zogen? Was, wenn Charlie auf eine neue Schule gehen musste? Es kursierten Gerüchte, dass die Huntsman Schule für Jungs – die einzige andere Schule in der Stadt, die sich in einem umgebauten viktorianischen Gefängnis befand – ihre Schüler Rugby mit vollem Körpereinsatz spielen ließ. In Unterhosen. Im Winter.
Als Charlie endlich die Elektrizität wiedererkannte, die durch seinen Körper jagte, war es zu spät.
Ich verwandle mich!, dachte Charlie total panisch. Nein! Ich habe es unter Kontrolle!
Schnell versuchte er, tiefer zu atmen und sich zu beruhigen, aber er spürte bereits den eingeschnürten, atemlosen Zustand, als würde er durch ein Kabel in eine Steckdose geschossen werden.
Glückliche Gedanken! Glückliche Gedanken!, versuchte Charlie sich zu sagen, als er sich daran erinnerte, wie er sich während des Schultheaters nur darum nicht vor der versammelten Schule verwandelt hatte, weil er glücklich gewesen war. Aber sein Verstand ließ nur Gedanken an Schulwechsel und Okidokis schmutzverkrustete Socken zu.
Charlie fühlte Fell aus seiner Haut sprießen, Millionen kurzer Haare bedeckten seine Arme, sein Gesicht, seinen Körper.
Und jetzt schrumpfte er.
Seine Zähne wurden zu winzigen Dolchen.
Seine Fingernägel zu Krallen.
Ein Schwanz.
Es war zu spät. Charlie hatte sich verwandelt.
Charlie hatte zwar eine entfernte Ahnung, in was er sich verwandelt hatte, aber die endgültige Bestätigung erhielt er, als Vorsitzender Miao in sein Zimmer stolzierte. Vorsitzender Miao war der orangefarbene Familienkater und normalerweise ziemlich gechillt, bis auf das eine Mal, als er versuchte hatte, Charlie zu fressen, als Charlie eine Spinne gewesen war. Aber wir machen alle mal Fehler.
Als der Blick von Vorsitzender Miao nun auf Charlie fiel, brach die Hölle los.
„Was zum … wer zum … was hast du hier zu suchen?“, kreischte Vorsitzender Miao.
Charlie verstand ihn – und das konnte nur eins bedeuten: Charlie war eine Katze.
„Eine Katze! Hier drin ist eine Katze! Ich hasse Katzen!“, keifte Vorsitzender Miao.
Er hatte sich bis zu ungefähr zehnmal seiner normalen Größe aufgeplustert, sein Schwanz war riesig und flauschig. Er machte einen Katzenbuckel und stand auf Krallenspitzen, um sich so groß wie möglich zu machen.
„Verschwinde von hier, du unbekannte Eindringlingskatze, oder ich werde dich vernichten! Ich werde dich in kleine Stücke reißen! Aber zuerst muss ich das Katzenlied des Todes anstimmen, so wie es Brauch ist vor einem Katzenkrieg!“
Und damit fing Vorsitzender Miao zu heulen an.
„Kannst du bitte aufhören so zu kreischen? Oh Mann, was für ein Lärm“, miaute Charlie.
Vorsitzender Miao starrte Charlie böse an. „Antworte mir, du unbekannte Eindringlingskatze. Wer bist du? Nenn mir deinen Namen, sonst stimmte ich erneut das Katzenlied des Todes an.“
„Ich bin …“
„Einen Moment! Ich bin schmutzig!“ Wie verrückt leckte Vorsitzender Miao über eines seiner Beine. „So. Ich bin sauber. Du darfst fortfahren.“
„Ich bin Charlie! Dein Besitzer!“, sagte Charlie rasch.
„Mein was? Da liegst du vollkommen falsch, du seltsam riechende Eindringlingskatze. Ich habe keinen Besitzer.“
„Doch, hast du! Du heißt Vorsitzender Miao und du gehörst der Familie McGuffin.“
„Ich heiße Vorsitzender Miao?! Da liegst du wieder vollkommen falsch, du törichte fremde Katze. Ich heiße Todeskralle Erstgeboren aus dem Hause der Felidae, der einzige seines Namens, der Ungezähmte, König der Canis und der Ersten Katzen, Wächter über den Großen Grasgarten, Vogelverschlinger und Vater junger Katzen.“
Charlie blinzelte Vorsitzenden Miao an. „Wie … wie bitte?“, brachte er hervor.
„Ich sagte, ich heiße Todeskralle Erstgeboren aus dem Hause …“
„Nein! Bitte. Aufhören. Ich habe dich schon beim ersten Mal verstanden. Ich bin nur überrascht. All die Jahre haben wir uns in deinem Namen geirrt.“
„Das wundert mich nicht. Nun habe ich dir gesagt, wer ich bin, du begriffsstutziges Kätzchen. Wer bist du? Mach schnell. Ich habe mich schon mehr als dreißig Minuten nicht mehr gründlich gewaschen.“
„Ich habe dir gesagt, wer ich bin! Ich bin …“
„Halt! Einen Moment!“ Vorsitzender Miao leckte sich über den Rücken. „So. Ich bin sauber. Was wolltest du gerade sagen?“
Während er zusah, wie Vorsitzender Miao sich wusch, hatte Charlie plötzlich das Gefühl, schmutzige Pfoten zu haben, und verspürte das dringende Bedürfnis sie sauber zu lecken …
„Ich sagte gerade, dass ich Charlie bin!“, sagte Charlie und versuchte, sich nicht die Pfoten zu lecken. „Du kennst mich – du schläfst jede Nacht auf meinem Bett!“
